A N A B A S I S

Thalatta ! Thalatta !

Kategorie-Archiv: Geschichte

Das verschüttete Bild des Menschen

 

14. Juli 2018: Bellarmin an Mephisto

 

Denk Dir, vergangene Nacht, was kam mir da für ein bizarrer Traum! Ich stand in Berlin am Brandenburger Tor. Ich stand auf der Seite des Tiergartens, aber sehr seitlich, Blickrichtung etwa zum Reichstag. Den ich jedoch überhaupt nicht sah, nicht wahrnahm, und an den ich weder dachte, noch kam er mir irgendwann irgendwie in meinen Sinn. Sondern mein Blick blieb gefesselt geheftet an das steinerne Tor, ohne jedoch auf dessen andere Seite zu dringen. Deren Sicht mir auch versperrt blieb, weil ich in einem zu scharfen Winkel stand. Es war Tag, doch wie durchschleiert von morgendlichem Dunst. Ich stand völlig allein, zur Starre verdammt, und weit und breit in Sicht keine Menschenseele.

Es herrschte vollkommene Stille…

Wirklich?

Auf einmal meinte ich, ein Geräusch zu vernehmen, verworren und wie aus sehr weiter Ferne. Erst glaubte ich, ich hätte mich getäuscht. Doch mehr und mehr wurde es mir gewiß. Das war kein Irrtum! Das kam von der anderen Seite des Brandenburger Tores, von seiten des Pariser Platzes. Von Unter den Linden.

Und es kam näher!

Ich spürte ein Bestreben, mich zum Tor zu bewegen. Um zu sehen, was da wäre. Ich blieb jedoch stehen auf der Stelle. Gebannt wie von einem unheimlichen Zauber.

Mittlerweile rückte es heran, und da erkannte ich das Geräusch. Es handelte sich um ein Getrommel. Das schallte überirdisch. Wie rührend von tausend Trommeln! Die wirbelnd einen Marschtakt zelebrierten. In einem beängstigenden Rhythmus, durchsetzt mit ganz kurzen Augenblicken perfektester Stille.

Dann war es auch schon heran, und ich erschrak.

Durch das Tor tauchte auf die Kolonne eines offenbar gewaltigen Spielmannszuges mit Trommeln.

Jeder Trommler in grauer Uniform.

Selbst an ihrer Spitze der Tambourmajor!

In derselben unterschiedslosen Uniform.

Plötzlich wendet der sein Gesicht zu mir. Als stünde ausgerechnet ich dort zur Abnahme dieses Defilees!

Ich spürte, wie mir der Schreck in die Glieder fuhr: An Stelle seines Gesichtes grinste mir der Schädel eines Toten entgegen!

Und wie auf Befehl, mit einem Ruck wandten mir auch die übrigen ihre Gesichter zu, und das waren lauter eigenartig grinsende Totenschädel.

Jenes grausame Spiel setzte sich fort: Immer wenn ein paar Reihen Marschierender durchs Tor hindurch waren, lief es durch sie wie ein Ruck. Dann, mit einem Schlag wandten sie alle ihr Gesicht zu mir.

Alles Totenschädel!

Und das marschierte und marschierte und schien kein Ende zu finden, und ein jedes der Skelette schlug die Trommel.

Wobei es mich zunehmend anmutete, wie als könnte ich eine Art Sinn heraushören aus ihrem trommelnden Getöse! Wie als bildeten sich mit jedem Wirbel verständliche Wörter. Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen! Plötzlich klang das Getrommel in schneidender Schärfe deutlich nur noch wie eine unendliche Aneinanderreihung von

 

Hittittitttittittleruntstallallallallaalin!

Hittittitttittittleruntstallallallallaalin!

Puttuttuttuttutinunttrampp!

Puttuttuttuttutinunttrampp!

 

Hittittitttittittleruntstallallallallaalin!

Hittittitttittittleruntstallallallallaalin!

Puttuttuttuttutinunttrampp!

Puttuttuttuttutinunttrampp!

 

Hittittitttittittleruntstallallallallaalin!

Hittittitttittittleruntstallallallallaalin!

Puttuttuttuttutinunttrampp!

Puttuttuttuttutinunttrampp!

 

Bis ich durch das entsetzliche Rattern eines Rasenmähers vor meinem Fenster endlich erwachte…

 

 

Wir brauchen den Frieden, den wirklichen und vollen Frieden. Wir hoffen auf eine Zukunft, in der ein Platz in irgendeiner Ecke der Welt für ein einfaches und gesichertes Leben zu finden ist. Unter den Trümmern der Großstädte graben wir nach dem verschütteten Bild des Menschen. Bange fragen wir uns, ob nach der vergangenen Epoche des Hasses noch eine politische Ordnung gefunden werden kann, die auf dem Gedanken der Freiheit, der Würde und der Liebe unter den Menschen aufbaut.

Die Welt am Dienstag, dem 9. April 1946

 

Hungerstreik und Spiele

16. Juni 2018: Serapion an Mephisto

Der lupenreine Auftraggeber, in seinem Bestreben, seinen Untertanen den lupenreinen Demokraten vorzuführen, frönt der Angewohnheit, jedes Jahr die landesweite Inszenierung eines Fernsehspektakels in Auftrag zu geben, bei der er gewissermaßen dem einfachen Volke dessen Fragen beantwortet. So auch vorige Woche, worüber am Donnerstag, dem 7. Juni, der Deutschlandfunk nachrichtlich meldete:

Russlands Präsident Putin droht der Ukraine

Der russische Präsident Putin hat die Ukraine vor – wie er sagte – „Provokationen“ während der Fußball-Weltmeisterschaft gewarnt.

Wenn die ukrainische Armee in dieser Zeit Separatistenstellungen im Osten des Landes angreife, werde das sehr schwere Folgen für die ukrainische Staatlichkeit haben, sagte Putin während einer Fragestunde im Fernsehen.
Im Osten der Ukraine kämpfen Separatisten seit vier Jahren für einen unabhängigen Staat und werden dabei von Russland unterstützt. Im März 2014 annektierte die russische Regierung die ukrainische Halbinsel Krim.

Diese Meldung einer ungeheuerlichen Ungeheuerlichkeit zeigt zum einen erst einmal, daß sich immerhin eine Kleinigkeit gewandelt hat. Und zwar nach meiner Beobachtung seit dem jüngsten Giftanschlag in London und der zeitnahen Veröffentlichung des Zwischenberichtes über den Untersuchungsstand zum Abschuß der Passagiermaschine des Fluges MH18. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, daß früher in der deutschen Berichterstattung derart deutlich und ohne jedes Wenn und Aber und sogar ohne das mindeste eines des seit etwa zwei Jahren inflationär grassierenden „mutmaßlich“ die auf der Hand liegende Tatsache einer russischen Unterstützung sogenannter Separatisten in der Ukraine wie selbstverständlich ausgesprochen wurde.

Zum anderen zeigt sich jedoch auch, daß die sich daraus ergebende Folgerung, nämlich daß Rußland und sein lupenreiner Auftraggeber als Kriegspartei nicht wie Deutschland und Frankreich neutral vermittelnd ist und sein kann zwischen der Ukraine und den russischen Marionetten, den sogenannten Separatisten. Und daß selbige simple Tatsache in bundesdeutschen Medien nicht einer geringsten Beachtung, geschweige denn einer angemessenen Erörterung, für Wert erachtet wird.

Und es wäre doch so wichtig angesichts der in Deutschland noch immer praktizierten tatsachen- und geschichtsignoranten rußlandfreundlichen Verklärungen!

Vor allem in Ostdeutschland und in bayerischen Regierungskreisen und bei der in solchen Dingen wie immer aus Profitgeilheit unbekümmert kurzsichtig agierenden Wirtschaft.

Doch das Allerwichtigste findet überhaupt keine Beachtung:

Vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft schreibt der lupenreine Auftraggeber in dreister Offenheit einem souveränen Nachbarland vor, was dieses auf seinem Territorium zu tun und zu lassen habe!

Und bedroht es in seiner Staatlichkeit.

Was ja wohl heranreicht an eine Kriegsdrohung!

Und der Westen und die sogenannte Europäische Union mit ihrer gemeinsamen sogenannten Außenbeauftragten und Deutschland reagieren nicht im geringsten oder stellen dem aggressiven Erpresser wenigstens mal eine Frage.

Auf was für ein erschütterndes Niveau ist der deutsche Journalismus gesunken!

Keinerlei Erörterung in bundesdeutschen Medien!

Stattdessen einen Tag später als typischer SPD-Mann der frohgemute Oppermann als typischer sozialdemokratischer Rußlandgesundbeter, und zwar wieder in den Nachrichten des Deutschlandfunks:

Oppermann (SPD): „Sportereignisse können helfen, das Eis zu brechen“

Bundestagsvizepräsident Oppermann hat sich gegen einen generellen politischen Boykott der anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft in Russland ausgesprochen.

