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Thalatta ! Thalatta !

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Hungerstreik und Spiele

16. Juni 2018: Serapion an Mephisto

Der lupenreine Auftraggeber, in seinem Bestreben, seinen Untertanen den lupenreinen Demokraten vorzuführen, frönt der Angewohnheit, jedes Jahr die landesweite Inszenierung eines Fernsehspektakels in Auftrag zu geben, bei der er gewissermaßen dem einfachen Volke dessen Fragen beantwortet. So auch vorige Woche, worüber am Donnerstag, dem 7. Juni, der Deutschlandfunk nachrichtlich meldete:

Russlands Präsident Putin droht der Ukraine

Der russische Präsident Putin hat die Ukraine vor – wie er sagte – „Provokationen“ während der Fußball-Weltmeisterschaft gewarnt.

Wenn die ukrainische Armee in dieser Zeit Separatistenstellungen im Osten des Landes angreife, werde das sehr schwere Folgen für die ukrainische Staatlichkeit haben, sagte Putin während einer Fragestunde im Fernsehen.
Im Osten der Ukraine kämpfen Separatisten seit vier Jahren für einen unabhängigen Staat und werden dabei von Russland unterstützt. Im März 2014 annektierte die russische Regierung die ukrainische Halbinsel Krim.

Diese Meldung einer ungeheuerlichen Ungeheuerlichkeit zeigt zum einen erst einmal, daß sich immerhin eine Kleinigkeit gewandelt hat. Und zwar nach meiner Beobachtung seit dem jüngsten Giftanschlag in London und der zeitnahen Veröffentlichung des Zwischenberichtes über den Untersuchungsstand zum Abschuß der Passagiermaschine des Fluges MH18. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, daß früher in der deutschen Berichterstattung derart deutlich und ohne jedes Wenn und Aber und sogar ohne das mindeste eines des seit etwa zwei Jahren inflationär grassierenden „mutmaßlich“ die auf der Hand liegende Tatsache einer russischen Unterstützung sogenannter Separatisten in der Ukraine wie selbstverständlich ausgesprochen wurde.

Zum anderen zeigt sich jedoch auch, daß die sich daraus ergebende Folgerung, nämlich daß Rußland und sein lupenreiner Auftraggeber als Kriegspartei nicht wie Deutschland und Frankreich neutral vermittelnd ist und sein kann zwischen der Ukraine und den russischen Marionetten, den sogenannten Separatisten. Und daß selbige simple Tatsache in bundesdeutschen Medien nicht einer geringsten Beachtung, geschweige denn einer angemessenen Erörterung, für Wert erachtet wird.

Und es wäre doch so wichtig angesichts der in Deutschland noch immer praktizierten tatsachen- und geschichtsignoranten rußlandfreundlichen Verklärungen!

Vor allem in Ostdeutschland und in bayerischen Regierungskreisen und bei der in solchen Dingen wie immer aus Profitgeilheit unbekümmert kurzsichtig agierenden Wirtschaft.

Doch das Allerwichtigste findet überhaupt keine Beachtung:

Vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft schreibt der lupenreine Auftraggeber in dreister Offenheit einem souveränen Nachbarland vor, was dieses auf seinem Territorium zu tun und zu lassen habe!

Und bedroht es in seiner Staatlichkeit.

Was ja wohl heranreicht an eine Kriegsdrohung!

Und der Westen und die sogenannte Europäische Union mit ihrer gemeinsamen sogenannten Außenbeauftragten und Deutschland reagieren nicht im geringsten oder stellen dem aggressiven Erpresser wenigstens mal eine Frage.

Auf was für ein erschütterndes Niveau ist der deutsche Journalismus gesunken!

Keinerlei Erörterung in bundesdeutschen Medien!

Stattdessen einen Tag später als typischer SPD-Mann der frohgemute Oppermann als typischer sozialdemokratischer Rußlandgesundbeter, und zwar wieder in den Nachrichten des Deutschlandfunks:

Oppermann (SPD): „Sportereignisse können helfen, das Eis zu brechen“

Bundestagsvizepräsident Oppermann hat sich gegen einen generellen politischen Boykott der anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft in Russland ausgesprochen.

Er sei der Ansicht, diese sollte nicht „total politisiert“ werden.

Total!

„Damit wird nichts gewonnen.“ Ob jemand zu den WM-Spielen nach Russland reise, „das muss jeder selbst entscheiden“. Die Olympischen Spiele in Südkorea hätten gezeigt, dass solche Sportereignisse „auch helfen können, das Eis zu brechen“. Deshalb plädiere er dafür, solche Gelegenheiten immer auch zu politischen Gesprächen zu nutzen.
Oppermann spielt heute mit der Fußballmannschaft des Bundestages in Moskau gegen Abgeordnete der russischen Duma. Fußball könne auch eine Sprache sein, die politisch wirke, sagte der SPD-Politiker im Deutschlandfunk. Es sei unbestritten, dass es erhebliche Differenzen zur Politik von Präsident Putin gebe.

Tapferes Kerlchen, der Oppermann!

Unbestritten!

Aber…

„Aber die Russen sind nicht unsere Feinde und deshalb wollen wir diese sportliche, menschliche Begegnung nutzen, um unsere Gesprächsbereitschaft auch zu zeigen“, betonte Oppermann.

Gesprächsbereitschaft!

Auch zeigen!

Damit der Auftraggeber Bescheid weiß!

Für Friede, Freude, Fußballfreundschaft – immer bereit!

Der Zeitpunkt dafür könne nicht besser sein, weil es in der nächsten Woche einen neuen Anlauf zu einer Lösung des Ukraine-Konflikts geben solle.

Seltsam, der neue Anlauf zu einer Lösung des Ukraine-„Konflikts“, wie Oppermann die russische Aggression zur Gewinnung „Neurußlands“ als Korridor zur Krim und potentiell über Odessa nach Transnistrien nennt, ist zufälligerweise, trotz all der krampfhaft gezeigten Gesprächsbereitschaft, gescheitert. Weil die Seite des lupenreinen Auftraggebers sich anmaßt, aus irgendeinem Grund eine Blauhelmmission nicht zu akzeptieren, die den sogenannten Waffenstillstand dergestalt überwachte, daß auf ukrainischem Staatsgebiet auch die Grenze zu Rußland kontrolliert würde.

Ja, so ist das.

Gestern ein Lichtblick: Der deutsch-russische Autor („Russendisko“) Wladimir Kaminer im Deutschlandfunk:

Stefan Heinlein: Nun also rollt der Ball in Russland. Gestern Nachmittag der Anpfiff für die 21. Fußball-Weltmeisterschaft. 5:0 zum Auftakt, ein klarer Sieg des Gastgebers gegen Saudi-Arabien. Vor der Partie die große Eröffnungs-Show mit Robbie Williams, allerdings ohne westliche Politprominenz auf der Tribüne in Moskau. Die Bühne gehört also ganz dem Kreml-Präsident Wladimir Putin. Er will sich und sein Land als guter Gastgeber präsentieren. Vier Wochen lang werden die Augen aller Fußballfans auf Russland gerichtet sein, und darüber möchte ich jetzt sprechen mit dem Schriftsteller Wladimir Kaminer. Er wurde 1967 in Moskau in der damaligen Sowjetunion geboren. Er lebt und arbeitet aber seit vielen Jahren in Deutschland. Guten Morgen, Herr Kaminer.

Wladimir Kaminer: Guten Morgen! – Ich muss der Wahrheit halber sagen: 17 Regierungschefs waren mit Putin auf der Tribüne. Allerdings kamen sie alle aus den Ländern, die keinen Fußball spielen können. 15 davon haben keinen Fußball gespielt und zwei sind unbekannt.

Heinlein: Aber Gerhard Schröder war auf der Tribüne und kann auch Fußball spielen. Ist das eine besondere Ehre dann auch für Wladimir Putin?

Kaminer: Ich glaube, dass er schon unbedingt die anderen auch haben wollte. Es ist übrigens schade, finde ich, dass Frau Merkel zum Beispiel nicht hingeflogen ist mit dem kleinen Plakat „Free Oleg Senzow“. Dann hätte man doch vielleicht diesen politischen Gefangenen, diesen Filmregisseur, der 20 Jahre in Moskau bekommen hat und jetzt Hungerstreik hält, rausholen können, oder ein paar andere.

