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Thalatta ! Thalatta !

Kategorie-Archiv: Politik

Lupenreine Lügen

 

5. September 2020: Bellarmin an Mephisto

 

Der lupenreine Auftraggeber, in seinem Bestreben, seinen Untertanen den lupenreinen Demokraten vorzuführen, frönt alljährlich der Angewohnheit, die landesweite Inszenierung eines Fernsehspektakels in Auftrag zu geben, bei der er als Souverän gewissermaßen dem einfachen russischen Volke die Welt erklärt und dessen Fragen beantwortet. So auch beispielsweise vor zwei Jahren, worüber am Donnerstag, dem 7. Juni 2018, der Deutschlandfunk nachrichtlich meldete:

Russlands Präsident Putin droht der Ukraine

Der russische Präsident Putin hat die Ukraine vor – wie er sagte – „Provokationen“ während der Fußball-Weltmeisterschaft gewarnt.

Wenn die ukrainische Armee in dieser Zeit Separatistenstellungen im Osten des Landes angreife, werde das sehr schwere Folgen für die ukrainische Staatlichkeit haben, sagte Putin während einer Fragestunde im Fernsehen.
Im Osten der Ukraine kämpfen Separatisten seit vier Jahren für einen unabhängigen Staat und werden dabei von Russland unterstützt. Im März 2014 annektierte die russische Regierung die ukrainische Halbinsel Krim.

Diese Meldung einer ungeheuerlichen Ungeheuerlichkeit zeigte zum einen erst einmal, daß sich immerhin eine Kleinigkeit gewandelt hatte. Und zwar nach meiner Beobachtung seit dem damals aktuellen Giftanschlag in London und der zeitnahen Veröffentlichung des Zwischenberichtes über den Untersuchungsstand zum Abschuß der Passagiermaschine des Fluges MH17.

Gemeint ist hierbei nicht der Giftanschlag in London mit radioaktivem Plutonium, sondern der darauf folgende Mordversuch in London mit dem chemischen Nervengift Novitschok, das, gewissermaßen als Kollateralschaden, einer ahnungslosen unbeteiligten Frau das Leben kostete.

Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, daß früher derart deutlich und ohne jedes Wenn und Aber und sogar ohne das mindeste eines des seinerzeit etwa schon seit zwei Jahren in bundesdeutscher Journalistik inflationär grassierenden „mutmaßlich“ die auf der Hand liegende Tatsache einer russischen Unterstützung sogenannter Separatisten in der Ukraine wie selbstverständlich ausgesprochen wurde in einem der öffentlich-rechtlichen Medien.

Zum anderen zeigte sich jedoch auch, daß die sich daraus ergebende Folgerung, nämlich daß Rußland und sein lupenreiner Auftraggeber als lupenreine Kriegspartei nicht neutral vermittelnd ist und sein kann zwischen der Ukraine und den russischen Marionetten, den sogenannten Separatisten.

Also den lupenreinen Söldnern.

Wie ignoranterweise von Deutschland und Frankreich vorausgesetzt.

Und daß selbige simple Tatsache in bundesdeutschen Medien nicht einer geringsten Beachtung, geschweige denn einer angemessenen Erörterung, für Wert erachtet wurde und wird.

Bis heute.

Und es wäre doch so wichtig gewesen angesichts der in Deutschland praktizierten tatsachen- und geschichtsignoranten rußlandfreundlichen Verklärungen!

Vor allem in Ostdeutschland und in bayerischen Regierungskreisen und bei der in solchen Dingen wie immer, und wie immer alle paar Jahre aus allen Wolken fallend, unbekümmert kurzsichtig agierenden deutschen Wirtschaft.

Mit ihren „total unpolitischen“ Rußlandgeschäften.

Doch das Allerwichtigste fand überhaupt keine Beachtung:

Vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft, also nach der heimtückischen Krim-Annexion, schrieb der lupenreine Auftraggeber in dreister Offenheit vor seinen gewohntermaßen devot lauschenden untertänigsten Untertanen einem souveränen Nachbarland vor, was dieses auf seinem Territorium zu tun und zu lassen habe!

Und bedrohte es in seiner Staatlichkeit.

Was ja wohl heranreicht an eine Kriegsdrohung!

Und der Westen und die sogenannte Europäische Union mit ihrer gemeinsamen sogenannten Außenbeauftragten und Deutschland reagierten nicht im geringsten oder stellten dem aggressiven Erpresser wenigstens mal eine Frage im Anschluß an seine Fragestunde.

Und was für ein erschütterndes Niveau offenbarte bei alldem auch wieder der deutsche Journalismus!

Keinerlei Erörterung in bundesdeutschen Medien!

