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Thalatta ! Thalatta !

Kategorie-Archiv: Literatur

Die Botschaft der Ringparabel

 

24. November 2017 – Serapion an Mephisto

Du kennst die Geschichte: Ein Vater dreier Söhne besitzt einen Zauberring mit der Eigenschaft, „vor Gott und den Menschen angenehm zu machen“. Da er sie alle liebt, läßt er zwei Kopien anfertigen, und vor seinem Tode übergibt er einzeln jedem Sohn einen Ring zum Erbe mit der Bedingung, ihn erst nach des Vaters Tod zu tragen. Doch gemäß der Menschen Weise kommt es dann natürlich zum Streit, wer von den dreien denn nun den rechten Ring trüge, und jenen Bruderzwist, soviel Vernunft war damals immerhin noch vorhanden, bringen sie bis vor den Richter. Und der Richter spricht:

 

Denkt ihr, daß ich Rätsel

Zu lösen da bin? Oder harret ihr,

Bis daß der rechte Ring den Mund eröffne? –

Doch halt! Ich höre ja, der rechte Ring

Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen;

Vor Gott und Menschen angenehm. Das muß

Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden

Doch das nicht können! – Nun; wen lieben zwei

Von euch am meisten? – Macht, sagt an! Ihr schweigt?

Die Ringe wirken nur zurück? und nicht

Nach außen? Jeder liebt sich selber nur

Am meisten? – O so seid ihr alle drei

Betrogene Betrüger! Eure Ringe

Sind alle drei nicht echt. Der echte Ring

Vermutlich ging verloren. Den Verlust

Zu bergen, zu ersetzen, ließ der Vater

Die drei für einen machen.

Mein Rat ist aber der: ihr nehmt

Die Sache völlig wie sie liegt. Hat von

Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:

So glaube jeder sicher seinen Ring

Den echten. – Möglich; daß der Vater nun

Die Tyrannei des Einen Rings nicht länger

In seinem Hause dulden wollen! – Und gewiß;

Daß er euch alle drei geliebt, und gleich

Geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen,

Um einen zu begünstigen. – Wohlan!

Es eifre jeder seiner unbestochnen

Von Vorurteilen freien Liebe nach!

Es strebe von euch jeder um die Wette,

Die Kraft des Steins in seinem Ring‘ an Tag

Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,

Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,

Mit innigster Ergebenheit in Gott,

Zu Hülf‘! Und wenn sich dann der Steine Kräfte

Bei euern Kindes-Kindeskindern äußern:

So lad‘ ich über tausend tausend Jahre,

Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird

Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen,

Als ich; und sprechen.

 

Lessing, Nathan. III. 7

 

 

Der Wert einer Religion wird durch die Qualität der Moral bestimmt, die sie zu begründen vermag.

Michel Houellebecq

 

Adel des Herzens ist die einzige Gottesbürgschaft.

Hermann Pongs

 

20.5.17 Serapion an Mephisto

 

Der Arbeitsmann

 

Wir haben ein Bett, wir haben ein Kind,

mein Weib!

Wir haben auch Arbeit, und gar zu zweit,

und haben die Sonne und Regen und Wind.

Und uns fehlt nur eine Kleinigkeit,

um so frei zu sein, wie die Vögel sind:

nur Zeit.

 

Wenn wir sonntags durch die Felder gehn,

mein Kind,

und über den Ähren weit und breit

das blaue Schwalbenvolk blitzen sehn,

oh, dann fehlt uns nicht das bißchen Kleid,

um so schön zu sein, wie die Vögel sind:

nur Zeit.

 

Nur Zeit! wir wittern Gewitterwind,

wir Volk.

Nur eine kleine Ewigkeit;

uns fehlt ja nichts, mein Weib, mein Kind,

als all das, was durch uns gedeiht,

um so kühn zu sein, wie die Vögel sind.

Nur Zeit!

 

 

Richard Dehmel (1863 – 1920)

 

24.3.17 Serapion an Mephisto

 

CHOPIN

 

Nicht sehr ergiebig im Gespräch,

Ansichten waren nicht seine Stärke,

Ansichten reden drum herum,

wenn Delacroix Theorien entwickelte,

wurde er unruhig, er seinerseits konnte

die Notturnos nicht begründen.

 

Schwacher Liebhaber;

Schatten in Nohant,

wo George Sands Kinder

keine erzieherischen Ratschläge

von ihm annahmen.

 

Brustkrank in jener Form

mit Blutungen und Narbenbildung,

die sich lange hinzieht;

stiller Tod

im Gegensatz zu einem

mit Schmerzparoxysmen

oder durch Gewehrsalven:

man rückte den Flügel (Erard) an die Tür

und Delphine Potocka

sang ihm in der letzten Stunde

ein Veilchenlied.

