A N A B A S I S

Thalatta ! Thalatta !

Schlagwort-Archiv: Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Hohmskuling in Sachen Deutsch

 

13. Februar 2021: Bellarmin an Mephisto

 

Ja, so war das. Ende Oktober vergangenen Jahres sah man sich im Deutschlandfunk veranlaßt, endlich einmal Stellung zu nehmen zur Verwahrlosung unserer Muttersprache. Am Beispiel des Unwortes „Lockdaun“. Das war um so bemerkenswerter, als es zeigte, daß es doch eine beträchtliche Anzahl Menschen gibt, die sich zur Wehr setzen gegen die beständige Vergewaltigung unserer Sprache durch bundesdeutsche Journalisten und Politiker.

„Lockdown“, der Begriff ist derzeit allgegenwärtig – und er wird streng genommen meist falsch benutzt. Soviel steht fest. Dennoch kommt er weiter in unseren Nachrichten vor. Und das hat seine Gründe.

Uns wird entgegengehalten, dass es sich nicht nur um einen unnötigen Anglizismus handle. Der Begriff werde überdies nicht treffend verwendet.

Wir haben dann aber nach und nach zur Kenntnis genommen, dass der Sprachgebrauch auch in diesem Fall mächtiger ist als das Wörterbuch. Fast alle sprechen vom „Lockdown“, nachdem es im Frühjahr noch eher um den „Shutdown“ ging, und wichtiger noch: Fast alle verstehen, was gemeint ist und was nicht.

Deshalb übernehmen wir bis auf Weiteres den „Lockdown“, sofern wir nicht Gelegenheit haben, die einzelnen konkreten Einschränkungen zu benennen. Das ist präziser und daher vorzuziehen. Es ist aber eben oft auch zu lang – und zudem in ermüdender Weise wiederholend, wenn der Kontext eh als bekannt vorausgesetzt werden kann.

Mit dieser Einschätzung stehen wir nicht alleine. Begriffe sind nicht statisch, ihre Bedeutungen verändern sich. Auch beim „Lockdown“ erkennt die Sprachwissenschaft bereits eine derartige Begriffsausweitung. Das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache etwa wartet mit folgender Definition auf: „Zeitraum, in dem fast alle wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aktivitäten auf politische Anordnung hin stillgelegt sind (zum Beispiel zum Infektionsschutz)“.

Es würde mich nicht wundern, wenn der Duden eines Tages nachzöge.

Sancta Simplicitas!

Ja, es wunderte mich bestimmt nicht, wenn der taube Duden eines Tages nachzöge. Wie gegenwärtig gerade wieder zum Beispiel beim Jendan. Obwohl das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache doch eine wahrlich passende Definition hingelegt hat für den ins Schwarze treffenden Begriff „Stillstand“: „Zeitraum, in dem fast alle wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aktivitäten auf politische Anordnung hin stillgelegt sind (zum Beispiel zum Infektionsschutz)“.

Und der Deutschlandfunk argumentiert hier ähnlich wie der taube Duden, gegen den Sprachgebrauch könne man gar nichts machen.

Doch man kann! Wie wir zum Beispiel lernen können bei unseren französischen Nachbarn. Und stammen denn konformistische Bildungen wie „Bürger*innenmeister*in“ oder „Bauern*innenfrühstück“ tatsächlich aus dem Sprachgebrauch? Oder doch eher aus einer weltfremden Kanzleisprache von Verwaltungsvorschriften? Und aus den „Innen“-Verrenkungen politischer OpportunistInnen? Statt aus dem Maule gewöhnlichen Volkes, das es ja auch noch gibt in beträchtlichem Ausmaß?

Dem man gleichzeitig und völlig unverdrossen gegen die eigenen Argumente eine Benutzung bestimmter Wörter vorschreibt?

Oder verbietet?

Journalisten, Politiker, Lehrer und Geistliche verfügen über die Wortmacht in jeder Gesellschaft. Und deshalb kann man schon was machen. Ähnlich wie Clemenceau, der in seiner Rolle als einstiger Schriftleiter einer Zeitung ein Schild aufgehängt haben soll in seiner Redaktion: „Bevor sie einen Anglizismus hinschreiben, kommen Sie zu mir in den dritten Stock und fragen, ob er nötig ist!“

Was sagst Du? Das sei eine Feknju? Der Clemenceau habe Adjektive gemeint statt Anglizismen?

Da kannst Du gleich mal in den dritten Stock laufen!

Im Deutschland von heute fördert man ja geradezu mutwillig den Sprachverfall, und man kürt, wie blöde und völlig kritikfrei, einen „Anglizismus des Jahres“.

Hosianna! Hosianna!

Richtig, dieses Jahr, wahrscheinlich heimarbeitend im steuerlich abgesetzten Arbeitszimmer des Hohmoffis, dieses Jahr ist es der „Lockdaun“.

