A N A B A S I S

Thalatta ! Thalatta !

Schlagwort-Archiv: Donald Trump

Der Niedergang unserer Zivilisation am vorauseilenden Beispiel der USA

 

29. August 2020: Serapion an Mephisto

 

Der immer wieder empfehlenswerte Publizist und langjährige USA-Korrespondent des TAGESSPIEGEL Christoph von Marschall gestern im Deutschlandfunk (Hervorhebungen von mir):

Wir haben jetzt zwei Parteitage hinter uns, die auf eine bestimmte Art eigentlich genau dieselbe Botschaft haben. Es geht nicht mehr um politische Programme, es geht nicht um Ziele, es geht nicht um Steuern, nicht um Soziales, um gar nichts; es geht nur noch um eine Person, und das ist Donald Trump.

Die Demokraten haben gesagt, das ist eine Frage von Helligkeit, Licht oder Dunkel, von Gerechtigkeit oder nicht, von böse und gut. Richtig existenziell wird das aufgeladen. Trump muss raus aus dem Weißen Haus.

Die Republikaner und Trump machen das genauso. Es geht nur noch um Donald Trump. Entweder ihr seid für ihn, oder gegen ihn. Alles Weitere spielt keine große Rolle und was tatsächlich Fakt in Amerika ist, spielt sowieso keine mehr. Corona ist fast vergessen, die Kriminalität wird nur instrumentalisiert, benutzt von den Demokraten als Beweis für die Ungerechtigkeiten in Amerika, von Trump als Beweis dafür, dass die Demokraten nur noch Chaos in Amerika haben wollen.

… Früher bei Barack Obama ging es für oder gegen eine allgemeine Krankenversicherung, für mehr Kompromisse in der Wirtschaftspolitik ja oder nein, und in der Außenpolitik auch, ob man mehr mit seinen Partnern zusammenarbeitet, oder ob mehr Härte gefragt ist.

In diesem Wahlkampf 2020 sind all solche wirklich politischen Fragen, um die es doch eigentlich gehen müsste in einem Wahlkampf – zwei Lager haben unterschiedliche politische Konzepte –, das ist alles völlig an die Seite gerückt worden und es ist nur noch ein Wahlkampf für oder gegen Donald Trump, und das ist natürlich auch ein sehr riskantes Konzept für die Demokraten.

… Seit Jahren wird in Amerika von den Demokraten Wahlkampf geführt, dass man die Spaltung überwinden müsse, aber es ist niemandem gelungen. Die Spaltung wird immer tiefer.
Aber sie ist jetzt auf einmal nicht nur an politischen Identitäten festgemacht, sondern an der einzigen Person des Präsidenten, und das ist diese enorme Aufladung und das ist aus zwei Gründen riskant. Die Polarisierung nützt in der Regel den Polarisierern.

Das ist Trumps Konzept schon die ganze Zeit gewesen. Er kann ja nicht sicher sein, dass er mit sich, seiner Programmatik und seiner Bilanz seiner Präsidentschaft, Corona plus den Wirtschaftseinbruch, dass er damit die Wahl gewinnt. Er kann die Chancen für eine zweite Amtszeit nur erhöhen, indem er sagt, hier bin ich, das sind die anderen, es ist eine Wahl zwischen Gut und Böse, Licht und Dunkel, so wie das aber die Demokraten auch gemacht haben.
… und auch hier sehen Sie wieder dieses reine Schwarz-Weiß-Denken. Wenn Sie sich die Demokraten anschauen und ihre Unterstützer, dann steht im Vordergrund die Polizeigewalt gegen schwarze Jugendliche, und es wird faktisch überhaupt nicht darüber geredet, ob diese Opfer von Polizeigewalt – und natürlich sind das skandalöse Szenen, die wir da sehen; ich will da nichts verharmlosen – aber man muss einfach mal sagen: Wenn man sich zum Teil die Opfer anschaut, das sind ja keine Unschuldslämmer, sondern das sind Leute, die selber zum Teil gegen Gesetze verstoßen haben, selbst Gewalt gegen Polizisten angewendet haben. Das spielt bei den Demokraten überhaupt keine Rolle. Es geht nur um die Ungerechtigkeit.

Bei Trump ist es umgekehrt. Trump möchte nur das Chaos in den Straßen, die brennenden Geschäfte, über die Plünderungen reden, die es ja auch gibt, die aber bei den Demokraten keine Rolle spielen, und Trump redet kein Wort über die Opfer der Polizeigewalt. Sie haben zwei völlig unterschiedliche Bilder, was sich da abspielt.

Die eine Partei sagt, wir sind ein sehr, sehr ungerechtes System, in dem Schwarze diskriminiert werden und immer wieder Opfer von Polizeigewalt werden, und die andere Seite sagt, da gibt es zwar vielleicht ein paar Probleme mit Zwischenfällen, aber schaut euch doch an, was hinterher ist. Da ist diese Black Lives Matter Bewegung, dann brennen die Straßen, dann werden Geschäfte geplündert. Wollt ihr dieses Amerika! Und dass man kein bisschen die Sichtweise des anderen Lagers auch nur einbezieht und anerkennt, das zeigt den Grad der Lagerspaltung in den Vereinigten Staaten.

 

Oben brennt es im Dach und unten rauchen die Minen,

Aber mitten im Haus schlägt man sich um den Besitz.

Friedrich Hebbel (1813 – 1863)

 

SPDämliche Rechenkünste

 

1. August 2020: Bellarmin an Mephisto

 

Du erinnerst Dich, 2017 war’s im wunderschönen Monat Mai, als alle Knospen sprangen und alle Vöglein sangen tirili tirila, da kam jener entgegen jedweder Erwartungen der europäischen Politikergarde und aller selbsternannten Anständigen zum Präsidenten der USA gewählte Donald Trump angereist übers Wasser und redete vor nunmehr mehr als drei Jahren in Europa seine schockierende Antrittsrede vor jener versammelten Garde, und da fiel man entsetzt aus allen Wolken!

Hatte da etwa ein narzißtischer Narr und ein als notorischer Lügner Verschrieener die Wahrheit getroffen? Und ist exakt am Musikantenknochen der europäischen Wertegemeinschaft auf den empfindlichsten Nerv gestoßen? Auf das Grundproblem der sogenannten Europäischen Union? Welches sich geradezu natürlicherweise auch in der Nato wiederfand? Nämlich was die Einhaltung angeht hinsichtlich grundlegender Verträge, Vereinbarungen, Abmachungen und die Verläßlichkeit von Zusagen?

Beispielsweise des Inhalts, und wie auch von Obama gefordert, die einzelnen Verteidigungsetats der, nun ja, der Verteidigungsgemeinschaft bis zum Jahre 2024 auf zwei Prozent der jeweiligen Bruttoinlandsprodukte zu erhöhen?

Und nun stellte sich dieser überseeische Flegel, der noch so viel lernen müßte und ja gar keine Ahnung mitbringt über Scherz und List, der stellte sich nun einfach hin hinter die Mikrofone und nimmt ausgerechnet ausgerechnete Zusagen, noch dazu europäische, für ernst und bare Münze und pocht, wie schon sein Vorgänger Barack Obama, auf Punkt und Komma?

In aller Öffentlichkeit??

Statt darüber erst fein säuberlich mit einem europäischen Politiker à la Juncker antichambrierend das ganze ein wenig zu exegesieren? So wie wir Europäer das gewohnt sind? Zum Beispiel bei Verschuldungsobergrenzen? Oder dem einstimmig vereinbarten Verbot der verdeckten oder gar offenen Staatsfinanzierung?

Und da hatten alle den Narziß für einen letztendlich doch eher abendländischen Politikertyp gehalten? Und sich zugeraunt, das gibt sich, der wird noch hinzulernen? Das redet der jetzt nur im Wahlkampf? Und falls der erst tatsächlich gewählt wäre, fänden sich immer noch griffige Floskeln und geschliffene Wendungen?

Zur Relativierung vorheriger Reden?

Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern – gerade darin war er doch Meister!

Und nun?

Nun kam in deutschen Landen die deutsche Sozialdemokratie ins Spiel… Und ihr Experte und heutige Fraktionsvorsitzende Mützenich gab Interviews und ihr Parteivorsitzender und Kanzlerkandidat Schulz gab Interviews und erst recht natürlich ihr ehemaliger Parteivorsitzender und derzeitige Außenminister Gabriel…

Zwei Prozent!!

Diese blanke Zahl!

Das wäre ja riesig! Und das lehne er ab. Und da müsse man doch dies noch hineinrechnen und jenes. Und wir bohren doch Brunnen in Afghanistan!

