A N A B A S I S

Thalatta ! Thalatta !

Monatsarchive: Oktober 2016

28.10.16 Mephisto an Bellarmin

 

Die deutsche Else

Kennst Du die Geschichte?

 

Es war ein Mann, der hatte eine Tochter, die hieß die kluge Else. Als sie nun erwachsen war, sprach der Vater »wir wollen sie heiraten lassen.« »Ja,« sagte die Mutter, »wenn nur einer käme, der sie haben wollte.« Endlich kam von weither einer, der hieß Hans, und hielt um sie an, er machte aber die Bedingung, daß die kluge Else auch recht gescheit wäre. »O,« sprach der Vater, »die hat Zwirn im Kopf,« und die Mutter sagte »ach, die sieht den Wind auf der Gasse laufen und hört die Fliegen husten.« »Ja,« sprach der Hans, »wenn sie nicht recht gescheit ist, so nehm ich sie nicht.« Als sie nun zu Tisch saßen und gegessen hatten, sprach die Mutter »Else, geh in den Keller und hol Bier.« Da nahm die kluge Else den Krug von der Wand, ging in den Keller und klappte unterwegs brav mit dem Deckel, damit ihr die Zeit ja nicht lang würde. Als sie unten war, holte sie ein Stühlchen und stellte es vors Faß, damit sie sich nicht zu bücken brauchte und ihrem Rücken etwa nicht wehe täte und unverhofften Schaden nähme. Dann stellte sie die Kanne vor sich und drehte den Hahn auf, und während der Zeit, daß das Bier hineinlief, wollte sie doch ihre Augen nicht müßig lassen, sah oben an die Wand hinauf und erblickte nach vielem Hin- und Herschauen eine Kreuzhacke gerade über sich, welche die Maurer da aus Versehen hatten stecken lassen. Da fing die kluge Else an zu weinen und sprach »wenn ich den Hans kriege, und wir kriegen ein Kind, und das ist groß, und wir schicken das Kind in den Keller, daß es hier soll Bier zapfen, so fällt ihm die Kreuzhacke auf den Kopf und schlägts tot.« Da saß sie und weinte und schrie aus Leibeskräften über das bevorstehende Unglück. Die oben warteten auf den Trank, aber die kluge Else kam immer nicht. Da sprach die Frau zur Magd »geh doch hinunter in den Keller und sieh, wo die Else bleibt.« Die Magd ging und fand sie vor dem Fasse sitzend und laut schreiend. »Else, was weinst du?« fragte die Magd. »Ach,« antwortete sie, »soll ich nicht weinen? wenn ich den Hans kriege, und wir kriegen ein Kind, und das ist groß, und soll hier Trinken zapfen, so fällt ihm vielleicht die Kreuzhacke auf den Kopf und schlägt es tot.« Da sprach die Magd »was haben wir für eine kluge Else!« setzte sich zu ihr und fing auch an über das Unglück zu weinen. Über eine Weile, als die Magd nicht wiederkam, und die droben durstig nach dem Trank waren, sprach der Mann zum Knecht »geh doch hinunter in den Keller und sieh, wo die Else und die Magd bleibt.« Der Knecht ging hinab, da saß die kluge Else und die Magd, und weinten beide zusammen. Da fragte er »was weint ihr denn?« »Ach,« sprach die Else, »soll ich nicht weinen? wenn ich den Hans kriege, und wir kriegen ein Kind, und das ist groß, und soll hier Trinken zapfen, so fällt ihm die Kreuzhacke auf den Kopf und schlägts tot.« Da sprach der Knecht »was haben wir für eine kluge Else!« setzte sich zu ihr und fing auch an laut zu heulen. Oben warteten sie auf den Knecht, als er aber immer nicht kam, sprach der Mann zur Frau »geh doch hinunter in den Keller und sieh, wo die Else bleibt.« Die Frau ging hinab und fand alle drei in Wehklagen, und fragte nach der Ursache, da erzählte ihr die Else auch, daß ihr zukünftiges Kind wohl würde von der Kreuzhacke totgeschlagen werden, wenn es erst groß wäre, und Bier zapfen sollte, und die Kreuzhacke fiele herab. Da sprach die Mutter gleichfalls »ach, was haben wir für eine kluge Else!« setzte sich hin und weinte mit. Der Mann oben wartete noch ein Weilchen, als aber seine Frau nicht wiederkam und sein Durst immer stärker ward, sprach er »ich muß nur selber in den Keller gehn und sehen, wo die Else bleibt.« Als er aber in den Keller kam, und alle da beieinander saßen und weinten, und er die Ursache hörte, daß das Kind der Else schuld wäre, das sie vielleicht einmal zur Welt brächte und von der Kreuzhacke könnte totgeschlagen werden, wenn es gerade zur Zeit, wo sie herabfiele, darunter säße, Bier zu zapfen: da rief er »was für eine kluge Else!« setzte sich und weinte auch mit. Der Bräutigam blieb lange oben allein, da niemand wiederkommen wollte, dachte er »sie werden unten auf dich warten, du mußt auch hingehen und sehen, was sie vorhaben.« Als er hinabkam, saßen da fünfe und schrien und jammerten ganz erbärmlich, einer immer besser als der andere. »Was für ein Unglück ist denn geschehen?« fragte er. »Ach, lieber Hans,« sprach die Else, »wann wir einander heiraten und haben ein Kind, und es ist groß, und wir schickens vielleicht hierher, Trinken zu zapfen, da kann ihm ja die Kreuzhacke, die da oben ist stecken geblieben, wenn sie herabfallen sollte, den Kopf zerschlagen, daß es liegen bleibt; sollen wir da nicht weinen?« »Nun,« sprach Hans, »mehr Verstand ist für meinen Haushalt nicht nötig; weil du so eine kluge Else bist, so will ich dich haben,« packte sie bei der Hand und nahm sie mit hinauf und hielt Hochzeit mit ihr.