Ich will jetzt aber mal wieder einen Katt machen und lieber einen Inzeider wisselbloan lassen, der ein paar Hottspotts autet der Sprache, die, zusammen mit dem Griechischen sowohl von Hegel als auch von Heidegger für die überhaupt einzige philosophietaugliche Sprache gehalten wurde, die Sprache Luthers, Gryphius, Lessings, Goethes, Schillers, Hölderlins, Heines und Rilkes, die Sprache von Thomas Mann, Franz Kafka, Karl Kraus, Kurt Tucholsky, Mascha Kaléko, Else Lasker-Schüler, Erich Kästner und Paul Celan, die Sprache des einstigen Landes der Dichter und Denker:

 

Was sind die Vorzüge unserer Sprache? Beginnen wir mit dem Einfachsten: der deutsche Wortschatz scheint größer zu sein als der englische und der französische; genaue Zahlenangaben sind freilich nicht möglich, denn wer könnte verbindlich entscheiden, wieviel zusammengesetzte Wörter, Fremd- und Lehnwörter oder Fachausdrücke zu dem „Wortschatz“ eines Volkes gerechnet werden sollen. Um diesem Satz durch einige beliebig gegriffene Beispiele Farbe zu geben: dem Französischen fehlen alle Ausdrücke der Bewegung: gehen, fahren, reiten, fliegen, segeln, steigen, sinken werden sämtlich mit dem einen Wort aller wiedergegeben; es fehlen im Französischen auch stehen, sitzen und liegen. Überhaupt versucht der Franzose mit den drei Zeitwörtern faire, mettre, und prendre einige Dutzend deutscher Begriffe zu ersetzen. Ähnlich verwendet der Engländer to get an Stelle von hundert verschiedenen deutschen Ausdrücken. Der Reichtum der Deutschen beruht zum großen Teil darauf, durch Vor- und Nachsilben und durch Zusammensetzungen neue Wörter zu schaffen. Der Deutsche bildet etwa zu dem Wort fallen Dutzende von Ableitungen: hinfallen, abfallen, ausfallen, zusammenfallen, verfallen, herunterfallen, niederfallen, einfallen; der Franzose hat für alle nur das eine Wort tomber. Welchen Reichtum an Zeitwörtern, der wichtigsten aller Wortarten, verschaffen wir uns auf diesem Wege! Welche Sprache kann so bequem wie die deutsche alles sagen und versagen, ansagen und aussagen, vorsagen und nachsagen, aufsagen und untersagen? Wer kann so leicht wie wir sich sattessen und kranklachen, gesundbeten und totschwitzen? Mühelos verschmilzt die deutsche Sprache Hauptwort und Zeitwort und Beiwort und bildet mit allen Abschattierungen hoffnungsvoll, hoffnungslos, hoffnungsreich, hoffnungsarm? Für das Wort Liebe nennt das Grimmsche Wörterbuch mehrere hundert Zusammensetzungen. Der Reichtum an Vor- und Nachsilben erlaubt es der deutschen Sprache noch heute, neue Wörter aus eigenen Wortstämmen zu prägen; das Englische und das Französische sind schon lange unfruchtbar und können neue Begriffe nur bezeichnen, indem sie griechische und lateinische Brocken ausleihen. Der Baum der deutschen Sprache steht noch im grünenden, saftigen Wachstum, während bei den anderen die äußersten Äste schon zu verdorren beginnen.

Das Französische hat im 17. Jahrhundert eine Hungerkur durchmachen müssen: um eines möglichst reinen Stiles willen warf man alles über Bord, was veraltet oder unklar oder undefinierbar erschien; alles Mundartliche, Niedrige, Bourgeoismäßige, alle Sonderausdrücke der Soldaten, Handwerker, Gelehrten und Arbeiter. Der Mensch sollte, von allen Abhängigkeiten seines Stammes und Standes befreit, als abstrakte personnage eine allgemeine Sprache reden: klar wie destilliertes Wasser und gemeinverständlich wie das Einmaleins. Welche Sprachverarmung von Montaigne bis Voltaire! Wie ein Klavier, dem die unteren und die oberen Oktaven fehlen, und das auch in den Mittellagen keine schwarzen Tasten hat. (Hofmiller)

Aber der Reichtum an Wörtern ist nicht der wichtigste Reichtum unserer Sprache. Die entscheidenden Sprachfragen liegen jenseits der Statistik. Mag das Französische oder das Englische keine 50 000 Wörter haben: Shakespeare ist mit 20 000 ausgekommen, Homer mit 9000 und das Neue Testament mit 5000. Wenn der Franzose auch nicht Ruhmestag zu bilden vermag, so schlägt sein Herz bei le jour de gloire nicht minder hoch. Die wesentlichen Unterschiede liegen tiefer.

Die deutsche Sprache beruht durchgängig auf deutschen Wurzeln, die französische dagegen auf lateinischen, und auch die Engländer haben eine Fülle französischer Wurzeln in ihre Sprache aufgenommen, als 1066 die französisch sprechenden Normannen das Land eroberten und die Angelsachsen unterwarfen. Diese Mischung germanischer und romanischer Wurzeln hat das Englische auch besonders anfällig gemacht für den Einfall immer neuer Fremdwörter. … Die englische Bibelübersetzung enthält zu 97 vom Hundert angelsächsische Wörter, Shakespeare noch zu 85, Gibbon zu 50, aber bei den modernen Schriftstellern geraten die angelsächsischen Wörter meist in die Minderheit. Besonders für Begriffe des geistigen und seelischen Lebens haben sich normannische Wörter durchgesetzt; die Normannen bildeten die geistig führende Oberschicht. Nun haben Wörter aus fremder Wurzel keinen bildlichen Gehalt für den, der sie heute spricht. Sie sind ihm ein leerer Schall, dessen Laut ihn an nichts Bekanntes erinnert. Der Deutsche hört bei Grundsatz den Anklang an Grund und Boden, der Engländer und Franzose spürt in principe oder principle nichts von dem lateinischen Wort primus, mit dem sie verwandt sind. Fichte folgert kühn: die Engländer und Franzosen hätten eigentlich gar keine Muttersprache; es seien tote Sprachen, und nur bei Völkern mit lebenden Sprachen greife die Geistesbildung ins Leben ein, nur sie hätten Fleiß, Ernst und Gemüt!