Und wies zurück, daß es ein „feststehendes“ Zwei-Prozent-Ziel überhaupt gäbe. Und behauptete: „Es gibt einen Auftrag aus Wales, sich in diese Richtung zu entwickeln“.

Entwickeln und annähern und hinbewegen… Nur einen Auftrag… Und keine Verpflichtung…

Und forderte, den Sicherheitsbegriff nicht nur auf Militärausgaben zu reduzieren, sondern auch Ausgaben für humanitäre Hilfe einzubeziehen…

Und staunend erfuhren wir offenbar schulmathematisch in Prozentrechnung verbildeten Arglosen: Wir Belämmerten und der Narr sollen nun endlich einmal sozialdemokratisch rechnen lernen: Mitnichten wären, wie wir Dummlinge immer annahmen, zwei Prozent zwei Prozent!

Nun gut und nichts für ungut…

Es blieben uns SPDämlich Belehrten und vom bundesdeutschen Gegenwartsjournalismus Verlassenen allerdings zwei schlichte Fragen:

1.) Wurde auch vor dem Schwur in der Nato das sozialdemokratische Rechnen derartig besprochen?

Und natürlich:

2.) Wer konnte darüber etwas aussagen und hatte das eigentlich verhandelt und unterschrieben, das mit den zwei Prozent und nun doch nicht zwei Prozent?

Da existiert immerhin die Einlassung des früheren Nato-Generalsekretärs Rasmussen: Es gebe die Zusage der Mitgliedsstaaten, zwei Prozent ihres Bruttosozialproduktes für Verteidigung auszugeben. Und dies sei einstimmig bei seinem letzten Gipfel als Generalsekretär angenommen worden.

Und zwar auch vom deutschen Außenminister.

Der hieß seinerzeit Frank-Walter Steinmeier und war ebenfalls Mitglied der unglaubwürdigsten Partei seines Landes.

Der SPD.

Übrigens, bereits 2002 war von der seinerzeitigen rot-grün geführten Bundesregierung unter einem gewissen Gerhard Schröder, SPD, das Zwei-Prozent-Ziel angenommen worden…

Bliebe vielleicht noch anzumerken: Auf dem damaligen evangelischen Kirchentag hatte in Berlin der Schaumschläger Schulz, damals als unrühmlich abgehalfterter EU-Politiker seines Zeichens Kanzlerkandidat und mit einhundert Prozent gewählt zum Vorsitzenden der populistischsten Partei Deutschlands für ein paar Wochen, sich hingestellt und hatte, laut Deutschlandfunk und in der Tagessschau dokumentiert, „mehr Ehrlichkeit von Politikern gefordert“.

 

NachD E N K E N

 

29. Februar 2020: Bellarmin an Mephisto

 

Freitag, 21. Februar 2020, Bild:

„Größenwahn ist sein Leitthema“, so Psychotherapeut Lüdke. „Verglichen mit Edward Snowden ist er nach eigener Meinung der Größere. Snowdens Enthüllungen bezeichnet er als ‚Kindergeburtstag’“.

Sein Leben unterteilt Rathjen in „zwei Abschnitte“. Zunächst habe er nur vermutet, dass er überwacht werde, später dann „volle Gewissheit“ erlangt.

Rathjen glaubte, ab dem „Tag meiner Geburt“ rund um die Uhr überwacht zu werden. Er beschreibt eine Stimme, die ihm im Alter von wenigen Tagen sagte, dass er „in die Falle gegangen“ sei. Später stellte er fest, „dass ich bereits mein ganzes Leben in den Fängen einer Geheimorganisation war“.

Geradezu skurril: Beim Schauen von Hollywood-Filmen habe er überlegt, wie man eine Serie daraus machen könnte – und ein paar Jahre später sei dann eine ähnliche Serie gedreht worden. Für den Terroristen genug Beleg, dass jemand seine Gedanken liest.

„Filme und Fußball waren offenbar seine großen Leidenschaften“, so Lüdke. „In aller Welt befasst man sich damit, aber er hat das auf sich bezogen. Und für sich hat er gesehen: Meine Ideen beschäftigen die ganze Welt.“

 

Freitag, 21. Februar 2020, FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG:

Wer war Tobias R., der in Hanau mutmaßlich zehn Menschen ermordete? Aus welchen Quellen speiste sich sein Weltbild, in wessen Namen glaubte er zu handeln? Ist er ein rechtsextremer Terrorist im konventionellen Sinn des Wortes, der aus blankem Fremdenhass eine Shisha-Bar und einen Kiosk zu seinen Zielen auserwählt hat? War er Teil eines Netzwerks, oder ist er ein sozial isolierter Einzeltäter, der sich in den finsteren Foren des Internets radikalisiert hat?

Bis diese Fragen endgültig beantwortet sind, wird es noch dauern – doch ein Video sowie mehrere Dokumente des Täters, die dieser Zeitung vorliegen, geben einige deutliche Anhaltspunkte. Eines der Dokumente kann man als Manifest und Abschiedsbrief bezeichnen; es ist 24 Seiten lang und enthält eine mäandernde Chronologie seines Lebens, die immer wieder von bizarren Exkursen zu Geopolitik, Militärstrategie, Wirtschaftsmacht und Filmbranche durchbrochen wird. Anschlagspläne werden darin nicht explizit angesprochen, wohl aber angedeutet, etwa, wenn es heißt, dass R. die Bestätigung seiner Thesen „nicht mehr miterleben“ können wird und dass ihm nichts anderes übriggeblieben sei, als so zu handeln, wie er es getan habe, „um die notwendige Aufmerksamkeit zu erlangen“.

Gleich zu Beginn des Manifests will R. jedoch etwas anderes klarstellen: „Im Mittelpunkt meiner Botschaft steht die Tätigkeit eines sogenannten ‚Geheimdienstes’“. Dieser überwache grundlos die Privatwohnungen Tausender Menschen in Deutschland; es gebe dort auch Mitarbeiter, „welche in der Lage sind, die Gedanken eines anderen Menschen lesen zu können und darüber hinaus fähig sind, sich in diese ‚einzuklinken‘ und bis zu einem gewissen Grad eine Art ‚Fernsteuerung‘ vorzunehmen“.

Die Vorstellung eines Geheimdienstes oder sonstiger dunkler Mächte, die ihn fernsteuern, ihm Gedanken eingeben und ihn überwachen, zieht sich in verschiedenen Abwandlungen durch das gesamte Dokument. Darin offenbart sich die Gedankenwelt eines Menschen, der zwar in zusammenhängenden Sätzen spricht, den jedoch augenscheinlich nur noch lose Fäden mit der Realität verbinden: So hätten ihm unbekannte Agenten Albträume eingespielt; nach dem Erwachen habe er dann intuitiv gewusst, dass die Vereinigten Staaten für den 11. September verantwortlich seien. Dieselbe Geheimorganisation transplantiere auch Filmkonzepte aus seinem Kopf in neue, real existierende Hollywood-Produktionen – er sei somit der unfreiwillige Ideengeber der Filmindustrie.

Breiten Raum nehmen seine Empfehlungen für eine erfolgreiche amerikanische Militärstrategie ein, die dringend notwendig sei, um sich gegen die aufstrebende Wirtschaftsmacht China sowie gegen Drogenschmuggel und illegale Migration aus Mexiko zu behaupten und die gewisse Überschneidungen mit der Politik des amerikanischen Präsidenten enthalten. Dass Donald Trump seine diesbezüglichen Empfehlungen wissentlich umsetze, bezweifelt Tobias R. allerdings, „da ich mir hier sicher bin, dass dies über die sogenannte Fernsteuerung funktioniert.“ Diese Auflistung von Bizarrem ließe sich lange fortsetzen und findet ihre Entsprechung in den anderen beiden Dokumenten, die sich mit militärischen Planspielen des Nahen Ostens sowie mit einer optimalen Trainingsstrategie für den Deutschen Fußballbund befassen. Trotz aller gebotener Zurückhaltung bei psychologischen Ferndiagnosen bleibt nach der Lektüre kaum Zweifel: Tobias R. war geistig krank.

