A N A B A S I S

Thalatta ! Thalatta !

Schlagwort-Archiv: Serapion

Die wichtigste Nachricht

 

19. September 2020: Serapion an Mephisto

 

Anfang der Woche kam eine Meldung in den Fernsehnachrichten, eine riesige Eisscholle habe sich gelöst von einem der Erdpole. War’s oben am Nordpol? War’s unten am Südpol? Jedenfalls über eines kann man bei solchen Meldungen sicher sein: Aha, gleich folgt der Wetterbericht!

Denn davor kommen immer so Nachrichten der Kategorie „was sonst noch passierte…“

Auch wird das Wegschmelzen der Pole in der Nachrichtenredaktion als irgendwie passend eingestuft. Eis und Schnee, die haben ja etwas zu tun mit Wetter.

Ebenso die Brände in Kalifornien: Danach kommt der Wetterbericht.

Klar, die sind ja auch durch Blitze ausgelöst worden. Von Unwettern. Noch dazu weit ab von Deutschland und Europa hinter dem Atlantik durch ganz Nordamerika hindurch: an der Küste des Pazifiks!

Das paßt also vor den Wetterbericht.

Kalifornien brennt, Brasilien brennt, Australien wird bald wieder brennen und Portugal, Spanien und Griechenland, das ficht den bundesdeutschen Journalismus nicht an.

Anderes Beispiel:

Heute meldete der Deutschlandfunk:

Die Bundesregierung hat eingeräumt, dass ein Ziel im Kampf gegen die Vermüllung von Nord- und Ostsee nicht erreicht wurde.

Nach einer EU-Richtlinie von 2008 sollten sich die Meere bis 2020 – wie es heißt – in einem „guten Umweltzustand“ befinden. Abfälle sollten keine schädlichen Auswirkungen auf die Küsten- und Meeresumwelt mehr haben. Dieses Ziel werde verfehlt, heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion.

Diese Meldung hat es im Fernsehen noch nicht einmal bis vor den Wetterbericht geschafft. Und ins Radio wahrscheinlich nur, weil heute der internationale sogenannte CleanUp Day begangen wird, bei dem viele Freiwillige sich bemühen, den von Großhirnamputierten an Ufern von Flüssen, Teichen, Seen und Meeren und in Wäldern und Parkanlagen hinterlegten Müll notdürftig wieder einzusammeln an einem Tag im Jahre.

Diese Meldung offenbart die ganze Misere sowohl der Wolltemalundkonntenicht-Gesellschaft mit stetem Sinn für alles Gute und Schöne, der sogenannten Europäischen Union, als auch des empörenden Zustandes des gegenwärtigen bundesdeutschen Journalismus. Denn wenn man schon berichten kann „wie es heißt“, kann man auch berichten wie es weiter heißt: Was gab es denn noch für andere Ziele „im Kampf gegen die Vermüllung von Nord- und Ostsee“?

Und inwieweit wurde denn gekämpft in all den Jahren?

Und was steht denn noch drin in der EU-Richtlinie von 2008?

An der heutigen Art der Berichterstattung wird die Welt zugrunde gehen!

An dem beständigen Nichterkennen: Was ist die wichtigste Nachricht?

Denn sie ist die erste Meldung!

Merksatz für gegenwärtige Journalistenschulen: Die erste Meldung muß kommen als erste Meldung! Nämlich an erster Stelle!

Jawohl: Sogar noch vor der Nachricht über den FDP-Parteitag!

Und bei der gefährlichen „Vermüllung“ der Nord- und Ostsee handelt sich um eben jene erste Meldung!

Und die Brände in Kalifornien sind die erste Meldung!

Denn davon hängt die Bewußtseinsbildung ab der Menschen!

Und wenn Ihr das nicht begreift, wird die Welt zugrunde gehen!

Es geht um das Überleben der Gattung!

Nämlich unserer.

Sonst waren, sind und werden sämtliche FDP-Parteitage umsonst und in den Wind geschissen!

Weil: Die Einschläge kommen näher.

Ich prophezeie: Die zeitliche Distanz zwischen den Katastrophen wird sich verringern!

Und da kann kein Staat mehr helfen!

Denn er hat sein Geld schon in der Pandemie verbraten.

Bei den Routen der Zuwanderer, im Journalistendeutsch „Migranten“, handelt es sich um die Süd-Nord-Richtung. Ich halte es für wahrscheinlich, daß es sich bei den gegenwärtigen (Aus)wanderungen doch nicht um eine Völkerwanderung handelt. Sondern um den Beginn einer Völkerwanderung. Ich stelle mir vor, wir könnten vielleicht noch während unserer Generation oder in der folgenden in die Lage kommen, selbst vor verschlossenen Grenzen, vielleicht denen Dänemarks zu stehen. Auf der Durchreise nach Schweden. Doch vielleicht wären die Dänen dann schon selber „migriert“ und siedelten derweil auf Grönland. Und im Staate Dänemarks verwehrten uns die Ungarn die Weiterfahrt. Weil in Ungarn die Türken säßen. Und in der Türkei säßen die Saudis.

Durch die Erderwärmung ist das Eis in der Arktis inzwischen soweit weggeschmolzen, daß man dort endlich die Stoffe fördern kann, welche die Erderwärmung soweit beschleunigen, daß man noch leichter an Stoffe herankommt, die die Erderwärmung beschleunigen. In Rußland freut man sich schon: Das wird ein riesiges Geschäft! Und die deutsche Industrie wird dafür sicher die Rohre liefern und beim nächsten Röhrenembargo wieder erstaunt aus allen Wolken fallen.