Aber man darf auch dies Argument nicht überanstrengen. Gewiß, in Begriff und Erfahrung könnte der Deutsche noch die anschaulichen Wurzeln be-greifen und er-fahren heraushören, aber tut er dies wirklich? Hat der Engländer wirklich bei dem angelsächsischen sorrow eine so ganz andere Empfindung als bei dem normannischen grief, bei remember eine andere als bei remind?

Wir wollen uns damit begnügen, uns der Erdhaftigkeit der deutschen Sprache zu freuen; Vischer hat gesagt, das Französische sei wie Likör und Biskuit, das Italienische wie Rotwein und Orangen, das Holländische ganz Hering, das Deutsche dagegen sei wie gutes Roggenbrot und Bier. –

Ein bedeutsamerer Vorzug des Deutschen ist die Freiheit der Wortstellung. Die Ausdrucksfähigkeit einer Sprache hängt nicht nur von dem Wortschatz ab, sondern nicht minder von der Art der Wortfolge. Wir können in dem Satz Vater hat mir gestern den Apfel geschenkt die Wörter auf fünf verschiedene Arten stellen und so mit denselben Wörtern fünf verschiedene Gedanken ausdrücken.

Ohne Umschreibung können die meisten lebenden Sprachen das nicht wiedergeben. Das Englische und das Französische können sich diese Freiheit der Wortumstellung nicht gestatten, weil sie den Werfall und den Wenfall nicht unterscheiden; le père aime le fils kann man nicht einfach umstellen, denn wenn man den Sohn voranstellt, so ist er es, der liebt. Dieser Freiheit der Wortstellung verdanken wir eine erstaunliche Schattierung des Ausdrucks.

Die deutsche Sprache benötigt die starren Regeln der französischen Wortstellung auch deshalb nicht, weil sie das Verständnis durch andere Mittel erleichtert: durch die Eigenart ihrer Betonung. Der Ton liegt im Deutschen stets auf der entscheidenden Silbe des Wortes, der Stammsilbe; die Logik geht allen Klangerwägungen voraus. Kein Grieche und kein Lateiner hätte gewagt, mehrsilbige Wörter wie διϰαιοσύνη oder cupiditatibus auf der Stammsilbe zu betonen. Der Franzose vollends betont stets die oft unwichtige Endsilbe, die in zahlreichen Worten gleichlautet und verleiht dadurch seiner Prosa etwas spechtartig Trommelndes und seiner Poesie eine Fülle von Reimen, aber von banalen Reimen, gleich als wenn wir auf -heiten, -keiten und -ungen reimen würden.

Dies sind also die handgreiflichen Vorzüge der deutschen Sprache: Wortreichtum, Wurzelhaftigkeit, freie Wortstellung, Logik der Betonung. Hebbel hat einige dieser Vorzüge in einem Gedicht zusammengestellt:

 

Schön erscheint sie mir nicht, die deutsche Sprache, und schön ist

 auch die französische nicht, nur die italienische klingt.

Aber ich finde sie reich, wie irgend eine der Völker,

 finde den köstlichsten Schatz treffender Wörter gehäuft,

finde unendliche Freiheit, sie so und anders zu stellen,

 bis der Gedanke die Form, bis er die Färbung erlangt,

bis er sich leicht verwebt mit fremden Gedanken und dennoch

 das Gepräge des Ichs, dem er entsprang, nicht verliert.

Denn der Genius, welcher im Ganzen und Großen hier waltet,

 fesselt den schaffenden Geist nicht durch ein strenges Gesetz,

überläßt ihn sich selbst, vergönnt ihm die freiste Bewegung

 und bewahrt sich dadurch ewig lebendigen Reiz.

 

Diese Freiheit ist das wahre Geheimnis unserer Sprache.

 

 

Ludwig Reiners Stilkunst

 

Wenn ich mir was wünschen dürfte

 

3. Januar 2021: Bellarmin an Mephisto

 

Wenn ich mir was wünschen dürfte,

Käm‘ ich in Verlegenheit,

Was ich mir denn wünschen sollte,

Eine schlimme oder gute Zeit.

 

Wenn ich mir was wünschen dürfte,

Möcht‘ ich etwas glücklich sein,

Denn wenn ich gar zu glücklich wär‘

Hätt‘ ich Heimweh nach dem Traurigsein…

 

Das hatte Marlene Dietrich einst gesungen.

Verklungenerweise.

Wenn dagegen ich mir etwas wünschen dürfte für das neue Jahr, das von Geschichtsbanausen tatsächlich schon für eines der neuen Goldenen Zwanziger gehalten wird, dann wünschte ich, daß auf dieser Welt kein Kind mehr hungern müßte. Unbedacht hätte ich dieses mir sogar in der Illusion gewünscht, daß auf dieser Welt kein Kind mehr abends hungrig in sein Bettchen stiege.

