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Thalatta ! Thalatta !

Schlagwort-Archiv: Serapion

Das Canapee ist mein Vergnügen

 

11. November 2018: Serapion an Mephisto

 

Das Canapee ist mein Vergnügen,

Drauf ich mir was zu Gute tu;

Da kann ich recht vergnüget liegen

In einer ausgestreckten Ruh‘.

Wenn mir tun alle Glieder weh,

So leg‘ ich mich auf’s Canapee.

 

Wann mir von Sorgen und Gedanken

Der Kopf als wie ein Triller geht;

Gesetzt, das Herz fing‘ an zu wanken

Als wie ein Schiff, wenn’s Stürmen geht

Bei den Windwellen auf der See,

Dann leg‘ ich mich auf’s Canapee.

 

Ich tu auch gerne Coffee trinken,

Und wenn man mir mit diesem Trank

Auf eine deutsche Meil‘ wird winken;

Denn ohne Coffee bin ich krank;

Doch schmeckt mir Coffee und Tee

Am besten auf dem Canapee.

 

Ein Pfeifchen Knaster ist mein Leben,

Das ist mein fünftes Element,

Das kann der Zunge Kühlung geben,

Wenn auch die Sonne heftig brennt.

Ich rauche, wo ich geh‘ und steh‘,

Auch liegend auf dem Canapee.

 

Wenn mir bei heißen Sommertagen

Die Decken zu beschwerlich sein,

Muß mir mein Canapee behagen,

Da schlaf ich ungebeuget ein;

Da beißen mich auch keine Flöh‘

Auf meinem lieben Canapee.

 

Wenn ich mich in die Länge strecke,

So setzt mein Schätzchen sich zu mir,

Es hält mir anstatt einer Decke

Ein lilienweißes Kißchen für!

Das kutzelt in der großen Zeh

Auf meinem lieben Canapee.

 

Gesetzt, ich werde auch malade,

Daß ich ein Patiente bin,

In Schwach- und Krankheit ich gerate,

So recolligieret sich mein Sinn,

Das letzte schmerzliche Adieu

Zu sagen auf dem Canapee.

 

Wie wollt‘ ich meine Ruhe haben,

Die Mißgunst aber ist so groß,

Man wird mich andern gleich begraben,

Mein Leib fault in der Erde Schoß;

Wiewohl das tut mir gar nicht weh,

Der Geist schwebt um das Canapee.

 

 

Anonym (1740)

 

Von der Kultur beleckt

 

18. Oktober 2018: Serapion an Mephisto

 

Die Zunge der Kultur reicht weit

 

Die Zunge der Kultur reicht weit!

Wohin sie sich erstreckt,

da wird der Mensch nebst seiner Zeit

so lang wie hoch und weit und breit

von der Kultur beleckt.

 

Oh, daß sie tausend Zungen hätte!

Noch gibt es Neger ohne Uhr,

und Dörfer ohne Operette,

und Eskimos ohne – Pardon! – Klosette!

Die Zunge raus, Kultur!

 

Noch gibt es Frauen, die den Nabel zeigen

und ohne Kleid und Scham spazieren gehn.

Noch gibt es Männer, die im Dunkeln geigen,

und Leute, die, selbst wenn sie dumm sind, schweigen.

Man kann das kaum verstehn…

 

Denn wir stelln unsre Kinder künstlich her

und unsre Nahrung in Tablettenform.

Das Altern kennen wir nicht mehr.

Bouillon mit Ei gewinnen wir aus Teer.

Kurzum: Es ist enorm!

 

Der Straßenkehrer braucht das Abitur

und muß belesen sein in Schutz und Schmutz.

Da denkt man manchmal: Die Kultur,

sie kann uns am -! Sie soll uns nur -!

Sie ist dazu imstand und tut’s.

 

 

Erich Kästner (1899 – 1974) 1928

 

 

haben himmlischen abend mit pünktchen und anton. ich wünschte sie könnten mein kind lachen hören, tausend grüsse und dank.“

Marlene Dietrich Telegramm an Erich Kästner

 

Nichts ist routinierter als die Ironie. Dies ist der Umstand, der dem Fall einige Ähnlichkeit mit dem Fall Heine gibt.“

Walter Benjamin

 

Kästner saß im Café neben dem Tod. Gab es einen Engel oder Teufel, der ihn schützte?“

Wolfgang Koeppen

 

Ich habe heute geschossen auf Lenin

 

6. September 2018: Serapion an Mephisto

 

 

In memoriam Fanja

 

Ich habe heute geschossen auf Lenin,

Und zwei von drei Schüssen trafen ihn.

 

Das hab‘ ich nach eigener Entscheidung getan.

Ich heiße Fanja Jefimowna Kaplan.

 

So ward ich im Zwangsarbeitslager genannt,

In das lebenslang man mich hatte verbannt.

 

Zum Tode verurteilt zuerst, vor zwölf Jahren,

Nach einem Anschlag auf einen Amtmann des Zaren.

 

Nach dem Februar siebzehn ließ man mich frei

Aus transbaikalischer Barbarei.

 

Lenin zu töten, hatte ich lang schon beschlossen,

Das ist willentlich meiner Entscheidung entsprossen.

 

Sinnlos ist es deshalb, mich zu fragen,

Woher der Revolver, nie werd‘ ich das sagen.

 

Ihr könnt mich foltern, zerhacken und verbrennen,

Ich werde euch keine Einzelheit nennen.

 

Doch Lenins Putsch, das war ein Verbrechen!

Es wird sich bitter schlimm noch rächen!

 

Ihr werdet in Blut und Tränen waten!

Er hat die Revolution verraten!

 

Wenn Menschen gläubig auf Lenin hören,

So wird das den Sozialismus zerstören!

