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Thalatta ! Thalatta !

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Auf der andern Seite

 

30. August 2019: Serapion an Mephisto

 

 

Gründer

 

Geschäftig sind die Menschenkinder,

Die große Zunft von kleinen Meistern,

Als Mitbegründer, Miterfinder

Sich diese Welt zurechtzukleistern.

 

Nur leider kann man sich nicht einen,

Wie man das Ding am besten mache.

Das Bauen mit belebten Steinen

Ist eine höchst verzwickte Sache.

 

Welch ein Gedrängel und Getriebe

Von Lieb und Haß bei Nacht und Tage,

Und unaufhörlich setzt es Hiebe,

Und unaufhörlich tönt die Klage.

 

Gottlob, es gibt auch stille Leute,

Die meiden dies Gewühl und hassen’s

Und bauen auf der andern Seite

Sich eine Welt des Unterlassens.

 

 

Wilhelm Busch (1832 – 1908)

 

Selbst Pommerland ist abgebrannt

 

26. August 2019: Mephisto an Serapion

 

 

Bildnis eines lieblichen Mädchens

 

Wie gern seh ich das Photo wieder,

Sein Anblick fährt mir in die Glieder,

Es leuchtet sanft hier dein Gesicht,

Beschienen mild vom Abendlicht.

 

Ich knipste dich vor einer Mauer

Als Brustbild von papierener Dauer,

Mir wünschend, ewig dich zu sehn,

Im zarten Licht an der Mauer stehn.

 

Ich photographierte es vor Zeiten,

Die waren mehr als Kleinigkeiten.

Die Mauer hatte nicht Bestand,

Selbst Pommerland ist abgebrannt.

 

Auch ich kam öfter in Bedrängnis,

Geriet sogar mal ins Gefängnis.

Die Jahre vergehen, es wechselt ihr Geist,

Unsterbliche einst sind vergessen zumeist.

 

Doch auf dem Bild erscheint das Wahre,

Das auf den Lippen, im Glanz der Haare,

Im Lächeln deiner Augen liegt:

Du hattest recht, die Liebe siegt!

 

Zur Erinnerung

 

10. Juni 2019: Serapion an Mephisto

 

 

Die teuflische Tragödie

 

Im ungleichen Gefecht willst du dich halten?

Dies wird dir ungewohnte Geister wecken!

Die mußt du zügeln und sogar verstecken:

Darfst deine kargen Kräfte nicht zerspalten.

 

Weißt du dich klug und besser als die kalten,

Verlognen Feinde? Darfst sie doch nicht necken!

Wirst sonst an ihrer Übermacht verrecken:

Mußt lassen deine Vor- und Nachsicht walten.

 

Denn bist du wahrlich im Besitz des Wahren,

So wirst du auch naturgesetzlich siegen:

Ihr Tun wird ihren Fehler offenbaren!

 

Dann kannst du triumphieren und erfahren:

Du mußt nicht mal den kleinsten Finger biegen

Für deinen Sieg… in hundertfünfzig Jahren!

 

 

Es kommen härtere Tage oder Der teuflischen Tragödie zweiter Teil

 

Es kommt nun eine Zeit, die werden wir nicht lieben.

Die Jahre zogen hin, wir standen voll im Saft,

Da gab’s die Mastercard, die galt es reinzuschieben,

Und prompt kroch durch den Schlitz soziale Marktwirtschaft.

 

Du meinst, das sei nicht so, die Jahre waren mager?

Du kamst mal eben hin und lebtest nicht leger?

Dann zieh jetzt Lehren draus, sonst bleibst du ein Versager

Und siehst, welch Glück in harten Zeiten blüht, erst immer hinterher…

 

 

Meinen Feinden wünsche ich, daß ihre Kinder in Luxus leben!“

Antisthenes (um 444 v. Chr. – ca. 368 v. Chr.)

 

Und was noch folgt, ist kaum auszumalen!

 

3. Juni 2019: Serapion an Mephisto

 

 

Eine Zuschauerin im Flughafen

 

»Nie wieder wird’s Menschen geben,

Die so viel erleben,

Wie wir, in unsrer gigantischen Zeit!

Der Weltkrieg und die ihm folgenden Leiden –

Wird keiner auch uns darum beneiden –

Haben doch alles, was in der Welt

Früher geschah, in den Schatten gestellt.

O unsre Zeit! Und speziell unser Land!«

 

Der Platzleiter bückte sich, hob galant

Ein Buch auf, gab’s mit der linken Hand

Der Dame zurück, nicht mit der rechten.

