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Thalatta ! Thalatta !

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Alle meine Entchen

 

14. Januar 2020: Bellarmin an Mephisto

 

Bei uns in Deutschland entfaltete sich kürzlich ein Medienskandal, der den aktuellen Zustand der Verflachung hiesigen Geisteslebens grell beleuchtet.

Nach einer simplen Schunkelmelodie existiert in eben diesem Lande ein aus den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts stammendes Karnevalssauflied mit dem einstrophigen Text

 

„Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen,

klein Häuschen, klein Häuschen,

wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen

und die erste und die zweite Hypothek!“

 

Aus der Melodie entstand schnell das Kinderlied

 

„Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad,

Motorrad, Motorrad,

meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad,

meine Oma ist ’ne ganz moderne Frau!“

 

in Dutzenden Varianten:

 

„Meine Oma hat ’nen Dackel, der trägt Höschen“,

„Meine Oma schießt im Fußball den Elfmeter“,

„Meine Oma fährt im Panzer zum Finanzamt“,

„Meine Oma hat ’nen Nachttopf mit Beleuchtung“,

„Meine Oma hat ’ne Krückstock mit ’nem Rücklicht“,

„Meine Oma hat ’ne Brille mit Gardinen“,

„Meine Oma hat im Backenzahn ein Radio“

 

usw. usf.

 

Was gibt es Schöneres: Jedes Kind kann hier mitdichten!

Nun muß jemandem die Idee ins Hirn getreten sein in einem Kanal des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, einen Kinderchor satirisch ein klimakämpferisches Lied mit einem Text singen zu lassen, in dem die Oma im Hühnerstall nicht nur Motorrad fährt, sondern zusätzlich der Reihe nach auch dieses oder jenes CO2-ausstoßende Vehikel. Und vermutlich statt der „Hypothek“ sang der Kinderchor im Hinblick auf die Oma das Wort „Umweltsau“.

Ich kann das alles nur vermuten. Zum einen, weil Du weißt ja, seit nunmehr etlichen Jahren frönt der deutsche Journalismus der unseligen Angewohnheit, falls man im äußersten Fall wirklich nicht mehr umhinkommt und sich wahrhaft gezwungen sieht, statt des meist folgenlosen Geschwafels von Politikern einmal ein Faktum zu vermelden, ein wirklich wahrhaft unschminkbar geschehenes Geschehnis, dann bringt man ausschließlich erst am Schluß der Meldung das, worum es eigentlich geht, und zwar nach mehreren, die unbestreitbare Tatsache zuvor wattierend einordnenden Politiker-Sprechblasen. Und das Ding an sich nur möglichst knapp in ein, zwei hastig hingeschmissenen Sätzen.

Um sicher zu gehen, daß Du nicht etwa anfängst selbständig, womöglich anders, also falsch darüber zu denken, als richtungsweisend politisch korrigiert.

Gnadenlos! Da kannst Du wie auf glühenden Kohlen sitzen und Dich fragen, was ist denn nun eigentlich passiert?

So auch hier.

Zum einen also kann ich den Sachverhalt nur vermuten, weil man nach etlichen Äußerungen regelrecht schweißtropfend lediglich am Rande vermeldete, ein Kinderchor habe im Fernsehen das Lied von der Oma im Hühnerstall mit einer Oma als Umweltsau gesungen.

Wenn Du Dich nun inmitten eines eigentlichen Kindergartenstreits wähnst, hast Du richtig gelesen. Auch mir fiel dabei gleich ein anderes Kinderlied ein: „Hurra, wir verblöden, für uns bezahlt der Staat! Wochentags ’n Fuffz’jer, sonntags eine Mark, hurra, wir verblöden, für uns bezahlt der Staat!“

Und zum andern: Weil man das Lied nach der Sendung in geradezu scheißender Angst aus dem Internet tilgte.

Sein Text ist nicht mehr verfügbar!

Nun kannst Du Dir lebhaft vorstellen, daß der Text flach war, daß er dämlich war, daß er unausgewogen und einseitig und vordergründig insistierte. Ein moral-ökologisches Lied deutscher Zunge eben. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, daß es sogar völlig in die Hosen ging, indem es idiotologisch anprangernd „für die gute Sache“ warb.

Statt mit Charme und Esprit.

Du wirst Dich erinnern, in der Deutschen Demokratischen Republik ließen die Machthaber von Zeit zu Zeit ein „Festival des politischen Liedes“ veranstalten. Für die Gleichgesonnenen, für die Rechtgläubigen mit dem fanatischen Blick. Dort sangen sie dann anstatt „I can’t get no satisfaction“ als sozialistisches Ersatz-Satisfaction den Agitprop-Song des sogenannten Oktoberklubs

 

„Sag mir, wo du steehst! Sag mir, wo du steehst!

Sag mir, wo du steehst, und wel-chen Weeg du geehst!

Rück- oder vor-wärts, du musst dich ent-schlies-sen!

Wir brin-gen die Zeit nach vorn Stück um Stück!

Du kannst nicht bei uns und bei ih-nen ge-nies-sen,

denn wenn du im Kreis gehst, dann bleibst du zu-rück!

Sag mir, wo du steehst! Sag mir, wo du steehst!

Sag mir, wo du steehst, und wel-chen Weeg du geehst!“

 

Und das blaubebluste Publikum klatschte blauäuigig glimmend im Marschrhythmus mit.

„Agitprop“ hieß die Abkürzung für „Agitation und Propaganda“.

Von Agitation und Propaganda nun zum bundesdeutschen Gegenwartsjournalismus. Am Samstag, dem 4. Januar, meldete der Deutschlandfunk in den verschriftlichten Nachrichten:

Köln und Baden-Baden: Demonstration nach „Umweltsau-Satire“ vor WDR und SWR

In Köln haben erneut Demonstrationen im Zusammenhang mit dem satirischen „Umweltsau“-Video des WDR stattgefunden.

Hunderte Menschen nahmen an einer Kundgebung der Organisation „Köln gegen Rechts“ teil. In Berichten war von rund 1.500 Teilnehmenden die Rede. Dazu aufgerufen hatten auch die Gewerkschaften Verdi und Deutscher Journalistenverband.

Auf Seiten der Kritiker des Videos war von rund 50 Teilnehmenden die Rede. Als Organisatoren traten nach Angaben des Evangelischen Pressediensts und weiterer Medien rechtspopulistische und rechtsextreme Gruppierungen auf. Die AfD war Berichten zufolge mit einem Stand vor Ort.

Anzeigen und Festnahmen

Augenzeugen schilderten Auseinandersetzungen zwischen Demonstrierenden und der Polizei. Insgesamt sieben Anzeigen geschrieben [sic!] und eine Person sei festgenommen worden, teilte ein Polizeisprecher mit. Zudem hätten die Beamten Pfefferspray einsetzen müssen.

In Baden-Baden gab es Demonstrationen vor dem SWR. Nach Angaben von SWR-Journalisten hatte dort die AFD [sic!] zu den Protesten aufgerufen. Auch hier formierten sich Gegenproteste. Mehrere hundert Menschen seien zusammengekommen, heißt es.

„Gegen GEZ“

In Köln war unter dem Titel „Gegen GEZ und gegen Instrumentalisierung von Kindern gegen ältere Menschen“ für die Proteste gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mobilisiert worden. Zudem wurden erneut Äußerungen eines freien Mitarbeiters beim WDR kritisiert, der auf Twitter sarkastisch geschrieben hatte, dass die Großmütter derjenigen, die sich über das Umweltsau-Video des WDR aufregen würden, wohl „Nazisäue“ gewesen seien.

Die Gegendemo trug den Namen „Kein Einknicken vor Hass und Hetze – Klare Kante gegen Rechts“. Der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes, Frank Überall, warf den rechten Demonstranten vor, die Kinderlied-Persiflage zum Anlass zu nehmen, die Demokratie zu zerstören. Zugleich kritisierte er WDR-Intendant Buhrow: „Man muss ein solches satirisches Lied aushalten, auch wenn man Intendant ist.“ Satire müsse zuspitzen, müsse wehtun.

Buhrow weist Vorwürfe zurück

Hintergrund ist ein Lied, das der WDR-Kinderchor gesungen hatte. Darin heißt es, eine fiktive Oma sei eine „Umweltsau“, sie fahre gerne Motorrad, SUV und mache Kreuzfahrten. Nach Kritik im Internet, der zum Teil von Rechtsextremen orchestriert worden war, löschte WDR 2 das Video. Intendant Buhrow entschuldigte sich mehrfach öffentlich „ohne Wenn und Aber“.

In der aktuellen Ausgabe des Magazins „Der Spiegel“ wies er den Vorwurf zurück, vor rechten Kreisen eingeknickt zu sein. Der WDR habe durchaus die Mechanismen der rechten Mobilisierung im Internet erkannt, sagte er dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Daneben habe es aber auch eine echte, nicht gesteuerte Empörung von ansonsten wohlmeinenden Hörern gegeben.

Redakteursversammlung beim WDR

Zuvor hatte die Redakteursvertretung des WDR in einem internen Schreiben deutliche Kritik an Buhrow geübt. Man sei fassungslos darüber, dass er Redakteurinnen und Redakteuren in den Rücken falle, statt ihnen in Zeiten inszenierter Empörungswellen gegen den WDR und den Öffentlich-rechtlichen Rundfunk den Rücken zu stärken, heißt es darin. Damit sei die innere Rundfunkfreiheit verletzt worden. Für Dienstag ist nun eine Versammlung der Mitarbeitenden geplant. Daran wird laut WDR auch der Intendant selbst teilnehmen.

Diesen vor politischer Korrektur triefenden Text wollen wir uns etwas näher anschauen:

In Köln haben erneut Demonstrationen im Zusammenhang mit dem satirischen ‚Umweltsau‘-Video des WDR stattgefunden.

Aha! Da hatten schon vorher Demonstrationen stattgefunden?

Hunderte Menschen nahmen an einer Kundgebung der Organisation „Köln gegen Rechts“ teil.

Was hat „Köln gegen Rechts“ mit der Umweltsau zu tun?

War die Oma im Hühnerstall auch noch Nazi?

In Berichten war von rund 1.500 Teilnehmenden die Rede. Dazu aufgerufen hatten auch die Gewerkschaften Verdi und Deutscher Journalistenverband.

Aha!

Auf Seiten der Kritiker des Videos war von rund 50 Teilnehmenden die Rede.

