A N A B A S I S

Thalatta ! Thalatta !

Steckbrief

 

Studium der Physik an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin. Diplom am Zentralinstitut für Elektronenphysik an der Akademie der Wissenschaften. Arbeit an einem technischen Entwicklungsinstitut, das sich dem illegalen Nachbau westlicher Patente widmete („Importablösung“). Alleinstellungsmerkmal: Unter mehreren hundert Institutsmitarbeitern der einzige, der keiner Partei und keinerlei Massenorganisation angehört, keiner „Kampfgruppe“, keiner „Gesellschaft für Sport und Technik“ (GST), keiner „Deutsch-Sowjetischen Freundschaft“ (DSF) und noch nicht einmal dem sogenannten Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB), einer sozialistischen Spielart der nationalsozialistischen Deutschen Arbeitsfront (DAF).  („Organisationszugehörigkeit“ wurde standardmäßig auf Formularen abgefragt, von vielen, als Nachweis ihrer „gesellschaftlichen Aktivitäten“, mit Stolz angegeben, und in jeder „Kaderakte“ vermerkt. „Kaderakten“ wurden lebensbegleitend über jeden „Werktätigen“ im Hintergrund geführt. Er hatte so gut wie keinen Einfluß auf ihre Inhalte und auch kein generelles Einsichts-, geschweige denn ein inhaltliches Gestaltungsrecht.)

Was macht man mit einem, der nicht an den Gewerkschaftsversammlungen und an den „Schulen der sozialistischen Arbeit“ teilnimmt (während der Arbeitszeit stattfindend!), sondern als einziger der Belegschaft ungerührt weiterarbeitet? Darf der das? Braucht der, als einziger aus allen „Kollektiven“, keinen „sozialistischen Wettbewerb“ mitzumachen? Was macht man mit einem, der sich nicht an der Erfüllung der „Kollektivverpflichtungen“ beteiligt? Was macht man mit einem, der sich Monat um Monat weigert, „Solidaritätsspenden“ für die als „Freiheitskämpfer“ stilisierten palästinensischen Geiselnehmer zu entrichten? Und der derart herzlos die „Jahresendprämie“ für „sein Kollektiv“ gefährdet?

Eigentlich brauchte es nicht viel, um den Sozialismus durcheinanderzubringen. Eigentlich brauchte es nur Unterlassung: Unterlassung des vorauseilenden Gehorsams.

1983 leitete das sogenannte Ministerium für Staatssicherheit ein Geheimverfahren ein. Man war in den Besitz eines Manuskriptes gelangt, in dem die sowjetische SS-20-Raketenrüstung als Ausdruck wirtschaftlicher Systemschwäche gedeutet, daraus das Scheitern der Genfer Abrüstungsgespräche und der baldige Zusammenbruch des kommunistischen Weltsystems vorhergesagt und, alternativ zur Nachrüstung des Westens, für einen Prozeß der Wiedervereinigung und Neutralisierung Deutschlands bis zum Jahr 2000 geworben wurde:

 

Die östlichen Machthaber stehen bald unter dem Zwang, ohne Inanspruchnahme offener Gewalt sich ihren letzten Tag abzählen zu können, zumal es ihrer strapazierten und überspannten, marxistisch verbrämten Ideologie an positiven Inhalten und glaubwürdigen Paradiesverheißungen mangelt.

 

Zu der Gewalt, zu der man bei Strafe des Untergangs wird greifen müssen, werden die Ungeheuerlichkeiten des polnischen Kriegsrechts ein nur bescheidenes Vorspiel bilden. Ich erinnere an die Informationsausschaltung, die Lahmlegung und Überwachung des Telefonnetzes, die Aufhebung der Freizügigkeit, die Ausgangssperre, die Arbeitspflicht, die Militarisierung der Betriebe usw. usf.

 

Kleinstaaterei und politisches Siechtum können die nationale Einheit, wie sich zeigte, über Jahrhunderte nicht zerstören, zerstörerisch wirkt aber, wenn die Nation die Lösung einer sie verbindenden Aufgabe nicht einmal wahrnimmt. Die Raketenfrage ist eine Aufgabe, die uns Deutsche teilen oder, von der Sowjetunion ungewollt, verbinden kann. Sie kann uns zusammenfügen, und Deutschland kann zum Segen seiner Nachbarn werden.

 

Die Alternative zur Raketenbestückung Europas heißt Wiedervereinigung Deutschlands.

Die Risiken des Wiedervereinigungsprozesses sind nicht so groß wie die der Raketenrüstung.

