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Thalatta ! Thalatta !

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„Dieser Tod paßt zu mir“

 

22. Dezember 2017 – Mephisto an Bellarmin

Zehn Tage vor Weihnachten teilte man dreizehn der Angeklagten mit, daß am Folgetag, Dienstag, dem 15. Dezember, ihr Prozeß beginne. Am jenem Tag, also schon am Tag der Verhandlungseröffnung, wurde gleichzeitig in der Haftanstalt Berlin-Plötzensee an der Decke des Hinrichtungsraumes eine Eisenschiene installiert mit dem Zweck, daran fünf Fleischerhaken anzubringen.

Genau das hatte Hitler sich ausgemalt und eigens angewiesen.

Bis zu diesem Tage waren Todesurteile zivilgerichtlich durch Enthaupten vollstreckt worden, militärisch durch Erschießen. Doch das erschien Hitler zu human für die Beschuldigten. Durch Erhängen wollte er sie zusätzlich entehren. Auch sollten sie die Haken beim Sterben in besonderem Maße demütigen.

Der Prozeß fand unter strengstem Ausschluß der Öffentlichkeit statt, er war geheim: Die Öffentlichkeit sollte keine Kenntnis erhalten.

Die Angeklagten hatten sich ihre Verteidiger nicht aussuchen dürfen, es handelte sich um zugeteilte Pflichtverteidiger. Einige hatten ihre Verteidiger nur kurz vorher einmal sprechen dürfen, manche überhaupt nicht. Die Angeklagten saßen dann etwa ein Dutzend Meter von ihren Verteidigern entfernt, so daß sie nicht mit miteinander reden konnten.

Samstag, fünf Tage vor Weihnachten, wurde am 19. Dezember elf Gefangenen ihr Todesurteil verkündet. Zwei verurteilte man zu Zuchthausstrafen.

Montag legte man die Urteile Hitler zur Überprüfung vor. Der hob die Zuchthausstrafen auf und verwies die beiden Sachen zur Neuverhandlung.

Für die elf Todesurteile regelte er die Reihenfolge und ordnete jeweilige Vollstreckungsmethoden und den Zeitplan an.

Der Gefängnispfarrer wurde über die bevorstehenden Hinrichtungen nicht informiert, um die übliche Betreuung der Todeskandidaten auszuschließen. Den Verurteilten sollte jeder Beistand verwehrt werden.

Dienstag, zwei Tage vor Heiligabend, am trüben, kalten Nachmittag des 22. Dezember 1942, führte man sie in die kleinen, unbeheizten, funzelig beleuchteten Todeszellen.

 

 

Heute vor 75 Jahren wurden ab 19 Uhr in der geplanten Folge gehängt:

 

um 19’00 Uhr der am 29. Oktober 1942 verhaftete Legationsrat Rudolf von Scheliha,

um 19’04 Uhr der am 31. August 1942 verhaftete Oberleutnant der Luftwaffe Harro Schulze-Boysen,

um 19’08 Uhr der am 7. September 1942 verhaftete Oberregierungsrat Arvid Harnack,

um 19’12 Uhr der am 16. September 1942 verhaftete Bildhauer Kurt Schumacher,

um 19’16 Uhr der am 12. September 1942 verhaftete Journalist John Graudenz.

 

 

Der im Auftrag des Gerichtes den Hinrichtungen beigeordnete Amtsrat erklärte später:

Nach meiner Beobachtung trat in dem gleichen Moment, in dem die Schlinge sich zuzog, bereits vollständige Bewußtlosigkeit ein.“

Die Scharfrichter stammten gewöhnlich aus dem Fleischerhandwerk. Ihren ursprünglichen Beruf hatten sie aufgeben können, weil die Zahl der Hinrichtungen unter Hitler stark gestiegen war und man sie mit 300 Mark für jeden abgeschnittenem Kopf extraordinär bezahlte. Auch ihre Helfer zeigten sich mit 50 Mark pro Exekution sehr zufrieden mit ihrem Einkommen als „würdige Vergütung“ „bei der Ausübung desjenigen Hoheitsaktes des Staates“, „der nach außen hin den nachhaltigsten Eindruck macht“.

Den Verurteilten stellten sie erst neben ein hochgeklapptes Brett. Nachdem ihm noch einmal sein Urteil verlesen worden war und der Staatsanwalt gefordert hatte: „Scharfrichter, walten Sie Ihres Amtes!“, packten sie plötzlich ihr Opfer, stießen es auf dem Brett mit seinem Kopf direkt unters Fallbeil und der Scharfrichte drückte auf den Auslösungsknopf. Der Kopf fiel in einen untergestellten Weidenkorb. Das Blut sprudelte aus dem Körper.