(Er war im Kriege in Luftgefechten

Dreimal abgeschossen und rühmlichst bekannt.)

 

»Danke. – Ach, wie der Gedanke erhebt:

Nie wird – nie hat eine Generation

Soviel Erfindungen neu erlebt.

Denken Sie nur an Edison,

An Fahrrad, Auto und Grammophon,

An Kino, Radio, Röntgenstrahlen,

Schon Trambahn, Rohrpost und Salvarsan.

All das hat unsere Zeit getan!

Und was noch folgt, ist kaum auszumalen.

Wir schreiten weiter von Siegen zu Siegen.

Nicht Fortschritt mehr, sondern Fortflug. Wir fliegen

Empor. Wir werden zu höheren Fernen

Schweben, zum Mars und zu sämtlichen Sternen.

Wir werden vielleicht

Die alleräußerste Peripherie

Des Weltalls erreichen. – –

Ich danke Ihnen, das haben Sie

Und Ihresgleichen

Durch Ihr Genie und durch Mut erreicht.«

 

Die Dame schwieg, und sie fächelte

Mit ihren Armen, als wollte sie fliegen.

 

Der Flugplatzleiter lächelte.

»Bin oft nach der Sonne zu aufgestiegen«,

So sagte er heiter,

»Doch zog sie sich immer um jedes Stück

Meiner erstrebten Annäherung weiter

Und höher zum alten Abstand zurück.«

 

 

Joachim Ringelnatz (1929)

 

Zur Erinnerung

 

27. April 2019: Serapion an Mephisto

 

 

9. November 1989

 

Wir sahen das Rad der Geschichte sich drehen

Ein gutes Stück.

Wir haben gesehen, daß Wunder geschehen,

Wir hatten Glück.

 

Wo Ängste und Zwänge die Menschen regieren,

Wächst kein Gedeih.

Auf Dauer, da läßt sich das Hirn nicht dressieren,

Gedanken sind frei!

 

Despoten, die eitel den Volkstribun spielten,

Wo sind sie seither?

So manche, die für unsterblich wir hielten,

Die kennt keiner mehr.

 

Wir Menschen sind fehlbar und können verüben

Viel Schmerz und Leid.

Wenn Menschen sich irrten, so lasset uns üben

Barmherzigkeit.

 

Man sollte euch peitschen!

 

15. April 2019: Serapion an Mephisto

 

 

Die Sprachverderber

 

Ihr böse Teutschen,

Man sollt euch peutschen,

Daß ihr die Muttersprach

So wenig acht.

Ihr liebe Herren,

Das heißt nicht mehren,

Die Sprach verkehren

Und zerstören.

 

Ihr tut alles mischen

Mit faulen Fischen,

Und macht ein Misch-Gemäsch,

Ein wüste Wäsch,

Ich muß es sagen,

Mit Unmut klagen,

Ein faulen Haufen Käs,

Ein seltsams Gfräß.

 

Wir hans verstanden

Mit Spott und Schanden,

Wie man die Sprach verkehrt

Und ganz zerstört.

Ihr böse Teutschen,

Man sollt euch peutschen.

In unserm Vatterland;

Pfui dich der Schand!

 

 

Johann Michael Moscherosch (1601 – 1669)

gekürzt, Hervorhebung von Serapion

 

Brennpunkt

 

9. März 2019: Serapion an Mephisto

 

R e t t e t  u n s e r e r  S p r a c h e

R e i c h t u m

 

vor

 

J e n d a n,

W i s s e l b l o a n

und

F e k n j u s

 

nebst all der unsäglichen
Scheißkackmistarschlochsprachverhunzung
der üblen üblich übel schwätzenden
Nichtdenker
und
Leifsager

!

 

Der Plan, endgültig Frieden zu stiften

 

1. März 2019: Serapion an Mephisto

 

DAS LETZTE KAPITEL

 

Am 12. Juli des Jahres 2003

lief folgender Funkspruch rund um die Erde:

daß ein Bombengeschwader der Luftpolizei

die gesamte Menschheit ausrotten werde.

 

Die Weltregierung, so wurde erklärt, stelle fest,

daß der Plan, endgültig Frieden zu stiften,

sich gar nicht anders verwirklichen läßt,

als alle Beteiligten zu vergiften.

 

Zu fliehen, wurde erklärt, habe keinen Zweck.

Nicht eine Seele dürfe am Leben bleiben.

Das neue Giftgas krieche in jedes Versteck.

Man habe nicht einmal nötig, sich selbst zu entleiben.

 

Am 13. Juli flogen von Boston eintausend

mit Gas und Bazillen beladene Flugzeuge fort

und vollbrachten, rund um den Globus sausend,

den von der Weltregierung befohlenen Mord.