Er sei der Ansicht, diese sollte nicht „total politisiert“ werden.

Total!

„Damit wird nichts gewonnen.“ Ob jemand zu den WM-Spielen nach Russland reise, „das muss jeder selbst entscheiden“. Die Olympischen Spiele in Südkorea hätten gezeigt, dass solche Sportereignisse „auch helfen können, das Eis zu brechen“. Deshalb plädiere er dafür, solche Gelegenheiten immer auch zu politischen Gesprächen zu nutzen.
Oppermann spielt heute mit der Fußballmannschaft des Bundestages in Moskau gegen Abgeordnete der russischen Duma. Fußball könne auch eine Sprache sein, die politisch wirke, sagte der SPD-Politiker im Deutschlandfunk. Es sei unbestritten, dass es erhebliche Differenzen zur Politik von Präsident Putin gebe.

Tapferes Kerlchen, der Oppermann!

Unbestritten!

Aber…

„Aber die Russen sind nicht unsere Feinde und deshalb wollen wir diese sportliche, menschliche Begegnung nutzen, um unsere Gesprächsbereitschaft auch zu zeigen“, betonte Oppermann.

Gesprächsbereitschaft!

Auch zeigen!

Damit der Auftraggeber Bescheid weiß!

Für Friede, Freude, Fußballfreundschaft – immer bereit!

Der Zeitpunkt dafür könne nicht besser sein, weil es in der nächsten Woche einen neuen Anlauf zu einer Lösung des Ukraine-Konflikts geben solle.

Seltsam, der neue Anlauf zu einer Lösung des Ukraine-„Konflikts“, wie Oppermann die russische Aggression zur Gewinnung „Neurußlands“ als Korridor zur Krim und potentiell über Odessa nach Transnistrien nennt, ist zufälligerweise, trotz all der krampfhaft gezeigten Gesprächsbereitschaft, gescheitert. Weil die Seite des lupenreinen Auftraggebers sich anmaßt, aus irgendeinem Grund eine Blauhelmmission nicht zu akzeptieren, die den sogenannten Waffenstillstand dergestalt überwachte, daß auf ukrainischem Staatsgebiet auch die Grenze zu Rußland kontrolliert würde.

Ja, so ist das.

Gestern ein Lichtblick: Der deutsch-russische Autor („Russendisko“) Wladimir Kaminer im Deutschlandfunk:

Stefan Heinlein: Nun also rollt der Ball in Russland. Gestern Nachmittag der Anpfiff für die 21. Fußball-Weltmeisterschaft. 5:0 zum Auftakt, ein klarer Sieg des Gastgebers gegen Saudi-Arabien. Vor der Partie die große Eröffnungs-Show mit Robbie Williams, allerdings ohne westliche Politprominenz auf der Tribüne in Moskau. Die Bühne gehört also ganz dem Kreml-Präsident Wladimir Putin. Er will sich und sein Land als guter Gastgeber präsentieren. Vier Wochen lang werden die Augen aller Fußballfans auf Russland gerichtet sein, und darüber möchte ich jetzt sprechen mit dem Schriftsteller Wladimir Kaminer. Er wurde 1967 in Moskau in der damaligen Sowjetunion geboren. Er lebt und arbeitet aber seit vielen Jahren in Deutschland. Guten Morgen, Herr Kaminer.

Wladimir Kaminer: Guten Morgen! – Ich muss der Wahrheit halber sagen: 17 Regierungschefs waren mit Putin auf der Tribüne. Allerdings kamen sie alle aus den Ländern, die keinen Fußball spielen können. 15 davon haben keinen Fußball gespielt und zwei sind unbekannt.

Heinlein: Aber Gerhard Schröder war auf der Tribüne und kann auch Fußball spielen. Ist das eine besondere Ehre dann auch für Wladimir Putin?

Kaminer: Ich glaube, dass er schon unbedingt die anderen auch haben wollte. Es ist übrigens schade, finde ich, dass Frau Merkel zum Beispiel nicht hingeflogen ist mit dem kleinen Plakat „Free Oleg Senzow“. Dann hätte man doch vielleicht diesen politischen Gefangenen, diesen Filmregisseur, der 20 Jahre in Moskau bekommen hat und jetzt Hungerstreik hält, rausholen können, oder ein paar andere.

Heinlein: … Herr Kaminer, erst mal herzlichen Glückwunsch! 5:0 – das ist ja klarer als erwartet. Tanzen jetzt die Russen auf den Tischen? Ist der Titel in greifbarer Nähe?

Kaminer: Die Russen sind verblüfft. Die haben ja nichts anderes gemacht, als über ihre Mannschaft geschimpft während dem ganzen letzten Monat. Sie haben natürlich die Rolle des Präsidenten bei diesem Spiel unterschätzt. Nicht umsonst war ja der Scheich schon 20mal in den letzten zwei, drei Monaten in Moskau. Die haben da irgendwas abgemacht. – Es wird ja sowieso nichts in Russland passieren, was nicht mit dem Präsidenten abgesprochen ist. … Man weiß doch, dass Fußball nicht nur ein Leistungssport ist. Da spielen auch Glück und Schicksal eine wichtige Rolle und durchaus kann eine schwächere Mannschaft gegen eine stärkere gewinnen. Allerdings haben die Saudis natürlich sich ein bisschen zu viel Mühe gegeben, um ganz schlecht zu sein.

Heinlein: Wie populär ist eigentlich der Fußball zuhause bei Ihnen in Russland? Ist das tatsächlich nur die Nummer zwei hinter Eishockey?

Kaminer: Ja, Fußball ist sehr populär. Die besten Zeiten hatten wir in der Sowjetunion, glaube ich. Damals hat die Nationalmannschaft auch sich gespeist aus den anderen Republiken, die heute unabhängige Staaten sind. Unsere besten Spieler waren ja aus Dynamo Kiew, Ararat Eriwan, Dinamo Tiflis. Das sind alles heute andere Länder.

Heinlein: 2006 hat Deutschland ja mit dem Sommermärchen tatsächlich diesen Image-Wandel geschafft. Alle waren erstaunt, wie fröhlich und wie unverkrampft wir Deutschen feiern können. Wie hoch sind denn die Chancen aus Ihrer Sicht für ein russisches Sommermärchen?

Kaminer: Russisches Sommermärchen sieht wie folgt aus: Für vier Wochen sind alle Demonstrationen und irgendwelche Begegnungen auf der Straße verboten. Dabei tanzen von früh bis spät Iraner, Argentinier, Peruaner auf den Straßen von Moskau. Ich habe gestern Fotos gesehen, das war Wahnsinn. Die Polizei weiß gar nicht, was sie machen soll mit all diesen tanzenden Menschen von der ganzen Welt. Sie haben in ihren Anweisungen nur einen Satz stehen: Sie müssen immer lächeln und sagen, „Welcome to Russia“.

Da kommen doch die Russen selbst bald auf die Idee, dass sie auch tanzen dürfen auf ihren Straßen!

Heinlein: Sie sagen es: Nur ein sehr kleiner Teil der Russen, der privilegierten Russen, muss man sagen, war ja bisher im Ausland. Viele haben überhaupt keinen Reisepass. Könnte tatsächlich diese WM das Weltbild der Russen verändern?

Kaminer: Das wird auf jeden Fall passieren. Das sehe ich jetzt schon an den vielen Reaktionen in den sozialen Netzwerken, dass sie sich total wundern, dass die Welt so lustig drauf ist.

Heinlein: „Die Welt zu Gast bei Freunden“ – das war das Motto der Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Das ist durchaus auch etwas, was die Russen als Gastgeber sich zu Herzen nehmen werden?

Kaminer: Die Welt zu Gast bei Russen – das ist noch lustiger als bei Freunden!

Heinlein: Herr Kaminer, reden wir ein wenig über das Politische. Will Putin ablenken von Korruption, Krim und Doping? Soll Fußball auch so etwas sein wie Opium für die Welt?

Kaminer: Ich glaube, dass die FIFA mehr Mitglieder hat als die UNO. Eigentlich ist Fußball wichtiger als Politik.

Heinlein: Auch in Russland?

Kaminer: Gleich am ersten Tag dieser Weltmeisterschaft wurde die Mehrwertsteuer erhöht von 18 auf 20 Prozent und das Rentenalter angehoben, und die Menschen können nicht mal dagegen protestieren, weil sie haben ja Demoverbot.

Heinlein: Ich bedanke mich, Herr Kaminer, für das Gespräch.

Ja, das Rentenalter ist plötzlich angehoben worden in Rußland.

Aber nur um acht Jahre.

Auf dieser lupenreinen landesväterlichen Fragenbeantwortungsinszenierung war es dem lupenreinen Auftraggeber ein offensichtliches Anliegen zu betonen aus irgend einem Grund, wie umfänglich die russische Wirtschaft momentan prosperiere.