Heinlein: … Herr Kaminer, erst mal herzlichen Glückwunsch! 5:0 – das ist ja klarer als erwartet. Tanzen jetzt die Russen auf den Tischen? Ist der Titel in greifbarer Nähe?

Kaminer: Die Russen sind verblüfft. Die haben ja nichts anderes gemacht, als über ihre Mannschaft geschimpft während dem ganzen letzten Monat. Sie haben natürlich die Rolle des Präsidenten bei diesem Spiel unterschätzt. Nicht umsonst war ja der Scheich schon 20mal in den letzten zwei, drei Monaten in Moskau. Die haben da irgendwas abgemacht. – Es wird ja sowieso nichts in Russland passieren, was nicht mit dem Präsidenten abgesprochen ist. … Man weiß doch, dass Fußball nicht nur ein Leistungssport ist. Da spielen auch Glück und Schicksal eine wichtige Rolle und durchaus kann eine schwächere Mannschaft gegen eine stärkere gewinnen. Allerdings haben die Saudis natürlich sich ein bisschen zu viel Mühe gegeben, um ganz schlecht zu sein.

Heinlein: Wie populär ist eigentlich der Fußball zuhause bei Ihnen in Russland? Ist das tatsächlich nur die Nummer zwei hinter Eishockey?

Kaminer: Ja, Fußball ist sehr populär. Die besten Zeiten hatten wir in der Sowjetunion, glaube ich. Damals hat die Nationalmannschaft auch sich gespeist aus den anderen Republiken, die heute unabhängige Staaten sind. Unsere besten Spieler waren ja aus Dynamo Kiew, Ararat Eriwan, Dinamo Tiflis. Das sind alles heute andere Länder.

Heinlein: 2006 hat Deutschland ja mit dem Sommermärchen tatsächlich diesen Image-Wandel geschafft. Alle waren erstaunt, wie fröhlich und wie unverkrampft wir Deutschen feiern können. Wie hoch sind denn die Chancen aus Ihrer Sicht für ein russisches Sommermärchen?

Kaminer: Russisches Sommermärchen sieht wie folgt aus: Für vier Wochen sind alle Demonstrationen und irgendwelche Begegnungen auf der Straße verboten. Dabei tanzen von früh bis spät Iraner, Argentinier, Peruaner auf den Straßen von Moskau. Ich habe gestern Fotos gesehen, das war Wahnsinn. Die Polizei weiß gar nicht, was sie machen soll mit all diesen tanzenden Menschen von der ganzen Welt. Sie haben in ihren Anweisungen nur einen Satz stehen: Sie müssen immer lächeln und sagen, „Welcome to Russia“.

Da kommen doch die Russen selbst bald auf die Idee, dass sie auch tanzen dürfen auf ihren Straßen!

Heinlein: Sie sagen es: Nur ein sehr kleiner Teil der Russen, der privilegierten Russen, muss man sagen, war ja bisher im Ausland. Viele haben überhaupt keinen Reisepass. Könnte tatsächlich diese WM das Weltbild der Russen verändern?

Kaminer: Das wird auf jeden Fall passieren. Das sehe ich jetzt schon an den vielen Reaktionen in den sozialen Netzwerken, dass sie sich total wundern, dass die Welt so lustig drauf ist.

Heinlein: „Die Welt zu Gast bei Freunden“ – das war das Motto der Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Das ist durchaus auch etwas, was die Russen als Gastgeber sich zu Herzen nehmen werden?

Kaminer: Die Welt zu Gast bei Russen – das ist noch lustiger als bei Freunden!

Heinlein: Herr Kaminer, reden wir ein wenig über das Politische. Will Putin ablenken von Korruption, Krim und Doping? Soll Fußball auch so etwas sein wie Opium für die Welt?

Kaminer: Ich glaube, dass die FIFA mehr Mitglieder hat als die UNO. Eigentlich ist Fußball wichtiger als Politik.

Heinlein: Auch in Russland?

Kaminer: Gleich am ersten Tag dieser Weltmeisterschaft wurde die Mehrwertsteuer erhöht von 18 auf 20 Prozent und das Rentenalter angehoben, und die Menschen können nicht mal dagegen protestieren, weil sie haben ja Demoverbot.

Heinlein: Ich bedanke mich, Herr Kaminer, für das Gespräch.

Ja, das Rentenalter ist plötzlich angehoben worden in Rußland.

Aber nur um acht Jahre.

Auf dieser lupenreinen landesväterlichen Fragenbeantwortungsinszenierung war es dem lupenreinen Auftraggeber ein offensichtliches Anliegen zu betonen aus irgend einem Grund, wie umfänglich die russische Wirtschaft momentan prosperiere.

Da fällt mir ein, bei derselben russischen Veranstaltung oder vielleicht ein paar Tage vorher, da war irgendwie die Rede auf Iwan den Schrecklichen gekommen, und daß er seinen ältesten Sohn ja erschlagen hatte vor Wut. Was der lupenreine Wladimir Wladimirowitsch jedoch vehement bestritten haben soll: Das sei eine Lüge des Westens!

Das kann ich nur unterstützen.

Wie ich den Westen kenne, seit jeher verbreitet der über Rußland antisowjetische Lügen, Falschmeldungen und sogar Fäknjus!

Wie ich den Westen kenne, und da kann ich den lupenreinen Wladimir Wladimirowitsch nur schon warnen, löge der Westen demnächst sogar, der in Rußland göttergleich verehrte Peter der Große habe seinen Sohn zu Tode foltern lassen und selbst mit Hand angelegt dabei! Der Westen, wie ich ihn kenne in seiner Verlogenheit, könnte der Idee verfallen, die Fäknju zu verbreiten: Exakt heute in zehn Tagen, nämlich am 26. Juni, jähre sich zum dreihundertsten Mal der Tag, an dem der Zarewitsch Alexej starb nach wochenlangen Verhören. In welchen er die Aussage seiner Geliebten Afrosinja über seine verbrecherischen Absichten bestätigt haben soll unter der Knute: Er werde als Zar wohnen in Moskau und nicht in Petersburg! Er werde weder eine Flotte halten noch Kriege führen!

Und der Westen, wie ich den kenne, könnte behaupten, noch bevor Peter der Große darauf das gegen seinen Sohn gefällte Todesurteil unterzeichnen konnte, sei dieser am nächsten Tag an den Folgen der Folter gestorben.

Alexej, den der russische Gesandte aus dem sicheren Wiener Asyl, in das er aus Furcht vor seinem Vater geflohen war, mit falschen Versprechungen zur Rückkehr nach Rußland gelockt hatte.

Das könnte der verlogene Westen behaupten.

Oder auch, welch entsetzliches Strafgericht bei seiner Rückkehr von seiner Europareise Peter der Große anrichten ließ unter den Strelitzen, seiner Leibgarde. Etwa 800 ließ er hinrichten, wobei, wie der Westen behaupten könnte, Peter der Große es sich nicht hatte nehmen lassen, bei diesem und jenem selbst Hand anzulegen und sie mit dem Beil persönlich zu enthaupten. In seiner antisowjetischen Verlogenheit würde sich der Westen mit solchen Fäknjus dreist auf Beobachtungen des damaligen kaiserlichen Gesandten berufen.

Und wie ich ihn kenne, wäre der Westen auch imstande zu behaupten, bereits Jahre zuvor, nämlich als er seine Stiefschwester Sofja lebenslänglich ins Kloster verbannte, hatte der verehrte Peter den damaligen Chef der Strelitzen hinrichten lassen nach schwerster Folter. Und, könnte der Westen behaupten, anläßlich der erwähnten Massenhinrichtung habe Peter der Große eine gewisse Anzahl der Strelitzen seiner Stiefschwester direkt vor ihrem Fenster im Kloster aufhängen lassen mit dem strickten Befehl, die verwesenden Leichen bis zum Tode Sofjas dort hängen zu lassen.

Doch zum Glück herrscht heute im Kreml der Auftraggeber, der all die westlichen Lügen über das ruhmredige Rußland entlarven wird.

Lu-pen-rein!

Wie schon zuvor bei MH18 und bei all den unzählig anderen.

Und die so was behaupten, über Iwan oder Peter oder Staatsdoping und so weiter und so fort, die sollen sich vorsehen!

