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Thalatta ! Thalatta !

Kategorie-Archiv: Gedicht

Freut euch der Freiheit und fürchtet sie nicht!

 

8. November 2019: Serapion an Mephisto

 

D i e F r e i h e i t s f r e u d e

 

Ohne Freiheit kein Gedeihen!

Freiheit ist ein köstlich Ding,

Kann sie Flügel doch verleihen:

Raupe wird zum Schmetterling!

O welch tapfres Freiheitsstreben!

Vorwärts! Und die Mauer bricht!

Was für Wunder wir erleben!

Freut euch der Freiheit und fürchtet sie nicht!

 

Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,

Der täglich sie erobern muß.

 

Früchte tragen wird die Freiheit:

Sät den Samen nur ins Land!

Einigkeit und Recht und Freiheit

Sind des Glückes Unterpfand –

Menschen wollen Glück auf Erden!

Keine Knechtschaft! Kein Verzicht!

Freie Menschen laßt uns werden!

Freut euch der Freiheit und fürchtet sie nicht!

 

Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,

Der täglich sie erobern muß.

 

Freien Sinns das Glück erschauend,

Aussichten wie nie zuvor,

Und der eignen Kraft vertrauend,

Steigt ein frei Geschlecht empor.

Freiheit ist das Brot des Geistes,

Freiheit schenkt der Seele Licht,

Jede Tyrannei beweist es:

Freut euch der Freiheit und fürchtet sie nicht!

 

Zerfallen zu Asche

 

Allerheiligen 2019: Serapion an Mephisto

 

Nichts ist geblieben von dir als der Schatten einiger Strahlen,

Einiger Schimmer des Lichts, das sich damals glücklich in deinen

Augen reflektierte, dich zeigend, ewig, auf einem

Engen Papier in hellgrauen Tönen, die ich durchsuche,

Die ich durchforsche so manchen Tages, wenn ich mit dir rede,

Aber du selbst bist seit langen Jahren zerfallen zu Asche.

 

Humor

 

4. Oktober 2019: Serapion an Mephisto

 

Es sitzt ein Vogel auf dem Leim,

Er flattert sehr und kann nicht heim.

Ein schwarzer Kater schleicht herzu,

Die Krallen scharf, die Augen gluh.

Am Baum hinauf und immer höher

Kommt er dem armen Vogel näher.

 

Der Vogel denkt: Weil das so ist

Und weil mich doch der Kater frißt,

So will ich keine Zeit verlieren,

Will noch ein wenig quinquilieren

Und lustig pfeifen wie zuvor.

Der Vogel, scheint mir, hat Humor.

 

 

Wilhelm Busch (1832 – 1908)

 

Selbst Pommerland ist abgebrannt

 

26. August 2019: Mephisto an Serapion

 

 

Bildnis eines lieblichen Mädchens

 

Wie gern seh ich das Photo wieder,

Sein Anblick fährt mir in die Glieder,

Es leuchtet sanft hier dein Gesicht,

Beschienen mild vom Abendlicht.

 

Ich knipste dich vor einer Mauer

Als Brustbild von papierener Dauer,

Mir wünschend, ewig dich zu sehn,

Im zarten Licht an der Mauer stehn.

 

Ich photographierte es vor Zeiten,

Die waren mehr als Kleinigkeiten.

Die Mauer hatte nicht Bestand,

Selbst Pommerland ist abgebrannt.

 

Auch ich kam öfter in Bedrängnis,

Geriet sogar mal ins Gefängnis.

Die Jahre vergehen, es wechselt ihr Geist,

Unsterbliche einst sind vergessen zumeist.

 

Doch auf dem Bild erscheint das Wahre,

Das auf den Lippen, im Glanz der Haare,

Im Lächeln deiner Augen liegt:

Du hattest recht, die Liebe siegt!

 

Zur Erinnerung

 

10. Juni 2019: Serapion an Mephisto

 

 

Die teuflische Tragödie

 

Im ungleichen Gefecht willst du dich halten?

Dies wird dir ungewohnte Geister wecken!

Die mußt du zügeln und sogar verstecken:

Darfst deine kargen Kräfte nicht zerspalten.

 

Weißt du dich klug und besser als die kalten,

Verlognen Feinde? Darfst sie doch nicht necken!

Wirst sonst an ihrer Übermacht verrecken:

Mußt lassen deine Vor- und Nachsicht walten.