Doch neben den unübersehbaren Anzeichen einer psychischen Erkrankung finden sich auch andere Passagen in seinem Manifest, die Aufschluss zu seinen Tatmotiven geben könnten. R. schildert ein Gespräch, das er im Jahr 1999 mit einem ehemaligen Kollegen aus seiner Banklehre geführt habe und das für ihn noch immer prägend sei. Dabei sei es unter anderem um „die Kriminalität, oder allgemeiner ausgedrückt, das schlechte Verhalten bestimmter Volksgruppen, nämlich von Türken, Marokkanern, Libanesen, Kurden, etc.“ gegangen. Er und sein Kollege hätten beide negative Erfahrungen mit Menschen aus diesen Gruppen gemacht, etwa „absichtlich provozierte Streitereien auf dem Nachhauseweg von der Schule oder dumme Anmachen in der Disko“. Das könne er zwar „aus heutiger Sicht mit Sicherheit als ‚harmlos‘ bezeichnen“, weil dabei niemand zu Schaden gekommen sei, aber aus dem Freundeskreis seien ihm auch schwerere Fälle von Ausländerkriminalität bekannt. Während seiner Ausbildung habe er zudem einen Banküberfall am eigenen Leib miterlebt; die Karteikarten potentieller Verdächtiger, die die Polizei ihm später präsentiert habe, hätten dann „zu ca. 90% aus Nicht-Deutschen“ bestanden, hauptsächlich aus Südländern und Türken. Daraufhin habe bei ihm ein „Erkenntnisgewinn“ eingesetzt: Die deutsche Kultur sei überlegen, eine Reihe anderer Völker bestehe hingegen aus minderwertigen Fortschrittsverhinderern, mit denen sich „das Rätsel“ der Suche nach den Ursprüngen des Universums nie werde lösen lassen; erst recht werde es mit diesen Völkern nicht gelingen, eine Zeitreise in die Vergangenheit zu unternehmen, unseren Planeten vor der Entstehung menschlichen Lebens auszulöschen und so rückwirkend auch alles menschliche Leid zu verhindern. Folglich sollten im Zuge einer ersten „Grob-Säuberung“ sämtliche Einwohner von 24 namentlich genannten Ländern getötet werden; darunter viele Staaten des Nahen und Mittleren Ostens einschließlich Israels sowie nordafrikanische und südostasiatische Länder.

Die Frage, ob R. ein Rechtsextremer mit psychischen Problemen war oder ein psychisch Kranker mit eher zufälligen Einsprengseln von Rechtsextremismus, wird in der Debatte über seine Tat absehbar eine zentrale Rolle spielen. Jedenfalls findet sich in den vormals auf seiner Homepage abrufbaren Dokumenten nichts, was sich als umfassende und kohärente rechte Ideologie bezeichnen ließe. Bezugnahmen auf politische Parteien, Autoren oder Ideengeber des rechten Spektrums fehlen vollständig, auf die deutsche Migrationspolitik wird kaum eingegangen. Auch die weiterführenden Links auf seiner Homepage verweisen nicht auf dezidiert politische Inhalte, sondern vielmehr auf Videos und andere Websites aus dem wahnhaft-verschwörungstheoretischen Spektrum, die um Themen wie Telepathie, Fernsicht, Gedankenkontrolle, Energieheilung und Entführung durch Außerirdische kreisen. In einem Video von sich selbst, das R. am 14. Februar 2020 auf Youtube hochgeladen hatte, richtet er sich schließlich an die Bürger Amerikas, die endlich aufwachen und Widerstand leisten müssten gegen die Geheimgesellschaften, die ihre Gedanken steuern und die in unterirdischen Militärbasen den Teufel anbeten und Kinder foltern und töten.

 

Freitag, 21. Februar 2020, Deutschlandfunk, über Äußerungen des ehemaligen Angehörigen der Antifa und gegenwärtigen Generalsekretärs der SPD, Lars Klingbeil, keine 24 Stunden nach dem Attentat in Hanau:

SPD-Generalsekretär Klingbeil hat vor dem Hintergrund des Anschlags erneut gefordert, die AfD vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen. … Es habe einer geschossen, aber es seien viele gewesen, die ihn munitioniert hätten. Und die AfD gehöre dazu.

 

Der Menschheit Menetekel

 

5. Januar 2020: Kassandra an Mephisto

 

Ein Grund unter manchen anderen für ihre Fragwürdigkeit, nämlich der beträchtlichen Möglichkeit des Scheiterns Eurer Zivilisation, scheint mir tatsächlich in Eurem Wahrnehmungsvermögen zu liegen.

Im Geschichtsbild wie im Wetterbericht.

Wenn in den Nachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen Medien eine Meldung über die sogenannten Buschbrände in Australien kommt, in letzter Zeit immerhin fast täglich, sehe ich schon: danach folgt gleich der Wetterbericht. Denn die Euren bundesdeutschen Redakteuren wichtigste Meldung wird ja an den Anfang der Nachrichten gestellt. Das haben sie gelernt.

Ich vermute von Verona Pooth.

Zumindest was die heutige Generation der Nachrichtenredakteure anbelangt.

In ihrem Hinblick auf die Wertung der Wichtigkeit von Meldungen.

Anders kann ich mir kaum erklären, daß jeder absichtsvolle Propaganda-Furz eines SPD-Politikers zuverlässig auf den ersten Nachrichtenplatz gehievt wird. Und die Meldung, die Polkappen seien gerade weggeschmolzen, das paßt ja zum Wetterbericht, auf den letzten.

Selbstverständlich ohne Erwähnung, daß zwei Monate zuvor die SPD im Bundestag gegen die Einführung eines Tempolimits gestimmt hatte: Daß die SPD ein Tempolimit von 130 km/h einzuführen fordere auf deutschen Autobahnen – erste Meldung!

Daß der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD in der Neuen Osnabrücker Zeitung von einem „Windbürgergeld für Anwohner“ gesprochen habe – erste Meldung!

Daß SPD-Scholz meine, den Kommunen sollten die Altschulden gestrichen werden – erste Meldung!

Daß Ralf Stegner meine, die SPD solle mit der Linkspartei fusionieren – erste Meldung!

Daß der allseits bekannte SPD-Politiker Castellucci einen neuen Anlauf für ein EU-Asylsystem fordere – erste Meldung!

Daß die SPD bei den Verlusten bei den Krankenkassen keinen Anlaß zur Besorgnis sehe – erste Meldung!

Daß die SPD ein Recht auf Heimarbeit (zu deutsch „Homoffis“) fordere – erste Meldung!

Daß SPD-Chef Walter-Borjans verlautbart habe, die Wochenendarbeit müsse strikte Ausnahme bleiben – erste Meldung!

Man stelle sich bloß einmal vor, in einer funktionierenden Demokratie käme die größte Oppositionspartei des Bundestages mit ihren Äußerungen ebenso häufig zu Wort wie die kleinere Regierungspartei. Wenigstens an zweitplazierter Stelle… Und im vollen Vertrauen auf die eigenständige Urteilsfähigkeit der durch die Schulen dieses demokratischen Staates zur urteilsfähigen Mündigkeit erzogenen Bürger.

Aber da kennen sie nix, Eure Redakteure, und schon gar keinen „Buschbrand“ im fernen Australien.

Australien brennt!

Die begünstigende Lufttemperatur, nebenbei einmalig erwähnt: 48° Celsius!

Was an sich schon eine erste Meldung wäre.

Was sich in Australien abspielt ist ein historisches Fanal ersten Ranges! Ein Menetekel für einen Anfang!

Und Eure Philosophen schweigen.

Und Eure Historiker schweigen.

Und Eure Anthropologen schweigen

Und Eure sogenannten Denkfabriken schweigen.

Dabei gäbe es doch zum Denken ein paar äußerst naheliegende aber interessanterweise ungestellte und deshalb wohl auch unbezahlte Fragen. Und über unbezahlte Fragen spricht man nicht und denkt in Denkfabriken schon gar nicht.

Zum Beispiel:

Wäre es nicht endlich an der Zeit, darüber nachzudenken, wie das Überleben unserer Gattung zu sichern wäre beim augenscheinlichen Nichteinhalten der für das Überleben von sieben bis zehn Milliarden Menschen lebensnotwendig erachteten Temperaturziele am Ende dieses Jahrhunderts?

Oder soll das erst 2101 beginnen?

Denn ihre Erreichung läuft, wie Ihr doch zur Genüge immer aufs neue beobachten könntet bei einigem Nachdenken, der zwangsläufig expansiven Natur des Menschen zuwider.

Beweis:

Euer eben jener menschlichen Natur angemessenes, auf Gedeih und Verderb expansives Wirtschaftssystem mit seinen untereinander konkurrierenden Wirtschaftseinheiten in dem begrenzten Wirtschaftsraum dieses Planeten.

Die Probleme bei einem Wachstumsverlust oder gar bei einem bloßen Einbrechen des Wachstums, der lediglichen Einbuße eines weiteren Anwachsens in eben jenem, der menschlichen Natur entsprechenden, expansiven Wirtschaftssystem führen bereits zur Verelendung breiter Bevölkerungsschichten und können den massenhaften Verlust an Menschenleben verursachen.