 

Nach England reiste er mit drei Flügeln:

Pleyel, Erard, Broadwood,

spielte für zwanzig Guineen abends

eine Viertelstunde

bei Rothschilds, Wellingtons, im Strafford House

und vor zahllosen Hosenbändern;

verdunkelt von Müdigkeit und Todesnähe

kehrte er heim

auf den Square d’Orléans.

 

Dann verbrennt er seine Skizzen

und Manuskripte,

nur keine Restbestände, Fragmente, Notizen,

diese verräterischen Einblicke –

sagte zum Schluß:

„Meine Versuche sind nach Maßgabe dessen vollendet,

was mir zu erreichen möglich war.“

 

Spielen sollte jeder Finger

mit der seinem Bau entsprechenden Kraft,

der vierte ist der schwächste

(nur siamesisch zum Mittelfinger).

Wenn er begann, lagen sie

auf e, fis, gis, h, c.

 

Wer je bestimmte Präludien

von ihm hörte,

sei es in Landhäusern oder

in einem Höhengelände

oder aus offenen Terrassentüren

beispielsweise aus einem Sanatorium,

wird es schwer vergessen.

 

Nie eine Oper komponiert,

keine Symphonie,

nur diese tragischen Progressionen

aus artistischer Überzeugung

und mit einer kleinen Hand.

 

 

Gottfried Benn (1886 – 1956)

 

30.12.16 Mephisto an Serapion

 

Berceuse Des-Dur op. 57 von Frederic Chopin

 

Die Kunst entrückt uns

Aus der Welt

Der Notdurft,

Aus der Nacht

Der geschäftlichen Ab-

Schnitte,

Aus der seelenlosen Organisiertheit

Und aus der organisierten Seelenlosigkeit.

Sie berührt uns

Endlich unendlich

An unserem Gefühl,

Unserer Wahrheit,

Sie versetzt uns in Stimmungen,

In denen wir uns erinnern können.

 

Wir müssen uns umstellen,

Sonst bleiben wir

Umstellt

Von karierten Papieren,

Von der Uhrzeit, von der Unzeit,

Von der Unzucht und von der Zucht –

Mein flamingones Sein,

Mein Tanz!

 

Ich werde mein Leben ändern!

 

23.12.16 Serapion an Mephisto

 

Weihnachts-Hymne

 

Zweitausend Jahre sind es fast,

seit Du die Welt verlassen hast,

Du Opferlamm des Lebens!

Du gabst den Armen einen Gott.

Du littest durch die Reichen Spott

und tatest es vergebens.

 

Du sahst Gewalt und Polizei.

Du wolltest alle Menschen frei

und Frieden auf der Erde.

Du wußtest, wie das Elend tut,

und wolltest alle Menschen gut,

damit es schöner werde.

 

Du warst ein Revolutionär

und machtest Dir das Leben schwer

mit Schiebern und Gelehrten.

Du hast die Freiheit stets beschützt

und doch den Menschen nichts genützt.

Du kamst an die Verkehrten!

 

Du kämpftest tapfer gegen sie

und gegen Staat und Industrie

und die gesamte Meute.

Bis man an Dir, weil nichts verfing,

Justizmord, kurzerhand, beging.

Es war genau wie heute …

 

Die Menschen wurden nicht gescheit.

Am wenigsten die Christenheit,

trotz allem Händefalten.

Du hattest sie vergeblich lieb.

Du starbst umsonst. Und alles blieb

beim Alten.

 

 

Erich Kästner (24. Dezember 1928)

 

 

Lieber! was wäre das Leben ohne Hoffnung? Ein Funke, der aus der Kohle springt und verlischt, und wie man bei trüber Jahrszeit einen Windstoß hört, der einen Augenblick saust und dann verhallt, so wär es mit uns?

Auch die Schwalbe sucht ein freundlicher Land im Winter, es läuft das Wild umher in der Hitze des Tags und seine Augen suchen den Quell. Wer sagt dem Kinde, daß die Mutter ihre Brust ihm nicht versage? Und siehe! es suchet sie doch.

Es lebte nichts, wenn es nicht hoffte.

 

Friedrich Hölderlin (1797)

 

2.12.16 Mephisto an Bellarmin

 

„In der Satire wird der Widerspruch der Wirklichkeit mit dem Ideal zum Gegenstand gemacht; die Wirklichkeit als Mangel dem Ideal als der höchsten Realität gegenübergestellt.“

Friedrich Schiller (1759 – 1805)

 

Kommen wir also in Zeiten Hans Wursts, pardon, in Zeiten des Kunstfreiheitskämpfers Jan Böhmermann (=> Drei Merksätze für deutsche Nichtdenker) auf die „Wirklichkeit als Mangel“:

Mittwoch, 30. November, Deutschlandfunk:

Die Bundespressekonferenz, eine Vereinigung von Hauptstadtjournalisten, hat mit einer Satire über Flüchtlinge Empörung bei Journalistenkollegen und Politikern ausgelöst.