 

 

Fanja, Familienname Roitman (geboren am 10. Februar 1890 irgendwo im zaristischen Wolhynien – nach ihrem Attentat vom 30. August erschossen am 3. oder 4. September 1918 in Moskau, sterbliche Überreste restlos vernichtet)

 

 

Isaak Steinberg, frisch ernannter „Volkskommissar“ für „Justiz“: „Wozu haben wir überhaupt ein Volkskommissariat für Justiz? Nennen wir es doch einfach ‚Kommissariat für soziale Ausrottung‘ und kümmern wir uns nicht mehr darum!“

Wladimir Iljitsch Lenin, Vorsitzender der kommunistischen Partei Rußlands, der selbsternannten „Bolschewiki“: „Gut formuliert, genau das soll es sein. Aber das können wir nicht sagen.“

(Februar 1918)

 

Heilende Resonanzen

 

3. September 2018: Serapion an Mephisto

 

Angelusläuten

 

Es ist immer schön in der Gefängniszelle,

Die eine Kirchenglocke zu hören,

Allabendlich von einer nahen Stelle

Scheint sie das Leben zu beschwören.

 

Mit weltenbrandberuhigenden Klängen,

Gebärend heilende Resonanzen,

Wenn sie sich durch die Lüftungsschächte drängen

Und hinter trüben Glasbausteinen tanzen.

 

Wo alles sich durch Glück beweist

 

17. August 2018: Serapion an Mephisto

 

Einsamer nie –

 

Einsamer nie als im August:

Erfüllungsstunde – im Gelände

die roten und die goldenen Brände

doch wo ist deiner Gärten Lust?

 

Die Seen hell, die Himmel weich,

die Äcker rein und glänzen leise,

doch wo sind Sieg und Siegsbeweise

aus dem von dir vertretenen Reich?

 

Wo alles sich durch Glück beweist

und tauscht den Blick und tauscht die Ringe

im Weingeruch, im Rausch der Dinge –

dienst du dem Gegenglück, dem Geist.

 

 

Gottfried Benn (1886 – 1956)

 

Nur Beharrung führt zum Ziel

 

20. Juli 2018: Serapion an Mephisto

 

 

Spruch des Konfuzius

 

Dreifach ist des Raumes Maß:

Rastlos fort ohn Unterlaß

Strebt die Länge, fort ins Weite

Endlos gießet sich die Breite,

Grundlos senkt die Tiefe sich.

 

Dir ein Bild sind sie gegeben:

Rastlos vorwärts mußt du streben,

Nie ermüdet stille stehn,

Willst du die Vollendung sehn;

Mußt ins Breite dich entfalten,

Soll sich dir die Welt gestalten;

In die Tiefe mußt du steigen,

Soll sich dir das Wesen zeigen.

Nur Beharrung führt zum Ziel,

Nur die Fülle führt zur Klarheit,

Und im Abgrund wohnt die Wahrheit.

 

 

Friedrich Schiller (1759 – 1805)

 

Die Rache des blutigen Zwerges

 

1. Juli 2018: Serapion an Mephisto

 

Bei dem Mann handelt es sich um einen Ukrainer. Und als solcher hatte er auf der Krim gelebt und sich empört gegen deren Annexion wider allen Rechtes durch die Russen. Da wurde er gegen seinen Willen selbst zum russischen Staatsbürger erklärt und, im einundzwanzigsten Jahrhundert, in typisch russischer, also zaristischer Manier verurteilt zu 20 Jahren Haft.

In Worten: Zwanzig!

Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf, zwölf, dreizehn, vierzehn, fünfzehn, sechzehn, siebzehn, achtzehn, neunzehn, zwanzig…

Zwanzig Jahre…

Es handelt sich also um den ukrainischen Regisseur Oleh Senzow.

Nach typisch zaristischer, also russischer Manier verschleppte man den Mann in eine Strafkolonie an den nördlichen Polarkreis. Sein Haftort für die nächsten zwanzig Jahre heißt Labytnangi.

Michail Chodorkowski, der selbst zehn Jahre in russischer, also unmenschlicher Haft verbringen mußte, sagt im aktuellen SPIEGEL: „Zwanzig Jahre Haft im hohen Norden übersteht nur, wer da geboren ist oder sich an das Klima anpassen kann. Senzow ist zu alt dafür.“

Seit Mai befindet sich Oleh Senzow im Hungerstreik.

Er wird künstlich ernährt.

Er fordert die Freilassung von 64 Ukrainern in russischer Gefangenschaft.

Ausdrücklich hat er sich selbst ausgenommen.

Er weiß, daß er auch nicht damit rechnen kann, selber freizukommen.

Denn in dem verbrecherischen Prozeß gegen ihn soll er Putin als „Blutigen Zwerg“ tituliert haben aus irgend einem Grund.

 

Putin ist ein Betrüger, ein Mörder und ein KGB-Agent.“

US-Senator John McCain

 

Hungerstreik und Spiele

16. Juni 2018: Serapion an Mephisto

Der lupenreine Auftraggeber, in seinem Bestreben, seinen Untertanen den lupenreinen Demokraten vorzuführen, frönt der Angewohnheit, jedes Jahr die landesweite Inszenierung eines Fernsehspektakels in Auftrag zu geben, bei der er gewissermaßen dem einfachen Volke dessen Fragen beantwortet. So auch vorige Woche, worüber am Donnerstag, dem 7. Juni, der Deutschlandfunk nachrichtlich meldete:

Russlands Präsident Putin droht der Ukraine

Der russische Präsident Putin hat die Ukraine vor – wie er sagte – „Provokationen“ während der Fußball-Weltmeisterschaft gewarnt.

Wenn die ukrainische Armee in dieser Zeit Separatistenstellungen im Osten des Landes angreife, werde das sehr schwere Folgen für die ukrainische Staatlichkeit haben, sagte Putin während einer Fragestunde im Fernsehen.
Im Osten der Ukraine kämpfen Separatisten seit vier Jahren für einen unabhängigen Staat und werden dabei von Russland unterstützt. Im März 2014 annektierte die russische Regierung die ukrainische Halbinsel Krim.