Als sie den Hans eine Weile hatte, sprach er »Frau, ich will ausgehen arbeiten und uns Geld verdienen, geh du ins Feld und schneid das Korn, daß wir Brot haben.« »Ja, mein lieber Hans, das will ich tun.« Nachdem der Hans fort war, kochte sie sich einen guten Brei und nahm ihn mit ins Feld. Als sie vor den Acker kam, sprach sie zu sich selbst »was tu ich? schneid ich ehr? oder eß ich ehr? hei, ich will erst essen.« Nun aß sie ihren Topf mit Brei aus, und als sie dick satt war, sprach sie wieder »was tu ich? schneid ich ehr, oder schlaf ich ehr? hei, ich will erst schlafen.« Da legte sie sich ins Korn und schlief ein. Der Hans war längst zu Haus, aber die Else wollte nicht kommen, da sprach er »was hab ich für eine kluge Else, die ist so fleißig, daß sie nicht einmal nach Haus kommt und ißt.« Als sie aber noch immer ausblieb und es Abend ward, ging der Hans hinaus und wollte sehen, was sie geschnitten hätte: aber es war nichts geschnitten, sondern sie lag im Korn und schlief. Da eilte Hans geschwind heim, und holte ein Vogelgarn mit kleinen Schellen und hängte es um sie herum; und sie schlief noch immer fort. Dann lief er heim, schloß die Haustüre zu und setzte sich auf seinen Stuhl und arbeitete. Endlich, als es schon ganz dunkel war, erwachte die kluge Else, und als sie aufstand, rappelte es um sie herum, und die Schellen klingelten bei jedem Schritte, den sie tat. Da erschrak sie, ward irre, ob sie auch wirklich die kluge Else wäre, und sprach »bin ichs, oder bin ichs nicht?« Sie wußte aber nicht, was sie darauf antworten sollte, und stand eine Zeitlang zweifelhaft: endlich dachte sie »ich will nach Haus gehen und fragen, ob ichs bin oder ob ichs nicht bin, die werdens ja wissen.« Sie lief vor ihre Haustüre, aber die war verschlossen: da klopfte sie an das Fenster und rief »Hans, ist die Else drinnen?« »Ja,« antwortete Hans, »sie ist drinnen.« Da erschrak sie und sprach »ach Gott, dann bin ichs nicht,« und ging vor eine andere Tür; als aber die Leute das Klingeln der Schellen hörten, wollten sie nicht aufmachen, und sie konnte nirgends unterkommen. Da lief sie fort zum Dorfe hinaus, und niemand hat sie wieder gesehen.