In einem Beitrag, der am Wochenende in einem Magazin anlässlich des Bundespresseballs erschien, ist die Rede von einer angeblichen Bundesbade-Agentur, die Schwimmkurse für Flüchtlingskinder und -babys anbietet. Eine Karte zeigt das Mittelmeer als Schwimmschule. …
Der Vorstand der Bundespressekonferenz bat um Entschuldigung für die Satire-Aktion. Man bedauere, dass Gefühle und Wertvorstellungen verletzt worden seien. In überspitzender Form habe der Verein auf die Katastrophe von Tausenden von Toten im Mittelmeer aufmerksam machen wollen.

Wie schmerzhaft schmerzlos muß man eigentlich sein, wie intellektuell verbildet, wie empfindungsfrei, von Gespür gar nicht zu reden, um angesichts des Elends dieser Idee zu verfallen und dann zu behaupten, das sei Satire? Hätte Tucholsky auch nur entfernt geahnt, sein Satz, seine Wahrheit, Satire dürfe alles, werde später von geistigen Flachstfliegern derart mißdeutet und mittlerweile schon inflationär als Rechtfertigung für widerlichsten Klamauk mißbraucht, ich denke, er hätte sich dessen Niederschrift noch einmal überlegt. Oder vielleicht ergänzt: Satire darf alles, aber nicht alles ist Satire.

Eine Bundesbade-Agentur, die Schwimmkurse für Flüchtlingskinder und Flüchtlingsbabys im Mittelmeer anbietet… Als Satire… Wer wird hier verspottet? Was wird hier getadelt? Was wird angeprangert? Wer wird lächerlich gemacht? Wodurch?

Wer wird verhöhnt?

 

„Der Mensch erkaltet schneller als der Planet, auf dem er sitzt.“

Albert Einstein (1879 – 1955)

 

11.11.16 Mephisto an Serapion

 

Ich weiß, Du brauchst das! Denn Leonard Cohen ist tot, und Du bist traurig… Inspiriert aus der Freude über das uralte, aber heute noch verzaubernde Kinderbilderbuch „Martine à la foire“ von Gilbert Delahaye und Marcel Marlier habe ich ein bißchen französische Prosa verwandelt in deutsche Verse und schicke sie Dir heute zu Deiner Aufheiterung und Ermutigung und zur Erhellung des traurigen Monats November.

 

 

Das Photo

 

Nur einmal im Jahr auf dem Marktplatz

Ist Jahrmarkt in der Stadt.

Die Laster kommen, Vorsicht!

Die roll’n sonst alles platt!

 

Sind vollgeladen mit Wundern,

Maschinen aller Art,

Flugzeuge, Autos, Schaukeln,

Die werden angekarrt.

 

Und endlich ist es Sonntag,

Der schönste Tag im Jahr,

Da schlendern auf den Rummel

In muntrer Dreierschar

 

Jocelyne und Jeannot, ihr Bruder,

Und Patapouf, der Hund,

Sie staunen und sie freu’n sich,

Was ist die Welt heut bunt!

 

Das Karussell dreht Kreise,

Man reitet auf dem Pferd,

Das Pferd geht hoch und runter,

Wie es das Herz begehrt.

 

Die Pferdchen hier sind Schimmel

Und ihr Geschirr glänzt neu,

Jocelyne und Jeannot reiten

Und rufen Hü und Hoy.

 

Dazwischen flitzen Schweinchen

Mit stolzem Ringelschwanz,

Die woll’n die Entlein fangen,

Doch schaffen sie’s nicht ganz.

 

Wart ihr schon auf der Schaukel?

Leicht wie ein Schmetterling

Fühlt sich Jocelyne im Schwunge,

Wenn aufwärts steigt das Ding.

 

Doch Patapouf beim Schaukeln,

Der fühlt sich wie im Suff,

Kriegt Angst davonzufliegen,

Der arme Patapouf!

 

Und jedermann muß lachen

Im Spiegelkabinett,

Wo Kinder nichts bezahlen,

Ist das nicht wirklich nett?

 

Der Patapouf im Spiegel

Ist dick wie ein Ballon.

Man meint, er werde platzen

Im Spiegelpavillon.