Stattdessen einen Tag später als typischer SPD-Mann der frohgemute Oppermann als typischer sozialdemokratischer Rußlandgesundbeter, und zwar wieder in den Nachrichten des Deutschlandfunks:

Oppermann (SPD): „Sportereignisse können helfen, das Eis zu brechen“

Bundestagsvizepräsident Oppermann hat sich gegen einen generellen politischen Boykott der anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft in Russland ausgesprochen.

Er sei der Ansicht, diese sollte nicht „total politisiert“ werden.

Total!

Total richtig!

Das wissen wir seit der total unpolitischen Olympiade 1936!

„Damit wird nichts gewonnen.“ Ob jemand zu den WM-Spielen nach Russland reise, „das muss jeder selbst entscheiden“. Die Olympischen Spiele in Südkorea hätten gezeigt, dass solche Sportereignisse „auch helfen können, das Eis zu brechen“. Deshalb plädiere er dafür, solche Gelegenheiten immer auch zu politischen Gesprächen zu nutzen.

Richtig!

Und wie die Gespräche dann prosperierten in Korea auf dem gebrochenen Eis!

Oppermann spielt heute mit der Fußballmannschaft des Bundestages in Moskau gegen Abgeordnete der russischen Duma. Fußball könne auch eine Sprache sein, die politisch wirke, sagte der SPD-Politiker im Deutschlandfunk. Es sei unbestritten, dass es erhebliche Differenzen zur Politik von Präsident Putin gebe.

Also der letzte Satz, einfach herrlich! Ein tapferes Kerlchen, der Oppermann!

Unbestritten!

Wie der mutig die Dinge anspricht!

Aber…

„Aber die Russen sind nicht unsere Feinde und deshalb wollen wir diese sportliche, menschliche Begegnung nutzen, um unsere Gesprächsbereitschaft auch zu zeigen“, betonte Oppermann.

Gesprächsbereitschaft!

Auch zeigen!

Damit der Auftraggeber Bescheid weiß!

Für Friede, Freude, Fußballfreundschaft – immer bereit!

Der Zeitpunkt dafür könne nicht besser sein, weil es in der nächsten Woche einen neuen Anlauf zu einer Lösung des Ukraine-Konflikts geben solle.

Seltsam, und das konnte man natürlich nicht voraussehen als Genosse aus der Rußlandgesundbeterpartei, der neue Anlauf zu einer Lösung des Ukraine-„Konflikts“, wie Oppermann die russische Aggression zur Gewinnung „Neurußlands“ als Landkorridor zur Krim und potentiell über Odessa nach Transnistrien euphemistisch nannte, der neue Anlauf zu einer Lösung war zufälligerweise, trotz all der krampfhaft gezeigten Gesprächsbereitschaft auf dem gebrochenen Eise der Fußballfreundschaft, gescheitert.

Weil die Seite des lupenreinen Auftraggebers sich anmaßte und anmaßt, aus irgendeinem Grund, eine Blauhelmmission nicht zu akzeptieren, die den sogenannten Waffenstillstand dergestalt überwachte, daß auf ukrainischem Staatsgebiet auch die Grenze zu Rußland kontrolliert würde…

Ja, so war das und so ist das.

Bis heute.

Da fällt mir ein, entweder auf eben jener lupenreinen landesväterlichen Fragenbeantwortungsinszenierung war es dem lupenreinen Auftraggeber ein wichtiges Anliegen oder vielleicht auch ein paar Tage vor der typisch russischen Veranstaltung, da war irgendwie die Rede auf Iwan den Schrecklichen gekommen, und daß er seinen eigenen Sohn ja erschlagen hatte. Vor Wut. Was der lupenreine Wladimir Wladimirowitsch jedoch vehement bestritten haben soll: Das sei eine Lüge des Westens!

Das kann ich nur unterstützen.

Wie ich den Westen kenne, seit jeher verbreitet der über Rußland antisowjetische Lügen, Falschmeldungen und sogar Feknjus!

Wie ich den Westen kenne, und da kann ich den lupenreinen Wladimir Wladimirowitsch nur schon warnen, löge der Westen demnächst sogar, der in Rußland göttergleich, also wie Stalin, verehrte Peter der Große habe seinen Sohn zu Tode foltern lassen und selbst mit Hand angelegt dabei!

Der Westen, wie ich ihn kenne in seiner Verlogenheit, könnte der Idee verfallen, die Feknju zu verbreiten: Daß der Zarewitsch Alexej starb nach wochenlangen Verhören. In welchen er die Aussage seiner Geliebten Afrosinja über seine verbrecherischen Absichten bestätigt haben soll unter der Knute: Er werde als Zar wohnen in Moskau!

Und nicht in Petersburg!

Er werde weder eine Flotte halten noch Kriege führen!