Da fällt mir ein, bei derselben russischen Veranstaltung oder vielleicht ein paar Tage vorher, da war irgendwie die Rede auf Iwan den Schrecklichen gekommen, und daß er seinen ältesten Sohn ja erschlagen hatte vor Wut. Was der lupenreine Wladimir Wladimirowitsch jedoch vehement bestritten haben soll: Das sei eine Lüge des Westens!

Das kann ich nur unterstützen.

Wie ich den Westen kenne, seit jeher verbreitet der über Rußland antisowjetische Lügen, Falschmeldungen und sogar Fäknjus!

Wie ich den Westen kenne, und da kann ich den lupenreinen Wladimir Wladimirowitsch nur schon warnen, löge der Westen demnächst sogar, der in Rußland göttergleich verehrte Peter der Große habe seinen Sohn zu Tode foltern lassen und selbst mit Hand angelegt dabei! Der Westen, wie ich ihn kenne in seiner Verlogenheit, könnte der Idee verfallen, die Fäknju zu verbreiten: Exakt heute in zehn Tagen, nämlich am 26. Juni, jähre sich zum dreihundertsten Mal der Tag, an dem der Zarewitsch Alexej starb nach wochenlangen Verhören. In welchen er die Aussage seiner Geliebten Afrosinja über seine verbrecherischen Absichten bestätigt haben soll unter der Knute: Er werde als Zar wohnen in Moskau und nicht in Petersburg! Er werde weder eine Flotte halten noch Kriege führen!

Und der Westen, wie ich den kenne, könnte behaupten, noch bevor Peter der Große darauf das gegen seinen Sohn gefällte Todesurteil unterzeichnen konnte, sei dieser am nächsten Tag an den Folgen der Folter gestorben.

Alexej, den der russische Gesandte aus dem sicheren Wiener Asyl, in das er aus Furcht vor seinem Vater geflohen war, mit falschen Versprechungen zur Rückkehr nach Rußland gelockt hatte.

Das könnte der verlogene Westen behaupten.

Oder auch, welch entsetzliches Strafgericht bei seiner Rückkehr von seiner Europareise Peter der Große anrichten ließ unter den Strelitzen, seiner Leibgarde. Etwa 800 ließ er hinrichten, wobei, wie der Westen behaupten könnte, Peter der Große es sich nicht hatte nehmen lassen, bei diesem und jenem selbst Hand anzulegen und sie mit dem Beil persönlich zu enthaupten. In seiner antisowjetischen Verlogenheit würde sich der Westen mit solchen Fäknjus dreist auf Beobachtungen des damaligen kaiserlichen Gesandten berufen.

Und wie ich ihn kenne, wäre der Westen auch imstande zu behaupten, bereits Jahre zuvor, nämlich als er seine Stiefschwester Sofja lebenslänglich ins Kloster verbannte, hatte der verehrte Peter den damaligen Chef der Strelitzen hinrichten lassen nach schwerster Folter. Und, könnte der Westen behaupten, anläßlich der erwähnten Massenhinrichtung habe Peter der Große eine gewisse Anzahl der Strelitzen seiner Stiefschwester direkt vor ihrem Fenster im Kloster aufhängen lassen mit dem strickten Befehl, die verwesenden Leichen bis zum Tode Sofjas dort hängen zu lassen.

Doch zum Glück herrscht heute im Kreml der Auftraggeber, der all die westlichen Lügen über das ruhmredige Rußland entlarven wird.

Lu-pen-rein!

Wie schon zuvor bei MH18 und bei all den unzählig anderen.

Und die so was behaupten, über Iwan oder Peter oder Staatsdoping und so weiter und so fort, die sollen sich vorsehen!

 

Groß ist das heilige russische Land, aber die Wahrheit hat nirgends Platz.“

(Russisches Sprichwort)

 

In keiner Spielminute vergessen: Rußland, Gefangenschaft, Hungerstreik – was für eine Qual!

 

Der russische Krieg

 

15. März 2018: Mephisto an Bellarmin

Als die Russen im Osten der Ukraine ihren Krieg um einen Landkorridor zur der von ihnen eroberten Krim begonnen hatten, den Krieg, den deutsche Medien, getreu der steinmeierschen Diktion, ohne nachzudenken noch heute oft als „Konflikt“ bagatellisieren, vor nun also mehr als drei Jahren schrieb mir Serapion am 11. Juli 2014 (=> Der Hauptfeind Moskaus):

„Was aber die beiden Kriege anbelangt, nach denen Du mich fragtest, so liegen sie durchaus im Bereich meiner Wahrnehmung. Obwohl der Krieg des ISIS der grausamere zu sein scheint und der allgemeingefährlichere, glaube ich, den russischen für den bedenkenswerteren halten zu müssen. Den Krieg des ISIS empfinde ich nicht nur wegen seiner entsetzlichen Massaker als einen archaischen. Sondern vor allem, weil er tatsächlich derselbe ist seit Jahrtausenden. Die Menschen bleiben immer die gleichen, nur die Namen ihrer Götter wechseln. Was früher Aschschur war, heißt heute Allah. Die gottesdienstliche Abschlachtung der Ungläubigen aber ist unter Tiglatpileser und Sargon dieselbe wie unter Abu Bakr al-Baghdadi. Dieselbe Gegend, die gleichen kreisläufigen Geschichten. Im Nahen Osten leider nichts Neues. Ein Déjàvu bis auf die Tatsache, daß die Gefahr eines sich ausbreitenden Flächenbrandes selten derart groß war wie in heutigen Tagen. Und die Einschläge kommen immer näher.

Es ist ein großer Irrtum zu glauben, Geschichte wiederhole sich nicht. Im Gegenteil! Alles Vergängliche ist nur ein GLEICHES, möchte man sagen, vielleicht auf verschiedenem Niveau. Geschichte spiegelt, und Du wirst das bestimmt nicht für Vulgärmarxismus halten, Geschichte spiegelt, mehr als es uns bewußt ist, in Variationen beständig den Kampf der Antagonismen, bemäntelt von nahezu beliebig wandelbaren, ja sogar vom Austausch selbst gegensätzlicher Ideologien.

Zwar ist wahr, daß man nie im selben Flusse bade, aber wahr ist auch, daß seine Wasser mich heute so nässen wie morgen, und wie es von Weisheit zeugen mag, im Strom der Zeit ein Verschiedenes zu suchen, so fördert wahrscheinlich noch mehr es unsere Erkenntnis, Analogien zu bemerken und anzuerkennen, und dieses mag der rettenden Voraussicht besser dienen als der Glaube, Geschichte wiederhole sich nicht.

Eine etwas andere Qualität in der Variation des ewig Gleichen fällt allerdings auf beim aktuellen Konflikt im Osten Europas. Trotz der ja ebenfalls nicht neuen, wenn auch mittlerweile semifaschistisch gesteigerten Russentümelei. Und die nationalsozialistische „Russische-Erde“-Rückgewinnungspolitik (da ist sie wieder, die „Blut und Boden“-Ideologie, aber schon vor den Zeiten Iwan des Schrecklichen vermerkten die fleißigen Chronisten, daß die Moskauer Großfürsten „die russische Erde sammelten“), die „Russische-Erde“-Rückgewinnungspolitik paßt ebenso fugenfrei in die Reihe jenes jahrhundertlangen Kampfes des Altrussentums gegen das Westlertum. Wobei den Moskauern der Westen in seiner Verderbtheit fast unmittelbar südlich anfing. Denke nur an die erbitterten Abwehrkämpfe gegen jegliche Reformversuche des Patriarchen Nikon. Beispielsweise gegen die Wiederherstellung der ursprünglichen griechisch-orthodoxen Liturgie inklusive der Ausmerzung von offensichtlichen Rechtschreibfehlern in den liturgischen Texten. Da sei Gott vor! Man kämpfte, daß Jesu weiter Jssus statt Jissus geschrieben werde, am Weißen Meer verteidigte ein Kloster sein Njet! gegen diese westlichen Neuerungen acht Jahre lang mit Kanonen. Die Ideen des Westens waren den russischen Altgläubigen, dem „Raskol“, abartig. Da haben wir noch nicht einmal über den polnischen Katholizismus geredet, die römische Westkirche mit ihrem verdammten polnischen Papst, der sich nicht beseitigen ließ. Der Westen mit seinen protestantischen Ideen hat uns das sowjetische Imperium zertrümmert. Apropos Protestantismus und französische Revolution: Je westlicher desto entsetzlicher.

Der Hauptfeind Moskaus war und ist bis heute der eigenmächtig denkende Mensch.

Oder erinnere Dich nur an den Aufstand der Strelitzen und und und. Sehr sehr vieles gäbe es zu sagen. Doch allein schon die jüngste Chronik zeigt wieder, keine noch so durchsichtig verlogene Idiotologie scheint zu plump, um Menschen zu verhetzen. Es heißt, 61 Prozent der Russen fänden es toll, daß in der Ostukraine Söldner aus Rußland kämpfen. Und es wäre gefährlich, sich darin zu täuschen: Unsere Zeit steht keinesfalls auf einer höheren zivilisatorischen Stufe, nur weil wir seit vierzehn Jahren in einem neuen Jahrtausend leben und vom Juli 1914 hundert Jahre entfernt zu sein scheinen.