 

Diese wirklich schöne Geschichte findest Du natürlich in den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm.

Was? Da hieße sie „Die kluge Else“??

Ob nun kluge Else oder deutsche Else – ich jedenfalls wüßte hin und wieder etwas zu melden über den Verbleib der Else! Gerade vorgestern erinnerte ich mich an sie, als ich auf unserem seriösesten Sender einem Interview mit dem Grünen- Bundestagsabgeordneten von Notz lauschte über eine geplante Verbesserung der Videoüberwachung auf öffentlichen Plätzen und in öffentlichen Gebäuden. Der einmal mehr gegen den künstlichen Popanz zu fechten müssen glaubte, jemand hätte behauptet, er wolle hundertprozentige Überwachung einführen und hundertprozentige Sicherheit herstellen:

26. Oktober 2016, Deutschlandfunk:

Sarah Zerback: Pläne für das neue Videoüberwachungs-Verbesserungsgesetz – nicht griffig, heißt aber unterm Strich: Mehr Sicherheit durch mehr Überwachung soll es geben. So zumindest der Plan des Bundesinnenministers. Am Telefon begrüße ich jetzt Konstantin von Notz, den Fraktionsvize der Grünen, und netzpolitischer Sprecher seiner Partei ist er. Guten Tag, Herr von Notz.

Konstantin von Notz: Guten Tag, Frau Zerback.


von Notz: Ich glaube, dass der Ansatz zu sagen, wir erfassen jeden, der ein Gebäude betritt oder der einen öffentlichen Platz betritt, dass das schon grundrechtlich nicht geht. Ich glaube, dass man an bestimmten Gefahrenpunkten oder Problempunkten Kameras aufstellen kann. Dann muss man genau rechtsstaatlich dafür sorgen, wie lange die Speicherfristen sind, wann Leute auch wieder gelöscht werden müssen und so weiter. In dem Rahmen ist diese Technik ergänzend vorstellbar. Aber dieser Vorstoß des Bundesinnenministeriums zielt ja darauf zu sagen, wir wollen den öffentlichen Raum am besten komplett mit diesen Systemen bedecken und damit eine Kompletterfassung machen. Neben all den rechtlichen Problemen – und das wird vor keinem Gericht in Europa, vor keinem höheren Gericht in Europa Bestand haben – gibt es einfach diese Kosten-Nutzen-Frage. An dieser Frage kommt das Bundesinnenministerium nicht vorbei und ich sage voraus, dass das nicht das bringen wird, was der Innenminister jetzt uns allen verspricht.

Zerback: Aber nach all den Ereignissen, die wir in diesem Jahr hier in Deutschland schon verkraften mussten, nicht nur die Kölner Silvesternacht, auch Ansbach, auch Würzburg – das wird ja auch explizit in diesem Vorstoß des Bundesinnenministers jetzt genannt -, müssen wir uns nicht die Frage stellen, ob da Terrorabwehr vor Datenschutz gehen muss?

von Notz: Ich glaube, das ist eine etwas zu einfach formulierte Frage. Ich glaube, dass man sich die Frage stellen muss, was wir eigentlich gegen die Terroristen verteidigen. Natürlich Leib, Leben und Gesundheit, aber auch unsere Freiheit, unsere Rechtsstaatlichkeit, und unser Grundgesetz hat uns das die letzten Jahrzehnte hier auf, wie ich finde, weltweit vorbildliche Art und Weise gewährleistet. Deswegen erwarte ich von einem Bundesinnenminister, dass er gerade wenn es darum geht, Terror zu bekämpfen, auch diese Rechtsstaatlichkeit als einen ganz wichtigen Punkt sieht und den auch benennt in der Debatte. Immer nur scharfe Gesetze vorzulegen, die nachher in Karlsruhe oder vorm EuGH scheitern, das hilft uns nicht weiter. Es bringt null mehr Sicherheit und das sind Placebo-Diskussionen. Insofern: Eine stärkere Differenziertheit ist wirklich angezeigt.