Und der Westen, wie ich den kenne, könnte behaupten, noch bevor Peter der Große das gegen seinen Sohn gefällte Todesurteil überhaupt unterzeichnen konnte, sei dieser also an den Folgen der Folter gestorben.

Gewissermaßen vorfristig vor seiner Enthauptung.

Der Zarewitsch Alexej!

Den der russische Gesandte aus dem sicheren Wiener Asyl, in das er aus Furcht vor seinem Vater, Peter dem Großen, geflohen war, mit verlogenen Versprechungen erst zur Rückkehr nach Rußland gelockt hatte…

Zwecks Gefangennahme.

Das könnte der verlogene Westen behaupten.

Oder auch, wie mir einfällt, welch entsetzliches Strafgericht bei seiner Rückkehr von seiner Europareise Peter der Große anrichten ließ unter den Strelitzen, seiner Leibgarde.

Ganze 800!

Die ließ er hinrichten, wobei, wie der Westen behaupten könnte, Peter der Große es sich nicht hatte nehmen lassen, bei diesem und jenem selbst Hand anzulegen.

Und sie persönlich enthauptete.

Also ihnen mit einem Beil den Kopf abschlug.

In seiner antisowjetischen Verlogenheit würde sich der Westen mit solchen Feknjus dreist auf Beobachtungen des damaligen kaiserlichen Gesandten berufen.

Und wie ich ihn kenne, wäre der Westen auch imstande zu behaupten, bereits Jahre zuvor, nämlich als er seine Stiefschwester Sofja lebenslänglich ins Kloster verbannte, hatte der verehrte Peter den damaligen Chef der Strelitzen hinrichten lassen.

Nach schwerster Folter.

Und, könnte der Westen behaupten, anläßlich der erwähnten Massenhinrichtung habe Peter der Große eine gewisse Anzahl der Strelitzen seiner lebenslänglich, also lebenslang verbannten Stiefschwester direkt vor ihrem Fenster im Kloster aufhängen lassen.

Mit dem strickten Befehl, bis zum Tode Sofjas die verwesenden Leichen dort hängen zu lassen.

Wie es auch geschah…

Doch zum Glück herrscht heute im Kreml der Auftraggeber, der all die westlichen Lügen über das ruhmredige Rußland entlarven wird.

Lu-pen-rein!

Wie schon zuvor bei MH17 und, wie lächerlich, daß russische Soldaten grün gewesen wären auf der damals noch ukrainischen Krim!

Und die Lügen über russische Cyberangriffe auf den deutschen Bundestag!

Und den angeblichen Tiergartenmord!

Und Südossetien, Abchasien, Transnistrien, Syrien, Libyen und so weiter!

Und all die unzählig anderen Lügen bis hin zum Attentat auf den polnischen Papst!

Oder noch weiter!

Und die so was behaupten, über Iwan den Schrecklichen oder Peter den Großen oder Staatsdoping und so weiter und so weiter und so weiter: Die sollen sich vorsehen…!

Daß es ihnen nicht ergehe wie Amalrik, Münzenberg und Trotzki!

Mit einem Eispickel von hinten in den Kopf!

 

Dahinter stecken staatliche Strukturen. Ohne Putin ist so etwas in Russland nicht möglich, weil solche Anschläge immer zu einem internationalen Skandal führen.“

Der heute in Princeton, USA, lebende Wil Mirsajanow, einer der russischen Entwickler des Nervengiftes Nowitschok im aktuellen DER SPIEGEL zur Vergiftung Nawalnys

 

Der Niedergang unserer Zivilisation am vorauseilenden Beispiel der USA

 

29. August 2020: Serapion an Mephisto

 

Der immer wieder empfehlenswerte Publizist und langjährige USA-Korrespondent des TAGESSPIEGEL Christoph von Marschall gestern im Deutschlandfunk (Hervorhebungen von mir):

Wir haben jetzt zwei Parteitage hinter uns, die auf eine bestimmte Art eigentlich genau dieselbe Botschaft haben. Es geht nicht mehr um politische Programme, es geht nicht um Ziele, es geht nicht um Steuern, nicht um Soziales, um gar nichts; es geht nur noch um eine Person, und das ist Donald Trump.

Die Demokraten haben gesagt, das ist eine Frage von Helligkeit, Licht oder Dunkel, von Gerechtigkeit oder nicht, von böse und gut. Richtig existenziell wird das aufgeladen. Trump muss raus aus dem Weißen Haus.

Die Republikaner und Trump machen das genauso. Es geht nur noch um Donald Trump. Entweder ihr seid für ihn, oder gegen ihn. Alles Weitere spielt keine große Rolle und was tatsächlich Fakt in Amerika ist, spielt sowieso keine mehr. Corona ist fast vergessen, die Kriminalität wird nur instrumentalisiert, benutzt von den Demokraten als Beweis für die Ungerechtigkeiten in Amerika, von Trump als Beweis dafür, dass die Demokraten nur noch Chaos in Amerika haben wollen.

