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Thalatta ! Thalatta !

Kategorie-Archiv: Gedicht

Frieden und Glück und Wohlstand

 

9. April 2020: Serapion an Mephisto

 

 

Bruchstück einer akkadischen Schrifttafel (etwa 2016 v. Chr.):

 

Einst waren die Menschen zerstreut und zerstritten

Und lebten in weiter Welt verloren.

Da haben sie Kummer und Not erlitten

Und endlich Frieden sich geschworen

Und sich gen Morgen zusammengefunden

Und waren in Mühe und Arbeit verbunden.

 

Dasselbige Land hieß Sinear,

Dort wohnten sie nun manches Jahr,

Lispelten milde, lächelten nett,

Wurden reicher und fraßen sich fett,

Gingen nach dem Dernier Cri

Geschmückt mit Gold bis über die Knie

Und Kupfer viel und Karneol,

Weideten Schafe, pflanzten Kohl,

Regelten Streit per Gleichstellungsquoten

Und hatten verletzende Wörter verboten.

 

Da sprach unter ihnen der Gleicheste

(Das war zudem der Reicheste):

„So laßt uns bauen eine Stadt

Mit einen Turm in ihrem Center,

Der nirgendwo seinesgleichen hat.

Dann wird das Leben effizienter!

Den höchsten Turm mit einer Spitze,

Die den Zenit des Himmels ritze.

Hier machen wir uns einen Namen!

Daß nicht zerstreut sei unser Samen

Unter Barbaren fremder Länder

Bis an des Mundus entlegenste Ränder!

 

Selbst aus der Ferne wie ein Berg,

Einzig in diesem flachen Lande,

Erhebe sich das Meisterwerk

Aus Sinears ödweilig tristem Sande!

 

Über durch Pfeiler gegliederten Wänden

Sieht man in unterschiedlichen Höhn

Dann Gärten den Menschen Schatten spenden,

Die dort auf den Terrassen gehn.

 

Zur ersten drei mächtige Treppen führen,

Ihr Winkel wird lassen Erhabenheit spüren

Auf jeder ihrer hundert Stufen,

Wenn zur Prozession berufen

Von oben über dem ebenen Land,

Wie herab vom Himmel gesandt,

In langem Zug gehüllt in Schweigen

Die Priester in wollenen Mänteln steigen

Vom krönenden Tempel der höchsten Etage

Hinab zu den Speichern und Webereien

Und Banken, die das Geld verleihen

An Bürger mit geringerer Gage.

 

Der höchste Tempel dien’ einzig nur

Der Anbetung unseres Gottes Merkur

Mit seinem schlangenumwundenen Stab,

Dieweil er uns den Wohlstand gab.

In seinem Gemach hinter güldenen Riegeln

Wird glänzen tiefblau die Glasur auf den Ziegeln.

 

Neben den Tempel kommt gleich das Archiv

Für Schuldverschreibung und Mahnungsbrief,

Die Registratur sowie der Kataster

Nebst Steuerverzeichnis der läßlichen Laster.

 

Hoch auf des obersten Tempels Dache

Halten dann Astrologen Wache,

Zählen im nächtlichen Dunkel die Sterne.

Deren Bewegungen selbst aus der Ferne

Sollen beeinflussen all unser Streben

Nach Reichtum und Glück, das menschliche Leben

Wie ebenso das Fließen der Flüsse,

Nach Dürren den Tag der Regengüsse,

Und daß die Fruchtbarkeit im Boden

Im Herbst uns schenke die Reineclauden.

 

Auch haben die weisen Astrologen

Berechnet des Mondes Umlaufbogen

Und in Monat und Woche, wie wunderbar,

Uns eingeteilt das ganze Jahr.

 

So sei es uns als Menschenwerk,

Das Höchste zu bauen den Götterberg

Für Gott Merkur, dann wird er uns gönnen,

Das Letzte zu wissen und jedes zu können!

 

Karret an denn den schluffigen Lehm, den weichen,

Und lasset uns daraus Ziegel streichen!

Ziegel zu Stein und Erdharz zu Kalk!

Das Feuer entfache der Blasebalg!