Zerback: Was sagen Sie denn ganz konkret den Pendlern, den Bahnfahrern zum Beispiel, die sich jetzt darauf freuen, dass es mehr Videokameras geben könnte? Das ist ja auch eine gefühlte Sicherheit. Was sagen Sie denjenigen, die sich dadurch sicher fühlen könnten?

von Notz: Ich glaube, dass wir nicht über gefühlte Sicherheit reden, wenn Sie Anschläge nehmen, die in Europa funktioniert haben. In Brüssel am Flughafen, was haben denn die Videokameras dort an Sicherheit gebracht? Ich glaube, die Politik ist in der Verantwortung, tatsächliche Sicherheit herzustellen. Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht und die darf auch niemand versprechen. Die ist einfach nicht herstellbar. Aber wir sind in der Pflicht, effektive Maßnahmen voranzubringen, und wer da sagt, ich setze auf Technik und die Technik wird es richten und wenn ein Anschlag passiert, guckt mal, dann finde ich aber raus, wer da wo war, das ist eine zu kurz gegriffene Antwort. Wir brauchen komplexere Antworten und das hat auch was mit der Ausstattung der Personalstärke der Polizei zu tun. Ich glaube, wenn Sie mit den Leuten sprechen, dass sie auf Schritt und Tritt in ihrem Arbeitsleben, in ihrem Privatleben von Videokameras erfasst werden, dann haben die da in der Regel auch eine sehr differenzierte Meinung zu. Insofern glaube ich, dass der einhellige Applaus mit diesem Programm dem Innenminister nicht sicher ist.

Zerback: Danke für Ihre Meinung. – Konstantin von Notz, Fraktionsvize der Grünen. Besten Dank für das Gespräch heute im Deutschlandfunk.

Dann gibt es da noch das schöne Lied

„Wenn der Topf aber nun ein Loch hat, lieber Heinrich, lieber Heinrich?“

„Stopf es zu, liebe, liebe Liese, liebe Liese, stopf es zu!“

 

21.10.16 Bellarmin an Mephisto

 

Meinst du, die Russen woll’n,

Meinst du, die Russen woll’n,

Meinst du, die Russen wollen Krieg?

 

Man könne doch wohl kaum das russische Friedlieben in Frage stellen!

Oder?

„Meinst du, die Russen wollen Krieg?“ hatten sie irgend einen sowjetischen Agitprop-Einplattenbesinger auf Deutsch singen lassen, zu plärriger Estraden-„Abends-an-der-Moskwa“-Tanzewalnaja-Orchestra-Musik. Ich habe den Mann nie gesehen, doch stets glaubte ich bei seiner zufälligerweise pathetischen Darbietung, seine Glatze zu hören.

 

Meinst du, die Rus-sen woll’n,

Meinst du, die Rus-sen woll’n,

Meinst du, die Rus-sen wol-len Krieg?

 

Die Platte wurde vor dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in Prag in der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik ausgiebigst aufgelegt. Doch all der Ostalgie zu Trotz wird sie heute nicht mehr gespielt, aus irgend einem Grund. Nicht einmal im Mitteldeutschen Rundfunk mag man sich an die russische, pardon, an die sowjetische Friedensliebe erinnern! Wo dort doch fast jedem Mief eines Dedeärr-Furzes tränenreich nachgeschnuppert wird. Allerdings wie gesteuert selektiv, und das Wörtchen „fast“ ist durchaus berechtigt: Beispielsweise der seinerzeit die russische Propaganda unfreiwillig entlarvende zweiteilige Schulpflicht-Kinofilm „Das russische Wunder“ „vom Werden des ersten Landes des Kommunismus“ von Annelie und Andrew Thorndike ist bisher noch nicht wiederholt worden.

Der Mitteldeutsche Rundfunk erinnert auch damit fatal an einen Dedeärr-Sender: Wichtig war immer, welche Platte nicht aufgelegt wurde.

Welche und warum.

Als angesichts der russischen Brutalität der Bombardierungen in Syrien, auf Zivileinrichtungen, auf Krankenhäuser, selbst auf einen UNO-Hilfskonvoi, jüngst Forderungen laut wurden nach einer Verschärfung der Sanktionen, insbesondere gegen die Kriegspartei Rußland, meldeten sich natürlich sofort die üblichen Verdächtigen.