 

Und dann Monsieur Roberto,

Der zaubert resolut

Drei kleine weiße Mäuse

Aus dem Zylinderhut.

 

„Ja, treten Sie nur näher

Dem Schauspiel aufmerksam,

Sie brauchen nichts zu fürchten,

Die Mäuschen sind ganz zahm!

 

Doch Mademoiselle, o bitte,

Halten Sie fest den Hund!

Gewiß ist seine Schnauze

Für Mäuse ungesund.“

 

Danach entlang der Buden

Spazieren alle drei.

Oho! Was riecht das lecker

Nach Zuckerbäckerei!

 

Hier bäckt die Apfelkuchen

Monsieur Montélimar,

Er röstet süße Mandeln,

Die schmecken jedes Jahr.

 

„Mögen Sie Nougat kaufen,

Nougat Montélimar?

Er ist besonders köstlich

In meinem Repertoire!“

 

„Geben Sie mir vom Kuchen“,

Antwortet ihm Jocelyne,

„Und auch die Zuckerwatte

Trägt meine Sympathien!“

 

„Kennen Sie schon das Wurfspiel,

Mademoiselle Jocelyne?“

Fragt man ein wenig später,

Als die drei weiterziehn.

 

„Sie kriegen hier sechs Bälle

Aus meinem runden Topf,

Die werfen Sie den Figuren

An ihren Wackelkopf.

 

Da, für den Clown den einen,

Den andern für Pierrot,

Am Kopf, da müssen Sie treffen,

Und nicht am Paletot!“

 

„Mein Freund, Sie wollen schießen

Mit einem Schießgewehr?“

Dies fragt Jeannot der Cowboy.

„Das Zielen ist nicht schwer!

 

Sie können Glasvögel schießen,

Und dort den hüpfenden Ball,

Und selbst die Meerschaumpfeifen

Mit Piff und Paff und Knall.

 

Hier ist mein Karabiner,

Sie zielen … eins, zwei, drei,

Hurra, Sie haben geswonnen,

Der Schuß sitzt einwandfrei!“

 

Was fährt es sich schön mit dem Auto!

Jocelyne tritt ins Pedal,

Jocelyne dreht auch am Lenkrad,

Schon fährt’s sich ganz normal!

 

„Bau bitte keinen Unfall!“

„Was fahren wir wie schnell?“

„Der Zähler zeigt zehn Kilometer

Und fünf Liter Sprit aktuell.“

 

Noch nie sind im Flugzeug geflogen

Jocelyne und ihr tapferer Hund,

Doch leicht fliegt man auf dem Jahrmarkt

Hoch über dem Erdenrund!

 

Und wär‘ er ein Junge gewesen,

Wär Patapouf Pilot

Im späteren Leben geworden.

Dann flög‘ er ins Abendrot

 

Und bis zu den Sternen dort oben

Und über den Ozean

Und weiter noch und weiter,

Wohl rund um den Meridian

 

Hätt‘ er versucht zu entdecken

Am ganzen Himmelsgebiet,

Wo sich die Sterne verstecken,

Wenn keiner sie mehr sieht.

 

„Jocelyne, hier können Sie kaufen

Ein Los meiner Lotterie.“

Das Rad beginnt sich zu drehen,

Die Losnummer acht hat sie…

 

Und hat sie was gewonnen?

Sogar das Paradestück,

Den großen Elefanten,

Jocelyne, die hat heut Glück!

 

Doch das ist ihr widerfahren

Dann in der Menagerie:

Sie kam mit einer Banane,

Die reichte dem Affen sie,

 

Und der hat fortgerissen

Jocelynes roten Hut,

Den stülpt er sich auf den Schädel

Aus Lust und Übermut.

 

Was ist der kleine Affe

Nicht drollig anzuschaun!

Man sagt, daß ihn dressierte

Dereinst ein Zirkusclown.

 

Es steht auf diesem Rummel,

Dies Jahr sensationell,

Mit Autobus und Panzer

Ein neues Karussell.

 

Mit all diesen Vehikeln

Mag fahren, wer da fahr,

Die Scooter aber sind herrlich,

Sind schön und wunderbar!

 

Es ist Jocelyne, die steuert,

Jeannot sitzt hinter ihr,

Und Patapouf, wo ist er?

Wo steckt das Hundetier?

 

„Der Patapouf, da sitzt er,

Hast du denn nicht gesehn

Am Lenker des zweiten Scooters

Ihn lächeln souverän!?“

 

Dann lauscht man Musikanten

Am städtischen Pavillon,

Bis plötzlich eine Frau fragt:

„Wer will einen Luftballon?“

 

„Ich!“ ruft Jocelyne vor Freude.