In der Welt waltete und waltet immer noch eine andere Kraft als die Vernunft, und damit meine ich nicht nur ihr Gegenteil.

Jene neue Qualität aber ist wohl manchem bis jetzt noch nicht zur Gänze und mit all ihrer Konsequenz ins Bewußtsein vorgedrungen, und daß es kein Zurück mehr geben wird. Der durch Rußland ausgelöste Krieg zwischen zwei Staaten ist nur die unterste Ebene des Konflikts. Gleichzeitig handelt es sich, obwohl die Ukraine nicht dazugehört, um den Beginn der offenen Aggression Rußlands gegen die Europäische Union. Ein Staat kämpft gegen eine im mühsamen Aufbau befindliche überstaatliche Ordnung, kämpft gegen einen Staatenbund, um ihn zu zerstören. Der neue Zar im Kreml will die Europäische Union, die beispielsweise, entgegen aller Wunschvorstellungen (oder Befürchtungen), eben noch nicht einmal über eine gemeinsame Außenpolitik verfügt, zerstören.

Und, auf der obersten Ebene, und damit ist gemeint jene faschistische Dimension des Konflikts, bekriegt Rußland jetzt expansiv die westliche Zivilisation als solche. Weil man sie für dekadent, schädlich und bedrohlich und demgegenüber das Russentum für gesund und überlegen hält.

Wie gesagt, an und für sich ist die Furcht vor ihr und der Kampf gegen die Lebensart der Westler, der Kampf gegen die Europäisierung Rußlands, durch die Jahrhunderte kein neuer Zug. Doch handelte es sich bisher um einen Kampf für die Reinhaltung des Inneren. Das ist jetzt anders geworden in der Weltgeschichte.

Und der dahinterstehende wesentliche Antagonismus ist letztendlich der zwischen Individuum und Staat: Rußland kämpft gegen das Individuum.

 

Zivilisation

 

23. Februar 2018: Serapion an Mephisto

Glücklicherweise gibt es sogar noch einige notorische Optimisten auf unserem geschundenen Planeten, die man trotz jener Abartigkeit nicht anders als zur Spezies der intelligenten Lebewesen rechnen kann. Mit einem solchen Exemplar findest Du im SPIEGEL voriger Woche ein sehr schönes Gespräch aus Anlaß seiner Teilnahme an der dieses Jahr leider eher unglücklichen Sicherheitskonferenz in München, auf welcher ihr Vorsitzender Wolfgang Ischinger angesichts der Bedrohungslage aus wie stets scharfsinnig analysierten Gründen unsere Welt beschrieben hatte als vor dem Abgrund stehend. Bei dem Optimisten handelt es sich um den sympathischen Harvard-Psychologen Steven Pinker.

Es gibt viel zu wenig solcher Menschen.

Sehr gut: Der Mann fühlt sich in gewissem Sinn der Aufklärung verpflichtet, und er hat ein dickes Buch geschrieben. Diesen Herbst soll es auch auf dem deutschsprachigen Markt erscheinen, und zwar unter dem Titel „Aufklärung jetzt“.

Im Original heißt es „Enlightenment Now – The Case for Reason, Science, Humanism and Progress“.

Anhand statistischer Daten bringt und beweist uns Pinker hier lauter frohe Botschaften, auch als Gegengewicht hinsichtlich einer unaufhörlichen Bevorzugung negativer Meldungen in der weltweiten Nachrichtenberichterstattung.

Der SPIEGEL zitiert aus Pinkers Darstellungen:

Der Anteil der Menschen, die pro Jahr in Kriegen umkommen, liegt heute bei etwa einem Viertel gegenüber den Achtzigerjahren, einem Sechstel gegenüber den frühen Siebzigerjahren, einem Sechzehntel gegenüber den frühen Fünfzigerjahren.“

2016 war bekanntlich ein schreckliches Jahr des Terrorismus in Westeuropa mit 238 Toten. 30 Jahre zuvor aber war es noch viel schlimmer, es gab 440 Todesopfer.“

Die Welt ist heute etwa hundertmal so reich wie vor zwei Jahrhunderten, und der Reichtum wird gleichmäßiger auf Länder und Menschen verteilt.“

Vor 100 Jahren setzten vermögende Länder etwa ein Prozent ihres Reichtums zur Unterstützung von Armen, Kindern und Alten ein, heute sind es rund 25 Prozent.“

Anfang der Neunzigerjahre gab es nur 52 Demokratien auf der Welt, heute gibt es 103 davon.“

Pinkers Intention ist natürlich lobenswert. Nichtsdestotrotz erlaube ich mir, jener Betrachtung menschlichen Fortschritts drei Fakten hinzuzufügen:

1955, exakt heute vor 63 Jahren, schlossen die Türkei, der Irak und der Iran den Bagdad-Pakt mit dem Ziel gemeinsamer Militäroperationen gegen jede kurdische Befreiungsbewegung…

Die russische Seite, die wir ja kennen über die Jahrhunderte als Spezialistin der Nachrichtenberichterstattung, verhinderte gestern erneut im UN-Sicherheitsrat das Zustandekommen eines Waffenstillstandes zur dringendsten Versorgung der Zivilbevölkerung in Ost-Ghouta mit der Begründung, die Welt leide im Hinblick auf die Berichterstattung über das angebliche Leiden der Zivilbevölkerung Syriens an einer Massenpsychose…

Und, gewissermaßen als Krone des menschlichen Fortschritts der letzten 24 Stunden: Der Präsident der Vereinigten Staaten will, finanziell gefördert, Lehrer an den Schulen der Vereinigten Staaten bewaffnen, damit sie schießende Schüler erschießen…

Es ist zwar schon eine Weile her, doch vielleicht erinnerst Du Dich, im April 2015 schickte ich Dir die beiden wichtigsten Gedichte deutscher Zunge (=> Apropos Lyrik). Angesichts all des Fortschritts heute will ich Dir hinzufügen von Andreas Gryphius sein fünfundvierzigstes Sonett:

 

Mir ist, ich weiß nicht wie, ich seufze für und für.

Ich weine Tag und Nacht; ich sitz‘ in tausend Schmerzen;

Und tausend fürcht‘ ich noch; die Kraft in meinem Herzen

Verschwindt, der Geist verschmacht‘, die Hände sinken mir.

 

Die Wangen werden bleich, der muntern Augen Zier

Vergeht gleich als der Schein der schon verbrannten Kerzen.

Die Seele wird bestürmt, gleich wie die See im Märtzen.

Was ist dies Leben doch, was sind wir, ich und ihr?

 

Was bilden wir uns ein, was wünschen wir zu haben?

Itzt sind wir hoch und groß, und morgen schon vergraben;

Itzt Blumen, morgen Kot. Wir sind ein Wind, ein Schaum,

 

Ein Nebel und ein Bach, ein Reif, ein Tau, ein Schatten;

Itzt was und morgen nichts. Und was sind unsre Taten

Als ein mit herber Angst durchmischter Traum.

 

Andreas Gryphius (1616 – 1664)

 

„Dieser Tod paßt zu mir“

 

22. Dezember 2017 – Mephisto an Bellarmin

Zehn Tage vor Weihnachten teilte man dreizehn der Angeklagten mit, daß am Folgetag, Dienstag, dem 15. Dezember, ihr Prozeß beginne. Am jenem Tag, also schon am Tag der Verhandlungseröffnung, wurde gleichzeitig in der Haftanstalt Berlin-Plötzensee an der Decke des Hinrichtungsraumes eine Eisenschiene installiert mit dem Zweck, daran fünf Fleischerhaken anzubringen.

Genau das hatte Hitler sich ausgemalt und eigens angewiesen.

Bis zu diesem Tage waren Todesurteile zivilgerichtlich durch Enthaupten vollstreckt worden, militärisch durch Erschießen. Doch das erschien Hitler zu human für die Beschuldigten. Durch Erhängen wollte er sie zusätzlich entehren. Auch sollten sie die Haken beim Sterben in besonderem Maße demütigen.

Der Prozeß fand unter strengstem Ausschluß der Öffentlichkeit statt, er war geheim: Die Öffentlichkeit sollte keine Kenntnis erhalten.

Die Angeklagten hatten sich ihre Verteidiger nicht aussuchen dürfen, es handelte sich um zugeteilte Pflichtverteidiger. Einige hatten ihre Verteidiger nur kurz vorher einmal sprechen dürfen, manche überhaupt nicht. Die Angeklagten saßen dann etwa ein Dutzend Meter von ihren Verteidigern entfernt, so daß sie nicht mit miteinander reden konnten.

Samstag, fünf Tage vor Weihnachten, wurde am 19. Dezember elf Gefangenen ihr Todesurteil verkündet. Zwei verurteilte man zu Zuchthausstrafen.