 

Die Menschen krochen winselnd unter die Betten.

Sie stürzten in ihre Keller und in den Wald.

Das Gift hing gelb wie Wolken über den Städten.

Millionen Leichen lagen auf dem Asphalt.

 

Jeder dachte, er könne dem Tod entgehen.

Keiner entging dem Tod, und die Welt wurde leer.

Das Gift war überall. Es schlich wie auf Zehen.

Es lief die Wüsten entlang. Und es schwamm übers Meer.

 

Die Menschen lagen gebündelt wie faulende Garben.

Andre hingen wie Puppen zum Fenster heraus.

Die Tiere im Zoo schrien schrecklich, bevor sie starben.

Und langsam löschten die großen Hochöfen aus.

 

Dampfer schwammen im Meer, beladen mit Toten.

Und weder Weinen noch Lachen war mehr auf der Welt.

Die Flugzeuge irrten, mit tausend toten Piloten,

unter dem Himmel und sanken brennend ins Feld.

 

Jetzt hatte die Menschheit endlich erreicht, was sie wollte.

Zwar war die Methode nicht ausgesprochen human.

Die Erde war aber endlich still und rollte,

völlig beruhigt, ihre bekannte elliptische Bahn.

 

 

Erich Kästner (1899 – 1974)

 

Kästner gehört zu den wenigen deutschen Nichtnazis von Ruf und Rang, die die heutigen Verhältnisse genau kennen.

Carl Zuckmayer (1896 – 1977)

 

Du seist lieb im Herzen mir

 

8. Februar 2019: Serapion an Mephisto

 

Delila

(Richter 16,4-16,21)

 

Einst an dem Bache Sorek

Gewann der Simson lieb

Ein Weib, das hieß Delila,

Mit der vereint er blieb.

 

Doch der Philister Fürsten

Kamen hierauf zu der,

Um insgeheim zu sprechen

Delila von ihrem Begehr.

 

Du sollst ihn überreden

Zu zeigen dir, worin

So scheinbar unermeßlich

Er seine Kraft gewinn‘.

 

Womit wir ihn übermögen,

Auf daß wir binden ihn

Und Simson endlich zwingen,

So er nicht kann entfliehn.

 

Dann wollen wir dir geben,

Es sei uns nicht gering,

Ein jeglicher von uns tausend

Und hundert Silberling.

 

Delila sprach zu Simson:

O Simson sage mir,

Worin die große Kraft sei,

Als deine Pracht und Zier!

 

Und wie man dich binden könnte,

Und wie einer dich bezwäng‘,

So er dich fesseln wollte

Mit Stricken fest und eng?

 

Da sprach der Simson zu ihr:

Wenn einer aus frischem Bast

Mich bände mit sieben Seilen,

Der hätte mich gefaßt!

 

Mit unverdorrten Seilen

Gefesselt siebenfach,

So wär‘ ich wie andere Menschen,

Ich würde matt und schwach.

 

Da brachten ihr die Fürsten

Aus der Philister Land

Aus frischem Bast die Seile,

Womit Delila ihn band.

 

Und rings um ihre Kammer,

Da lauerte man zuhauf,

Den Simson zu bezwingen,

Daß er ihnen nicht entlauf‘.

 

Und wie geheim beredet,

Gemäß der Fürsten Begier,

Delila sprach zu Simson:

„Philister über dir!“

 

Er aber zerriß die Seile,

Wie eine flächsene Schnur

Zerreißt, als röche sie Feuer,

Als wär’s ein Leichtes nur.

 

So blieb er ungebunden

Und unverletzt gesund,

Doch wo seine Kraft herkäme,

Zu wissen ward nicht kund.

 

Da sprach Delila zu Simson:

Siehe, du hast mich getäuscht

Und hast mir gelogen, nun sag‘ doch,

Was ich zum Binden bräucht‘.

 

Gebunden mit neuen Stricken,

Mit denen nie Arbeit geschehn,

Das antwortete ihr da Simson,

So muß meine Kraft vergehn.

 

Mit ungebrauchten Stricken

Gefesselt mannigfach,

So wär‘ ich wie andere Menschen,

Ich würde matt und schwach.

 

Delila nahm neue Stricke,

Mit denen sie Simson band,

Derart er lag in Fesseln,

Die waren fest gespannt.

 

Und rings um ihre Kammer,

Da lauerte man zuhauf,

Den Simson zu bezwingen,

Daß er ihnen nicht entlauf‘.