Diese Meldung einer ungeheuerlichen Ungeheuerlichkeit zeigt zum einen erst einmal, daß sich immerhin eine Kleinigkeit gewandelt hat. Und zwar nach meiner Beobachtung seit dem jüngsten Giftanschlag in London und der zeitnahen Veröffentlichung des Zwischenberichtes über den Untersuchungsstand zum Abschuß der Passagiermaschine des Fluges MH18. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, daß früher in der deutschen Berichterstattung derart deutlich und ohne jedes Wenn und Aber und sogar ohne das mindeste eines des seit etwa zwei Jahren inflationär grassierenden „mutmaßlich“ die auf der Hand liegende Tatsache einer russischen Unterstützung sogenannter Separatisten in der Ukraine wie selbstverständlich ausgesprochen wurde.

Zum anderen zeigt sich jedoch auch, daß die sich daraus ergebende Folgerung, nämlich daß Rußland und sein lupenreiner Auftraggeber als Kriegspartei nicht wie Deutschland und Frankreich neutral vermittelnd ist und sein kann zwischen der Ukraine und den russischen Marionetten, den sogenannten Separatisten. Und daß selbige simple Tatsache in bundesdeutschen Medien nicht einer geringsten Beachtung, geschweige denn einer angemessenen Erörterung, für Wert erachtet wird.

Und es wäre doch so wichtig angesichts der in Deutschland noch immer praktizierten tatsachen- und geschichtsignoranten rußlandfreundlichen Verklärungen!

Vor allem in Ostdeutschland und in bayerischen Regierungskreisen und bei der in solchen Dingen wie immer aus Profitgeilheit unbekümmert kurzsichtig agierenden Wirtschaft.

Doch das Allerwichtigste findet überhaupt keine Beachtung:

Vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft schreibt der lupenreine Auftraggeber in dreister Offenheit einem souveränen Nachbarland vor, was dieses auf seinem Territorium zu tun und zu lassen habe!

Und bedroht es in seiner Staatlichkeit.

Was ja wohl heranreicht an eine Kriegsdrohung!

Und der Westen und die sogenannte Europäische Union mit ihrer gemeinsamen sogenannten Außenbeauftragten und Deutschland reagieren nicht im geringsten oder stellen dem aggressiven Erpresser wenigstens mal eine Frage.

Auf was für ein erschütterndes Niveau ist der deutsche Journalismus gesunken!

Keinerlei Erörterung in bundesdeutschen Medien!

Stattdessen einen Tag später als typischer SPD-Mann der frohgemute Oppermann als typischer sozialdemokratischer Rußlandgesundbeter, und zwar wieder in den Nachrichten des Deutschlandfunks:

Oppermann (SPD): „Sportereignisse können helfen, das Eis zu brechen“

Bundestagsvizepräsident Oppermann hat sich gegen einen generellen politischen Boykott der anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft in Russland ausgesprochen.

Er sei der Ansicht, diese sollte nicht „total politisiert“ werden.

Total!

„Damit wird nichts gewonnen.“ Ob jemand zu den WM-Spielen nach Russland reise, „das muss jeder selbst entscheiden“. Die Olympischen Spiele in Südkorea hätten gezeigt, dass solche Sportereignisse „auch helfen können, das Eis zu brechen“. Deshalb plädiere er dafür, solche Gelegenheiten immer auch zu politischen Gesprächen zu nutzen.
Oppermann spielt heute mit der Fußballmannschaft des Bundestages in Moskau gegen Abgeordnete der russischen Duma. Fußball könne auch eine Sprache sein, die politisch wirke, sagte der SPD-Politiker im Deutschlandfunk. Es sei unbestritten, dass es erhebliche Differenzen zur Politik von Präsident Putin gebe.

Tapferes Kerlchen, der Oppermann!

Unbestritten!

Aber…

„Aber die Russen sind nicht unsere Feinde und deshalb wollen wir diese sportliche, menschliche Begegnung nutzen, um unsere Gesprächsbereitschaft auch zu zeigen“, betonte Oppermann.

Gesprächsbereitschaft!

Auch zeigen!

Damit der Auftraggeber Bescheid weiß!

Für Friede, Freude, Fußballfreundschaft – immer bereit!

Der Zeitpunkt dafür könne nicht besser sein, weil es in der nächsten Woche einen neuen Anlauf zu einer Lösung des Ukraine-Konflikts geben solle.

Seltsam, der neue Anlauf zu einer Lösung des Ukraine-„Konflikts“, wie Oppermann die russische Aggression zur Gewinnung „Neurußlands“ als Korridor zur Krim und potentiell über Odessa nach Transnistrien nennt, ist zufälligerweise, trotz all der krampfhaft gezeigten Gesprächsbereitschaft, gescheitert. Weil die Seite des lupenreinen Auftraggebers sich anmaßt, aus irgendeinem Grund eine Blauhelmmission nicht zu akzeptieren, die den sogenannten Waffenstillstand dergestalt überwachte, daß auf ukrainischem Staatsgebiet auch die Grenze zu Rußland kontrolliert würde.

Ja, so ist das.

Gestern ein Lichtblick: Der deutsch-russische Autor („Russendisko“) Wladimir Kaminer im Deutschlandfunk:

Stefan Heinlein: Nun also rollt der Ball in Russland. Gestern Nachmittag der Anpfiff für die 21. Fußball-Weltmeisterschaft. 5:0 zum Auftakt, ein klarer Sieg des Gastgebers gegen Saudi-Arabien. Vor der Partie die große Eröffnungs-Show mit Robbie Williams, allerdings ohne westliche Politprominenz auf der Tribüne in Moskau. Die Bühne gehört also ganz dem Kreml-Präsident Wladimir Putin. Er will sich und sein Land als guter Gastgeber präsentieren. Vier Wochen lang werden die Augen aller Fußballfans auf Russland gerichtet sein, und darüber möchte ich jetzt sprechen mit dem Schriftsteller Wladimir Kaminer. Er wurde 1967 in Moskau in der damaligen Sowjetunion geboren. Er lebt und arbeitet aber seit vielen Jahren in Deutschland. Guten Morgen, Herr Kaminer.

