A N A B A S I S

Thalatta ! Thalatta !

Schlagwort-Archiv: Kurt Tucholsky

18.9.17 Bellarmin an Mephisto

 

Du hast Recht. So schmerzlich es klingt angesichts der Geschichte, aber die SPD ist tot, ein lebender Leichnam, und weiß es nur selber noch nicht oder will es nicht wahrhaben.

Da kleben ja Karrieren dran.

Erst heute hörte ich wieder einen Journalisten und einen Politikwissenschaftler orakeln, woran es denn wohl läge, daß diese Partei nicht herauskomme aus dem Umfragetief. Wo sie doch erst Anfang des Jahres den Schulzeffekt, pardon, den Heip hatte.

Die Frage war natürlich verkehrt gestellt und hätte eher lauten müssen, warum diese Partei überhaupt noch einmal in so etwas wie einen derartigen Aufwärtstrend geraten konnte. Man einigte sich indessen auf die Erklärung, daß Schulz ja von außen gekommen war. Als Unbekannter…

Na ja.

Das Wort „Unglaubwürdigkeit“ fiel übrigens nicht bei der angestrengten Ursachensuche.

Auch war nicht die Rede von prinzipienloser Kompromißbereitschaft zwecks Regierungsbeteiligung um jeden Preis. Von skrupelloser Politikausrichtung nach Umfrageergebnissen. Von stetiger Unterschätzung der Intelligenz des umworbenen Wählers. Von dümmlicher, typisch spdämlicher, also durchsichtigster Effekthascherei aus augenscheinlich niederen Beweggründen, um Stimmen zu fischen.

Von Sozialklempnerei statt Sozialdemokratie.

Irgendwie erscheint die europäische Sozialdemokratie entlarvt, und die Menschen sind heute zu intelligent für ihr Eiapopeia und durchschauen es als bloßen Vorwand für den Machterhalt.

Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts existierte einmal der Begriff „Geschäftssozialisten“. Die Lily Braun wurde einst damit bedacht.

 

Feldfrüchte

 

Sinnend geh ich durch den Garten,

still gedeiht er hinterm Haus;

Suppenkräuter, hundert Arten,

Bauernblumen, bunter Strauß.

Petersilie und Tomaten,

eine Bohnengalerie,

ganz besonders ist geraten

der beliebte Sellerie.

Ja, und hier -? Ein kleines Wieschen?

Da wächst in der Erde leis

das bescheidene Radieschen:

außen rot und innen weiß.

 

Sinnend geh ich durch den Garten

unsrer deutschen Politik;

Suppenkohl in allen Arten

im Kompost der Republik.

Bonzen, Brillen, Gehberockte,

Parlamentsroutinendreh…

Ja, und hier -? Die ganz verbockte

liebe gute SPD.

 

Hemann Müller, Hilferlieschen

blühn so harmlos, doof und leis

wie bescheidene Radieschen:

außen rot und innen weiß.

 

Kurt Tucholsky (1890 – 1935)

 

 

»Jenosse«, sahre ick, »woso wählst du eijentlich SPD –?« Ick dachte, der Mann kippt mir vom Stuhl! »Donnerwetter«, sacht er, »nu wähl ick schon ssweiunsswanssich Jahre lang diese Pachtei«, sacht er, »aber warum det ick det dhue, det hak ma noch nie iebalecht!«

 

Kurt Tucholsky (1890 – 1935)

 

2.12.16 Mephisto an Bellarmin

 

„In der Satire wird der Widerspruch der Wirklichkeit mit dem Ideal zum Gegenstand gemacht; die Wirklichkeit als Mangel dem Ideal als der höchsten Realität gegenübergestellt.“

Friedrich Schiller (1759 – 1805)

 

Kommen wir also in Zeiten Hans Wursts, pardon, in Zeiten des Kunstfreiheitskämpfers Jan Böhmermann (=> Drei Merksätze für deutsche Nichtdenker) auf die „Wirklichkeit als Mangel“:

Mittwoch, 30. November, Deutschlandfunk:

Die Bundespressekonferenz, eine Vereinigung von Hauptstadtjournalisten, hat mit einer Satire über Flüchtlinge Empörung bei Journalistenkollegen und Politikern ausgelöst.

In einem Beitrag, der am Wochenende in einem Magazin anlässlich des Bundespresseballs erschien, ist die Rede von einer angeblichen Bundesbade-Agentur, die Schwimmkurse für Flüchtlingskinder und -babys anbietet. Eine Karte zeigt das Mittelmeer als Schwimmschule. …
Der Vorstand der Bundespressekonferenz bat um Entschuldigung für die Satire-Aktion. Man bedauere, dass Gefühle und Wertvorstellungen verletzt worden seien. In überspitzender Form habe der Verein auf die Katastrophe von Tausenden von Toten im Mittelmeer aufmerksam machen wollen.

Wie schmerzhaft schmerzlos muß man eigentlich sein, wie intellektuell verbildet, wie empfindungsfrei, von Gespür gar nicht zu reden, um angesichts des Elends dieser Idee zu verfallen und dann zu behaupten, das sei Satire? Hätte Tucholsky auch nur entfernt geahnt, sein Satz, seine Wahrheit, Satire dürfe alles, werde später von geistigen Flachstfliegern derart mißdeutet und mittlerweile schon inflationär als Rechtfertigung für widerlichsten Klamauk mißbraucht, ich denke, er hätte sich dessen Niederschrift noch einmal überlegt. Oder vielleicht ergänzt: Satire darf alles, aber nicht alles ist Satire.

Eine Bundesbade-Agentur, die Schwimmkurse für Flüchtlingskinder und Flüchtlingsbabys im Mittelmeer anbietet… Als Satire… Wer wird hier verspottet? Was wird hier getadelt? Was wird angeprangert? Wer wird lächerlich gemacht? Wodurch?

Wer wird verhöhnt?

 

„Der Mensch erkaltet schneller als der Planet, auf dem er sitzt.“

Albert Einstein (1879 – 1955)

 

11.4.16 Bellarmin an Mephisto

 

Drei Merksätze für deutsche Nichtdenker:

1) Wenn Tucholsky sagte, daß Satire alles dürfe, folgt daraus nicht, daß Satire alles dürfe. Oder genauer, daß jeder geschmacksfreie Idiot und Zugaufspringer unter dem Deckmantel einer Satire alles dürfe.