 

Groß ist das heilige russische Land, aber die Wahrheit hat nirgends Platz.“

(Russisches Sprichwort)

 

In keiner Spielminute vergessen: Rußland, Gefangenschaft, Hungerstreik – was für eine Qual!

 

Unterscheiden zwischen Verschiedenem

 

2. März 2018: Bellarmin an Mephisto

Auf das Abweisen von Ausländern an der Essener Tafel folgte vorhersehbar als typischer Reflex der typische Aufschrei der typischen Verdächtigen:

„Diskriminierung!“ „Ausländerhaß!“ „Rassismus!“

Hierzu für Dich ein Interview gestern im Deutschlandfunk:

Barenberg: Sie haben sich zu Wort gemeldet und Sie haben sich an die Seite der Essener Tafel gestellt. Warum war Ihnen das ein Bedürfnis?

Schröder: Die Leitung der Tafel hat gesagt, dass wegen der vielen Migranten, die im Wesentlichen junge, kräftige Männer sind, sehr viele alte Frauen und alleinstehende Mütter weggeblieben sind, weil sie sich verdrängt fühlen. Jetzt ist die ganze Diskussion auf Deutsche oder Ausländer getrimmt worden. Ich bitte darum, mal zu bedenken, dass es um kräftige, junge Männer auf der einen Seite geht, die zum Teil wenig Rücksicht gegenüber Frauen haben, weil das in ihrer Kultur nicht üblich ist, und auf der anderen Seite hilfsbedürftige Frauen handelt. Und da habe ich dafür plädiert, dass durch die Entscheidung, Frauen, alte Frauen, alleinstehende Mütter wieder eingeladen werden, auch zur Tafel zugelassen zu werden, denn die Migranten mit den Ellenbogen haben inzwischen 75 Prozent der Kapazität für sich gekapert.

Sie haben das doch gehört! Der Integrationsminister von NRW hat das auch angesprochen und gesagt, Leute mit schlechtem Benehmen sollen von der Tafel ausgeschlossen werden. Das müssen wir mal feststellen, dass es das gibt! Es gibt Migranten mit schlechtem Benehmen.

Barenberg: Sie haben gerade ja diesen Unterschied gemacht. Es gibt Menschen mit schlechtem Benehmen und Menschen mit gutem Benehmen. Die Essener Tafel allerdings macht ja die Sache an dem Pass selber fest. Wenn von zwei Bedürftigen der ohne deutschen Pass abgewiesen wird, handelt der sich nicht automatisch und zurecht den Vorwurf ein zu diskriminieren?

Schröder: Diskriminieren heißt Unterschiede machen. Unterschiede werden gemacht. – Wissen Sie, es gibt keine alten Frauen und alleinstehende Mütter unter den Migranten. Die kommen nicht! Das ist nun mal so.

Barenberg: Da kann ich Ihnen aber ein Gegenbeispiel nennen, Herr Schröder.

Schröder: Ja, ein Gegenbeispiel. Das gibt es immer.

Barenberg: Aus Essen wurde gestern berichtet, dass beispielsweise jetzt nach den neuen Regeln eine 65-jährige Frau aus dem ehemaligen Jugoslawien abgewiesen wurde. Sie ist seit 1971 in Essen ansässig. Sie hat eine kleine Rente. Sie zahlt seit Jahrzehnten Steuern, wie sie sagt, und ist jetzt abgelehnt worden. Ihr Schein läuft gegen Ende März aus. Zeigt das nicht das ganze Dilemma, in das sich die Tafel in Essen genau mit der Orientierung am Pass selber gebracht hat?

Schröder: Das sehe ich nicht so. Sie brauchen ja irgendein Kriterium, um das unbestreitbare Ungleichgewicht wiederherzustellen. Es soll ja auch nur eine zeitlich begrenzte Maßnahme sein. Und das muss man auch mal sagen: Die Tafel ist kein staatliches Instrument zur Unterstützung von Hilfsbedürftigen, sondern eine Verteilung von Lebensmitteln mit Verfallsdatum. Und irgendein Kriterium braucht man, wenn ein solches Ungleichgewicht sich hergestellt hat. Man kann das auf diese Weise einigermaßen korrigieren.

Ich selber habe das Vorgehen mit dem Pass gar nicht für das Optimale gehalten, sondern gesagt, es wäre besser, wenn man die Tage verteilt. Es gibt eine steigende Nachfrage und das Angebot lässt sich nicht steigern, denn es handelt sich ja um Lebensmittel kurz vorm Verfall. Das werden ja nicht plötzlich mehr, wenn mehr Leute kommen.

In Chemnitz hat man dann zum Beispiel gesagt, einen Tag nur Migranten, alles was da ist, geht an Migranten, einen oder zwei Tage haben die da, glaube ich, für Einheimische, und dann haben sie noch einen dritten Tag für Behinderte, weil das nämlich auch eine Problemgruppe ist, die fühlen sich zum Teil auch durch die mit deutschem Pass insofern Gesunden beeinträchtigt und kommen lieber unter sich dahin. Das ist in meinen Augen eine sinnvollere Lösung als die mit dem Pass alleine.

Barenberg: Genau das lag ja auch dem Hinweis, den Sie selber gemacht haben, auf die Bemerkung von Joachim Stamm zugrunde, dem FDP-Integrationsminister in Nordrhein-Westfalen. Der sagt, deutsch oder nicht deutsch ist die falsche Frage. Es geht darum, ob sich jemand anständig benimmt oder nicht den anderen gegenüber.

Schröder: Jawohl!

Barenberg: Das wäre Ihre Empfehlung, sich an Lösungen zu orientieren, …

Schröder: Na ja, das ist schon besser. Aber wissen Sie, wollen wir denn – – Ich meine, wenn sich jemand schlecht benimmt, dann wird er ausgeschlossen. Das ist relativ einfach. Aber bei der Zulassung, dann wissen Sie doch nicht, ob der sich schlecht benimmt oder gut. Deswegen finde ich es vertretbar, dass man hier, um ein offensichtliches Ungleichgewicht auszuräumen, auf Zeit sagt, jetzt werden keine weiteren Migranten zugelassen. Die 75 Prozent Migranten, die bleiben doch. Es wird doch niemand ausgeschlossen, sondern es wird nicht zusätzlich aufgenommen.

Barenberg: Stephan Mayer ist innenpolitischer Sprecher der Union im Bundestag. Er ist Abgeordneter der CSU und er sagt jetzt, wir müssen den Eindruck vermeiden, dass wegen der Flucht und der Migration und wegen der enormen Mittel, die der Staat aufbringt, der Eindruck entsteht, die würden für Flüchtlinge aufgewendet, hilfsbedürftige Deutsche würden aber schlechter gestellt. Ist es nicht genau diese fatale Rutschbahn, auf die man mit einer solchen Entscheidung gerät, anders, als wenn man wie Sie sagt, man soll das nach Gruppen differenzieren, oder nach der Art und Weise, wie sich die Menschen dort verhalten?

Schröder: Ich sage noch mal: Sie können doch nicht voraussehen, wie sich die Menschen verhalten werden. Es gibt einen Durchschnittswert, der besagt, dass unter den Migranten, die nämlich irrtümlich der Meinung sind, dass die Tafel ein ihnen zustehender Anspruch sei, sehr viele, sagen wir mal, sehr rabiate Verhaltensweisen an den Tag gelegt haben. Sie können doch den Tatbestand nicht aus der Welt schaffen, dass, wie ich vorhin schon gesagt habe, Frauen, alleinstehende Frauen und alte Frauen unter den Migranten sehr selten sind. Und wenn die verdrängt werden, dann hat das in der Tat den Effekt, dass man den Eindruck hat – und der ist natürlich fürs öffentliche Klima Gift -, um die Migranten kümmert man sich und um die Einheimischen nicht. Man muss auch diesen Eindruck, der ja niemandes Menschen Intention bei der Tafel ist, man muss auch den Eindruck vermeiden.

Barenberg: Ich würde zum Schluss gerne noch einen anderen Punkt ansprechen, den Sie erwähnt haben. Die Essensausgabe der Tafeln sei keine staatliche Leistung, kein staatliches Instrument. Ich erwähne das deshalb, weil unter den Kritikern ja auch viele sind, die sagen, dass diese Situation in Essen so gekommen ist, sei ein großes Alarmsignal und ein Zeichen dafür, dass der Staat seiner Verantwortung bei der Bekämpfung von Armut, bei der Betreuung von Hilfsbedürftigen gar nicht gerecht wird.