Wie wir es von den Vätern her kennen,

So wollen steinhart die Ziegel wir brennen!

Und Frieden und Glück und Wohlstand fürwahr

Wird einziehn beim Turmbau in Sinear!“

 

Nun war es ein lachend und scherzend Beginnen,

Ein freudiges in die Hände gespuckt,

Ein Schippen und Karren ohne Besinnen,

Da wurde nicht lange grübelnd geguckt.

Doch als gerade nach sieben mal sieben Jahren

Mit der siebten Terrasse sie fertig waren,

Da zeigten sich in der dritten Risse.

Und als sie beseitigt die Ärgernisse,

Da knirschten in der zweiten die Träger,

In der vierten neigten die Wände sich schräger,

Und Unmut zog ein im ganzen Land.

 

Die Agitatoren, redegewandt,

Entfachten das allgemeine Lästern,

Und allenthalben aus ihren Nestern

Krochen hervor die Brunnenvergifter,

Volksverführer und Unruhestifter!

Die Demagogen und Doktrinäre

Verkündeten als Heil die Lehre:

„Lasset aus unserer Mitte uns jagen

Die vordem hatten die Macht und das Sagen!“

 

Es drehte sich, wie eine Töpferscheibe,

Das Land: Es hungerten die hohen Räte,

Die Damen stopften selber die Nähte

Der Lumpen, die ihnen hingen am Leibe,

Und wagten sich zu sprechen nicht mehr.

Die Bürger mußten schuften schwer

Und rackernd sich abmühn, sich regen und schwitzen

Und mußten selbst an der Mühle sitzen!

Nicht wieder waren die Noblen zu erkennen,

Als man befahl, von ihrer Brut sie zu trennen,

Das zog durchs Land wie Fieberschauer!

Man warf ihre Kinder auf die Straße,

Die Meute schlug sie an die Mauer

Und schmiß sie hin, den Geiern zum Fraße.

 

Auch die Beamten waren abgetan,

Kein Amt stand mehr an seinem Platze,

Das Chaos zeigte seine Fratze,

Sinnlose Leute in ihrem Wahn

Der unbeschränkten Selbstentfaltung,

Die raubten dem Lande Maß und Verwaltung.

 

Und wo du sonst nie hingekommen,

Jedwede Bureaus, die standen offen!

Niemand ward mehr angetroffen,

Weit und breit stand alles leer!

Personenlisten weggenommen!

Und Untertanen gab’s nicht mehr!

 

Wohin sind gekommen all die Listen

Der Sackschreiber, die sich verpißten?

Oder sie wurden umgebracht,

Ausgetilgt durch Narrenmacht,

Und jeder folgte nun dem System,

Daß derart viel vom Korn er nehm’,

Wie er vom Korn sich nehmen will!

 

Selbst in den Sälen der Gerichte

Stolzierten blasiert die geringsten Wichte.

Niemand da, der sie verstößt!

Das Haus der Dreißig stand entblößt!

 

Keiner wagte mehr zu ackern,

Sich beim Bauen abzurackern.

Kein Holz mehr ward ins Land gebracht.

Der Boden lag wüst und außer Acht

Und alles Feld blieb unbestellt.

 

Jetzt gab es bald kein Getreide mehr,

Denn alle Speicher blieben leer,

Bis in Hungerqualen und Höllenpeinen

Das Futter sie klaubten aus Trögen von Schweinen.

 

Von nun an hielt man sich nicht mehr reinlich,

Grind und Dreck schienen keinem mehr peinlich,

Kot und Mist lagen kreuz über quer.

Man blickte gehässig, man lachte nicht mehr.

Die Wörter wurden fast täglich diffuser,

Die Sprache unverständlich konfuser.

Die Schreiblehrer waren überflüssig,

Die Kinder des Lebens überdrüssig.

 

Die Geburten nahmen ab zumal,

Vermindern tat sich der Menschen Zahl,

Und von der Wüste bis hin an das Meer,

Wuchs bei den Menschen nur ein Begehr,

Daß alles sich in den Abgrund zöge

Und endlich zugrunde gehen möge.