… Früher bei Barack Obama ging es für oder gegen eine allgemeine Krankenversicherung, für mehr Kompromisse in der Wirtschaftspolitik ja oder nein, und in der Außenpolitik auch, ob man mehr mit seinen Partnern zusammenarbeitet, oder ob mehr Härte gefragt ist.

In diesem Wahlkampf 2020 sind all solche wirklich politischen Fragen, um die es doch eigentlich gehen müsste in einem Wahlkampf – zwei Lager haben unterschiedliche politische Konzepte –, das ist alles völlig an die Seite gerückt worden und es ist nur noch ein Wahlkampf für oder gegen Donald Trump, und das ist natürlich auch ein sehr riskantes Konzept für die Demokraten.

… Seit Jahren wird in Amerika von den Demokraten Wahlkampf geführt, dass man die Spaltung überwinden müsse, aber es ist niemandem gelungen. Die Spaltung wird immer tiefer.
Aber sie ist jetzt auf einmal nicht nur an politischen Identitäten festgemacht, sondern an der einzigen Person des Präsidenten, und das ist diese enorme Aufladung und das ist aus zwei Gründen riskant. Die Polarisierung nützt in der Regel den Polarisierern.

Das ist Trumps Konzept schon die ganze Zeit gewesen. Er kann ja nicht sicher sein, dass er mit sich, seiner Programmatik und seiner Bilanz seiner Präsidentschaft, Corona plus den Wirtschaftseinbruch, dass er damit die Wahl gewinnt. Er kann die Chancen für eine zweite Amtszeit nur erhöhen, indem er sagt, hier bin ich, das sind die anderen, es ist eine Wahl zwischen Gut und Böse, Licht und Dunkel, so wie das aber die Demokraten auch gemacht haben.
… und auch hier sehen Sie wieder dieses reine Schwarz-Weiß-Denken. Wenn Sie sich die Demokraten anschauen und ihre Unterstützer, dann steht im Vordergrund die Polizeigewalt gegen schwarze Jugendliche, und es wird faktisch überhaupt nicht darüber geredet, ob diese Opfer von Polizeigewalt – und natürlich sind das skandalöse Szenen, die wir da sehen; ich will da nichts verharmlosen – aber man muss einfach mal sagen: Wenn man sich zum Teil die Opfer anschaut, das sind ja keine Unschuldslämmer, sondern das sind Leute, die selber zum Teil gegen Gesetze verstoßen haben, selbst Gewalt gegen Polizisten angewendet haben. Das spielt bei den Demokraten überhaupt keine Rolle. Es geht nur um die Ungerechtigkeit.

Bei Trump ist es umgekehrt. Trump möchte nur das Chaos in den Straßen, die brennenden Geschäfte, über die Plünderungen reden, die es ja auch gibt, die aber bei den Demokraten keine Rolle spielen, und Trump redet kein Wort über die Opfer der Polizeigewalt. Sie haben zwei völlig unterschiedliche Bilder, was sich da abspielt.

Die eine Partei sagt, wir sind ein sehr, sehr ungerechtes System, in dem Schwarze diskriminiert werden und immer wieder Opfer von Polizeigewalt werden, und die andere Seite sagt, da gibt es zwar vielleicht ein paar Probleme mit Zwischenfällen, aber schaut euch doch an, was hinterher ist. Da ist diese Black Lives Matter Bewegung, dann brennen die Straßen, dann werden Geschäfte geplündert. Wollt ihr dieses Amerika! Und dass man kein bisschen die Sichtweise des anderen Lagers auch nur einbezieht und anerkennt, das zeigt den Grad der Lagerspaltung in den Vereinigten Staaten.

 

Oben brennt es im Dach und unten rauchen die Minen,

Aber mitten im Haus schlägt man sich um den Besitz.

Friedrich Hebbel (1813 – 1863)

 

Der lupenreine Bock als Gärtner

 

26. August 2020: Bellarmin an Mephisto

 

Es ist nicht zu fassen! Wenn die Meldung stimmt, haben letzte Woche sowohl Merkel als auch Macron angerufen bei dem lupenreinen Auftraggeber. Ebenso soll EU-Ratspräsident Michel telefonisch im Kreml höflich mit den Hufen gescharrt haben. Am Dienstag, dem 18. August, lautete eine Meldung darüber im Deutschlandfunk in ihrer unbemerkten grandiosen Ungeheuerlichkeit (Hervorhebungen von mir):

Angesichts der anhaltenden Proteste in Belarus hat Bundeskanzlerin Merkel mit dem russischen Präsidenten Putin telefoniert.

