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Thalatta ! Thalatta !

Schlagwort-Archiv: Kurt Schumacher

Mord, Lüge und Heimtücke

 

4. Juni 2018: Serapion an Mephisto

 

Nun war ich gerade drauf und dran, den Mann auch einmal zu loben. Nämlich unseren ehemaligen Justiz- und aktuellen Außenminister. Denn im Gegensatz zu seiner früheren Erscheinung hat er in der jetzigen Position wirklich eine gute Figur abgegeben, sowohl in Israel als auch gegenüber Rußland.

Schon allein dadurch, daß er einfach sagte, was ist.

Im Bezug zu Rußland zum Beispiel (DER SPIEGEL 16/2018):

Erstmals seit Ende des Zweiten Weltkriegs wurden mitten in Europa geächtete chemische Waffen eingesetzt, Cyberangriffe scheinen zu einem Bestandteil russischer Außenpolitik zu werden, in einem so schwerwiegenden Konflikt wie in Syrien blockiert Russland den Uno-Sicherheitsrat – das alles trägt nicht zur Vertrauensbildung bei.

Oder:

Ich glaube zumindest nicht, dass irgendetwas besser wird, wenn wir den Eindruck erwecken, dass wir die schwierigen Entwicklungen einfach stillschweigend akzeptieren. Je komplizierter das Verhältnis, eine desto klarere Sprache brauchen wir.

Oder:

Es gibt klare Vereinbarungen, die vorsehen, dass Sanktionen erst abgebaut werden, wenn Russland seine Verpflichtungen erfüllt. Pacta sunt servanda, daran sollten wir uns halten.

Endlich!

Doch diese im Vergleich zu seinen Amtsvorgängern realistischere Position gegenüber Rußland wird, und dies von der Berichterstattung deutscher Medien ausnahmslos wie blöde kolportiert, permanent als „hart“ apostrophiert von seinen sozialdemokratischen Parteigenossen. Der rappelköpfige Unmut dieser Leute steigerte sich dermaßen, daß der Heiko Maas letzte Woche extra zu einer Sondersitzung vor ein Parteigremium einbestellt wurde.

Um ihn zurückzupfeifen!

Und die deutsche Außenpolitik in eine geistig eingeengte, also sozialdemokratisch genehme, zu verwandeln.

Ein eigentlich doch ungeheuerlicher Vorgang!

Dessen Dimension wieder einmal von deutschen Medien nicht im mindesten erfaßt wird!

Soweit durchdrang, soll auf jener Parteiveranstaltung zur sozialdemokratischen Festlegung der deutschen Außenpolitik die SPD-Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles sogar von „deutsch-russischer Freundschaft“ gefaselt haben.

Das hätte ohne weiteres auch aus der Linkspartei kommen können.

Von ihrem Parteigenossen Gregor Gysi einst mit dem Spitznamen Klara Klarsicht belegt aus irgend einem Grund, macht sich die in den Medien stets überpräsente Sahra Wagenknecht derweil schon munter stark für einen europäischen Zusammenschluß mit Rußland für eine Einheitsfront gegen die USA.

Deshalb will ich mit meinem Lob doch erst einmal abwarten, ob sich der Zurückgepfiffene hat zurückpfeifen lassen.

Bislang knüpft die EU die Aufhebung der Sanktionen jedenfalls an eine vollständige Erfüllung der Minsker Vereinbarungen, die ein Ende der Gefechte und den Abzug schwerer Waffen von der Front in der Ostukraine vorsehen.

Ich will erst abwarten, ob Heiko Maas nun auch in seiner Genossen Geseier einstimmt vom Abbau der Sanktionen. Oder in das Geseier von der Dialogsuche mit Moskau.

Als hätte jemals jemand gefordert, nicht mehr mit den Russen zu reden!

Im Gegenteil!

Doch zu einem konstruktiven Dialog gehören immer zwei.

Wir müssen uns in der Russlandpolitik an den Realitäten orientieren. Russland hat sich selbst immer mehr in Abgrenzung und teilweise Gegnerschaft zum Westen definiert. Russland agiert leider zunehmend feindselig: der Giftgasanschlag in Salisbury, die Rolle in Syrien und der Ostukraine, Hackerangriffe, auch auf das Auswärtige Amt. Dennoch: Ich habe bei allem, was wir in den letzten Wochen getan haben, auch immer darauf hingewiesen, dass wir mit Russland im Dialog bleiben müssen. Wir brauchen Russland, nicht nur wenn wir den Syrienkonflikt lösen wollen.