Aha, „auf Seiten der Kritiker des Videos“, das heißt ja auf deutsch, die Kritiker des Videos, die haben bei sich geredet, daß sie um die 50 Teilnehmer wären. Dann hat „Köln gegen Rechts“ gar nicht alleine gegen das Video protestiert? Und 1.500 plus 50 sind 1.550 Teilnehmer. Das hätte man auch kürzer melden können…

Als Organisatoren traten nach Angaben des Evangelischen Pressediensts und weiterer Medien rechtspopulistische und rechtsextreme Gruppierungen auf. Die AfD war Berichten zufolge mit einem Stand vor Ort.

Na dann ist ja wieder alles klar!

Okay, kommen wir zur Sache.

Wie schon bei den erwähnten Sprechblasen, von denen der bundesdeutsche Journalismus heutzutage konstant vor dem eigentlichen Ereignis wertend berichtet, so werden seit 2016 auch bei Berichten von Demonstrationen Ursache und Wirkung vertauscht. Es wird zuerst über eine Gegendemonstration, eine Gegendemonstration der Anständigen berichtet, und erst dann wird die eigentliche Demonstration, die Demonstration der Unanständigen, der Nazis, also der AfD, erwähnt. Damit ist auch alles klar, und man braucht über den veranlassenden Sachverhalt nicht weiter zu diskutieren. Zumal wenn die Nazis, also die AfD, ihn „instrumentalisieren“.

Sag mir wo du steehst!

Solches Gebaren wirkte nicht selten um so makabrer, wenn die Mehrheitsverhältnisse sich umgekehrt gestalteten, also wenn beispielsweise den etwa 500 erstgemeldeten Gegendemonstranten der Anständigen 2000 unanständige Demonstranten gegenüberstanden. Kontraproduktiv ist es jedoch in jedem Fall. Denn jeder geistig bei normalen Kräften Seiende oder an die schonungslose Objektivität des bundesdeutschen Qualitätsjournalismus von einst Gewöhnte merkt hier natürlich die Absicht einer scheuklappenorientierten Denkvorgabe und wird verstimmt. Und erst recht wem dazu die Methoden der Berichterstattung eines Karl-Eduard von Schnitzlers vom Adlershofer Fernsehfunk und des deutschen demokratischen Pressewesens mit dem Zentralorgan der SED, der Parteizeitung NEUES DEUTSCHLAND an der Spitze, nicht unbekannt sind.

So degenerieren Nachrichten zur Propaganda.

Man merkt gleich am Anfang, daß die Nachrichtenredakteure nicht unparteiisch, also nicht objektiv über Sachverhalte berichten und wird mißtrauisch.

Das geht los bei den Teilnehmerzahlen. Es kommt öfter vor, daß die Teilnehmerzahl der Gegendemonstration kritiklos von den Angaben der Anständigen übernommen wird, und die Teilnehmerzahl der Unanständigen eben nicht von deren Seiten, sondern aus Polizeiberichten.

Also aus einer anderen Quelle.

Aus irgend einem Grund.

Der jedenfalls kaum etwas zu tun haben dürfte mit journalistischer Sorgfalt.

In Berichten war von rund 1.500 Teilnehmenden die Rede.

In welchen Berichten von wem?

Als Organisatoren traten nach Angaben des Evangelischen Pressediensts und weiterer Medien rechtspopulistische und rechtsextreme Gruppierungen auf. Die AfD war Berichten zufolge mit einem Stand vor Ort.

So so. Ungenannte rechtspopulistische Gruppierungen und ungenannte rechtsextreme Gruppierungen und genannt ein Stand der AfD…

Wahrscheinlich war in Köln gerade das Internet abgeschaltet und man kannte im Kölner Redaktionsbüro auch nicht die Telefonnummer der genehmigenden Stelle, um in Erfahrung bringen zu können, welche unmutmaßlichen rechtspopulistischen Gruppierungen und welche unmutmaßlichen rechtsextremen Gruppierungen die Demonstrationserlaubnis der 50 unanständigen Teilnehmer mit einem Stand der AfD, also der Nazis, beantragt hatten…

Augenzeugen schilderten Auseinandersetzungen zwischen Demonstrierenden und der Polizei. Insgesamt sieben Anzeigen geschrieben [sic!] und eine Person sei festgenommen worden, teilte ein Polizeisprecher mit. Zudem hätten die Beamten Pfefferspray einsetzen müssen.

Da kann man mal wieder sehen: Diese Nazis! Da greifen diese 50 Nazis sogar die Polizei an! Zum Glück können sich Nachrichtenredaktion und Polizei auf schildernde Augenzeugen berufen, und zum Glück hat man einen Nazi dingfest gemacht…

Obgleich, früher, in den journalistisch Prä-politisch-korrigierten-Zeiten, da hätten Journalisten sofort ein paar „schildernde“ Augenzeugen interviewt. Der RIAS wäre sowieso mit dem Übertragungswagen vorgefahren. Denn schildernde Augenzeugen können recht wichtig sein für die Erkenntnis der Wahrheit…

In Baden-Baden gab es Demonstrationen vor dem SWR. Nach Angaben von SWR-Journalisten hatte dort die AFD [sic!] zu den Protesten aufgerufen. Auch hier formierten sich Gegenproteste. Mehrere hundert Menschen seien zusammengekommen, heißt es.

Siehst Du, wieder die Nazis, also die AfD, und auch hier seien mehrere hundert Menschen, zum Glück handelte es sich um Menschen, zusammengekommen gegen die Nazis, also die AfD. Und in Baden-Baden war das Internet nicht ausgefallen, so daß die SWR-Journalisten ermitteln konnten, welche Unanständigen das Demonstrationsrecht für ihre rechtsextremen Machenschaften mißbrauchten.

Allerdings gelang es ihnen diesmal nicht, für Baden-Baden die Anzahlen der Anständigen und der Unanständigen zu ermitteln aus irgendeinem Grund.

In Köln war unter dem Titel „Gegen GEZ und gegen Instrumentalisierung von Kindern gegen ältere Menschen“ für die Proteste gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mobilisiert worden.

Also jetzt sind wir wieder bei den Rechtsextremisten in Köln.

Zudem wurden erneut Äußerungen eines freien Mitarbeiters beim WDR kritisiert, der auf Twitter sarkastisch geschrieben hatte, dass die Großmütter derjenigen, die sich über das Umweltsau-Video des WDR aufregen würden, wohl „Nazisäue“ gewesen seien.

Aha, hier hat der bundesdeutsche Qualitätsjournalismus präzise gearbeitet und herausgekriegt und weiß nachrichtlich unmutmaßlich zu vermelden, daß ein freier Mitarbeiter sarkastisch gewesen wäre. Und deswegen entschuldbar den Unanständigen, also den Nazis, unterstellt habe, ihr säuischer Nazismus sei „wohl“ vererbt worden von ihren Omas. Pardon, hier: „Großmütter“.

Wegen der indirekten Zitierung kann man natürlich nicht sicher sagen, ob der freie Mitarbeiter „wohl“ vererbt getwittert hatte, oder ob die politisch korrigierende Nachrichtenredaktion dies mit politisch korrigierender Absicht in indirekter Zitierung hinzufügte, sonst könnte die Öffentlichkeit ja sonstwas denken!

Das ermittelte und nachrichtlich extra benannte unmutmaßliche „sarkastisch“ entschuldigt insofern das Wort „Säue“ hinsichtlich der ja unserem bundesdeutschen Qualitätsjournalismus mutmaßlich unbekannten „Großmütter“ dieser demonstrierenden Nazis… Wenn diese Nazis den freien Mitarbeiter auch dermaßen entnerven, brauchen sie sich nicht zu wundern!

Und die Methode des Erkennens, ob ein Twitternder sarkastisch twittere, würde ich unbedingt patentieren lassen.

Die Gegendemo trug den Namen „Kein Einknicken vor Hass und Hetze – Klare Kante gegen Rechts“. Der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes, Frank Überall, warf den rechten Demonstranten vor, die Kinderlied-Persiflage zum Anlass zu nehmen, die Demokratie zu zerstören.

Der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes meint hier sicherlich „Satire“, wenn er „Persiflage“ sagt, denn Hauptsache und Stein des Anstoßes für die unmutmaßlich „rechten Demonstranten“ ist ja nicht die Nachahmung eines Kinderliedes, sondern der satirische Inhalt seines neuen Textes. Auf der Grundlage des vorliegenden Nachrichtentextes über die genehmigten Demonstrationen verstehe ich ebenfalls nicht, wieso und wie die von den Demonstranten zum Anlaß genommen worden wären, die Demokratie zu zerstören. Vermutlich sieht der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes das jedoch im Zusammenhang mit den von Augenzeugen geschilderten „Auseinandersetzungen“ jener 50 unanständigen Demonstranten mit der Polizei, bei denen zudem die Beamten haben sieben Anzeigen schreiben und Pfefferspray einsetzen müssen.

Hintergrund ist ein Lied, das der WDR-Kinderchor gesungen hatte. Darin heißt es, eine fiktive Oma sei eine „Umweltsau“, sie fahre gerne Motorrad, SUV und mache Kreuzfahrten.

Ich bin ja so froh, daß die Nachrichtenredaktion ohne Wenn und Aber klarstellt, in dem Kinderlied handelte es sich um einer fiktive Oma, die eine Umweltsau sei. Damit kein durch bundesdeutsche Schulen gegangener Bundesdeutscher glaube, es wäre eine wirkliche Oma gemeint, die im Hühnerstall gerne Motorrad, SUV und Kreuzfahrtschiffe führe.

Das nenne ich aufklärerischen Qualitätsjournalismus im ehemaligen Lande der Dichter und Denker! So kann kein Anständiger auf falsche Ideen kommen. Das ist doch ein schöner Zug.

Nach Kritik im Internet, der zum Teil von Rechtsextremen orchestriert worden war, löschte WDR 2 das Video.

Richtig! Noch dazu, wenn die „Kritik“ „zum Teil“ von diesen unmutmaßlichen Rechtsextremen „orchestriert“ worden war.

Vielleicht hätte man das Lied des Kinderchors von Anfang an mit einem politisch korrekten Untertitel ausstatten sollen wie etwa: „Achtung! Wenn Sie glauben, es handelt sich um eine wirklich wahre Oma, fragen Sie Ihre(n) A(Ä)rztIn oder Ihre(n) ApothekerIn oder Ihr(?) diverse(?) A(Ä)rz(?) oder Ihr(?) diverse(?) Apotheke(?).“

Intendant Buhrow entschuldigte sich mehrfach öffentlich „ohne Wenn und Aber“.