Merkel forderte dabei von der Regierung in Minsk einen nationalen Dialog mit Opposition und Gesellschaft, wie Regierungssprecher Seibert anschließend mitteilte. Ferner habe die Kanzlerin unterstrichen, dass die belarussische Regierung auf Gewalt gegen friedliche Demonstranten verzichten und politische Gefangene unverzüglich freilassen müsse.

Soweit man sah, weder hinterfragt noch wenigstens auch nur ein einziges Mal kommentiert in unseren öffentlich-rechtlichen Medien im selbstverliebten Glanze ihrer Transparenz.

Es ist nicht zu fassen!

Wenn ich es richtig verstand, gab es von Merkel und Macron und Michel sogar eine Anfrage zwecks Bereitschaft seitens des lupenreinen Auftraggebers hinsichtlich einer Vermittlerrolle zwischen dem weißrussischen Operettenzar und seinem zürnenden Volke.

Also nach Bereitschaft für eine Vermittlerrolle seitens ebendesselben lupenreinen Auftraggebers einer neuen Landesverfassung des ruhmredigen Rußlands, in welcher es der lupenreine Herr aller Reußen für unabdingbar hielt mit irgendeiner Absicht, verfassungsrechtlich verbieten zu lassen, russisches Territorium jemals aufzugeben!

Welches Verbot ja zurückzuführen ist über die Jahrhunderte. Beispielsweise bis auf die uralte Politik Iwans des Schrecklichen, nämlich der Politik des „Sammelns russischer Erde“. Mittels seiner mörderischen Truppe der „Opritschniki“.

Zuständig für das Ermorden rechtmäßiger Landbesitzer.

Und was nicht alles russische Erde war und ist in ruhmrediger russischer Rabulistik!

Denn Rußland sei, wo Russen wohnen!

Und nach einer lupenreinen Bekundung des Auftraggebers wäre der Zerfall der ruhmredigen Sowjetunion, also des russischen Imperiums, die größte Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts.

Und Du kannst sicher sein, selbst die Japaner werden ihre Kurilen-Inseln nie wieder zurückerhalten…

Nach all dem entsetzlichen Dilettantismus deutscher Außenpolitik der letzten Jahre, insbesondere gegenüber dem chauvinistischen Imperialismus Rußlands: Es muß endlich Schluß sein!

Schluß mit der spdämlichen Strategie des guten Zuredens. Der sozialdemokratischen Beschwichtigungspolitik.

Mit dem Ziel eines Abkommens, vielleicht in München.

Rußland hat nicht das geringste hegemoniale Sonderrecht gegenüber anderen Völkern zuerkannt zu werden!

Rußland hat weder explizit noch implizit das geringste Recht zugestanden zu werden, auch nur entferntest über irgendwelche Angelegenheiten seiner Anrainerstaaten noch sonst welcher zu entscheiden!

Schon gar nicht, wenn Rußland als Aggressor Kriegspartei ist!

Wie in der Ukraine.

Beispielsweise.

Rußland hat international keinerlei irgendwie geartetes Vorrecht zu beanspruchen!

 

Dienstag, 18. August, DER TAGESSPIEGEL:

Wer – wie die Bundesregierung – zwar Erschütterung über die Gewalt zum Ausdruck bringt, sich ansonsten aber vornehm zurückhält, der lässt die belarussischen Freiheitskämpfer im Stich. ‚Neutralität hilft dem Unterdrücker, niemals dem Opfer‘, hat Elie Wiesel einmal gesagt.

Montag, 24. August, SÜDDEUTSCHE ZEITUNG:

Außenpolitik funktioniert nun mal nicht mit gutem Zureden, sondern basiert auf Druck und Gegendruck, auf der Aufrechnung von Interessen und auf der Bereitschaft, Regeln auf- und durchzusetzen.

 

Winston Churchill laut The Times in einer Rundfunkrede am 26. August 1950, also heute vor 70 Jahren:

Die einzige Methode, mit dem kommunistischen Rußland zu verfahren, sei es, stärker zu sein, und sodann mit Vernunft und Anstand zu handeln.