„Und welchen wünschen Sie?“

„Den roten, den blauen, den grünen!“

„Hier Mademoiselle!“ „Merci.“

 

„Doch geben Sie gut Obacht,

Und kriegen Sie keinen Schreck,

Weil die Ballons so leicht sind –

Sonst fliegen Sie Ihnen weg!“

 

Daneben war zu sehen

Wie voller Nonchalance

Jeannot hat angebunden

Dem Hund an seinen Schwanz

 

Von den Ballons den dicksten,

Und Patapouf, leger,

Freut sich nun auf den Heimweg:

Sein Schwanz wiegt halb so schwer!

 

Bevor sie den Jahrmarkt verlassen

Will man eine Photographie,

Weshalb der Photograph sagt:

„Herrschaften! Lächeln Sie!

 

„Und meine Damen und Herren,

Ich bitte Sie ebenso sehr,

Selbst wenn es Sie wo juckte,

Wackeln Sie jetzt nicht mehr!

 

Und Patapouf besonders

Bitt‘ ich zu dieser Stund‘

Samt Ihrem Ballon am Schwanze:

Sein Sie ein vornehmer Hund!“

 

Da ist das Photo schon fertig

Beim ersten Sternenschein,

Es wird in kommenden Zeiten

Ein kostbares Andenken sein…

 

 

28.10.16 Mephisto an Bellarmin

 

Die deutsche Else

Kennst Du die Geschichte?

 

Es war ein Mann, der hatte eine Tochter, die hieß die kluge Else. Als sie nun erwachsen war, sprach der Vater »wir wollen sie heiraten lassen.« »Ja,« sagte die Mutter, »wenn nur einer käme, der sie haben wollte.« Endlich kam von weither einer, der hieß Hans, und hielt um sie an, er machte aber die Bedingung, daß die kluge Else auch recht gescheit wäre. »O,« sprach der Vater, »die hat Zwirn im Kopf,« und die Mutter sagte »ach, die sieht den Wind auf der Gasse laufen und hört die Fliegen husten.« »Ja,« sprach der Hans, »wenn sie nicht recht gescheit ist, so nehm ich sie nicht.« Als sie nun zu Tisch saßen und gegessen hatten, sprach die Mutter »Else, geh in den Keller und hol Bier.« Da nahm die kluge Else den Krug von der Wand, ging in den Keller und klappte unterwegs brav mit dem Deckel, damit ihr die Zeit ja nicht lang würde. Als sie unten war, holte sie ein Stühlchen und stellte es vors Faß, damit sie sich nicht zu bücken brauchte und ihrem Rücken etwa nicht wehe täte und unverhofften Schaden nähme. Dann stellte sie die Kanne vor sich und drehte den Hahn auf, und während der Zeit, daß das Bier hineinlief, wollte sie doch ihre Augen nicht müßig lassen, sah oben an die Wand hinauf und erblickte nach vielem Hin- und Herschauen eine Kreuzhacke gerade über sich, welche die Maurer da aus Versehen hatten stecken lassen. Da fing die kluge Else an zu weinen und sprach »wenn ich den Hans kriege, und wir kriegen ein Kind, und das ist groß, und wir schicken das Kind in den Keller, daß es hier soll Bier zapfen, so fällt ihm die Kreuzhacke auf den Kopf und schlägts tot.« Da saß sie und weinte und schrie aus Leibeskräften über das bevorstehende Unglück. Die oben warteten auf den Trank, aber die kluge Else kam immer nicht. Da sprach die Frau zur Magd »geh doch hinunter in den Keller und sieh, wo die Else bleibt.« Die Magd ging und fand sie vor dem Fasse sitzend und laut schreiend. »Else, was weinst du?« fragte die Magd. »Ach,« antwortete sie, »soll ich nicht weinen? wenn ich den Hans kriege, und wir kriegen ein Kind, und das ist groß, und soll hier Trinken zapfen, so fällt ihm vielleicht die Kreuzhacke auf den Kopf und schlägt es tot.« Da sprach die Magd »was haben wir für eine kluge Else!« setzte sich zu ihr und fing auch an über das Unglück zu weinen. Über eine Weile, als die Magd nicht wiederkam, und die droben durstig nach dem Trank waren, sprach der Mann zum Knecht »geh doch hinunter in den Keller und sieh, wo die Else und die Magd bleibt.« Der Knecht ging hinab, da saß die kluge Else und die Magd, und weinten beide zusammen. Da fragte er »was weint ihr denn?« »Ach,« sprach die Else, »soll ich nicht weinen? wenn ich den Hans kriege, und wir kriegen ein Kind, und das ist groß, und soll hier Trinken zapfen, so fällt ihm die Kreuzhacke auf den Kopf und schlägts tot.« Da sprach der Knecht »was haben wir für eine kluge Else!« setzte sich zu ihr und fing auch an laut zu heulen. Oben warteten sie auf den Knecht, als er aber immer nicht kam, sprach der Mann zur Frau »geh doch hinunter in den Keller und sieh, wo die Else bleibt.« Die Frau ging hinab und fand alle drei in Wehklagen, und fragte nach der Ursache, da erzählte ihr die Else auch, daß ihr zukünftiges Kind wohl würde von der Kreuzhacke totgeschlagen werden, wenn es erst groß wäre, und Bier zapfen sollte, und die Kreuzhacke fiele herab. Da sprach die Mutter gleichfalls »ach, was haben wir für eine kluge Else!« setzte sich hin und weinte mit. Der Mann oben wartete noch ein Weilchen, als aber seine Frau nicht wiederkam und sein Durst immer stärker ward, sprach er »ich muß nur selber in den Keller gehn und sehen, wo die Else bleibt.« Als er aber in den Keller kam, und alle da beieinander saßen und weinten, und er die Ursache hörte, daß das Kind der Else schuld wäre, das sie vielleicht einmal zur Welt brächte und von der Kreuzhacke könnte totgeschlagen werden, wenn es gerade zur Zeit, wo sie herabfiele, darunter säße, Bier zu zapfen: da rief er »was für eine kluge Else!« setzte sich und weinte auch mit. Der Bräutigam blieb lange oben allein, da niemand wiederkommen wollte, dachte er »sie werden unten auf dich warten, du mußt auch hingehen und sehen, was sie vorhaben.« Als er hinabkam, saßen da fünfe und schrien und jammerten ganz erbärmlich, einer immer besser als der andere. »Was für ein Unglück ist denn geschehen?« fragte er. »Ach, lieber Hans,« sprach die Else, »wann wir einander heiraten und haben ein Kind, und es ist groß, und wir schickens vielleicht hierher, Trinken zu zapfen, da kann ihm ja die Kreuzhacke, die da oben ist stecken geblieben, wenn sie herabfallen sollte, den Kopf zerschlagen, daß es liegen bleibt; sollen wir da nicht weinen?« »Nun,« sprach Hans, »mehr Verstand ist für meinen Haushalt nicht nötig; weil du so eine kluge Else bist, so will ich dich haben,« packte sie bei der Hand und nahm sie mit hinauf und hielt Hochzeit mit ihr.

