A N A B A S I S

Thalatta ! Thalatta !

Monatsarchive: November 2018

Das Canapee ist mein Vergnügen

 

11. November 2018: Serapion an Mephisto

 

Das Canapee ist mein Vergnügen,

Drauf ich mir was zu Gute tu;

Da kann ich recht vergnüget liegen

In einer ausgestreckten Ruh‘.

Wenn mir tun alle Glieder weh,

So leg‘ ich mich auf’s Canapee.

 

Wann mir von Sorgen und Gedanken

Der Kopf als wie ein Triller geht;

Gesetzt, das Herz fing‘ an zu wanken

Als wie ein Schiff, wenn’s Stürmen geht

Bei den Windwellen auf der See,

Dann leg‘ ich mich auf’s Canapee.

 

Ich tu auch gerne Coffee trinken,

Und wenn man mir mit diesem Trank

Auf eine deutsche Meil‘ wird winken;

Denn ohne Coffee bin ich krank;

Doch schmeckt mir Coffee und Tee

Am besten auf dem Canapee.

 

Ein Pfeifchen Knaster ist mein Leben,

Das ist mein fünftes Element,

Das kann der Zunge Kühlung geben,

Wenn auch die Sonne heftig brennt.

Ich rauche, wo ich geh‘ und steh‘,

Auch liegend auf dem Canapee.

 

Wenn mir bei heißen Sommertagen

Die Decken zu beschwerlich sein,

Muß mir mein Canapee behagen,

Da schlaf ich ungebeuget ein;

Da beißen mich auch keine Flöh‘

Auf meinem lieben Canapee.

 

Wenn ich mich in die Länge strecke,

So setzt mein Schätzchen sich zu mir,

Es hält mir anstatt einer Decke

Ein lilienweißes Kißchen für!

Das kutzelt in der großen Zeh

Auf meinem lieben Canapee.

 

Gesetzt, ich werde auch malade,

Daß ich ein Patiente bin,

In Schwach- und Krankheit ich gerate,

So recolligieret sich mein Sinn,

Das letzte schmerzliche Adieu

Zu sagen auf dem Canapee.

 

Wie wollt‘ ich meine Ruhe haben,

Die Mißgunst aber ist so groß,

Man wird mich andern gleich begraben,

Mein Leib fault in der Erde Schoß;

Wiewohl das tut mir gar nicht weh,

Der Geist schwebt um das Canapee.

 

 

Anonym (1740)

 

Abgesang auf die unglaubwürdigste Partei Deutschlands

 

3.November 2018: Bellarmin an Mephisto

 

Das im wahrsten Wortsinn stupideste Wahlplakat, das anläßlich der Wahl am letzten Sonntag in Hessen zu entdecken war, trumpfte auf mit einem singulären Spruch:

„Zukunft jetzt machen“.

Du darfst raten von welcher Partei.

Ja, für die Erfindung solch mitreißender Sprüche darf man keine Wahlkampfkosten scheuen. Der Schwung der Erneuerung blies den Wählern heiß ins Antlitz und riß sie elektrisiert vom Hocker.

Nun gut, ich sehe Dich grinsen. Du weißt Bescheid. Dir kann man auch nichts verbergen: Die arme Pappe „Zukunft jetzt machen“ trug in einer Unterzeile den Namen „Thorsten Schäfer-Gümbel“.

Und über „Zukunft jetzt machen“ stand zu lesen in verschmitztem Rot „SPD“…

Da bleibt kein Auge trocken und man staunt, daß die Wahlverluste für die Partei der „jetztzumachenden“ Zukunft lediglich 11 Prozentpunkte „ausmachten“.

Ich höre gerade, Thorsten Schäfer-Gümbel wäre bereit, in der „jetztzumachenden“ Zukunft auch als Juniorpartner „mitzumachen“. In einer Ampelkoalition.

Ich höre gerade, SPD-Vizeparteichef Thorsten Schäfer-Gümbel fordere seine Partei auf, jetzt klare Positionen zu beziehen!!

Denn die Menschen wüßten nicht mehr, wofür die SPD stünde!!

Ja, so was!

Und, fügt er gleich forsch hinzu, deshalb solle die Erbschaftssteuer reformiert werden!

Wouw!

Ich höre gerade aus Berlin, Olaf Scholz (SPD), seines Zeichens Finanzminister, lehne die Erhöhung des Mindestlohnes von 8 Euro 84 auf 9 Euro19 ab.

Nachdem er ihr im Kabinett zugestimmt hatte…

Oh Bebel, Wels, Schumacher, Brandt, Schmidt – was haben sie „gemacht“ aus eurer Partei?

Eine Partei der Schröder, Schulz und Scholz…

Und Stegner!

Ach ja, und dann war ja da noch die Andrea Ypsilanti….

Mittenmang mit anderen dazwischen.

Aus der SPD ist eine Partei gemacht worden, die krampfhaft, womöglich mittels Berater- und Werbefirmen, nach Wahlkampfthemen sucht…

Mehr zu wissen ist nicht nötig.

Die älteste Partei Deutschlands hat ihre Daseinsberechtigung verloren!

Die älteste Partei Deutschlands hat ihre Zukunft verspielt!

Die älteste Partei Deutschlands ist überflüssig!

Und das liegt beileibe nicht an der Agenda 2010.

Das Wort „Unglaubwürdigkeit“ fällt übrigens so gut wie nie bei der angestrengten Ursachensuche.

Auch ist nie die Rede von prinzipienloser Kompromißbereitschaft zwecks Regierungsbeteiligung um jeden Preis. Von skrupelloser Politikausrichtung nach Umfrageergebnissen. Von stetiger Unterschätzung der Intelligenz des umworbenen Wählers. Von dümmlicher, typisch spdämlicher, also durchsichtigster Effekthascherei aus augenscheinlich niederen Beweggründen, um Stimmen zu fischen.

Von Sozialklempnerei statt Sozialdemokratie.

Irgendwie erscheint die europäische Sozialdemokratie entlarvt, und die Menschen sind heute zu intelligent für ihr Eiapopeia und durchschauen es als bloßen Vorwand für den Machterhalt.

Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts existierte einmal der Begriff „Geschäftssozialisten“. Die Lily Braun wurde einst damit bedacht.

Der unversöhnliche Riß durch die Gesellschaft wird hinfort wohl nicht mehr verlaufen zwischen der SPD und dem bürgerlichen Lager, das ist ja schon lange vorbei, sondern zwischen den Grünen und der AfD…

 

»Jenosse«, sahre ick, »woso wählst du eijentlich SPD –?« Ick dachte, der Mann kippt mir vom Stuhl! »Donnerwetter«, sacht er, »nu wähl ick schon ssweiunsswanssich Jahre lang diese Pachtei«, sacht er, »aber warum det ick det dhue, det hak ma noch nie iebalecht

Kurt Tucholsky (1890 – 1935)