Wladimir Kaminer: Guten Morgen! – Ich muss der Wahrheit halber sagen: 17 Regierungschefs waren mit Putin auf der Tribüne. Allerdings kamen sie alle aus den Ländern, die keinen Fußball spielen können. 15 davon haben keinen Fußball gespielt und zwei sind unbekannt.

Heinlein: Aber Gerhard Schröder war auf der Tribüne und kann auch Fußball spielen. Ist das eine besondere Ehre dann auch für Wladimir Putin?

Kaminer: Ich glaube, dass er schon unbedingt die anderen auch haben wollte. Es ist übrigens schade, finde ich, dass Frau Merkel zum Beispiel nicht hingeflogen ist mit dem kleinen Plakat „Free Oleg Senzow“. Dann hätte man doch vielleicht diesen politischen Gefangenen, diesen Filmregisseur, der 20 Jahre in Moskau bekommen hat und jetzt Hungerstreik hält, rausholen können, oder ein paar andere.

Heinlein: … Herr Kaminer, erst mal herzlichen Glückwunsch! 5:0 – das ist ja klarer als erwartet. Tanzen jetzt die Russen auf den Tischen? Ist der Titel in greifbarer Nähe?

Kaminer: Die Russen sind verblüfft. Die haben ja nichts anderes gemacht, als über ihre Mannschaft geschimpft während dem ganzen letzten Monat. Sie haben natürlich die Rolle des Präsidenten bei diesem Spiel unterschätzt. Nicht umsonst war ja der Scheich schon 20mal in den letzten zwei, drei Monaten in Moskau. Die haben da irgendwas abgemacht. – Es wird ja sowieso nichts in Russland passieren, was nicht mit dem Präsidenten abgesprochen ist. … Man weiß doch, dass Fußball nicht nur ein Leistungssport ist. Da spielen auch Glück und Schicksal eine wichtige Rolle und durchaus kann eine schwächere Mannschaft gegen eine stärkere gewinnen. Allerdings haben die Saudis natürlich sich ein bisschen zu viel Mühe gegeben, um ganz schlecht zu sein.

Heinlein: Wie populär ist eigentlich der Fußball zuhause bei Ihnen in Russland? Ist das tatsächlich nur die Nummer zwei hinter Eishockey?

Kaminer: Ja, Fußball ist sehr populär. Die besten Zeiten hatten wir in der Sowjetunion, glaube ich. Damals hat die Nationalmannschaft auch sich gespeist aus den anderen Republiken, die heute unabhängige Staaten sind. Unsere besten Spieler waren ja aus Dynamo Kiew, Ararat Eriwan, Dinamo Tiflis. Das sind alles heute andere Länder.

Heinlein: 2006 hat Deutschland ja mit dem Sommermärchen tatsächlich diesen Image-Wandel geschafft. Alle waren erstaunt, wie fröhlich und wie unverkrampft wir Deutschen feiern können. Wie hoch sind denn die Chancen aus Ihrer Sicht für ein russisches Sommermärchen?

Kaminer: Russisches Sommermärchen sieht wie folgt aus: Für vier Wochen sind alle Demonstrationen und irgendwelche Begegnungen auf der Straße verboten. Dabei tanzen von früh bis spät Iraner, Argentinier, Peruaner auf den Straßen von Moskau. Ich habe gestern Fotos gesehen, das war Wahnsinn. Die Polizei weiß gar nicht, was sie machen soll mit all diesen tanzenden Menschen von der ganzen Welt. Sie haben in ihren Anweisungen nur einen Satz stehen: Sie müssen immer lächeln und sagen, „Welcome to Russia“.

Da kommen doch die Russen selbst bald auf die Idee, dass sie auch tanzen dürfen auf ihren Straßen!

Heinlein: Sie sagen es: Nur ein sehr kleiner Teil der Russen, der privilegierten Russen, muss man sagen, war ja bisher im Ausland. Viele haben überhaupt keinen Reisepass. Könnte tatsächlich diese WM das Weltbild der Russen verändern?

Kaminer: Das wird auf jeden Fall passieren. Das sehe ich jetzt schon an den vielen Reaktionen in den sozialen Netzwerken, dass sie sich total wundern, dass die Welt so lustig drauf ist.

Heinlein: „Die Welt zu Gast bei Freunden“ – das war das Motto der Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Das ist durchaus auch etwas, was die Russen als Gastgeber sich zu Herzen nehmen werden?

Kaminer: Die Welt zu Gast bei Russen – das ist noch lustiger als bei Freunden!

Heinlein: Herr Kaminer, reden wir ein wenig über das Politische. Will Putin ablenken von Korruption, Krim und Doping? Soll Fußball auch so etwas sein wie Opium für die Welt?

Kaminer: Ich glaube, dass die FIFA mehr Mitglieder hat als die UNO. Eigentlich ist Fußball wichtiger als Politik.

Heinlein: Auch in Russland?

Kaminer: Gleich am ersten Tag dieser Weltmeisterschaft wurde die Mehrwertsteuer erhöht von 18 auf 20 Prozent und das Rentenalter angehoben, und die Menschen können nicht mal dagegen protestieren, weil sie haben ja Demoverbot.

Heinlein: Ich bedanke mich, Herr Kaminer, für das Gespräch.

Ja, das Rentenalter ist plötzlich angehoben worden in Rußland.

Aber nur um acht Jahre.

Auf dieser lupenreinen landesväterlichen Fragenbeantwortungsinszenierung war es dem lupenreinen Auftraggeber ein offensichtliches Anliegen zu betonen aus irgend einem Grund, wie umfänglich die russische Wirtschaft momentan prosperiere.