 

Denn bist du wahrlich im Besitz des Wahren,

So wirst du auch naturgesetzlich siegen:

Ihr Tun wird ihren Fehler offenbaren!

 

Dann kannst du triumphieren und erfahren:

Du mußt nicht mal den kleinsten Finger biegen

Für deinen Sieg… in hundertfünfzig Jahren!

 

 

Es kommen härtere Tage oder Der teuflischen Tragödie zweiter Teil

 

Es kommt nun eine Zeit, die werden wir nicht lieben.

Die Jahre zogen hin, wir standen voll im Saft,

Da gab’s die Mastercard, die galt es reinzuschieben,

Und prompt kroch durch den Schlitz soziale Marktwirtschaft.

 

Du meinst, das sei nicht so, die Jahre waren mager?

Du kamst mal eben hin und lebtest nicht leger?

Dann zieh jetzt Lehren draus, sonst bleibst du ein Versager

Und siehst, welch Glück in harten Zeiten blüht, erst immer hinterher…

 

 

Meinen Feinden wünsche ich, daß ihre Kinder in Luxus leben!“

Antisthenes (um 444 v. Chr. – ca. 368 v. Chr.)

 

Und was noch folgt, ist kaum auszumalen!

 

3. Juni 2019: Serapion an Mephisto

 

 

Eine Zuschauerin im Flughafen

 

»Nie wieder wird’s Menschen geben,

Die so viel erleben,

Wie wir, in unsrer gigantischen Zeit!

Der Weltkrieg und die ihm folgenden Leiden –

Wird keiner auch uns darum beneiden –

Haben doch alles, was in der Welt

Früher geschah, in den Schatten gestellt.

O unsre Zeit! Und speziell unser Land!«

 

Der Platzleiter bückte sich, hob galant

Ein Buch auf, gab’s mit der linken Hand

Der Dame zurück, nicht mit der rechten.

(Er war im Kriege in Luftgefechten

Dreimal abgeschossen und rühmlichst bekannt.)

 

»Danke. – Ach, wie der Gedanke erhebt:

Nie wird – nie hat eine Generation

Soviel Erfindungen neu erlebt.

Denken Sie nur an Edison,

An Fahrrad, Auto und Grammophon,

An Kino, Radio, Röntgenstrahlen,

Schon Trambahn, Rohrpost und Salvarsan.

All das hat unsere Zeit getan!

Und was noch folgt, ist kaum auszumalen.

Wir schreiten weiter von Siegen zu Siegen.

Nicht Fortschritt mehr, sondern Fortflug. Wir fliegen

Empor. Wir werden zu höheren Fernen

Schweben, zum Mars und zu sämtlichen Sternen.

Wir werden vielleicht

Die alleräußerste Peripherie

Des Weltalls erreichen. – –

Ich danke Ihnen, das haben Sie

Und Ihresgleichen

Durch Ihr Genie und durch Mut erreicht.«

 

Die Dame schwieg, und sie fächelte

Mit ihren Armen, als wollte sie fliegen.

 

Der Flugplatzleiter lächelte.

»Bin oft nach der Sonne zu aufgestiegen«,

So sagte er heiter,

»Doch zog sie sich immer um jedes Stück

Meiner erstrebten Annäherung weiter

Und höher zum alten Abstand zurück.«

 

 

Joachim Ringelnatz (1929)

 

Zur Erinnerung

 

27. April 2019: Serapion an Mephisto

 

 

9. November 1989

 

Wir sahen das Rad der Geschichte sich drehen

Ein gutes Stück.

Wir haben gesehen, daß Wunder geschehen,

Wir hatten Glück.

 

Wo Ängste und Zwänge die Menschen regieren,

Wächst kein Gedeih.

Auf Dauer, da läßt sich das Hirn nicht dressieren,

Gedanken sind frei!

 

Despoten, die eitel den Volkstribun spielten,

Wo sind sie seither?

So manche, die für unsterblich wir hielten,

Die kennt keiner mehr.

 

Wir Menschen sind fehlbar und können verüben

Viel Schmerz und Leid.

Wenn Menschen sich irrten, so lasset uns üben

Barmherzigkeit.

 

Man sollte euch peitschen!

 

15. April 2019: Serapion an Mephisto

 

 

Die Sprachverderber

 

Ihr böse Teutschen,

Man sollt euch peutschen,

Daß ihr die Muttersprach

So wenig acht.