Die Menschheit der tonangebenden, der entwickelten Gesellschaften unseres Planeten ähnelt mehr und mehr einem Hamster, der sich in dem von ihm betriebenen Rad hastend selber zwingen muß, immer schneller und schneller zu rennen, um wenigstens auf der Stelle bleiben zu können.

Und die Menschheit hat es nicht geschafft, auf demokratischem Wege eine überstaatliche Weltmacht zu etablieren, die eventuell noch imstande wäre, das Unausweichliche regulierend zu mildern.

Oder wenigstens zu beginnen, die richtigen, nämlich die wahrhaft wichtigen Fragen zu stellen.

Beispielsweise ob für Überlebende künftig die Städte besser unter der Erdoberfläche anzusiedeln wären.

Oder vielleicht doch in dem Ozean voller Plastik?

Bereits die Erfinder der Demokratie kannten die Schwächen demokratischer Staatsverfassung zur Genüge, die ja per Volksversammlung einen Sokrates zum Giftbechertrinken verurteilen und, apropos Putin, Trump, Erdogan, jeden Esel als Pferd deklarieren könne per Mehrheitsbeschluß.

Auch das angesichts der übermächtigen Probleme eigentliche Scheitern eines bestwilligen Politikers der Neuzeit wie Barack Obama war ein Menetekel.

Doch der benötigte Bewußtseinswandel, wie allein schon das Symptom Eurer Nachrichtenplazierung zeigt, ist keinesfalls in Sicht.

Derweil brennt oben das Dach und unten rauchen die Minen, aber mitten im Haus schlägt man sich um den Besitz (Hebbel).

Die Natur schlägt zurück!

Und das fängt ja alles erst an!

Alles wird anders, als Ihr bisher denkt!

Ich sage Dir, Ihr solltet endlich auf das Mädchen hören, anstatt es zu verunglimpfen!

 

Europa war vormals ein feuchter Wald, und andre jetzt kultivierte Gegenden waren’s nicht minder: es ist gelichtet, und mit dem Klima haben sich die Einwohner selbst geändert. Ohne Polizei und Kunst wäre Ägypten ein Schlamm des Nils worden: es ist ihm abgewonnen, und sowohl hier als im weitern Asien hinauf hat die lebendige Schöpfung sich dem künstlichen Klima bequemet. Wir können also das Menschengeschlecht als eine Schar kühner, obwohl kleiner Riesen betrachten, die allmählich von den Bergen herabstiegen, die Erde zu unterjochen und das Klima mit ihrer schwachen Faust zu verändern. Wie weit sie es darin gebracht haben mögen, wird uns die Zukunft lehren.

Johann Gottfried von Herder (1744 – 1803)

 

Mutmaßungen über einen Mörder

 

19. Oktober 2019: Mephisto an Serapion

 

Ein 27jähriger Mann hatte sich hier in Deutschland schwer bewaffnet und war aufgebrochen, um Juden zu erschießen. Auf grausame Weise wurden zwei Menschen umgebracht, ein Ehepaar wurde schwer verletzt, der Mann durch einen Steckschuß im Nacken. Viele schwebten in Todesgefahr, auch Kinder, und verdanken ihr Leben nur dem Halten einer Holztür. Ein Kurierfahrer wurde nicht erschossen, weil die Maschinenpistole des Mörders versagte.

Ein 27jähriger Mann hatte sich schwer bewaffnet und war aufgebrochen, um Juden zu erschießen.

Es heißt, das Motiv des Mörders sei Antisemitismus gewesen. Der Mann habe sich radikalisiert in rechtsextremen Foren im Netz. Da scheint die Annahme wohlbegründet.

Von einem neuen Tätertyp ist die Rede.

Doch ganz langsam: Was ist geschehen?

Ein 27jähriger Mann hatte sich schwer bewaffnet und war aufgebrochen, um Juden zu erschießen.

Das hat er selbst bekundet!

Merkmal 1: Er hatte sich extra schwarz uniformiert, sogar einen schwarzen Helm über seinen Schädel gestülpt.

Merkmal 2: Er hatte eine Kamera an dem Helm befestigt in der Absicht, sein Morden bildlich zu dokumentieren und es über ein Mikrofon zeitgleich zu kommentieren.

Ein vom Täter simultan kommentierter Massenmord hatte es werden sollen!

Typ insofern: Das hatten wir schon erlebt! Dieses Jahr erst im fernen Neuseeland, da wurden von einem Mörder 51 Menschen erschossen, zeitgleich selbstdokumentiert für die Weltöffentlichkeit.

In dieser Welt leben wir.

Dennoch sollten wir uns noch nicht so sehr an sie gewöhnt haben, um unsere naheliegenden Erklärungen für das Geschehen nicht mehr kritisch durchdenken zu können.

Die Aufnahmen wurden zeitgleich ins Netz übertragen.

Das ist der Schlüssel!

Dieses eigentlich doch untypisch entbergende Verhalten eines Mörders.

Dieser absurde Drang an die Weltöffentlichkeit!

Schaut her: Ich morde!

Ich erschieße möglichst viele mir persönlich unbekannte Menschen!

Je mehr, um so besser!

Ein 27jähriger Mann hatte sich schwer bewaffnet und war aufgebrochen, um Juden zu erschießen. Auf grausame Weise wurden zwei Menschen umgebracht, zwei Menschen wurden schwer verletzt.

Von einem 27jährigen Mann, den sie nicht kannten. Und der sie nicht kannte.

Von einem 27jährigen berufslosen Hartz-IV-Empfänger.

Mit einer unfreiwillig selbstdokumentierten labilen Persönlichkeit.

Merkmal 3: In auffallender Weise beschimpft er sich in seinem Video, und das sich steigernd mehrmals.

Weißt Du, was ich glaube?

Der Antisemitismus des Stephan Balliet in Halle, der Antiislamismus des Brandon Tarrant in Neuseeland, der Faschismus des Anders Breivik in Norwegen – das ist bei diesem Tätertyp nur eine beliebige Staffage, das ist sekundär. Ob bewußt oder unbewußt – das sind nur Rechtfertigungsideologien, sie maskieren das wahre Motiv.

Beweis: Als es Stephan Balliet nicht gelingt, Juden zu erschießen, schießt er einer ahnungslosen Passantin mehrfach in den Rücken, er feuert sogar noch eine Salve auf die bereits am Boden liegende. Anschließend fährt er los, deutlich auf der Suche nach neuen, nach eindeutig beliebigen Mordopfern.

Er erschießt einen ihn um Schonung seines Lebens anflehenden wehrlosen 20jährigen Bauarbeiter.

Und „Sorry, die Waffe ist Scheiße“: nur dem Versagen beim Abdrücken seiner selbstgebauten Mpi verdanken andere anwesende Zufallspersonen ihr Leben.

Mitnichten handelt es sich hier als Motiv um eine wie auch immer geartete politische Tat auf Grund einer wenn auch monströs verschrobenen Ideologie. Mitnichten handelt es sich um einen neuen Tätertyp. Da blenden wohl die modernen technischen Möglichkeiten und die Netzaffinität der Mörder die Analytiker.

Stephan Balliet wird offenbar weniger getrieben durch Judenhaß: Es treibt ihn in Wahrheit auf seinem Helm die Kamera!

Und in Wahrheit ist der Tätertyp bekannt seit 20. Juli 356 vor Christus, also seit mittlerweile 2375 Jahren: Anders Breivik, Brandon Tarrant und Stephan Balliet – es handelt sich um Herostraten. Ihr primäres Tatmotiv heißt Ruhmsucht. Ihre politische Ideologie ist mehr oder minder sekundär, ist sogar Zufall, und deren tendenziöse Rechtslastigkeit wohl eher ihrer Anziehung für beschränktere geistige Gemüter geschuldet. Sowie dem Stolz von Ungebildeten auf angebliches Sonderwissen, das sie endlich über die Allgemeinheit erhöbe: Oh, ich weiß was: „Der Holocaust hat nie stattgefunden!“ (Balliet)

Selbst die Parteizugehörigkeit von Menschen scheint mir übrigens in entwickelten Ländern heutzutage im allgemeinen wesentlicher die Folge zu sein einer psychologischen Konstitution als einer politischen Zielsetzung.

Zurück zum Beispiel Balliet. Nach allem was zu erfahren war, handelt es sich wohl um einen bei seiner geschiedenen Mutter, einer Grundschullehrerin für Ethik und Kunst, lebenden mehrfach gescheiterten Mann mit hochgradiger sozialer Inkompetenz und wohl einem daraus resultierenden Minderwertigkeitskomplex.