Ich muss aber zur Kenntnis nehmen, dass die meisten unserer Partner mittlerweile einen sehr kritischen Blick auf Russland haben und zum Teil die Möglichkeit eines Dialogs bezweifeln. In der Vergangenheit waren sie zum Teil bereit, sich von Deutschland mitnehmen zu lassen, heute fragen sie: Was hat das gebracht?

(Originalton Heiko Maas, im erwähnten SPIEGEL, also noch vor der SPD-Parteisitzung)

Daß die „meisten unserer Partner mittlerweile einen“ realistischeren Blick auf Rußland gewonnen haben als ihre deutschen Kollegen Steinmeier und Gabriel und deren Parteigenossen, ist allerdings etwas beruhigend im Hinblick auf die künftige deutsche Außenpolitik.

Zur Sicherheit.

Denn noch immer hört man aus der SPD, man solle nun endlich zurückzukehren zur brandtschen Ostpolitik! Das klang auch an in dem SPIEGEL-Interview:

SPIEGEL: Die SPD hat eine lange Tradition des Dialogs mit Russland. Was ist für Sie die Lehre der Ostpolitik Willy Brandts?

Maas: Zur Ostpolitik gehört für mich nicht nur Russland, dazu gehören auch die osteuropäischen Staaten. Um die müssen wir uns mehr kümmern, als das manchmal in der Vergangenheit der Fall war.

Dem drängt es mich hinzuzufügen:

Das Verhältnis zu Rußland kann heute nicht gestaltet werden mit Mitteln der neuen Ostpolitik à la Willy Brandt und Egon Bahr, ihrer einstmaligen und heute leider schon wieder unterschätzten Genialität zum Trotze. Ein Grund ist die Verkennung des Interessenwandels der russischen Seite von damals zu heute.

Damals ging es der russischen Seite um die Sanktionierung der Grenzen ihres illegitimen Imperiums durch den Westen. Ihres sowjetisch genannten, also russischen, also menschenverachtenden Imperiums, das sie sich nicht zuletzt vermittels ihrer typischen, also verlogenen Doppelzüngigkeit auf der Konferenz in Jalta erworben hatte. Erinnert sei nur an die Zusage der Abhaltung freier Wahlen auf der Grundlage des allgemeinen und geheimen Wahlrechts in allen vom Faschismus befreiten Ländern („Erklärung über das befreite Europa”).

Beispielsweise in Polen.

Damals hing das Interesse der Sowjet-Union, also Rußlands, an einer Anerkennung der europäischen Nachkriegsordnung, insbesondere einer Sanktionierung der bestehenden Grenzziehung, also an der diplomatischen Absicherung ihrer Einflußsphäre. Übrigens inklusive einer Anerkennung des in mehrfacher Hinsicht doch eigentlich symptomatischen Hitler/Stalin-Paktes im Hinblick auf die russische Besetzung der baltischen Staaten!

Die sie vermittels der neuen Ostpolitik und der KSZE im Gefolge erhielt.

Heute handelt das russische Interesse jedoch von Veränderung bestehender Grenzen und von Beschneidung nachbarstaatlicher Souveränität. Es geht nicht um Bestätigung, sondern um Veränderung des Status quo.

Bei dem sogenannten Konflikt in der Ostukraine beispielsweise handelt es sich doch nicht um einen ukrainischen Bürgerkrieg mit Separatisten!

Sondern um eine kriegerische Aggression.

Die ohne Söldner, Waffen und Material aus Rußland augenblicklich ihr Ende fände.

Wie spdämlich verkleistert muß man eigentlich sein im Hirn, um das nicht zu erkennen?

Weiterhin geht die Fehleinschätzung immer noch aus von der illusorischen Sehnsucht nach einer Partnerschaft zwischen dem Westen und Rußland.

Man verkennt in gefährlicher Weise die Gegnerschaft!

So wird man Protagonist lobbyistisch untergrabender Propaganda und macht sich im leninschen Sinn zum nützlichen Idioten des russischen Chauvinismus. Folglich gibt man sich immer noch Illusionen hin bezüglich putinscher Absichten und glaubt, den Auftraggeber von Auftragsmorden beschwichtigen zu können wie einst Hitler mit dem Münchener Abkommen.