 

Bolschoi Theater

 

15. August 2020: Bellarmin an Mephisto

 

Den zeitlichen Gipfel des russischen Imperiums setze ich an auf die Dauer von 4310 Tagen und datiere diese beginnend mit dem 4. Oktober 1957, dem Start des sowjetischen Sputniks 1, und endend am 21. Juli 1969 um 3 Uhr 56 MEZ, als Neil A. Armstrong, ein freier Mensch aus dem freien Teil der Erde, zum ersten Mal seinen Fuß auf den Mondboden setzte. Sogar in der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik kam man nicht umhin, sich mit dem Adlershofer „Fernsehfunk“ der Direktübertragung des Ereignisses dem Westfernsehen anzuschließen. Zum Trost der Machthaber mitten in der Nacht vom Sonntag zum Montag… Im Reich der Lüge, in Sowjet-Rußland, erwähnte und übertrug man indessen nichts im Fernsehen und teilte in den Zeitungen lediglich mit, versteckt auf den hinteren Seiten, die Amerikaner würden melden „Kocmonawti na lune“.

Also nicht „Kosmonauten auf dem Mond“, sondern „Kosmonauten auf dem Mond“ hätten die Amerikaner gemeldet…

Ich halte es übrigens für sehr wahrscheinlich, daß die sogenannte Verschwörungstheorie, also die These, die Amerikaner wären gar nicht auf dem Mond gelandet, sondern hätten das alles nur gefilmt in ihren Trickfilmstudios Hollywoods, ihren Ursprung findet in Schädeln des russischen Geheimdienstes.

Zeitgleich zu Apollo 11 hatte man in idiotischer Verzweiflung extra die unbemannte Sonde Luna 15 gestartet. Sie sollte offensichtlich schnell auf dem Mond Bodenproben automatisch zusammenklauben und à la Wettlauf zwischen Hase und Igel noch vor der Rückkehr der Amerikaner triumphierend in der ruhmredigen Sowjetunion abladen.

Ein die Intelligenz selbst wohlwollender Beobachter unterschätzendes, also typisch russisches Propagandamanöver.

Obwohl lehrreich leider heute völlig vergessen.

In der Endphase des Wettlaufs zum Mond hatten die Russen plötzlich begonnen, so zu tun, als hätten sie nie daran gedacht, einen Menschen auf den Mond chauffieren zu wollen, und schon immer auf ihre vermeintlich überlegene Technik gesetzt. „Kybernetik!“ posaunte die Propaganda. Und: „Sowjetische Wissenschaft“!

Vor der amerikanischen Mondlandung hatte man anfänglich in Zeitschriftenartikeln glasklar analysiert, daß das Apollo-Programm nicht funktionieren könne. Weil: zu kompliziert mit vorheriger Mondumlaufbahn und Abkopplung und Ankopplung und dergleichen riskanten Manövern im Vergleich zu sowjet-russischen Direktflügen.

Was hatte man nicht auch gespottet und Propagandalieder getextet über die „Spätniks“ der Amis. Und kraft der „einzig wissenschaftlichen Weltanschauung“ marxistisch-leninistisch bewiesen, es könne auch naturgesetzlich nicht klappen mit der amerikanischen Raumfahrt. Weil im Kapitalismus all die Bauteilhersteller und Zulieferbetriebe, die schufteten ja gegeneinander in profitorientierter Konkurrenz! Während in der ruhmredigen Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken alle Arbeiter planmäßig schöpferisch Hand in Hand arbeiteten…

Luna 15 zerschellte.

Von nun an ging’s bergab mit dem russischen Imperium unter dem Feigenblatt der kommunistischen Religion.

Die friedliebenden Russen verkündeten 1969 noch schnell, bis zum Jahr 1980 die „materiell-technische Basis des Kommunismus“ errichtet zu haben, welche lehrreiche Verkündigung heute ebenfalls leider vergessen ist, und marschierten bis 1980 ein in Afghanistan. Nämlich am zweiten Weihnachtsfeiertag 1979.

Man hatte immer noch nicht begriffen, was der erste kleine Schritt Neil Armstrongs auf die Mondoberfläche irdisch bedeutet hatte: Am 21. Juli 1969 um 3 Uhr und 56 Minuten mitteleuropäischer Zeit wurde der Kommunismus besiegt.

Statt der „materiell-technischen Basis des Kommunismus“, von der 1980 kein Sterbenswörtchen mehr zu hören war, hatte man in Polen 1980 die Lebensmittelpreise erhöht. Das ließen sich die Arbeiter indessen nicht mehr gefallen. Es kam zu Streiks, und genau gestern vor 40 Jahren, am 14. August 1980 traten auch die 17.000 Werftarbeiter der Danziger „Lenin-Werft“ in den Ausstand.

Ich werde den Polen und der katholischen Kirche und Johannes Paul II. immer dankbar sein!

Am 31. August 1980 konnte Lech Wałesa verkünden: „Wir haben endlich unabhängige, selbständige Gewerkschaften. Wir haben das Streikrecht.“

Und bereits zwei Monate später hatte die „Solidarnosc“ 10 Millionen Mitglieder!

Allein das!