Die meisten Mörder, die ich kennenlernte, waren seelisch auf einem Kindheitsniveau des Vorschulalters stehengebliebene Menschen. Ich habe das Gefühl, das wird bei Balliet aus Benndorf nicht anders sein.

Sein Selbstwertgefühl basierte sehr wahrscheinlich auf seinem Weltverständnis aus dem Internet. Sie konstruieren sich rudelweise verschiedene Erklärungen der Wirklichkeit, ohne deren Beschaffenheit je zu begreifen. Sie glauben, die Welt verstanden zu haben und lassen sich diesen Stolz nicht nehmen.

BILD schrieb: „Er tötete aus Judenhass!“

Nein, Balliet tötete nicht aus Judenhaß.

Er mordete aus Geltungssucht.

Und noch dies: Die Entdeckungen neuer medialer Möglichkeiten haben ja meistens zu enormen Umbrüchen in der Menschheitsgeschichte geführt, wie beispielsweise der Buchdruck zu Reformation und Religionskriegen oder der Zeitungsdruck zur französischen Revolution.

Oder Kino und Radio zu Kommunismus und Faschismus.

Und nun das Internet.

Es ist ein unglaublich zivilisatorischer Rückschritt. Ich weiß gar nicht bis wohin!

Das 19. Jahrhundert stand höher.

Als Trump und Bolsonaro.

Diese unmenschliche Verrohung!

Jeder perverse Idiot, der einst leicht isolierbar in seinem Kaff verschimmelte, weiß nun, daß es gleich ihm noch unzählige andere gibt auf der Welt, mit denen er in Verbindung tretend sich seine Wirklichkeit zurechtbiegen kann.

Bis er normal wäre und die Welt pervers.

 

Derjenige, der durch seine Natur und nicht bloß aus Zufall außerhalb des Staates lebt, ist entweder schlecht oder höher als der Mensch, wie etwa der von Homer in der Ilias beschimpfte: ‚Ohne Geschlecht, ohne Gesetz und ohne Herd‘. Denn dieser ist von Natur ein solcher und gleichzeitig gierig nach Krieg, da er unverbunden dasteht … Wer aber nicht in Gemeinschaft leben kann oder in seiner Autarkie ihrer nicht bedarf, der ist wie etwa das Tier oder die Gottheit kein Teil des Staates … Wie nämlich der Mensch, wenn er vollendet ist, das beste der Lebewesen ist, so ist er ohne Gesetz und Recht das schlechteste von allen. … Der Mensch besitzt von Natur als Waffen die Klugheit und Tüchtigkeit, und gerade sie kann man am allermeisten im entgegengesetzten Sinne gebrauchen.“

Aristoteles (384 v. Chr. – 322 v. Chr.)

 

Was kann denn das nur sein?

 

14. Juli 2019: Bellarmin an Mephisto

 

Stell Dir das mal vor, im Radio hörte ich heute, ein Sprecher des Journalistenverbandes, ich glaube, es handelt sich sogar um den Vorsitzenden, der soll behauptet haben, es gäbe in den Medien eine, wörtlich, „Tendenz zur Selbstzensur“!

Tatsächlich!

Und zwar: Weil Journalisten heikle Themen bewußt umgingen. Auch sollen Kollegen berichtet haben, sie seien in den jeweiligen Medien vom Management unter Druck gesetzt worden, wörtlich, „bestimmte Geschichten nicht zu berichten oder ihre Berichterstattung zu verwässern“. Und es gäbe Umfragen, die zeigten, daß diese Einschätzung einer „schrumpfenden Pressefreiheit“ neben den Medienschaffenden auch von den Mediennutzern geteilt werde!

Was sagst Du?

Du hast Dich jüngst erst wieder gewundert, warum zum Beispiel bei dem sogenannten „Kosmos Chemnitz“-Festival Anfang des Monats unsere öffentlich-rechtlichen Medien in breitester Länge und längster Breite und noch einmal von hinten und dann noch mal von vorn von der Begeisterung der begeisterten Anständigen berichteten und die Bürgermeisterin sprechen ließen in ausführlichen Ausführlichkeiten?

Tenor der Berichte:

Am Abend spielen hier Herbert Gröneymeyer [sic!] und die Hamburger Band Tocotronic. Direkt vor dem Karl-Marx-Kopf rappt das Berliner Hip-Hop-Duo Zugezogen Maskulin. Und vor dem Dönerladen, vor dem Daniel H. im Sommer erstochen wurde, legen DJs auf.“?

Und keinen einzigen zu Wort kommen ließen oder, angebrachterweise, einmal jemanden ausführlich interviewten aus der nicht unbeträchtlichen Anzahl der Nichtbegeisterten?

Der Unanständigen?

Von den nicht wenigen nicht einen einzigen, sagst Du?

Um nur ein winziges Beispiel zu nennen aus der Menge der unzähligen?

Was sagst Du? Du hast Dich erinnert gefühlt an die Berichterstattung im DDR-Fernsehfunk über irgendeine der ordinären Propaganda-Festival-Veranstaltungen der Freien Deutschen Jugend?

Oder daß Anfang Juli vor einem Jahr unserer Kanzlerin bei ihrer Rückkehr von ihrer hastigen Brüsselfahrt in Sachen gemeinsamer europäischer Flüchtlingspolitik zum ersten Mal seit Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise die Wörter „illegale Migration“ und dann sogleich noch das Wort „Sekundärmigration“ aus ihrem persönlichen Mund gefallen waren, was es nicht alles geben soll, und dann auch noch, daß beides zu bekämpfen wäre?

Und was es dergleichen nicht plötzlich alles gegeben haben sollte?

Zitierend wäre sogar einmal gesprochen worden von „Identitätsverweigerern“?

Wovon die öffentlich-rechtlichen Medien nichts ahnten bis dato?

Und warum sie sich nun nicht aufgemacht hätten und wären ausgeschwärmt? Und hätten illegale und sekundäre Migranten mal aufgespürt und einmal einen Bericht verfaßt und im Radio darüber gesprochen oder im Fernsehen gefilmt oder erörtert?

Hätten wenigstens einmal von den Handwerkern die Toiletten-Installateure zu Wort kommen lassen in den öffentlich korrekten Medien, wie oft diese in den letzten Jahren in die Erstaufnahmeeinrichtungen sausen mußten wegen verstopfter Abflußleitungen der Klosetts?

Infolge aufgequollener Papierfetzen zerrissener Identitätsnachweise?

Um detailliert aktualisierte Fakten und Zahlen zu präsentieren, in aller Klarheit, pardon, in aller Transparenz?

Zahlen und Prozente illegaler Migration?

Über Sekundärmigration?

Über Identitätsverweigerer?

Über abgelehnte Asylbewerber in Deutschland und Europa?

Über Ausreisepflichtige?

Im Verhältnis zu Ausgereisten?

Fakten, Fakten, Fakten?

Und wie die Kanzlerin das ganze Jahr dagegen kämpfte?

Damit diese abstiegsverängstigten, modernisierungsskeptischen, fremdenfeindlichen, islamophoben, rassistischen Abgehängten endlich merken, daß es gar nicht so ist, wie sie immer denken, und nicht immer wieder aufs neue hereinfallen auf diese ganzen Feknjus?

Ja bist Du denn bescheuert? Um Gottes Willen! Der Journalistenverband mit jener Tendenz zur Selbstzensur in den Medien, von dem ich im Radio hörte, das ist doch der Journalistenverband in Hongkong! Das ist doch nicht hier! Wie leben doch in Deutschland!

Wie kommst nur auf die Idee, es handelte sich um unsere Medien?

Hier herrscht doch Pressefreiheit!

 

Meinungsvielfalt in deutschen Medien bedroht

Der frühere Intendant des Westdeutschen Rundfunks, Pleitgen, sieht die Meinungsvielfalt in den deutschen Medien bedroht.

Bei vielen Themen von Griechenland bis Brexit, von Russland bis Trump, gebe es homogene Berichterstattung. Das sei der schleichende Tod der Demokratie, sagte Pleitgen dem „Handelsblatt“. In vielen wichtigen Fragen marschierten alle Redaktionen in eine Richtung, nicht selten im Einklang mit der vorherrschenden Meinung in der Politik. Das sei bedenklich und eine Abkehr vom Richtungsstreit früherer Jahre.

Deutschlandfunk, 11. Juli 2019

 

Denkanstöße

 

7. Juli 2019: Bellarmin an Mephisto

 

Dienstag, 25. Juni, Deutschlandfunk:

Bootsflüchtlinge: Straßburg weist Antrag von Sea Watch ab

Der Europäische Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg kam am Abend einem Eilantrag nicht nach, mit dem die Besatzung erzwingen wollte, in Italien anlegen zu dürfen. Es gebe derzeit keine Menschen mehr an Bord, die unmittelbar gefährdet seien, hieß es zur Begründung.