Schröder: Das ist ein Argument, was nichts taugt – deshalb: Wissen Sie, wenn irgendjemand, der schlecht bei Kasse ist, die Möglichkeit angeboten bekommt, billige Nahrungsmittel zu erwerben, dann wird er das nicht nur dann tun, wenn er Hunger hat, sondern auch dann tun, wenn er dadurch Geld spart, mit dem er zum Beispiel mal ins Kino gehen kann. Ich gönne das ja den Leuten. Aber zu behaupten, dass jeder so viel Geld bekommen sollte, dass er, weil es sich für ihn nicht mehr lohnt, nicht zur Tafel geht, was ist denn das für eine merkwürdige Logik. Es ist ja nicht so, dass die Tafel die Leute vorm Hungern rettet, sondern sie sparen Geld, das sie für anderes verwenden können. Das gönne ich auch den Bedürftigen. Aber zu behaupten, der Staat müsste so viel zahlen, dass die Leute an der Tafel vorbeigehen und sagen, was soll ich denn dort, das ist doch eine absurde Erwartung!

Barenberg: … sagt der evangelische Theologe und Sozialdemokrat Richard Schröder.

Richard Schröder war nach dem Mauerfall Fraktionschef der SPD in der DDR-Volkskammer und saß später auch für die SPD im Bundestag.

 

Und im Abgrund wohnt die Wahrheit.

Friedrich Schiller (1759 – 1805)

 

Die Sprache wird immer unverständlicher

 

21.1.18 Bellarmin an Mephisto

Anfang Dezember hatte die sogenannte Gesellschaft für deutsche Sprache den Begriff „Jamaika-Aus“ tatsächlich zum sogenannten Wort des Jahres gekürt. Wenn diese occasionelle, oder vielleicht deutlicher, wenn einen diese temporäre Bildung journalistischer Originalität auch nicht unbedingt vom Hocker riß, gegenüber eines seiner Wortdesjahres-Vorgänger besaß „Jamaika-Aus“ immerhin den nicht zu unterschätzenden Vorteil, daß man das Monstrum zum Zeitpunkt seiner Verkündung schon einmal vernommen hatte. Aber offenbar nur aufgrund eben gerade der mangelnden sprachlichen Originalität der Berufskollegen seines Schöpfers: Zum fraglichen Zeitpunkt hämmerten es die Medien im Gleichschritt, also alternativfrei, der hilflos ausgelieferten Öffentlichkeit ein.

Dennoch wage ich die Prognose: Das bemühte Wort des Jahres 2017 wird wohl kaum dauerhaft in den Wortschatz der ehemaligen Sprache der Dichter und Denker sickern.

Wie man erfahren konnte, sei auf Platz zwei einer Anwartschaft für das sogenannte Wort des Jahres wahrhaftig der verlogene Begriff „Ehe für alle“ gelandet!

Das ist uns also erspart geblieben.

Und wir hoffen, daß uns, entgegen der fragwürdigen und anläßlich des spdämlichen Überfalls im Bundestag kritisch nicht hinterfragten Argumentation für diesen offensichtlichen Euphemismus zur Durchsetzung des unbeschränkten Adoptionsrechtes homosexueller Paare, wenigstens die mohammedanische Vielehe und die inzestuöse Ehe, die ja als logische Folge jener flachköpfigen Begründungen ihre Gleichberechtigung ebenso einklagen dürften, unserem Lande erspart bleiben.

Ehe für alle“ – womit wir natürlicherweise der Sache nach anlangen beim „Unwort des Jahres 2017“.

Dessen Verkündung ich angesichts seiner Vorgänger begreiflicherweise wieder mit Bangen harrte.

Und die kam.

Das Unwort des Jahres 2017 wäre „alternative Fakten“, verkündete bei uns in Deutschland die Darmstädter Jury.

Der Ausdruck stehe für den Versuch, Falschbehauptungen in der öffentlichen Debatte salonfähig zu machen. Eine Beraterin von US-Präsident Trump hatte die Formulierung verwendet. Die Sprachwissenschaftler rügten zudem den Begriff ‚Shuttleservice‘ im Zusammenhang mit der Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer sowie das Wort ‚Genderwahn‘“, vermeldete man beflissen.

Shuttleservice“, also „Fährdienst“, ist deshalb ein hilfreicher Begriff, weil er als schmerzhaft Wahrheit enthüllendes Wort ein grelles Schlaglicht wirft auf unhaltbare Zustände vor der libyschen Küste, die allerdings in Deutschland weitgehend ausgeblendet immerhin vor italienischen Gerichten eine juristische Aufarbeitung finden. Und zwar nicht „im Zusammenhang mit der Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer“ sondern im Zusammenhang einer Zusammenarbeit mit Verbrecherbanden übelster Sorte, nämlich sogenannten Schleppern.

Bei „Genderwahn“ handelt es sich ebenfalls um eine durch und durch akzeptable, weil diskussionsanregende Wortschöpfung, sofern man nicht dem politischen Korrekturwahn unterliegt. Mark Lilla, Professor für Ideengeschichte in New York an der Columbia University wird im SPIEGEL vom 13.1. als „Prophet der amerikanischen Linken“ zitiert mit einem Satz aus seinem „meistgelesenen Gastkommentar des Jahres“ in der NEW YORK TIMES:

Wenn man als linksliberales Establishment aufhöre, die weiße Unterschicht zu verachten, sie nicht mehr als Rednecks oder Deplorables beschimpfe und ein bißchen weniger über die LGBTQ-Community (Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transgender und Queer) redete, würden vielleicht die Menschen jenseits der liberalen Küstenstädte wieder zuhören.

Und:

Vielen Wählern sei nicht zu vermitteln, warum Transsexuelle auf die Toilette ihrer Wahl gehen sollten.

In dem Artikel ging es übrigens um die Ursachen für die Präsidentschaft eines Typs wie die Donald Trumps…

Aber „Jender“ an sich ist natürlich ein Unwort im Deutschen.

Wenn man über ein Minimum an Sprachempfinden verfügte.

Doch nun sind es also die „alternative Fakten“… Ein durchaus zu kritisierender, aber vielleicht auch eher im Sinne Heines oder Tucholskys zu verlachender und so der befreienden Kraft der Lächerlichkeit auszusetzender Begriff. Der im übrigen anläßlich des Momentums seiner Kreation hochintelligenterweise von Kellyanne Conway im Hinblick auf den nachweislich der Lüge überführten, pardon, über den Njus fäkenden Sean Spicer sogar ironisierend gemeint gewesen sein könnte.

Und im deutschen Sprachgebrauch von anderen Unwörtern wahrlich weit übertroffen wird!

Wenn man bei einer Unwortvergabe statt der die Jury mit Blindheit schlagenden einseitig linkslastigen, also unwissenschaftlichen Empörungshaltung auch einmal die Pflege unserer schönen Sprache und ihres überreichen Wortschatzes in sein Blickfeld rückte.

Angesichts all des Fäknjus-Gefasels unserer Journalisten.

Lügen, so wurde die Verdrehung der Tatsachen früher genannt“, schrieb das BADISCHE TAGBLATT im Hinblick auf die diesjährige Unwortvergabe, womit wir ganz vortrefflich auch den idiotischen Gebrauch von „Fäknjus“ charkterisiert finden.

Ich fäke Njus, du fäkst Njus, er, sie es fäkt Njus, wir fäken Njus, ihr fäkt Njus, sie fäken Njus und sie haben Njus gefäkt.

Himmel-, Arsch- und Wolkenbruch, wer hat diese tauben Versager bloß mit ihrem Amt bestallt?

Jender“ steht auf Platz 3 meiner Favoriten an Unwörtern aus dem Jahr 2017.

Auf Platz 2 kommen die unsäglichen „Fäknjus“.

Und, Tätärätä!, auf Platz 1 steht wieder unschlagbar und in 99,99999999999… Prozent der Fälle völlig überflüssig und im Restfall leicht im Deutschen ersetzbar verwendete „leif“.

