A N A B A S I S

Thalatta ! Thalatta !

Kategorie-Archiv: Lyrik

Das Reich des Pöbels

 

23. November 2018: Serapion an Mephisto

 

Vision 2002

 

Mehr und mehr Ideale werden verdreht, es strebt niemand

Länger nach Bildung, man spottet darüber. Geistigen Reichtum

Kennt man nicht, denn er stellt sich ja nie zu den Schreiern – so pflegt jetzt

Jeder seine Dummheit. Ja, das ist wahrhaft die neue

Ära, in der Unbildung als chic gilt! Welch Stolz der

Leute, Bach nicht zu kennen, Goethe nicht zu ertragen,

Nie hat man etwas von Lessing gehört – und von Gryphius schon gar nicht.

Diese Mühe, wozu, wem sollte sie nützen? Man will sich

Auch in Geschichte nicht auskennen, denn es langweilt. Und wie die

Kinder nimmt man den Film als das Ereignis, und wenn ein

Schauspieler einmal einen Helden mimte, so hält man

Ihn für heldisch, und sein Geschwafel macht ihn dann reich. Man

Hegt eine Pseudobildung über Astrologie und

Film und Sport und Börsenkurse, über das Wetter,

Über esoterische Energien. Die Elite

Weiß Bescheid in Betriebswirtschaft und Jura und liest die

Ratgeberbücher und Managerkurse. Und Popsongs, das sind die

Ewigen Permutationen aus Versatzstücken, kecke

Krämer lassen sie produzieren am laufenden Band in

Ihrem monströsen Trieb, das Geld zu scheffeln, die Popsongs

Also beherrschen alle Kultur, und diejenigen, die

Fähig sind, sich beim Fernsehquiz an ältere Titel

Noch zu erinnern, demnach die Pfiffigeren, die partiell mit

Einem Gedächtnis Begabten, verehrt man als hochmusikalisch.

Und gesungen wird selbst von den Stumpfesten in einer Sprache,

Die sie noch weniger als die eigene Sprache verstehen.

 

Damit beginnt das Reich des Pöbels. Er ist obenauf und

Freut sich dessen in seiner Art. Er trägt Haute Couture und

Sprüht sein Eau de Toilette, er wohnt komfortabel in einem

Haus mit Schwimmbecken und mit Tresor, natürlich besitzt er

Autos und Privatflugzeuge. Sonst fuhr er bei

Einem Kurierdienst, jetzt schickt er andere aus, und er glaubt mit

Diesem Grunde, wichtig zu sein. Er singt Karaoke,

Lädt zu Pressekonferenzen, und die Reporter,

Die ja keinen Konjunktiv mehr kennen, und wenn er

Äußert, er denke dies oder meine jenes, berichten,

Daß er dies denkt oder jenes meint, das Pack von Reportern

Flitzt auch tatsächlich hin und filmt mit Pomp und Gepränge,

Wie er sich spreizt vor seinem Wandschrank mit kantengereihten

Echtgoldverzierten Buchrückenimitaten. Und wenn es

Eine Leifsendung ist, dann flattern die Korrespondenten

Fieberig, heiser, fickerig – leif gilt ihnen als Wert an

Sich, wie vieles erschreckend Bedeutungsloses, sie können

Unwichtiges von Wichtigem nicht mehr scheiden. Und seine

Frau, die früher vierundzwanzig Stunden des Tages

Fernsah und zu dumm ist, auch nur einen von ihren

Sätzen vollständig auszusprechen, prunkt jetzt mit ihrem

Fünfhundertwörterschatz als Moderatorin. Das quatscht aus

Jedem Fernsehsender mit Inbrunst dasselbe und nennt sich

Pluralismus. Und sie behaupten, dies müsse so sein, ihr

Publikum wolle es! Was hieße, das Publikum und das

Fernsehn verblöden sich gegenseitig! Sie normen sich abwärts.

 

Während die Geschmackfreien derart mit einem unsäglich

Zufälligen Allotria, ihrem Verdienst, die Karriere

Machten und reich geworden sind, verlaufen sich schutzlos

Die Gebildeten, obdachlos, zerlumpt und vereinzelt

Unter der Meute, regiert von den Ungebildeten, von den

Ungeduldigen, von den Machern. Was soll das Problem samt

Seinen Gründen? Stolz durchschlagen Pragmatiker jenen

Gordischen Knoten und noch einen Knoten und noch einen Knoten,

Und man wundert sich, warum nichts mehr hält. Doch man denkt nicht

Lange nach und läßt sich darob loben, in seiner

Angst befördert jeder die Parvenüs. Denn das Denken

Koste Zeit, und Zeit wäre Geld, und Nachdenken kennt man

Gar nicht mehr. Man will überhaupt nicht die Information, man

Sendet sich Imels und verlangt die Info. Die Wahrheit

Nervt und dauert zu lange. Man glaubt an Gott nicht, man glaubt an

Höchstgeschwindigkeit und Globalisierung, man glaubt an

Die Geburtenkontrolle. Man merkt nicht, warum es bergab geht.