Montag legte man die Urteile Hitler zur Überprüfung vor. Der hob die Zuchthausstrafen auf und verwies die beiden Sachen zur Neuverhandlung.

Für die elf Todesurteile regelte er die Reihenfolge und ordnete jeweilige Vollstreckungsmethoden und den Zeitplan an.

Der Gefängnispfarrer wurde über die bevorstehenden Hinrichtungen nicht informiert, um die übliche Betreuung der Todeskandidaten auszuschließen. Den Verurteilten sollte jeder Beistand verwehrt werden.

Dienstag, zwei Tage vor Heiligabend, am trüben, kalten Nachmittag des 22. Dezember 1942, führte man sie in die kleinen, unbeheizten, funzelig beleuchteten Todeszellen.

 

 

Heute vor 75 Jahren wurden ab 19 Uhr in der geplanten Folge gehängt:

 

um 19’00 Uhr der am 29. Oktober 1942 verhaftete Legationsrat Rudolf von Scheliha,

um 19’04 Uhr der am 31. August 1942 verhaftete Oberleutnant der Luftwaffe Harro Schulze-Boysen,

um 19’08 Uhr der am 7. September 1942 verhaftete Oberregierungsrat Arvid Harnack,

um 19’12 Uhr der am 16. September 1942 verhaftete Bildhauer Kurt Schumacher,

um 19’16 Uhr der am 12. September 1942 verhaftete Journalist John Graudenz.

 

 

Der im Auftrag des Gerichtes den Hinrichtungen beigeordnete Amtsrat erklärte später:

Nach meiner Beobachtung trat in dem gleichen Moment, in dem die Schlinge sich zuzog, bereits vollständige Bewußtlosigkeit ein.“

Die Scharfrichter stammten gewöhnlich aus dem Fleischerhandwerk. Ihren ursprünglichen Beruf hatten sie aufgeben können, weil die Zahl der Hinrichtungen unter Hitler stark gestiegen war und man sie mit 300 Mark für jeden abgeschnittenem Kopf extraordinär bezahlte. Auch ihre Helfer zeigten sich mit 50 Mark pro Exekution sehr zufrieden mit ihrem Einkommen als „würdige Vergütung“ „bei der Ausübung desjenigen Hoheitsaktes des Staates“, „der nach außen hin den nachhaltigsten Eindruck macht“.

Den Verurteilten stellten sie erst neben ein hochgeklapptes Brett. Nachdem ihm noch einmal sein Urteil verlesen worden war und der Staatsanwalt gefordert hatte: „Scharfrichter, walten Sie Ihres Amtes!“, packten sie plötzlich ihr Opfer, stießen es auf dem Brett mit seinem Kopf direkt unters Fallbeil und der Scharfrichte drückte auf den Auslösungsknopf. Der Kopf fiel in einen untergestellten Weidenkorb. Das Blut sprudelte aus dem Körper.

Infolge des Überraschungsmoments aber braucht man den Verurteilten nicht extra noch festzubinden. Alles geschah in nur elf bis dreizehn Sekunden, und nach der Meldung des Scharfrichters: „Herr Oberstaatsanwalt, Ihr Urteil ist vollstreckt!“ konnte nach einer Gesamtdauer von drei Minuten die nächste Hinrichtung beginnen.

 

 

Von 20’18 Uhr bis 20’33 Uhr wurden in vorgesehener Folge enthauptet:

 

der am 5. September 1942 verhaftete Soldat Horst Heilmann,

der am 12. September 1942 verhaftete Dreher Hans Coppi,

der am 16. September 1942 verhaftete Marine-Funker Kurt Schulze,

die am 12. September 1942 verhaftete Journalistin Ilse Stöbe,

die am 8. September 1942 verhaftete Filmproduzentin und Filmkritikerin Libertas Schulze-Boysen,

die am 12. September 1942 verhaftete Grafikerin Elisabeth Schumacher.

 

 

 

Harro Schulze-Boysen, der in seiner Flugschrift vom Februar 1942 Sätze geschrieben hatte wie „Im Namen des Reiches werden die scheußlichsten Quälereien und Grausamkeiten an Zivilpersonen und Gefangenen begangen“ und „Der Haß der gequälten Menschheit belastet das ganze deutsche Volk“ und „Wir müssen endlich Schluß machen mit dem alten deutschen Irrglauben, der Staat sei ein höheres Wesen, dem man sich blind anvertrauen dürfe“ und „Wendet euch gegen die Fortsetzung eines Krieges, der im besten Falle nicht Deutschland allein, sondern den ganzen Kontinent zum Trümmerfeld macht“ konnte in der Todeszelle noch einen letzten Brief schreiben:

 

Geliebte Eltern,

es ist nun so soweit: In wenigen Stunden werde ich aus dem Ich aussteigen. Ich bin vollkommen ruhig, und ich bitte Euch, es auch gefaßt aufzunehmen. Es geht heute, auf der ganzen Welt, um so wichtige Dinge, da ist ein Leben, das erlischt, nicht sehr viel. Was gewesen ist, was ich getan, davon will ich nicht mehr schreiben. Alles, was ich tat, tat ich aus meinem Kopf, meinem Herzen und meiner Überzeugung heraus, und in diesem Rahmen müßt Ihr, als meine Eltern, das Beste annehmen, darum bitte ich Euch. Dieser Tod paßt zu mir. Irgendwie habe ich immer um ihn gewußt – es ist mein eigener Tod – wie es einmal bei Rilke heißt.

Das Herz wird mir nur schwer, wenn ich an Euch Lieben denke. (Libertas ist mir nah und teilt mein Schicksal zur gleichen Stunde.) Euch trifft Verlust und Schande zugleich, und das habt Ihr nicht verdient. Ich hoffe nicht nur, ich glaube, daß die Zeit Euer Leid lindern wird. Ich bin nur ein Vorläufiger gewesen, in meinem teilweise noch unklaren Drängen und Wollen. Glaubt mit mir an die gerechte Zeit, die alles reifen läßt. Ich denke an Vaters letzten Blick bis zuletzt. Ich denke an die kleine Weihnachtsträne meiner lieben, kleinen Mutter. Es bedurfte dieser letzten Monate, um Euch so nahe zu kommen. Ich habe, ich verlorener Sohn, ganz heim gefunden nach so viel Sturm und Drang, nach so viel, Euch fremd anmutenden Wegen. Ich denke an den guten Hartmut und freue mich, daß es ihm besser geht.

Meine Gedanken wandern nach Freiburg zurück, wo ich auch Helga und ihre Beiden zum ersten und letzten Mal sah. Ja, ich denke noch an so manches zurück, an ein reiches, schönes Leben, von dem so vieles ich Euch verdanke. So vieles, das nie gelohnt wurde. Wenn Ihr hier wäret, unsichtbar seid Ihr es, ihr würdet mich lachen sehen, angesichts des Todes. Ich habe Ihn längst überwunden. In Europa ist es nun einmal so üblich, daß geistig gesät wird mit Blut. Mag sein, daß wir nur ein paar Narren waren, aber so kurz vor Toresschluß hat man wohl das Recht auf ein bißchen, ganz persönliche, historische Illusion.

Ja, und nun gebe ich Euch allen die Hand und setze nachher (eine einzige) Träne hierher als Siegel und Pfand meiner Liebe,

Euer Harro

 

 

Wenn Köpfe rollen dann

Zwingt doch der Geist den Staat

Harro Schulze-Boysen (2.9.1909 – 22.12.1942)

 

23.6.17 Bellarmin an Mephisto

 

Helmut Kohl ist gestorben.

Ich habe ihn nicht gemocht. Sicher, mein Unwille läßt sich zu einem großen Teil zurückführen auch auf die Art und Weise wie Kohl mit Genschers Hilfe den sozialdemokratischen Kanzler Helmut Schmidt aus dem Amt hebelte. Zwar fürchtete ich damals nicht, wie der freilich allergrößte Teil der Ostdeutschen unter Einschluß selbst der kritischeren Geister, daß mit dem Regierungsantritt Kohls nun die Bahr/Brandtsche Entspannungspolitik zu ihrem Ende käme. Gewiß eine insofern berechtigte Sorge: Wir befanden uns in Zeiten der Raketennachrüstung gegenüber des wieder einmal blanker zutage getretenen, aber nichtsdestoweniger ordinären russischen Imperialgehabes. Und alle gutmenschlichen Friedensaktivisten sammelten sich und protestierten … gegen den Westen.

Und gegen die Nato.

Dank dessen und derer sie protestieren durften….

Nein, diese im übrigen von der östlichen Propaganda genährten Befürchtungen teilte ich nicht. Sondern mir war einfach Kohls schnöde Art zuwider. Dieses: Ich habe die Macht, folglich drücke ich Schmidt an die Wand.

Also statt eines: Die Macht für mein Ziel – jenes Stumpfe: Die Macht ist mein Ziel.

Diese Macht erhielt er nur mit Hilfe des Überläufers Hans-Dietrich Genscher.