 

Und da begann das Reich des Pöbels

 

(Hier bricht der lesbare Teil der Tafel noch vor ihrer Bruchstelle ab…)

 

Zur Erinnerung

 

28. März 2020: Serapion an Mephisto

 

Sicher habe ich zehntausende Gedichte gelesen. Darunter einige sehr gute. Ich setze Dir unverfroren zwei davon hierher und sage: Das sind die beiden wichtigsten Gedichte deutscher Zunge. Dabei handelt es sich, wie sollte es anders sein, um zwei Blues. Um zwei deutsche Blues. In Sonettform also. Das mag sich, in mehrfacher Hinsicht gleich, anachronistisch und unsachlich und dreist subjektivistisch anhören. Aber selbst wenn neunundneunzig gesottene Germanisten aufschrien und alles für lächerlich und mich für verrückt erklärten, ich toleriere gern ihren mangelnden Durchblick und bleibe dabei. Obwohl ich gewöhnlich kein Rigorist und heute sogar frühlingshaft milde gestimmt bin. Forsythien betupfen Welt und Umwelt, Amseln trällern, Sperlinge tschilpen, Täubchen turteln…

Entstanden sind beide Sonette im selben Jahrzehnt, und, so ein Zufall aber auch, in Zeiten wahrlich entsetzlichster Pein, in monströsester Ungestalt von Krieg, Pestseuche und Tod. Wenn Baudelaire behauptet, Not sei die Mutter der Intelligenz, möchte man infolge der zeitlichen Kristallisationsnähe gleich zweier derart bedeutsamer Gedichte den Spruch auch abwandeln in: Not ist die Mutter der tiefsten Einsicht. Denn die kommt wahrlich nicht aus sattem Gemüt:

Schlaff ist, was in trägem Behagen gemästet worden ist, und nicht bei Anstrengung allein, sondern bei Bewegung und einfach durch das Gewicht seiner selbst versagt es.“ (Seneca)

Bei allem Glanz des üppigen Elends unserer Hemisphäre sei Einsicht uns besonders wichtig!

Beide Gedichte korrespondieren, und nur aus diesem Grund definiere ich sie umgekehrt zu den Zeitpunkten ihrer Entstehung als erstes und zweites.

Das erste Gedicht der zwei wichtigsten Gedichte, die ich Dir also ans Herz lege, ist später vom Autor noch einmal überarbeitet worden. Ich will Dir hier dennoch die ursprüngliche Fassung geben. Nun denn… Andreas Gryphius (1616 – 1664):

 

 

Vanitas; Vanitatum; et Omnia Vanitas

Es ist alles ganz eytel. Eccl. 1. V. 2.

 

Ich seh‘ wohin ich seh / nur Eitelkeit auff Erden /

Was dieser heute bawt / reist jener morgen ein /

Wo jtzt die Städte stehn so herrlich / hoch vnd fein /

Da wird in kurzem gehn ein Hirt mit seinen Herden:

Was jtzt so prächtig blüht / wird bald zutretten werden:

Der jtzt so pocht und trotzt / läst vbrig Asch und Bein

Nichts ist / daß auff der Welt könt vnvergänglich seyn /

Jtzt scheint des Glückes Sonn / bald donnerts mit beschwerden.

Der Thaten Herrligkeit muß wie ein Traum vergehn:

Solt denn die Wasserblaß / der leichte Mensch bestehn

Ach! was ist alles diß / was wir vor köstlich achten!

Alß schlechte Nichtigkeit? als hew / staub / asch vnnd wind?

Als eine Wiesenblum / die man nicht widerfind.

Noch wil / was ewig ist / kein einig Mensch betrachten!