Ihr liebe Herren,

Das heißt nicht mehren,

Die Sprach verkehren

Und zerstören.

 

Ihr tut alles mischen

Mit faulen Fischen,

Und macht ein Misch-Gemäsch,

Ein wüste Wäsch,

Ich muß es sagen,

Mit Unmut klagen,

Ein faulen Haufen Käs,

Ein seltsams Gfräß.

 

Wir hans verstanden

Mit Spott und Schanden,

Wie man die Sprach verkehrt

Und ganz zerstört.

Ihr böse Teutschen,

Man sollt euch peutschen.

In unserm Vatterland;

Pfui dich der Schand!

 

 

Johann Michael Moscherosch (1601 – 1669)

gekürzt, Hervorhebung von Serapion

 

Du seist lieb im Herzen mir

 

8. Februar 2019: Serapion an Mephisto

 

Delila

(Richter 16,4-16,21)

 

Einst an dem Bache Sorek

Gewann der Simson lieb

Ein Weib, das hieß Delila,

Mit der vereint er blieb.

 

Doch der Philister Fürsten

Kamen hierauf zu der,

Um insgeheim zu sprechen

Delila von ihrem Begehr.

 

Du sollst ihn überreden

Zu zeigen dir, worin

So scheinbar unermeßlich

Er seine Kraft gewinn‘.

 

Womit wir ihn übermögen,

Auf daß wir binden ihn

Und Simson endlich zwingen,

So er nicht kann entfliehn.

 

Dann wollen wir dir geben,

Es sei uns nicht gering,

Ein jeglicher von uns tausend

Und hundert Silberling.

 

Delila sprach zu Simson:

O Simson sage mir,

Worin die große Kraft sei,

Als deine Pracht und Zier!

 

Und wie man dich binden könnte,

Und wie einer dich bezwäng‘,

So er dich fesseln wollte

Mit Stricken fest und eng?

 

Da sprach der Simson zu ihr:

Wenn einer aus frischem Bast

Mich bände mit sieben Seilen,

Der hätte mich gefaßt!

 

Mit unverdorrten Seilen

Gefesselt siebenfach,

So wär‘ ich wie andere Menschen,

Ich würde matt und schwach.

 

Da brachten ihr die Fürsten

Aus der Philister Land

Aus frischem Bast die Seile,

Womit Delila ihn band.

 

Und rings um ihre Kammer,

Da lauerte man zuhauf,

Den Simson zu bezwingen,

Daß er ihnen nicht entlauf‘.

 

Und wie geheim beredet,

Gemäß der Fürsten Begier,

Delila sprach zu Simson:

„Philister über dir!“

 

Er aber zerriß die Seile,

Wie eine flächsene Schnur

Zerreißt, als röche sie Feuer,

Als wär’s ein Leichtes nur.

 

So blieb er ungebunden

Und unverletzt gesund,

Doch wo seine Kraft herkäme,

Zu wissen ward nicht kund.

 

Da sprach Delila zu Simson:

Siehe, du hast mich getäuscht

Und hast mir gelogen, nun sag‘ doch,

Was ich zum Binden bräucht‘.

 

Gebunden mit neuen Stricken,

Mit denen nie Arbeit geschehn,

Das antwortete ihr da Simson,

So muß meine Kraft vergehn.

 

Mit ungebrauchten Stricken

Gefesselt mannigfach,

So wär‘ ich wie andere Menschen,

Ich würde matt und schwach.

 

Delila nahm neue Stricke,

Mit denen sie Simson band,

Derart er lag in Fesseln,

Die waren fest gespannt.

 

Und rings um ihre Kammer,

Da lauerte man zuhauf,

Den Simson zu bezwingen,

Daß er ihnen nicht entlauf‘.

 

Und wie geheim beredet,

Gemäß der Fürsten Begier,

Delila sprach zu Simson:

„Philister über dir!“

 

Doch er von seinen Armen,

Als gäb’s kein Hindernis,

Wie einen bloßen Faden

Herab all die Stricke zerriß.

 

Delila aber sprach zu ihm:

Bisher hast du mich getäuscht

Und hast mir gelogen, nun sag‘ doch,

Was ich zum Binden bräucht‘.

 

Wenn du mir die sieben Locken,

Die auf dem Haupte mein,

Flöchtest in ein Gewebe

Und schlügst einen Nagel darein.