Aber wieviele Kinder auf unserem Planeten haben denn überhaupt ein Bett?

Die Antwort weiß ganz allein der Wind…

Auch diesen Nobelpreisträger-Song hatte die Dietrich einst gesungen in deutscher Übersetzung.

Neulich allerdings gab es immerhin ein paar Zahlen. Am Freitag, dem 20. November, meldete der Deutschlandfunk nachrichtlich:

Jedes fünfte Kind auf der Welt wächst in einem bewaffneten Konflikt auf.

Das geht aus einem aktuellen Bericht der Organisation Save the Children hervor. Demnach stieg die Zahl der von Gewalt in ihrer Umgebung betroffenen Kinder im vergangenen Jahr um rund zehn Millionen auf 426 Millionen. Die gefährlichsten Staaten für Kinder waren Afghanistan, die Demokratische Republik Kongo, Irak, Jemen, Mali, Nigeria, Somalia, Sudan, Südsudan, Syrien und die Zentralafrikanische Republik.
Seit dem Jahr 2010 sind den Angaben von Save the Children zufolge 93.000 Kinder weltweit getötet oder verstümmelt worden. Das entspricht im Durchschnitt 25 pro Tag.

Derartige Meldungen lassen unstillbar in mir einen zweiten Wunsch erwachen. Stell Dir vor, ich wünsche nämlich, daß unausrottbar eine neue Seuche käme über unser Land! Die zufälligerweise einmal nicht aus China zu uns getragen würde. Garantiert nicht aus China! Auch handelte es sich um ein besonderes Virus, um eines das lediglich in Deutschland Wirte fände aus irgend einem Grunde.

Weil es hier nur als Berufskrankheit um sich griffe und unter einer bestimmten Berufsgruppe.

Ich wünsche nämlich, diesen unseren bundesdeutschen Journalisten das hierzulande seit etlichen Jahren leider ausgerottete Virus Erotemata in ihren Hals! Und zwar speziell in der Mutation Intelligenzia!

Daß sie zum Beispiel angesichts einer derartigen Meldung „…Republik Kongo, Irak, Jemen, Mali, Nigeria, Somalia, Sudan, Südsudan, Syrien und die Zentralafrikanische Republik…“ erstens bemerkten infolge ihres Infektes mit dem Virus Erotemata: Seltsam, sind das nicht samt und sonders alles Staaten mit mohammedanischen Volksgruppen?

Die Staaten, in denen weltweit die meisten Kinder getötet oder verstümmelt werden?

Na so was!

Und zweitens dann:

Wie kommt denn das?

Was könnte denn dafür die Ursache sein?

Oder wenn der Ministerpräsident Laschet aus Nordrhein-Westfalen in den Nachrichten zitiert wird, daß er sich entschuldige für die sogenannte Kölner Silvesternacht und offen eingesteht nach fünf Jahren, „der Staat“ habe die Opfer „im Stich gelassen“…

O, da wünschte ich mir, daß die Seuche des Erotemata unsere bundesdeutschen Journalisten erbarmungslos plagte bis zum Erbrechen mit der Frage: Was war denn der eigentliche Grund dafür, daß die Vertreter eines mitteleuropäischen Staatswesens des einundzwanzigsten Jahrhunderts tatenlos zusehenden Auges fast tausend Frauen hilfeverweigernd einem vorwiegend orientalischen Mob auslieferten zum stundenlangen Begrabschen, Vergewaltigen und Berauben?

Und sich taub stellten gegenüber den verzweifelten Hilfeschreien?

Und wer wurde denn in den fünf verflossenen Jahren nun justiziabel belangt seitens der inzwischen präsidial hochherzig bezeugten Straftat unterlassener Hilfeleistung?

Oder in Anbetracht der von bundesdeutschen Nachrichtenmedien in den letzten Jahren gepflegten Mode, nachrichtlich irgendwelche Umfrageergebnisse zu verkünden, wünschte ich, daß bundesdeutsche Journalisten die Seuche derart schüttelte mit der Frage, warum das inzwischen durchgängig zur Bevölkerung degradierte Volk der Eingeborenen nicht schon längst einmal befragt worden war, ob es die Berichterstattung bundesdeutscher Medien über die sogenannte Flüchtlingskrise für sachlich, unvoreingenommen, unparteiisch, umfassend, ausgewogen, faktenbasiert, vollständig und wahrhaftig halte.

Oder etwa für ideologisch blickwinkelbeschränkt.

„Das ist so einfach, und ihr kommt nicht drauf“, würde Otto Reutter singen.

Oder wenn die Bundeskanzlerin ihre Jahrespressekonferenz abhält in der artigen Atmosphäre journalistischen Wohlgefallens, daß einen, wenigstens einen Hofberichterstatter das Virus packte mit einer, wenigstens einer kritischen, also unbequemen Frage.

Vielleicht der, was denn die Kanzlerin gemeint haben könnte mit ihrem während ihrer 15jährigen Kanzlerschaft einmalig angekündigten Kampf gegen „Identitätsverweigerer“.

Ja, wer denn das überhaupt wäre, bei diesem zuvor in Regierungserklärungen nie gehörten, dem staunenden Volke nie erklärten und in bundesdeutschen Medien nie erörterten Begriff.

Aus irgend einem Grunde.