 

Nun gibt es Menschen, zu denen auch ich mich addiere, die tatsächlich und wieder im Gegensatz zur gängigen germanistischen Lesart, jene erste Fassung für stärker halten als die spätere. Germanisten sind ja Wesen, die selbst Goethes Novelle für vortrefflich erachten und nun schon zwei Jahrhunderte selbige Ansicht mit seminaristischem Fleiß einer vom anderen abschreiben. Denn der Kunstgreis persönlich habe jenes Urteil gefällt, vor Eckermann, und, sich bescheiden räuspernd, über die leb- und namenlose Konstruktion bedeutungsvoll hinzugefügt: „Wir wollen sie Novelle nennen…“
Apropos alles sei eitel, dennoch will ich die Nachkriegsfassung des Sonetts über unsere Wesenhaftigkeit nicht im mindesten angreifen. Verfügt sie doch ebenfalls über derartige Stärken und geht mir dermaßen unter die Haut, daß ich mich nicht vermittels Entscheidung von ihr zu trennen vermag und sie Dir vorzuenthalten nicht die geringste Veranlassung sehe.

Auch soll doppelt ja besser halten…

 

 

Es ist alles Eitel

 

Du sihst / wohin du sihst nur Eitelkeit auff Erden.

Was dieser heute baut / reist jener morgen ein:

Wo itzund Städte stehn / wird eine Wisen seyn /

Auff der ein Schäfers-Kind wird spilen mit den Herden:

Was itzund prächtig blüht / sol bald zutretten werden.

Was itzt so pocht und trotzt ist Morgen Asch und Bein /

Nichts ist / das ewig sey / kein Ertz / kein Marmorstein.

Itzt lacht das Glück uns an / bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Thaten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.

Soll denn das Spil der Zeit / der leichte Mensch bestehn?

Ach! was ist alles diß / was wir vor köstlich achten /

Als schlechte Nichtikeit / als Schatten / Staub und Wind;

Als eine Wiesen-Blum / die man nicht wider find’t.

Noch wil was Ewig ist kein einig Mensch betrachten!

 

Und nun das ebenfalls im Dreißigjährigen Kriege, aber noch vor dem gryphiusschen entstandene Gedicht!

Paul Fleming (1609 – 1640) hat es geschrieben:

 

 

An Sich

 

SEY dennoch unverzagt. Gieb dennoch unverlohren.

Weich keinem Glücke nicht. Steh‘ höher als der Neid.

Vergnüge dich an dir / und acht es für kein Leid /

hat sich gleich wieder dich Glück‘ / Ort / und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt / halt alles für erkohren.

Nim dein Verhängnüß an. Laß‘ alles unbereut.

Thu / was gethan muß seyn / und eh man dirs gebeut.

Was du noch hoffen kanst / das wird noch stets gebohren.

Was klagt / was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke

ist ihm ein ieder selbst. Schau alle Sachen an.

Diß alles ist in dir / laß deinen eiteln Wahn /

und eh du förder gehst / so geh‘ in dich zu rücke.

Wer sein selbst Meister ist / und sich beherrschen kann /

dem ist die weite Welt und alles unterthan.

 

Als kennten sie sich

 

20. März 2020: Hyperion an Bellarmin

 

Da ich ein Knabe war,

Rettet‘ ein Gott mich oft

Vom Geschrei und der Rute der Menschen,

Da spielt ich sicher und gut

Mit den Blumen des Hains,

Und die Lüftchen des Himmels

Spielten mit mir.

 

Und wie du das Herz

Der Pflanzen erfreust,

Wenn sie entgegen dir

Die zarten Arme strecken,

 

So hast du mein Herz erfreut,

Vater Helios! und, wie Endymion,

War ich dein Liebling,

Heilige Luna!

 

O all ihr treuen

Freundlichen Götter!

Daß ihr wüßtet,

Wie euch meine Seele geliebt!

 

Zwar damals rief ich noch nicht

Euch mit Namen, auch ihr

Nanntet mich nie, wie die Menschen sich nennen,

Als kennten sie sich.

 

Doch kannt ich euch besser,

Als ich je die Menschen gekannt,

Ich verstand die Stille des Aethers,

Der Menschen Worte verstand ich nie.

 

Mich erzog der Wohllaut

Des säuselnden Hains

Und lieben lernt ich

Unter den Blumen.

 

Im Arme der Götter wuchs ich groß.

 

 

Was ich sah, ward ich, und es war Göttliches, was ich sah.