 

Und wie geheim beredet,

Gemäß der Fürsten Begier,

Delila sprach zu Simson:

„Philister über dir!“

 

Doch er von seinen Armen,

Als gäb’s kein Hindernis,

Wie einen bloßen Faden

Herab all die Stricke zerriß.

 

Delila aber sprach zu ihm:

Bisher hast du mich getäuscht

Und hast mir gelogen, nun sag‘ doch,

Was ich zum Binden bräucht‘.

 

Wenn du mir die sieben Locken,

Die auf dem Haupte mein,

Flöchtest in ein Gewebe

Und schlügst einen Nagel darein.

 

Mit angenagelten Locken

Gebunden mannigfach,

So wär‘ ich wie andere Menschen,

Ich würde matt und schwach.

 

Und wie geheim beredet,

Gemäß der Fürsten Begier,

Delila sprach zu Simson:

„Philister über dir!“

 

Er aber erwachte vom Schlafe

Und machte sich nichts draus,

Er zog die geflochtenen Locken

Im Gewebe samt Nagel heraus.

 

Sie sprach: Wie kannst du sagen,

Du seist lieb im Herzen mir!

Dreimal hast du mir gelogen,

Worin die Kraft in dir!

 

Wie sie ihn aber drängte

Mit Worten Tag um Tag,

Ward todmatt seine Seele

Von all der Qual und Plag‘.

 

Nie ist ein Scherenmesser

Gekommen auf mein Haupt,

Wenn man mich damit schöre

Wär ich der Kraft beraubt.

 

Denn mit geschorenem Haupte,

Das wäre mir Weh und Ach,

So wär‘ ich wie andere Menschen,

Ich würde matt und schwach.

 

Als nun Delila merkte,

Daß er sie nicht länger narrt,

Ließ sie den Fürsten melden,

Er habe sein Herz offenbart.

 

Und wie der Philister Fürsten

Sahn Simsons Geheimnis erkannt,

Sie kamen und brachten die Gelder

Mit sich in ihrer Hand.

 

Nun ließ sie ihn entschlafen,

Selig in ihrem Schoß,

Mit seinem lockichten Haupte

Hüllen- und willenlos.

 

Und also rief sie einem

Und hat sie einem erlaubt,

Daß er Simsons Locken schöre

Und ihn seiner Kraft beraubt.

 

Sie suchte, ihn zu zwingen,

Zu prüfen seine Kraft,

Und siehe da, sie spürte,

Die Kraft war weggerafft.

 

Und wie es dessen sicher

Und sonder Gefahr schien ihr,

Delila sprach zu Simson:

„Philister über dir!“

 

Da er vom Schlaf erwachte,

Wie immer dachte er,

Sich frei wieder loszureißen,

Zu gehen ohne Beschwer.

 

Er dachte frei zu gehen,

Befangen in dem Wahn,

Und hatte doch nicht verstanden,

Daß der HERR ihn nun abgetan.

 

Es griffen ihn die Philister

Und stachen die Augen ihm aus

Und führten hinab ihn gen Gaza,

Sie führten den Simson landaus.

 

Dort banden sie ihn in Ketten,

Mit ehernen Ketten zwei,

Im Kreise zu drehen ein Mühlrad

In elender Schinderei.

 

Und nicht nur in seinem Land !

 

16. Januar 2019: Serapion an Mephisto

 

Ich kann nie ohne tiefe Bewegung an ihn denken.

Am Donnerstag, am frühen Nachmittag des 16. Januar heute vor 50 Jahren kaufte sich der als still, schüchtern und wahrheitsliebend beschriebene zwanzigjährige Student Jan Palach am Prager Wenzelsplatz einen Eimer und dann an einer Tankstelle Benzin, goß es sich vor der Treppe des Nationalmuseums über seinen Kopf und entzündete sich mit einem Streichholz. Als lichterloh brennende Fackel rannte er über den Platz, bis ein Mann mit seinem Mantel die Flammen erstickte.

Infolge schwerster Verbrennungen starb er nach drei Tagen im Krankenhaus.

Es war ihm wichtig, daß ihn die Menschen verstünden: Daß er kein Selbstmörder war!

Aber jeder verstand, das ganze Land“, erinnerte sich die diensthabende Ärztin Jaroslava Moserová an den ersten Tag, da er noch sprechen konnte.

Er sagte:

 

Der Mensch muss das Böse so gut wie nur möglich bekämpfen.“

Jan Palach (11. August 1948 in Mělník – 19. Januar 1969 in Prag)

 

 

Es gibt Heldentaten, deren nur die ganz Schüchternen fähig sind.“

Pierre Gascar (1916 – 1997)