Und welche Siege unsere tapfere Jeanne d’Arc denn nun errungen habe zum Ende ihrer Kanzlerinnenschaft in ihrem beherzt angekündigten Kampfe.

Denn es müsse doch zahlreiche Identitätsverweigerer geben, wenn die Kanzlerin in persona gegen sie ins Feld zu ziehen sich gezwungen dünkte.

Wenngleich deutsche Journalisten nie auf die Idee gekommen waren, über sie zu recherchieren und zu berichten oder jene Identitätsverweigerer gar zu interviewen.

Woher sie kämen.

Warum sie kämen.

Warum sie nach Deutschland kämen statt nach dem ruhmredigen Rußland beispielsweise oder nach Saudi-Arabien.

Und warum sie ihre Papiere durchs Klobecken spülten.

Oder warum man im Lande ungeheuerlichster Mutmaßlichkeiten, in dem die Medien unbekümmert Sätze in die Welt setzen wie „Der mutmaßliche Mörder konnte fliehen“, warum man während all der Jahre bis heute nicht auf die Idee kommt aus irgend einem Grunde, zu differenzieren zwischen Flüchtlingen und Zuwanderern. Also warum bundesdeutsche Journalisten über all die Jahre sämtliche über zig Ländergrenzen hinweg zielgerichtet nach Deutschland und sonst nirgendwohin Strömenden von vorn herein und vehement ohne die geringste Mutmaßlichkeit als Flüchtlinge deklarieren in ihrer Berichterstattung.

Und warum als Flüchtlinge über zig Ländergrenzen hinweg nach Deutschland?

„Das ist die Frage aller Fragen“, wie Cliff Richard sang.

Das wäre sogar die simpelste aller Fragen.

Die dem tumben Volke auf der Zunge liegt seit Jahren.

Und die deutsche Journalisten sich nie zu stellen wagten.

Oder wenn sich die üblichen Verdächtigen in Deutschland tränenreich echauffieren, daß der Vater eines nach Deutschland „unbegleitet“ über das Mittelmeer „geflüchteten“ neunjährigen Jungen nicht einreisen darf aus Tunesien, und eine Reporterin hinfährt und jenen dort in Lohn und Brot stehenden Vater mitfühlsam interviewt in seiner Wohnung allein mit seinem unermeßlichen Leid und sich erkundigt nach Einkommen und Miethöhe, warum ihr dabei nicht auch die Frage in ihren journalistisch geschulten Sinn tritt, was diesen Kerl denn trieb, seinen Sohn in ein lebensgefährliches Boot mörderischer Schlepper verfrachten zu lassen, und warum er seinen Jungen, nach dem er sich nun so unbeschreiblich sehnt, auf der tödlichen Mittelmeerroute nach Deutschland sandte.

Man muß es sich vorstellen, die elementarste aller Fragen, die wird nicht gestellt.

In Deutschland.

Auch die Frage, gerade in diesem Zusammenhang, ob „Lügenpresse“-Rufe und „Lückenjournalismus“-Vorwürfe tatsächlich unbegründet seien.

O das wären Fragen über Fragen, die zu stellen sie das Virus piesackte.

Vierundzwanzig Stunden am Tag und selbst im Hohmoffis!

Oder, wenn wir einmal in einem kurzen Augenblick geistiger Klarheit annähmen, die in Deutschland beförderte journalistische, also parteiische Meinung, daß die demokratische Mehrheit der Briten plötzlich dumm geworden wäre und nicht mehr denken könnte, weil sie sich habe verführen lassen von diesen verdammten Populisten, das wäre eine irrige Annahme, und uns somit einmal wenigstens der Frage zuwendeten: Was könnten denn respektable Gründe sein für die von deutscher Journalistik ausgeblendete Mehrheit, was könnten denn die Gründe sein für ihr dann wohl doch, einmal wenigstens, ernst zu nehmendes und demnach bedenkenswertes Streben nach einer Abkehr von der sogenannten Europäischen Union?

Ob es, was natürlich kein Mensch glauben könnte angesichts der jahrelangen Berichterstattung bundesdeutscher Medien, ob es tatsächlich nicht auch ernsthafte Gründe geben könnte für einen Ausstieg aus der sogenannten Europäischen Union.

Und wenn ja, warum sie nie angemessen erörtert wurden in Deutschland.

Warum interviewte man so gut wie ausschließlich nur Vertreter der Brexit-Gegner?

In Deutschland.

Fragen über Fragen…

Welch schreckliches Virus!

Oder, weshalb deutsche Journalisten der deutschen Kassiererin im deutschen Supermarkt nicht ein einziges Mal erklärt haben nach ihrem harten Arbeitstage, was denn der Unterschied wäre zwischen Lockdaun und Schattdaun.

Und wann man warum Lockdaun sagen müsse wofür. Und wann warum Schattdaun wofür.

Und ob bald alle in Deutschland Englisch können müssen, um deutsche Journalisten und deutsche Politiker zu verstehen.

Oder ob sie aus Dummheit oder Absicht elitär zu uns redeten wie zu Abgehängten.

Und zu den vielzitierten Bildungsfernen.

Für die andererseits der Deutschlandfunk als mildtätiges Extra bereithält: „Nachrichten in verständlicher Sprache“.

Ein schöner Zug.

Ob man dort wenigsten einmal übersetzte in die Landessprache, in die Sprache Luthers, Goethes und Hegels, was denn das eigentlich heiße, bläck leifs mätter…?