Fachleute gibt es nicht mehr, und unsere Sprache wird täglich

Unverständlicher. Wer wagt noch, zur Arbeit zu gehen?

Schon die Kinder sind des Lebens müde. Die Menschen

Werden weniger, die Geburtenzahlen vermindern

Sich, und es bleibt nur der Wunsch: So möge sich alles zugrunde

Richten. Das Land wird von vollkommen sinnlosen Leuten beherrscht, von

Schomastern, Rambos und Moddels nach ihrem gesunden Empfinden,

Und vom feiernden Volk auf den Liebesparaden der Städte

Werden die Toten der Nacht am Tag in die Flüsse geworfen…

 

 

Die Menge ist nicht dazu geeignet, die Wahrheit, sondern nur den Schein zu prüfen; den geheimen Wegen einer tiefen Natur nachzuspüren, das Rätselhafte in ihr aufzulösen ist ihr versagt, sie spricht nur ihre Täuschungen aus, erzeugt hartnäckige Vorurteile gegen bessere Überzeugung und beraubt den Geist der Freiheit, das vom Gewöhnlichen Abweichende in seiner Eigentümlichkeit anzuerkennen.

Bettina von Arnim (1785 – 1859)

 

Das Canapee ist mein Vergnügen

 

11. November 2018: Serapion an Mephisto

 

Das Canapee ist mein Vergnügen,

Drauf ich mir was zu Gute tu;

Da kann ich recht vergnüget liegen

In einer ausgestreckten Ruh‘.

Wenn mir tun alle Glieder weh,

So leg‘ ich mich auf’s Canapee.

 

Wann mir von Sorgen und Gedanken

Der Kopf als wie ein Triller geht;

Gesetzt, das Herz fing‘ an zu wanken

Als wie ein Schiff, wenn’s Stürmen geht

Bei den Windwellen auf der See,

Dann leg‘ ich mich auf’s Canapee.

 

Ich tu auch gerne Coffee trinken,

Und wenn man mir mit diesem Trank

Auf eine deutsche Meil‘ wird winken;

Denn ohne Coffee bin ich krank;

Doch schmeckt mir Coffee und Tee

Am besten auf dem Canapee.

 

Ein Pfeifchen Knaster ist mein Leben,

Das ist mein fünftes Element,

Das kann der Zunge Kühlung geben,

Wenn auch die Sonne heftig brennt.

Ich rauche, wo ich geh‘ und steh‘,

Auch liegend auf dem Canapee.

 

Wenn mir bei heißen Sommertagen

Die Decken zu beschwerlich sein,

Muß mir mein Canapee behagen,

Da schlaf ich ungebeuget ein;

Da beißen mich auch keine Flöh‘

Auf meinem lieben Canapee.

 

Wenn ich mich in die Länge strecke,

So setzt mein Schätzchen sich zu mir,

Es hält mir anstatt einer Decke

Ein lilienweißes Kißchen für!

Das kutzelt in der großen Zeh

Auf meinem lieben Canapee.

 

Gesetzt, ich werde auch malade,

Daß ich ein Patiente bin,

In Schwach- und Krankheit ich gerate,

So recolligieret sich mein Sinn,

Das letzte schmerzliche Adieu

Zu sagen auf dem Canapee.

 

Wie wollt‘ ich meine Ruhe haben,

Die Mißgunst aber ist so groß,

Man wird mich andern gleich begraben,

Mein Leib fault in der Erde Schoß;

Wiewohl das tut mir gar nicht weh,

Der Geist schwebt um das Canapee.

 

 

Anonym (1740)

 

Von der Kultur beleckt

 

18. Oktober 2018: Serapion an Mephisto

 

Die Zunge der Kultur reicht weit

 

Die Zunge der Kultur reicht weit!

Wohin sie sich erstreckt,

da wird der Mensch nebst seiner Zeit

so lang wie hoch und weit und breit

von der Kultur beleckt.

 

Oh, daß sie tausend Zungen hätte!

Noch gibt es Neger ohne Uhr,

und Dörfer ohne Operette,

und Eskimos ohne – Pardon! – Klosette!

Die Zunge raus, Kultur!