Für den „Konflikt“ gäbe es keine militärische Lösung, lautete geschichtsvergessen das gravitätisch dahergeschwätzte Mantra steinmeiernder Außenpolitik.

Nach dem Sieg der Alliierten über Hitlerdeutschland!

Ein Mantra, dessen Verabsolutierung jeglicher Aggression die Landesgrenzen öffnen würde und ihr zum Durchmarsch verhülfe.

Wie Hitler das Münchener Abkommen.

Wie Vergangenheit und Gegenwart aber lehren, gibt es auch „Konflikte“, also Aggressionen, die allen Hoffens und Wünschens zum Trotz sich nicht friedlich lösen lassen.

Und inzwischen führte der lupenreine Demokrat im Kreml mehrfach vor, wie sich „Konflikte“ durchaus militärisch lösen lassen.

Apropos Steinmeier… Das ist derselbe Mann, um nur bei einigem bei dem vielen, was zu sagen wäre, zu bleiben, das ist also derselbe Mann, der angesichts der russischen Aggressionen, beispielsweise die in der Ostukraine, mit all seinen Anstrengungen und Bemühungen zur Erlangung des Friedensnobelpreises bei jeder einzelnen vorhersagbar scheiterte. Der jedesmal, also bei weitem nicht nur in Genf und Minsk, an der Fehleinschätzung der durchaus üblichen und vorhersehbaren Verlogenheit der russischen Seite scheiterte! Der als nützlicher Idiot immer glaubte und mit seinen SPD-Epigonen noch immer glaubt, den „Konflikt“, also die Aggression, mit Mitteln der brandtschen Ostpolitik lösen zu können und bis heute den wesentlichen außenpolitischen Interessenunterschied nicht begriffen hat.

Der ehemalige deutsche Außenminister und heutige Bundespräsident, der Wladimir Wladimirowitsch ebensowenig durchschaute wie die jahrhundertalte Politik der chauvinistischen Russifizierung fremden Territoriums und unbekümmert den Abbau der Sanktionen fordert!

Gefährlicherweise.

Der sich von den Russen bedenkenlos den Begriff „Separatist“ aufdrängen ließ für russische Träger russischer Waffen.

Während bei alldem Euer wackerer Steinmeier und seine Epigonen sich immer fragten, was der gegenwärtige Herr aller Reußen denn ureigentlich wolle.

Und der, zeitweilig im 24-Stunden-Rhythmus, die NATO (!) und den Westen (!) warnte, tatsächlich, vor „lautem Säbelrasseln“ und, tatsächlich, vor „Kriegsgeheul“!

Und der dafür sehr gelobt wurde im Netz von Trollen, die nach Rubel stanken und nach Machorka.

Aber daß er den Auftraggeber, daß er den im Ergebnis der denkwürdigen Londoner Untersuchung über den Plutonium-Mord gleichzeitig als „vermutlichen“ Auftraggeber von Auftragsmorden Bezeichneten ebenfalls eines mahnenden Wortes gewürdigt hätte, wenigstens einmal, einmal wenigstens nach der Okkupation der Krim – nichts davon.

Wenn ein erster Preis für die scheinintelligenteste Frage zu vergeben wäre in Deutschland, sollte man ihn der amüsanten Grübelei widmen, was der Auftraggeber denn wolle mit all seinen Machinationen.

Die Frage abendländischer Logiker.

Zweiter Preis: Ob er noch die Kontrolle ausübe über die „Separatisten“. Wobei das Adverb „noch“ jenes Fragesatzes als besonderes Juwel ins Auge sticht. Und zur Beruhigung: Er hat sie.

Und er hatte sie.

Selbst wenn die manchmal so tun, als schössen sie von alleine weiter.

Tja, was mag er wohl wollen, unser verkniffen lächelnder Wladimir Wladimirowitsch, der sich, treffsicher auf das typische geistige Niveau seiner zu mehr als 80 Prozent hinter ihm stehenden russischen Anhängerschaft zielend, gern präsentiert mit heldisch freiem Oberkörper.

Wenn Ihr es nicht aus der russischen Geschichte herauszulesen wißt, den Wert russischer Bekundungen und Beteuerungen und russischer Zusagen solltet Ihr selbst bei Euch im russenfreundlichen Deutschland doch zwischenzeitlich etwas besser einzuschätzen gelernt haben.