Letzten Samstag meldete der Deutschlandfunk zerknirscht, die Quote für eine erfolgreiche Absolvierung eines Deutsch-Tests von Zuwanderern sei rückläufig:

Wie die „Neue Osnabrücker Zeitung“ berichtet, bestanden in den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres rund 59 Prozent der Teilnehmer die Prüfung. Fünf Jahre zuvor seien es 72 Prozent gewesen.

Oder jüngst, wenn Politiker behaupten, daß sich die Frage nach eventuellen Privilegien für Geimpfte gegen das Coronavirus nicht stelle angesichts des eklatanten Mangels an Impfstoffen, würde das die vom Erotemata-Virus befallenen Journalisten vielleicht zu der Frage aller nicht Gedächtnisgestörten geradezu hinreißen, wieso Politiker noch vor keinem ganzen Jahr, als es bei weitem nicht ausreichend Masken gab für sämtliche Einwohner, Pardon, für sämtliche Einwohnenden der Bundesrepublik Deutschland, wieso Politiker in voller Kenntnis jenes Mangels, allen unmaskierten Einwohnenden das Betreten von Lebensmittelgeschäften verbieten durften…

Noch dazu, wenn die Politiker kurz zuvor noch abgestritten hatten, daß Masken überhaupt etwas nützten gegen eine weitere Verbreitung des Corona-Virus!

Ohne jeglichen Aufschrei einer berechtigten Empörung!

Oder auch nur einer untertänigsten Nachfrage unserer kritischen Journalisten.

Fragen über Fragen…

Oder wenn Vattenfall in Schweden zur Jahreswende ein überaltertes Atomkraftwerk stillegte, wie denn dieses Land das Problem der Endlagerung der Jahrhunderttausende strahlenden Abfallprodukte gelöst habe.

Im Vergleich zur Bundesrepublik.

Wäre doch lehrreich.

Hier fällt mir gleich die schrödersche Nordstriem ein.

Da wird triumphierend gemeldet zum neuen Jahresanfang: „Erstes Pipelinegas aus Aserbaidschan nach Europa geflossen“.

Und:

Erstmals beziehen einige EU-Staaten Gas aus der Südkaukasusrepublik Aserbaidschan.

Und:

Der letzte Abschnitt der Leitung war erst vor wenigen Wochen fertiggestellt worden. Die knapp 4 Milliarden Euro teure Pipeline gilt in der EU als strategisch bedeutsames Infrastrukturvorhaben.

Und:

Damit gilt der aserbaidschanische Gasexport als Konkurrenz für die Rohstoffmacht Russland.

Nanu, fragten sich an dieser Stelle die vom Erotemata-Virus befallenen Journalisten, der Gasexport durch diese neue Leitung (Peiplein auf Dummdeutsch) ist strategisch bedeutsam für die Europäische Union?

Weil sonst Abhängigkeiten entstünden von der ruhmredigen „Rohstoffmacht“ Rußland?

Ja, ist es möglich, daß man also lieber abhängig wäre von Verbündeten oder sogar von Drittstaaten?

Als von Rußland?

Warum hat uns denn das keiner gesagt?

Und daß außer Deutschland so gut wie alle Staaten der deutschseitig stets solidarisch angemahnten EU gegen das Nordstriem-Projekt sind?

Und sogar noch einige mehr?

Und daß man zum Beispiel unsere polnischen und baltischen Nachbarn sehr brüskiert mit unserer deutsch-sowjetischen Freundschaftspflege?

Und daß man über die Haltung der anderen Staaten und des Europäischen Parlaments ausgiebig berichten sollte in bundesdeutschen Medien?

Statt sie zu verschweigen?

Gut, ich schwimme nicht weiter in diesem unendlichen Ozean.

Sonst stoße ich sogar noch auf die Türkei und die unsäglichen Beitrittsverhandlungen etc. pp.

Nur noch, weil aller guten Wünsche drei sind: Ich wünsche mir im neuen Jahr, daß die populistischste Partei Deutschlands, also die SPD, nicht mehr in der künftigen Regierung vertreten wäre auch deshalb, damit endlich die für die deutsch-russischen Beziehungen entscheidenden Schaltstellen nicht noch länger als unbegreiflicherweise unermüdlich besetzt werden von den nützlichen Idioten des Kremls wie Matthias Platzeck.

Wenn es nur das wäre!

Ach, wäre das schon schön!

 

 

„Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberstes Gebot der Presse.“

Oberstes Gebot des bundesdeutschen Pressekodex

 

Über Unwörter

 

15. Februar 2020: Bellarmin an Mephisto

 

Nach dem Ausgang der aktuellen Thüringer Ministerpräsidentenwahl hasteten wutschäumende Leute vor die Zentrale der Freien Demokratischen Partei, bewaffnet mit dem Schild

„NO FOR RIGHT POWERS“.

Tatsächlich!

Demonstranten in Deutschland!

Vermutlich, Pardon, mutmaßlich wollten der dortigen Landessprache ohnmächtige Angelsachsen damit ihren Unmut bekunden in Thüringen wie seinerzeit mit dem Schild

„NO MORE GROKO“

in Berlin und verzichteten deshalb darauf, möglichst viele Thüringer und Thüringerinnen oder gar die reit Pauers zu erreichen mit ihrer Botschaft. Denn andernfalls den Schildträgern sprachliche Arroganz vorzuwerfen, verbietet mir die politikäl Korrektneß.

