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Thalatta ! Thalatta !

Monatsarchive: Juni 2019

Das Dilemma der Dialektik menschlichen Daseins

 

16. Juni 2019: Kassandra an Mephisto

 

Glaube mir, es existiert keine Medizin ohne sogenannte Nebenwirkung!

Wann wird die Menschheit begreifen, daß „actio = reactio“, Newtons drittes Axiom, nicht allein separat für die Mechanik gilt?

Sondern daß wir es hier zu tun haben mit dem obersten Naturgesetz unseres Universums überhaupt.

Wie Du selbst leicht merken wirst, ist dies ein willkürlich herausgegriffenes Beispiel von ach so vielen realen:

Nehmen wir einmal an, Max Pfiffig erfindet einen Lastkraftwagen. Das bringt große Freude, und der Mann erhält den noblen Preis. Denn: Mit Hilfe des Lastkraftwagens wird es möglich, sehr viel schneller sehr viel mehr Getreide von den Feldern zu den Dreschmaschinen zu transportieren als mit Pferden!

Und von den Dreschmaschinen zu den Mühlen der Welt!

Und das Mehl der Mühlen zu den Bäckern!

Und die Brote der Bäcker zu den Verteilern und Verkäuferinnen!

Wunderbar!

Damit wird es möglich, sehr viel mehr Menschen auf unserem Erdenball zu sättigen als zuvor.

Eine gute Sache!

Mit der Folge: Die Menschen werden satter und gesünder, die Fertilät unserer Gattung steigert sich, die Menschen vermehren sich fleißiger, können noch mehr Lastkraftwagen bauen und können mit noch mehr Lastkraftwagen noch mehr Körner zu den Mühlen fahren, und eines schönen Tages hat sich die Erdbevölkerung von drei Milliarden ungesättigten Erdenbürgern auf sechs Milliarden gesättigte verdoppelt.

Welch Fortschritt!

Einhundert Jahren später jedoch reift die Erkenntnis und stellt die UNO unwiderruflich fest, daß das Fahren von LKWn in unserem begrenzten System unweigerlich zum Erstickungstod nicht nur unserer Gattung führt, und daß man die Katastrophe nur mittels eines plötzlichen Stops jener Vehikel vermeide.

Da ist guter Rat teuer!

Es existieren nun exakt zwei Möglichkeiten:

Entweder man verweigert sich der Erkenntnis und schert sich nicht weiter drum oder schafft es nicht, die Laster ausreichend stillzulegen.

Und die Menschheit geht an ihren Gasen zu Grunde.

Oder es gelingt, die Brummis anzuhalten und meinethalben einzustampfen und rückstandslos zu Plaste zu rizeikeln oder in Zwischenlagern endzulagern nach dem patentierten Verfahren von Max Pfiffig junior.

Und drei Milliarden Menschen verhungern.

 

Zur Erinnerung

 

10. Juni 2019: Serapion an Mephisto

 

 

Die teuflische Tragödie

 

Im ungleichen Gefecht willst du dich halten?

Dies wird dir ungewohnte Geister wecken!

Die mußt du zügeln und sogar verstecken:

Darfst deine kargen Kräfte nicht zerspalten.

 

Weißt du dich klug und besser als die kalten,

Verlognen Feinde? Darfst sie doch nicht necken!

Wirst sonst an ihrer Übermacht verrecken:

Mußt lassen deine Vor- und Nachsicht walten.

 

Denn bist du wahrlich im Besitz des Wahren,

So wirst du auch naturgesetzlich siegen:

Ihr Tun wird ihren Fehler offenbaren!

 

Dann kannst du triumphieren und erfahren:

Du mußt nicht mal den kleinsten Finger biegen

Für deinen Sieg… in hundertfünfzig Jahren!

 

 

Es kommen härtere Tage oder Der teuflischen Tragödie zweiter Teil

 

Es kommt nun eine Zeit, die werden wir nicht lieben.

Die Jahre zogen hin, wir standen voll im Saft,

Da gab’s die Mastercard, die galt es reinzuschieben,

Und prompt kroch durch den Schlitz soziale Marktwirtschaft.

 

Du meinst, das sei nicht so, die Jahre waren mager?

Du kamst mal eben hin und lebtest nicht leger?

Dann zieh jetzt Lehren draus, sonst bleibst du ein Versager

Und siehst, welch Glück in harten Zeiten blüht, erst immer hinterher…

 

 

Meinen Feinden wünsche ich, daß ihre Kinder in Luxus leben!“

Antisthenes (um 444 v. Chr. – ca. 368 v. Chr.)

 

Und was noch folgt, ist kaum auszumalen!

 

3. Juni 2019: Serapion an Mephisto

 

 

Eine Zuschauerin im Flughafen

 

»Nie wieder wird’s Menschen geben,

Die so viel erleben,

Wie wir, in unsrer gigantischen Zeit!

Der Weltkrieg und die ihm folgenden Leiden –

Wird keiner auch uns darum beneiden –

Haben doch alles, was in der Welt

Früher geschah, in den Schatten gestellt.

O unsre Zeit! Und speziell unser Land!«

 

Der Platzleiter bückte sich, hob galant

Ein Buch auf, gab’s mit der linken Hand

Der Dame zurück, nicht mit der rechten.

(Er war im Kriege in Luftgefechten

Dreimal abgeschossen und rühmlichst bekannt.)

 

»Danke. – Ach, wie der Gedanke erhebt:

Nie wird – nie hat eine Generation

Soviel Erfindungen neu erlebt.

Denken Sie nur an Edison,

An Fahrrad, Auto und Grammophon,

An Kino, Radio, Röntgenstrahlen,

Schon Trambahn, Rohrpost und Salvarsan.

All das hat unsere Zeit getan!

Und was noch folgt, ist kaum auszumalen.

Wir schreiten weiter von Siegen zu Siegen.

Nicht Fortschritt mehr, sondern Fortflug. Wir fliegen

Empor. Wir werden zu höheren Fernen

Schweben, zum Mars und zu sämtlichen Sternen.

Wir werden vielleicht

Die alleräußerste Peripherie

Des Weltalls erreichen. – –

Ich danke Ihnen, das haben Sie

Und Ihresgleichen

Durch Ihr Genie und durch Mut erreicht.«

 

Die Dame schwieg, und sie fächelte

Mit ihren Armen, als wollte sie fliegen.

 

Der Flugplatzleiter lächelte.

»Bin oft nach der Sonne zu aufgestiegen«,

So sagte er heiter,

»Doch zog sie sich immer um jedes Stück

Meiner erstrebten Annäherung weiter

Und höher zum alten Abstand zurück.«

 

 

Joachim Ringelnatz (1929)