Da fällt mir ein, bei derselben russischen Veranstaltung oder vielleicht ein paar Tage vorher, da war irgendwie die Rede auf Iwan den Schrecklichen gekommen, und daß er seinen ältesten Sohn ja erschlagen hatte vor Wut. Was der lupenreine Wladimir Wladimirowitsch jedoch vehement bestritten haben soll: Das sei eine Lüge des Westens!

Das kann ich nur unterstützen.

Wie ich den Westen kenne, seit jeher verbreitet der über Rußland antisowjetische Lügen, Falschmeldungen und sogar Fäknjus!

Wie ich den Westen kenne, und da kann ich den lupenreinen Wladimir Wladimirowitsch nur schon warnen, löge der Westen demnächst sogar, der in Rußland göttergleich verehrte Peter der Große habe seinen Sohn zu Tode foltern lassen und selbst mit Hand angelegt dabei! Der Westen, wie ich ihn kenne in seiner Verlogenheit, könnte der Idee verfallen, die Fäknju zu verbreiten: Exakt heute in zehn Tagen, nämlich am 26. Juni, jähre sich zum dreihundertsten Mal der Tag, an dem der Zarewitsch Alexej starb nach wochenlangen Verhören. In welchen er die Aussage seiner Geliebten Afrosinja über seine verbrecherischen Absichten bestätigt haben soll unter der Knute: Er werde als Zar wohnen in Moskau und nicht in Petersburg! Er werde weder eine Flotte halten noch Kriege führen!

Und der Westen, wie ich den kenne, könnte behaupten, noch bevor Peter der Große darauf das gegen seinen Sohn gefällte Todesurteil unterzeichnen konnte, sei dieser am nächsten Tag an den Folgen der Folter gestorben.

Alexej, den der russische Gesandte aus dem sicheren Wiener Asyl, in das er aus Furcht vor seinem Vater geflohen war, mit falschen Versprechungen zur Rückkehr nach Rußland gelockt hatte.

Das könnte der verlogene Westen behaupten.

Oder auch, welch entsetzliches Strafgericht bei seiner Rückkehr von seiner Europareise Peter der Große anrichten ließ unter den Strelitzen, seiner Leibgarde. Etwa 800 ließ er hinrichten, wobei, wie der Westen behaupten könnte, Peter der Große es sich nicht hatte nehmen lassen, bei diesem und jenem selbst Hand anzulegen und sie mit dem Beil persönlich zu enthaupten. In seiner antisowjetischen Verlogenheit würde sich der Westen mit solchen Fäknjus dreist auf Beobachtungen des damaligen kaiserlichen Gesandten berufen.

Und wie ich ihn kenne, wäre der Westen auch imstande zu behaupten, bereits Jahre zuvor, nämlich als er seine Stiefschwester Sofja lebenslänglich ins Kloster verbannte, hatte der verehrte Peter den damaligen Chef der Strelitzen hinrichten lassen nach schwerster Folter. Und, könnte der Westen behaupten, anläßlich der erwähnten Massenhinrichtung habe Peter der Große eine gewisse Anzahl der Strelitzen seiner Stiefschwester direkt vor ihrem Fenster im Kloster aufhängen lassen mit dem strickten Befehl, die verwesenden Leichen bis zum Tode Sofjas dort hängen zu lassen.

Doch zum Glück herrscht heute im Kreml der Auftraggeber, der all die westlichen Lügen über das ruhmredige Rußland entlarven wird.

Lu-pen-rein!

Wie schon zuvor bei MH18 und bei all den unzählig anderen.

Und die so was behaupten, über Iwan oder Peter oder Staatsdoping und so weiter und so fort, die sollen sich vorsehen!

 

Groß ist das heilige russische Land, aber die Wahrheit hat nirgends Platz.“

(Russisches Sprichwort)

 

In keiner Spielminute vergessen: Rußland, Gefangenschaft, Hungerstreik – was für eine Qual!

 

Mord, Lüge und Heimtücke

 

4. Juni 2018: Serapion an Mephisto

 

Nun war ich gerade drauf und dran, den Mann auch einmal zu loben. Nämlich unseren ehemaligen Justiz- und aktuellen Außenminister. Denn im Gegensatz zu seiner früheren Erscheinung hat er in der jetzigen Position wirklich eine gute Figur abgegeben, sowohl in Israel als auch gegenüber Rußland.

Schon allein dadurch, daß er einfach sagte, was ist.

Im Bezug zu Rußland zum Beispiel (DER SPIEGEL 16/2018):

Erstmals seit Ende des Zweiten Weltkriegs wurden mitten in Europa geächtete chemische Waffen eingesetzt, Cyberangriffe scheinen zu einem Bestandteil russischer Außenpolitik zu werden, in einem so schwerwiegenden Konflikt wie in Syrien blockiert Russland den Uno-Sicherheitsrat – das alles trägt nicht zur Vertrauensbildung bei.

Oder:

Ich glaube zumindest nicht, dass irgendetwas besser wird, wenn wir den Eindruck erwecken, dass wir die schwierigen Entwicklungen einfach stillschweigend akzeptieren. Je komplizierter das Verhältnis, eine desto klarere Sprache brauchen wir.

Oder:

Es gibt klare Vereinbarungen, die vorsehen, dass Sanktionen erst abgebaut werden, wenn Russland seine Verpflichtungen erfüllt. Pacta sunt servanda, daran sollten wir uns halten.

Endlich!

Doch diese im Vergleich zu seinen Amtsvorgängern realistischere Position gegenüber Rußland wird, und dies von der Berichterstattung deutscher Medien ausnahmslos wie blöde kolportiert, permanent als „hart“ apostrophiert von seinen sozialdemokratischen Parteigenossen. Der rappelköpfige Unmut dieser Leute steigerte sich dermaßen, daß der Heiko Maas letzte Woche extra zu einer Sondersitzung vor ein Parteigremium einbestellt wurde.

Um ihn zurückzupfeifen!

Und die deutsche Außenpolitik in eine geistig eingeengte, also sozialdemokratisch genehme, zu verwandeln.