Das Schiff des deutschen Seenotrettungsvereins Sea-Watch hatte am 12. Juni ursprünglich 53 Migranten vor der libyschen Küste geborgen. Mehrere Flüchtlinge durften aus medizinischen Gründen bereits an Land gehen.

Freitag, 28. Juni, TAZ:

In anderen Hauptstädten der EU mag man den Rechtspopulisten Salvini für unappetitlich halten, doch am Ende erledigt er – genauso wie Viktor Orbán in Ungarn – auch für die anderen die ‚Drecksarbeit‘. Da mögen Organisationen wie das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen noch so laut protestieren, da mag Europa sich über Donald Trumps Grenzregime erregen, doch am Ende hält die EU es auch nicht anders. Warum auch? Salvinis Italien macht ja den Job.

Sonntag, 30. Juni, Deutschlandfunk:

Im Zusammenhang mit der Festnahme der „Sea-Watch“-Kapitänin Rackete hat Bundespräsident Steinmeier deutliche Kritik an Italien geübt.

Von einem EU-Land wie Italien, das auch noch zu den Gründungsmitgliedern der Gemeinschaft gehöre, könne man einen anderen Umgang mit einem solchen Fall erwarten, sagte Steinmeier im ZDF. Wer Menschenleben rette, könne kein Verbrecher sein, so der Bundespräsident.

Deutschlandfunk:

Die Abkommen mit anderen Staaten über eine Zurückweisung von Migranten sind offenbar weitgehend wirkungslos.

Nach Informationen der „Welt am Sonntag“ wurden in den vergangenen elf Monaten nur 20 Migranten an der österreichisch-deutschen Grenze festgesetzt und dann nach Griechenland oder Spanien zurückgeschickt. Bundesinnenminister Seehofer wollte ursprünglich alle Asylbewerber zurückweisen, die schon in einem anderen EU-Staat einen Antrag gestellt hatten – das wären jährlich bis zu 40.000 Menschen gewesen. Der CSU-Politiker konnte sich damit jedoch gegen Kanzlerin Merkel nicht durchsetzen. Deshalb schloss er einzelne Abkommen mit Griechenland und Spanien, Italien weigerte sich.

NOVI LIST:

An den Reaktionen der Einwohner von Lampedusa konnte man sehen, wie es um deren Einstellung steht. Viele applaudierten und forderten, die Kapitänin in Handschellen abzuführen.

WELT AM SONNTAG:

Die maximale Aufmerksamkeitsorchestrierung hat sich gelohnt: Selbstlose, den Menschenrechten verpflichtete junge deutsche Frau kämpft tapfer gegen bösen, herzlosen Mann – Italiens Innenminister Salvini. Jetzt sitzt sie hinter Gittern. So kann man das Handeln sehen. Aber auch die Politik handelt. Ihr Handeln ist der staatlichen Verantwortungsethik geschuldet und eben nicht der Gesinnungsethik. Das Schlepperwesen, das sich im Laufe der Jahre entwickelt hat, reagiert in all seiner kriminellen Energie marktwirtschaftlich. Winken europäische Regierungen die Flüchtlinge durch, floriert das Geschäft. Erst der Rigorismus der Italiener, die jahrelang die Hauptbetroffenen dieser illegalen Migration waren und seit einem Jahr den Rettungsschiffen die Landung verweigern, hat zu einer merklichen Abnahme des Schlepperwesens geführt.

Montag, 1. Juli, Deutschlandfunk:

Das UNHCR beobachtet seit einigen Wochen, dass die Menschenschlepper ihre Strategien verändern, nicht zuletzt in Libyen. Die Schlepper reagieren unter anderem auf die rigorose Linie der italienischen Regierung, so Fossi weiter: „Das Schließen der Häfen führt dazu, dass die Schlepper jetzt verstärkt Methoden nutzen, die es den Passagieren erlauben sollen, direkt ins Zielland zu kommen, ohne abgefangen zu werden.“

Eine der Methoden, auf die die Schlepper dabei verstärkt setzen, ist der sogenannte Mutterschiff-Trick. Er wurde vor über zehn Jahren schon von Ägypten aus genutzt, neuerdings – in etwas veränderter Form – verstärkt von den Schleppern in Libyen.

Der Trick besteht darin, zunächst die Flüchtlinge – meist sind es mehr als hundert – unter Deck eines etwas größeren Schiffes zu verstecken und mit diesem Schiff, auf dem von außen keine Flüchtlinge zu sehen sind, von Libyen unentdeckt in die Nähe der italienischen Hoheitsgewässer zu fahren.

Dort werden die Menschen dann meist in mehrere kleine Holz- oder Kunststoffboote gesetzt, die das Mutterschiff mitgeführt hat. In diesen erreichen sie dann die italienische Küste – oder werden zumindest in italienischen Gewässer von der Küstenwache abgefangen, die sie dann in einen italienischen Hafen bringen muss.

Schlepper passen sich Situation an

Zu den veränderten Schlepper-Strategien trage indirekt auch die erzwungenermaßen nur noch geringe Präsenz der Nicht-Regierungsorganisationen auf dem Mittelmeer bei, sagt das Flüchtlingshilfswerk. Schlauchboote würden seltener eingesetzt. „Schlauchboote können nur wenige Stunden unterwegs sein, vor allem wenn sie überfüllt sind, wie wir es häufig beobachtet haben. Die waren nur mühsam in der Lage, aus den libyschen Gewässern herauszukommen, wo dann die Nicht-Regierungsorganisationen bereit waren, den Migranten und Flüchtlingen zur Hilfe zu kommen“, sagt Fossi.

Da sich die politische Situation verändert habe, versuchten die Schlepper, sich diesen Veränderungen anzupassen.

Aktuell werden – außer mit der neuen alten Methoden der Mutterschiffe – Flüchtlinge und Migranten auch mit Jachten nach Italien geschleust.

In der Regel sind die derzeit von den Schleppern verwendeten Boote auch bei der Mutterschiff-Methode in besserem Zustand als früher.

Dienstag, 2. Juli, NEUE ZÜRCHER ZEITUNG:

Es ist erstaunlich, wie leichtfertig deutsche Prominente, Politiker und selbst der Bundespräsident übersehen, dass auch Italien ein Rechtsstaat ist, der legitimerweise seine Migrationspolitik selbst definiert, seine Grenze schützt und seine Gesetze durchzusetzen versucht. Rackete ist mit ihrem Boot ohne Erlaubnis in italienische Hoheitsgewässer und anschließend gar entgegen einem expliziten Verbot in einen italienischen Hafen eingedrungen. Dabei hat sie ein italienisches Patrouillenboot gerammt und dessen Besatzung gefährdet. Das ist ein unerhörter Rechtsverstoß und eine Missachtung, ja geradezu die Verhöhnung der italienischen Staatsautorität. Für Steinmeier ist es aber offenbar bloß eine Bagatelle, über die hinwegzusehen ist. Bei so wenig Solidarität unter den EU-Staaten muss man sich nicht wundern, wenn die EU-Führung in Brüssel nicht mehr viel zustande bringt.

Samstag, 6. Juli, TROUW:

Die ‚Sea Watch 3‘ hätte die aufgenommenen Migranten auch ins näher gelegene Malta oder nach Tunesien bringen können, nahm aber absichtlich Kurs auf Italien. Dort sorgen illegale Einwanderer aus Afrika schon seit Jahren für Spannungen. In einem Land mit hoher Jugendarbeitslosigkeit und schlechten Wirtschaftszahlen fragen sich viele Menschen, ob wirklich jeder aufgenommen werden muss. Zwischen 2014 und 2018 sind fast 650.000 Migranten in italienischen Häfen gelandet, und ein Großteil wurde von ausländischen Rettungsorganisationen dorthin gebracht. Andere EU-Länder haben Italien dabei im Stich gelassen, und nun hat Salvini mit restriktiven Maßnahmen den Zustrom gebremst. Das mag man aus einer komfortablen Position im Norden heraus kritisieren.

Sonntag, 7. Juli, WELT AM SONNTAG:

…ideologisch vernagelte Unduldsamkeit, die Kompromisse nahezu unmöglich macht und dazu führt, das jeweils andere Lager moralisch hinzurichten. Man kann es derzeit im Zweikampf zwischen Italiens Innenminister Salvini und den deutschen Flüchtlingshilfswerken beobachten, die sich gegenseitig für den Leibhaftigen halten. Dabei haben beide Lager Recht. Natürlich darf man Menschen auf dem Mittelmeer nicht ihrem Schicksal überlassen. Bei allem Furor: Es ist berechtigt, abschreckend zu wirken, will Europa einen Flüchtlingsstrom verhindern.