 

 

Das Problem mit dem Unwort des Jahres ist, dass die Jury mit der Auszeichnung das Gegenteil ihres Anliegens bewirkt. … Die ‚alternativen Fakten‘ erhalten so eine Bedeutung, die sie nicht verdienen. Wörter mit dem Präfix „un-“ sind nur selten positiv. Auch das Unwort bringt die Welt nicht weiter. So ist es vor allem eines: unsinnig.

FLENSBURGER TAGEBLATT am 17.1.

 

Denn tatsächlich hatte die Formulierung entlarvenden Charakter. Sie legte frühzeitig offen, dass nicht nur Donald Trump, sondern auch sein Stab willentlich gegen Grundregeln des rationalen Diskurses und der Redlichkeit verstoßen.

Von „Alternativen Fakten“ zu sprechen, war insofern eine vernichtende intellektuelle Selbstbezichtigung – weshalb der Begriff auch kaum Verteidiger gefunden hat. Allein die rechtspopulistischen „Breitbart News“ bemühten sich um Rechtfertigung, indem sie „Alternative Fakten“ als neuen Ausdruck für die je persönliche Perspektive auf ein Ereignis definieren wollten. Das aber war viel zu durchsichtig, um flächendeckend zu verfangen.

Gewiss, es mag vereinzelt geistig anspruchslose Menschen geben, denen „Alternative Fakten“ als tolle Alternative zum herkömmlichen Fakten-Begriff erscheinen. Und der konventionelle Begriff ‚Faktum‘ hat auch durchaus gewisse Unschärfen. Doch er erweist sich als so stabil, dass die Variante „Alternative Fakten“ mühelos als das miserable Flötenspiel von Rattenfängern zu erkennen bleibt.

‚Alternative Fakten‘ mag also auf dem Papier ein übles Unwort sein, in der Realität hat es nach kurzer Aufregung zumindest in Deutschland wenig Schaden angerichtet. Eigentlich hat es keine Auszeichnung verdient.

Arno Orzessek am 16.1. im Deutschlandfunk

 

Wann Ochsen zittern

 

30. Dezember 2017 – Adelbert an Mephisto

 

 

Vom pythagoräischen Lehrsatz

 

Die Wahrheit, sie besteht in Ewigkeit,

Wenn erst die blöde Welt ihr Licht erkannt;

Der Lehrsatz, nach Pythagoras benannt,

Gilt heute, wie er galt zu seiner Zeit.

 

Ein Opfer hat Pythagoras geweiht

Den Göttern, die den Lichtstrahl ihm gesandt;

Es taten kund, geschlachtet und verbrannt,

Einhundert Ochsen seine Dankbarkeit.

 

Die Ochsen seit dem Tage, wenn sie wittern,

Daß eine neue Wahrheit sich enthülle,

Erheben ein unmenschliches Gebrülle;

 

Pythagoras erfüllt sie mit Entsetzen;

Und machtlos, sich dem Licht zu widersetzen,

Verschließen sie die Augen und erzittern.

 

 

Adelbert von Chamisso (1781 – 1831)

 

20.10.17 Serapion an Mephisto

 

Es handelt sich eigentlich immer um dasselbe. Ein treffendes Beispiel ist Darwin. Am 2. Oktober 1836 landet die „Beagle“ mit ihm und seinen gesammelten Schätzen wieder in England. Anschließend hat er zu tun mit dem Sichten und Ordnen und Denken. Schon während der Expedition hatte er an Abstammung aus einer gemeinsamen Vorform gedacht. Doch warum und wie? Die Idee einer „natürlichen Zuchtwahl“ („Natur“ und „Zucht“ – das war und ist ja schon einmal ein wahnsinniger Begriff!), die kommt ihm dann exakt datierbar am 28. September 1838. Nämlich bei der Lektüre der malthusschen Thesen. Du erinnerst Dich, Thomas Robert Malthus: Das ungebremste Bevölkerungswachstum der Menschheit müsse zu Hungersnöten führen…

Also welch abwegige Schnapsidee!

Man schüttelt heute noch den Kopf…

Jedoch der Darwin malte ihn sich deutlich aus, also den zwangsläufig resultierenden Kampf ums Überleben des Homo sapiens.

Des sogenannten „weisen Menschen“…

Und selbiges bringt ihn auf die Gedanken der Evolution durch Selektion.

Durch Auslese der Bevorteilten.

Was ich eigentlich sagen wollte und worum es mir geht, ist aber dieses:

Er traute sich nicht, das zu sagen!

Über zwei Jahrzehnte lang!

Aus Angst, weil, es handelte sich um eine Idee und um Gedankengänge gegen die öffentliche Meinung.

Pardon, gegen den Mänstriem.

Gegen die Political, pardon, damals wohl gegen die Christian Correctness.

Gott sollte untaugliche Wesen geschaffen haben?

Die untergehen mußten im Überlebenskampf?

Erst als ihn im Juni 1859 ein Manuskript des Alfred Russel Wallace erreicht, unabhängig von ihm mit den gleichen Gedankengängen, faßt er den Mut und tritt hin vor die Linnéan Society und trägt vor.

Und nennt auch Wallace: Also sie sind schon zwei…

Im Januar 1860 erscheint endlich sein „Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl oder die Erhaltung der begünstigten Rassen im Kampfe ums Dasein“.

Bis heute, wenn man es sich wirklich überlegen wollte: Was für eine Sprengkraft schon im Titel!

Dabei war es über hundert Jahre zuvor dem Franzosen Benoît de Maillet nahezu identisch ergangen mit seinen Gedanken, alles Lebendige entstamme Keimen des Meeres. Zwei Jahrzehnte brauchte er für das Wagnis, sie 1735 anonym drucken zu lassen!

Auch der Lehrer Lamarcks, Georges Louis Buffon, geht hundert Jahre früher als Darwin schwanger mit derartigen Evolutionsideen. Seine Selbstzensur hindert ihn, „unchristliche“ Schlußfolgerungen ziehen…

Und Lamarck? Der wird eher nicht angefeindet wegen fehlerhafter Vorstellungen. Sondern wegen des Evolutionsgedankens an sich.

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf…

 

‚Wahrheit‘ definieren wir mit Aristoteles als die Eigenschaft einer Aussage, die sagt, was ist. ‚Gewißheit‘, ‚Sicherheit‘, ‚Evidenz‘ bezeichnen psychische Zustände, in denen es einem Menschen mehr oder weniger unmöglich ist, eine bestimmte Überzeugung sinnvoll zu bezweifeln. Ganz offensichtlich haben diese beiden Eigenschaften (einmal einer Aussage, das andere Mal einer psychischen Befindlichkeit) kaum etwas miteinander zu tun. Entsprechend unterscheiden wir ‚Realität‘ als das von der Menge aller möglichen Aussagen Bezeichnete von ‚Wirklichkeit‘ als der Menge der individuellen oder kollektiven Überzeugungen, an denen ein Mensch, eine Gruppe oder eine Gesellschaft nicht sinnvoll zweifeln kann, ohne sich selbst radikal infrage zu stellen. Solches radikale Infragestellen wird über psychische und soziale Mechanismen zumeist sehr wirkungsvoll verhindert. So darf es uns auch nicht wundern, daß Sokrates wegen Gottlosigkeit (denn alle Theologie scheint auf der Gleichsetzung zu beruhen: ‚Was gewiß ist, ist auch wahr‘, kann sie doch ’nur‘ Gewißheiten vermitteln) und Verführung der Jugend (denn auch die Politik folgt dem gleichen Muster wie die Theologie) zum Tode verurteilt wurde. Bis zum heutigen Tage tun übrigens viele für Religion wie für Politik Verantwortliche fast alles, um diesen Unterschied zwischen Wahrheit und Gewißheit nicht ins allgemeine Bewußtsein dringen zu lassen.“

Rupert Lay Dialektik für Manager

 

23.6.17 Bellarmin an Mephisto

 

Helmut Kohl ist gestorben.

Ich habe ihn nicht gemocht. Sicher, mein Unwille läßt sich zu einem großen Teil zurückführen auch auf die Art und Weise wie Kohl mit Genschers Hilfe den sozialdemokratischen Kanzler Helmut Schmidt aus dem Amt hebelte. Zwar fürchtete ich damals nicht, wie der freilich allergrößte Teil der Ostdeutschen unter Einschluß selbst der kritischeren Geister, daß mit dem Regierungsantritt Kohls nun die Bahr/Brandtsche Entspannungspolitik zu ihrem Ende käme. Gewiß eine insofern berechtigte Sorge: Wir befanden uns in Zeiten der Raketennachrüstung gegenüber des wieder einmal blanker zutage getretenen, aber nichtsdestoweniger ordinären russischen Imperialgehabes. Und alle gutmenschlichen Friedensaktivisten sammelten sich und protestierten … gegen den Westen.