2) Wenn der erstaunlicherweise als Satiriker geltende Skandalisierer Jan Böhmermann behauptete, er beabsichtige, die Grenzen der Satire auszutesten, folgt daraus nicht, daß Jan Böhmermann die Absicht verfolgt, die Grenzen der Satire auszutesten.

3) Wenn ich behauptete, daß Jan Böhmermann ein aufmerksamkeitsgeiler herostratischer Narziß sei ( => 22. März 2015), folgt daraus nicht, daß Recep Tayyip Erdogan kein asiatischer Despot ist.

 

„Satire ist eine durchaus positive Sache. Nirgends verrät sich der Charakterlose schneller als hier, nirgends zeigt sich fixer, was ein gewissenloser Hanswurst ist, einer, der heute den angreift und morgen den.“

Kurt Tucholsky  (1890 – 1935)

 

9.1.16 Bellarmin an Mephisto

Sofern wir gut aufpaßten, konnten wir diese Woche eine Menge lernen!

Ich lernte, um nur ein Beispiel unter vielen zu nennen, daß auch deutsche Männer Frauen vergewaltigen sollen.

Das hatte ich noch gar nicht gewußt. Danke!

Allerdings ist mir auch niemand bekannt im Angesicht des aktuellen Problems, der die Frage gestellt hätte: Vergewaltigen auch deutsche Männer Frauen?

Oder der behauptet hätte: Deutsche Männer vergewaltigen keine Frauen.

Und dennoch teilte man mir schon einmal vorauseilend jene Wahrheit mit!

Damit ich beileibe nicht erst auf den Gedanken käme, deutsche Männer vergewaltigten keine Frauen.

Oder genauer: Nur Ausländer vergewaltigen Frauen.

Danke also für diese Einschätzung meines intellektuellen Niveaus!

Und der des deutschen Publikums.

Bei all dem lernte ich übrigens weiter: Es gibt Weisheiten, die zu nichts nützen. Die, von Interessierten zum richtigen Zeitpunkt unter die Leute gebracht, das Thema zerreden. Die eine die Problemlösung befördernde Wahrheitsfindung behindern.

Also Wahrheiten, die der Wahrheit im Wege stehen.

Weiterhin konnte man wieder lernen: Tragik im aristotelischen Sinne entsteht dadurch, daß die gewählten Mittel der Katastrophenverhütung die Katastrophe herbeiführen. Ein derartiges tragisches Mittel ist die nach Meinung ihrer meist linksgläubigen Kesseltreiber probate Waffe gegen unkorrektes, also falsches Gedankengut, und es heißt, fremdsprachlich die präzisen Wörter „Zensur“ und „Denkverbot“ verhüllend, „Political Correctness“.

Also, da erlebten wir sie wieder lehrreich und in praxi, die politische Korrektur:

Mittwoch, 6. Januar, KÖLNER STADT-ANZEIGER:

Mit einer souverän agierenden Polizei hat das nichts zu tun. Deren Führung muss sich die Frage stellen, ob sie ihren Aufgaben noch gerecht wird, ob sie verfälschende Pressemitteilungen wie am Neujahrstag herausgibt, weil sie es nicht besser weiß. Oder weil sie glaubt, politischen Interessen dienen zu müssen. Informationen zum Hergang nur scheibchenweise oder gar geschönt weiterzugeben, macht alles nur noch schlimmer. Weil es der untaugliche Versuch einer überforderten Obrigkeit ist, das Idyll eines freundlichen Deutschland zu behaupten, während im Land selbst längst Sorgen und Ängste vor der dunklen Kehrseite umgehen.

Mittwoch, 6. Januar, DE TELEGRAAF:

Bislang wurden diejenigen, die der großen Zahl von Flüchtlingen aus wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Erwägungen heraus kritisch gegenüber stehen, in eine politische Ecke gedrängt, in die sie nicht gehören. Und links angehauchte Medien schreckten nicht davor zurück, ihren Beitrag zur Manipulation zu leisten: Sie bauschten Angriffe auf Flüchtlinge auf und bagatellisierten Delikte der Asylsuchenden. Heruntergespielt wird auch der Fakt, dass sich unter den Migranten überproportional viele junge Männer befinden, deren Ansichten zum Verhältnis von Mann und Frau geradezu mittelalterlich sind. Die Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof und ähnliche Vorfälle in Hamburg und Stuttgart sind eine Folge davon.

Freitag, 8. Januar, RHEINISCHEN POST:

Schockierend sind Meldungen, nach denen die Kölner Polizei angeblich die Herkunft der Täter verschleiern wollte. Wer die Wahrheit über Täter aus vermeintlich politischer Korrektheit verschweigt, ist ein geistiger Brandstifter. So werden rechtsradikale Ressentiments geschürt.

Freitag, 8. Januar, KÖLNER STADT-ANZEIGER:

Was tut eine Polizei, die Fakten frisiert, eigentlich sonst noch? Wird so auch ermittelt? Sind solche Verfahren auch in anderen Behörden Praxis?

Freitag, 8. Januar, RZECZPOSPOLITA:

Bislang gab es in den Medien thematische Grenzen, die nicht überschritten wurden. Sie waren ein Ausdruck jener politischen Korrektheit, die es in Deutschland im öffentlichen Raum seit langem gibt. In privaten Gesprächen hingegen äußern viele Deutsche ganz andere Ansichten.

Samstag, 9. Januar, DIE WELT:

Der Tag, an dem der Polizeibericht über die wahren Begebenheiten der Silvesternacht bekannt wurde, wird in die Geschichte der Bundesrepublik eingehen. Seit diesem Tag nämlich beginnen mehr und mehr Zeitgenossen, auf die Vorzüge und die Gefahren der Masseneinwanderung hinzuweisen und die bisherigen Tabus als das zu übergehen, was sie sind: Denkverbote, deren Herrschaft stets zu einer verklemmten Debattenkultur führt.

Samstag, 9. Januar, THE NATIONAL POST:

Die ‚Political Correctness‘ wendet sich gegen sich selbst. Der Versuch, einen öffentlichen Aufschrei durch das Frisieren der Realität zu umgehen, resultiert nur in einem umso größeren Aufschrei, wenn die Fakten zu Tage treten – und das tun sie immer. In Köln haben alle staatlichen Autoritäten versagt – die Polizei, die Bürgermeisterin, die Verwaltung, die Presse. Sie haben die Bürger belogen oder zumindest durch Unterlassungen getäuscht.