Wenigstens das Kurzzeitgedächtnis anknipsen, bitte!

Wenn Du mir nun noch versprichst, es nicht weiter zu sagen, verrate ich Dir jetzt sogar die Antwort auf die Frage für den ersten Preis, ganz im Vertrauen. Tja, also der Wladimir, also was der will, das ist eigentlich ganz einfach:

Der Wladimir will russischen Frieden!

In welchem, wenigstens als dessen Vorstufe, transnistriesche Zustände verewigt werden.

Wie auch in Südossetien und Abchasien.

Wo Russen auf einem Fünftel georgischen Territoriums die geraubten Gebiete mit dem Ausbau von Grenzbefestigungen und mit provokativen Militärübungen absichern und gegen jedes Völkerrecht den georgischen Luftraum drohend mit ihren Kampfjets durchpfeifen.

Wer spdämlich glaubt, das gegenwärtige russische Gebaren wäre lediglich eine Folge der obamaischen Einstufung Rußlands als Regionalmacht, und die russische Politik wäre ohne diese scharfsichtige Beobachtung auch nur um ein Jota anders verlaufen, der hat die russische-Erde-Gewinnungspolitik seit Iwan dem Schrecklichen nicht begriffen.

Und wird auch künftig und regelmäßig mindestens alle paar Jahre erstaunt und unsanft aus allen sozialdemokratischen Wolken fallen.

Im mildesten, wenngleich nicht im milden Fall.

Einer wirksamen Politik der Eindämmung des typisch russischen Hegemonialstrebens statt seiner illusorischen Beschwichtigung könnten vornehmlich drei Grundsätze als Basis dienen:

1) Rußland sind international keinerlei Sonderrollen und Sonderrechte und besondere Mitspracherechte zuzubilligen!

Rußlands taktisches Bestreben ist beständig gerichtet auf die Beanspruchung von Sonderrollen und Sonderrechten gegenüber den Anrainerstaaten und global.

Beispiel:

Rußland gehörte und gehört nicht in die G7!

2) Rußland kämpft grundlegend gegen den Westen, gegen seine Werte und seine Kultur.

Es handelt sich um eine tolle Torheit, das zu verkennen!

Darum:

Rußland ist kein Partner!

Rußland ist Gegner!

Strategisch bedeutet dies beispielsweise: Statt soviel wie möglich Wirtschaftsbeziehungen mit Rußland so wenig wie nötig. Alles andere wird zum Übel.

Der von Wladimir Wladimirowitsch propagierte Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok würde für den Westen zum Übel.

3) Das Licht der Wahrheit und Öffentlichkeit scheut der Kreml wie der Teufel das Weihwasser. Das bedeutet: Gegenüber Rußland statt diplomatischer Kotaus stetig klare Ansage mit klaren Begriffen und deutliche und öffentliche Benennung von Fakten und Tatsachen.

Beispiel:

In Rußland herrscht ein faschistoides verbrecherisches Regime. Mit Mord, Lüge und Heimtücke.

Und wer das „lupenrein demokratisch“ nennt, macht sich mitschuldig.

 

Der Kommunismus als Prinzip der Neuordnung der Klassenbeziehungen existiert ja gar nicht mehr. Der Kommunismus ist ja heute das Prinzip des Expansionsdranges eines Nationalstaats. Und heute ist die Frage ‚Kommunist oder Sozialdemokrat?‘ die Frage ‚Russe oder Deutscher‘.

Und wir sind die Deutschen!“

Kurt Schumacher (1895 – 1952), nach neun Jahren, neun Monaten und neun Tagen Haft in nationalsozialistischen Konzentationslagern im Nachkriegsdeutschland SPD-Parteivorsitzender, am 1. November 1947 in Berlin

 

„Dieser Tod paßt zu mir“

 

22. Dezember 2017 – Mephisto an Bellarmin

Zehn Tage vor Weihnachten teilte man dreizehn der Angeklagten mit, daß am Folgetag, Dienstag, dem 15. Dezember, ihr Prozeß beginne. Am jenem Tag, also schon am Tag der Verhandlungseröffnung, wurde gleichzeitig in der Haftanstalt Berlin-Plötzensee an der Decke des Hinrichtungsraumes eine Eisenschiene installiert mit dem Zweck, daran fünf Fleischerhaken anzubringen.

Genau das hatte Hitler sich ausgemalt und eigens angewiesen.

