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Thalatta ! Thalatta !

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Bellarmin an Mephisto

Sonntag vor einer Woche wurde ich wieder erinnert an den listenreichen Odysseus, von dem Du mir Anfang Februar schriebst. Ich ließ mich hinreißen, im ersten Programm der ARD einer Gesprächsrunde Günther Jauchs zu lauschen, weil es eine Zuschaltung des griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis, dem Hörensagen nach ein Marxist, geben sollte. „Leif zugeschaltet“! Dann traute ich meinen Ohren kaum. An ein deutsches Publikum gerichtet zufällig vor einem Bücherschrank posierend die lieblichsten Schalmeientöne, zierlichst gesetzt. Wenn man nichts weiter gewußt hätte, was für ein vernünftiger aufrichtiger Mann sprach da, und alles, was er von sich gab, ließ sich ohne weiteres unterschreiben, wenn man nichts weiter gewußt hätte. Man begann sich zu fühlen wie eine Fliege, die betäubt in einem Topf des köstlichsten griechischen Honigs flattert. Rot ist der Wein, blau ist das Meer und strahlend der Sonnenschein! Und süß wie der Wein, so soll die Liebe immer für uns sein…

Bis es plötzlich zu süß wurde: „Wir arbeiten hart, damit unbedeutende, kleine Liquiditätsprobleme Europa nicht spalten“, sprach da der Geldeintreiber. Nachfrage von Jauch: „…unbedeutende, kleine Liquiditätsprobleme?“

Schließlich ein einzigartiger historischer Moment. Günther Jauch konterkarierte den lieblichen Sirenengesang mit einem Video, das den Minister normalsprachlich vorführte. Die Einzigartigkeit besteht zum einen in der Demaskierung als Scharlatan gegenüber den fünf Millionen deutschen Zuschauern. Leif zugeschaltet! Zum anderen, indem Varoufakis gegenüber den eben umschmeichelten potentiellen Geldgebern, dreist wie ein geborener Lügner, abstritt, jene primitive Geste gemacht zu haben und die Beschuldigung draufsetzte, bei dem Video handele es sich um eine Fälschung.

Das kommt ja nicht alle Tage vor! Ich fühlte mich erinnert an die legendäre Pressekonferenz Uwe Barschels, wo man sich fragte, ob ein Mensch vor einem Millionenpublikum derartig lügen könne. Das ist jetzt 28 Jahre her, und Barschel schlug immerhin bei Abgabe seines Ehrenwortes auffallend die Augen nieder. Wahrscheinlich kannte Varoufakis diese Gepflogenheit nicht, beim Lügen wenigstens zu blinzeln. Also welche Magie im Tempo der Zeit! Es passiert nicht oft in der Weltgeschichte, daß man einen verlogenen Politiker unmittelbar ertappen, pardon, leif zugeschaltet auten kann. Und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen!

Von allen Experten, die das Material analysierten, beurteilte es nicht ein einziger als gefälscht. Zudem war die vollständige Aufnahme seinerzeit über den offiziellen Twitter-Kanal der Veranstalter jener Podiumsdiskussion verbreitet worden, und sie bestätigten unter anderem jene Geste Varoufakis. Nun könnte ja alles in schönster Ordnung sein, wenn die Menschen heute nicht so nervös wären. Denn prompt meldete sich das derzeit übliche aufmerksamkeitsgeile narzißtische Kamel, nein, nein, ein Herr Böhmermann meldete sich mit seiner Firma gewinnorientierten Humors, um eine Witzattrappe, also einen eklatorientierten Klamauk anzustrengen. Man hatte wohl kürzlich von einem gewissen Tucholsky reden hören, und der soll gesagt haben, Satire dürfe alles. Also der witzbemühte Moderator Böhmermann meldete sich unter dem Vorwand, uns ausgerechnet in diesem seltenen Moment aufklären zu müssen über die Möglichkeiten der Retusche filmischen Materials. Was wir ja noch gar nicht ahnten! Um uns uneigennützig auf die Höhe der Zeit des Internets hinabzuheben.