Als sie den Hans eine Weile hatte, sprach er »Frau, ich will ausgehen arbeiten und uns Geld verdienen, geh du ins Feld und schneid das Korn, daß wir Brot haben.« »Ja, mein lieber Hans, das will ich tun.« Nachdem der Hans fort war, kochte sie sich einen guten Brei und nahm ihn mit ins Feld. Als sie vor den Acker kam, sprach sie zu sich selbst »was tu ich? schneid ich ehr? oder eß ich ehr? hei, ich will erst essen.« Nun aß sie ihren Topf mit Brei aus, und als sie dick satt war, sprach sie wieder »was tu ich? schneid ich ehr, oder schlaf ich ehr? hei, ich will erst schlafen.« Da legte sie sich ins Korn und schlief ein. Der Hans war längst zu Haus, aber die Else wollte nicht kommen, da sprach er »was hab ich für eine kluge Else, die ist so fleißig, daß sie nicht einmal nach Haus kommt und ißt.« Als sie aber noch immer ausblieb und es Abend ward, ging der Hans hinaus und wollte sehen, was sie geschnitten hätte: aber es war nichts geschnitten, sondern sie lag im Korn und schlief. Da eilte Hans geschwind heim, und holte ein Vogelgarn mit kleinen Schellen und hängte es um sie herum; und sie schlief noch immer fort. Dann lief er heim, schloß die Haustüre zu und setzte sich auf seinen Stuhl und arbeitete. Endlich, als es schon ganz dunkel war, erwachte die kluge Else, und als sie aufstand, rappelte es um sie herum, und die Schellen klingelten bei jedem Schritte, den sie tat. Da erschrak sie, ward irre, ob sie auch wirklich die kluge Else wäre, und sprach »bin ichs, oder bin ichs nicht?« Sie wußte aber nicht, was sie darauf antworten sollte, und stand eine Zeitlang zweifelhaft: endlich dachte sie »ich will nach Haus gehen und fragen, ob ichs bin oder ob ichs nicht bin, die werdens ja wissen.« Sie lief vor ihre Haustüre, aber die war verschlossen: da klopfte sie an das Fenster und rief »Hans, ist die Else drinnen?« »Ja,« antwortete Hans, »sie ist drinnen.« Da erschrak sie und sprach »ach Gott, dann bin ichs nicht,« und ging vor eine andere Tür; als aber die Leute das Klingeln der Schellen hörten, wollten sie nicht aufmachen, und sie konnte nirgends unterkommen. Da lief sie fort zum Dorfe hinaus, und niemand hat sie wieder gesehen.