Es wird heiß werden auf unserem Planeten!

Und noch grausamer.

 

Wehe! Wie im Orkus, lebt

ohne Götter das Menschengeschlecht, an die eigene

Kunst, an eigenes

Wissen allein, und die eigenen Triebe

geschmiedet, und in der tosenden

Werkstatt, höret jeder nur sich,

und Tag und Nacht arbeiten die Geister

Aber umsonst, und unfruchtbar, wie

die Furien, ist die Sorge und Mühe der

Armen.

Friedrich Hölderlin (1770 – 1843)

 

Unwetter

 

12. September 2020: Serapion an Mephisto

 

Auf dem Atem der Menschen lastet die Schwüle des heißen

Tages, und Schweiß betaut ihnen die Hand für ihr Tun,

Kein erfrischendes Wehen der Luft ermuntert die Glieder.

Dunkelt der Horizont? Südlich, am Ende des Blicks

Glimmt es trübe, Wind rauscht heran! Es wird düster, die Schwalben

Schwirren tiefer, laut grollen jetzt Wolken von fern,

Böiger tanzen die Winde, die Boten des prasselnden Wassers

Drängen die Menschen zum Schluß, holen die Pflücker vom Feld.

Pfirsich zu ernten, wird es zu dunkel, schon knattert ein Blitz, und

Ausholend stockt des Sturms pappelnverbiegender Arm…

Unwetter sind Gewitter, die ohne zu regnen vergehen,

Was für ein Kraftwüten als üppiges Elend vertan!

 

Der Niedergang unserer Zivilisation am vorauseilenden Beispiel der USA

 

29. August 2020: Serapion an Mephisto

 

Der immer wieder empfehlenswerte Publizist und langjährige USA-Korrespondent des TAGESSPIEGEL Christoph von Marschall gestern im Deutschlandfunk (Hervorhebungen von mir):

Wir haben jetzt zwei Parteitage hinter uns, die auf eine bestimmte Art eigentlich genau dieselbe Botschaft haben. Es geht nicht mehr um politische Programme, es geht nicht um Ziele, es geht nicht um Steuern, nicht um Soziales, um gar nichts; es geht nur noch um eine Person, und das ist Donald Trump.

Die Demokraten haben gesagt, das ist eine Frage von Helligkeit, Licht oder Dunkel, von Gerechtigkeit oder nicht, von böse und gut. Richtig existenziell wird das aufgeladen. Trump muss raus aus dem Weißen Haus.

Die Republikaner und Trump machen das genauso. Es geht nur noch um Donald Trump. Entweder ihr seid für ihn, oder gegen ihn. Alles Weitere spielt keine große Rolle und was tatsächlich Fakt in Amerika ist, spielt sowieso keine mehr. Corona ist fast vergessen, die Kriminalität wird nur instrumentalisiert, benutzt von den Demokraten als Beweis für die Ungerechtigkeiten in Amerika, von Trump als Beweis dafür, dass die Demokraten nur noch Chaos in Amerika haben wollen.

… Früher bei Barack Obama ging es für oder gegen eine allgemeine Krankenversicherung, für mehr Kompromisse in der Wirtschaftspolitik ja oder nein, und in der Außenpolitik auch, ob man mehr mit seinen Partnern zusammenarbeitet, oder ob mehr Härte gefragt ist.

In diesem Wahlkampf 2020 sind all solche wirklich politischen Fragen, um die es doch eigentlich gehen müsste in einem Wahlkampf – zwei Lager haben unterschiedliche politische Konzepte –, das ist alles völlig an die Seite gerückt worden und es ist nur noch ein Wahlkampf für oder gegen Donald Trump, und das ist natürlich auch ein sehr riskantes Konzept für die Demokraten.

… Seit Jahren wird in Amerika von den Demokraten Wahlkampf geführt, dass man die Spaltung überwinden müsse, aber es ist niemandem gelungen. Die Spaltung wird immer tiefer.
Aber sie ist jetzt auf einmal nicht nur an politischen Identitäten festgemacht, sondern an der einzigen Person des Präsidenten, und das ist diese enorme Aufladung und das ist aus zwei Gründen riskant. Die Polarisierung nützt in der Regel den Polarisierern.

Das ist Trumps Konzept schon die ganze Zeit gewesen. Er kann ja nicht sicher sein, dass er mit sich, seiner Programmatik und seiner Bilanz seiner Präsidentschaft, Corona plus den Wirtschaftseinbruch, dass er damit die Wahl gewinnt. Er kann die Chancen für eine zweite Amtszeit nur erhöhen, indem er sagt, hier bin ich, das sind die anderen, es ist eine Wahl zwischen Gut und Böse, Licht und Dunkel, so wie das aber die Demokraten auch gemacht haben.
… und auch hier sehen Sie wieder dieses reine Schwarz-Weiß-Denken. Wenn Sie sich die Demokraten anschauen und ihre Unterstützer, dann steht im Vordergrund die Polizeigewalt gegen schwarze Jugendliche, und es wird faktisch überhaupt nicht darüber geredet, ob diese Opfer von Polizeigewalt – und natürlich sind das skandalöse Szenen, die wir da sehen; ich will da nichts verharmlosen – aber man muss einfach mal sagen: Wenn man sich zum Teil die Opfer anschaut, das sind ja keine Unschuldslämmer, sondern das sind Leute, die selber zum Teil gegen Gesetze verstoßen haben, selbst Gewalt gegen Polizisten angewendet haben. Das spielt bei den Demokraten überhaupt keine Rolle. Es geht nur um die Ungerechtigkeit.