Wir kennen die Weise und wir kennen das Parteibuch.

Wir kennen den deutschen Außenminister und den deutschen Rußlandbeauftragten und wir kennen den unverwüstlichen Vorsitzenden des sogenannten Petersburger Dialogs… Und wir kennen den deutschen Wirtschaftsminister. Der die Wirtschaft, inklusive die ostdeutschen Käsefabrikanten, hinter sich weiß. Die profitgeile Wirtschaft, die stets unbeirrt glaubt, Rußland wäre ein sicherer Markt und ein zuverlässiger Partner. Und die zuverlässig völlig unerklärlicherweise alle paar Jahre aus allen Wolken fällt. Wo man sich es doch derart schön gedacht hatte mit dem Partner.

Also es meldeten sich die üblichen Geschichtsvergessenen, im Einklang übrigens mit den hochgehaltenen Tranparentaufschriften der vorgestern zur Begrüßung Wladimir Wladimirowitschs vor dem Berliner Kanzleramt aufmarschierten Claqueure.

Man solle doch lieber auf Dialog setzen!

Als würde der, insofern er nicht nur auf die typisch russische, also plumpe Propaganda und dümmlich suggestive Effekthascherei à la „Meinst du die Russen woll’n…“ hinausliefe, Rußland verweigert werden.

Aufgrund gewisser historischer und gewisser Lebenserfahrungen sollte man jedoch nicht glauben, daß sich Kriegsverbrecher und Auftraggeber von Auftragsmorden allein durch gutes Zureden bessern.

Und aus ebendenselben Gründen halte ich die Nachricht für äußerst wichtig, daß man nun endlich selbst in Brüssel darüber nachzudenken beginnt, ob Rußland noch ein „strategischer Partner“ wäre.

Denn Wladimir Wladimirowitschs faschistische Russentümelei ist kein Betriebsunfall russischer Geschichte.

 

Wir Großrussen haben uns immer roh gegen unterworfene Völker benommen. Das einzige, was wir gekonnt haben, war, sie zu unterdrücken.

Wladimir Iljitsch Lenin (1870 – 1924)

 

14.10.16 Mephisto an Bellarmin

 

Als unleugbarer Kontrast zwischen den ostdeutschen und den westdeutschen Bundesländern fällt unvoreingenommenen, also politisch unkorrigierten Beobachtern ebenso markant wie erschreckend ins Auge: Wenn der braune Mob eine unbewohnte oder sogar bewohnte Fremdenunterkunft niederbrennen will, gesellt sich in Ostdeutschland, wie schon seinerzeit vor nunmehr über zwanzig Jahren in Rostock-Lichtenhagen, schnell mal ein johlendes, mordlüsternes Gesindel hinzu, um die Feuerwehr am Löschen zu hindern.

Oder, wie 2007 im sächsischen Mügeln geschehen, um selbst die Polizei anzugreifen, um sie zu hindern am lebensrettenden Eingreifen. Als eine grölende Neonazihorde junger, uniform dunkelgewandeter kurzgeschorener Kerle, bewehrt unter anderem mit abgebrochenen Flaschenhälsen, Inder schlug und verwundete, durch den Ort hetzte und schließlich ihre rettende Zuflucht belagerte mit amtlich registrierten Krakelereien wie „Ausländer raus!“, „Hier regiert der nationale Widerstand!“ und „National befreite Zone!“

Unterstützt von hunderten Einwohnern, die sogar die Beamten angriffen.

Der sächsische Bürgermeister kommentierte das später mit: Ausländer-raus-Rufe könnten doch jedem einmal über die Lippen kommen! Und der damalige sächsische Ministerpräsident Milbradt, eine ebensolche Frohnatur, äußerte, man solle doch nicht jede Auseinandersetzung zwischen Ausländern und Deutschen unter dem Stichwort Ausländerfeindlichkeit verbuchen.

Zwischen Ausländern und Deutschen…

Und legte später noch nach, und wir erkennen das typische ostdeutsche Muster: Es wäre unerträglich, wenn ein ganzer Landstrich stigmatisiert werde.