Ein eigentlich doch ungeheuerlicher Vorgang!

Dessen Dimension wieder einmal von deutschen Medien nicht im mindesten erfaßt wird!

Soweit durchdrang, soll auf jener Parteiveranstaltung zur sozialdemokratischen Festlegung der deutschen Außenpolitik die SPD-Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles sogar von „deutsch-russischer Freundschaft“ gefaselt haben.

Das hätte ohne weiteres auch aus der Linkspartei kommen können.

Von ihrem Parteigenossen Gregor Gysi einst mit dem Spitznamen Klara Klarsicht belegt aus irgend einem Grund, macht sich die in den Medien stets überpräsente Sahra Wagenknecht derweil schon munter stark für einen europäischen Zusammenschluß mit Rußland für eine Einheitsfront gegen die USA.

Deshalb will ich mit meinem Lob doch erst einmal abwarten, ob sich der Zurückgepfiffene hat zurückpfeifen lassen.

Bislang knüpft die EU die Aufhebung der Sanktionen jedenfalls an eine vollständige Erfüllung der Minsker Vereinbarungen, die ein Ende der Gefechte und den Abzug schwerer Waffen von der Front in der Ostukraine vorsehen.

Ich will erst abwarten, ob Heiko Maas nun auch in seiner Genossen Geseier einstimmt vom Abbau der Sanktionen. Oder in das Geseier von der Dialogsuche mit Moskau.

Als hätte jemals jemand gefordert, nicht mehr mit den Russen zu reden!

Im Gegenteil!

Doch zu einem konstruktiven Dialog gehören immer zwei.

Wir müssen uns in der Russlandpolitik an den Realitäten orientieren. Russland hat sich selbst immer mehr in Abgrenzung und teilweise Gegnerschaft zum Westen definiert. Russland agiert leider zunehmend feindselig: der Giftgasanschlag in Salisbury, die Rolle in Syrien und der Ostukraine, Hackerangriffe, auch auf das Auswärtige Amt. Dennoch: Ich habe bei allem, was wir in den letzten Wochen getan haben, auch immer darauf hingewiesen, dass wir mit Russland im Dialog bleiben müssen. Wir brauchen Russland, nicht nur wenn wir den Syrienkonflikt lösen wollen.

Ich muss aber zur Kenntnis nehmen, dass die meisten unserer Partner mittlerweile einen sehr kritischen Blick auf Russland haben und zum Teil die Möglichkeit eines Dialogs bezweifeln. In der Vergangenheit waren sie zum Teil bereit, sich von Deutschland mitnehmen zu lassen, heute fragen sie: Was hat das gebracht?

(Originalton Heiko Maas, im erwähnten SPIEGEL, also noch vor der SPD-Parteisitzung)

Daß die „meisten unserer Partner mittlerweile einen“ realistischeren Blick auf Rußland gewonnen haben als ihre deutschen Kollegen Steinmeier und Gabriel und deren Parteigenossen, ist allerdings etwas beruhigend im Hinblick auf die künftige deutsche Außenpolitik.

Zur Sicherheit.

Denn noch immer hört man aus der SPD, man solle nun endlich zurückzukehren zur brandtschen Ostpolitik! Das klang auch an in dem SPIEGEL-Interview:

SPIEGEL: Die SPD hat eine lange Tradition des Dialogs mit Russland. Was ist für Sie die Lehre der Ostpolitik Willy Brandts?

Maas: Zur Ostpolitik gehört für mich nicht nur Russland, dazu gehören auch die osteuropäischen Staaten. Um die müssen wir uns mehr kümmern, als das manchmal in der Vergangenheit der Fall war.

Dem drängt es mich hinzuzufügen:

Das Verhältnis zu Rußland kann heute nicht gestaltet werden mit Mitteln der neuen Ostpolitik à la Willy Brandt und Egon Bahr, ihrer einstmaligen und heute leider schon wieder unterschätzten Genialität zum Trotze. Ein Grund ist die Verkennung des Interessenwandels der russischen Seite von damals zu heute.

Damals ging es der russischen Seite um die Sanktionierung der Grenzen ihres illegitimen Imperiums durch den Westen. Ihres sowjetisch genannten, also russischen, also menschenverachtenden Imperiums, das sie sich nicht zuletzt vermittels ihrer typischen, also verlogenen Doppelzüngigkeit auf der Konferenz in Jalta erworben hatte. Erinnert sei nur an die Zusage der Abhaltung freier Wahlen auf der Grundlage des allgemeinen und geheimen Wahlrechts in allen vom Faschismus befreiten Ländern („Erklärung über das befreite Europa”).

Beispielsweise in Polen.

Damals hing das Interesse der Sowjet-Union, also Rußlands, an einer Anerkennung der europäischen Nachkriegsordnung, insbesondere einer Sanktionierung der bestehenden Grenzziehung, also an der diplomatischen Absicherung ihrer Einflußsphäre. Übrigens inklusive einer Anerkennung des in mehrfacher Hinsicht doch eigentlich symptomatischen Hitler/Stalin-Paktes im Hinblick auf die russische Besetzung der baltischen Staaten!

Die sie vermittels der neuen Ostpolitik und der KSZE im Gefolge erhielt.

Heute handelt das russische Interesse jedoch von Veränderung bestehender Grenzen und von Beschneidung nachbarstaatlicher Souveränität. Es geht nicht um Bestätigung, sondern um Veränderung des Status quo.

Bei dem sogenannten Konflikt in der Ostukraine beispielsweise handelt es sich doch nicht um einen ukrainischen Bürgerkrieg mit Separatisten!

Sondern um eine kriegerische Aggression.

Die ohne Söldner, Waffen und Material aus Rußland augenblicklich ihr Ende fände.

Wie spdämlich verkleistert muß man eigentlich sein im Hirn, um das nicht zu erkennen?

Weiterhin geht die Fehleinschätzung immer noch aus von der illusorischen Sehnsucht nach einer Partnerschaft zwischen dem Westen und Rußland.