Bei Trump ist es umgekehrt. Trump möchte nur das Chaos in den Straßen, die brennenden Geschäfte, über die Plünderungen reden, die es ja auch gibt, die aber bei den Demokraten keine Rolle spielen, und Trump redet kein Wort über die Opfer der Polizeigewalt. Sie haben zwei völlig unterschiedliche Bilder, was sich da abspielt.

Die eine Partei sagt, wir sind ein sehr, sehr ungerechtes System, in dem Schwarze diskriminiert werden und immer wieder Opfer von Polizeigewalt werden, und die andere Seite sagt, da gibt es zwar vielleicht ein paar Probleme mit Zwischenfällen, aber schaut euch doch an, was hinterher ist. Da ist diese Black Lives Matter Bewegung, dann brennen die Straßen, dann werden Geschäfte geplündert. Wollt ihr dieses Amerika! Und dass man kein bisschen die Sichtweise des anderen Lagers auch nur einbezieht und anerkennt, das zeigt den Grad der Lagerspaltung in den Vereinigten Staaten.

 

Oben brennt es im Dach und unten rauchen die Minen,

Aber mitten im Haus schlägt man sich um den Besitz.

Friedrich Hebbel (1813 – 1863)

 

Knapp daneben

 

8. August 2020: Serapion an Mephisto

 

Um 1350 kam die Pest zufälligerweise einmal aus China und nahm ihren Weg nach Europa zufälligerweise auf den Handelsstraßen. Und zwar über Indien und Persien. Die Seuche entvölkerte etwa 200.000 Dörfer und Siedlungsflecken vollständig und brachte mehr als ein Viertel der europäischen Gesamtbevölkerung um.

25 Millionen Menschen allein in Europa.

Die Pariser medizinische Fakultät riet zwecks Vorbeugung:

Man soll kein Geflügel essen, keine Wasservögel, kein Spanferkel, kein altes Ochsenfleisch, überhaupt kein fettes Fleisch. Wir empfehlen Brühen mit gestoßenem Pfeffer.

Bei Tage schlafen ist schädlich. Der Schlaf darf nicht länger dauern als bis zum Morgengrauen.

Unschädlich sind trockene und frische Früchte, wenn man sie mit Wein nimmt.

Kalte, feuchte und wäßrige Speisen sind größtenteils schädlich. Fisch soll man nicht essen. Man koche nichts mit Regenwasser. Zu den Mahlzeiten nehme man etwas Theriak; Olivenöl zur Speise ist tödlich.

Gefährlich ist das Ausgehen zur Nachtzeit bis um drei Uhr morgens wegen des Taus. Fette Leute sollten sich der Sonne aussetzen.

In Europa traf die Seuche zuerst auf die Handelsstadt Florenz. Zeitzeuge Boccaccio schrieb:

Mit Beginn des Frühlings begann die Seuche ihre schmerzensreichen Wirkungen auf eine gräßliche Art zu zeigen. Und sie begann hier nicht wie im Orient mit Nasenbluten, dem sicheren Zeichen unvermeidlichen Todes, sondern es entstanden bei Männern wie bei Frauen Geschwülste unter der Achsel, bis zur Größe eines Apfels, die das Volk Pestbeulen nannte. Von dort aus verbreitete sich das tödliche Pestgift über den ganzen Leib.

Später nahm die Krankheit eine andere Gestalt an: Es entstanden schwarze oder bläuliche Flecken am Arm oder am Oberschenkel und weiterhin am ganzen Körper. Und wie anfangs die Beulen ein sicheres Zeichen des kommenden Todes gewesen waren, so wurden es jetzt die Flecken für jeden, der sie bekam. Kein ärztlicher Rat und keine Kraft der Arzneien erwiesen sich als heilsam. Jedenfalls genasen nur sehr wenige, und fast alle starben rasch binnen drei Tagen nach dem Auftreten jener Zeichen, gewöhnlich ohne alles Fieber und andere Zufälle.

Die Verderblichkeit dieser Seuche war um so größer, als der Todeskeim von den Kranken auf die Gesunden übergriff wie Zunder auf trockene oder fettige Gegenstände. Und zwar nicht nur beim Umgang mit den Kranken selbst, sondern auch beim Berühren ihrer Kleider und Sachen. Deswegen hatten fast alle das Ziel, die Kranken und deren Sachen zu meiden und zu fliehen.

Manche dachten, daß ein mäßiges Leben die Widerstandskraft erheblich fördere. Sie vereinigten sich zu Gesellschaften und lebten von allen abgesondert. Und indem sie sich in Häusern, in denen kein Kranker war, versammelten und einschlossen, genossen sie die schmackhaftesten Speisen und den besten Wein, aber mit Maß und auf der Hut vor aller Schwelgerei. Niemand erhielt zu ihnen Zutritt, und keine Todes- oder Krankennachricht durfte ihnen hinterbracht werden. Andere dagegen behaupteten, die sicherste Arznei bei einem solchen Übel sei, reichlich zu trinken, sich gute Tage zu machen, mit Gesang und Scherz umherzuziehn, jeglicher Begierde, wo es nur möglich sei, Genüge zu tun, und über das was kommen werde, zu lachen und zu spotten.