Später avancierte der dem Helmut Schmidt in den Rücken Gefallene, der Übergelaufene, dann zum Vielgeliebten. Und doch waren einst Leute durch die Straßen gezogen mit den hartnäckigen Sprechchören auf den Lippen:

 

Gen-scher heißt er,

uns be-scheißt er!“

 

Das war aber noch vor Genschers Verrat.

Allein die Reden Schmidts gegenüber den Reden Kohls! Hör sie Dir an! Hör Dir eine beliebige Rede an von dem einen und eine von dem anderen. Wenn Du nichts weiter wüßtest über diese beiden Männer – danach weißt Du alles.

Und Du würdest wahrscheinlich noch mehr Reden hören wollen von dem einen.

Und meinen Groll gegen Kohl verstehen.

Aber dann!

Dann fiel die Mauer. Der antifaschistische Schutzwall wurde überrannt von den Antifaschisten.

Und nun zeigte sich, was in dem Kerl steckte. Damit meine ich nicht so sehr sein zehn Punkte Programm zur Wiedervereinigung. Denn die Idee lag auf der Straße, und er wäre endgültig dumm gewesen, wenn er sich nicht nach ihr gebückt hätte. Obwohl sehr sehr viele, wenn nicht die meisten renommierten Intellektuellen des Westens in bemerkenswerter Weise nicht auf diese an sich naheliegenste Idee einer Wiedervereinigung kamen. Häufig wegen gutmenschlicher und demnach hirnverkleisternder Erwägungen. Beispielsweise und in Übereinstimmung mit großen Teilen der über den Mauerfall tatsächlich erschrockenen DDR-Opposition. Derart, daß man ja nun endlich darangehen könne, in der DDR den wahren, wirklichen und guten Sozialismus aufzubauen… Oder daß man politisch nicht korrekt wäre, das Wort „Wiedervereinigung“ in den Mund zu nehmen angesichts der deutschen Vergangenheit…

Und und und.

Besonders hervor taten sich der übliche Skandalisierer Günter Grass und der üble Oskar Lafontaine. Beide zugehörig zur ohnehin nicht unter einem Mangel an Narzissen leidenden sozialdemokratischen Partei Westdeutschlands. Doch der erstgenannte hat zumindest ein sehr gutes Buch geschrieben. Also ein in etwa während der ersten zwei Drittel sehr gutes Buch hat er geschrieben und danach durch jahrelange Ausdauer in Sachen quartalsperiodischer Eklatverursachungen erfolgreich seine Nobelpreisverleihung betrieben. Während der zweite sich zwar ebenfalls durch eine gewisse Ausdauer auszeichnete, aber weniger im Verfassen nobelpreisverdächtiger Bücher als vielmehr kollaborierend seinem Landsmann Erich Honecker immer aufs neue in den Hintern kriechend. Zuletzt in der Bundesrepublik als Lobbyist des deutschen demokratischen Staatsratsvorsitzenden dessen Streben nach Anerkennung einer eigenen DDR-Staatsbürgerschaft befördernd. In der Absicht damit den aus sozialistischer Leibeigenschaft Fliehenden die diplomatische Unterstützung zu versagen. So, wie es das Regime des Unrechtsstaates plante als Vorstufe zur Auslieferung ins Ausland geflüchteter DDR-Bürger.

Da hat der Helmut Kohl sich also gebückt und seiner Macht endlich ein Ziel gezeigt. Er hätte es nicht zu tun brauchen, hätte es aussitzen und auf die hinter Lafontaine singenden Chöre hören können, und heutzutage, unter sehr unwahrscheinlichen erneuten glücklichen Umständen, hätten wir eventuell mit Wladimir Wladimirowitsch Putin über den Abzug russischer Truppen aus Ostdeutschland verhandeln dürfen.

Wenn Kohl sich nicht gebückt hätte.

Das Momentum zu erkennen und zu nutzen war die eine Leistung.

Dann hat er mit Gorbatschow, diesem einzigartigen Glücksfall russischer Geschichte und der Welt, dann hat er mit Gorbatschow, den der im Fach Geschichte promovierte Kohl erst unlängst zuvor mit Goebbels verglichen hatte, nicht nur verhandelt, sondern er hat Gorbatschow sich zum Freund und zum Freund Deutschlands und der Deutschen gewonnen!

Das war seine Leistung!

Und er hat den steifnackigen Mitterrand umgestimmt! Wenn auch nur durch die Zustimmung zur Schnapsidee einer europäischen Einheitswährung, einer Europa heute spaltenden rein politischen Währung.

Doch anders ging das nicht.

Das war seine Leistung!

Dann hat er all die anderen Bedenkenträger für sich gewonnen und die Kläffer beiseite gedrückt.

Das war seine Leistung!

Dann ist er sofort durch die ostdeutschen Lande gereist und war überhaupt von Anfang an in Ostdeutschland präsent. Das war damals schon allein aufgrund von Statusfragen nicht im mindesten eine Selbstverständlichkeit.

Sondern seine Leistung!

Und er mußte sich ausgerechnet von der Nachfolgepartei der SED, der chamäleonhaften Vorgängerpartei der heutigen Linken, unsäglich verleumden lassen: Kohl habe „uns“ blühende Landschaften versprochen. Und jahrelang und noch bis heute und tatsächlich noch über seinen Tod hinaus immer wieder unkritisch von den bundesdeutschen Medien wiederholt! Kohl habe versprochen! Das vorwurfsvolle Geplärre der Blinden wurde bis heute niemals unter den aktuell grassierenden politisch korrigierenden Vorbehalt eines einzigen „mutmaßlich“ gestellt.

In Wahrheit hatte Kohl, übrigens leicht nachprüfbar für die Journaille und erst recht für Leute, die sich doch immer wieder so lautstark dem deutschen Pressekodex verpflichtet fühlen, in Wahrheit hatte Kohl gesagt:

Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln.“

Zwei Tage nach dem Mauerfall!

Zwei Jahre nach dem Mauerfall war so gut wie der gesamte zweitaktig knatternde Fuhrpark des Ostens, der gesamte Fuhrpark eines Landes, bis vielleicht auf den der üblichen Verdächtigen und Verbissenen wie beispielsweise vom Schlage ehemaliger „Freiwilliger Grenzhelfer“, der merkmalig stinkende Fuhrpark war ausgetauscht und die Dreckschleudern endlich verschrottet.

Sofern man auch bei Pappe von Verschrottung sprechen kann.

Und ich hörte staunend zum ersten Mal, daß der TRABANT mit seiner Lenkradgangschaltung zu DDR-Zeiten ein Kultauto gewesen wäre…

Man drehte Filme, bei denen sich Erinnerungsbegabten der Magen umdreht.

Helmut Kohl ist immer wieder vorgeworfen worden, daß er Probleme aussäße. Die Wahrheit ist eher: Helmut Kohl hatte mehr Verstand in seinem Gesäß als viele seiner Kritiker im Kopf.

 

22.4.17 Bellarmin an Mephisto

 

Wie es nun heißt, ist also ein Mann, ein 28jähriger, auf die Idee gekommen, eine Fußballmannschaft, ca. 20 Leute, in die Luft zu sprengen. Weil die Mannschaft börsennotiert ist und ihm das Spekulationsgewinne hätte verschaffen können von einigen hunderttausend Euro. Vielleicht hatte er sich auch mehr vorgestellt. Nehmen wir an, seine Tat wäre „geglückt“, und er hätte netto eine Millionen „verdient“. Jan Ullrich, der dopingdreiste Radsportler, erinnerst Du Dich? Der soll gerade nach Mallorca wollen und deshalb einen Käufer suchen für seine Zehnzimmervilla „mit Seeblick“ auf den Bodensee, Wohnfläche 430 qm.

Für lumpige 2 990 000.- Euro.

Demnach für den Seeblick hätte die Sprengung von gerade mal 20 Mann gar nicht gereicht! Da hätte der Sergej noch etwas rühriger sein müssen. Da hätte er, für Ullrichs Villa mit Seeblick, hochgerechnet, knapp 40 Leute mehr sprengen müssen.

Hinterher ist man immer schlauer.

Aber das Motiv und die Idee an sich…

Da muß man erst mal drauf kommen.

Die Motive wandeln sich allerdings mit den Zeiten.

Am 3. Dezember 1947 wußte der Berliner „Telegraf“ über die Verhandlung der dortigen Schwurgerichtskammer gegen einen 43jährigen Angeklagten zu vermelden:

„Ich hatte Hunger, da ist alles so gekommen“, sagte der Angeklagte. Seit Tagen hatte er nichts als einige Scheiben trockenen Brotes zu essen. NN hatte seine Lebensmittelkarten bei sich, er hatte auch noch Vesperbrot im Rucksack! Sie standen im Keller bei ihrer Arbeitsstelle, NN, mit Kohlenpacken beschäftigt, bückte sich, da erschlug ihn XN von hinten mit einer schnell ergriffenen Eisenstange. Mit beiden blutbesudelten Händen riß er das Brot aus dem Rucksack und verschlang es. Dann nahm er dem Toten die Brieftasche ab, schleifte ihn in einen Nebenkeller, verschloß die Tür und warf die Schlüssel fort. Im nächsten Restaurant verzehrte er, was er auf die Marken bekommen konnte, und hielt sich auch am folgenden Tag nur in Eßlokalen auf. Schon am Abend erfolgte seine Verhaftung.