 

Noch gibt es Frauen, die den Nabel zeigen

und ohne Kleid und Scham spazieren gehn.

Noch gibt es Männer, die im Dunkeln geigen,

und Leute, die, selbst wenn sie dumm sind, schweigen.

Man kann das kaum verstehn…

 

Denn wir stelln unsre Kinder künstlich her

und unsre Nahrung in Tablettenform.

Das Altern kennen wir nicht mehr.

Bouillon mit Ei gewinnen wir aus Teer.

Kurzum: Es ist enorm!

 

Der Straßenkehrer braucht das Abitur

und muß belesen sein in Schund und Schmutz.

Da denkt man manchmal: Die Kultur,

sie kann uns am -! Sie soll uns nur -!

Sie ist dazu imstand und tut’s.

 

 

Erich Kästner (1899 – 1974) 1928

 

 

haben himmlischen abend mit pünktchen und anton. ich wünschte sie könnten mein kind lachen hören, tausend grüsse und dank.“

Marlene Dietrich Telegramm an Erich Kästner

 

Nichts ist routinierter als die Ironie. Dies ist der Umstand, der dem Fall einige Ähnlichkeit mit dem Fall Heine gibt.“

Walter Benjamin

 

Kästner saß im Café neben dem Tod. Gab es einen Engel oder Teufel, der ihn schützte?“

Wolfgang Koeppen

 

Ich habe heute geschossen auf Lenin

 

6. September 2018: Serapion an Mephisto

 

 

In memoriam Fanja

 

Ich habe heute geschossen auf Lenin,

Und zwei von drei Schüssen trafen ihn.

 

Das hab‘ ich nach eigener Entscheidung getan.

Ich heiße Fanja Jefimowna Kaplan.

 

So ward ich im Zwangsarbeitslager genannt,

In das lebenslang man mich hatte verbannt.

 

Zum Tode verurteilt zuerst, vor zwölf Jahren,

Nach einem Anschlag auf einen Amtmann des Zaren.

 

Nach dem Februar siebzehn ließ man mich frei

Aus transbaikalischer Barbarei.

 

Lenin zu töten, hatte ich lang schon beschlossen,

Das ist willentlich meiner Entscheidung entsprossen.

 

Sinnlos ist es deshalb, mich zu fragen,

Woher der Revolver, nie werd‘ ich das sagen.

 

Ihr könnt mich foltern, zerhacken und verbrennen,

Ich werde euch keine Einzelheit nennen.

 

Doch Lenins Putsch, das war ein Verbrechen!

Es wird sich bitter schlimm noch rächen!

 

Ihr werdet in Blut und Tränen waten!

Er hat die Revolution verraten!

 

Wenn Menschen gläubig auf Lenin hören,

So wird das den Sozialismus zerstören!

 

 

Fanja, Familienname Roitman (geboren am 10. Februar 1890 irgendwo im zaristischen Wolhynien – nach ihrem Attentat vom 30. August erschossen am 3. oder 4. September 1918 in Moskau, sterbliche Überreste restlos vernichtet)

 

 

Isaak Steinberg, frisch ernannter „Volkskommissar“ für „Justiz“: „Wozu haben wir überhaupt ein Volkskommissariat für Justiz? Nennen wir es doch einfach ‚Kommissariat für soziale Ausrottung‘ und kümmern wir uns nicht mehr darum!“

Wladimir Iljitsch Lenin, Vorsitzender der kommunistischen Partei Rußlands, der selbsternannten „Bolschewiki“: „Gut formuliert, genau das soll es sein. Aber das können wir nicht sagen.“

(Februar 1918)

 

Heilende Resonanzen

 

3. September 2018: Serapion an Mephisto

 

Angelusläuten

 

Es ist immer schön in der Gefängniszelle,

Die eine Kirchenglocke zu hören,

Allabendlich von einer nahen Stelle

Scheint sie das Leben zu beschwören.

 

Mit weltenbrandberuhigenden Klängen,

Gebärend heilende Resonanzen,

Wenn sie sich durch die Lüftungsschächte drängen

Und hinter trüben Glasbausteinen tanzen.

 

Wo alles sich durch Glück beweist

 

17. August 2018: Serapion an Mephisto

 

Einsamer nie –

 

Einsamer nie als im August:

Erfüllungsstunde – im Gelände

die roten und die goldenen Brände

doch wo ist deiner Gärten Lust?

 

Die Seen hell, die Himmel weich,

die Äcker rein und glänzen leise,

doch wo sind Sieg und Siegsbeweise

aus dem von dir vertretenen Reich?