Und gegen die Nato.

Dank dessen und derer sie protestieren durften….

Nein, diese im übrigen von der östlichen Propaganda genährten Befürchtungen teilte ich nicht. Sondern mir war einfach Kohls schnöde Art zuwider. Dieses: Ich habe die Macht, folglich drücke ich Schmidt an die Wand.

Also statt eines: Die Macht für mein Ziel – jenes Stumpfe: Die Macht ist mein Ziel.

Diese Macht erhielt er nur mit Hilfe des Überläufers Hans-Dietrich Genscher.

Später avancierte der dem Helmut Schmidt in den Rücken Gefallene, der Übergelaufene, dann zum Vielgeliebten. Und doch waren einst Leute durch die Straßen gezogen mit den hartnäckigen Sprechchören auf den Lippen:

 

Gen-scher heißt er,

uns be-scheißt er!“

 

Das war aber noch vor Genschers Verrat.

Allein die Reden Schmidts gegenüber den Reden Kohls! Hör sie Dir an! Hör Dir eine beliebige Rede an von dem einen und eine von dem anderen. Wenn Du nichts weiter wüßtest über diese beiden Männer – danach weißt Du alles.

Und Du würdest wahrscheinlich noch mehr Reden hören wollen von dem einen.

Und meinen Groll gegen Kohl verstehen.

Aber dann!

Dann fiel die Mauer. Der antifaschistische Schutzwall wurde überrannt von den Antifaschisten.

Und nun zeigte sich, was in dem Kerl steckte. Damit meine ich nicht so sehr sein zehn Punkte Programm zur Wiedervereinigung. Denn die Idee lag auf der Straße, und er wäre endgültig dumm gewesen, wenn er sich nicht nach ihr gebückt hätte. Obwohl sehr sehr viele, wenn nicht die meisten renommierten Intellektuellen des Westens in bemerkenswerter Weise nicht auf diese an sich naheliegenste Idee einer Wiedervereinigung kamen. Häufig wegen gutmenschlicher und demnach hirnverkleisternder Erwägungen. Beispielsweise und in Übereinstimmung mit großen Teilen der über den Mauerfall tatsächlich erschrockenen DDR-Opposition. Derart, daß man ja nun endlich darangehen könne, in der DDR den wahren, wirklichen und guten Sozialismus aufzubauen… Oder daß man politisch nicht korrekt wäre, das Wort „Wiedervereinigung“ in den Mund zu nehmen angesichts der deutschen Vergangenheit…

Und und und.

Besonders hervor taten sich der übliche Skandalisierer Günter Grass und der üble Oskar Lafontaine. Beide zugehörig zur ohnehin nicht unter einem Mangel an Narzissen leidenden sozialdemokratischen Partei Westdeutschlands. Doch der erstgenannte hat zumindest ein sehr gutes Buch geschrieben. Also ein in etwa während der ersten zwei Drittel sehr gutes Buch hat er geschrieben und danach durch jahrelange Ausdauer in Sachen quartalsperiodischer Eklatverursachungen erfolgreich seine Nobelpreisverleihung betrieben. Während der zweite sich zwar ebenfalls durch eine gewisse Ausdauer auszeichnete, aber weniger im Verfassen nobelpreisverdächtiger Bücher als vielmehr kollaborierend seinem Landsmann Erich Honecker immer aufs neue in den Hintern kriechend. Zuletzt in der Bundesrepublik als Lobbyist des deutschen demokratischen Staatsratsvorsitzenden dessen Streben nach Anerkennung einer eigenen DDR-Staatsbürgerschaft befördernd. In der Absicht damit den aus sozialistischer Leibeigenschaft Fliehenden die diplomatische Unterstützung zu versagen. So, wie es das Regime des Unrechtsstaates plante als Vorstufe zur Auslieferung ins Ausland geflüchteter DDR-Bürger.

Da hat der Helmut Kohl sich also gebückt und seiner Macht endlich ein Ziel gezeigt. Er hätte es nicht zu tun brauchen, hätte es aussitzen und auf die hinter Lafontaine singenden Chöre hören können, und heutzutage, unter sehr unwahrscheinlichen erneuten glücklichen Umständen, hätten wir eventuell mit Wladimir Wladimirowitsch Putin über den Abzug russischer Truppen aus Ostdeutschland verhandeln dürfen.

Wenn Kohl sich nicht gebückt hätte.

Das Momentum zu erkennen und zu nutzen war die eine Leistung.

Dann hat er mit Gorbatschow, diesem einzigartigen Glücksfall russischer Geschichte und der Welt, dann hat er mit Gorbatschow, den der im Fach Geschichte promovierte Kohl erst unlängst zuvor mit Goebbels verglichen hatte, nicht nur verhandelt, sondern er hat Gorbatschow sich zum Freund und zum Freund Deutschlands und der Deutschen gewonnen!

Das war seine Leistung!

Und er hat den steifnackigen Mitterrand umgestimmt! Wenn auch nur durch die Zustimmung zur Schnapsidee einer europäischen Einheitswährung, einer Europa heute spaltenden rein politischen Währung.

Doch anders ging das nicht.

Das war seine Leistung!

Dann hat er all die anderen Bedenkenträger für sich gewonnen und die Kläffer beiseite gedrückt.

Das war seine Leistung!

Dann ist er sofort durch die ostdeutschen Lande gereist und war überhaupt von Anfang an in Ostdeutschland präsent. Das war damals schon allein aufgrund von Statusfragen nicht im mindesten eine Selbstverständlichkeit.

Sondern seine Leistung!

Und er mußte sich ausgerechnet von der Nachfolgepartei der SED, der chamäleonhaften Vorgängerpartei der heutigen Linken, unsäglich verleumden lassen: Kohl habe „uns“ blühende Landschaften versprochen. Und jahrelang und noch bis heute und tatsächlich noch über seinen Tod hinaus immer wieder unkritisch von den bundesdeutschen Medien wiederholt! Kohl habe versprochen! Das vorwurfsvolle Geplärre der Blinden wurde bis heute niemals unter den aktuell grassierenden politisch korrigierenden Vorbehalt eines einzigen „mutmaßlich“ gestellt.

In Wahrheit hatte Kohl, übrigens leicht nachprüfbar für die Journaille und erst recht für Leute, die sich doch immer wieder so lautstark dem deutschen Pressekodex verpflichtet fühlen, in Wahrheit hatte Kohl gesagt:

Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln.“

Zwei Tage nach dem Mauerfall!

Zwei Jahre nach dem Mauerfall war so gut wie der gesamte zweitaktig knatternde Fuhrpark des Ostens, der gesamte Fuhrpark eines Landes, bis vielleicht auf den der üblichen Verdächtigen und Verbissenen wie beispielsweise vom Schlage ehemaliger „Freiwilliger Grenzhelfer“, der merkmalig stinkende Fuhrpark war ausgetauscht und die Dreckschleudern endlich verschrottet.

Sofern man auch bei Pappe von Verschrottung sprechen kann.

Und ich hörte staunend zum ersten Mal, daß der TRABANT mit seiner Lenkradgangschaltung zu DDR-Zeiten ein Kultauto gewesen wäre…

Man drehte Filme, bei denen sich Erinnerungsbegabten der Magen umdreht.

Helmut Kohl ist immer wieder vorgeworfen worden, daß er Probleme aussäße. Die Wahrheit ist eher: Helmut Kohl hatte mehr Verstand in seinem Gesäß als viele seiner Kritiker im Kopf.

 

6.1.17 Mephisto an Serapion

 

Lob des Generalverdachts und Vorurteils

Entgegen dem von gegenwärtigen Dummlingen gepflegten pejorativen Sinn des Begriffs können Vorurteile etwas sehr Nützliches sein. In vielen kristallisieren sich die über Jahrhunderte gewachsenen Weisheiten der Völker. Und mit diesem Grund hatte man einst Vorurteile gesammelt. Überall in aller Herren Länder. So natürlich auch in Deutschland, als es noch im Ruf eines Landes der Dichter und Denker glänzte.