Allein das war eine Abstimmung mit den Füßen gegen das durch den gewöhnlichen Imperialismus Rußlands fremden Völkern mit Gewalt, Heimtücke und Lüge aufgezwungene System.

Wir Großrussen haben uns immer roh gegen unterworfene Völker benommen. Das einzige, was wir gekonnt haben, war, sie zu unterdrücken.“ (Lenin)

Eine bemerkenswerte Selbsterkenntnis dreier großrussischer Merkmale über die Jahrhunderte großrussischer Geschichte: Das schmarotzende Nichtkönnen, eine menschenverachtende Rohheit und die Unterdrückung fremder Völker.

Fehlen nur noch Potemkinsche Dörfer.

Und?

Großes Theater!

Der Sputnik!

Diese Woche also verkündete im Kreml der wohlbekannte Auftraggeber aller Großrussen in aller großrussischen Bescheidenheit die großrussische Zulassung eines großrussischen Impfstoffes gegen den Erreger der Corona-Pandemie!

Und aus irgendeinem großrussischen Grund erhielt das Medikament die Bezeichnung „Sputnik V“.

Mittwoch, 12. August, LE FIGARO:

Das Medikament wurde ‚Sputnik V‘ getauft –, was an die Sternstunden sowjetischer Wissenschaft während des Kalten Krieges erinnert. Doch indem Präsident Putin einen Impfstoff zulässt, bevor die unverzichtbaren Testphasen abgeschlossen sind, setzt er seine Bevölkerung einem Produkt aus, das sich als ineffizient oder sogar als gefährlich erweisen könnte. Putin hätte daran denken sollen, dass Sputnik Moskau zwar einen ersten Sieg bei der Eroberung des Weltraums brachte, die Sowjets aber am Ende das Rennen verloren und es niemals geschafft haben, einen Fuß auf den Mond zu setzen.

Mittwoch, 12. August, EL PERIODICO DE CATALUNYA:

Es scheint, als gehe es dem russischen Präsidenten vor allem darum, mit seinem Produkt den internationalen Wettlauf um einen Impfstoff zu gewinnen. Doch ein Medikament ist kein Werkzeug, um global an Einfluss zu gewinnen oder das Renommee eines Präsidenten zu steigern.

Mittwoch, 12. August, MOSKOWSKI KOMSOMOLEZ:

Natürlich ist es eine Sache des Prestiges. Doch selbst bekannte russische Virologen erklären offen, dass sie sich selbst keinen ‚rohen‘ Impfstoff spritzen lassen und auch nicht zulassen wollen, dass ihre Familien geimpft werden.

Mittwoch, 12. August, CUMHURIYET:

Ein Impfstoff ist nicht nur eine Prestigeangelegenheit, es geht auch um internationalen Einfluss. Das hat Putin in einem Nebensatz erkennen lassen. Und um deutlich zu machen, wie effektiv der Impfstoff sei, wies er darauf hin, dass auch eine seiner Töchter damit geimpft wurde.

Dieser typische, sich vor Plumpheit eigentlich immer wieder selbst entlarvende russische Propagandaprotz für primitive Gemüter!

Seine Tochter hat der Auftraggeber impfen lassen.

Nur sich selbst, den auftraggebendsten kostbarsten großrussischsten Oberrussen, den hat er nicht impfen lassen…

 

SPDämliche Rechenkünste

 

1. August 2020: Bellarmin an Mephisto

 

Du erinnerst Dich, 2017 war’s im wunderschönen Monat Mai, als alle Knospen sprangen und alle Vöglein sangen tirili tirila, da kam jener entgegen jedweder Erwartungen der europäischen Politikergarde und aller selbsternannten Anständigen zum Präsidenten der USA gewählte Donald Trump angereist übers Wasser und redete vor nunmehr mehr als drei Jahren in Europa seine schockierende Antrittsrede vor jener versammelten Garde, und da fiel man entsetzt aus allen Wolken!

Hatte da etwa ein narzißtischer Narr und ein als notorischer Lügner Verschrieener die Wahrheit getroffen? Und ist exakt am Musikantenknochen der europäischen Wertegemeinschaft auf den empfindlichsten Nerv gestoßen? Auf das Grundproblem der sogenannten Europäischen Union? Welches sich geradezu natürlicherweise auch in der Nato wiederfand? Nämlich was die Einhaltung angeht hinsichtlich grundlegender Verträge, Vereinbarungen, Abmachungen und die Verläßlichkeit von Zusagen?

Beispielsweise des Inhalts, und wie auch von Obama gefordert, die einzelnen Verteidigungsetats der, nun ja, der Verteidigungsgemeinschaft bis zum Jahre 2024 auf zwei Prozent der jeweiligen Bruttoinlandsprodukte zu erhöhen?