In der aktuellen Ausgabe des Magazins „Der Spiegel“ wies er den Vorwurf zurück, vor rechten Kreisen eingeknickt zu sein. Der WDR habe durchaus die Mechanismen der rechten Mobilisierung im Internet erkannt, sagte er dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Daneben habe es aber auch eine echte, nicht gesteuerte Empörung von ansonsten wohlmeinenden Hörern gegeben.

Und jetzt begreife ich endlich, was Demokratie ist: Gegen die gesteuerte Empörung der Unanständigen setzen wir Anständigen die ungesteuerte Empörung unserer Gegendemos!

 

Es geht auch anders, doch so geht es auch.“

Bertolt Brecht (1898 – 1956)

 

Gefährlicher Ungeist

 

15. November 2019: Bellarmin an Mephisto

 

Montag und Dienstag zelebrierten uns die Medien mit der beflissen wiedergekäuten Einleitungsfloskel „…einmalig in der Geschichte des deutschen Bundestages!“ die Abwahl des AfD-Abgeordneten Stephan Brandner (53) als Chef des Bundestags-Rechtsausschusses. Zur Begründung für den „einmaligen Vorgang“ wurde darauf verwiesen, Brandner habe in einem „antisemitischen“ Tweet die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an den Musiker Udo Lindenberg als „Judaslohn“ bezeichnet.

Nun kann man natürlich das nur begrüßen, wenn Stephan Brandner antisemitische Parolen verbreite, noch dazu über Twitter, dem Medium der Inkontinenten, wenn dieser Mensch dafür haftend zur Rechenschaft gezogen wird. Noch dazu in Deutschland und noch dazu, wenn er „in öffentlicher Verantwortung“ steht.

So man als argloser, also naiver Rezipient auf eine objektive Berichterstattung bundesdeutscher Medien vertraut.

Und das muß ja stimmen, selbst in Zeiten der lauthals beklagten Fäknjus, allein schon weil der „AfD-Hetzer Brandner“ (Bild) der Partei angehört, welche seit ihrem Bestehen von den Medien sich steigernd als „eurofeindlich“, „europafeindlich“, „populistisch“, „rechtsextrem“, „rassistisch“ und seit jüngstem eben als „antisemitisch“ etikettiert und zwischenzeitlich bisweilen auch mehr oder minder unverhohlen gleichsetzend verglichen wird mit der NSDAP.

Tja.

Also alles klar?

Das Schlimme ist, was allen klar zu sein scheint von der Regierung über die ARD bis zur Antifa, ich bin zu dumm dazu. Blöderweise wartete ich immer auf die Belege unserer öffentlich rechtlichen Medien bei jeder ihrer Bezichtigungen, daß die infolge einer demokratischen Wahl zur bedeutendsten Opposition des deutschen Parlaments gewählte Partei obendrein nun auch noch antisemitisch sein soll. Stets blieb es jedoch bei einem behaupteten Antisemitismus, soviel ich auch lauschte, las und guckte – doch jetzt, mit dem antisemitischen Tweet des „AfD-Hetzers Brandner“, jetzt schien es endlich zu klappen in dem Lande, in welchem die Medien ansonsten die vorsichtigsten Sätze bilden wie „Der mutmaßliche Täter konnte fliehen“. Oder immer noch vom „mutmaßlichen Täter“ sprechen, selbst wenn er vor aller Augen nebst Blickwinkeln diverser Kameras auf frischer Tat erschossen am Boden liegt. Daß man endlich, wenn die stärkste Oppositionspartei bar jeglicher Mutmaßlichkeit des Antisemitismus bezichtigt wird, eine derart ungeheuerliche Behauptung belegbar exemplifiziere.

Während in Sekundenbruchteilen im Fernsehen der fragliche Tweet in Kleinschrift gezeigt wurde, so daß selbst ein geübter Schnell-Leser ihn wohl kaum in Gänze zu überblicken vermochte, wurde stur wiederholt, Brandner habe die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Lindenberg als Judaslohn bezeichnet. Ich wartete nun auf einen zweiten, gnadenhalber womöglich sogar ausnahmsweise einmal vollständig in wörtlicher Rede zitierten Satz, aus welchem sogar mir der Antisemitismus-Vorwurf plausibel erschiene. Bei meiner buchstäblichen Begriffsstutzigkeit, dauerte es und bedurfte gesonderter Internetrecherche zwecks Vergewisserung des Unfaßbaren, ehe ich realisierte, daß man den Antisemitismus-Vorwurf gegen den „AfD-Hetzer Brandner“ tatsächlich lediglich aus der Verwendung des Begriffes „Judaslohn“ herleite.

Es war nicht zu fassen!

Mühsam versuchte ich, das Puzzle rekonstruieren.

Also zum Beispiel nach der Thüringer Landtagswahl soll der Lindenberg im Hinblick zur Partei des „AfD-Hetzers Brandner“ auf Facebook Sätze geäußert haben wie:

24 Prozent. Und viele sagen immer noch: Das wird sich niemals wiederholen – aber seht ihr denn nicht an den Häuserwänden dieselben alten neuen Parolen? und die gleiche kalte Kotze (wie vor 80 Jahren) schwappt ihnen wieder aus dem Mund…“

Womit der in der Öffentlichkeit stehende Udo Lindenberg nach meinem Verständnis die Partei des „AfD-Hetzers Brandner“ unmutmaßlich beschuldigt, Urheberin oder gar Sprayerin von Nazi-Parolen an Häuserwänden zu sein und zudem mit der NSDAP in Zusammenhang setzt.

Worauf im Zusammenhang mit besagter Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Lindenberg der „AfD-Hetzer Brandner“ in dem besagten Tweet mit dem besagten Satz polemisierend repliziert hatte:

‚Der Musiker, der vor wenigen Tagen das Bundesverdienstkreuz von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erhalten

hat…‘ #Judaslohn twitter.com/WELTnews/statu…“

Das ist der einhellig von den übrigen Bundestagsparteien und Medien als antisemitischer Tatbestand skandalisierte Satz!

Und die Philologen schweigen fein säuberlich im Walde und die Philosophen und die Politologen…

O ja: Wer schweigt, macht sich mitschuldig!

Diese Niveaulosigkeit! Diese dümmliche Primitivität!

Damit wurde der „AfD-Hetzer Brandner“ abgewählt.

Worauf der Ex-Bundestagspräsident, der SPD-Politiker Thierse, sich im Deutschlandfunk zu verlautbaren veranlaßt fühlte:

Nach den Erfahrungen mit Faschismus und den Verbrechen an den Juden, an der Ermordung der Juden wissen wir, dass Antisemitismus ein Verbrechen ist und nicht einfach eine Meinung. Wer sich antisemitisch äußert, weiß, was er tut. Er kann es wissen und er muss es erst recht als Jurist und vor allem als Vorsitzender des Rechtsausschusses wissen.

Und: Wer Menschen beleidige, erniedrige oder abwerte, gehöre nicht in ein repräsentatives Amt der Demokratie, so gleichfalls der derzeitige Vizepräsident des Bundestages, der SPD-Politiker Oppermann.

Apropos beleidigen, erniedrigen oder abwerten: 2002 hatte der Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl über den damaligen Präsidenten des Bundestages Wolfgang Thierse sich dahingehend geäußert, Thierse wäre der „schlimmste Präsident seit Hermann Göring“.

1985 hatte der Friedensnobelpreisträger Willy Brandt den ehemaligen Generalsekretär der CDU, das spätere attac-Mitglied Heiner Geißler, den „schlimmsten Hetzer“ seit Joseph Goebbels geheißen.

Ein Jahr davor bezichtigte die Galionsfigur der Grünen, Joschka Fischer, den seinerzeit stellvertretenden Bundestagspräsidenten Richard Stücklen aus der CSU, er sei ein „Arschloch“.

Zehn Jahre zuvor hatte der in der CSU als Übervater verehrte Franz Josef Strauß gemeint, die „roten Ratten“ müsse man dorthin jagen, „wo sie hingehören – in ihre Löcher“.

Der Münchner Merkur schrieb zur jüngsten Skandalisierung der AfD:

Der AfD-Bundestagsabgeordnete Stephan Brandner hat ungeachtet der scharfen Kritik wegen seiner „Judaslohn“-Äußerung persönliche Konsequenzen ausgeschlossen. Die Vorwürfe, dieser Begriff wecke antisemitische Assoziationen und seine Verwendung verstoße gegen die Würde des Bundestags, seien „an den Haaren herbeigezogen, absurd und sollen ausschließlich dazu dienen, mich, die AfD und die AfD-Bundestagsfraktion zu diskreditieren“, erklärte Brandner am Montag in Berlin.

Und weit und breit ist kein Karl Kraus in Sicht und keine einzige kritische Stimme zu vernehmen, die einmal das Gedankenexperiment wagte, der „AfD-Hetzer Brandner“ könnte rechthaben.

Obwohl er zur „antisemitischen“ AfD gehört.

 

Samstag, 9. November 2019, Deutschlandfunk:

Berlin: Todesdrohung gegen den Sohn eines AfD-Politikers

In Berlin ermittelt der Polizeiliche Staatsschutz wegen Todesdrohungen gegen den Sohn eines AfD-Politikers.

Nach Angaben der Polizei hat der 16-Jährige die Drohungen unter anderem über einen Kurzmitteilungsdienst erhalten. Als Hintergrund vermuten die Ermittler das politische Engagement des Vaters, der für die AfD im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt. Drei Mitschüler des Jugendlichen gelten als verdächtig. Sie sollen zwischen 15 und 18 Jahre alt sein.

 

Der Begriff JUDASLOHN ist mir weder mündlich noch schriftlich jemals vorgekommen auch nur mit dem leisesten antisemitischen Anklang.

Hier einige beliebige Beispiele:

Ju | das | lohn, der [nach der von den Hohenpriestern an Judas Ischariot gezahlten Geldsumme für den Verrat Jesu; vgl. Matth. 26, 48 f.]: Bezahlung, Lohn für eine verräterische o. ä. Tat

DUDEN, Deutsches Universalwörterbuch

 

6. 21.

Ist dis der Saal, da lauter Unrecht trof?

Da Jesus ward stat Adams spott verspottet?

War vormahls hir der Römsche Kaiserhof?