Statt schlimmerer Waffen benötigt Deutschland intelligentere Politiker.

 

Nun produzierte man kartographische Skizzen der „Wohnumgebung Mephistos“ samt Listenanhängen über „Mögliche Quellen im Wohngebiet Mephistos“ inklusive Bewertungen der „Quellen“ wie: „wird als zuverlässig und ehrlich eingeschätzt“. Geheimdienstchef Mielke ließ sich ausführlich berichten und unterschrieb mit Generalmajor Kratsch den „Haftbeschluß“. „Mephisto“, so der Codename bei der unter dem Codenamen „Staatssicherheit“ firmierenden Geheimpolizei, sei „mit Haft zu bearbeiten“.

Verhaftet am 3. Oktober 1983.

Am 23. November 1983 wurden von der Sowjet-Union die Genfer Verhandlungen über eine Begrenzung von Mittelstreckenraketen in Mitteleuropa (INF) abgebrochen. Am 8. Dezember unterbrach die Sowjet-Union die Genfer Gespräche über die Begrenzung der strategischen Rüstung (START). Am 15. Dezember unterbrach die Sowjet-Union die Wiener Verhandlungen über einen beiderseitigen ausgewogenen Truppenabbau in Europa (MBFR).

Seitens des Generalstaatsanwalts der Deutschen Demokratischen Republik lautete neben

§ 219 … wer als Bürger der Deutschen Demokratischen Republik Nachrichten, die geeignet sind, den Interessen der Deutschen Demokratischen Republik zu schaden, im Ausland verbreitet oder verbreiten läßt oder zu diesem Zweck Aufzeichnungen herstellt oder herstellen läßt … wer Schriften, Manuskripte oder andere Materialien … an Organisationen, Einrichtungen oder Personen im Ausland übergibt oder übergeben läßt …

die eröffnende Anschuldigung

§ 99 (1) Wer der Geheimhaltung nicht unterliegende Nachrichten zum Nachteil der Interessen der Deutschen Demokratischen Republik … übergibt … sammelt … zugänglich macht, wird mit Freiheitsstrafe von zwei bis zu zwölf Jahren bestraft. (2) Vorbereitung und Versuch sind strafbar.

Im März 1984 in straffer Knebelkette geführt vor den Strafsenat Ia beim Stadtgericht Berlin. Der verhandelte im Namen des Volkes unter strengstem Ausschluß der Öffentlichkeit, erkannte antragsgemäß auf sogenannte staatsfeindliche Hetze im schweren Fall und verhängte eine Haftstrafe von vier Jahren. Eingezogen wurden die Schreibmaschine, sämtliche Manuskripte sowie der PKW, in dem bisweilen staatsgefährdendes Schriftgut mitgefahren war (Tatwerkzeug!). Das in durchaus höflichem Ton vorgetragene Ansinnen um Aushändigung eines eventuell abkömmlichen Zweitexemplars der Anklageschrift und des Urteils, zu Andenkenzwecken, wurde überrascht zur Kenntnis genommen, stieß aber auf Hartleibigkeit. Auch die Notizen, die sich der Staatsfeind im Beisein des Majors Masche., des sogenannten Vernehmers, vor Eröffnung des Verfahrens zu seiner Verteidigung einmal hatte anfertigen dürfen während eines humanen halben Stündchens, waren ihm anschließend von dem Major Masche. plötzlich abgenommen und trotz gegenteiliger Zusicherung nie wieder ausgehändigt worden. Infolge dieser und ähnlicher Fisimatenten des „Untersuchungsorgans“ etikettierte der verurteilte Verbrecher die anwaltlich mildtätig herangetragene Frage hinsichtlich eines Berufungsverfahrens als „lächerlich“.

Aus Gründen des sozialistischen Vollzuges gesperrt ins Haus 1, der geschlossensten Abteilung des Zuchthauses Brandenburg mit dem höchsten Anteil an „LLern“ (lebenslänglich Inhaftierten). Untergebracht in einer komfortabel (mit Innenklo!) ausgestatteten, zwanzig Quadratmeter umfassenden Achtmanneinraumwohnung. Freigekauft nach fast zwei Jahren und, obwohl noch immer ungebessert, direkt aus der Haft in den Westen entlassen. Natürlich nur auf Bewährung und bei Androhung der Reststrafe.  (Was die Benutzung der Transitwege von und nach dem freien Teil Berlins mit einem zusätzlichen Risiko beschwerte.)

Mit den letzten Worten: „Sie lassen wir hier [in die DDR] nie wieder rein!“