Samstag, 9. Januar, GAZETA WYBORCZCA:

Die Menschen fordern Konsequenzen – die Wut in Deutschland wächst. Zumal Populisten aus aller Welt über die Deutschen lachen und sagen, wer eine Million Flüchtlinge ins Land lasse, müsse mit den Folgen leben.

Samstag, 9. Januar, TAGES-ANZEIGER:

Deutschland wird künftig ehrlicher über die Schwierigkeiten und Gefahren debattieren müssen, die die Zuwanderung mit sich bringt, als bisher. Das Reden über Ausländer ist in diesem Land im internationalen Vergleich außergewöhnlich gehemmt.

Samstag, 9. Januar, DUMA:

Die Szenen am Kölner Dom haben zu einem Bruch mit dem bisherigen deutschen Tabu geführt, das Verhalten muslimischer Gemeinschaften öffentlich zu kritisieren. Auch den Tolerantesten wird immer klarer, dass die Flüchtlinge bei weitem nicht nur jene Mütter mit weinenden Kindern sind, die Fernsehsender uns monatelang als die Realität präsentierten.

Politische Korrektur führt zur Lüge. Politische Korrektur führt zum sogenannten Unwort „Lügenpresse!“ Und da wir gerade über aristotelische Tragik sprachen: Politische Korrektur führt zur Bundeskanzlerin Frauke Petry.

 

„Deutschland ist eine anatomische Merkwürdigkeit: Es schreibt links und tut rechts.“

(Kurt Tucholsky 1890-1935)

 

Serapion an Mephisto

Und ebenso erlaube mir dieser Tage, Dich zu erinnern an den einstigen Führer der römischen Volkspartei, den theatralischen Phantasten Cola di Rienzi, der sich zum Tribunus Augustus ausrufen ließ, um in Rom eine Republik nach altrömischem Muster zu errichten und von ihr ausgehend das antike Rom wiederherzustellen. Er entstammte als Sohn eines Kneipiers und einer Wäscherin einfachsten Verhältnissen und hatte sich als Autodidakt dennoch eine umfassende klassische Bildung verschafft, mit der er durch seine immense Rednergabe bei den Römern einen kometenhaften Aufstieg nahm. Rom, vom Papst verlassen, verfiel damals vollständig in Anarchie und verkam zum Kriegsschauplatz der Soldbanden rivalisierender Familienclans, und, Du ahnst es, es existierte nicht einmal mehr in Ansätzen ein über das Zunftwesen hinaus funktionierendes Steuer- und Abgabensystem, das es einer irgendwie gearteten Staatlichkeit ermöglicht hätte, dem Verfall Widerstände entgegenzusetzen, geschweige denn zu prosperieren.

Dies ist immer die Stunde der Demagogen!

Ich glaube Tucholsky oder Remarque hat einmal sehr klug beobachtet, daß im Auf- oder Niedergang eines Staatswesens die besten Geschäfte und Karrieren zu gewinnen seien.

Am 20. Mai 1347 ließ der Volkstribun die Führer der Adelspartei mittels der üblichen Wutbürger verjagen und regierte hinfort als Diktator. Es mangelte ihm allerdings an jeglichem staatsmännischem Format, und so mußte er infolge seines grotesken Treibens bereits am 15. Dezember wieder abdanken und fliehen, wurde sieben Jahre später nach seiner Rückkehr am 8. Oktober 1354 von einem seiner ehemaligen Anhänger erschlagen, und selbst sein Leichnam ward von den immer noch wütenden Volksmassen geschändet.

Ich gestehe, ich bedauere außerordentlich den Weggang Yanis Varoufakis aus seinem Amt wegen jener „unbedeutenden, kleinen Liquiditätsprobleme“ Griechenlands (O-Ton Varoufakis). War doch auf ihn wie auf seinen Chef Alexis Tsipras bisher noch immer Verlaß in jeder der bisher schon fast unzählig wiederholten Situationen, in denen ich fürchten und zittern mußte, nun würden die in Brüssel gängigen Europa- und Euroromantiker mit Sinn für alles Schöne und Gute in einer Zukunft, in der man sie nicht mehr als Verantwortliche belangen könnte für das von ihnen verschuldete Desaster des gegen alle Fakten politisch Entschiedenen. In denen die ewigen Gesundbeter jeglichen Erfahrungen und simpelsten Finanzgeboten und kaufmännischen Regeln und jeder zuvor als Sicherheit wohlbegründeten vertraglichen Abmachung zum Trotz doch noch wieder hereinfallen würden und dann tatsächlich hereinfielen auf die Volten und griechischen Spiele unseres marxistischen Spieltheoretikers.

Der sie hinterher noch stets beschimpfte und verhöhnte!

Das Geschehen ist unglaublich! Und fortwährend hat man den Eindruck, der Albtraum beginne erst!

Und hier also war bisher immer das Verläßliche an Tsipras und Varoufakis: Wenn sie den Brüsseler Kompromißanbetern die regelwidrigsten Zugeständnisse soeben entlockt hatten, so daß alles in mir „Nein!!!“ schrie, dann brüskierten diese griechischen Volkstribunen ihre Verhandlungspartner in ihrer Treu und in ihrem Glauben und machten durch das ungeheuerliche Verhalten gegenüber den Gelackmeierten allen vermeintlichen Verhandlungsfortschritt wieder zunichte. Und schafften es sogar, den allbereiten Jean-Claude Juncker, unseren unverwüstlichen Talleyrand von Luxemburg, für sogar geschlagene fast ganze elf halbe Viertelstunden zu vergnatzen!! Stets waren in schönster Zuverlässigkeit die marxistischen Völkerverhetzer Tsipras und Varoufakis in Habacht und verdarben grinsend noch auf den letzten Metern jede weitere Brüsseler Verbiegung. Und ich konnte wieder aufatmen und hoffen, ein paar Verträge und Abmachungen blieben vielleicht doch noch ungebrochen gegen listenreich mit „produktiver Undeutlichkeit“ (O-Ton Varoufakis), also heimtückisch mit betrügerischem Vorsatz verfaßte vageste Versprechungen auf beabsichtigte künftige Gesetzgebungsverfahren und deren ordinäre Umsetzung durch illoyale korrupte griechische Beamte wie gehabt.