Kohlenarbeiter, das war der Traumjob, damals, als trotz härtester Maßnahmen und Strafen beispielweise allein in Bremen lediglich an einem einzigen Tag 5000 Zentner von den Kohlezügen gestohlen wurden. Der Berliner Kohlenarbeiter hatte seinen gleichaltrigen Arbeitskameraden im Februar dieses Winters aber erschlagen, weil er dessen Marken der Brot- und Lebensmittelkarten begehrte.

Und das ist erst ein Menschalter her! Da wurden selbst frommste Gebete umformuliert, im Umlauf hielt sich beispielsweise:

 

„Lieber Jesus, sei unser Gast,

aber nur, wenn du Marken hast,

wenn du keine hast, bleib ferne,

denn wir essen selber gerne!“

 

In Bayern bestand die tägliche Markenration für einen Normalverbraucher aus 21,4g Fleisch, 7,1g Fett, 2,2g Käse, 214g Brot, 429g Kartoffeln, 21,4g Nährmittel, 17,8g Zucker, 4,5g Kaffee-Ersatz und 0,1 Liter Milch.

Die Publizistin Ruth Andrea-Friedrich schrieb im selben Februar über eine Bahnfahrt von Hamburg nach Berlin:

Anderthalb Stunden vor Abfahrt am Kopfbahnhof. Durchs Fenster in den Zug. Zwischen Kisten und Kartoffelsäcken eingeklemmt sechs Stunden im unbeleuchteten Gang. Man kann es nur aushalten, wenn man sich Gedichte aufsagt … Es riecht nach Zwiebeln, Fisch und ungewaschenen Menschen. Eine Wohltat, wenn sich hin und wieder in diesen Mief der beizende Geruch einer ‚Homemade‘-Zigarette mischt. In der Toilette quetschen sich vier Leute. Und dann der sog. Brothusten. Diese furchtbare Auswirkung schlecht verdaulicher Ernährung, die heute die Luft in jedem öffentlichen Verkehrsmittel vergiftet. – Maschinendefekt. Halten auf schneeverwehter Strecke. Als der Zug um 3 Uhr nachts in Hannover eintrifft, ist der Militärzug nach Berlin vor einer Stunde abgefahren. „Das passiert hier öfters“, sagt der Mann mit roter Mütze ungerührt. „Der nächste Zug geht morgen nacht um 1“ – Zweiundzwanzig Stunden Wartezeit. Bei 15 Grad Kälte.

Ich ertappe mich dabei, bei all dem irgendwie Verständnis zu entwickeln für die kommunistische Naivität und Menschenunkenntnis jener These der „einzig wissenschaftlichen Weltanschauung“, daß mit dem Verschwinden sozialer Not und Ungerechtigkeit sich zwangsläufig auch jegliche Motivation für Verbrechen und damit die Kriminalität an sich verlöre.

Eine Welt ohne Verbrecher!

Als ich von den am Dortmunder Tatort gefundenen drei sogenannten Bekennerschreiben erfuhr, hatte ich vermutet, es handele sich bei dem nach kommunistischer Ideologie regelwidrigen Verbrechen vielleicht um Nazis, die mit dem Anschlag auf die populäre Mannschaft in besonders perfider Weise Haß auf Ausländer, insonderheit auf Mohammedaner, hätten schüren wollen.

Stattdessen soll es sich also um einen mit seinen Eltern vor 14 Jahren aus Tscheljabinsk eingereisten Russen handeln. Und man hält es für möglich, daß dem Elektriker das 70 Millionen mal verkaufte Computerspiel „GTA V“ als Vorbild diente. Worin ein Spieler die Aktienkurse eines Unternehmens dadurch manipulieren könne, indem er einen Anschlag auf den Firmenchef der Konkurrenz verübe.

Es heißt, Facebook und ähnliche Weltbeglücker sollen gerade daran arbeiten, ihre Scheinwelten, pardon, ihre virtuellen Welten mit der wirklich wahren, der realen, täuschend echt zu verknüpfen. Dann könne man gewissermaßen endgültig eintauchen und mittels seines sogenannten Avatars mit sogenannten Freunden aus aller Welt in der Scheinwelt, pardon, in der virtuellen Realität, wie mit echten Freunden, Spiele spielen…

Schöne neue Welt.

Mir fällt ein, ich habe mal einen Film gesehen, der stammte wohl aus der zweiten Hälfte der sechziger Jahre, und da bekämpften sich in einer Welt der Zukunft zwei Unternehmen namens Sodom und Gomorrha. In meiner Erinnerung stellte das eine Unternehmen, um das andere auszustechen, derart täuschend echte Filme her – also der Zuschauer der Zukunft brauchte sich dafür nur in einen sargähnlichen Kasten zu legen, ganz bequem und gepolstert, und dann wurde der Deckel zugeklappt, und er konnte dann im Film nicht nur alles täuschend echt und räumlich sehen, sondern alles in den Filminhalten Verduftete auch riechen und Servierte schmecken. Wie als wäre es echt!

Derart echt und richtig drin in der Filmwelt, pardon, in der virtuellen Realität, daß die Leute aus ihrem Kasten gar nicht mehr rauswollten.

Und in der wirklich richtigen Welt, in der echten und wahren, in der Nichtscheinwelt, also verhungerten.

 

14.4.17 Bellarmin an Mephisto

 

Es geschah heute vor 70 Jahren, da beharrte auf der Moskauer Außenministerkonferenz Molotow auf der Zahl 890.532 sich derzeitig noch in der Sowjetunion befindlicher deutscher Kriegsgefangener. Entlassen seien aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft vom Mai 1945 bis zum 5. März 1947 1.003.974 Deutsche.

Drei Wochen zuvor schon hatten auf jener Konferenz die Siegermächte die Anzahl deutscher Kriegsgefangener in ihren Ländern angegeben mit

 

Sowjetunion         890.532

USA                        631.483

Großbritannien   435.295

Frankreich              15.103

 

Was hinsichtlich der molotowschen Angabe aber Entsetzen auslöste. Hatte doch das Oberkommando der Roten Armee am 4. Mai 1945 verkündet, 3.180.200 Deutsche kriegsgefangen zu haben. Und innerhalb der sechs Tage vom 9. bis zum 14. Mai 1945 kamen nach derselben Quelle noch 1.230.000 Gefangene hinzu und addierten sich demnach zu einer Gesamtzahl von 4.410.200 deutscher Kriegsgefangener in sowjetischer Hand. Während sich die jüngsten molotowschen Angaben nun lediglich auf 1.894.506 Kriegsgefangene summieren ließen und daher für vielleicht 2.515.694 Mütter, Kinder, Frauen, Freundinnen die schicksalbestimmenden Hoffnungen auf die Wiederkehr ihrer Söhne, Väter, Männer oder Freunde auslöschte…

Zweieinhalb Millionen Menschen verschwanden plötzlich im Nichts!

Die amerikanische Militärregierung hatte daraufhin offiziell verlautbart, die Sowjetunion sei die Antwort auf das Verbleiben von rund 2 Millionen deutschen Kriegsgefangenen „schuldig geblieben“.

Und Josef Kardinal Frings, der Kölner Erzbischof, erklärte: „Deutschland hat die 1.200.000 Kriegsgefangenen nie gesehen, die die Sowjetunion nach Hause zurückgeschickt haben will, und wohin sie gekommen sind, weiß niemand. Es ist für das deutsche Volk ein fürchterlicher Schlag, zu hören, daß die Sowjetunion die Zahl der deutschen Kriegsgefangenen in sowjetrussischer Hand mit 800.000 angibt. Während diese in Deutschland auf zwischen 3 und 4 Millionen geschätzt werden. Da kann man nur fragen: Was geschah mit den anderen?“

Wie wir wissen, hatte man in Hitlerdeutschland das Gros der sowjetischen Kriegsgefangenen „sonderbehandelt“ gegenüber denen aus anderen Ländern und bewußt und planmäßig und grausam verhungern lassen.

Befehlsgemäß.

Aber das eine ist das eine und das andere ist das andere.

Warum ich an diesem Karfreitag Dir siebzig Jahre alte Geschichten erzähle?

Draußen blüht der Flieder, die Vögel tirilieren…

Weil, unter anderem, ein Muster ist im russischen Lügen.

Übrigens nicht erst sein 1947!

Beispielsweise diese dreiste Offensichtlichkeit des Lügens. Allein schon durch die geflissentliche Exaktheit. Möglichst bis zu siebten Nachkommastelle.