 

Diese wirklich schöne Geschichte findest Du natürlich in den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm.

Was? Da hieße sie „Die kluge Else“??

Ob nun kluge Else oder deutsche Else – ich jedenfalls wüßte hin und wieder etwas zu melden über den Verbleib der Else! Gerade vorgestern erinnerte ich mich an sie, als ich auf unserem seriösesten Sender einem Interview mit dem Grünen- Bundestagsabgeordneten von Notz lauschte über eine geplante Verbesserung der Videoüberwachung auf öffentlichen Plätzen und in öffentlichen Gebäuden. Der einmal mehr gegen den künstlichen Popanz zu fechten müssen glaubte, jemand hätte behauptet, er wolle hundertprozentige Überwachung einführen und hundertprozentige Sicherheit herstellen:

26. Oktober 2016, Deutschlandfunk:

Sarah Zerback: Pläne für das neue Videoüberwachungs-Verbesserungsgesetz – nicht griffig, heißt aber unterm Strich: Mehr Sicherheit durch mehr Überwachung soll es geben. So zumindest der Plan des Bundesinnenministers. Am Telefon begrüße ich jetzt Konstantin von Notz, den Fraktionsvize der Grünen, und netzpolitischer Sprecher seiner Partei ist er. Guten Tag, Herr von Notz.

Konstantin von Notz: Guten Tag, Frau Zerback.


von Notz: Ich glaube, dass der Ansatz zu sagen, wir erfassen jeden, der ein Gebäude betritt oder der einen öffentlichen Platz betritt, dass das schon grundrechtlich nicht geht. Ich glaube, dass man an bestimmten Gefahrenpunkten oder Problempunkten Kameras aufstellen kann. Dann muss man genau rechtsstaatlich dafür sorgen, wie lange die Speicherfristen sind, wann Leute auch wieder gelöscht werden müssen und so weiter. In dem Rahmen ist diese Technik ergänzend vorstellbar. Aber dieser Vorstoß des Bundesinnenministeriums zielt ja darauf zu sagen, wir wollen den öffentlichen Raum am besten komplett mit diesen Systemen bedecken und damit eine Kompletterfassung machen. Neben all den rechtlichen Problemen – und das wird vor keinem Gericht in Europa, vor keinem höheren Gericht in Europa Bestand haben – gibt es einfach diese Kosten-Nutzen-Frage. An dieser Frage kommt das Bundesinnenministerium nicht vorbei und ich sage voraus, dass das nicht das bringen wird, was der Innenminister jetzt uns allen verspricht.

Zerback: Aber nach all den Ereignissen, die wir in diesem Jahr hier in Deutschland schon verkraften mussten, nicht nur die Kölner Silvesternacht, auch Ansbach, auch Würzburg – das wird ja auch explizit in diesem Vorstoß des Bundesinnenministers jetzt genannt -, müssen wir uns nicht die Frage stellen, ob da Terrorabwehr vor Datenschutz gehen muss?

von Notz: Ich glaube, das ist eine etwas zu einfach formulierte Frage. Ich glaube, dass man sich die Frage stellen muss, was wir eigentlich gegen die Terroristen verteidigen. Natürlich Leib, Leben und Gesundheit, aber auch unsere Freiheit, unsere Rechtsstaatlichkeit, und unser Grundgesetz hat uns das die letzten Jahrzehnte hier auf, wie ich finde, weltweit vorbildliche Art und Weise gewährleistet. Deswegen erwarte ich von einem Bundesinnenminister, dass er gerade wenn es darum geht, Terror zu bekämpfen, auch diese Rechtsstaatlichkeit als einen ganz wichtigen Punkt sieht und den auch benennt in der Debatte. Immer nur scharfe Gesetze vorzulegen, die nachher in Karlsruhe oder vorm EuGH scheitern, das hilft uns nicht weiter. Es bringt null mehr Sicherheit und das sind Placebo-Diskussionen. Insofern: Eine stärkere Differenziertheit ist wirklich angezeigt.