Mir fällt gerade ein aus irgendeinem Grund, daß von griechischer Seite die oft gestellte Frage ihrer ungläubig erstaunten europäischen Gläubiger, warum nicht wenigstens einmal die Aufhebung der in der Landesverfassung verankerten Steuerfreiheit für Reeder angegangen wurde in den letzten fünf Jahren der Krise, unisono tatsächlich beantwortet wurde in geradezu beleidigt vorwurfsvollem Ton, das wäre von der Troika bisher ja nicht verlangt worden!!!

Wie kann man sich in seiner Mentalität besser bloßstellen? Wenn man nicht weinen müßte, sollte man lachen. Jedoch es gehen Menschen dabei zugrunde.

Europa riskiert das Scheitern des Euro weniger durch das Ausscheiden Griechenlands als durch das ständige Biegen und Brechen vorheriger Abmachungen und Grundsätze. Die ja extra geschaffen und getroffen wurden aus Einsicht in Notwendigkeit.

Und letztendlich alles für nix und wieder nix. Die Warschauer RZECZPOSPOLITA schrieb am 26. Juni:

Alle Akteure in diesem Drama sollten der Realität ins Auge sehen. Vor allem Deutschland muss sich von der Illusion verabschieden, dass Griechenland die Reformauflagen erfüllen wird. Neue Kredite wären am Ende reine Transferleistungen. Sicher wird eine mit dem Rücken zur Wand stehende griechische Regierung letztlich alles unterschreiben, um an Geld zu kommen, aber sie wird an die Umsetzung der Vertragsbedingungen gar nicht erst denken. Die Syriza-Regierung wurde gewählt, um das von der EU und den internationalen Finanzinstitutionen verordnete Sparprogramm zu beenden. Der Glaube, Europa könne Griechenland gegen den Willen der griechischen Gesellschaft tiefgreifend reformieren, ist naiv und ein bisschen arrogant. Reformen können in einem Land nur umgesetzt werden, wenn sie von Regierung und Bevölkerung getragen werden.

Mitnichten ist der Artikel veraltet.

Wir lebten in lehrreichen Zeiten, wenn man denn Lehren zöge. Was ich eigentlich aber sagen wollte: Die Masse ändert schnell die Meinung. Das geht im Handumdrehn!

Volkstribun kann ein verdammt gefährlicher Job sein!

Bellarmin an Mephisto

Sonntag vor einer Woche wurde ich wieder erinnert an den listenreichen Odysseus, von dem Du mir Anfang Februar schriebst. Ich ließ mich hinreißen, im ersten Programm der ARD einer Gesprächsrunde Günther Jauchs zu lauschen, weil es eine Zuschaltung des griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis, dem Hörensagen nach ein Marxist, geben sollte. „Leif zugeschaltet“! Dann traute ich meinen Ohren kaum. An ein deutsches Publikum gerichtet zufällig vor einem Bücherschrank posierend die lieblichsten Schalmeientöne, zierlichst gesetzt. Wenn man nichts weiter gewußt hätte, was für ein vernünftiger aufrichtiger Mann sprach da, und alles, was er von sich gab, ließ sich ohne weiteres unterschreiben, wenn man nichts weiter gewußt hätte. Man begann sich zu fühlen wie eine Fliege, die betäubt in einem Topf des köstlichsten griechischen Honigs flattert. Rot ist der Wein, blau ist das Meer und strahlend der Sonnenschein! Und süß wie der Wein, so soll die Liebe immer für uns sein…

Bis es plötzlich zu süß wurde: „Wir arbeiten hart, damit unbedeutende, kleine Liquiditätsprobleme Europa nicht spalten“, sprach da der Geldeintreiber. Nachfrage von Jauch: „…unbedeutende, kleine Liquiditätsprobleme?“

Schließlich ein einzigartiger historischer Moment. Günther Jauch konterkarierte den lieblichen Sirenengesang mit einem Video, das den Minister normalsprachlich vorführte. Die Einzigartigkeit besteht zum einen in der Demaskierung als Scharlatan gegenüber den fünf Millionen deutschen Zuschauern. Leif zugeschaltet! Zum anderen, indem Varoufakis gegenüber den eben umschmeichelten potentiellen Geldgebern, dreist wie ein geborener Lügner, abstritt, jene primitive Geste gemacht zu haben und die Beschuldigung draufsetzte, bei dem Video handele es sich um eine Fälschung.

Das kommt ja nicht alle Tage vor! Ich fühlte mich erinnert an die legendäre Pressekonferenz Uwe Barschels, wo man sich fragte, ob ein Mensch vor einem Millionenpublikum derartig lügen könne. Das ist jetzt 28 Jahre her, und Barschel schlug immerhin bei Abgabe seines Ehrenwortes auffallend die Augen nieder. Wahrscheinlich kannte Varoufakis diese Gepflogenheit nicht, beim Lügen wenigstens zu blinzeln. Also welche Magie im Tempo der Zeit! Es passiert nicht oft in der Weltgeschichte, daß man einen verlogenen Politiker unmittelbar ertappen, pardon, leif zugeschaltet auten kann. Und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen!

Von allen Experten, die das Material analysierten, beurteilte es nicht ein einziger als gefälscht. Zudem war die vollständige Aufnahme seinerzeit über den offiziellen Twitter-Kanal der Veranstalter jener Podiumsdiskussion verbreitet worden, und sie bestätigten unter anderem jene Geste Varoufakis. Nun könnte ja alles in schönster Ordnung sein, wenn die Menschen heute nicht so nervös wären. Denn prompt meldete sich das derzeit übliche aufmerksamkeitsgeile narzißtische Kamel, nein, nein, ein Herr Böhmermann meldete sich mit seiner Firma gewinnorientierten Humors, um eine Witzattrappe, also einen eklatorientierten Klamauk anzustrengen. Man hatte wohl kürzlich von einem gewissen Tucholsky reden hören, und der soll gesagt haben, Satire dürfe alles. Also der witzbemühte Moderator Böhmermann meldete sich unter dem Vorwand, uns ausgerechnet in diesem seltenen Moment aufklären zu müssen über die Möglichkeiten der Retusche filmischen Materials. Was wir ja noch gar nicht ahnten! Um uns uneigennützig auf die Höhe der Zeit des Internets hinabzuheben.