DER TAGESSPIEGEL:

Der Außenminister findet es in Ordnung, im hohen Ton der Moral einem Partnerland – mit dem die Bundesrepublik seit den römischen Verträgen in der friedensstiftenden Gemeinschaft des Rechts und der Regeln verbunden ist – per Twitter Anweisungen zu geben, wie es mit einer militanten Aktivistin umzugehen habe, indem er sagt: ‚Aus unserer Sicht kann am Ende eines rechtsstaatlichen Verfahrens nur die Freilassung von Carola Rackete stehen.‘ Und auch der qua Amt politisch neutrale Bundespräsident bedient das Bedürfnis nach moralischer Erhebung über andere Länder: Wer Menschenleben rette, könne kein Verbrecher sein. So leicht setzen deutsche Politiker Grundsätze der Diplomatie aufs Spiel – und stellen eigene moralische Erwägungen über das Recht demokratisch verfasster Partnerländer. Ob Carola Rackete italienisches Recht gebrochen hat und wie mit ihr zu verfahren wäre, dazu haben sie sich schlicht nicht zu äußern.

Deutschlandfunk:

ÖVP-Chef Kurz: Seenotretter ermöglichen illegale Einwanderung

Der frühere österreichische Regierungschef und ÖVP-Vorsitzende Kurz hat den Einsatz von privaten Hilfsorganisationen im Mittelmeer kritisiert.

Er halte es für falsch, wenn sie als Seenotretter Menschen illegal nach Europa bringen, sagte Kurz der „Welt am Sonntag“. Die Helfer weckten damit nur falsche Hoffnungen und lockten womöglich unabsichtlich noch mehr Menschen in Gefahr.

 

Das, was anfangs der Leidenschaft schmeichelte, wird von der Zeit zu spät als Irrtum erkannt.

Baltasar Gracián y Morales (1601 – 1658)

 

Warum ist hohes Fieber gefährlich?

 

30. Dezember 2018: Serapion an Mephisto

 

Unsere Erde mit derzeit wohl noch sieben Milliarden Menschen ist nicht allein im All. Sie umkreist die Sonne zusammen mit Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun. Auch unsere Sonne ist nicht allein im All. Sie ist ein Stern von hundert Milliarden Sternen in unserer sogenannten Milchstraße. Etwa 6000 von ihnen könnten wir mit bloßem Auge sehen bei freier Himmelsluft. Richtig, das sind sechs mal zehn hoch drei geteilt durch einmal zehn hoch elf gleich drei geteilt durch 50 Millionen: Also nur sechs mal zehn hoch minus sechs mal hundert gleich 0,000006 also ein sechs Millionstel Prozent von den hundert Milliarden Sternen unserer Galaxie wären bei klarem Himmel sichtbar.

Leicht könnte es auch sein, es befinden sich zweihundert Milliarden Sterne in der Milchstraße.

Dann verringerte sich diese Prozentzahl natürlich.

Aber, selbst wenn es nur lumpige hundert Milliarden Sterne wären, auch sie sind nicht allein im All. Unsere Galaxie ist Teil einer sogenannten Lokalen Gruppe zusammen etwa mit dem Andromeda-Nebel und den Magellanschen Wolken.

Auch das ist nur eine Gruppe unter anderen.

Die nächst höhere Ordnung sind sogenannte Sternhaufen mit tausenden Galaxien.

Das Licht, das von den entferntest beobachtbaren Galaxienhaufen zu uns dringt, ist etwa 13 Milliarden Jahre alt. Macht zusammengerechnet aus den durch nichts ausgezeichneten entgegengesetzten Richtungen des beobachtbaren Alls 26 Milliarden Lichtjahre.

Unzählige Galaxienhaufen mit unzähligen Galaxien mit hunderten Milliarden Sternen…

Mit unzähligen Planeten!

Also, warum sollte ausgerechnet unser Planet ein ausgezeichneter Punkt sein im Universum?

Vor allen anderen?

Viel weniger größenwahnsinnig wäre die Annahme, daß er das nicht ist.

Trotz der betörenden Gedichte des Li Tai Pe und der göttlichen Cello-Suiten des Johann Sebastian Bach und gar all der, solange sie lebten, unsterblichen Politiker und Eroberer verschwundener Weltreiche.

Wenn dem aber so ist, wie es die Vernunft zu vermuten gebietet, gäbe es in unserem Universum neben der Erde mit höchster Wahrscheinlichkeit hunderte Milliarden Planeten mit einem ähnlich zivilisatorischen Niveau.

Statt einzig des unsrigen.

Und die menschliche Zivilisation unseres Planeten wäre im Maßstab des Alls etwa vergleichbar als Lebensform wie eine der Tierarten auf der Erde.

Auf der Erde verschwinden heute davon täglich etwa hundert. Sie sterben aus. Gegenwärtig durch menschliches Zutun beschleunigt. Doch natürlicherweise so wie immer während der Evolution mit all ihren Zufällen und naturgesetzlichen Tendenzen.

Die Dinosaurier, mag sein durch Zufall, mußten sterben.

Andere, wie die Schaben vielleicht, werden durchkommen.

Ebenso im All. Es ist ein Werden und Vergehen.

Es scheint am wahrscheinlichsten, daß keine Lebensform eine Garantie besäße, ewig zu leben.

Erst recht als eine ihren Planeten ohne natürliche Feinde unbegrenzt beherrschende. Eher liegt es nahe, daß eine Lebensform, die sich unbegrenzt ausbreiten könnte in einem begrenzten System, unentrinnbar erstickt an ihren eigenen Exkrementen.

Intelligentere Lebensformen, schneller entwickelte, werden durchkommen.

Was ich immerhin sagen wollte, wir werden es nicht schaffen mit dem Zwei-Grad-Ziel, und schon gar nicht mit dem Anderthalb-Grad-Ziel. Und das nicht nur wegen Putin, Trump und Erdogan und all den unzähligen Despoten und Despötchen und Idioten und Idiötchen und Matthias Wissmann.

Wir werden es nicht schaffen und sollten dem endlich ins Auge sehen.

Wie heute das Fernsehen meldete, werden in Australien gerade Sommertemperaturen erreicht von 49° C.

Weißt Du eigentlich, warum hohes Fieber lebensgefährlich ist?

Weil, Fieber ab 41° C führt zu irreversibler Denaturierung von Proteinen. Wie wenn Du Eier kochst, das ändert die räumliche Struktur der Proteinmoleküle. Das Eiweiß wird fest und kann nicht mehr verflüssigt werden.

Denaturierte Proteine können ihre Aufgaben im Organismus nicht mehr erfüllen.

Bei all dem Schrecklichen künftiger Stürme und Sintfluten, das Schlimmste wird sein die Hitze.

Und da wird kein Limes die fliehenden Völker halten, und der Westen wird überrannt werden wie das alte Rom.

 

Oben brennt es im Dach und unten rauchen die Minen,

Aber mitten im Haus schlägt man sich um den Besitz.

Friedrich Hebbel (1813 – 1863)

 

SPD im Verzweiflungskampf

 

28. Oktober 2018: Bellarmin an Mephisto

 

Am 19. Oktober jährte sich zum 140. Mal der Tag, an dem der deutsche Reichstag 1878 das Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie verabschiedete und damit die bismarcksche Sozialistenverfolgung legalisierte. 1912 wurde die SPD dann mit 34,8 Prozent der Stimmen stärkste Partei des Reichstags. Am 30. September 1946 hatte die SPD in den Westzonen und Berlin 7500 Ortsvereine und war mit 633000 Mitgliedern die größte Partei Deutschlands. 1972 erreichte die SPD bei den Bundestagswahlen nach dem Mißtrauensvotum gegen Willy Brandt 45,8 Prozent der Stimmen und wurde stärkste Partei im Bundestag.

Vergangen, vergessen, vorüber, vergangen, vergessen, vorbei! Die Zeit deckt den Mantel darüber, vergangen, vergessen, vorbei.

Heute liefert sich die SPD im bundesdeutschen Trend das vielzitierte „Kopf-an-Kopf-Rennen“ mit…

Mit der AfD!

Und scheint von der verhaßten Partei sogar überholt zu werden!

In Bayern wurde die deutsche Sozialdemokratie einstellig!