Zerback: Was sagen Sie denn ganz konkret den Pendlern, den Bahnfahrern zum Beispiel, die sich jetzt darauf freuen, dass es mehr Videokameras geben könnte? Das ist ja auch eine gefühlte Sicherheit. Was sagen Sie denjenigen, die sich dadurch sicher fühlen könnten?

von Notz: Ich glaube, dass wir nicht über gefühlte Sicherheit reden, wenn Sie Anschläge nehmen, die in Europa funktioniert haben. In Brüssel am Flughafen, was haben denn die Videokameras dort an Sicherheit gebracht? Ich glaube, die Politik ist in der Verantwortung, tatsächliche Sicherheit herzustellen. Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht und die darf auch niemand versprechen. Die ist einfach nicht herstellbar. Aber wir sind in der Pflicht, effektive Maßnahmen voranzubringen, und wer da sagt, ich setze auf Technik und die Technik wird es richten und wenn ein Anschlag passiert, guckt mal, dann finde ich aber raus, wer da wo war, das ist eine zu kurz gegriffene Antwort. Wir brauchen komplexere Antworten und das hat auch was mit der Ausstattung der Personalstärke der Polizei zu tun. Ich glaube, wenn Sie mit den Leuten sprechen, dass sie auf Schritt und Tritt in ihrem Arbeitsleben, in ihrem Privatleben von Videokameras erfasst werden, dann haben die da in der Regel auch eine sehr differenzierte Meinung zu. Insofern glaube ich, dass der einhellige Applaus mit diesem Programm dem Innenminister nicht sicher ist.

Zerback: Danke für Ihre Meinung. – Konstantin von Notz, Fraktionsvize der Grünen. Besten Dank für das Gespräch heute im Deutschlandfunk.

Dann gibt es da noch das schöne Lied

„Wenn der Topf aber nun ein Loch hat, lieber Heinrich, lieber Heinrich?“

„Stopf es zu, liebe, liebe Liese, liebe Liese, stopf es zu!“

 

21.8.16 Serapion an Meohisto

 

Babylonische Bagatelle

 

Wir bauen weiter unsern Turm zum Himmel.

Ruinen ringsum und Ruinen wir.

Die Harfe und die Leier und die Klingel

Halten uns munter, denn der Schlaf gebiert

Die alte Angst: wir müßten uns zerstreuen

In aller Welt heilloses Sprachgetingel.

 

Wir bauen höher unsres Daseins Bleibe.

Wir fressen Datteln, und wir streichen Lehm.

Gott stampft noch immer auf der Erdenscheibe

Und was er flucht, kann kaum ein Hund verstehn.

Die Welt soll kommen und den Turm besteigen.

Wir werden hörn, worüber andre schweigen.

 

 

(Kerstin Hensel)

 

8.7.16 Mephisto an Bellarmin

 

In memoriam all der im Namen Allahs Gemordeten und Geschundenen des diesjährigen Ramadan:

 

Allah, bedecke deinen Himmel

Mit Wolkendunst,

Und übe, dem Knaben gleich,

Der Disteln köpft,

An Eichen dich und Bergeshöhn;

Mußt mir meine Erde

Doch lassen stehn

Und meine Hütte, die du nicht gebaut,

Und meinen Herd,

Um dessen Glut

Du mich beneidest.

 

Ich kenne nichts Ärmeres

Unter der Sonn als euch, Götter!

Ihr nähret kümmerlich

Von Opfersteuern

Und Gebetshauch

Eure Majestät

Und darbtet, wären

Nicht Kinder und Bettler

Hoffnungsvolle Toren.

 

Da ich ein Kind war,

Nicht wußte, wo aus noch ein,

Kehrt ich mein verirrtes Auge

Zur Sonne, als wenn drüber wär

Ein Ohr, zu hören meine Klage,

Ein Herz wie meins,

Sich des Bedrängten zu erbarmen.

 

Wer half mir

Wider der Titanen Übermut?

Wer rettete vom Tode mich,

Von Sklaverei?

Hast du nicht alles selbst vollendet,

Heilig glühend Herz?

Und glühtest jung und gut,

Betrogen, Rettungsdank

Dem Schlafenden da droben?

 

Ich dich ehren? Wofür?

Hast du die Schmerzen gelindert

Je des Beladenen?

Hast du die Tränen gestillet

Je des Geängsteten?

Hat nicht mich zum Manne geschmiedet

Die allmächtige Zeit

Und das ewige Schicksal,

Meine Herren und deine?

 

Wähntest du etwa,

Ich sollte das Leben hassen,

In Wüsten fliehen,

Weil nicht

Alle Blütenträume reiften?

 

Hier sitz ich, forme Menschen

Nach meinem Bilde,

Ein Geschlecht, das mir gleich sei,

Zu leiden, zu weinen,

Zu genießen und zu freuen sich,

Und dein nicht zu achten,

Wie ich!

 

 

Ab Zeile zwei: Johann Wolfgang von Goethe  (1749 – 1832)