Infolge des Überraschungsmoments aber braucht man den Verurteilten nicht extra noch festzubinden. Alles geschah in nur elf bis dreizehn Sekunden, und nach der Meldung des Scharfrichters: „Herr Oberstaatsanwalt, Ihr Urteil ist vollstreckt!“ konnte nach einer Gesamtdauer von drei Minuten die nächste Hinrichtung beginnen.

 

 

Von 20’18 Uhr bis 20’33 Uhr wurden in vorgesehener Folge enthauptet:

 

der am 5. September 1942 verhaftete Soldat Horst Heilmann,

der am 12. September 1942 verhaftete Dreher Hans Coppi,

der am 16. September 1942 verhaftete Marine-Funker Kurt Schulze,

die am 12. September 1942 verhaftete Journalistin Ilse Stöbe,

die am 8. September 1942 verhaftete Filmproduzentin und Filmkritikerin Libertas Schulze-Boysen,

die am 12. September 1942 verhaftete Grafikerin Elisabeth Schumacher.

 

 

 

Harro Schulze-Boysen, der in seiner Flugschrift vom Februar 1942 Sätze geschrieben hatte wie „Im Namen des Reiches werden die scheußlichsten Quälereien und Grausamkeiten an Zivilpersonen und Gefangenen begangen“ und „Der Haß der gequälten Menschheit belastet das ganze deutsche Volk“ und „Wir müssen endlich Schluß machen mit dem alten deutschen Irrglauben, der Staat sei ein höheres Wesen, dem man sich blind anvertrauen dürfe“ und „Wendet euch gegen die Fortsetzung eines Krieges, der im besten Falle nicht Deutschland allein, sondern den ganzen Kontinent zum Trümmerfeld macht“ konnte in der Todeszelle noch einen letzten Brief schreiben:

 

Geliebte Eltern,

es ist nun so soweit: In wenigen Stunden werde ich aus dem Ich aussteigen. Ich bin vollkommen ruhig, und ich bitte Euch, es auch gefaßt aufzunehmen. Es geht heute, auf der ganzen Welt, um so wichtige Dinge, da ist ein Leben, das erlischt, nicht sehr viel. Was gewesen ist, was ich getan, davon will ich nicht mehr schreiben. Alles, was ich tat, tat ich aus meinem Kopf, meinem Herzen und meiner Überzeugung heraus, und in diesem Rahmen müßt Ihr, als meine Eltern, das Beste annehmen, darum bitte ich Euch. Dieser Tod paßt zu mir. Irgendwie habe ich immer um ihn gewußt – es ist mein eigener Tod – wie es einmal bei Rilke heißt.

Das Herz wird mir nur schwer, wenn ich an Euch Lieben denke. (Libertas ist mir nah und teilt mein Schicksal zur gleichen Stunde.) Euch trifft Verlust und Schande zugleich, und das habt Ihr nicht verdient. Ich hoffe nicht nur, ich glaube, daß die Zeit Euer Leid lindern wird. Ich bin nur ein Vorläufiger gewesen, in meinem teilweise noch unklaren Drängen und Wollen. Glaubt mit mir an die gerechte Zeit, die alles reifen läßt. Ich denke an Vaters letzten Blick bis zuletzt. Ich denke an die kleine Weihnachtsträne meiner lieben, kleinen Mutter. Es bedurfte dieser letzten Monate, um Euch so nahe zu kommen. Ich habe, ich verlorener Sohn, ganz heim gefunden nach so viel Sturm und Drang, nach so viel, Euch fremd anmutenden Wegen. Ich denke an den guten Hartmut und freue mich, daß es ihm besser geht.

Meine Gedanken wandern nach Freiburg zurück, wo ich auch Helga und ihre Beiden zum ersten und letzten Mal sah. Ja, ich denke noch an so manches zurück, an ein reiches, schönes Leben, von dem so vieles ich Euch verdanke. So vieles, das nie gelohnt wurde. Wenn Ihr hier wäret, unsichtbar seid Ihr es, ihr würdet mich lachen sehen, angesichts des Todes. Ich habe Ihn längst überwunden. In Europa ist es nun einmal so üblich, daß geistig gesät wird mit Blut. Mag sein, daß wir nur ein paar Narren waren, aber so kurz vor Toresschluß hat man wohl das Recht auf ein bißchen, ganz persönliche, historische Illusion.

Ja, und nun gebe ich Euch allen die Hand und setze nachher (eine einzige) Träne hierher als Siegel und Pfand meiner Liebe,

Euer Harro

 

 

Wenn Köpfe rollen dann

Zwingt doch der Geist den Staat

Harro Schulze-Boysen (2.9.1909 – 22.12.1942)