Eine dritte Gruppe waren die sogenannten Geißelbrüder. Die zogen als Büßer zu Tausenden übers Land von Ort zu Ort, unbeschuht, doch ein jeglicher mit einer dreisträngigen Geißel in der Hand, davon jeder Strang bewehrt mit drei dornigen Knoten. Ab und zu entblößten sie dann ihre Rücken und schlugen sich, bis ihr Blut hervorströmte.

Und in den Städten jagten und lynchten sie die Juden, weil die natürlich, wie immer, und heute zusammen mit den Amis, die Schuldigen sind und waren an allem.

Es gibt nichts neues unter der Sonne.

Also am ersten August in Berlin…

Dazu am Dienstag der Deutschlandfunk:

Knapp 20.000 Menschen demonstrierten am Wochenende in Berlin gegen die deutschen Infektionsschutzmaßnahmen, die eine weitere Ausbreitung des Coronavirus verhindern sollen.

Zuerst einmal aus tiefer Dankbarkeit Hochachtung vor dem charakterisierenden charakteristischen Niveau. Für die Erläuterung, wozu Infektionsschutzmaßnahmen dienen.

Wer hätte es gedacht.

Du siehst, unsere öffentlich-rechtlichen Medien nehmen ihren Aufklärungsauftrag ungeheuer ernst, und erkennst, was sie darunter verstehen…

Auf Punkt und Komma!

„Knapp 20.000 Menschen…“

Wenn es „rund“ geheißen hätte!

Oder „ungefähr“…

Aber dieses verräterische Knapp!

Das heißt und soll singen und sagen: Stop! Auf keinen Fall 20.001!

Oder noch mehr.

„Knapp 20.000“ heißt ja „etwa 19.900“ oder, toleranter gesehen, vielleicht 19.500.

Allerdings „knapp 20.000“ kann auf keinen Fall bedeuten 19.000! Denn wer „knapp 20.000“ zu schätzen in der Lage ist, kann auch „etwa 19.000“ schätzen.

Botschaft: Auf keinen Fall mehr und über!

Nun ist das so eine Sache mit dem knappen Wörtchen „knapp“.

Knapp schwanger geht nicht.

Denn knapp richtig wäre ganz falsch.

Und knapp wahr ist unwahr.

Aus irgendeinem Grund nur in Sekundenbruchteilen zeigte man im Fernsehen aus der Vogelperspektive einmalig eine nahezu knappste Kameraaufnahme der Demonstranten.

Etwa von der Siegessäule bis zum Brandenburger Tor.

Alles voller Menschen!

Diese knappe Bildschnitt-Blitztechnik kennt man ja aus der DDR-Fernsehfunk-Berichterstattung über den bösen Westen vornehmlich durch den deutschen demokratischen Chefpropagandisten Joseph, nein, Karl-Eduard von Schnitzler, und sie sollte andenkenhalber eigentlich Schnitzel-, nein, Schnitzlertechnik genannt werden. In der Deutschen Demokratischen Republik gab es einen bis zu zehn Jahre Freiheitsentzug einbringenden Paragraphen des Strafgesetzes, der hieß „Staatsfeindliche Hetze“. Staatsfreundliche Hetze blieb unbestraft und von Schnitzlers „Der schwarze Kanal“ lief im Fernsehfunk jeden Montag über dreißig Jahre lang bis 1989.

Nach meiner Beobachtung wurde seine Schnitzlertechnik das erste Mal übernommen von der bundesdeutschen Journalistik anläßlich der Berichterstattung über die Pegida in Dresden. Doch erst nachdem die dortige Anzahl der Demonstranten die Zahl 10.000 unknapp überstiegen hatte. Die Monate zuvor hatte man die Methode noch nicht eingesetzt bei diesen Demonstrationen.

Weil man überhaupt nicht über diese politisch Unkorrigierten berichtet hatte.

Um die richtig Denkenden vor Verwirrung zu schützen.

Aber nun!

In knappster Schnitzleristik!

Daß Du ohne zeitliche Belastung in knappsten Sekundenbruchteilen klar erkanntest: Lauter Deppen!

Abstiegsverängstigte, modernisierungsskeptische, fremdenfeindliche, islamophobe, rassistische, abgehängte, weiße, alte Männer!

Wie bei von Schnitzler: Alles Nazis!

Ebenso knapp etwa ein Dreivierteljahr später in einem knappen Halbsatz die Erwähnung des Ergebnisses einer soziologischen Studie: Es handelt sich um die dortige Mittelschicht…

Um aber auf die erwähnte Vogelperspektive der Straße des 17. Juni vom Großen Stern bis zum Brandenburger Tor zurückzukommen: auch die kannte ich bereits. Nur eben ohne jede Schnitzleristik in ausführlichen Bildsequenzen. Ansonsten völlig identisch angefüllt mit Menschenmassen. Das war anläßlich der seinerzeitigen Lafparät in Berlin. Wenn ich mich recht erinnere, wurde damals die Teilnehmerzahl beziffert ohne jedes Knapp mit mehreren hunderttausend.