Als Unwort des vergangenen Jahres wurde „Klimahysterie“ geautet, wie immer in hehrer politischer Absicht von linkswinklig blickenden Richtigdenkern. Die nicht gänzlich unbekannte Schriftstellerin Julia Zeh ( „Adler und Engel“, „Unterleuten“) indessen kritisierte, daß die Jury durch diese Auswahl sich in einer politisch kontroversen Diskussion mit der Bewertung einer Haltung auf eine Seite stelle. Es gibt noch weitere Stimmen, die meinen, daß die Unwort-Auswahl stets politisch einseitig erfolge. Wäre es da nicht angebracht, sich doch endlich einmal der eigentlich naheliegendsten Idee zuzuwenden bei der Auswahl eines Unwortes, nämlich das Gewicht zu legen auf die um sich greifende Verhunzung, Verarmung und Verflachung unserer reichen Sprache, die eventuell auch strukturell wohlbegründet einst als die Sprache der Dichter und Denker galt?

Und die, zusammen mit dem Griechischen, sowohl von Hegel als auch von Heidegger für die überhaupt einzige philosophietaugliche Sprache gehalten wurde?

Hier schicke ich Dir meine alternative Auswahl der schlimmsten Unwörter des vergangenen Jahres:

Auf Platz 5 hat es der inflationäre Gebrauch der Wörter „Transparenz“ und „transparent“ geschafft, die gegenwärtig in kontextlicher Verwendung so gut wie immer durch „Klarheit“ und „klar“ ersetzt werden können. Wenn man, statt bildungssprachlich zu protzen, sich einfach, verständlich und transparent ausdrücken wollte…

Unwort Platz 4:

„Emotion“ für „Gefühl“ oder für unbenannt bleibende Gefühle wie „Trauer“, „Abscheu“, „Liebe“, „Haß“ und „Bitternis“. Oder gar „Zärtlichkeit“! Vielleicht haben die Deutschen, wie schon vor dem Wort „Geschlecht“, nun auch Angst bekommen vor Wörtern wie „Zärtlichkeit“… Lieber fühlen sie gar nichts mehr, Gefühle und selbst das himmlische Wort „fühlen“ sind komplett abgeschafft in Deutschland, es bleiben nur noch Emotionen.

Unwort Platz 3, natürlich:

„Whistleblower“.

Da freut sich aber die Kassiererin im Supermarkt, wenn man ihr nach einem harten Arbeitstag am Feierabend enthüllt, daß wieder jemand gewisselblot hat, ich wisselbloe, du wisselblost, er, sie, es wisselblot, wir wisselbloen, ihr wisselblot, sie wisselbloen.

Informanten gab es schon immer, und jeden journalistischen Wisselbloa-Sager, gleich welchen Djendas, sollte man in Berufsunfähigkeitsrente schicken!

Platz 2:

Natürlich wieder „fake“ für „fälschen“, „frisieren“, „türken“, „täuschen“, „tricksen“, „schwindeln“, „lügen“…

Ich fäke Njus, du fäkst Njus, er, sie, es fäkt Njus, wir fäken Njus, ihr fäkt Njus, sie fäken Njus, Idioten fäken Njus.

Und auf Platz 1 kannst Du unverändert leif erleben:

„Wir schalten jetzt leif nach Berlin!“

Keine Gnade mehr mit journalistischen Leifschaltern!

 

Ihr bösen Teutschen, man sollt euch peutschen, daß ihr die Muttersprach so wenig acht. Ihr lieben Herren, das heißt nicht mehren, die Sprach verkehren und zerstören.“

Johann Michael Moscherosch (1601 – 1669)

 

Serapion an Phil Eidos

Mir gefällt sehr Dein Name! Danke für Deinen Kommentar.

Krieg ist gemeint im Sinne Heraklits als Streit („polemos“), als Einheit und Kampf der Gegensätze. Das Originalzitat griechisch und deutsch ist zu finden in Hermann Diels „Die Fragmente der Vorsokratiker“ (Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1922), Band 1 Seite 88f, Punkt 53 seiner einzigen, wenn auch nur fragmentarisch erhaltenen Schrift („Über die Natur“), wobei die Numerierung wohl von Diels stammt. Marx sog über Hegel aus dem Heraklit seinen Honig für die Auffassung des „historischen Materialismus“ vom Klassenkampf als alles bestimmendes geschichtsbewegendes Momentum, ich glaube, seine Dissertation handelte über Heraklit. Die gesellschaftlichen Folgen dieser marxistischen Einengung der heraklitischen Idee, zum Beispiel herbeigeführt durch Lenin im damaligen, zufälligerweise gerade rückständigen Rußland, sind übrigens eine schöne, pardon, eine schreckliche Widerlegung der marxschen Grundthese, daß das Sein unser Bewußtsein bestimme, derzufolge die Revolution folgerichtig hätte in England ausbrechen müssen. Heraklit meinte aber eindeutig die Polarität aller Naturvorgänge wie zum Beispiel Chaos, maximale Entropie versus Leben, als selbständig expandierende Systemkomplexität, oder Staat versus Individuum, welche letztere ich für den grundlegenden Katalysator menschlicher Entwicklung und Geschichte halte.