Und die Genossinnen und Genossen, also die Genossinnen und Genossen, die Genossinnen und Genossen machen sich so ihre Gedanken und suchten analytisch schon mehrhundertseitig nach Gründen und hadern mit der Agenda 2010…

Doch Andrea Nahles gibt sich frohgemut, wie immer, und präsentiert ohne ein Wort darüber zu verlieren drei Tage nach der Bayernwahl „mit strahlendem Gesicht“ (TAZ) dem Publikum für die kommende Europawahl die derzeitige Justizministerin des Bundes, Katarina Barley, als SPD-Spitzenkandidatin.

„Die Beste der SPD-Reste“ titelte die TAZ.

War da nicht was? Wie hieß denn der noch, der war doch immer gepriesen als der superkompetente Europapolitiker der SPD, der mit dem typisch deutschen Allerweltsnamen… Ach ja, Schulz hieß der, Martin Schulz! Und der kam, in seinem Wahlkampf betontermaßen, aus Würselen…

Die sozialpopulistische Partei Deutschlands!

Die SPD…

Ein Rudel von 9 ehemaligen Parteivorsitzenden der SPD, in Worten: neun, hat vorgestern einen flammenden Appell an die Weltöffentlichkeit des bundesdeutschen Wahlvolkes gerichtet nach der Drohung Trumps, den INF-Vertrag des Verbots atomarer Mittelstreckenwaffen aufzukündigen, und die glorreichen Neun warnen vor einem „Atom-Wettrüsten“. Das ehrt sie und erinnert das Wahlvolk an die Politik des Friedensnobelpreisträgers Willy Brandt. Von der man gefährlicherweise in der SPD immer noch glaubt, mit ihr auch heutzutage den russischen Imperialismus einfrieden zu können.

Die Ehre wäre größer und sogar mindestens genauso groß wie das Grinsen über die Anzahl der wie das Hemd gewechselten Parteivorsitzenden, wenn der Appell gleichermaßen schon bei Gelegenheit des Bruchs des INF-Vertrages durch Putin erfolgt wäre.

Die Ehre!

Und vor allem die Glaubwürdigkeit…

Und war da nicht was? Wie hieß denn der noch, der mit dem typisch deutschen Allerweltsnamen? Ach ja, Schmidt hieß der, Helmut Schmidt. Das war der, der den NATO-Doppelbeschluß durchgesetzt hat. Ich glaube, der hätte sich für das durchsichtige Wahlkampfmanöver nicht hergegeben, obzwar er wohl auch und aus gutem Grund gegen eine dümmliche Aufkündigung des INF-Vertrages gewesen wäre, die Putin ja beispielsweise alle Vorwände für seine weitere Aufrüstung auf dem Tablett darböte…

Andrea Nahles hat den Appell nicht unterschrieben.

Sie ist ja auch noch im Amt.

Jetzt hat der Arbeiter-Samariter-Bund seine ursprüngliche Zusage zurückgezogen, Mitarbeitern der AfD-Fraktion des Bundestages vereinbarungsgemäß drei Erste-Hilfe-Kurse zu geben. Auf Anweisung der Geschäftsführung. Der Präsident des Bundes heißt Franz Müntefering, seines Zeichens ebenfalls Ex-SPD-Chef…

Und der führt an als Begründung:

Es ist die grundlegende Auffassung der Samariterinnen und Samariter, dass alle Menschen gleich viel wert sind. Wenn sich die AfD in diesem Sinne zu den allgemeinen Menschenrechten der Vereinten Nationen und zum Artikel 1.1 unseres Grundgesetzes bekennt, wird der ASB das Anliegen auf Durchführung eines Erste-Hilfe-Kurses noch einmal prüfen.

Am 19. Oktober jährte sich zum 140. Mal der Tag, an dem der deutsche Reichstag 1878 das Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie verabschiedete und damit die bismarcksche Sozialistenverfolgung legalisierte. 1912 wurde die SPD dann mit 34,8 Prozent der Stimmen stärkste Partei des Reichstags…

 

Eine große Epoche hat das Jahrhundert geboren,

Aber der große Moment findet ein kleines Geschlecht.

(GOETHE / SCHILLER Xenien Der Zeitpunkt)

 

Das verschüttete Bild des Menschen

 

14. Juli 2018: Bellarmin an Mephisto

 

Denk Dir, vergangene Nacht, was kam mir da für ein bizarrer Traum! Ich stand in Berlin am Brandenburger Tor. Ich stand auf der Seite des Tiergartens, aber sehr seitlich, Blickrichtung etwa zum Reichstag. Den ich jedoch überhaupt nicht sah, nicht wahrnahm, und an den ich weder dachte, noch kam er mir irgendwann irgendwie in meinen Sinn. Sondern mein Blick blieb gefesselt geheftet an das steinerne Tor, ohne jedoch auf dessen andere Seite zu dringen. Deren Sicht mir auch versperrt blieb, weil ich in einem zu scharfen Winkel stand. Es war Tag, doch wie durchschleiert von morgendlichem Dunst. Ich stand völlig allein, zur Starre verdammt, und weit und breit in Sicht keine Menschenseele.

Es herrschte vollkommene Stille…

Wirklich?

Auf einmal meinte ich, ein Geräusch zu vernehmen, verworren und wie aus sehr weiter Ferne. Erst glaubte ich, ich hätte mich getäuscht. Doch mehr und mehr wurde es mir gewiß. Das war kein Irrtum! Das kam von der anderen Seite des Brandenburger Tores, von seiten des Pariser Platzes. Von Unter den Linden.

Und es kam näher!

Ich spürte ein Bestreben, mich zum Tor zu bewegen. Um zu sehen, was da wäre. Ich blieb jedoch stehen auf der Stelle. Gebannt wie von einem unheimlichen Zauber.

Mittlerweile rückte es heran, und da erkannte ich das Geräusch. Es handelte sich um ein Getrommel. Das schallte überirdisch. Wie rührend von tausend Trommeln! Die wirbelnd einen Marschtakt zelebrierten. In einem beängstigenden Rhythmus, durchsetzt mit ganz kurzen Augenblicken perfektester Stille.

Dann war es auch schon heran, und ich erschrak.

Durch das Tor tauchte auf die Kolonne eines offenbar gewaltigen Spielmannszuges mit Trommeln.

Jeder Trommler in grauer Uniform.

Selbst an ihrer Spitze der Tambourmajor!

In derselben unterschiedslosen Uniform.

Plötzlich wendet der sein Gesicht zu mir. Als stünde ausgerechnet ich dort zur Abnahme dieses Defilees!

Ich spürte, wie mir der Schreck in die Glieder fuhr: An Stelle seines Gesichtes grinste mir der Schädel eines Toten entgegen!

Und wie auf Befehl, mit einem Ruck wandten mir auch die übrigen ihre Gesichter zu, und das waren lauter eigenartig grinsende Totenschädel.

Jenes grausame Spiel setzte sich fort: Immer wenn ein paar Reihen Marschierender durchs Tor hindurch waren, lief es durch sie wie ein Ruck. Dann, mit einem Schlag wandten sie alle ihr Gesicht zu mir.

Alles Totenschädel!

Und das marschierte und marschierte und schien kein Ende zu finden, und ein jedes der Skelette schlug die Trommel.

Wobei es mich zunehmend anmutete, wie als könnte ich eine Art Sinn heraushören aus ihrem trommelnden Getöse! Wie als bildeten sich mit jedem Wirbel verständliche Wörter. Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen! Plötzlich klang das Getrommel in schneidender Schärfe deutlich nur noch wie eine unendliche Aneinanderreihung von

 

Hittittitttittittleruntstallallallallaalin!

Hittittitttittittleruntstallallallallaalin!

Puttuttuttuttutinunttrampp!

Puttuttuttuttutinunttrampp!

 

Hittittitttittittleruntstallallallallaalin!

Hittittitttittittleruntstallallallallaalin!

Puttuttuttuttutinunttrampp!

Puttuttuttuttutinunttrampp!

 

Hittittitttittittleruntstallallallallaalin!

Hittittitttittittleruntstallallallallaalin!

Puttuttuttuttutinunttrampp!

Puttuttuttuttutinunttrampp!

 

Bis ich durch das entsetzliche Rattern eines Rasenmähers vor meinem Fenster endlich erwachte…

 

 

Wir brauchen den Frieden, den wirklichen und vollen Frieden. Wir hoffen auf eine Zukunft, in der ein Platz in irgendeiner Ecke der Welt für ein einfaches und gesichertes Leben zu finden ist. Unter den Trümmern der Großstädte graben wir nach dem verschütteten Bild des Menschen. Bange fragen wir uns, ob nach der vergangenen Epoche des Hasses noch eine politische Ordnung gefunden werden kann, die auf dem Gedanken der Freiheit, der Würde und der Liebe unter den Menschen aufbaut.

Die Welt am Dienstag, dem 9. April 1946