Der aktuelle SPIEGEL ist begeistert und spricht von einem „Riesenscherz“, „ebenso klug wie lustig“. „Es war ein Scoop. Meisterhaft inszeniert. Perfekt in die mediale Landschaft gesetzt. Über Stunden wusste niemand so recht, was er glauben sollte. War der Fake ein Fake, war die Wahrheit gefälscht oder die Fälschung wahr?“

Beruhigend zu wissen, daß ich nicht niemand bin. Beunruhigend hingegen, zu den geistig Minderbemittelten zu zählen, die Wörter wie Fake und Scoop nicht kennen und nicht wissen, warum der Bericht einer Zeitschrift für Landeskinder jene Wörter in diesem Zusammenhang ohne die geringste Not verwendet anstelle von Schwindel und Fälschung. Aber wo die Begriffe fehlen, stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein. Die Angst vor der klaren Aussage im ehemaligen Lande der Dichter und Denker führt dann tatsächlich zu Wortbildungen wie „gefaked“ in der deutschen Presse! „Um drei Uhr morgens war ich mir sicher, dass Böhmermann die ganze Sache gefaked hat“, berichtet der SPIEGEL über den NDR-Chefredakteur (!) Andreas Cichowitz, „Wir haben diese Erkenntnis allerdings für uns behalten, um den Scoop nicht zu verderben.“

Was ich nicht nur aus Gründen der Kollegialität für schlimm halte.

Böhmermann wisse, „wie ein Hype entsteht und wie man ihn für sich nutzt„, weiß der SPIEGEL. Hervorhebung von mir, der nicht wußte, daß und warum man für das deutliche Wort „Reklamegeck“ „Hype“ sagen müsse und sich gleichzeitig über Pegida wundert. „Die Konfusion, die zurückbleibt, ist sein eigentliches Metier.“

„Wir sind getrieben vom kontinuierlichen Drang, jemandem gegens Schienbein zu treten“, zitiert der SPIEGEL einen gewissen Käßbohrer, Mitarbeiter aus der Firma des Riesenscherzkeks. „Das sind Leute, die auch ihre eigenen Visionen einbringen“ lobt sie laut SPIEGEL der WDR-Redakteur Carsten Wiese.

Der letzte Satz des Artikels „Es geht nicht mehr um die Wahrheit, sondern darum, wer am besten mit ihr spielt“, führt uns nach der konfusionsstiftenden Witzboldatacke auf die vielleicht nicht unwesentliche Frage zurück, worum es eigentlich geht, nämlich um das Gegenteil von Konfusion, nämlich um das journalistische Bemühen um Klarheit. Und da hilft uns bei all dem schenkelklatschenden Klamauk sogar eine eher marginal eingestreute Bemerkung des nämlichen SPIEGEL-Beitrags weiter: „Es hat reale politische Implikationen, weil immerhin ein amtierender Minister eines anderen Landes von Jauch mehr oder weniger direkt in aller Öffentlichkeit als Lügner vorgeführt wurde.“

Armes Land! Günther Jauch war um Klarheit bemüht, und beklatscht werden die Konfusionsstifter.

Nicht jeder Klamauk ist Satire, und mitnichten befinden wir uns in einer Komödie. Indessen konstatierten gestern die BADISCHEN NEUESTEN NACHRICHTEN:

Kein Land ist bisher an derart riesige Milliardenhilfen gekommen, ohne im Gegenzug Reformen leisten zu müssen, wie Griechenland. Der listenreiche Odysseus hätte es nicht besser einfädeln können. Jetzt sicherten die Griechen der EU zu, eine konkrete Reformliste vorzulegen, die sie schon vor einem Monat hätten vorlegen sollen. Unterdessen tickt der Countdown zur Hellas-Pleite. In der Sache hat sich nichts bewegt. Die Fakten bleiben so unberechenbar und rätselhaft wie das antike Orakel von Delphi.

Schon vor einem Monat? Selten so gelacht.

Mephisto an Bellarmin

Ja, Du hat recht, das Erschrecken ist groß über Pegida, und man grübelt tatsächlich über der Frage, was man denn da machen könne. Vielleicht kommt man sogar nicht umhin, endlich den Gedanken zu fassen, sich einmal sachlich und sachbezogen auseinanderzusetzen, statt die Menschen ständig als Dummlinge, Irregeleitete, Rassisten und Nazis zu dämonisieren. Wäre ja mal eine Idee. Das beste Mittel gegen Irregeleitete ist übrigens der Realitätsbezug.

Wovor hat man also mehr Angst?

Mit krampfartigen ständigen Gegendemos und mit Hilfe des Gazprom-Lobbyisten und selbsternannten Anständigen, dessen ehemaliger Partei- und einst heiliger Triumviratsfreund, der saarländische Intimfeind, sich im Wahlkampf gern mal gegen, wörtlich, „Fremdarbeiter“ (vornehmlich aus Polen) aussprach, was den süffisanten Grinser zu keinem Aufruf zur Anständigkeit veranlaßte, wird man das Problem wohl eher nicht lösen.

Am Folgetag des letzten Dresdner Marsches gab es in dem über die „Lügenpresse“-Rufe pikierten Deutschlandfunk ein Interview mit einer klugen, also einsamen Stimme. Möge sie trotz des ewigen Chores der politisch-korrekten Schwatzhälse auf Gehör und Nachdenklichkeit stoßen. Es ist die Stimme des Psychiaters Hans-Joachim Maaz, er ist Vorsitzender der Stiftung Beziehungskultur in Halle. Am 6. Januar fragte ihn die Moderatorin Christine Heuer im Deutschlandfunk:

Heuer: Okay. Sie haben die Politik angesprochen. Was kann die Politik in dieser Situation ganz konkret tun?

Maaz: Ganz konkret sich hinsetzen, Kontakte machen, Gespräche suchen, analysieren. Man kann Wissenschaftler ansetzen, Soziologen ansetzen, um die Themen herauszufiltern, die da transportiert werden, oder die auch verborgen sind in diesem allgemeinen Thema. Auf jeden Fall Kontakt machen, Gespräche suchen, analysieren, die Kritik aufnehmen und auf keinen Fall verteufeln. Das nur in die rechte Ecke zu stecken, halte ich für verhängnisvoll. Sicher gibt es Rechtsextreme und das ist furchtbar, aber das nun zu verteufeln. Ich habe zunehmend Protestanten, Demonstranten gehört, die gesagt haben, wir gehen jetzt deshalb dahin, weil wir nicht ernst genommen werden in unserem Protest, in unseren Ängsten. Das ist die Hauptaufgabe der Politik, auf keinen Fall einseitig abwerten und verteufeln, sondern versuchen zu verstehen, den Dialog, das Gespräch finden und analysieren, Wissenschaftler ansetzen, Soziologen, Psychologen ansetzen, die in der Lage sind, dieses differenzierte Protestpotenzial weiter auszudifferenzieren.