Wenn nicht sogar mit Million.

Weißt Du, was der RIAS, der Rundfunk im amerikanischen Sektor Berlins, der beste Sender, den es je gab, weißt Du, was der gemacht hätte? Der wäre beispielsweise hingefahren mit seinem Ü-Wagen, Ü für Übertragung! Und hätte direkt, (zu deutsch: leif), von jener Massendemonstration berichtet. Und zwar nicht nur in verwackelten blitzschnellen Sequenzen. Sondern, wie es sich bei seriöser Berichterstattung gehörte, vermittels gebührenfinanzierter und teuer bezahlter Kamera- und Mikrofontechnik des 21. Jahrhunderts.

Und der RIAS wäre durch die Stadt gefahren und hätte ausgiebig Leute interviewt.

Was?

Das hätte sich der RIAS gar nicht wagen dürfen?

Weil die Demonstranten den Ü-Wagen platt gemacht hätten?

Und die rechten Menschen gar nicht mit der Presse geredet hätten?

Das glaube ich eher nicht!

Weil nämlich in Zeiten des RIAS das Klima jener ungeheuerlichen „Lügenpresse!“-Sprechchöre erst überhaupt nicht entstanden wäre.

Aus Mangel an Gründen.

Denn nichts entsteht ja grundlos.

Die RIAS-Reporter wären also rausgefahren zu der Kundgebung. Denn die Kundgebung war ja angemeldet.

Also legitim.

Sonst wäre sie ja auch verboten worden.

Es handelte sich also um eine demokratische Versammlung.

Und wir leben doch in einem demokratischen Staat. In welchem Berichterstatter die Kundgebenden eines legitimierten Willens nicht ohne weiteres und von vornherein als „rechts“ oder „rechtspopulistisch“ in diskriminierender Absicht zu etikettieren und tendenziös abzuwerten haben. Noch dazu ohne jegliches ansonsten heute so beliebte „mutmaßlich“.

Sondern die RIAS-Reporter aus dem Ü-Wagen hätten berichtet von einer Kundgebung, auf welcher dies und jenes gefordert wurde von den Demonstranten. Und hätten berichtet: Auf den Transparenten beispielsweise standen folgende Parolen zu lesen.

Und ein Redner habe unter anderem dies und jenes gesagt.

So sah einst Berichterstattung aus!

Und dem Rezipienten wurde anheimgestellt, mündig zu sein und eigenmächtig aus dem Bericht nach Belieben und Gutdünken und eigener Meinung zu schlußfolgern in einem Staat mit grundgesetzlich garantierter Meinungsfreiheit, welcher Couleur die Demonstrierenden wohl zuzurechnen seien.

Wenn ihm die Couleur wichtig wäre neben dem Eigentlichen.

Neben dem sachlichen Anliegen der Demonstranten.

Und ich als Rezipient hätte mich übrigens nach meinem eigenen Vorurteil auf keinen Fall in einen Bus gesetzt und wäre nach Berlin gefahren. Ich hätte eher gedacht an meinen Freund Erich Kästner: „Kopf gut schütteln vor Gebrauch!“

Denn ich leide auch nicht unter der Vorstellung, die vereinte Welt würde mir das Virus und seine Opfer nur vorspielen. Und gleichzeitig denken, am Virus und seinen Opfern hätten die Amis und die Juden schuld.

Ich riete im Gegenteil, auf keinen Fall auf diese Art Querdenker vom Schlage Ballweg, Janich oder Jebsen zu hören. Auch neige ich dazu, im Internet auf das Suffix „.ru“ zu achten. Ich denke zum Beispiel, ein Auftraggeber von Auftragsmorden hätte womöglich Interesse, Thesen der verwirrenden Verirrtheit streuen zu lassen in der verhaßten westlichen Hemisphäre.

Aus seiner nach Machorka stinkenden Abteilung „Zersetzung“.

Und potentiellen Teilnehmern hätte ich geraten, ihre Zeit lieber zu nutzen für das Studium der Geometrie von Dreiecken.

Das schult das Denkvermögen.

Und für das Studium der Weltgeschichte.

Das macht geistig gesünder.

 

Das Hitlerreich war als Ganzes mit allen seinen Folgen ein Zeichen für die Macht der Worte über die Vernunft.

Rupert Lay

 

Korona

 

12. Juni 2020: Serapion an Mephisto

 

 

Eklipse

 

Zur selben Zeit, spricht der HERR HERR, will ich die Sonne am Mittag untergehen lassen und das Land am hellen Tage lassen finster werden.

Amos 8,9

 

Einst kommt der Tage Tag, da wird berühren

Der Mond von Ost der Sonnenscheibe Rand,

Wird ihren Kreis in einer Delle schnüren

Und langsam bannen ihrer Strahlen Brand.

 

Und dann, wenn seine Schatten fast verdecken

Des allernächsten Sternes letztes Licht,

Wird plötzlich Kühle jedes Wesen schrecken –

Ein herber Hauch zieht Menschen ins Gesicht.

 

Es steigt herauf ein wolkiges Gewebe

Im Westen düster überm Horizont,

Das drohend überdeckt des Himmels Schwebe,

Nur ferne Streifen bleiben noch besonnt.

 

Ein Wind erhebt sich leise und strömt milde,

Die Vögel werden stumm und alles schweigt

Erstarrt und wie gelähmt in dem Gefilde,

Wie wenn sich Stille vor dem Sturme zeigt.