Der aktuelle SPIEGEL ist begeistert und spricht von einem „Riesenscherz“, „ebenso klug wie lustig“. „Es war ein Scoop. Meisterhaft inszeniert. Perfekt in die mediale Landschaft gesetzt. Über Stunden wusste niemand so recht, was er glauben sollte. War der Fake ein Fake, war die Wahrheit gefälscht oder die Fälschung wahr?“

Beruhigend zu wissen, daß ich nicht niemand bin. Beunruhigend hingegen, zu den geistig Minderbemittelten zu zählen, die Wörter wie Fake und Scoop nicht kennen und nicht wissen, warum der Bericht einer Zeitschrift für Landeskinder jene Wörter in diesem Zusammenhang ohne die geringste Not verwendet anstelle von Schwindel und Fälschung. Aber wo die Begriffe fehlen, stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein. Die Angst vor der klaren Aussage im ehemaligen Lande der Dichter und Denker führt dann tatsächlich zu Wortbildungen wie „gefaked“ in der deutschen Presse! „Um drei Uhr morgens war ich mir sicher, dass Böhmermann die ganze Sache gefaked hat“, berichtet der SPIEGEL über den NDR-Chefredakteur (!) Andreas Cichowitz, „Wir haben diese Erkenntnis allerdings für uns behalten, um den Scoop nicht zu verderben.“

Was ich nicht nur aus Gründen der Kollegialität für schlimm halte.

Böhmermann wisse, „wie ein Hype entsteht und wie man ihn für sich nutzt„, weiß der SPIEGEL. Hervorhebung von mir, der nicht wußte, daß und warum man für das deutliche Wort „Reklamegeck“ „Hype“ sagen müsse und sich gleichzeitig über Pegida wundert. „Die Konfusion, die zurückbleibt, ist sein eigentliches Metier.“

„Wir sind getrieben vom kontinuierlichen Drang, jemandem gegens Schienbein zu treten“, zitiert der SPIEGEL einen gewissen Käßbohrer, Mitarbeiter aus der Firma des Riesenscherzkeks. „Das sind Leute, die auch ihre eigenen Visionen einbringen“ lobt sie laut SPIEGEL der WDR-Redakteur Carsten Wiese.

Der letzte Satz des Artikels „Es geht nicht mehr um die Wahrheit, sondern darum, wer am besten mit ihr spielt“, führt uns nach der konfusionsstiftenden Witzboldatacke auf die vielleicht nicht unwesentliche Frage zurück, worum es eigentlich geht, nämlich um das Gegenteil von Konfusion, nämlich um das journalistische Bemühen um Klarheit. Und da hilft uns bei all dem schenkelklatschenden Klamauk sogar eine eher marginal eingestreute Bemerkung des nämlichen SPIEGEL-Beitrags weiter: „Es hat reale politische Implikationen, weil immerhin ein amtierender Minister eines anderen Landes von Jauch mehr oder weniger direkt in aller Öffentlichkeit als Lügner vorgeführt wurde.“

Armes Land! Günther Jauch war um Klarheit bemüht, und beklatscht werden die Konfusionsstifter.

Nicht jeder Klamauk ist Satire, und mitnichten befinden wir uns in einer Komödie. Indessen konstatierten gestern die BADISCHEN NEUESTEN NACHRICHTEN:

Kein Land ist bisher an derart riesige Milliardenhilfen gekommen, ohne im Gegenzug Reformen leisten zu müssen, wie Griechenland. Der listenreiche Odysseus hätte es nicht besser einfädeln können. Jetzt sicherten die Griechen der EU zu, eine konkrete Reformliste vorzulegen, die sie schon vor einem Monat hätten vorlegen sollen. Unterdessen tickt der Countdown zur Hellas-Pleite. In der Sache hat sich nichts bewegt. Die Fakten bleiben so unberechenbar und rätselhaft wie das antike Orakel von Delphi.

Schon vor einem Monat? Selten so gelacht.

Mephisto an Bellarmin

Warum wollte Griechenland in die Eurozone, und wie kam es hinein?

Auf dem Schlachtfeld vor dem skäischen Tore Trojas begegnen sich der griechische Held Diomedes und auf trojanischer Seite der Recke Glaukos im Kampfe, wie Homer uns im sechsten Gesang der Ilias in vossischer Übersetzung berichtet:

Glaukos nun, des Hippolochos Sohn, und der Held Diomedes

Kamen hervor aus den Heeren gerannt in Begierde des Kampfes.

Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden, gegeneinander,

Redete also zuerst der Rufer im Streit Diomedes:

Wer doch bist du, Edler, der sterblichen Erdenbewohner?

Nie ersah ich ja dich in männerehrender Feldschlacht

Vormals, aber anjetzt erhebst du dich weit vor den andern,

Kühnes Muts, da du meiner gewaltigen Lanze dich darstellst.

Meiner Kraft begegnen nur Söhn‘ unglücklicher Eltern! …

Wenn du ein Sterblicher bist und genährt von Früchten des Feldes,

Komm dann heran, daß du eilig das Ziel des Todes erreichest.

Ihm antwortete drauf Hippolochos‘ edler Erzeugter:

Tydeus‘ mutiger Sohn, was fragst du nach meinem Geschlechte?