Heuer: Herr Maaz, ich selbst gehöre jetzt einem Berufsstand an, der von den Demonstranten da in Dresden gerne beleidigt wird, als Lügenpresse beschimpft wird. Machen die Medien Fehler in dieser Situation?

Maaz: Ja, wenn sie diese einseitige Verteufelung mitmachen. Ich denke, dass die Presse wirklich die Aufgabe hätte, genau das, was ich angesprochen habe, danach zu suchen, die differenziertere Analyse zu versuchen. Es sind doch sicher sehr verschiedene Menschen, die dort dabei sind. Und die genauer zu befragen, was sie bewegt, welche Motive, welche Themen, welche Ängste, welche Unsicherheiten, das wäre Aufgabe der Presse, auch der Politik zu helfen, eine differenziertere Wahrnehmung zu bekommen.

Heuer: Also wir sind gefordert, die Politik, die Medien, um zuzugehen auf diese Pegida-Demonstranten?

Maaz: Ja. Und wenn die Publizistik das auch immer nur in eine einseitige Ecke steckt, dann macht sie sich meiner Meinung nach mitschuldig, dass es so eine einseitige Abwertung gibt und ungenügende Klärung erfolgt.

Es ist ein deutsches Trauerspiel, daß die ureigensten Aufgaben der Presse ihr heute von einem Psychiater aufgezählt und die Jäger zum Jagen getragen werden müssen. Es gab mal einen Ludwig Börne, Heinrich Heine, Kurt Tucholsky, Egon Erwin Kisch, Sebastian Haffner… Es war einmal.

 

Mephisto an Bellarmin

SIEBEN ÄRGERNISSE:

 

ÄRG1)

Immer weniger scheint man sich bei Euch zu fragen, was denn eine Nachricht sei und welche Bedeutung, welcher Wert ihr zukomme. In den öffentlich-rechtlichen Medien beispielsweise werden als Nachrichten ersten Ranges kurzlebigste Äußerungen von Politikern präsentiert. Unbekümmert um die Gefahr, daß der Journalismus sich damit vor den Karren der Parteipropaganda spannen läßt. Politiker eines bestimmten Ranges wissen genau, daß sie nur etwas von sich abzusondern brauchen, schon befördern sie ihre Partei in die Nachrichten. Obwohl man selbst bei mäßiger Begabung sofort erkennt, daß diese Äußerung keine sechs Stunden Bestand haben kann.

Kontrast: Nach den Sportmeldungen wird, als passend empfunden vor dem Wetterbericht, beiläufig erwähnt, daß gerade die irdischen Polkappen weggeschmolzen sind… (Na fein, das gibt ja schönes Wetter!)

Vermutlich wäre heutzutage nach einer Nachrichtensendung es ein durchaus nützlicher und dem Training unseres Denkmuskels zuträglicher Sport, wenn wir uns fragten: Was war denn soeben die wichtigste Meldung gewesen? Und sollte sie nicht auch den ersten Rang in der Berichtsfolge verdient haben?

Doch gegenwärtig kommt die erste Meldung (wenn überhaupt!) oft erst später und besteht, statt aus einer Sprechblase, aus einem meistens nur einmalig gesendeten kostbaren Halbsatz. Über den man sich dann allerdings nicht weiter verbreitet…

Im Deutschladfunk scheint in letzter Zeit zunehmend entscheidend für die Erstrangigkeit einer Nachricht diejenige Meinung zu werden auf dem weiten Erdenrund, die ein zufällig verfügbarer Politiker zufällig auf selbigem Sender, der immerhin der seriöseste Deutschlands ist, im Morgen- oder Mittagsinterview äußert.

Relevanz scheint keine Rolle mehr zu spielen.

Vielleicht verursacht ein derartiges Nachrichtenwertverständnis die gern beklagte Politikverdrossenheit?

 

ÄRG2)

Also, wenn es auch gewiß nicht unwichtig ist, aber es kann nicht anderthalb Wochen lang von morgens bis abends in allen öffentlich-rechtlichen Nachrichten der Kita-Ausbau, pardon, die von Journalisten sogenannte Diskussion hierüber, also die eklektische Zusammenrührung von durchsichtigen Politikeräußerungen über den Kita-Ausbau, erste Meldung sein.

Kontrast: In einem Halbsatz erfährt man am Rande, und dies exakt einmal, daß Griechenland von 300 Sparauflagen 211 nicht erfüllt haben soll…

Man fragt sich, ob man sich verhört habe, aber es kommt nicht ein zweites Mal.

Lieber bringt man von Montag bis Donnerstag von morgens bis abends als erste Meldung, daß in Deutschland Freitag die Steuerschätzung tagen werde. Und daß man davon ausgehe, daß sie ein Plus prognostiziere. Als gäbe es sonst nichts in der Welt! Also Berichte über noch nicht Stattgefundenes tagaus tagein an erster Stelle!

Oder man schaltet zu einer gerade konferierenden Konferenz, über dessen Ergebnisse man noch nichts weiß, und berichtet ausführlich. Der Hörer / Zuschauer ahnt bereits stark, was vom Reporter auch gleich unbekümmert bestätigt wird, nämlich daß es nichts Neues zu berichten gäbe, und wiederkäut stattdessen die Meldungen der letzten drei Tage. Weswegen man dieses gänzlich Vorhergesehene mit einem oder zwei Sätzen auch hätte abtun können statt mit einer zeitfressenden Live-Schaltung, also einer Direktsendung über nichts. Um endlich Raum für NACHrichten zu gewinnen. Vielleicht mit Lehrreichem aus anderen Ländern, wenn Deutschland zu dröge öde ist.

Was ich gar nicht glaube.

Doch das Konferenzende paßte eben nicht mehr in die Sendezeit.

Man kann auch schon darauf gespannt sein, wann in Deutschland dem erstaunten Publikum zum hundertsten Mal von morgens bis abends erklärt wird, was denn eine „kalte“ Steuerprogression sei.

Tagelang von morgens bis abends als erste Meldung!

Nur wußte man die bisherigen neunundneunzig Male bereits, und immer richtig im voraus, daß es sich um eine an erster Stelle gesendete Nullnachricht handele, um eine aufgeblähte Sprechblase, aus der rein gar nichts folgt.

 

ÄRG3)

Interessanter, und vor allem wichtiger, sind da fast immer die ausgeblendeten Nachrichten.