Da vor Pilat ihr König ausgerottet?

Wo Judas alles geld hinwarf?

Wo er sein Richter hart und scharf?

Ist heute hir der Türkschen Pilger akker,

Den Judas kaufft um Judaslohn so wakker?

Quirinus Kuhlmann (1651 – 1689): Der Kühlpsalter, Band 1, Drittes Buch, Der 13. (43.) Kühlpsalm

 

Der Geächtete ging nach der einzigen Heimat, die er noch in seinem Vaterorte hatte, obwohl auch diese für ihn unzuverlässig geworden war. Er drückte den Riegel der Hintertüre, den Finger durch die Türspalte drängend, leise zurück, und nach wenigen Augenblicken stand er vor dem Bette seiner Schwiegermutter. Auch dieser drang ein eisiger Schreck durch die Gebeine, als sie, plötzlich erwachend, in ungewissem Sternenlichte eine geisterhafte Gestalt mit aufgehobenem Finger vor sich stehen sah und alsbald ihren verratenen Schwiegersohn erkannte.

„Welchen Judaslohn habt Ihr für die Auslieferung gekriegt?“ fragte er.

Sie vermaß sich mit den höchsten Schwüren, daß sie weder etwas bekommen noch etwas verdient habe und daß der Überfall ihr selbst ganz unversehens gekommen sei. Er ließ den Verdacht, der mehr in seinem Gemüt als an bestimmten Beweisen haftete, auf sich beruhen und weckte seinen Knaben. Der Kleine lächelte ihn mit halboffenen Augen wie im Traume an.

Hermann Kurz, bis 1848 Kurtz (1813 – 1873): Der Sonnenwirt, Dritter Teil, Kapitel 31

 

Anathem!

In flammender Empörung

Sprech‘ ich der Lüge Hohn!

Und wenn du tausend Nacken beugst

Und tausend Sklavenseelen säugst

Mit feilem Judaslohn:

Ich trotze deinen Jochen!

Ich hab‘ den Bann zerbrochen –

Ich hab‘ mich freigesprochen:

Ich bin der Freiheit Sohn!

Hermann Conradi (1862 – 1890): Lieder eines Sünders

 

Ich sah ihn nur einmal, aber er flößte mir ein instinktives Mißtrauen ein; und erst später erfuhr ich, wie vollkommen dies gerechtfertigt war. Denn als nach einigen Monaten die Verfolgungen und Verhaftungen in Berlin und Rostock erfolgten, und der lange, traurige Prozeß begann, da ergab es sich, daß dieses selbe Individuum der Verräter gewesen war, dessen freilich falschen und lügnerischen Angaben wohl auch ich meine Ausweisung zu danken gehabt hatte. Er war frech genug gewesen, ausdrücklich nach England herüberzukommen, um zu sehen, ob er seinen Judaslohn noch vergrößern und noch mehr Opfer in die Falle locken könne, die eine neue Verherrlichung des Systems werden sollte, durch das das Polizeiregiment des Herrn von Hinckeldey sich eine so klägliche Unsterblichkeit errungen hat. Welcher Zustand mußte der Deutschlands sein, wenn eine Regierung wie die preußische sich elender Spione bediente, um die Gesinnung solcher Leute auszuforschen, die wenigstens den Mut ihrer Überzeugungen gehabt, Heimat, bürgerliche Stellung, Vermögen und jede hoffnungsvolle Grundlage der Existenz aufgegeben hatten, um ihnen treu zu bleiben, und keines anderen Vergehens schuldig waren, als zu schnell und zu kühn von den Regierenden die edle Einsicht notwendiger Konzessionen, von den Massen die unmittelbare Befähigung zur vernünftigen Ausübung voller Freiheit verlangt zu haben! Wie es dort aussah, drückten schmerzvoll wenige Worte meines teuren Freundes, des Predigers der freien Gemeinde zu Hamburg, aus, der mir schrieb: „Ich beschäftige mich jetzt ausschließlich mit Kant. Gäbe es einen jüngsten Tag und an ihm ein Weltgericht, so müßte ohne alle Gnade das deutsche Volk verurteilt werden, das fünfzig Jahre nach solch einem Manne sich von Pfaffen gängeln läßt. Was mühen sich doch kleine Geister mit Denken und Reden ab, nachdem Männer wie Kant so scheinbar vergeblich gedacht haben!“

Malwida Freiin von Meysenbug (1816 – 1903): Memoiren einer Idealistin, Zweiter Teil, Drittes Kapitel – Die politischen Flüchtlinge

 

Worüber wir uns denn immer so entrüsten?

Aber, Anne Marie, hätten wir sonst keinen Stoff, wir lesen doch Zeitungen, die bieten eine Ueberfülle. Wenn wir fanden, daß einer unschuldig ins Zuchthaus wandern mußte, wenn ein Bube aus Parteipolitik für schnöden Judaslohn alle Segel aufspannte, um einen Unschuldigen unter das Beil zu bringen, wenn ein Lehrer kleine Kinder mißhandelte, wenn – – ich höre lieber auf, ich könnte Bogen mit diesem Brennstoff für unser Entrüstungsfeuer füllen. Was uns nicht zum wenigsten empört, ist die Lauheit der Menschen den größten Schändlichkeiten gegenüber.

Hedwig Dohm (1831 – 1919): Christa Ruland

 

RADIANA. Ich bin auch ein anständiges Mädchen … Sie dürfen nicht etwa denken, weil ich aus dem Zirkus bin … da denken manche gleich, man müßte durchaus ein niedriger Mensch sein … und um einen Judaslohn käuflich sein …

MUTTER BUNTSCHUH. Ih Gott … käufliches Volk gibt es überall … Buhldamen gibt es auch unter den Prinzessinnen … aber Leute, die auf Menschenwürde und Frauenehre halten, gibt es auch genug unter dem Arbeitsvolke, das sich im Schweiße seines Angesichtes seinen Bissen verdient … kommen Sie nur … setzen Sie sich nur … von wem bringen Sie denn die Blumen …

Carl Haupmann, auch Ferdinand Klar (1858 – 1921): Die goldnen Straßen 1. Akt, 5. Szene

 

Selbst Pommerland ist abgebrannt

 

26. August 2019: Mephisto an Serapion

 

 

Bildnis eines lieblichen Mädchens

 

Wie gern seh ich das Photo wieder,

Sein Anblick fährt mir in die Glieder,

Es leuchtet sanft hier dein Gesicht,

Beschienen mild vom Abendlicht.

 

Ich knipste dich vor einer Mauer

Als Brustbild von papierener Dauer,

Mir wünschend, ewig dich zu sehn,

Im zarten Licht an der Mauer stehn.

 

Ich photographierte es vor Zeiten,

Die waren mehr als Kleinigkeiten.

Die Mauer hatte nicht Bestand,

Selbst Pommerland ist abgebrannt.

 

Auch ich kam öfter in Bedrängnis,

Geriet sogar mal ins Gefängnis.

Die Jahre vergehen, es wechselt ihr Geist,

Unsterbliche einst sind vergessen zumeist.

 

Doch auf dem Bild erscheint das Wahre,

Das auf den Lippen, im Glanz der Haare,

Im Lächeln deiner Augen liegt:

Du hattest recht, die Liebe siegt!

 

So kam er unter die Deutschen

 

16. August 2019: Mephisto an Bellarmin

 

Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen. Hier muss eine Vorschulpflicht greifen, notfalls muss seine Einschulung auch zurückgestellt werden.“

Carsten Linnemann in der Rheinischen Post

 

CDU-Politiker: Grundschulverbot für Kinder, die kein Deutsch können.“

Deutsche Presse-Agentur

 

Montag, 5. August 2019

Deutschlandfunk:

Kinder müssen vor Einschulung Deutsch können

CDU-POLITIKER Linnemann: Vorschulpflicht für Kinder ohne Deutschkenntnisse gefordert

Der Vize-Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Linnemann, fordert, dass Kinder für eine Einschulung ausreichende Deutschkenntnisse haben müssen.

Wer kaum Deutsch spreche und verstehe, habe auf einer Grundschule nichts zu suchen, sagte Linnemann der „Rheinischen Post“. Für betroffene Kinder schlägt er eine Vorschulpflicht vor. Unter Umständen müsse die Einschulung auch zurückgestellt werden. Das koste Geld, fehlende Integration und unzureichende Bildung seien am Ende aber viel teurer. Linnemann verwies auf Ergebnisse von Sprachtests in Duisburg, wonach mehr als 16 Prozent der künftigen Erstklässler gar kein Deutsch könnten.

Der CDU-Politiker hatte in der Vergangenheit unter anderem eine Migrantenquote in Schulklassen und ein Kopftuchverbot für Unter-14-Jährige gefordert.

Hinweis der Redaktion: Den Begriff „Grundschulverbot“, unter dem die Debatte auch hier zunächst abgebildet wurde, weist Linnemann zurück. Er plädiere dafür, die Kinder vor der Einschulung sprachlich fit zu machen, betonte der CDU-Politiker.

 

Dienstag, 6. August 2019

Deutschlandfunk:

Ein Vorstoß des CDU-Politikers Linnemann zur Bildungspolitik hat eine Kontroverse ausgelöst. Nicht deutschsprachige Kinder hätten in der Grundschule „noch nichts zu suchen“ und sollten notfalls später eingeschult werden, hatte der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion erklärt. Aus Sicht des Grundschulverbands wäre dies kontraproduktiv.

Für betroffene Kinder schlug Linnemann eine Vorschulpflicht vor. Den Begriff „Grundschulverbot“, unter dem die Debatte zunächst geführt wurde, weist Linnemann zurück. Er plädiere dafür, die Kinder vor der Einschulung sprachlich fit zu machen, betonte der CDU-Politiker.

Wie solch eine Vorschulpflicht ausgestaltet würde, das sei Ländersache, sagte der CDU-Politiker der Deutschen Presse-Agentur. Das könne ein verpflichtendes letztes Kita-Jahr sein, Förderklassen oder auch eine klassische Vorschule. Aber man brauche eine Debatte über das Thema in Deutschland. Den meisten Kindern würde ein Jahr Vorschule reichen, um fit für die Grundschule zu werden. „Und wenn es mal nicht reicht, dann sollte man besser die Vorschule noch mal verlängern, als das Kind in der ersten Klasse scheitern zu lassen“, ergänzte Linnemann.