Bis zu diesem Tage waren Todesurteile zivilgerichtlich durch Enthaupten vollstreckt worden, militärisch durch Erschießen. Doch das erschien Hitler zu human für die Beschuldigten. Durch Erhängen wollte er sie zusätzlich entehren. Auch sollten sie die Haken beim Sterben in besonderem Maße demütigen.

Der Prozeß fand unter strengstem Ausschluß der Öffentlichkeit statt, er war geheim: Die Öffentlichkeit sollte keine Kenntnis erhalten.

Die Angeklagten hatten sich ihre Verteidiger nicht aussuchen dürfen, es handelte sich um zugeteilte Pflichtverteidiger. Einige hatten ihre Verteidiger nur kurz vorher einmal sprechen dürfen, manche überhaupt nicht. Die Angeklagten saßen dann etwa ein Dutzend Meter von ihren Verteidigern entfernt, so daß sie nicht mit miteinander reden konnten.

Samstag, fünf Tage vor Weihnachten, wurde am 19. Dezember elf Gefangenen ihr Todesurteil verkündet. Zwei verurteilte man zu Zuchthausstrafen.

Montag legte man die Urteile Hitler zur Überprüfung vor. Der hob die Zuchthausstrafen auf und verwies die beiden Sachen zur Neuverhandlung.

Für die elf Todesurteile regelte er die Reihenfolge und ordnete jeweilige Vollstreckungsmethoden und den Zeitplan an.

Der Gefängnispfarrer wurde über die bevorstehenden Hinrichtungen nicht informiert, um die übliche Betreuung der Todeskandidaten auszuschließen. Den Verurteilten sollte jeder Beistand verwehrt werden.

Dienstag, zwei Tage vor Heiligabend, am trüben, kalten Nachmittag des 22. Dezember 1942, führte man sie in die kleinen, unbeheizten, funzelig beleuchteten Todeszellen.

 

 

Heute vor 75 Jahren wurden ab 19 Uhr in der geplanten Folge gehängt:

 

um 19’00 Uhr der am 29. Oktober 1942 verhaftete Legationsrat Rudolf von Scheliha,

um 19’04 Uhr der am 31. August 1942 verhaftete Oberleutnant der Luftwaffe Harro Schulze-Boysen,

um 19’08 Uhr der am 7. September 1942 verhaftete Oberregierungsrat Arvid Harnack,

um 19’12 Uhr der am 16. September 1942 verhaftete Bildhauer Kurt Schumacher,

um 19’16 Uhr der am 12. September 1942 verhaftete Journalist John Graudenz.

 

 

Der im Auftrag des Gerichtes den Hinrichtungen beigeordnete Amtsrat erklärte später:

Nach meiner Beobachtung trat in dem gleichen Moment, in dem die Schlinge sich zuzog, bereits vollständige Bewußtlosigkeit ein.“

Die Scharfrichter stammten gewöhnlich aus dem Fleischerhandwerk. Ihren ursprünglichen Beruf hatten sie aufgeben können, weil die Zahl der Hinrichtungen unter Hitler stark gestiegen war und man sie mit 300 Mark für jeden abgeschnittenem Kopf extraordinär bezahlte. Auch ihre Helfer zeigten sich mit 50 Mark pro Exekution sehr zufrieden mit ihrem Einkommen als „würdige Vergütung“ „bei der Ausübung desjenigen Hoheitsaktes des Staates“, „der nach außen hin den nachhaltigsten Eindruck macht“.

Den Verurteilten stellten sie erst neben ein hochgeklapptes Brett. Nachdem ihm noch einmal sein Urteil verlesen worden war und der Staatsanwalt gefordert hatte: „Scharfrichter, walten Sie Ihres Amtes!“, packten sie plötzlich ihr Opfer, stießen es auf dem Brett mit seinem Kopf direkt unters Fallbeil und der Scharfrichte drückte auf den Auslösungsknopf. Der Kopf fiel in einen untergestellten Weidenkorb. Das Blut sprudelte aus dem Körper.

Infolge des Überraschungsmoments aber braucht man den Verurteilten nicht extra noch festzubinden. Alles geschah in nur elf bis dreizehn Sekunden, und nach der Meldung des Scharfrichters: „Herr Oberstaatsanwalt, Ihr Urteil ist vollstreckt!“ konnte nach einer Gesamtdauer von drei Minuten die nächste Hinrichtung beginnen.