Hierzu wäre einiges noch zu sagen, und vielleicht sage ich es einmal.

Jedenfalls wachsen unsere Möglichkeiten an Todesarten neben denen durch Kriege beträchtlich.

Das sogenannte Zwei-Grad-Ziel beispielsweise spiegelt uns eine noch erträglich sein sollende Erderwärmung um zwei Grad vor. Wobei mit fortscheitender Zeit seit ihrer Entdeckung immer häufiger vergessen wird hinzuzufügen, daß es sich um eine Zielgrenze für unser derzeitiges Jahrhundert handelt. Es sind aber Prozesse im unaufhaltsamen Gange, die uns an Jahrtausende denken lassen sollten. Das stoppt natürlich nicht nach 85 Jahren. Will sagen, daß der Tanker selbst in tausend Jahren nicht steht, auch wenn wir, was nicht sein wird, das Zwei-Grad-Ziel erreichten. Dies bedeutet, die Temperaturen werden nach dem Jahr 2100 weiter steigen. Und auch in den Jahrhunderten, die folgen. Was mich all die Jahre störte: Es wird immer geredet über Wirbelstürme und Überschwemmung. Ich würde endlich einmal beginnen zu reden vom Nächstliegenden. In Indien sind dieser Tage mindestens 1500 Menschen gestorben, bisher. Infolge einer seit April andauernden Hitzewelle mit Temperaturen von 48° C. Ich würde endlich beginnen zu reden von Hitze. Und zwar nicht immer nur, wenn überhaupt, als letzte Meldung unter ferner liefen vor dem Wetterbericht. Sondern als erstrangige Meldung noch vor den angeblichen Steuersenkungsdebatten. Nötig ist ein Bewußtseinswandel. Ich frage mich immer, was unsere sicher wohldotierten Denkfabriken so alles treiben ihren lieben langen Tag, und ob unsere Philosophen denken.

Es existiert keine durchsetzungsfähige Institution auf der Welt, die den globalen Kohlendioxidaustoß stoppen, geschweige denn mindern könnte. Es existiert keine Macht, die sich endlich traute, den Menschen zu sagen, ihr solltet euch künftig nur noch in tiefen Tälern ansiedeln, auf der Schattenseite. Ihr müßt zwingend dichtkronige Bäume pflanzen vor jede südwestliche Häuserwand. Die Pläne erarbeitete für ein Leben unter der Erdoberfläche oder für Wohnkomplexe in der Brühe künftiger Ozeane. Denn wir werden das Zwei-Grad-Ziel nicht erreichen. Stattdessen das verzweifelte Hoffen auf die Entwicklung utopischer „Wunderwaffen“ gegen oder wahnwitzige Ideen zur unterirdischen Lagerung von Kohlendioxid. In der sibirischen Tundra wird durch die Erderwärmung mehr bodengebundenes Kohlendioxid freigesetzt als künstlich je gelagert werden kann. Was nicht der einzige Einwand wäre.

Wir werden das Zwei-Grad-Ziel nicht erreichen, und Souterrainwohnungen werden im Preis steigen.

Ich bin Optimist und hasse Weltuntergangsprophetien. Dennoch sollte ich wenigstens noch hinzufügen, daß heutzutage durch Kernreaktoren Jahr für Jahr mehr radioaktive Spaltprodukte mit 1024 Becquerel auf unserem Planeten anfallen, also als Abfall. Der zwar nach einem Jahr auf 1021 Becquerel sinkt, aber dann mindestens 1000 Jahre benötigt, um auf ein einigermaßen menschenerträgliches Maß zu kommen. 1021 Becquerel in Mengen, die sich Jahr für Jahr addieren, und weder ist da Vernunft noch ein Ende noch ein einziger irdischer Ort in Sicht, an dem das Zeug tausend Jahre sicher wäre. Man vergegenwärtige sich, was in den letzten tausend Jahren so alles geschah, und wie oft allein die ewigen Glaubenssätze wechselten. Was die Menschen heute zustande bringen an Verläßlichkeit ist GAU und Asse.

Weltregierung hast Du demnach zu Recht gesetzt in Anführungsstrichen, die uns gewissermaßen die Fragilität des Fadens verdeutlichen, an dem nach all der Menschheitsgeschichte und Erfahrung mit Völkerbund, UN, Atomwaffensperrvertrag oder EU diese Idee zu baumeln scheint im Winde des Geschehens. Internalisierung ist ein schöner Gedanke, und ich glaube sogar, daß ein bestimmtes Singen in unseren Adern nie verstummen wird, und daß gewisse Ströme unseres Blutes nicht vertrocknen. Jedoch, Du wirst mir verzeihen, fallen mir sofort drei schnöde Sprüche ein. Nummer eins ist Nummer 3667 im Simrock:

 

„Hätten wir alle einen Glauben,

Gott und das gemeine Beste vor Augen,

Guten Frieden und recht Gericht,

Eine Elle, Maß und Gewicht,

Gleiche Münze und gutes Geld,

So stünd es wohl in aller Welt.“

 

Nummer zwei singt der Peachum in der Dreigroschenoper:

 

„Wir wären gut anstatt so roh,

doch die Verhältnisse, die sind nicht so…“

 

Und Nummer drei kenne ich von meiner Mutter:

 

„Hätte der Hund nich jeschissen,

hätt er den Hasen jekricht.“