Warum noch nie konkrete Meldungen über die Ergebnisse der bisherigen Troikaberichte aus Griechenland? Nach nicht einem Troikabericht kamen Namen, Fakten, Analysen: Was waren wichtige Auflagen? Wie wurden sie erfüllt oder von wem wie wodurch verwässert?

Aus welchen Gründen war die Troika mehrmals brüskiert abgereist?

Wobei gab es welche Unstimmigkeit?

Zum wievielten Male?

Ist das zu unwichtig?

Liegt es nach alldem nicht im berechtigten öffentlichen Interesse?

Oder darf das niemand berichten?

Was sind die Ängste?

Warum sollen die Menschen, nach dem offenkundigen Betrug und all den bedrohlichen Signalen, nun erneut blind und bedingungslos den Aussagen fragwürdigster Politiker trauen? Heile heile Gänschen, es ist schon alles auf dem guten Weg, schaut die Vögelchen am Himmel und sorget euch nicht und fraget nicht lange!

Warum werden die Öffentlich-Rechtlichen nicht eigenständig aktiv mit Enthüllungsjournalismus über das Versagen des Verfassungsschutzes im Fall des NSU? Insbesondere die Thüringer Verfassungsschutz- und Politiker-Szene gebärdet(e) sich recht eigenartig und damit doch beachtenswert…

Und all die zufälligen Aktenvernichtungen zum richtigen Zeitpunkt…

Apropos Verfassungsschutz. Da wird jüngst der bundesrepublikanische Verfassungsschutzbericht vorgestellt mit der alarmierenden Erkenntnis einer bedeutenden Zunahme rechtsextremistischer Straftaten. Und zwar nach dem Ende des NSU! Warum kommt man nicht auf die journalistisch spannende Idee, eine Deutschlandkarte mit der geographischen Verteilung rechtsextremistischer Gewalttaten zu veröffentlichen und sich an die Brennpunkte zu expedieren?

Mit Analyse und Diskussion über die Ursachen jener Verteilung?

„Das ist so einfach, und ihr kommt nicht drauf!“ könnte man mit Otto Reutter singen. Oder kommen sie drauf und trauen sich nicht?

Wovor klemmt man den Schwanz ein?

Kann es nicht sein, daß augenverschließende Angst einer gefährlichen Beförderung des Unheils dient?

Ihr habt es doch gerade erlebt! Da sollte Euch himmelangst werden vor dem Unterdenteppichgekehrten!

Und welcher Journalist wird denn nun mal anfangen, sich um die Namen derjenigen Verantwortungsträger zu kümmern, die über gefälschte Zahlen Griechenland in die Eurozone bugsierten? Das ist doch nicht von alleine gegangen! Oder ist Bilanzfälschung kein Verbrechen mehr in bürgerlichen Gesellschaften? Zumal mit einer derart grandiosen Auswirkung?

Statt (kommentarlos!) auszublenden, wie die deutsche Kanzlerin in SS-Uniform verunglimpft wird, könnte man die wahren Schuldigen an der Misere endlich vor ein ordentliches Gericht zitieren und überdies bei den ausländischen Kollegen öffentlich gegen die primitive Hetze protestieren. Wehret den Anfängen!

Und der Skandal ist doch bedeutender als die ganze Watergate-Affäre!

Übrigens, welche deutschen Politiker waren denn beteiligt an diesem ungeheuerlichen Betrug?

Müßte doch festzustellen sein, wenn sich ein unabhängig freier Journalismus solches fragte?

Damit man Verantwortung zuweise (vor allem auch vor Wahlen) und Mechanismen offenlege und fürderhin vermeide, sachliche Einsichten durch nationale Begehrlichkeiten und Wunschvorstellungen der in Wirtschaft dilettierenden Politiker (um nichts Schlimmeres anzunehmen als Dilettantismus) beiseite zu schieben.

Oder sind die sich als nüchtern und objektiv gebärdenden öffentlich-rechtlichen Nachrichtenmedien doch nicht ganz frei und unabhängig und aufgeschlossen gegenüber tatsächlichen Tatsachen? Werden sie unter der Flagge eine „Political Correctness“ beherrscht von Opportunismus?

Stören unangenehme Fakten?

 

ÄRG4)

Überhaupt scheint Berichterstattung in den öffentlich-rechtlichen Medien sich heutzutage immer mehr zu erschöpfen mit der bloßen Zusammenstellung von ungewichteten Politikeräußerungen. Wieviel könnte man von dem spätestens in zwei Wochen vorhersehbar vollständig Vergessenen nicht weglassen: Der hat dies gesagt und der hat das gesagt. Rituale moderner Hofberichterstattung. (Fairerweise ließe sich einwenden, daß früher die Minister weniger als unabhängige Herzöge ihrer Ressorts auftraten, und daß Planungen und Entwürfe vorrangig am Kabinettstisch ausgebreitet und diskutiert wurden, wo sie ja hingehören, statt in den Medien.) Als besäße man nicht das Kreuz und / oder das erforderliche Minimum an Hintergrundwissen für eine eigenständige und eigenverantwortliche Berichterstattung in der schönen Wikipediawelt. Nicht umsonst erschüttert der Tod Frank Schirrmachers so sehr. Kaum ein eigenständig kritischer Geist mehr in Sicht. Kein Sebastian Haffner, kein Friedrich Luft, kein Kurt Tucholsky, kein Karl Kraus, nicht zu reden von Lessing, Börne oder Heine.

Man sollte Nachrichtensendungen der sechziger Jahre studieren, aus der Zeit des Kalten Krieges, insbesondere die Rundschau-Magazine des RIAS. Man sollte dieses Senders gedenken!

 

ÄRG5)

Falls es heutzutage schon mal ein Faktum, ein Vorfall an die Spitze einer Nachrichtensendung schafft, wird selbst beim ersten Bericht darüber nicht das Ereignis, sondern zuerst mindestens eine Politikerreaktion auf das noch ungemeldete Ereignis und also über seine politisch „korrekt“ einzuordnende Bewertung berichtet – und dann erst erfährt man, worum es in der Sache geht. Die bevormundende Ursache-Wirkung-Verdrehung zu Reaktion-Aktion wirkt, noch dazu in ihrer monumentalen Ausnahmslosigkeit, abstoßend. Woher diese Angst vor blanken Fakten und natürlichen Kausalketten? Woher diese elitäre Unterschätzung öffentlicher Urteilskraft?