 

Laßt von der Wiege an den Menschen ungestört! treibt aus der engvereinten Knospe seines Wesens, treibt aus dem Hüttchen seiner Kindheit ihn nicht heraus! tut nicht zu wenig, daß er euch nicht entbehre und so von ihm euch unterscheide, tut nicht zu viel, daß er eure oder seine Gewalt nicht fühle, und so von ihm euch unterscheide, kurz, laßt den Menschen spät erst wissen, daß es Menschen, daß es irgend etwas außer ihm gibt, denn so nur wird er Mensch. Der Mensch ist aber ein Gott, so bald er Mensch ist. Und ist er ein Gott, so ist er schön.

 

Nimm mich, wie ich mich gebe, und denke, daß es besser ist zu sterben, weil man lebte, als zu leben, weil man nie gelebt! Neide die Leidensfreien nicht, die Götzen von Holz, denen nichts mangelt, weil ihre Seele so arm ist, die nichts fragen nach Regen und Sonnenschein, weil sie nichts haben, was der Pflege bedürfte.

Ja! ja! es ist recht sehr leicht, glücklich, ruhig zu sein mit seichtem Herzen und eingeschränktem Geiste. Gönnen kann mans euch; wer ereifert sich denn, daß die bretterne Scheibe nicht wehklagt, wenn der Pfeil sie trifft, und daß der hohle Topf so dumpf klingt, wenn ihn einer an die Wand wirft?

Nur müßt ihr euch bescheiden, lieben Leute, müßt ja in aller Stille euch wundern, wenn ihr nicht begreift, daß andre nicht auch so glücklich, auch so selbstgenügsam sind, müßt ja euch hüten, eure Weisheit zum Gesetz zu machen, denn das wäre der Welt Ende, wenn man euch gehorchte.

 

Du räumst dem Staate denn doch zu viel Gewalt ein. Er darf nicht fordern, was er nicht erzwingen kann. Was aber die Liebe gibt und der Geist, das läßt sich nicht erzwingen. Das laß er unangetastet, oder man nehme sein Gesetz und schlag es an den Pranger! Beim Himmel! der weiß nicht, was er sündigt, der den Staat zur Sittenschule machen will. Immerhin hat das den Staat zur Hölle gemacht, daß ihn der Mensch zu seinem Himmel machen wollte.

 

Friedrich Hölderlin (20. März 1770 – 7. Juni 1843)

 

Und viele trügt der Schein

 

24. Januar 2020: Serapion an Mephisto

 

 

Romeos Klage

 

Veronas Himmel strahlt in hellem Unschuldsblau,

Und viele trügt der Schein.

Das Haus steht hier mit seinen alten Fenstern,

Wo Leute schwätzen heute noch von uns Gespenstern,

Im Hof die Steine schimmern grau in grau.

Des Hauses Wand scheint wie vom Blute rot durchtränkt,

Vergebens zu verstecken, schmiedet Efeu sein Geränk,

Doch der Balkon ist auch noch immer da,

Und Krieg, die Herzen zehrend, zweier Welten –

Und selbst die Liebe, liebe Julia!

 

Politisch korrigierte Zeiten

 

17. Januar 2020: Serapion an Mephisto

 

In München soll, soweit ich hörte, neben zahlreichen anderen wie beispielsweise Kleist und Schopenhauer Erich Kästner aufgeführt worden sein in einer Liste von Personen, deren namentliche Verwendung auf Straßenschildern aus Gründen politischer Korrektheit in Zweifel stünde. Ein mit der Überprüfung der Münchener Straßenschilder beauftragtes Expertengremium von Historikern soll als Prüfungsgrund Kästner vorwerfen, während der Nazizeit nicht emigriert zu sein und stattdessen unter Pseudonym geschrieben zu haben…

Ich kann es kaum glauben. Doch sollte es sich tatsächlich bewahrheiten, daß jene Kommission derartige Vorwürfe erhöbe gegen Erich Kästner und ähnlichen Schwachsinn gegen andere, kann ich jenes Expertengremium nur eine inkompetente Ansammlung von Banausen heißen. Könnten sie einen besseren Beweis liefern für Kästners Kenntnis deutscher Kohlköpfe: „Wem Gott ein Amt gibt, raubt er den Verstand. … Nehmt euren Kopf und haut ihn an die Wand!“?