Im Deutschland des 21. Jahrhunderts wieder rassistische Menschenjagden auf deutschen Straßen!

Und die zuständigen Politiker bar jeglicher Scham!

Heute, nach einer unsäglichen Kette unsäglicher Geschehnisse, haben wir das Ergebnis.

Da können sie noch so sehr im Chor blöken die ostdeutschen Ministerpräsidenten und Gysis und Schorlemmers. Das ist ein qualifizierender Unterschied zum Rest der zivilisierten Welt.

Den man, will man sich nicht zum Dulder und Förderer machen, wahrnehmen muß!

Den man, will man das Wesentliche der Sache analysieren und endlich zu ihrem Kern vordringen, anerkennen und aussprechen muß!

Ein weiterer wesentlicher Unterschied ist natürlich die pure Quantität der Barbareien.

Wie ich mich erinnere, für 2013 konntest Du trotz der von unseren unkritischen, selektiv nicht nachfragenden öffentlich-rechtlichen Medien ausgeblendeten Zahlen über die mit rechtem Hintergrund verübten Gewalttaten aus dem Bereich politisch motivierter Kriminalität wenigstens aus dem SPIEGEL herauspolken (=> Honi soit qui mal y pense!): Mit der Ausnahme Hamburgs verteilten sich alle Höchstwerte auf die ostdeutschen Länder. Die Spitzen lagen in Sachsen-Anhalt mit 26, Berlin mit 24 und Thüringen mit 20 rechtsmotivierten Gewaltverbrechen pro einer Millionen Einwohner. Die drei niedrigsten Raten gab es in Bayern mit 5, Baden-Württemberg und Bremen mit jeweils 3 und Hessen und Saarland mit jeweils 2.

Und keiner stellte die auf der Hand liegenden Fragen.

Du rechnetest aus, was damals ebenfalls unterblieb in unseren, von den „Lügenpresse“-Vorwürfen pikierten öffentlich-rechtlichen Medien, daß 2012 der Unterschied Ostdeutschlands das knappe Zweieinhalbfache zum westdeutschen Resultat ausmachte, und daß sich jene offenkundige Diskrepanz von 2012 zu 2013 noch auf das Dreifache vergrößerte.

Was nicht als berichtenswert eingestuft worden war von unseren „politisch korrekten“ öffentlich-rechtlichen Medien.

So sehr hat man sich einschüchtern lassen durch die von der Linkspartei geschürte ostdeutsche Wagenburgmentalität!

Fast alle Politiker aller Parteien unterwerfen sich bis heute diesem Klima des Augenverschließens, in dem Tatsachen kritisch nicht mehr reflektiert, geschweige denn diskutiert werden dürfen. Oft aus niederen, aus wahltaktischen Beweggründen.

Und die öffentlich-rechtlichen Medien beteiligten sich an jener Tabuisierung.

Aus den idiotischen Gründen politischer Korrektur. Aus Angst vor dem Aufschrei der üblichen Verdächtigen: Generalverdacht!

Wenn ein einäugiger Kindermörder im Alter von 20 bis 30 Jahren mit rotem Haar gesucht wird, rate ich allen Eltern zum Generalverdacht gegen einäugige rothaarige Männer im Alter zwischen 20 und 30 Jahren.

So ist das.

Zurück zum vorherigen Augenverschließen. Ich rate, endlich folgenden Gedanken zu fassen: Es muß etwas zu tun haben mit der ostdeutschen Gesellschaft.

Nach 12 Jahren VÖLKISCHER BEOBACHTER plus 45 Jahren NEUES DEUTSCHLAND plus SED alias PDS alias Linkspartei.

Jüngstes Beispiel:

Als Iris Gleicke, die „Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer“, also für Ostdeutschland, in diesem unserem Jahre 2016 aufhörte glattzubügeln und zum ersten Mal Klartext zu reden versuchte in ihrem Jahresbericht und endlich feststellte: „Der Rechtsextremismus stellt eine sehr ernste Bedrohung für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung der neuen Länder dar“, stellten sich sofort sämtliche ostdeutschen Ministerpräsidenten dagegen.

Anstatt sich bei dieser Frau zu bedanken.