Kritik des Grundschulverbands

Durch Separation entstehe keine Integration, sagte die Vorsitzende des Grundschulverbands und langjährige Schulleiterin, Lassek, im Deutschlandfunk. Kinder, die später eingeschult würden, kämen nicht mit Gleichaltrigen zusammen. In Vorklassen fehlten ihnen zudem Sprachvorbilder und die Möglichkeit, Deutsch im Umgang miteinander zu lernen.

„Populistischer Unfug“

Auch innerhalb der eigenen Partei stieß Linnemann auf Unverständnis. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Widmann-Mauz (CDU), betonte in der „Rheinischen Post“, an der Schulpflicht gebe es nichts zu rütteln. Sie warb für mehr begleitende Sprachvermittlung an Grundschulen. Die schleswig-holsteinische Bildungsministerin Prien sprach in der „Süddeutschen Zeitung“ von „populistischem Unfug“.

Die Linken-Vorsitzende Kipping warf Linnemann vor, er gehe „auf Stimmenfang im rechten Sumpf“. Die Grünen-Abgeordnete Müller meinte, Kinder von der Möglichkeit auszuschließen zur Schule zu gehen, sei nicht nur gegen geltendes Gesetz, sondern auch das Unsozialste, was sie seit sehr langer Zeit habe lesen müssen.

 

Deutschlandfunk:

Deutschkenntnisse sind wichtig für Integration und Bildungserfolg. Das stehe außer Frage, meint Kate Maleike. Die Forderung des CDU-Politikers Carsten Linnemann, Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen erst später einzuschulen, sei jedoch hanebüchen und das Gegenteil von dem, wofür die Grundschule stehe.

„Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen“: Mit dieser Äußerung hat der Unionsfraktionsvize Carsten Linnemann jetzt gezeigt, wie weit wir in Deutschland noch davon entfernt sind, Zuwanderung und Internationalität auch als Chance zu verstehen.

Denn was ist, wenn ein Kind zwar schlecht Deutsch spricht, dafür aber schon sehr gut zählen kann und im Sprint allen davonläuft? Ginge es nach Linnemann, würde ihm schon im frühen Alter trotzdem signalisiert, dass es für die Schule noch nicht gut genug ist.

 

Mittwoch, 7. August 2019

FRANKFURTER RUNDSCHAU:

Die angestoßene Debatte ist daher die falsche. Die richtige Debatte wäre die über Chancen. Es geht um Umverteilung von Geld und um Investitionen in Bildung.

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG:

Es gibt zehntausende Kinder, die trotz schlechter oder gänzlich fehlender Deutschkenntnisse mit gleichaltrigen Muttersprachlern in die erste Klasse kamen, rasend schnell in der Praxis Deutsch lernten und später Beispiele gelungener Integration wurden. Aber das ignoriert Linnemann. Er möchte lieber, dass die Schullaufbahn von Kindern mit Migrationshintergrund mit einer Zurücksetzung beginnt.

DIE WELT:

Linnemann hat keineswegs vorgeschlagen, sechsjährige Kinder von Migranten zu bestrafen. Er will eine intensive Förderung in einer verpflichtenden Vorschule, sodass die Kinder später besser gerüstet am Regelschulunterricht teilnehmen können. Wer das für ausländerfeindlich hält, sollte sich anschauen, wie das Einwanderungsland Kanada seine hervorragenden Integrationsergebnisse erzielt. Dort kommen Kinder, die des Englischen beziehungsweise Französischen noch nicht mächtig sind, zunächst in spezielle Einrichtungen, in denen der Spracherwerb höchste Priorität hat. Spätestens nach einem Jahr geht es an eine Regelschule. Dass auch dort der Ausländeranteil oft hoch ist, spielt dann überhaupt keine Rolle, denn alle Schüler können dem Unterricht ohne sprachliche Schwierigkeiten folgen.

WESER-KURIER:

Klar ist aber doch auch, dass die Beherrschung der deutschen Sprache die entscheidende Grundlage ist. Wenn jedoch ein Fünftel bis ein Viertel der Erstklässler nur schlecht oder gar kein Deutsch spricht, muss darüber diskutiert werden, wie das geändert werden kann. Wertfrei bitte!

VOLKSSTIMME:

Mitunter nehmen Meldungen in der medialen Berichterstattung durch Verkürzung und Zuspitzung eine eigene Dynamik auf. So auch die Nachricht vom angeblichen Vorstoß für ein ‚Grundschulverbot‘ für Kinder ohne Deutschkenntnisse von CDU-Politiker Linnemann. Für eine faire Bewertung muss man festhalten: Ein ‚Grundschulverbot‘ hat er so gar nicht gefordert. Kern war vielmehr, Einschulungen zurückzustellen, wenn Kinder die deutsche Sprache noch nicht beherrschen.

MITTELDEUTSCHEN ZEITUNG:

Es lohnt, sein ganzes Interview zu lesen. Darin ist von Vorschulpflicht die Rede, von zurückgestellten Einschulungen, von Geld, das in Integrations- und Sprachkurse investiert werden müsse. Wer würde etwas dagegen sagen? Für die aufgeregten Twitter-Debatten sind solche Differenzierungen indes zu lang und zu kompliziert.

 

DER SPIEGEL 33/19:

König leitete bis Anfang 2019 eine Grundschule im Frankfurter Stadtteil Griesheim, eine »Brennpunktschule«, wie König selbst sagt. Zwischenzeitlich hatten nur 9 ihrer 275 Schüler keinen Migrationshintergrund. »Ich habe Erstklässler erlebt, die auf Deutsch nicht einmal ›Guten Tag‹ sagen können«, erzählt König. »Wie soll die Schule diesen Kindern das Lesen oder Rechnen beibringen?«

Sprache gilt als Schlüssel für eine gelungene Integration, schulischer Erfolg als Eintrittskarte in ein ertragreiches Berufsleben. Wer nicht gut Deutsch spricht, tut sich meist auch in anderen Fächern schwer, zeigen Studien. Wenn ein Kind in der Grundschule schlechte Noten schreibt, wird es vermutlich nicht auf ein Gymnasium wechseln. Solche Kinder »können ihr Potenzial nicht entfalten und die Chancen nicht nutzen, die ihnen das deutsche Schulsystem bieten kann«, sagt Ingrid König, die ihre 30-jährige Erfahrung in dem Buch »Schule vor dem Kollaps« zusammengefasst hat. »Sie hinken vom ersten Tag an hinterher.«

Im IQB-Ländervergleich für Grundschulen aus dem Jahr 2016, einer Art Deutschland-Pisa, erreichten deutlich mehr Hamburger Viertklässler die Mindeststandards im Lesen als etwa in Berlin – obwohl der Anteil der Schüler, die zu Hause eine andere Sprache sprechen als Deutsch, in beiden Ländern hoch ist. In Hamburg sind das aktuell 26,7 Prozent der Kinder, so viele wie nie zuvor.

Wenn Defizite auffallen, müssen diese Kinder ein Jahr lang verpflichtend die Vorschule besuchen, wo sie zusätzlich sprachlich gefördert werden. Das betrifft rund 17 Prozent eines Jahrgangs.

FOCUS 33/19:

Unbestreitbar führt die Anwesenheit von mehreren Schülern mit unzureichenden Deutschkenntnissen dazu, dass der Lernerfolg der gesamten Klasse gebremst,wenn nicht gar gefährdet wird.

Laut Pisa-Studie erbringen 43 Prozent der 4,9 Millionen Kinder mit Migrationshintergrund in Deutschland „sehr schwache Leistungen“ in der Schule.

Ursache dafür sind vor allem mangelnde Deutschkenntnisse.

Aktuell liegt der Migrantenanteil bei den 15- bis 20-Jährigen bei knapp 31 Prozent. Bei den unter 5-Jährigen sind es mehr als 39 Prozent.

Viele Unternehmer und Firmenchefs treiben die immer häufiger auftretenden Sprachdefizite bei Azubi-Bewerbern um. Und das beginnt nun einmal alles mit dem Eintritt in die Grundschule.

80 Prozent der Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die im Ausland geboren wurden, sprechen zu Hause kein Deutsch.

 

Freitag, 9. August 2019

Deutschlandfunk:

„Deutschland ist keine offene Gesellschaft“

Der chinesische Künstler Ai Weiwei kehrt Deutschland den Rücken.

Seine Familie und er hätten sehr gern hier gelebt, aber er verlasse Berlin trotzdem, sagte er der Zeitung „Die Welt“: „Dieses Land braucht mich nicht, weil es so selbstzentriert ist.“ Deutschland habe keine offene Gesellschaft, führte er aus. Die Gesellschaft wolle offen sein, beschütze aber vor allem sich selbst. Ai Weiwei, der in China jahrelang unter Hausarrest stand, ergänzte, die deutsche Kultur sei so stark, dass sie nicht wirklich andere Ideen und Argumente akzeptiert. Es gebe kaum Raum für offene Debatten, kaum Respekt für abweichende Stimmen.

 

 

„So kam ich unter die Deutschen. Ich foderte nicht viel und war gefaßt, noch weniger zu finden. Demütig kam ich, wie der heimatlose blinde Oedipus zum Tore von Athen, wo ihn der Götterhain empfing; und schöne Seelen ihm begegneten –

Wie anders ging es mir!

Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazien, in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes – das, mein Bellarmin! waren meine Tröster.

Es ist ein hartes Wort und dennoch sag ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen.“

Friedrich Hölderlin (1770 – 1843)

 

Die unmögliche Tatsache

 

30. Juni 2019: Bellarmin an Mephisto

 

Sonntag, 23. Juni 2019, Deutschlandfunk:

Nach Mutmaßungen über AfD: Kritik an Merz

Der CDU-Politiker Merz ist mit Äußerungen über mögliche Sympathien für die AfD in den Reihen von Bundeswehr und Bundespolizei in die Kritik geraten.

Bundesinnenminister Seehofer, CSU, sagte der „Bild“-Zeitung, Merz sollte die Bundespolizei nicht als Trittbrett für seine politische Karriereplanung missbrauchen. Die Bundespolizei stehe fest auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung. Verteidigungsministerin von der Leyen, CDU, sagte, Polizei und Bundeswehr seien allein der Verfassung verpflichtet und gehörten keiner Partei. Polizisten und Soldaten verdienten mehr Wertschätzung und keine Mutmaßungen, wo sie ihr Kreuz machten.

Merz hatte gesagt, seine Partei verliere offenbar Teile der Bundeswehr und der Polizei an die AfD. Die CDU müsse eine Partei sein, die ohne Wenn und Aber hinter den Sicherheitsorganen stehe.