 

Von Westen rast heran des Mondes Schatten,

Fliegt flimmernd über jede Häuserwand,

Trifft rauhe und die weiß gestrichnen glatten,

Die Finsternis kennt keinen Widerstand.

 

Im Augenblick verlöschen letzte Strahlen,

Die eben noch geblitzt wie Diamant

Schmal in des Sonnenrandes Arealen

Als Perlenkette, die den Stern umspannt.

 

Das Schwarz der Scheibe bläulich weiß umhüllen

Nun plötzlich Zacken, die als Strahlenkranz

Im Drumherum den dunklen Raum erfüllen

Mit unheimlich beklemmend kaltem Glanz.

 

In der Korona aber Flammen tanzen

Gewaltig, eruptiv und schimmernd rot,

Dämonisch züngelnde Protuberanzen,

Sie spein ins All der Höllen Feuertod.

 

Ich will den Tag verfinstern euch zur Plage,

In Nacht ihn wandeln ohne Unterschied!

Ich will in Trauer eure Feiertage

Verkehren und in Klage jedes Lied!

 

Homoffis

 

31. Mai 2020: Serapion an Mephisto

 

Die schlesischen Weber

 

Im düstern Auge keine Träne,

Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:

„Deutschland, wir weben dein Leichentuch,

Wir weben hinein den dreifachen Fluch –

Wir weben, wir weben!

 

Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten

In Winterskälte und Hungersnöten

Wir haben vergebens gehofft und geharrt,

Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt –

Wir weben, wir weben!

 

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,

Den unser Elend nicht konnte erweichen,

Der den letzten Groschen von uns erpreßt,

Und uns wie Hunde erschießen läßt –

Wir weben, wir weben!

 

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,

Wo nur gedeihen Schmach und Schande,

Wo jede Blume früh geknickt,

Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt –

Wir weben, wir weben!

 

Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,

Wir weben emsig Tag und Nacht –

Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,

Wir weben hinein den dreifachen Fluch,

Wir weben, wir weben!“

 

 

Heinrich Heine (1797 – 1856) über Heimarbeit

 

 

Der schlechteste Dolmetscher der Wahrheit

 

18. Mai 2020: Serapion an Mephisto

 

Deshalb haben wir auf nichts mehr zu achten, als daß wir nicht nach Art des Viehes der Schar der
Vorangehenden folgen! Fortwandernd nicht, wohin man gehen sollte, sondern weil von andern
wohin gegangen wird…
Denn nichts verwickelt uns in größere Übel, als daß wir uns nach dem Gerede der Leute richten!
Indem wir das für das Beste halten, was mit großer Zustimmung angenommen ist und wovon wir
viele Beispiele haben. So daß wir statt nach Vernunftgründen, nach Beispielen leben. Daher rührt
nämlich jene gewaltige Zusammenhäufung von Leuten, die einer über den andern hinfallen. Was
eben bei einem großen Menschengedränge passiert, wo das Volk sich selbst drückt: Da fällt
niemand, ohne noch einen andern sich nachzuziehen, und die Vordersten werden den Folgenden
verderblich!
Dieses kannst du im ganzen Leben sich ereignen sehen: Niemand irrt nur für sich allein, sondern er
ist auch Grund und Urheber fremden Irrtums.
Darum es ist schädlich, sich den Vorangehenden anzuschließen.
Und während ein jeder lieber glauben, als nachdenken will, so wird über das Leben nie
nachgedacht. Denn immer glaubt man nur andern. Und ein von Hand zu Hand fortgepflanzter Irrtum lenkt uns und stürzt uns in’s Verderben.
Durch fremde Beispiele gehen wir zu Grunde.
Wir werden geheilt werden, sobald wir uns nur vom großen Haufen absondern!
Denn der Volkshaufe, der Verteidiger seines eigenen Verderbens, steht der Vernunft feindlich
gegenüber.
Und so geht es denn zu, wenn sich die wandelbare Volksgunst gedreht hat, wie in den
Wahlversammlungen, wo sich dieselben Leute, die ihn selbst dazu gemacht haben, darüber
verwundern, daß einer Prätor geworden!
Eben dasselbe billigen, eben dasselbe tadeln wir: das ist der Ausgang eines jeden Gerichtes, bei dem
nach der Mehrzahl entschieden wird.
Wenn es sich um Fragen nach einem glückseliges Leben handelt, darfst du mir also nicht mit jener
Äußerung bei Senatsabstimmungen antworten: »Dieser Teil scheint der größere zu sein«….
Denn eben deshalb ist er der Schlimmere!
Es steht mit der Sache der Menschheit leider nicht so gut, daß das Bessere der Mehrzahl gefalle: Ein
großer Haufe ist ein Beweis vom Schlechtesten.
Laß uns daher fragen, nicht was am gewöhnlichsten geschehe, sondern was am Besten zu tun sei
und was uns in den Besitz eines ewigen Glücks setze. Und nicht was dem großen Haufen, dem
schlechtesten Dolmetscher der Wahrheit, genehm sei.

 

Lucius Annaeus Seneca (etwa 4 v. Chr. – 65 n. Chr.) in seiner De vita beata, welchen Teil ich Dir
für den heutigen Tag mit dem Ziel einer augenfälligeren Lesbarkeit syntaktisch etwas aufbereitete.
Für den heutigen Tag und immer darüber hinaus: denn es ist wichtig.