 

 

Von 20’18 Uhr bis 20’33 Uhr wurden in vorgesehener Folge enthauptet:

 

der am 5. September 1942 verhaftete Soldat Horst Heilmann,

der am 12. September 1942 verhaftete Dreher Hans Coppi,

der am 16. September 1942 verhaftete Marine-Funker Kurt Schulze,

die am 12. September 1942 verhaftete Journalistin Ilse Stöbe,

die am 8. September 1942 verhaftete Filmproduzentin und Filmkritikerin Libertas Schulze-Boysen,

die am 12. September 1942 verhaftete Grafikerin Elisabeth Schumacher.

 

 

 

Harro Schulze-Boysen, der in seiner Flugschrift vom Februar 1942 Sätze geschrieben hatte wie „Im Namen des Reiches werden die scheußlichsten Quälereien und Grausamkeiten an Zivilpersonen und Gefangenen begangen“ und „Der Haß der gequälten Menschheit belastet das ganze deutsche Volk“ und „Wir müssen endlich Schluß machen mit dem alten deutschen Irrglauben, der Staat sei ein höheres Wesen, dem man sich blind anvertrauen dürfe“ und „Wendet euch gegen die Fortsetzung eines Krieges, der im besten Falle nicht Deutschland allein, sondern den ganzen Kontinent zum Trümmerfeld macht“ konnte in der Todeszelle noch einen letzten Brief schreiben:

 

Geliebte Eltern,

es ist nun so soweit: In wenigen Stunden werde ich aus dem Ich aussteigen. Ich bin vollkommen ruhig, und ich bitte Euch, es auch gefaßt aufzunehmen. Es geht heute, auf der ganzen Welt, um so wichtige Dinge, da ist ein Leben, das erlischt, nicht sehr viel. Was gewesen ist, was ich getan, davon will ich nicht mehr schreiben. Alles, was ich tat, tat ich aus meinem Kopf, meinem Herzen und meiner Überzeugung heraus, und in diesem Rahmen müßt Ihr, als meine Eltern, das Beste annehmen, darum bitte ich Euch. Dieser Tod paßt zu mir. Irgendwie habe ich immer um ihn gewußt – es ist mein eigener Tod – wie es einmal bei Rilke heißt.

Das Herz wird mir nur schwer, wenn ich an Euch Lieben denke. (Libertas ist mir nah und teilt mein Schicksal zur gleichen Stunde.) Euch trifft Verlust und Schande zugleich, und das habt Ihr nicht verdient. Ich hoffe nicht nur, ich glaube, daß die Zeit Euer Leid lindern wird. Ich bin nur ein Vorläufiger gewesen, in meinem teilweise noch unklaren Drängen und Wollen. Glaubt mit mir an die gerechte Zeit, die alles reifen läßt. Ich denke an Vaters letzten Blick bis zuletzt. Ich denke an die kleine Weihnachtsträne meiner lieben, kleinen Mutter. Es bedurfte dieser letzten Monate, um Euch so nahe zu kommen. Ich habe, ich verlorener Sohn, ganz heim gefunden nach so viel Sturm und Drang, nach so viel, Euch fremd anmutenden Wegen. Ich denke an den guten Hartmut und freue mich, daß es ihm besser geht.

Meine Gedanken wandern nach Freiburg zurück, wo ich auch Helga und ihre Beiden zum ersten und letzten Mal sah. Ja, ich denke noch an so manches zurück, an ein reiches, schönes Leben, von dem so vieles ich Euch verdanke. So vieles, das nie gelohnt wurde. Wenn Ihr hier wäret, unsichtbar seid Ihr es, ihr würdet mich lachen sehen, angesichts des Todes. Ich habe Ihn längst überwunden. In Europa ist es nun einmal so üblich, daß geistig gesät wird mit Blut. Mag sein, daß wir nur ein paar Narren waren, aber so kurz vor Toresschluß hat man wohl das Recht auf ein bißchen, ganz persönliche, historische Illusion.

Ja, und nun gebe ich Euch allen die Hand und setze nachher (eine einzige) Träne hierher als Siegel und Pfand meiner Liebe,

Euer Harro

 

 

Wenn Köpfe rollen dann

Zwingt doch der Geist den Staat

Harro Schulze-Boysen (2.9.1909 – 22.12.1942)