Da ist, in der heutigen Nachrichtenberichterstattung des bundesdeutschen Journalismus typischerweise, die vor die eigentliche Nachricht gestellte parteiliche Klarstellung, damit der Rezipient auch ja immer weiß, wie er richtig zu denken hat: In 86 Wörtern die Abwehr, die Verurteilung des Ereignisses, die manifestierte Angst vor dem Faktum.

Als sogenannte Kritik getarnt.

In der Deutschen Demokratischen Republik war für die dort sogar offen geforderte Parteilichkeit der Berichterstattung die Abteilung Agitation und Propaganda zuständig. Um nicht noch weiter zurückzugehen in der Geschichte.

Erst darauf folgt, am Ende, fast beiläufig, in indirekter Rede, das scheinbar Eigentliche, nämlich eine Sprechblase über etwas, mit 31 Wörtern, und, noblerweise, man höre und staune, hier sogar in zwei Sätzen.

Statt wie gewöhnlich in einem.

Montag dann, so gut wie einzigartig in der heutigen Manier, eine weitere Nachricht zum Thema.

Montag, 24. Juni 2019, Deutschlandfunk:

Bundespolizei: Gewerkschaft sieht Sympathien für AfD

Nach Ansicht der Gewerkschaft der Polizei sympathisieren Mitarbeiter der Bundespolizei verstärkt mit rechtsnationalen Parteien.

Der stellvertretende Vorsitzende Radek sagte der „Rheinischen Post“, bei vielen Beamten sei etwas in Schieflage geraten. Das drücke sich in der Unterstützung für Parteien wie die AfD aus. Radek machte dafür das Verhalten der Bundesregierung verantwortlich. Sie habe den Beamten nie erklärt, warum diese im Jahr 2015 und später von ihrem gesetzlichen Auftrag, die unerlaubte Einreise von Menschen an der Grenze zu unterbinden, hätten abweichen müssen.

Darauf herrschte über allen Gipfeln die Ruh, und die Vögelein schwiegen im Walde.

 

 

Und er kommt zu dem Ergebnis:

Nur ein Traum war das Erlebnis.

Weil, so schließt er messerscharf,

nicht sein kann, was nicht sein darf.

Christian Morgenstern (1871 – 1914): Die unmögliche Tatsache

 

Zur Erinnerung

 

10. Juni 2019: Serapion an Mephisto

 

 

Die teuflische Tragödie

 

Im ungleichen Gefecht willst du dich halten?

Dies wird dir ungewohnte Geister wecken!

Die mußt du zügeln und sogar verstecken:

Darfst deine kargen Kräfte nicht zerspalten.

 

Weißt du dich klug und besser als die kalten,

Verlognen Feinde? Darfst sie doch nicht necken!

Wirst sonst an ihrer Übermacht verrecken:

Mußt lassen deine Vor- und Nachsicht walten.

 

Denn bist du wahrlich im Besitz des Wahren,

So wirst du auch naturgesetzlich siegen:

Ihr Tun wird ihren Fehler offenbaren!

 

Dann kannst du triumphieren und erfahren:

Du mußt nicht mal den kleinsten Finger biegen

Für deinen Sieg… in hundertfünfzig Jahren!

 

 

Es kommen härtere Tage oder Der teuflischen Tragödie zweiter Teil

 

Es kommt nun eine Zeit, die werden wir nicht lieben.

Die Jahre zogen hin, wir standen voll im Saft,

Da gab’s die Mastercard, die galt es reinzuschieben,

Und prompt kroch durch den Schlitz soziale Marktwirtschaft.

 

Du meinst, das sei nicht so, die Jahre waren mager?

Du kamst mal eben hin und lebtest nicht leger?

Dann zieh jetzt Lehren draus, sonst bleibst du ein Versager

Und siehst, welch Glück in harten Zeiten blüht, erst immer hinterher…

 

 

Meinen Feinden wünsche ich, daß ihre Kinder in Luxus leben!“

Antisthenes (um 444 v. Chr. – ca. 368 v. Chr.)

 

Das Reich des Pöbels

 

23. November 2018: Serapion an Mephisto

 

Vision 2002

 

Mehr und mehr Ideale werden verdreht, es strebt niemand

Länger nach Bildung, man spottet darüber. Geistigen Reichtum

Kennt man nicht, denn er stellt sich ja nie zu den Schreiern – so pflegt jetzt

Jeder seine Dummheit. Ja, das ist wahrhaft die neue

Ära, in der Unbildung als chic gilt! Welch Stolz der

Leute, Bach nicht zu kennen, Goethe nicht zu ertragen,

Nie hat man etwas von Lessing gehört – und von Gryphius schon gar nicht.

Diese Mühe, wozu, wem sollte sie nützen? Man will sich

Auch in Geschichte nicht auskennen, denn es langweilt. Und wie die

Kinder nimmt man den Film als das Ereignis, und wenn ein

Schauspieler einmal einen Helden mimte, so hält man

Ihn für heldisch, und sein Geschwafel macht ihn dann reich. Man

Hegt eine Pseudobildung über Astrologie und

Film und Sport und Börsenkurse, über das Wetter,

Über esoterische Energien. Die Elite

Weiß Bescheid in Betriebswirtschaft und Jura und liest die

Ratgeberbücher und Managerkurse. Und Popsongs, das sind die

Ewigen Permutationen aus Versatzstücken, kecke

Krämer lassen sie produzieren am laufenden Band in

Ihrem monströsen Trieb, das Geld zu scheffeln, die Popsongs

Also beherrschen alle Kultur, und diejenigen, die

Fähig sind, sich beim Fernsehquiz an ältere Titel

Noch zu erinnern, demnach die Pfiffigeren, die partiell mit

Einem Gedächtnis Begabten, verehrt man als hochmusikalisch.

Und gesungen wird selbst von den Stumpfesten in einer Sprache,

Die sie noch weniger als die eigene Sprache verstehen.

 

Damit beginnt das Reich des Pöbels. Er ist obenauf und

Freut sich dessen in seiner Art. Er trägt Haute Couture und

Sprüht sein Eau de Toilette, er wohnt komfortabel in einem

Haus mit Schwimmbecken und mit Tresor, natürlich besitzt er

Autos und Privatflugzeuge. Sonst fuhr er bei

Einem Kurierdienst, jetzt schickt er andere aus, und er glaubt mit

Diesem Grunde, wichtig zu sein. Er singt Karaoke,

Lädt zu Pressekonferenzen, und die Reporter,

Die ja keinen Konjunktiv mehr kennen, und wenn er

Äußert, er denke dies oder meine jenes, berichten,

Daß er dies denkt oder jenes meint, das Pack von Reportern

Flitzt auch tatsächlich hin und filmt mit Pomp und Gepränge,

Wie er sich spreizt vor seinem Wandschrank mit kantengereihten

Echtgoldverzierten Buchrückenimitaten. Und wenn es

Eine Leifsendung ist, dann flattern die Korrespondenten

Fieberig, heiser, fickerig – leif gilt ihnen als Wert an

Sich, wie vieles erschreckend Bedeutungsloses, sie können

Unwichtiges von Wichtigem nicht mehr scheiden. Und seine

Frau, die früher vierundzwanzig Stunden des Tages

Fernsah und zu dumm ist, auch nur einen von ihren

Sätzen vollständig auszusprechen, prunkt jetzt mit ihrem

Fünfhundertwörterschatz als Moderatorin. Das quatscht aus

Jedem Fernsehsender mit Inbrunst dasselbe und nennt sich

Pluralismus. Und sie behaupten, dies müsse so sein, ihr

Publikum wolle es! Was hieße, das Publikum und das

Fernsehn verblöden sich gegenseitig! Sie normen sich abwärts.

 

Während die Geschmackfreien derart mit einem unsäglich

Zufälligen Allotria, ihrem Verdienst, die Karriere

Machten und reich geworden sind, verlaufen sich schutzlos

Die Gebildeten, obdachlos, zerlumpt und vereinzelt

Unter der Meute, regiert von den Ungebildeten, von den

Ungeduldigen, von den Machern. Was soll das Problem samt

Seinen Gründen? Stolz durchschlagen Pragmatiker jenen

Gordischen Knoten und noch einen Knoten und noch einen Knoten,

Und man wundert sich, warum nichts mehr hält. Doch man denkt nicht

Lange nach und läßt sich darob loben, in seiner

Angst befördert jeder die Parvenüs. Denn das Denken

Koste Zeit, und Zeit wäre Geld, und Nachdenken kennt man

Gar nicht mehr. Man will überhaupt nicht die Information, man

Sendet sich Imels und verlangt die Info. Die Wahrheit

Nervt und dauert zu lange. Man glaubt an Gott nicht, man glaubt an

Höchstgeschwindigkeit und Globalisierung, man glaubt an

Die Geburtenkontrolle. Man merkt nicht, warum es bergab geht.

Fachleute gibt es nicht mehr, und unsere Sprache wird täglich

Unverständlicher. Wer wagt noch, zur Arbeit zu gehen?

Schon die Kinder sind des Lebens müde. Die Menschen

Werden weniger, die Geburtenzahlen vermindern

Sich, und es bleibt nur der Wunsch: So möge sich alles zugrunde

Richten. Das Land wird von vollkommen sinnlosen Leuten beherrscht, von

Schomastern, Rambos und Moddels nach ihrem gesunden Empfinden,

Und vom feiernden Volk auf den Liebesparaden der Städte

Werden die Toten der Nacht am Tag in die Flüsse geworfen…

 

 

Die Menge ist nicht dazu geeignet, die Wahrheit, sondern nur den Schein zu prüfen; den geheimen Wegen einer tiefen Natur nachzuspüren, das Rätselhafte in ihr aufzulösen ist ihr versagt, sie spricht nur ihre Täuschungen aus, erzeugt hartnäckige Vorurteile gegen bessere Überzeugung und beraubt den Geist der Freiheit, das vom Gewöhnlichen Abweichende in seiner Eigentümlichkeit anzuerkennen.