 

Frieden und Glück und Wohlstand

 

9. April 2020: Serapion an Mephisto

 

 

Bruchstück einer akkadischen Schrifttafel (etwa 2016 v. Chr.):

 

Einst waren die Menschen zerstreut und zerstritten

Und lebten in weiter Welt verloren.

Da haben sie Kummer und Not erlitten

Und endlich Frieden sich geschworen

Und sich gen Morgen zusammengefunden

Und waren in Mühe und Arbeit verbunden.

 

Dasselbige Land hieß Sinear,

Dort wohnten sie nun manches Jahr,

Lispelten milde, lächelten nett,

Wurden reicher und fraßen sich fett,

Gingen nach dem Dernier Cri

Geschmückt mit Gold bis über die Knie

Und Kupfer viel und Karneol,

Weideten Schafe, pflanzten Kohl,

Regelten Streit per Gleichstellungsquoten

Und hatten verletzende Wörter verboten.

 

Da sprach unter ihnen der Gleicheste

(Das war zudem der Reicheste):

„So laßt uns bauen eine Stadt

Mit einen Turm in ihrem Center,

Der nirgendwo seinesgleichen hat.

Dann wird das Leben effizienter!

Den höchsten Turm mit einer Spitze,

Die den Zenit des Himmels ritze.

Hier machen wir uns einen Namen!

Daß nicht zerstreut sei unser Samen

Unter Barbaren fremder Länder

Bis an des Mundus entlegenste Ränder!

 

Selbst aus der Ferne wie ein Berg,

Einzig in diesem flachen Lande,

Erhebe sich das Meisterwerk

Aus Sinears ödweilig tristem Sande!

 

Über durch Pfeiler gegliederten Wänden

Sieht man in unterschiedlichen Höhn

Dann Gärten den Menschen Schatten spenden,

Die dort auf den Terrassen gehn.

 

Zur ersten drei mächtige Treppen führen,

Ihr Winkel wird lassen Erhabenheit spüren

Auf jeder ihrer hundert Stufen,

Wenn zur Prozession berufen

Von oben über dem ebenen Land,

Wie herab vom Himmel gesandt,

In langem Zug gehüllt in Schweigen

Die Priester in wollenen Mänteln steigen

Vom krönenden Tempel der höchsten Etage

Hinab zu den Speichern und Webereien

Und Banken, die das Geld verleihen

An Bürger mit geringerer Gage.

 

Der höchste Tempel dien’ einzig nur

Der Anbetung unseres Gottes Merkur

Mit seinem schlangenumwundenen Stab,

Dieweil er uns den Wohlstand gab.

In seinem Gemach hinter güldenen Riegeln

Wird glänzen tiefblau die Glasur auf den Ziegeln.

 

Neben den Tempel kommt gleich das Archiv

Für Schuldverschreibung und Mahnungsbrief,

Die Registratur sowie der Kataster

Nebst Steuerverzeichnis der läßlichen Laster.

 

Hoch auf des obersten Tempels Dache

Halten dann Astrologen Wache,

Zählen im nächtlichen Dunkel die Sterne.

Deren Bewegungen selbst aus der Ferne

Sollen beeinflussen all unser Streben

Nach Reichtum und Glück, das menschliche Leben

Wie ebenso das Fließen der Flüsse,

Nach Dürren den Tag der Regengüsse,

Und daß die Fruchtbarkeit im Boden

Im Herbst uns schenke die Reineclauden.

 

Auch haben die weisen Astrologen

Berechnet des Mondes Umlaufbogen

Und in Monat und Woche, wie wunderbar,

Uns eingeteilt das ganze Jahr.

 

So sei es uns als Menschenwerk,

Das Höchste zu bauen den Götterberg

Für Gott Merkur, dann wird er uns gönnen,

Das Letzte zu wissen und jedes zu können!

 

Karret an denn den schluffigen Lehm, den weichen,

Und lasset uns daraus Ziegel streichen!

Ziegel zu Stein und Erdharz zu Kalk!

Das Feuer entfache der Blasebalg!

Wie wir es von den Vätern her kennen,

So wollen steinhart die Ziegel wir brennen!

Und Frieden und Glück und Wohlstand fürwahr

Wird einziehn beim Turmbau in Sinear!“

 

Nun war es ein lachend und scherzend Beginnen,

Ein freudiges in die Hände gespuckt,

Ein Schippen und Karren ohne Besinnen,

Da wurde nicht lange grübelnd geguckt.

Doch als gerade nach sieben mal sieben Jahren

Mit der siebten Terrasse sie fertig waren,

Da zeigten sich in der dritten Risse.

Und als sie beseitigt die Ärgernisse,

Da knirschten in der zweiten die Träger,

In der vierten neigten die Wände sich schräger,

Und Unmut zog ein im ganzen Land.

 

Die Agitatoren, redegewandt,

Entfachten das allgemeine Lästern,

Und allenthalben aus ihren Nestern

Krochen hervor die Brunnenvergifter,

Volksverführer und Unruhestifter!