Also in Zeiten vor der politischen Korrektur.

Und zwar hat man Vorurteile gesammelt aus dem einfachen Grund, weil sie damals als Schatz galten. Ganze Sprichwortsammlungen sind voll davon. Bündeln sie doch die Erfahrungen von Generationen!

Wie etwa:

„Kaffee und Liebe sind am besten heiß genossen.“ (Spanisches Sprichwort)

Oder:

„Groß ist das heilige russische Land, aber die Wahrheit hat nirgends Platz.“ (Russisches Sprichwort)

Natürlich setzt der Gebrauch von Vorurteilen, wie der jeder Weisheit, selbständig denkfähige Menschen voraus. Die soll es aber sogar heute noch geben. Ebenso wie dumme. Wenngleich das Wort „dumm“ politisch korrigiert ersetzt wurde durch „bildungsfern“.

Da fällt mir plötzlich Simone Peter ein, die Frontfrau der Grünen. Gegen die ich, seit meiner ersten Wahrnehmung ihrer Person, einige Vorurteile hege. So halte ich sie beispielsweise für denkfern. Welches Vorurteil sich mit jeder jener Wahrnehmungen, also ausnahmslos, quasi im Nachurteil noch verstärkte. Was mich bisher stets in die Lage versetzte, Intention und Sinn ihrer Äußerungen schon im voraus zu wissen: Immer anti, immer unsachlich.

Nämlich immer ideologisch beschränkt.

Und Böses unterstellend, wie als wäre die arme Frau geplagt von Vorurteil und Generalverdacht:

Staat und Regierung führen immer Böses im Schilde!

Beispiel: Staat, Regierung, Behörden und Polizei wollten Bürger knechten durch „totalitären Überwachungsstaat“!

Aktuell durch Videoüberwachung!

Vor zwanzig Jahren hieß das noch (und von den Medien tatsächlich vollkommen kritiklos als Begriff übernommen): „Großer Lauschangriff“!

Und vor dreißig Jahren sahen die Grünen den „totalitären Überwachungsstaat“ herbeigeführt infolge der Volkszählung…

Wie bei der linken Frontfrau Sahra Wagenknecht der Begriff „Neoliberalismus“ dient der verbiesterten grünen Frontfrau Simone Peter der „Überwachungsstaat“ als Haßwort.

Vielleicht sollte man eher von Hetzwort sprechen.

Wobei das billige Niveau peterscher Einwände, etwa gegen Videoüberwachung, belegt ist durch die rhetorisch unseriösen, aber für Demagogen typischen Muster, nichtbehauptete Behauptungen zu widerlegen:

„Wer behauptet, durch Videoüberwachung ließe sich totale Sicherheit herstellen…“

Oder

„Wer behauptet, durch Videoüberwachung ließen sich potentielle Täter abschrecken…“

Ohne auch nur ein einziges Mal jenen vorgeblichen Behaupter namhaft anführen zu können.

Ende dieses Beispiels.

Letzten Montag setzte sie eins drauf.

Es ging um die Kölner Silvesternacht Nummer 2. Über die der Deutschlandfunk am Neujahrstag vermeldete:

Die Beamten hätten rund 650 Nordafrikaner schon bei der Fahrt in die Kölner Innenstadt an Bahnhöfen gestoppt, sagte Polizeipräsident Jürgen Mathies am Sonntag bei einer Pressekonferenz. Bei den überwiegend jungen Männer sei eine „Grundaggressivität“ festgestellt worden, es sei mit Straftaten zu rechnen gewesen. Die Personalien seien überprüft und Platzverweise erteilt worden.

Die Polizei war zunächst mit 1.500 Beamten im Einsatz, forderte angesichts des großen Zulaufs junger Männer jedoch noch einmal Verstärkung an. Am Ende waren 1.700 Polizisten im Einsatz. Die Polizei sprach 190 Platzverweise aus und nahm 92 Personen in Gewahrsam. 27 Personen wurden vorläufig festgenommen. Es wurden zehn Sexualdelikte angezeigt.

Wie vorhersehbar regte Simone Peter sich wieder auf über die Polizei: „Wenn insgesamt knapp 1000 Personen alleine aufgrund ihres Aussehens überprüft und teilweise festgesetzt wurden“ stelle sich die Frage nach der Verhältnis- und Rechtmäßigkeit. „Völlig inakzeptabel ist der Gebrauch von herabwürdigenden Gruppenbezeichnungen wie ‚Nafris‘ für Nordafrikaner durch staatliche Organe wie die Polizei.“

Zunächst beachten wir die gezielte Ungenauigkeit, also demagogische Verfälschung, pardon, die Fake News, also auf Deutsch „die Lüge“, die Polizei verwende für Nordafrikaner den Begriff „Nafri“. Die Abkürzung steht nicht für Nordafrikaner, sondern es handelt sich um ein Kürzel für „Nordafrikanische Intensivtäter“, demnach für kriminelle Nordafrikaner. Der Polizei dienen solche Kürzel bei ihren Einsätzen zur internen Kommunikationserleichterung und zur schützenden Verschleierung. Etwa gegenüber unbefugten Mithörern des Polizeifunks. Ähnlich wie „BAP“ für „Besonders auffällige Person“, „BTMK“ für „Betäubungsmittelkonsument“, „EXI“ für Exhibitionist, „GTS“ für „Gewalttäter Sport“ (Hooligan), „GGP“ für „Geistesgestörte Person“, „HiloPe“ für „Hilflose Person“, „HwG“ für „Häufig wechselnde Geschlechtspartner“ (Prostituierte), „KIPO“ für „Kinderpornograf“, „Maghreb“ für „Nordafrikaner“ (im besonderen Tunesier, Algerier, Marokkaner), „OfW“ für „Person ohne festen Wohnsitz“, „Rubu“ für „Rumäne oder Bulgare“ oder „UMA“ für „Unbegleiteter minderjähriger Asylbewerber“.

Ich würde der Polizei die Anwendung ihrer Erfahrungen nicht verbieten. Insbesondere nicht die Anwendung aristotelischer Logik und Schlußweise.

Und schon gar nicht jeden darauf begründeten, vielleicht lebenrettenden, Generalverdacht!

Laut FAZ äußerte der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Burkhard Lischka, der Begriff tauge nicht für eine tagelange Empörung. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel meinte, die Polizei habe mit dem Kürzel nichts anderes getan, als die Realität zu beschreiben. Und der Vorwurf, der erfolgreiche Einsatz zur Verhinderung von Gewalt, Diebstahl und sexuellen Übergriffen sei mit einem „racial profiling“ verbunden gewesen, sei „eine absurde und geradezu verrückte Debatte. Was soll die Polizei eigentlich anderes machen, als exakt diese Gruppe von Nordafrikanern abzufangen und nicht in die Kölner Innenstadt zu lassen?“

Johannes Dimroth, Sprecher des Innenministeriums bestätigte, daß am Silvesterabend in Zügen Richtung Köln „hochaggressive“ Gruppen unterwegs gewesen und dann in Köln kontrolliert und festgehalten worden seien. Der Polizeipräsident Kölns erklärte, wenn die Polizei diese Männer nicht überprüft hätte, wäre es wieder zu ähnlichen Zuständen wie in der vorigen Silvesternacht gekommen.

In der NEUEn ZÜRCHER ZEITUNG vom Mittwoch stand zu lesen:

Dass sich die Polizisten vor allem auf Nordafrikaner konzentriert haben, war begründet. Nach der Silvesternacht 2015 hatte die Polizei ein Profil von möglichen Delinquenten, das nicht allein auf ethnischen Merkmalen beruhte. Die nun Überprüften haben sich ähnlich verhalten wie die mutmaßlichen Täter vom vergangenen Jahr. Sie waren aggressiv und zum Teil betrunken. Nicht auszudenken, wenn die Situation noch einmal außer Kontrolle geraten wäre. Aus vermeintlich politischer Korrektheit nun einfach alle Feiernden zu überprüfen, wäre zudem aus Ressourcengründen nicht zu leisten gewesen.