Bettina von Arnim (1785 – 1859)

 

Der RIAS in Chemnitz

 

28. September 2018: Bellarmin an Mephisto

 

Nun ist seit den „Vorkommnissen“ in Chemnitz bereits wieder ein Monat ins Land und in die Bundesländer gegangen. Ohne daß außer einem Fahndungsaufruf gegen einen dritten Verdächtigen und der Entlassung eines der beiden verhafteten Verdächtigen die Staatsanwaltschaft sich befleißigt gefühlt hätte, der offenbar extrem interessierten und zu großen Teilen verunglimpften Öffentlichkeit gnadenhalber wenigstens eine der doch sonst üblichen Pressekonferenzen nach einer Untat derartigen Ausmaßes zu gewähren und durch Mitteilung des bisher gesicherten Erkenntnisstandes etwas zur Beruhigung beizutragen.

Sage nicht, es würde die Ermittlungen gefährden, wenn endlich einmal bestätigt würde, ob es sich nun um eine Messerstecherei gehandelt hatte oder um eine Messerattacke, was ja wohl einen Unterschied bedeutet. Und ob die beiden bei den „Vorkommnissen“, also der „vorgekommenen“ Messerstecherei oder Messerattacke einmalig am 26. August 2018 erwähnten Verletzten oder gar, wie es einmal hieß und dann nie wieder, der Schwerletzten, ob diese inzwischen genasen und vielleicht sogar aus der stationären Behandlung entlassen werden konnten.

Anläßlich selbiger Gelegenheit und sogar im Einklang mit unserem in dieser Hinsicht einer Wahrheitsfindung sonst eher undienlichen Pressekodex hielte ich es nicht für unwichtig zu erwähnen, ob es sich bei den drei Opfern der Messerstecherei oder der Messerattacke um Bundesbürger gehandelt hatte. Und bei den anderen, also den Tatverdächtigen eines Messerangriffs, nicht.

Unsere aus irgendwelchen Gründen der Lügen bezichtigten Medien scheint das alles allerdings nicht weiter zu interessieren.

Apropos, da wir justament wieder an jenem Punkt sind, weißt Du, was ich mir angesichts der „Vorkommnisse“ und ihrer Folgen vorstelle unter normaler Pressearbeit?

Weißt Du, was der RIAS, der Rundfunk im amerikanischen Sektor Berlins, der beste Sender, den es je gab, weißt Du, was der gemacht hätte? Der wäre beispielsweise am Montag, dem 27. August hingefahren nach Chemnitz mit seinem Ü-Wagen, Ü für Übertragung, und hätte direkt, also leif, von jener Massendemonstration der 8.000 „Chaoten und Hooligans von außerhalb Sachsens“ (Sachsens Innenminister) berichtet. Und zwar nicht nur in verwackelten blitzschnellen Sequenzen. Sondern, wie es sich bei seriöser Berichterstattung gehörte, vermittels gebührenfinanzierter und teuer bezahlter Kamera- und Mikrofontechnik des 21. Jahrhunderts.

Und der RIAS wäre durch die Stadt gefahren, auch in den Folgetagen, und hätte ausgiebig Leute interviewt. Insonderheit Einheimische aus der Innenstadt.

Aus sozialen Brennpunkten.

Aus Tatortnähe.

Und der RIAS hätte gedrungen auf eine Übertragung, also Leifsendung, vom Zusammentreffen des sächsischen Ministerpräsidenten Kretschmer und der Chemnitzer Oberbürgermeisterin Ludwig mit 500 geladenen Bürgern der Stadt.

Sie können Ihre Meinung sagen, aber was nicht geht, dass man eine Meinung mit einer Hetzjagd ausdrücken will.“ (Ludwig)

Bei welcher Gelegenheit auch der Ministerpräsident es nicht verabsäumte zu verlautbaren, es müsse dafür gesorgt werden, daß nicht „Halbwahrheiten“, „Fake News“, (also Falschmeldungen, Anmerkung von mir), und „Stimmungsmache“ „die Oberhand“ gewönnen.

Demnach hätte der RIAS auf öffentliche Übertragung der Versammlung mit 500 geladenen Stadtbürgern gedrungen sogar im Einklang in dem vom Ministerpräsidenten bekundeten Sinn!

Denn warum auch sollten der Ministerpräsident Kretschmer und die Oberbürgermeisterin Ludwig Angst haben vor der Wahrheit?

Nicht wahr?

In einem gnadenvollen Akt der Milde ließ sich der Landesvater selbstredend hinreißen zu der gefühlvollen Bemerkung, pardon, zu dem emotionalen Stätment, er wisse, daß nicht alle in Chemnitz rechtsradikal seien!

Diese Sternstunde der persönlichen Menschlichkeit hätte der RIAS übertragen!!

Leif!

Da wäre kein Auge trocken geblieben!

Und dann wären die Reporter auch rausgegangen und hätten sich ausgiebig unterhalten mit den 900 rechten Menschen auf der „rechten Kundgebung in Hör- und Sichtweite“ des Treffpunktes der 500 zum Landesvater und der Stadtmutter geladenen Bürger.

Was?

Das hätte sich der RIAS gar nicht wagen dürfen?

Weil die „Chaoten und Hooligans“ den Ü-Wagen platt gemacht hätten?

Und die rechten Menschen gar nicht mit der Presse geredet hätten?

Das glaube ich eher nicht!

Weil nämlich in Zeiten des RIAS das Klima jener ungeheuerlichen „Lügenpresse!“-Sprechchöre erst überhaupt nicht entstanden wäre.

Aus Mangel an Gründen.

Denn nichts entsteht ja grundlos.

Die RIAS-Reporter wären also rausgegangen zu der Kundgebung. Denn die Kundgebung war ja angemeldet, also legitim.

Sonst wäre sie ja auch verboten worden.

Es handelte sich also um eine demokratische Versammlung.

Und wir leben doch in einem demokratischen Staat. In welchem Berichterstatter die Kundgebenden eines legitimierten Willens nicht ohne weiteres und von vornherein als „rechts“ oder „rechtspopulistisch“ in diskriminierender Absicht zu etikettieren und tendenziös abzuwerten haben. Noch dazu ohne jegliches ansonsten heute so beliebte „mutmaßlich“.

Sondern die RIAS-Reporter aus dem Ü-Wagen in Chemnitz hätten berichtet von einer Gegenkundgebung, auf welcher dies und jenes gefordert wurde von den im übrigen absolut friedlichen Demonstranten. Und hätten berichtet: Auf den Transparenten beispielsweise standen folgende Parolen zu lesen.

Und ein Redner habe unter anderem dies und das gesagt.

So sah einst Berichterstattung aus!

Und dem Rezipienten wurde anheimgestellt, mündig zu sein und eigenmächtig aus dem Bericht nach Belieben und Gutdünken und eigener Meinung zu schlußfolgern in einem Staat mit grundgesetzlich garantierter Meinungsfreiheit, welcher Couleur die gegen die landesväterliche Konferenz Demonstrierenden wohl zuzurechnen seien.

Wenn ihm die Couleur wichtig wäre neben dem Eigentlichen.

Neben dem sachlichen Anliegen der Demonstranten.

Womit wir bei der Frage wären, was man den Journalisten heutzutage beibringe auf den bundesdeutschen Journalistenschulen.

Im sonntäglichen Presseclub der ARD war am 2. September ein Beispiel zu sehen. Zur Einstimmung zeigte man zum Beginn einen kurzen Filmbericht zu der legitimen Demonstration in Chemnitz am vorausgegangen Montag, in welchem die Berichterstatterin einen der Veranstalter in durchschaubarer Absicht des Vorführens mit der Frage konfrontierte: „Ist das wieder so ein breites Bündnis von Hooligans bis AfD?“

Worauf der Angesprochene antwortet: „Das ist auf alle Fälle wieder so, ja. Ja hier kommen ganz verschiedene Gruppen zusammen, und ich denke, das ist auch nicht verkehrt.“

Das wirklich Miese daran ist: Die Frage in dem Filmbericht wird im Gegensatz zur Antwort hörbar nicht direkt auf der Kundgebung gestellt, sondern ist im Nachhinein vor die Antwort gesetzt! Warum das? Der Verdacht drängt sich auf, die Frage könnte vor Ort auch anders gelautet haben.

Der Verdacht drängt sich auf, es könnte sich um eine gezielte Unterstellung handeln.

Nach all dem Erlebten.

Bei der Kundgebung vor dem landesväterlichen Bürgertreffen kam übrigens, ebenfalls in der ARD, hier jedoch in der Tagesschau, sogar eine Frau zu Wort mit einem vollständigen Satz des Inhalts, man traue sich nicht mehr in die Innenstadt.

Bildschnitt.

Infolge der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung hätte man schier annehmen müssen, die rechte Frau habe Angst vor „Chaoten und Hooligans von außerhalb Sachsens“. Privaten Medien konnte man allerdings entnehmen, Chemnitzer Eingeborene fürchteten sich in der Innenstadt eher vor der nächtlichen Dominanz ausländischer Banden und stellten dummerweise aus irgendeinem Grund irgendwelche Zusammenhänge her zu der Messerstecherei oder Messerattacke mit einem Toten und zwei Verletzten.

Und deshalb ihr Zorn, ihre ohnmächtige Wut und ihre anhaltende Trauer.

 

Wahr spricht, wer Schatten spricht.“

Paul Celan (1920 – 1970)

 

Wie die öffentlich-rechtlichen Medien unsere Demokratie gefährden

 

17. September 2018: Bellarmin an Mephisto

 

Ein Gespenst geht um in Deutschland – das Gespenst der Aäffde.

Und obwohl die Wähler dieser Partei durchgängig denunziert werden als „Menschen, die sich vor Veränderungen fürchten“ oder als Menschen, die sich ängstigten vor ihrem „Abstieg“, ist doch überdeutlich zu sehen, daß  vielmehr die Denunzianten selber es sind, denen der Angstschweiß auf den Stirnen steht. Denn jene in vielem und so manchem unappetitliche Partei ist bereits eine Macht – und die wird immer stärker. Doch anstatt die Gründe für die offenkundige Tatsache zu analysieren als Voraussetzung, sich mit derselben und im Gefolge mit der Aäffde endlich politisch oder sogar rational auseinanderzusetzen, was man seit Jahren behauptet tun zu wollen, ohne es zu tun, haben sich, wie selbst Karl Marx es wohl beschreiben würde, alle Parteien des Bundestages samt den öffentlich rechtlichen Medien „zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet“.

Das Kompositum „Hetzjagd“ enthält übrigens das Wort „Hetze“.

Es ist mehreres faul geworden im Staate Deutschlands, und etwas davon betrifft unsere gebührenfinanzierten Medien.

Und ihre Hetze.