Die sollten sich was schämen!

Die Nazis haßten Kästner allein schon wegen seiner konsequenten Kriegsgegnerschaft („Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?“). Und, soweit ich weiß, kam er tatsächlich an jenem Abend hinzu, als Unter den Linden die Menschenverbrenner in spe auf dem Berliner Opernplatz auch seine Bücher „undeutschen Geistes“ in die Flammen warfen am 10. Mai 1933.

Das Gründungsmitglied der Gruppe 47 Alfred Andersch schrieb über ihn: „Seine vor 1933 erschienenen Gedichte, insbesondere sein berühmtes ‚Wenn wir den Krieg gewonnen hätten‘, haben dem Militarismus mehr Schaden zugefügt als alle humanistisch-professoralen Essays zusammengenommen.“

Man denken nur, Erich Kästner, er in Nazideutschland mit seiner zugleich ja auch prophetischen Schlußzeile aus „Wenn wir den Krieg gewonnen hätten“: „… zum Glück gewannen wir ihn nicht!“

Ich kenne in Deutschland keinen mutigeren Vers.

Über die Zeit 1933 bis 1945 urteilte der unvergessene Wolfgang Koeppen: „Kästner saß im Café neben dem Tod. … Ich verneige mich.“

Und 1943 bescheinigte der Kleist-Preisträger Carl Zuckmayer in seinem Geheimdossier für das Office of Strategic Services: „Kästner gehört zu den wenigen deutschen Nichtnazis von Ruf und Rang, die die heutigen Verhältnisse genau kennen. Wenn er überlebt, mag er einer der wichtigsten Männer für die Nachkriegszeit werden.“

Jawohl, er ist einer der wichtigsten Männer unserer Zeit!

 

 

GROSSE ZEITEN

 

Die Zeit ist viel zu groß, so groß ist sie.

Sie wächst zu rasch. Es wird ihr schlecht bekommen.

Man nimmt ihr täglich Maß und denkt beklommen:

So groß wie heute war die Zeit noch nie.

 

Sie wuchs. Sie wächst. Schon geht sie aus den Fugen.

Was tut der Mensch dagegen? Er ist gut.

Rings in den Wasserköpfen steigt die Flut.

Und Ebbe wird es im Gehirn der Klugen.

 

Der Optimistfink schlägt im Blätterwald.

Die guten Leute, die ihm Futter gaben,

sind glücklich, daß sie einen Vogel haben.

Der Zukunft werden sacht die Füße kalt.

 

Wer warnen will, den straft man mit Verachtung.

Die Dummheit wurde zur Epidemie.

So groß wie heute war die Zeit noch nie.

Ein Volk versinkt in geistiger Umnachtung.

 

Erich Kästner (1899 – 1974)

 

Freut euch der Freiheit und fürchtet sie nicht!

 

8. November 2019: Serapion an Mephisto

 

D i e F r e i h e i t s f r e u d e

 

Ohne Freiheit kein Gedeihen!

Freiheit ist ein köstlich Ding,

Kann sie Flügel doch verleihen:

Raupe wird zum Schmetterling!

O welch tapfres Freiheitsstreben!

Vorwärts! Und die Mauer bricht!

Was für Wunder wir erleben!

Freut euch der Freiheit und fürchtet sie nicht!

 

Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,

Der täglich sie erobern muß.

 

Früchte tragen wird die Freiheit:

Sät den Samen nur ins Land!

Einigkeit und Recht und Freiheit

Sind des Glückes Unterpfand –

Menschen wollen Glück auf Erden!

Keine Knechtschaft! Kein Verzicht!

Freie Menschen laßt uns werden!

Freut euch der Freiheit und fürchtet sie nicht!

 

Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,

Der täglich sie erobern muß.

 

Freien Sinns das Glück erschauend,

Aussichten wie nie zuvor,

Und der eignen Kraft vertrauend,

Steigt ein frei Geschlecht empor.

Freiheit ist das Brot des Geistes,

Freiheit schenkt der Seele Licht,

Jede Tyrannei beweist es:

Freut euch der Freiheit und fürchtet sie nicht!