Gleich wie Blätter im Walde, so sind die Geschlechter der Menschen,

Einige streut der Wind auf die Erd hin, andere wieder

Treibt der knospende Wald, erzeugt in des Frühlinges Wärme;

So der Menschen Geschlecht; dies wächst und jenes verschwindet. …

Aber Hippolochos zeugete mich, ihn rühm ich als Vater.

Dieser sandt in Troja mich her und ermahnte mich sorgsam,

Immer der erste zu sein und vorzustreben vor andern,

Daß ich der Väter Geschlecht nicht schändete, welches die ersten

Männer in Ephyra zeugt‘ und im weiten Lykierlande.

Sieh, aus solchem Geschlecht und Blute dir rühm ich mich jetzo.

Sprachs, doch freudig vernahm es der Rufer im Streit Diomedes.

Eilend steckt‘ er die Lanz in die nahrungsprossende Erde,

Und mit freundlicher Rede zum Völkerhirten begann er:

Wahrlich, so bist du Gast aus Väterzeiten schon vormals! …

Also bin ich nunmehr dein Gastfreund mitten in Argos,

Du in Lykia mir, wann jenes Land ich besuche;

Drum mit unseren Lanzen vermeiden wir uns im Getümmel. …

Aber die Rüstungen beide vertauschen wir, daß auch die andern

Schaun, wie wir Gäste zu sein aus Väterzeiten uns rühmen.

Also redeten jen‘, und herab von den Wagen sich schwingend,

Faßten sie beid einander die Händ‘ und gelobten sich Freundschaft.

Doch den Glaukos erregete Zeus, daß er ohne Besinnung

Gegen den Held Diomedes die Rüstungen, goldne mit ehrnen,

Wechselte, hundert Farren sie wert, neun Farren die andern.

Und noch vor dem „Rufer im Streit“ Diomedes gilt seit Zeiten des trojanischen Krieges den Griechen der „listenreiche Odysseus“ als ihr Nationalheld. Wobei es zum einen bei der Auslöschung Trojas wohl eher gegen einen konkurrierenden Handel und Wandel gegangen sein dürfte statt um die Rückführung der schöne Helena in Menelaos Bett, und zum andern Odysseus beim Tricksen und Täuschen durchaus nicht zimperlich war. Erinnert sei etwa an die Aussetzung des unheilbar verwundeten Philoktetes „an der wüsten und unbewohnbaren Küste der Insel Lemnos“ durch den „verschlagenen Odysseus“, weil Philoktetes ewig eiternde Wunde ihnen zu sehr stank und sein Wehklagen die gen Troja segelnden Krieger nervte. „Der schlaue Odysseus“ vollführte „diesen hinterlistigen Anschlag“, indem er den schlafenden Helden am Strand ablegte mit „so viel Kleidungsstücken und Lebensmittel“, „als zur kümmerlichen Fristung seines Lebens für die nächsten Tage nötig waren“, wie uns Gustav Schwab in den „Sagen des klassischen Altertums“ zu berichten wußte. Doch hatten die achäischen Recken sich insofern verrechnet, als ihnen im neunten Jahre der vergeblichen Belagerung der trojanischen Feste ihr Seher Kalchas verkünden mußte, sie könnten sich ewig im sieglosen Streite gegen diese Stadt abmühen, solange sie nicht Philoktetes mit seinen unwiderstehlichen herakleidischen Pfeilen von der Insel Lemnos herbeischafften.

Zwecks dessen Entführung schifften der „kluge Odysseus“ mit dem „tapferen Jüngling Neoptolemos“ zurück nach „der unbetretenen, unbewohnten Küste der wüsten Insel Lemnos“. „Das erste, was sie taten, war, daß ein Diener auf die Lauer ausgesandt wurde, damit der Kranke sie nicht überraschen könnte“, während sie sich berieten, „denn nur durch Täuschung können wir uns seiner bemächtigen“, meinte der Sage nach Odysseus. Denn man hatte natürlich Angst vor Philoktetes „unbesiegbaren Geschossen“, weswegen: „ohne List bekommen wir den Mann und die Pfeile nicht“. Neoptolemos plädiert für kämpferische Überwältigung, Odysseus hingegen für arglistige Täuschung. Sein Plan ist derart heimtückisch, daß Neoptolemos sich wehrt, „eine Tat, die ich ohne Abscheu nicht hören kann, vermag ich auch nicht zu tun; weder ich noch mein Vater sind zu so böser Kunst geboren worden. Gern bin ich bereit, den Mann mit Gewalt zu fangen; nur erlaß mir die Arglist!“

Odysseus erwidert, auch er sei „in der Jugend mit der Zunge langsam und rasch mit der Hand“ gewesen. „Erst die Erfahrung mußte mich belehren, daß die Welt weniger durch Taten als durch Worte gelenkt wird.“

Wie wir wissen, gelang Odysseus Plan, und die Welt kennt seiner listigen Worte Ergebnis. Troja lag in Trümmern und Helena im Bett des alten Gatten.