Nicht daß Du mich mißverstehst, ich trete unbedingt ein für die Existenz dieser Medien! Ich halte sie für elementar notwendig. Gerade in heutigen Zeiten! Und diejenigen, die auf ihre Abschaffung dringen, scheinen wirklich nicht zu wissen, was sie tun.

Aber gesund sollten die Medien sein in ihrer Widerspiegelung dessen, was ist.

Gesund und frisch, wie sie es weitestgehend einmal waren!

Damals während des Kalten Krieges…

Als man noch fürchten mußte, vorgeführt zu werden vom Osten.

Und auch Tag für Tag vor Augen hatte die widerliche Verlogenheit einer tendenziösen Berichterstattung.

Und als man noch wußte um die letztendlich unüberwindliche Stärke der Wahrheit gegenüber dem Imperium der Lüge.

Doch heute?

Im Zeitalter der Falschmeldungen, pardon, der Fäknjus?

Generell muß man erst einmal feststellen, sind so gut wie alle bundesdeutschen Nachrichten heute gekennzeichnet durch eine panische, mitunter schon ans Absurde grenzende Angst vor dem doch eigentlich mitteilsam Wichtigen.

Nämlich den Fakten.

Und die sind, im Gegensatz zu den heutigen Meldungen, meistens nüchtern.

Stattdessen sind bundesdeutsche Nachrichtenmeldungen heute spürbar geschüttelt vor Abneigung, ja buchstäblich vor Angst vor dem tatsächlichen Geschehen, vor dem blanken Ereignis.

Du wirst das in Deutschland seit einigen Jahren ablesen können schon an der Struktur jeglicher Meldung: Zuerst erfolgt so gut wie immer eine wertende Sprechblase durch einen oder mehrere Richtigdenker, meist also von Politikern. Eventuell noch, zur Erhöhung der Folter, gefolgt von einem oder mehreren „richtig“ einordnenden Aspekten meist in Form von Wiederholungen des allseits Bekannten und oft tagelang zuvor bereits Durchgekauten.

Aus fühlbarer Angst vor eventuell aufkommenden unrichtigen oder gar politisch „unkorrekten“ Gedankengängen der unmündigen Rezipienten.

Erst dann, endlich!, kommt das, worum es eigentlich geht.

Als Gnadenerweis eventuell sogar in einem vollständigen Satz.

Methode: Permanente Vertauschung des Primären mit dem Sekundären.

Hervorragendes Beispiel war wieder die Berichterstattung über die Tötung und Verwundung dreier Deutscher durch Zuwanderer in Chemnitz, pardon, die Berichterstattung über die „Vorfälle in Chemnitz“.

Ogottogott, das könnte ja der Aäffde nützen!

Also, am besten folgender Aufbau der Nachrichten:

Als erstes diesmal nicht wie sonst übel üblich Berichte über Gegendemonstrationen der Anständigen anstelle des primär Wesentlichen in Gestalt der Demonstration, sondern Alarmplan B: Ausführliche Politikerstimmen, die einhellig die Demonstrationen im Anschluß „der Vorfälle in Chemnitz“ als rechtsextrem verurteilen.

Als zweites: Brandmarkierung der Demonstranten anhand einiger Geschehnisse wie etwa Hitlergrüße von Rowdies, pardon, von Hooligans. Im Fernsehen wird ausschließlich das entsetzliche Video eines brüllenden Mobs gezeigt. Bestenfalls noch Höcke in einem Bild zusammen mit diesem „Kleinkriminellen“ von Pegida aus Dresden. Methode nach Karl-Eduard von Schnitzler à la Fernsehfunk der DDR: Alles ausschließlich in sekundenschneller Sequenz. Nie ein Gesamtüberblick, um den zu schockierenden Zuschauern per pars pro toto zu zeigen: Das waren alles nur 8.000 krummbeinige Idioten!

Die Chemnitzer Polizeidirektion teilte mit, es habe auch Zusammenstöße mit Beamten gegeben.“

Als Letztes, ausnahmsweise sogar in zwei ganzen Sätzen:

In der Nacht zum Sonntag war ein 35-jähriger Mann nach einem Streit seinen Verletzungen erlegen. In die Auseinandersetzung waren nach Polizeiangaben Personen unterschiedlicher Nationalitäten verwickelt.“

Tja, was ist es wohl, was die Aäffde stärkt?

 

Auf einer Demonstration am Montag hatten mehrere Menschen den Hitlergruß gezeigt. Einwohner entgegneten dem Ministerpräsidenten, die weitaus meisten Teilnehmer seien ganz normale Bürger gewesen. Mehrfach wurden in der Diskussion Buhrufe laut.

30. August 2018, Donnerstag, DLF über den Bürgerdialog des sächsischen Ministerpräsidenten Kretschmer in Chemnitz

 

Für diejenigen, die das in aller Sachlichkeit artikulieren möchten, gibt es kaum Raum zwischen rechtsradikalen Agitatoren sowie asozialen Trittbrettfahrern auf der einen und den moralisierenden Einschüchterungen auf der anderen Seite.

31. August 2018, Freitag, FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG

 

Wenn all diejenigen weiterhin pauschal als Neonazis oder Rassisten abgestempelt werden, die ihren Unmut darüber äußern, dass 2015 über eine Million Flüchtlinge und Migranten unkontrolliert ins Land gelassen wurden, dann braucht man sich über den wachsenden Zulauf, den rechte Parteien und Bewegungen in Deutschland erhalten, und über die zunehmende Polarisierung des Landes nicht zu wundern.

31. August 2018, Freitag, WENHUIBAO

Aus Schanghai!

 

 

Klaus B…..i.: Bitte melde Dich noch einmal unter der Nummer ……….9!

 

Der sorgsame Umgang mit der Wahrheit

 

5. August 2018: Mephisto an Bellarmin

 

Aus gegebenem Anlaß muß ich Dir denn doch etwas gestehen nach Deiner Epistel über den Niedergang des menschlichen Intelligenzquotienten: Der meine ist merklich im Verfallen! Apropos Merkel, ich merkte es deutlich wieder im Zusammenhang mit ihrer sogenannten Sommerpressekonferenz am Freitag vor zwei Wochen. Du erinnerst Dich hoffentlich, das war am 20. Juli, bevor sie abdüste in ihren wohlverdienten Urlaub. Ich sage Dir, und übrigens bar jeglicher Ironie, ich bewundere die Frau! Oft staune ich über ihr klaglos bewältigtes Arbeitspensum und halte die gewisse Häme, mit der man die hin und her Gehetzte neulich, auf dem Höhepunkt der hysterischen An- und Ausfälligkeiten Seehofers, im Bundestag filmte während ihres vollkommen übermüdeten Einnickens infolge der permanenten Tag- und Nachtsitzungen in Brüssel und Berlin, für mehr als despektierlich.

Doch zurück zu meinem eigenen Intelligenzquotienten.

Da beehrte also unsere Bundeskanzlerin die Bundespressekonferenz mit ihrem Besuch nun zum dreiundzwanzigsten Mal.

Auch das halte ich schon für eine Leistung!

Sich derart oft den harten Fragen der kritischsten Köpfe der Crème de la Crème unserer journalistischen Elite aussetzen zu müssen.

Zumal die Crème de la Crème auf Fragen kam, deren Bedeutung ich bis heute nicht fasse mit meinem niedergehenden Geist.

Ich hätte völlig andere Fragen gestellt. Fragen, von denen nicht eine einzige aufgeworfen wurde von diesem erlauchten Gremium. Woraus ich vermute, meine Fragen wären einfach zu doof gewesen, zu trivial für diese Profis. Sie hätten schon Bescheid gewußt und bestenfalls müde gegähnt und sich geärgert, daß ich ihnen die Zeit stöhle für ihre Wichtigkeiten. Ich wäre auffällig geworden unter den Koryphäen. Manche Korrespondenten hätten begonnen zu tuscheln und zu stöhnen. Was hätte ich mich geschämt! Und mich vielleicht nie wieder zu melden gewagt!

Mit einigen weiteren Fragen.

Ich würde abartig gewirkt haben mit meinem Intelligenzrest.

Kein einziger stellte die Frage, wie das denn nun in Wahrheit war mit den drei Ländern, deren Vertreter ja erst wenige Tage zuvor behaupteten, sie hätten unserer Kanzlerin mitnichten zugesagt, über die Rücknahme von Flüchtlingen zu verhandeln.

Entgegen deren Zeugnis.

Wie konnte es denn kommen zu solch eklatantem Mißverständnis?

Stell Dir vor, infolge meines niedergehenden Quotienten halte ich diese für intelligentere Wesen wohl banale Frage nicht nur für spannend, ich halte sie für wichtig! Nicht nur in Zeiten von Zeitungsenten und diesen ganzen Fäknjus, die uns heutigentags derart piesacken. Da fragt mein niederer Geist sich, könnte man sich nicht mal fragen, ob man sich das nicht mal fragen könnte?

Hätte mich dann der Mut noch nicht verlassen, hätte ich natürlich auch gern eins draufgesetzt und gewußt, was genau unsere Kanzlerin gemeint haben könnte mit dem urplötzlich aus den Tiefen ihres Mundes blitzartig wie aus dem Nichts erst- und einmalig aufgetauchten Wort „Sekundärmigration“. Gegen die sie oder wer auch immer hinfort zu kämpfen beabsichtige. Und ob sie ihr Heureka-Erlebnis dem interessierten Publikum einmal einfühlsam mitteilen könne.

Vielleicht anekdotisch?

Und dann noch jene von ihr ebenfalls entdeckte geheimnisumwitterte „illegale Migration“! Von der ich zuvor nie etwas vernommen hatte von ihr oder dies mir nicht habe merken können in meinem Niedergang.

Das hätte ich mich denn aber wahrscheinlich doch nicht mehr getraut, ich hätte mich zu sehr geschämt über mein Nichtwissen gegenüber all den kritischen Journalisten, die so offensichtlich Bescheid wußten, daß ihnen das alles selbstverständlich war und keinerlei Frage wert auf der jährlichen Sommerpressekonferenz.

Der Deutschlandfunk berichtete über die Veranstaltung am selben Tag:

Merkel rief die Politik und Medien zum sorgsamen Umgang mit der Wahrheit auf. Es sei wichtig, dass sich alle Seiten – Politiker wie Journalisten – mit der Frage der Verantwortlichkeit für richtige Meldungen beschäftigen müssten.

 

Wer darf das Kind beim rechten Namen nennen?

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832), Faust I