 

ÄRG6)

Und diese furchtbare Angst vor dem treffenden Wort!

Wurden der in Libyen gelynchte US-Botschafter und seine Mitarbeiter und Angestellten durch die Straßen geschleift? Wenn ja, von „Demonstranten“, wie einmalig gemeldet? Oder macht das nicht eher der „Mob“?

Fürchten deutsche Journalisten Wörter wie „lynchen“ und „Mob“?

Wäre es angesichts der „Vorgänge“ in der Ostukraine nicht treffender, nach all den Erfahrungen mit grünen Männchen bei der Krim-Annexion, statt von „Separatisten“ von „angeblichen Separatisten“ zu reden, im mildesten Fall? Aber nein, anstandslos läßt man sich von Putin den Kampfbegriff „Separatist“ auf die Zunge legen und zusätzlich noch den einer „sogenannten Antiterroroffensive der ukrainischen Regierung“! Und man hält sich in der deutschen Berichterstattung immer noch für clever und frei und objektiv und parteilos? Es ist unglaublich!

Wenn man, anscheinend unüberlegt, das Wort „Terroristen“ exklusiv für Islamisten reservieren möchte, aus welchem Grund auch immer, warum spricht man dann nicht beispielsweise von mutmaßlich in russischem Auftrag handelnden Söldnern?

Die deutschen Medien lassen sich beschämend instrumentalisieren von der putinschen Propaganda und ihrer Sprachvorgaben. Sie trauen sich nicht, entgegen offenkundiger Tatsachen, von Söldnern zu reden!

„Söldner“ ist gewiß hundert mal näher an der Realität als „Separatist“! Vor allem wenn sich immer wieder herausstellt, daß Ortsansässige das vorgeblich in ihrem Namen agierende Pack russisch-tschetschenischer Landsknechte vor Ausbruch der „Krise“, also vor der russischen Aggression, überhaupt nicht kannte.

Wenn man die treffenden Wörter wählte, würde auch eher verstehbar, warum die ukrainische Seite es natürlicherweise ablehnt, mit diesen Banditen, wie von Moskau verlangt, zu verhandeln und sie somit als „Separatisten“ anzuerkennen.

Doch wenn „Söldner“ zu fürchterlich klingt in den Ohren deutscher Berichterstatter, ließe sich doch wenigstens von „Agenten“ reden. Nein? Unterstellen die Journalisten ihre Wortwahl lieber der Verklärung russophiler deutscher Politiker? Und bezahlter Agenten der Gasprom?

Putin ist Meister der Agenten und ihrer die öffentliche Meinung im Ausland untergrabenden Manipulation. Als ehemaliger Agent.

Noch etwas auf diesem endlosen Acker: Wenn Menschen umgebracht werden, handelt es sich eher nicht um eine Hinrichtung! Hinrichtungen haben im Allgemeinverständnis zu tun mit Richter und Recht. Sondern wenn Menschen umgebracht werden, auch von in „Kämpfer“ umbenannten Terroristen in Nigeria und durch Massenerschießungen und auf welche Weise und mit welchen Methoden auch immer, handelt es sich um Mord und Massenmord. Und Mord sollten Berichterstatter auch unbedingt Mord nennen. Das Tätigkeitswort für dieses Verbrechen heißt „ermorden“. Man sollte es verwenden.

 

Und ÄRG7)

Vor allem auch wenn die Berichterstattung über einen bloßen Zitathaufen nicht mehr hinausreichen will, ist dringend zu empfehlen eine Wiedereinführung des Konjunktivs I, bisweilen sogar des Konjunktivs II in die deutsche Sprache. Also niemals „Der Politiker Frank-Walter oder Horst will“ oder „denkt“! Die Gedanken sind frei, und gerade ein Journalist sollte wissen, daß man seltener wissen wird, was ein Politiker sich denke.

Überhaupt das syntaktische und seit einiger Zeit sogar artikulatorische (Un-)Vermögen…

Die „Is-“ und „Nich- und die „-ich“-Sager vermehren sich sogar während der Meldungen über den stockenden Vakehr. Vielleicht spekuliert man bei der Abschaffung der Hochsprache auf einen Quotenzugewinn vermittels Volksnähe. Aber dann sollte man auch nich von „Relaunch“ und „Feature“ reden… (Deutschlandfunk: „Fragen, die Sie uns nach dem Relaunch hinterlassen haben“.) Und schon gar nich von „Whistleblowers“!

Wisselwas??

Und mindestens 999 von 1000 „Live“ lassen sich ohne den geringsten Aussageverlust streichen! Insbesondere das wirklich ausgeleierte „Live erleben“! Den Unwortsuchern vor die Brille geklebt: „Live“ is seit Jahrzehnten das exemplarische Unwort!

Ich weiß, der Zug is abgefahren, dennoch sage ich, für Hartwär gibt es das solide Wort „Gerät“. Könnte man doch mal verwenden zur Abwechslung. (Die Franzosen kennen das Wort „Hartwär“ gar nich, die sagen einfach „Matériel“.) Und als Berufssprachler schon mal auf die Idee gekommen, daß Zofftwär Programme sind? Die Franzosen nennen Zofftwär völlich schmerzfrei „Logiciel“. Und statt den von Konrad Zuse erfundenen Rechner Kompjuta zu taufen, sagen unsere Nachbarn schlicht und wunderbar „Ordinateur“.

Für die beständig auf dem Tisch liegenden „Optionen“ hat man im Deutschen die zwanglose Möglichkeit, völlich locker über „Möglichkeiten“ zu sprechen. Von wegen „Transparenz“ und so. Und „transparent“ heißt „durchsichtig“! Ein schönes Wort!

Und auf dem Petersplatz in Rom versammeln sich garantiert mehr Gläubige als Gläubiger zum Gebet!

Und Fallsetzungen nach Präpositionen üben!

Und bei Komparativen das Als!

Und auf „gedenken“ folgt der Genitiv!

(Das jüngste Grauen erst wieder am 13. Juni um 6 Uhr 45 auf HR1 zum Tode Schirrmachers: „Auch auf Twitter gedenkt man ihm…“)

Und „Jenda“-Was? Steht gar nich in meinem Duden von 2001. Muß was ganz Neues sein! Nein, nein, auch nich zwischen „Gendarm“ und „Genealogie“…

Ach so, Ihr traut Euch nich mehr „Geschlecht“ zu sagen im ehemaligen Lande der Dichter und Denker… … … …