Die Demagogen und Doktrinäre

Verkündeten als Heil die Lehre:

„Lasset aus unserer Mitte uns jagen

Die vordem hatten die Macht und das Sagen!“

 

Es drehte sich, wie eine Töpferscheibe,

Das Land: Es hungerten die hohen Räte,

Die Damen stopften selber die Nähte

Der Lumpen, die ihnen hingen am Leibe,

Und wagten sich zu sprechen nicht mehr.

Die Bürger mußten schuften schwer

Und rackernd sich abmühn, sich regen und schwitzen

Und mußten selbst an der Mühle sitzen!

Nicht wieder waren die Noblen zu erkennen,

Als man befahl, von ihrer Brut sie zu trennen,

Das zog durchs Land wie Fieberschauer!

Man warf ihre Kinder auf die Straße,

Die Meute schlug sie an die Mauer

Und schmiß sie hin, den Geiern zum Fraße.

 

Auch die Beamten waren abgetan,

Kein Amt stand mehr an seinem Platze,

Das Chaos zeigte seine Fratze,

Sinnlose Leute in ihrem Wahn

Der unbeschränkten Selbstentfaltung,

Die raubten dem Lande Maß und Verwaltung.

 

Und wo du sonst nie hingekommen,

Jedwede Bureaus, die standen offen!

Niemand ward mehr angetroffen,

Weit und breit stand alles leer!

Personenlisten weggenommen!

Und Untertanen gab’s nicht mehr!

 

Wohin sind gekommen all die Listen

Der Sackschreiber, die sich verpißten?

Oder sie wurden umgebracht,

Ausgetilgt durch Narrenmacht,

Und jeder folgte nun dem System,

Daß derart viel vom Korn er nehm’,

Wie er vom Korn sich nehmen will!

 

Selbst in den Sälen der Gerichte

Stolzierten blasiert die geringsten Wichte.

Niemand da, der sie verstößt!

Das Haus der Dreißig stand entblößt!

 

Keiner wagte mehr zu ackern,

Sich beim Bauen abzurackern.

Kein Holz mehr ward ins Land gebracht.

Der Boden lag wüst und außer Acht

Und alles Feld blieb unbestellt.

 

Jetzt gab es bald kein Getreide mehr,

Denn alle Speicher blieben leer,

Bis in Hungerqualen und Höllenpeinen

Das Futter sie klaubten aus Trögen von Schweinen.

 

Von nun an hielt man sich nicht mehr reinlich,

Grind und Dreck schienen keinem mehr peinlich,

Kot und Mist lagen kreuz über quer.

Man blickte gehässig, man lachte nicht mehr.

Die Wörter wurden fast täglich diffuser,

Die Sprache unverständlich konfuser.

Die Schreiblehrer waren überflüssig,

Die Kinder des Lebens überdrüssig.

 

Die Geburten nahmen ab zumal,

Vermindern tat sich der Menschen Zahl,

Und von der Wüste bis hin an das Meer,

Wuchs bei den Menschen nur ein Begehr,

Daß alles sich in den Abgrund zöge

Und endlich zugrunde gehen möge.

 

Und da begann das Reich des Pöbels

 

(Hier bricht der lesbare Teil der Tafel noch vor ihrer Bruchstelle ab…)

 

Erderkaltung

 

8. März 2020: Serapion an Mephisto

 

Wir befinden uns im Jahr 20 des 21. Jahrhunderts.

Auf zahlreichen Linien ist der Flugverkehr zusammengebrochen. Weltweit wird an unzähligen Orten die Produktion stillgelegt. Über New York wird der Ausnahmezustand verhängt. Millionenstädte sind abgeriegelt. Die Bewegungsfreiheit wird drastisch eingeschränkt und öffentliche Zusammenkünfte der Menschen werden untersagt. Schulen, Universitäten, Theater, Kinos, Konzerthallen, Museen und Sportclubs werden geschlossen. Es gelten Ein- und Ausreiseverbote. Selbst innerhalb der Sperrzonen dürfen sich die Einwohner nicht mehr frei bewegen und ihre Wohnungen nur in genehmigten Ausnahmefällen verlassen.

Zwischen den Menschen ist ein Mindestabstand einzuhalten.

Obendrein bringen schwachsinnige Eltern ihre unschuldigen Kinder an die Grenze des Abendlandes mit seinen Werten. Wo die Kinder beschossen werden von vorn mit abendländischen und sie beschossen werden von hinten mit morgenländischen Gasgranaten.

Wir befinden uns im Jahr 20 des 21. Jahrhunderts.

 

Warum läuft Herr R. Amok?

 

22. Februar 2020: Serapion an Mephisto

 

„Warum läuft Herr R. Amok?“ ist ein Film des Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1969.

Den ich Dir empfehle.

Die Menschen von heute sind die gleichen noch wie 1914.

Aber sie haben das Internet.

Und en masse haben sie farbige Schwarz-Weiß-Filme wie „Star Wars“, und sie wissen darum immer ganz genau, was schwarz ist und was weiß, und denken, wenn sie denken, daß sie denken.

Gegen 7 Uhr, am Morgen danach, habe ich neben der Hanauer „Arena Bar“, vor und in der von Tobias R. fünf weitere wehrlose, ihrem Mörder völlig unbekannte Menschen abgeknallt worden waren, statt ihnen einmal in ihre Augen zu schauen, gegen 7 Uhr morgens habe ich dort einen älteren Mann, überwältigt von seinem übermenschlichen Schmerz, entsetzlich weinen sehen.

Es gibt keinen Trost mehr!