Man verkennt in gefährlicher Weise die Gegnerschaft!

So wird man Protagonist lobbyistisch untergrabender Propaganda und macht sich im leninschen Sinn zum nützlichen Idioten des russischen Chauvinismus. Folglich gibt man sich immer noch Illusionen hin bezüglich putinscher Absichten und glaubt, den Auftraggeber von Auftragsmorden beschwichtigen zu können wie einst Hitler mit dem Münchener Abkommen.

Für den „Konflikt“ gäbe es keine militärische Lösung, lautete geschichtsvergessen das gravitätisch dahergeschwätzte Mantra steinmeiernder Außenpolitik.

Nach dem Sieg der Alliierten über Hitlerdeutschland!

Ein Mantra, dessen Verabsolutierung jeglicher Aggression die Landesgrenzen öffnen würde und ihr zum Durchmarsch verhülfe.

Wie Hitler das Münchener Abkommen.

Wie Vergangenheit und Gegenwart aber lehren, gibt es auch „Konflikte“, also Aggressionen, die allen Hoffens und Wünschens zum Trotz sich nicht friedlich lösen lassen.

Und inzwischen führte der lupenreine Demokrat im Kreml mehrfach vor, wie sich „Konflikte“ durchaus militärisch lösen lassen.

Apropos Steinmeier… Das ist derselbe Mann, um nur bei einigem bei dem vielen, was zu sagen wäre, zu bleiben, das ist also derselbe Mann, der angesichts der russischen Aggressionen, beispielsweise die in der Ostukraine, mit all seinen Anstrengungen und Bemühungen zur Erlangung des Friedensnobelpreises bei jeder einzelnen vorhersagbar scheiterte. Der jedesmal, also bei weitem nicht nur in Genf und Minsk, an der Fehleinschätzung der durchaus üblichen und vorhersehbaren Verlogenheit der russischen Seite scheiterte! Der als nützlicher Idiot immer glaubte und mit seinen SPD-Epigonen noch immer glaubt, den „Konflikt“, also die Aggression, mit Mitteln der brandtschen Ostpolitik lösen zu können und bis heute den wesentlichen außenpolitischen Interessenunterschied nicht begriffen hat.

Der ehemalige deutsche Außenminister und heutige Bundespräsident, der Wladimir Wladimirowitsch ebensowenig durchschaute wie die jahrhundertalte Politik der chauvinistischen Russifizierung fremden Territoriums und unbekümmert den Abbau der Sanktionen fordert!

Gefährlicherweise.

Der sich von den Russen bedenkenlos den Begriff „Separatist“ aufdrängen ließ für russische Träger russischer Waffen.

Während bei alldem Euer wackerer Steinmeier und seine Epigonen sich immer fragten, was der gegenwärtige Herr aller Reußen denn ureigentlich wolle.

Und der, zeitweilig im 24-Stunden-Rhythmus, die NATO (!) und den Westen (!) warnte, tatsächlich, vor „lautem Säbelrasseln“ und, tatsächlich, vor „Kriegsgeheul“!

Und der dafür sehr gelobt wurde im Netz von Trollen, die nach Rubel stanken und nach Machorka.

Aber daß er den Auftraggeber, daß er den im Ergebnis der denkwürdigen Londoner Untersuchung über den Plutonium-Mord gleichzeitig als „vermutlichen“ Auftraggeber von Auftragsmorden Bezeichneten ebenfalls eines mahnenden Wortes gewürdigt hätte, wenigstens einmal, einmal wenigstens nach der Okkupation der Krim – nichts davon.

Wenn ein erster Preis für die scheinintelligenteste Frage zu vergeben wäre in Deutschland, sollte man ihn der amüsanten Grübelei widmen, was der Auftraggeber denn wolle mit all seinen Machinationen.

Die Frage abendländischer Logiker.

Zweiter Preis: Ob er noch die Kontrolle ausübe über die „Separatisten“. Wobei das Adverb „noch“ jenes Fragesatzes als besonderes Juwel ins Auge sticht. Und zur Beruhigung: Er hat sie.

Und er hatte sie.

Selbst wenn die manchmal so tun, als schössen sie von alleine weiter.

Tja, was mag er wohl wollen, unser verkniffen lächelnder Wladimir Wladimirowitsch, der sich, treffsicher auf das typische geistige Niveau seiner zu mehr als 80 Prozent hinter ihm stehenden russischen Anhängerschaft zielend, gern präsentiert mit heldisch freiem Oberkörper.

Wenn Ihr es nicht aus der russischen Geschichte herauszulesen wißt, den Wert russischer Bekundungen und Beteuerungen und russischer Zusagen solltet Ihr selbst bei Euch im russenfreundlichen Deutschland doch zwischenzeitlich etwas besser einzuschätzen gelernt haben.

Wenigstens das Kurzzeitgedächtnis anknipsen, bitte!

Wenn Du mir nun noch versprichst, es nicht weiter zu sagen, verrate ich Dir jetzt sogar die Antwort auf die Frage für den ersten Preis, ganz im Vertrauen. Tja, also der Wladimir, also was der will, das ist eigentlich ganz einfach:

Der Wladimir will russischen Frieden!

In welchem, wenigstens als dessen Vorstufe, transnistriesche Zustände verewigt werden.

Wie auch in Südossetien und Abchasien.

Wo Russen auf einem Fünftel georgischen Territoriums die geraubten Gebiete mit dem Ausbau von Grenzbefestigungen und mit provokativen Militärübungen absichern und gegen jedes Völkerrecht den georgischen Luftraum drohend mit ihren Kampfjets durchpfeifen.

Wer spdämlich glaubt, das gegenwärtige russische Gebaren wäre lediglich eine Folge der obamaischen Einstufung Rußlands als Regionalmacht, und die russische Politik wäre ohne diese scharfsichtige Beobachtung auch nur um ein Jota anders verlaufen, der hat die russische-Erde-Gewinnungspolitik seit Iwan dem Schrecklichen nicht begriffen.