Die mit dem Anspruch daherkommt: „Ich will die Dinge benennen, wie sie sind.“

 

Und in Sachsen begreift man noch nicht einmal, daß man es nicht begreift!

 

Yes, ’n‘ how many times can a man turn his head,

Pretending he just doesn’t see?

Bob Dylan

 

7.10.16 Mephisto an Serapion

 

Mittwoch, 28. September, Deutschlandfunk:

Laut der internationalen Untersuchung wurde die Maschine des Flugs MH17 von Separatistengebiet aus abgeschossen. Bei dem Abschuss im Juli 2014 waren alle 298 Menschen an Bord getötet worden, die meisten von ihnen niederländische Staatsbürger.

Donnerstag, 29. September, WESER-KURIER:

Nun ist amtlich, was investigative Journalisten schon Anfang 2015 veröffentlichten: Die Flugabwehrrakete, die am 17. Juli 2014 über dem Osten der Ukraine ein Passagierflugzeug zerfetzte und 298 Zivilisten tötete, wurde eindeutig von russisch kontrolliertem Gebiet aus abgefeuert. … Putins Trolle lässt das völlig kalt. In Kommentarspalten und sozialen Netzwerken debattieren sie lieber, dass zwar die Ukraine, nicht aber Russland zu den fünf ermittelnden Staaten gehörte – als ob das die extrem akribischen Ermittlungen wertlos mache. Dabei hatte Moskau niemals Interesse, sich an der Aufklärung zu beteiligen.

Donnerstag, 29. September, MINDENER TAGEBLATT:

Moskau hat sich nicht nur von Anfang an hartnäckig geweigert, zur Aufklärung dieser Katastrophe beizutragen, es hat sie vielmehr mit immer neuen Nebelkerzen behindert, wo es nur geht. Den bösen Verdacht hätte die russische Führung mit Kooperation bei den Ermittlungen aus der Welt schaffen können. Warum sie das nicht wollte, wird sie selbst am besten wissen.

Donnerstag, 29. September, DIE WELT:

Was hier vorgeführt wird, ist dasselbe zynische Spiel, das der Kreml auch im Falle Syriens betreibt. Die offensichtliche Verantwortung für die Eskalation der Lage wird bestritten. Schuld sind immer die anderen. Willkommen in der postfaktischen Welt Putins. Die Realität ist eine andere. Nämlich diese: Ohne Russlands hybride Kriegsführung gäbe es längst keine Ukraine-Krise mehr. Ohne Russlands militärische Unterstützung wäre das Assad-Regime mittlerweile Geschichte. Wieso es in dieser Lage mehr und mehr Stimmen gibt, die Sanktionen aufheben möchten und vom Wiederaufbau eines ‚Vertrauensverhältnisses‘ träumen, bleibt deren Geheimnis.

Donnerstag, 29. September, VOLKSSTIMME:

Natürlich wissen die Nato-Partner längst, wer für den Absturz von Flug MH17 verantwortlich ist. Aber erst die veröffentlichten Ermittlungen der Niederländer werden die westliche Diplomatie dazu zwingen, sich zu positionieren.

Donnerstag, 29. September, DE TELEGRAAF:

Die anhaltenden Versuche Moskaus, die internationale Gemeinschaft in die Irre zu führen, hat die Staatsanwaltschaft fachkundig entlarvt. Vor den Augen der Welt ist die Verstrickung Russlands deutlicher denn je geworden. Der Massenmord vom 17. Juli 2014 hat einen Stempel bekommen: ‚Made in Moskau‘.

Donnerstag, 29. September, DE VOLKSKRANT:

Jetzt liegt Beweismaterial vor, das eine der Konfliktparteien klar belastet, und zwar Russland. Dem niederländischen Ministerpräsidenten Rutte kommt daher die Aufgabe zu, seine europäischen Partner daran zu erinnern, dass der Fall vor ein unabhängiges UNO-Tribunal gehört und vorher keine Rede von einer Aufhebung der Sanktionen gegen Russland sein kann.