 

Mit angenagelten Locken

Gebunden mannigfach,

So wär‘ ich wie andere Menschen,

Ich würde matt und schwach.

 

Und wie geheim beredet,

Gemäß der Fürsten Begier,

Delila sprach zu Simson:

„Philister über dir!“

 

Er aber erwachte vom Schlafe

Und machte sich nichts draus,

Er zog die geflochtenen Locken

Im Gewebe samt Nagel heraus.

 

Sie sprach: Wie kannst du sagen,

Du seist lieb im Herzen mir!

Dreimal hast du mir gelogen,

Worin die Kraft in dir!

 

Wie sie ihn aber drängte

Mit Worten Tag um Tag,

Ward todmatt seine Seele

Von all der Qual und Plag‘.

 

Nie ist ein Scherenmesser

Gekommen auf mein Haupt,

Wenn man mich damit schöre

Wär ich der Kraft beraubt.

 

Denn mit geschorenem Haupte,

Das wäre mir Weh und Ach,

So wär‘ ich wie andere Menschen,

Ich würde matt und schwach.

 

Als nun Delila merkte,

Daß er sie nicht länger narrt,

Ließ sie den Fürsten melden,

Er habe sein Herz offenbart.

 

Und wie der Philister Fürsten

Sahn Simsons Geheimnis erkannt,

Sie kamen und brachten die Gelder

Mit sich in ihrer Hand.

 

Nun ließ sie ihn entschlafen,

Selig in ihrem Schoß,

Mit seinem lockichten Haupte

Hüllen- und willenlos.

 

Und also rief sie einem

Und hat sie einem erlaubt,

Daß er Simsons Locken schöre

Und ihn seiner Kraft beraubt.

 

Sie suchte, ihn zu zwingen,

Zu prüfen seine Kraft,

Und siehe da, sie spürte,

Die Kraft war weggerafft.

 

Und wie es dessen sicher

Und sonder Gefahr schien ihr,

Delila sprach zu Simson:

„Philister über dir!“

 

Da er vom Schlaf erwachte,

Wie immer dachte er,

Sich frei wieder loszureißen,

Zu gehen ohne Beschwer.

 

Er dachte frei zu gehen,

Befangen in dem Wahn,

Und hatte doch nicht verstanden,

Daß der HERR ihn nun abgetan.

 

Es griffen ihn die Philister

Und stachen die Augen ihm aus

Und führten hinab ihn gen Gaza,

Sie führten den Simson landaus.

 

Dort banden sie ihn in Ketten,

Mit ehernen Ketten zwei,

Im Kreise zu drehen ein Mühlrad

In elender Schinderei.

 

Das Reich des Pöbels

 

23. November 2018: Serapion an Mephisto

 

Vision 2002

 

Mehr und mehr Ideale werden verdreht, es strebt niemand

Länger nach Bildung, man spottet darüber. Geistigen Reichtum

Kennt man nicht, denn er stellt sich ja nie zu den Schreiern – so pflegt jetzt

Jeder seine Dummheit. Ja, das ist wahrhaft die neue

Ära, in der Unbildung als chic gilt! Welch Stolz der

Leute, Bach nicht zu kennen, Goethe nicht zu ertragen,

Nie hat man etwas von Lessing gehört – und von Gryphius schon gar nicht.

Diese Mühe, wozu, wem sollte sie nützen? Man will sich

Auch in Geschichte nicht auskennen, denn es langweilt. Und wie die

Kinder nimmt man den Film als das Ereignis, und wenn ein

Schauspieler einmal einen Helden mimte, so hält man

Ihn für heldisch, und sein Geschwafel macht ihn dann reich. Man

Hegt eine Pseudobildung über Astrologie und

Film und Sport und Börsenkurse, über das Wetter,

Über esoterische Energien. Die Elite

Weiß Bescheid in Betriebswirtschaft und Jura und liest die

Ratgeberbücher und Managerkurse. Und Popsongs, das sind die

Ewigen Permutationen aus Versatzstücken, kecke

Krämer lassen sie produzieren am laufenden Band in

Ihrem monströsen Trieb, das Geld zu scheffeln, die Popsongs

Also beherrschen alle Kultur, und diejenigen, die

Fähig sind, sich beim Fernsehquiz an ältere Titel

Noch zu erinnern, demnach die Pfiffigeren, die partiell mit

Einem Gedächtnis Begabten, verehrt man als hochmusikalisch.