Etliche Jahre später verbrannten die historischen Griechen das persische Schiffslager bei Mykale. Und schlossen zur Vorsorge gegen künftige persische Angriffsgelüste den Delischen Verteidigungsbund. Für den Ausbau von Befestigungen, den Unterhalt der Kriegsflotte und Zurüstungen wurden die von den souveränen Stadtstaaten aufgebrachten finanziellen Mittel im Schatzamt des Bundes gehortet in einem Tempel auf der Insel Delos, hier traten die Abgeordneten der Bundesmitglieder regelmäßig zusammen. Bis auf das Betreiben des Perikles der delische Schatz nach Athen, sagen wir einmal, listenreich „verlegt“ wurde. Um nicht von Heimtücke zu sprechen. Hinsichtlich ihrer Beiträge wurden die ehemaligen Bundesgenossen hinfort tributpflichtig, und ihre Eulen wanderten fleißig nach Athen. Was nun begann, war die klassische Ära. Phidias und Iktinos wurden mit dem Wiederaufbau der durch die Perser zerstörten Akropolis von Athen beauftragt. Als Krönung schmückte die Akropolis der Parthenon, das Haus der Jungfrau, der Tempel der Athene aus reinstem weißen Marmor. Darin die Cella, die Wohnung der Göttin mit ihrem zwölf Meter hohen Standbild aus Gold und Elfenbein. Als Eingang zur Akropolis die Propyläen, die auch zur Beherbergung von Weihegeschenken und als Kultstätten dienten. Die ganze Bergoberfläche wurde in eine von der Heiligen Straße durchschnittenen ebene Terrasse verwandelt, hinauf führte die imposante Treppe. Perikles ließ auch den Hafen von Piräus ausbauen, die langen Mauern errichten und auch das Odeion. Voilà, Athen stand in schönster Blüte.

Das nötige Kleingeld der griechischen Klassik, für all ihre feinen Bauten und Kunstwerke, ließ Perikles der Kasse des Delischen Bundes, sagen wir einmal, listenreich „entnehmen“.

Während all jener berühmten perikleidischen Prachtjahre der griechischen Klassik verkam Athen im Dreck. Zu jeder Tages- und Nachtzeit wurden die Abfälle durchs Fenster auf die meist ungepflasterten Straßen geworfen. Ekelerregend stanken während der Sommerhitze die Müllhaufen vor den Häusern. Es gab keinerlei Sanitäranlagen, und wenn es regnete, versank man knöcheltief im Morast. Aufgeräumt wurde nur vor Festumzügen und Paraden. In der ganzen Stadt existierte nicht ein einziges prunkvolles Haus! Je reicher man war, um so höher die Steuern, also stellte man doch seine Habe nicht listenarm zur Schau…

Denn Handel und Gewerbe blühten. In Athen wimmelte es vor Gerbern, Lampenmachern, Müllern, Bäckern, Kleiderfabrikanten, Eisengießern, Goldschmieden, Steinmetzen, Zimmerern, Anstreichern, Metallarbeitern, Bergarbeitern, Sägemüllern, Ziegelmachern, Dachdeckern, Bildhauern, Maurern, Bauunternehmern, Schneidern, Spinnern, Webern, Wollbereitern, Färbern, Stickerinnen, Krankenschwestern, Winzern, Wagenbauern, Seilern, Flachsarbeitern, Lederzurichtern, Straßenbauern und Kaufleuten, Kaufleuten, Kaufleuten. Exportiert wurden Weine, Öle, Wolle, Marmor und an Kunstgegenständen nicht nur die überall begehrten attischen Vasen.

Perikles starb, kaum von der Pestseuche genesen, an der Pockenseuche.

Was fällt mir noch ein?

Am 24. Oktober 1862, also mehr als zwei Jahrtausende später, wurde der Griechenkönig Otto durch einen Militärputsch zur Abdankung und zum Verlassen des Landes gezwungen. Der Wittelsbacher war dreißig Jahre zuvor, nach dem griechischen Befreiungskampf gegen die türkische Fremdherrschaft, von der griechischen Nationalversammlung zum König gewählt worden. Hauptgründe für seine Vertreibung: Er hatte deutsche Architekten, Beamte, Gelehrte, Lehrer, Offiziere in das Land geholt und die Vorrechte der mächtigen Familienclans nicht respektieren wollen.

Also, wie ich letzte Woche mitbekam, denkt man jetzt, im siebten Jahr der Krise, tatsächlich schon daran, daß man in Griechenland Steuern nicht nur erheben, sondern sogar eintreiben müsse. Es geht voran!