Und wird auch künftig und regelmäßig mindestens alle paar Jahre erstaunt und unsanft aus allen sozialdemokratischen Wolken fallen.

Im mildesten, wenngleich nicht im milden Fall.

Einer wirksamen Politik der Eindämmung des typisch russischen Hegemonialstrebens statt seiner illusorischen Beschwichtigung könnten vornehmlich drei Grundsätze als Basis dienen:

1) Rußland sind international keinerlei Sonderrollen und Sonderrechte und besondere Mitspracherechte zuzubilligen!

Rußlands taktisches Bestreben ist beständig gerichtet auf die Beanspruchung von Sonderrollen und Sonderrechten gegenüber den Anrainerstaaten und global.

Beispiel:

Rußland gehörte und gehört nicht in die G7!

2) Rußland kämpft grundlegend gegen den Westen, gegen seine Werte und seine Kultur.

Es handelt sich um eine tolle Torheit, das zu verkennen!

Darum:

Rußland ist kein Partner!

Rußland ist Gegner!

Strategisch bedeutet dies beispielsweise: Statt soviel wie möglich Wirtschaftsbeziehungen mit Rußland so wenig wie nötig. Alles andere wird zum Übel.

Der von Wladimir Wladimirowitsch propagierte Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok würde für den Westen zum Übel.

3) Das Licht der Wahrheit und Öffentlichkeit scheut der Kreml wie der Teufel das Weihwasser. Das bedeutet: Gegenüber Rußland statt diplomatischer Kotaus stetig klare Ansage mit klaren Begriffen und deutliche und öffentliche Benennung von Fakten und Tatsachen.

Beispiel:

In Rußland herrscht ein faschistoides verbrecherisches Regime. Mit Mord, Lüge und Heimtücke.

Und wer das „lupenrein demokratisch“ nennt, macht sich mitschuldig.

 

Der Kommunismus als Prinzip der Neuordnung der Klassenbeziehungen existiert ja gar nicht mehr. Der Kommunismus ist ja heute das Prinzip des Expansionsdranges eines Nationalstaats. Und heute ist die Frage ‚Kommunist oder Sozialdemokrat?‘ die Frage ‚Russe oder Deutscher‘.

Und wir sind die Deutschen!“

Kurt Schumacher (1895 – 1952), nach neun Jahren, neun Monaten und neun Tagen Haft in nationalsozialistischen Konzentationslagern im Nachkriegsdeutschland SPD-Parteivorsitzender, am 1. November 1947 in Berlin

 

Die süßen Spiele des Lebens

 

27. Mai 2018: Serapion an Mephisto

 

Die Muße

 

Sorglos schlummert die Brust und es ruhn die strengen Gedanken.

Auf die Wiese geh ich hinaus, wo das Gras aus der Wurzel

Frisch, wie die Quelle, mir keimt, wo die liebliche Lippe der Blume

Mir sich öffnet und stumm mit süßem Othem mich anhaucht,

Und an tausend Zweigen des Hains, wie an brennenden Kerzen

Mir das Flämmchen des Lebens glänzt, die rötliche Blüte,

Wo im sonnigen Quell die zufriednen Fische sich regen,

Wo die Schwalbe das Nest mit den törigen Jungen umflattert,

Und die Schmetterlinge sich freun und die Bienen, da wandl ich

Mitten in ihrer Lust; ich steh im friedlichen Felde

Wie ein liebender Ulmbaum da, und wie Reben und Trauben

Schlingen sich rund um mich die süßen Spiele des Lebens.

 

Oder schau ich hinauf zum Berge, der mit Gewölken

Sich die Scheitel umkränzt und die düstern Locken im Winde

Schüttelt, und wenn er mich trägt auf seiner kräftigen Schulter,

Wenn die leichtere Luft mir alle Sinne bezaubert

Und das unendliche Tal, wie eine farbige Wolke,

Unter mir liegt, da werd ich zum Adler, und ledig des Bodens

Wechselt mein Leben im All der Natur wie Nomaden den Wohnort.

Und nun führt mich der Pfad zurück ins Leben der Menschen,

Fernher dämmert die Stadt, wie eine eherne Rüstung

Gegen die Macht des Gewittergotts und der Menschen geschmiedet,

Majestätisch herauf, und ringsum ruhen die Dörfchen;

Und die Dächer umhüllt, vom Abendlichte gerötet,

Freundlich der häusliche Rauch; es ruhn die sorglich umzäunten

Gärten, es schlummert der Pflug auf den gesonderten Feldern.

 

Aber ins Mondlicht steigen herauf die zerbrochenen Säulen

Und die Tempeltore, die einst der Furchtbare traf, der geheime

Geist der Unruh, der in der Brust der Erd und der Menschen

Zürnet und gärt, der Unbezwungne, der alte Erobrer,

Der die Städte, wie Lämmer, zerreißt, der einst den Olympus

Stürmte, der in den Bergen sich regt, und Flammen herauswirft,

Der die Wälder entwurzelt und durch den Ozean hinfährt

Und die Schiffe zerschlägt und doch in der ewigen Ordnung

Niemals irre dich macht, auf der Tafel deiner Gesetze

Keine Silbe verwischt, der auch dein Sohn, o Natur, ist,

Mit dem Geiste der Ruh aus Einem Schoße geboren. –

 

Hab ich zu Hause dann, wo die Bäume das Fenster umsäuseln

Und die Luft mit dem Lichte mir spielt, von menschlichem Leben

Ein erzählendes Blatt zu gutem Ende gelesen:

Leben! Leben der Welt! du liegst wie ein heiliger Wald da,

Sprech ich dann, und es nehme die Axt, wer will, dich zu ebnen,

Glücklich wohn ich in dir.

 

 

Friedrich Hölderlin (1770 – 1843)

 

 

Lebe im Verborgenen!

Epikur (um 341 – um 270 v. Chr.)