Wobei das Wort „vermeintlich“ natürlich aus „politischer Korrektheit“ hier steht und also gestrichen gehört, so daß die einfache Wahrheit lautet:

„Aus politischer Korrektheit nun einfach alle Feiernden zu überprüfen, wäre zudem aus Ressourcengründen nicht zu leisten gewesen.“

 

2.9.16 Mephisto an Bellarmin

 

Ballade vom kleinen Finger

 

Da war mal mein Kollege Klaus,

Der lachte Miesepeter aus,

In Winterkälte, Sommerhitze,

Der scherzte gern und riß auch Witze.

Bis eines Tags zur Frühstückspause

Er mit sich schleppte, von zu Hause,

Und tat mir sie sogleich empfehlen,

Die handelsüblichen Makrelen

In dünnwandiger Blechkonserve.

Die öffnete er voller Verve

Gefolgt von einem spitzen Schrei.

Ich dachte mir zunächst dabei,

Er hätte sich mit was bespritzt,

In Wahrheit, da war angeritzt

Sein kleinster Finger der linken Hand.

Der Klaus kam außer Rand und Band!

Dies wunderte uns alle sehr,

Denn jene Wunde wog nicht schwer,

Daß er, der lustvoll spaßte immer,

Mit leidiger Miene und leisem Gewimmer

Und derart erstaunlich sensitiv

In das Gesundheitswesen lief.

 

Was soll ich noch sagen, Klaus lachte nicht weiter,

Die Binde wurde täglich breiter,

Zu allem Übel kam das Pech.

Erst redeten die Ärzte Blech

Und mochten beim besten Willen nichts finden,

Doch sahn sie seine Kräfte schwinden

Und haben diagnostiziert,

An Fachärzte ihn delegiert,

Ihn endlich dann wohl falsch behandelt

Und besagten Kollegen merklich verschandelt:

Klaus mußte zum Schluß in die Klinik marschieren,

Den kleinen Finger zu amputieren!

 

Das war zwar schade. aber ohne den Finger,

Da kann man noch immer genießen die Dinger,

Und schließlich geht das Leben ja weiter!

Doch unser Kollege ward nicht wieder heiter,

Malheurgeplagt, gewissermaßen,

Durchirrte er farblos die staubigen Straßen,

Gesenkten Hauptes, sein Hut hing schief,

Er hörte wenig, wenn man ihn rief,

In Schuhen lief er mit offenen Senkeln,

Er schickte sich an, beständig zu kränkeln

Und mußte mit Drüsen und Membranen

Nebst manchen inneren Organen

Mitunter wieder ins Krankenhaus.

Wir brachten ihm ständig einen Strauß

Und fragten ihn lächelnd, als wenn nichts wär,

Ob’s besser nun ginge sanitär.

 

Zuletzt, auf einem Korridor,

Stand Klaus mit krankem Mittelohr,

Als zufällig wir uns nochmals trafen,

Er wirkte irgendwie verschlafen,

Sprach kaum einen Satz und befremdete mich –

Drauf ist er verstorben, ganz jämmerlich…

 

 

Nur zur Erinnerung…

 

 

26.8.16 Bellarmin an Mephisto

 

Ich glaube, es ist etwas dran an Deiner Aversion gegen unseren wackeren Steinmeier mit seiner sozialdemokratischen Brille im Hinblick auf die Russen und ihren Herrscher. Ich wunderte mich auch, daß man ausgerechnet Steinmeiers Parteifreund Erler zum Rußlandbeauftragen der Bundesregierung bestallt hatte, und daß von deutscher Seite unverdrossen sein Parteifreund Platzeck noch immer dieser ach so typisch russischen Propagandaveranstaltung wie dem sogenannten Petersburger Dialog vorsteht. Von dem durch Putin in ach so typischerweise eingewickelten Duzfreund Schröder mitinitiiert. Lauter Sozialdemokraten an Stellen, an denen es auf klare Kante ankäme statt auf Wachs und Watte. Die wirksamste Waffe gegen dieses traditionelle großrussische Gehabe ist nämlich das stete begriffliche Fassen und beharrliche Aussprechen der Wahrheit.

Also das genaue Gegenteil der russischen Staatsräson.

Und darum wie die Pest gefürchtet.

Ich finde über die Jahrhunderte kein treffenderes Symbol für Rußland als die Potemkinschen Dörfer. Deren Kulissenbauten, Ironie der Geschichte, der Fürst ja ausgerechnet auf der frisch eroberten Krim errichten ließ…

Es gibt nichts Neues unter der Sonne auch bei den Russen: Die Lüge und der Schein stehen über dem Sein.

Und die brutale Menschenverachtung und Destruktion.

Und beständig die bäuerliche Verwechslung von Quantität mit Qualität: Alles was groß ist und glänzt, ist gut. Und alles Viele und jedes Unmaß.

Bolschoi Theater und beileibe kein Zirkus.

Sondern Staatszirkus.

Nun rätselte der Westen und Steinmeier schwieg, was denn Zar Wladimir Wladimirowitsch beabsichtigt haben mag mit der angeblichen Niederschlagung einer angeblichen Panzerattacke auf die Krim. Alle Welt war sich sicher und Steinmeier schwieg, daß es sich hier um eine plumpe, also russische Inszenierung handele.

Aber zu welchem Zweck?

Man orakelte und Steinmeier schwieg, Wladimir Wladimirowitsch, dessen russische Wirtschaft derzeit siecht zufälligerweise, wolle vor den anstehenden Wahlen zurückgreifen auf die probate Ablenkung mittels Volksaufhetzung gegen die angebliche Bedrohung durch und die Schuldzuweisung für jegliche Misere an einen äußeren Feind. Nämlich die „unrechtmäßigen“ „faschistischen“ Machthaber in Kiew. Welche hätten mit der vereitelten Attacke die Krim zurückerobern wollen.

Weniger Beachtung im Westen fand, daß Wladimir Wladimirowitsch jenen angeblichen Angriff als Grund anführte für die augenblicklich folgende Stationierung von Raketenabwehrsystemen auf der annektierten Halbinsel.

Wozu Steinmeier schwieg.

Jetzt werde auch ich Dir das Geheimnis verraten, was Wladimir Wladimirowitsch wirklich will. Wladimir Wladimirowitsch will, und es ist, wie ich glaube, kein allzu großes Wagnis zu behaupten, die Russen wollen es, die Russen wollen den Korridor zur Krim. Eher über kurz als über lang, zeitlich gesehen. Und eher lang als über kurz, räumlich gesehen.

Am liebsten gleich über Odessa durch bis Transnistrien.

Und wie unter Katharina unter dem Namen „Neurußland“, idiologisch, pardon, ideologisch gesehen.

Allerdings könnten dazu, wie kürzlich also vorexerziert, noch ein paar neue russische Inszenierungen nötig werden.

À la „Fall Gleiwitz“.

Ich glaube Steinmeier muß verdammt aufpassen, daß er nicht eines Tages eingeht in der, pardon, in die Geschichte, gefilmt als frohgemut mit dem Papier des Minsker Abkommens wedelnd aus einem Flugzeug kletternd. Wie einst Arthur Neville Chamberlain wedelnd mit dem Münchener Abkommen, meinend den „peace in our time“ (Chamberlain) gesichert zu haben.

 

DER SPIEGEL 34/2016 vom 20.8.16 unter den Überschriften: „Über die Hilflosigkeit der deutschen Russland-Diplomatie“ und „Deutsche Selbstaufgabe“:

Die russische Führung ist bar jeden Selbstzweifels, sie glaubt, mit ihrem Konfrontationskurs durchzukommen. De facto wird sie vom deutschen Außenminister darin bestärkt, weil der es vermeidet, Moskau auch öffentlich mit klaren Worten Grenzen aufzuzeigen.

 

17.6.16 Bellarmin an Mephisto

 

Der Menschheit mißlingt ihr letztes Lächeln

 

Es mehren sich Tage,

Da ich mich frage,

Was das soll.

Such‘ zu erfassen

Der Menschen Tun und Lassen

Zweifelvoll.

 

Kann nicht mehr verstehen

Das Drängen und Drehen

Dieser Welt.

Sind es Gesetze,

Ist es leeres Gehetze –

Was erhält

 

Das freie Entfalten,

Das formend‘ Gestalten –

Ein Zweck oder ein Spiel?

Kann nichts mehr verbinden,

Kann nicht mehr finden

Sinn und Ziel.