Donnerstag, 29. September, WEDOMOSTI:

Der hybride Krieg nach dem Motto: ‚Unsere Leute sind gar nicht auf ukrainischem Gebiet, und wenn, dann auf Urlaub‘ scheint russischen Politikern und Militärs ein höchst erfolgreicher Schachzug zu sein. Er hat taktische Vorteile gebracht, er hat gezeigt, dass wir andere Länder beeinflussen können.

Donnerstag, 29. September, STANDARD:

Moskau revanchierte sich für die ungewohnt direkten Schuldzuweisungen der westlichen Experten nicht nur mit dem typischen Reflex, alles abzustreiten, sondern ging zum Gegenangriff über. In Moskau wird nun allen Ernstes darüber spekuliert, dass Amerikaner und Europäer ein Passagierflugzeug mit 300 eigenen Bürgern an Bord ‚verpulvert‘ hätten – nur um Russland zu diffamieren.

Mittwoch, 31. August, Deutschlandfunk:

Bundesaußenminister Steinmeier hält eine Wiederaufnahme Russlands in den Kreis der wichtigsten Industriestaaten für möglich.

Montag, 5. September, Deutschlandfunk:

Die russischen Streitkräfte haben mit groß angelegten Manövern im Grenzgebiet zur Ukraine sowie um die Halbinsel Krim begonnen.

Wie das Verteidigungsministerium in Moskau mitteilte, sind daran 12.500 Soldaten, die Schwarzmeer- und die Kaspische Flotte sowie Kampfflugzeuge beteiligt. Die Übungen sollen bis Samstag dauern. Bereits in der letzten Augustwoche hatte das russische Militär ein umfangreiches Manöver abgehalten.

Mittwoch, 21. September, Deutschlandfunk:

Das Bundeswirtschaftsministerium hat ein Treffen von Ressortchef Gabriel mit dem russischen Präsidenten Putin in Moskau bestätigt.

Der SPD-Politiker werde am Abend zu einem Gespräch mit dem Staatschef zusammenkommen, teilte ein Sprecher in Berlin mit. Vorgesehen sind in Moskau auch Begegnungen mit Regierungsvertretern über die bilateralen wirtschaftlichen Beziehungen und ein Treffen mit Vertretern deutscher Unternehmen. Begleitet wird Gabriel von einer Wirtschaftsdelegation.

Donnerstag, 22. September, RZECZPOSPOLITA:

Der SPD-Chef will die russisch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen neu beleben und setzt sich für einen Abbau der Russland-Sanktionen ein. Die SPD hat schon immer eine eigene Politik gegenüber Russland betrieben. Doch der aktuelle Kuschelkurs mit Moskau hat vielleicht auch mit den kommenden Wahlen in Deutschland zu tun. Es könnten Signale in Richtung Linkspartei sein, die die SPD als möglichen Bündnispartner im Blick hat.

Freitag, 23. September, NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG:

Vize-Kanzler Gabriel setzt sich bewusst von der Linie der Kanzlerin ab. So erklärte er das TTIP-Abkommen für erledigt, fordert die Aufhebung der Sanktionen und wirbt dafür, gemeinsam mit Russland den Syrien-Konflikt zu lösen. Und warum sollte Gabriel nicht auch Interessen der Wirtschaft vertreten? Natürlich ist Gabriel auch Taktiker und läuft sich für eine Kanzlerkandidatur warm. Eine rot-rot-grüne Koalition auf Bundesebene 2017 ist zu einer realen Möglichkeit geworden.

 

Die sogenannten Separatisten in der Ostukraine produzieren ihre Waffen und die zugehörige Munition nicht selbst. Wie jedermann, außer dem deutschen Außenminister, weiß. Der wie ein Blöder unermüdlich scheitert mit seinen Aufforderungen, Moskau möge seinen Einfluß ausüben auf die „Separatisten“. Und der unermüdlich den Westen warnt. Vor „Säbelrasseln“.

Anstatt den Verantwortlichen aufzufordern, seine Soldaten und Waffen aus der Ukraine abzuziehen.

Denn es gibt einen Strippenzieher der sogenannten Separatisten, einen Auftraggeber.

Es gibt lupenrein einen Verantwortlichen für den Tod der 298 Passagiere des Flugs MH17.

Für 298 grausam zerschmetterte Menschenleben!

Eine Gedenkminute hat 60 Sekunden.