 

Wo alles sich durch Glück beweist

und tauscht den Blick und tauscht die Ringe

im Weingeruch, im Rausch der Dinge –

dienst du dem Gegenglück, dem Geist.

 

 

Gottfried Benn (1886 – 1956)

 

Nur Beharrung führt zum Ziel

 

20. Juli 2018: Serapion an Mephisto

 

 

Spruch des Konfuzius

 

Dreifach ist des Raumes Maß:

Rastlos fort ohn Unterlaß

Strebt die Länge, fort ins Weite

Endlos gießet sich die Breite,

Grundlos senkt die Tiefe sich.

 

Dir ein Bild sind sie gegeben:

Rastlos vorwärts mußt du streben,

Nie ermüdet stille stehn,

Willst du die Vollendung sehn;

Mußt ins Breite dich entfalten,

Soll sich dir die Welt gestalten;

In die Tiefe mußt du steigen,

Soll sich dir das Wesen zeigen.

Nur Beharrung führt zum Ziel,

Nur die Fülle führt zur Klarheit,

Und im Abgrund wohnt die Wahrheit.

 

 

Friedrich Schiller (1759 – 1805)

 

Ostergruß

 

Mein Schwesterchen du,

Nimm liebsamen Dank

Für die Briefe.

 

Lenzt auch bei euch es mit Macht,

Und swingt der Amseln Sang

Befreiend

Und freudenbeglückend wie hier?

 

Jubelvoll möchte ich

Die Menschen

Küssen, liebend umarmen alle Welt!

 

Doch um nichts zu zerstörn

Wie ein

Rhinozeros, bar

Des Nuancengefühls,

Schweige ich.

 

 

Das Edle zu erkennen, ist Gewinst,

Der nimmer uns entrissen werden kann.

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

 

Greife wacker nach der Sünde

 

9. März 2018: Serapion an Mephisto

 

Sonne bald den Berg erklimmt,

Uns bis übers Jahr in alle Winde zu verschlagen,

Die vom Schicksal wir bestimmt,

Unerreichte Truggebilde krampfhaft zu erjagen!

 

Diese Verse des Chorus entnahm ich dem Drama „König Nicolo oder So ist das Leben“ des grundgesetzwidrigen Tantenmörder-Dichters Frank Wedekind.

Du erinnerst Dich:

 

Ich hab meine Tante geschlachtet,

Meine Tante war alt und schwach;

Ich hatte bei ihr übernachtet

Und grub in den Kisten-Kasten nach.

Ich hab meine Tante geschlachtet,

Meine Tante war alt und schwach;

Ihr aber, o Richter, ihr trachtet

Meiner blühenden Jugend-Jugend nach.

 

 

Darauf Brecht als Epigone:

 

Im milden Lichte Jakob Apfelböck

Erschlug den Vater und die Mutter sein

Und schloß sie beide in den Wäscheschrank

Und blieb im Hause übrig, er allein.

 

Wedekind – und ausgerechnet im wilhelminischen Deutschland! Natürlich im Clinch mit der Zensur…

Heute vor 100 Jahren ist er gestorben.

Zu seinem Gedenken hier noch ein weiteres grundgesetzwidriges Gedicht aus all der Fülle seiner grundgesetzwidrigen Gedichte, eines aus dem „Winter“ seiner „Vier Jahreszeiten“:

 

Erdgeist

 

Greife wacker nach der Sünde;

Aus der Sünde wächst Genuß.

Ach, du gleichest einem Kinde,

Dem man alles zeigen muß.

 

Meide nicht die ird’schen Schätze:

Wo sie liegen, nimm sie mit.

Hat die Welt doch nur Gesetze,

Daß man sie mit Füßen tritt.

 

Glücklich, wer geschickt und heiter

Über frische Gräber hopst.

Tanzend auf der Galgenleiter

Hat sich keiner noch gemopst.

 

Frank Wedekind (1864 – 1918)

 

Den ganzen Wedekind: Unbedingt politisch korrigieren!

 

Zivilisation

 

23. Februar 2018: Serapion an Mephisto

Glücklicherweise gibt es sogar noch einige notorische Optimisten auf unserem geschundenen Planeten, die man trotz jener Abartigkeit nicht anders als zur Spezies der intelligenten Lebewesen rechnen kann. Mit einem solchen Exemplar findest Du im SPIEGEL voriger Woche ein sehr schönes Gespräch aus Anlaß seiner Teilnahme an der dieses Jahr leider eher unglücklichen Sicherheitskonferenz in München, auf welcher ihr Vorsitzender Wolfgang Ischinger angesichts der Bedrohungslage aus wie stets scharfsinnig analysierten Gründen unsere Welt beschrieben hatte als vor dem Abgrund stehend. Bei dem Optimisten handelt es sich um den sympathischen Harvard-Psychologen Steven Pinker.