Plump, auffällig, hassenswert.

Du erinnerst Dich, wie vor drei Jahren eine Rakete aus russischen Beständen die Passagiermaschine MH17 vom Himmel schoß und 193 Menschen tötete?

Augenblicklich wurden riesige detaillierte Karten gezeigt mit exakten Flugbahnen, und dezidiert wußte der Kreml, woher, wie und wann die Rakete abgeschossen wurde und wie alles gewesen war und warum. Alles und alles genau. Als hätte man dabeigestanden.

Noch vor jeder Untersuchung.

Die dann allerdings etwas anderes ergab.

Nämlich daß die Rakete, entgegen der eben typisch mit dreister russischer Exaktheit verbreiteten Lüge, abgeschossen worden war nicht von ukrainisch kontrolliertem Gebiet.

Erinnerst Du Dich, wie der für die Hungernden von Aleppo unter dem Dach der UN vertraglich vereinbarte und deutlich gekennzeichnete Lebensmittelkonvoi der Hilfsorganisationen zusammengeschossen worden war?

Und wie die Russen wieder sofort und genauestens der Welt Bescheid gaben?

Nun also der Giftgasangriff mit den vielen toten Kindern. Und sofort, wie bei MH17 vor den monumentalen Karten, erklärte der russisch-grünliche Militärexperte, exakt und sekundengenau und bar jeden Zweifels, der Welt die Welt zufälligerweise wieder etwas anders, als der Rest der Welt sie sieht.

Ja, russisch-grün ist ein etwas anderes, ein eigenes Grün. Es ist die Farbe, mit der bepinseln sie ihre Kanonen und Kasernen.

Exakt.

 

27.1.17 Mephisto an Serapion

 

Narzißmus

„Eine narzißtische Persönlichkeitsstörung ist gekennzeichnet durch Großartigkeit in der Selbsteinschätzung, Mangel an Einfühlungsvermögen sowie Überempfindlichkeit gegenüber Fremdeinschätzung.“

Dorothea Lüddeckens

 

30.9.16 Serapion an Mephisto

 

Was aber die beiden Kriege anbelangt, nach denen Du mich fragtest, so liegen sie durchaus im Bereich meiner Wahrnehmung. Obwohl der Krieg des Islamischen Staates der grausamere zu sein scheint und der allgemeingefährlichere, glaube ich, den russischen für den bedenkenswerteren halten zu müssen. Den Krieg des Islamischen Staates empfinde ich nicht nur wegen seiner entsetzlichen Massaker als einen archaischen. Sondern vor allem, weil er tatsächlich derselbe ist seit Jahrtausenden. Die Menschen bleiben immer die gleichen, nur die Namen ihrer Götter wechseln. Was früher Aschschur war, heißt heute Allah. Die gottesdienstliche Abschlachtung der Ungläubigen aber ist unter Tiglatpileser und Sargon dieselbe wie unter Abu Bakr al-Baghdadi. Dieselbe Gegend, die gleichen kreisläufigen Geschichten. Im Nahen Osten leider nichts Neues. Ein Déjàvu bis auf die Tatsache, daß die Gefahr eines sich ausbreitenden Flächenbrandes selten derart groß war wie in heutigen Tagen. Und die Einschläge kommen immer näher.

Es ist ein großer Irrtum zu glauben, Geschichte wiederhole sich nicht. Im Gegenteil! Alles Vergängliche ist nur ein GLEICHES, möchte man sagen, vielleicht auf verschiedenem Niveau. Geschichte spiegelt, und Du wirst das bestimmt nicht für Vulgärmarxismus halten, Geschichte spiegelt, mehr als es uns bewußt ist, in Variationen beständig den Kampf der Antagonismen, bemäntelt von nahezu beliebig wandelbaren, ja sogar vom Austausch selbst gegensätzlicher Ideologien.

Zwar ist wahr, daß man nie im selben Flusse bade, aber wahr ist auch, daß seine Wasser mich heute so nässen wie morgen. Und wie es von Weisheit zeugen mag, im Strom der Zeit ein Verschiedenes zu suchen, so fördert wahrscheinlich noch mehr es unsere Erkenntnis, Analogien zu bemerken und anzuerkennen. Dieses mag der rettenden Voraussicht besser dienen als der Glaube, Geschichte wiederhole sich nicht.

Eine etwas andere Qualität in der Variation des ewig Gleichen fällt allerdings auf beim aktuellen Konflikt im Osten Europas. Trotz der ja ebenfalls nicht neuen, wenn auch mittlerweile semifaschistisch gesteigerten Russentümelei. Die „Russische-Erde“-Rückgewinnungspolitik scheint im Grunde ja eine nationalsozialistische zu sein: Da ist sie wieder, die „Blut und Boden“-Ideologie. Doch schon vor den Zeiten Iwan des Schrecklichen vermerkten die fleißigen Chronisten, daß die Moskauer Großfürsten „die russische Erde sammelten“…

Die „Russische-Erde“-Rückgewinnungspolitik paßt ebenso fugenfrei in die Reihe jenes jahrhundertlangen Kampfes des Altrussentums gegen das Westlertum. Wobei den Moskauern der Westen in seiner Verderbtheit einst unmittelbar südlich anfing. Denke nur an die erbitterten Abwehrkämpfe gegen jegliche Reformversuche des Patriarchen Nikon. Beispielsweise gegen die Wiederherstellung der ursprünglichen griechisch-orthodoxen Liturgie inklusive der Ausmerzung von offensichtlichen Rechtschreibfehlern in den liturgischen Texten. Da sei Gott vor! Man kämpfte, daß Jesu weiter Jssus statt Jissus geschrieben werde. Am Weißen Meer verteidigte ein Kloster sein „Njet!“ gegen diese westlichen Neuerungen acht Jahre lang mit Kanonen!

Die Ideen des Westens waren den russischen Altgläubigen, dem „Raskol“, abartig.

Und da haben wir noch nicht einmal über den polnischen Katholizismus geredet, die römische Westkirche mit ihrem verdammten polnischen Papst, der sich nicht beseitigen ließ. Der Westen mit seinen protestantischen Ideen hat uns letztendlich das sowjetische Imperium zertrümmert.

Apropos Protestantismus und französische Revolution: Je westlicher desto entsetzlicher.

Der Hauptfeind Moskaus war und ist bis heute der eigenmächtig denkende Mensch.

Oder erinnere Dich nur an den Aufstand der Strelitzen und seine grausame, also russische Niederschlagung. Und und und. Sehr sehr vieles gäbe es zu sagen.

Doch allein schon die jüngste Chronik zeigt wieder, keine noch so durchsichtig verlogene Idiotologie scheint zu plump, um Menschen zu verhetzen. Es hieß, 61 Prozent der Russen fänden es toll, daß in der Ostukraine Söldner aus Rußland kämpfen. Und es wäre gefährlich, sich darin zu täuschen: Unsere Zeit steht keinesfalls auf einer höheren zivilisatorischen Stufe, nur weil wir in einem neuen Jahrtausend leben und vom Juli 1914 hundert Jahre entfernt zu sein scheinen.

In der Welt waltete und waltet immer noch eine andere Kraft als die Vernunft, und damit meine ich nicht nur ihr Gegenteil.

Jene neue Qualität aber ist wohl vielen bis jetzt noch nicht zur Gänze und mit all ihrer Konsequenz ins Bewußtsein vorgedrungen. Und daß es kein Zurück mehr geben wird. Der durch Rußland ausgelöste Krieg in der Ostukraine ist nur die unterste Ebene des Konflikts. Gleichzeitig handelt es sich, obwohl die Ukraine nicht dazugehört, um den Beginn der offenen Aggression Rußlands gegen die Europäische Union. Rußland kämpft gegen eine im mühsamen Aufbau befindliche überstaatliche Ordnung, kämpft gegen einen Staatenbund. Um ihn zu zerstören. Wladimir Wladimirowitsch, der neue Zar im Kreml, will die Europäische Union, die beispielsweise, entgegen aller Wunschvorstellungen (oder Befürchtungen), eben noch nicht einmal über eine gemeinsame Außenpolitik verfügt, aus niederen Beweggründen zerstören.

Und, auf der obersten Ebene, und damit ist gemeint jene faschistische Dimension des Konflikts, bekriegt Rußland seit nunmehr zwei Jahren expansiv die westliche Zivilisation als solche. Weil man sie für dekadent, schädlich und bedrohlich und demgegenüber das Russentum für gesund und überlegen hält.

Wie gesagt, an und für sich ist die Furcht vor ihr und der Kampf gegen die Lebensart der Westler, der Kampf gegen die Europäisierung Rußlands, durch die Jahrhunderte kein neuer Zug. Doch handelte es sich bisher um einen Kampf für die Reinhaltung des Inneren. Das ist jetzt anders geworden in der Weltgeschichte.

Und der dahinterstehende wesentliche Antagonismus ist letztendlich der zwischen Individuum und Staat: Rußland kämpft gegen das Individuum.