Und gesungen wird selbst von den Stumpfesten in einer Sprache,

Die sie noch weniger als die eigene Sprache verstehen.

 

Damit beginnt das Reich des Pöbels. Er ist obenauf und

Freut sich dessen in seiner Art. Er trägt Haute Couture und

Sprüht sein Eau de Toilette, er wohnt komfortabel in einem

Haus mit Schwimmbecken und mit Tresor, natürlich besitzt er

Autos und Privatflugzeuge. Sonst fuhr er bei

Einem Kurierdienst, jetzt schickt er andere aus, und er glaubt mit

Diesem Grunde, wichtig zu sein. Er singt Karaoke,

Lädt zu Pressekonferenzen, und die Reporter,

Die ja keinen Konjunktiv mehr kennen, und wenn er

Äußert, er denke dies oder meine jenes, berichten,

Daß er dies denkt oder jenes meint, das Pack von Reportern

Flitzt auch tatsächlich hin und filmt mit Pomp und Gepränge,

Wie er sich spreizt vor seinem Wandschrank mit kantengereihten

Echtgoldverzierten Buchrückenimitaten. Und wenn es

Eine Leifsendung ist, dann flattern die Korrespondenten

Fieberig, heiser, fickerig – leif gilt ihnen als Wert an

Sich, wie vieles erschreckend Bedeutungsloses, sie können

Unwichtiges von Wichtigem nicht mehr scheiden. Und seine

Frau, die früher vierundzwanzig Stunden des Tages

Fernsah und zu dumm ist, auch nur einen von ihren

Sätzen vollständig auszusprechen, prunkt jetzt mit ihrem

Fünfhundertwörterschatz als Moderatorin. Das quatscht aus

Jedem Fernsehsender mit Inbrunst dasselbe und nennt sich

Pluralismus. Und sie behaupten, dies müsse so sein, ihr

Publikum wolle es! Was hieße, das Publikum und das

Fernsehn verblöden sich gegenseitig! Sie normen sich abwärts.

 

Während die Geschmackfreien derart mit einem unsäglich

Zufälligen Allotria, ihrem Verdienst, die Karriere

Machten und reich geworden sind, verlaufen sich schutzlos

Die Gebildeten, obdachlos, zerlumpt und vereinzelt

Unter der Meute, regiert von den Ungebildeten, von den

Ungeduldigen, von den Machern. Was soll das Problem samt

Seinen Gründen? Stolz durchschlagen Pragmatiker jenen

Gordischen Knoten und noch einen Knoten und noch einen Knoten,

Und man wundert sich, warum nichts mehr hält. Doch man denkt nicht

Lange nach und läßt sich darob loben, in seiner

Angst befördert jeder die Parvenüs. Denn das Denken

Koste Zeit, und Zeit wäre Geld, und Nachdenken kennt man

Gar nicht mehr. Man will überhaupt nicht die Information, man

Sendet sich Imels und verlangt die Info. Die Wahrheit

Nervt und dauert zu lange. Man glaubt an Gott nicht, man glaubt an

Höchstgeschwindigkeit und Globalisierung, man glaubt an

Die Geburtenkontrolle. Man merkt nicht, warum es bergab geht.

Fachleute gibt es nicht mehr, und unsere Sprache wird täglich

Unverständlicher. Wer wagt noch, zur Arbeit zu gehen?

Schon die Kinder sind des Lebens müde. Die Menschen

Werden weniger, die Geburtenzahlen vermindern

Sich, und es bleibt nur der Wunsch: So möge sich alles zugrunde

Richten. Das Land wird von vollkommen sinnlosen Leuten beherrscht, von

Schomastern, Rambos und Moddels nach ihrem gesunden Empfinden,

Und vom feiernden Volk auf den Liebesparaden der Städte

Werden die Toten der Nacht am Tag in die Flüsse geworfen…

 

 

Die Menge ist nicht dazu geeignet, die Wahrheit, sondern nur den Schein zu prüfen; den geheimen Wegen einer tiefen Natur nachzuspüren, das Rätselhafte in ihr aufzulösen ist ihr versagt, sie spricht nur ihre Täuschungen aus, erzeugt hartnäckige Vorurteile gegen bessere Überzeugung und beraubt den Geist der Freiheit, das vom Gewöhnlichen Abweichende in seiner Eigentümlichkeit anzuerkennen.

Bettina von Arnim (1785 – 1859)