Es gibt viel zu wenig solcher Menschen.

Sehr gut: Der Mann fühlt sich in gewissem Sinn der Aufklärung verpflichtet, und er hat ein dickes Buch geschrieben. Diesen Herbst soll es auch auf dem deutschsprachigen Markt erscheinen, und zwar unter dem Titel „Aufklärung jetzt“.

Im Original heißt es „Enlightenment Now – The Case for Reason, Science, Humanism and Progress“.

Anhand statistischer Daten bringt und beweist uns Pinker hier lauter frohe Botschaften, auch als Gegengewicht hinsichtlich einer unaufhörlichen Bevorzugung negativer Meldungen in der weltweiten Nachrichtenberichterstattung.

Der SPIEGEL zitiert aus Pinkers Darstellungen:

Der Anteil der Menschen, die pro Jahr in Kriegen umkommen, liegt heute bei etwa einem Viertel gegenüber den Achtzigerjahren, einem Sechstel gegenüber den frühen Siebzigerjahren, einem Sechzehntel gegenüber den frühen Fünfzigerjahren.“

2016 war bekanntlich ein schreckliches Jahr des Terrorismus in Westeuropa mit 238 Toten. 30 Jahre zuvor aber war es noch viel schlimmer, es gab 440 Todesopfer.“

Die Welt ist heute etwa hundertmal so reich wie vor zwei Jahrhunderten, und der Reichtum wird gleichmäßiger auf Länder und Menschen verteilt.“

Vor 100 Jahren setzten vermögende Länder etwa ein Prozent ihres Reichtums zur Unterstützung von Armen, Kindern und Alten ein, heute sind es rund 25 Prozent.“

Anfang der Neunzigerjahre gab es nur 52 Demokratien auf der Welt, heute gibt es 103 davon.“

Pinkers Intention ist natürlich lobenswert. Nichtsdestotrotz erlaube ich mir, jener Betrachtung menschlichen Fortschritts drei Fakten hinzuzufügen:

1955, exakt heute vor 63 Jahren, schlossen die Türkei, der Irak und der Iran den Bagdad-Pakt mit dem Ziel gemeinsamer Militäroperationen gegen jede kurdische Befreiungsbewegung…

Die russische Seite, die wir ja kennen über die Jahrhunderte als Spezialistin der Nachrichtenberichterstattung, verhinderte gestern erneut im UN-Sicherheitsrat das Zustandekommen eines Waffenstillstandes zur dringendsten Versorgung der Zivilbevölkerung in Ost-Ghouta mit der Begründung, die Welt leide im Hinblick auf die Berichterstattung über das angebliche Leiden der Zivilbevölkerung Syriens an einer Massenpsychose…

Und, gewissermaßen als Krone des menschlichen Fortschritts der letzten 24 Stunden: Der Präsident der Vereinigten Staaten will, finanziell gefördert, Lehrer an den Schulen der Vereinigten Staaten bewaffnen, damit sie schießende Schüler erschießen…

Es ist zwar schon eine Weile her, doch vielleicht erinnerst Du Dich, im April 2015 schickte ich Dir die beiden wichtigsten Gedichte deutscher Zunge (=> Apropos Lyrik). Angesichts all des Fortschritts heute will ich Dir hinzufügen von Andreas Gryphius sein fünfundvierzigstes Sonett:

 

Mir ist, ich weiß nicht wie, ich seufze für und für.

Ich weine Tag und Nacht; ich sitz‘ in tausend Schmerzen;

Und tausend fürcht‘ ich noch; die Kraft in meinem Herzen

Verschwindt, der Geist verschmacht‘, die Hände sinken mir.

 

Die Wangen werden bleich, der muntern Augen Zier

Vergeht gleich als der Schein der schon verbrannten Kerzen.

Die Seele wird bestürmt, gleich wie die See im Märtzen.

Was ist dies Leben doch, was sind wir, ich und ihr?

 

Was bilden wir uns ein, was wünschen wir zu haben?

Itzt sind wir hoch und groß, und morgen schon vergraben;

Itzt Blumen, morgen Kot. Wir sind ein Wind, ein Schaum,

 

Ein Nebel und ein Bach, ein Reif, ein Tau, ein Schatten;

Itzt was und morgen nichts. Und was sind unsre Taten

Als ein mit herber Angst durchmischter Traum.

 

Andreas Gryphius (1616 – 1664)