 

Zerfallen zu Asche

 

Allerheiligen 2019: Serapion an Mephisto

 

Nichts ist geblieben von dir als der Schatten einiger Strahlen,

Einiger Schimmer des Lichts, das sich damals glücklich in deinen

Augen reflektierte, dich zeigend, ewig, auf einem

Engen Papier in hellgrauen Tönen, die ich durchsuche,

Die ich durchforsche so manchen Tages, wenn ich mit dir rede,

Aber du selbst bist seit langen Jahren zerfallen zu Asche.

 

Humor

 

4. Oktober 2019: Serapion an Mephisto

 

Es sitzt ein Vogel auf dem Leim,

Er flattert sehr und kann nicht heim.

Ein schwarzer Kater schleicht herzu,

Die Krallen scharf, die Augen gluh.

Am Baum hinauf und immer höher

Kommt er dem armen Vogel näher.

 

Der Vogel denkt: Weil das so ist

Und weil mich doch der Kater frißt,

So will ich keine Zeit verlieren,

Will noch ein wenig quinquilieren

Und lustig pfeifen wie zuvor.

Der Vogel, scheint mir, hat Humor.

 

 

Wilhelm Busch (1832 – 1908)

 

Selbst Pommerland ist abgebrannt

 

26. August 2019: Mephisto an Serapion

 

 

Bildnis eines lieblichen Mädchens

 

Wie gern seh ich das Photo wieder,

Sein Anblick fährt mir in die Glieder,

Es leuchtet sanft hier dein Gesicht,

Beschienen mild vom Abendlicht.

 

Ich knipste dich vor einer Mauer

Als Brustbild von papierener Dauer,

Mir wünschend, ewig dich zu sehn,

Im zarten Licht an der Mauer stehn.

 

Ich photographierte es vor Zeiten,

Die waren mehr als Kleinigkeiten.

Die Mauer hatte nicht Bestand,

Selbst Pommerland ist abgebrannt.

 

Auch ich kam öfter in Bedrängnis,

Geriet sogar mal ins Gefängnis.

Die Jahre vergehen, es wechselt ihr Geist,

Unsterbliche einst sind vergessen zumeist.

 

Doch auf dem Bild erscheint das Wahre,

Das auf den Lippen, im Glanz der Haare,

Im Lächeln deiner Augen liegt:

Du hattest recht, die Liebe siegt!

 

Zur Erinnerung

 

10. Juni 2019: Serapion an Mephisto

 

 

Die teuflische Tragödie

 

Im ungleichen Gefecht willst du dich halten?

Dies wird dir ungewohnte Geister wecken!

Die mußt du zügeln und sogar verstecken:

Darfst deine kargen Kräfte nicht zerspalten.

 

Weißt du dich klug und besser als die kalten,

Verlognen Feinde? Darfst sie doch nicht necken!

Wirst sonst an ihrer Übermacht verrecken:

Mußt lassen deine Vor- und Nachsicht walten.

 

Denn bist du wahrlich im Besitz des Wahren,

So wirst du auch naturgesetzlich siegen:

Ihr Tun wird ihren Fehler offenbaren!

 

Dann kannst du triumphieren und erfahren:

Du mußt nicht mal den kleinsten Finger biegen

Für deinen Sieg… in hundertfünfzig Jahren!

 

 

Es kommen härtere Tage oder Der teuflischen Tragödie zweiter Teil

 

Es kommt nun eine Zeit, die werden wir nicht lieben.

Die Jahre zogen hin, wir standen voll im Saft,

Da gab’s die Mastercard, die galt es reinzuschieben,

Und prompt kroch durch den Schlitz soziale Marktwirtschaft.

 

Du meinst, das sei nicht so, die Jahre waren mager?

Du kamst mal eben hin und lebtest nicht leger?

Dann zieh jetzt Lehren draus, sonst bleibst du ein Versager

Und siehst, welch Glück in harten Zeiten blüht, erst immer hinterher…

 

 

Meinen Feinden wünsche ich, daß ihre Kinder in Luxus leben!“

Antisthenes (um 444 v. Chr. – ca. 368 v. Chr.)