Und nun stellte sich dieser überseeische Flegel, der noch so viel lernen müßte und ja gar keine Ahnung mitbringt über Scherz und List, der stellte sich nun einfach hin hinter die Mikrofone und nimmt ausgerechnet ausgerechnete Zusagen, noch dazu europäische, für ernst und bare Münze und pocht, wie schon sein Vorgänger Barack Obama, auf Punkt und Komma?

In aller Öffentlichkeit??

Statt darüber erst fein säuberlich mit einem europäischen Politiker à la Juncker antichambrierend das ganze ein wenig zu exegesieren? So wie wir Europäer das gewohnt sind? Zum Beispiel bei Verschuldungsobergrenzen? Oder dem einstimmig vereinbarten Verbot der verdeckten oder gar offenen Staatsfinanzierung?

Und da hatten alle den Narziß für einen letztendlich doch eher abendländischen Politikertyp gehalten? Und sich zugeraunt, das gibt sich, der wird noch hinzulernen? Das redet der jetzt nur im Wahlkampf? Und falls der erst tatsächlich gewählt wäre, fänden sich immer noch griffige Floskeln und geschliffene Wendungen?

Zur Relativierung vorheriger Reden?

Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern – gerade darin war er doch Meister!

Und nun?

Nun kam in deutschen Landen die deutsche Sozialdemokratie ins Spiel… Und ihr Experte und heutige Fraktionsvorsitzende Mützenich gab Interviews und ihr Parteivorsitzender und Kanzlerkandidat Schulz gab Interviews und erst recht natürlich ihr ehemaliger Parteivorsitzender und derzeitige Außenminister Gabriel…

Zwei Prozent!!

Diese blanke Zahl!

Das wäre ja riesig! Und das lehne er ab. Und da müsse man doch dies noch hineinrechnen und jenes. Und wir bohren doch Brunnen in Afghanistan!

Und wies zurück, daß es ein „feststehendes“ Zwei-Prozent-Ziel überhaupt gäbe. Und behauptete: „Es gibt einen Auftrag aus Wales, sich in diese Richtung zu entwickeln“.

Entwickeln und annähern und hinbewegen… Nur einen Auftrag… Und keine Verpflichtung…

Und forderte, den Sicherheitsbegriff nicht nur auf Militärausgaben zu reduzieren, sondern auch Ausgaben für humanitäre Hilfe einzubeziehen…

Und staunend erfuhren wir offenbar schulmathematisch in Prozentrechnung verbildeten Arglosen: Wir Belämmerten und der Narr sollen nun endlich einmal sozialdemokratisch rechnen lernen: Mitnichten wären, wie wir Dummlinge immer annahmen, zwei Prozent zwei Prozent!

Nun gut und nichts für ungut…

Es blieben uns SPDämlich Belehrten und vom bundesdeutschen Gegenwartsjournalismus Verlassenen allerdings zwei schlichte Fragen:

1.) Wurde auch vor dem Schwur in der Nato das sozialdemokratische Rechnen derartig besprochen?

Und natürlich:

2.) Wer konnte darüber etwas aussagen und hatte das eigentlich verhandelt und unterschrieben, das mit den zwei Prozent und nun doch nicht zwei Prozent?

Da existiert immerhin die Einlassung des früheren Nato-Generalsekretärs Rasmussen: Es gebe die Zusage der Mitgliedsstaaten, zwei Prozent ihres Bruttosozialproduktes für Verteidigung auszugeben. Und dies sei einstimmig bei seinem letzten Gipfel als Generalsekretär angenommen worden.

Und zwar auch vom deutschen Außenminister.

Der hieß seinerzeit Frank-Walter Steinmeier und war ebenfalls Mitglied der unglaubwürdigsten Partei seines Landes.

Der SPD.

Übrigens, bereits 2002 war von der seinerzeitigen rot-grün geführten Bundesregierung unter einem gewissen Gerhard Schröder, SPD, das Zwei-Prozent-Ziel angenommen worden…

Bliebe vielleicht noch anzumerken: Auf dem damaligen evangelischen Kirchentag hatte in Berlin der Schaumschläger Schulz, damals als unrühmlich abgehalfterter EU-Politiker seines Zeichens Kanzlerkandidat und mit einhundert Prozent gewählt zum Vorsitzenden der populistischsten Partei Deutschlands für ein paar Wochen, sich hingestellt und hatte, laut Deutschlandfunk und in der Tagessschau dokumentiert, „mehr Ehrlichkeit von Politikern gefordert“.

 

Ideologie und Sachlichkeit sine ira et studio

 

18. Juli 2020: Bellarmin an Mephisto

 

 

B E I S P I E L 1:

 

Montag, 22. Juni, Deutschlandfunk:

In der Nacht zum Sonntag hatten in der baden-württembergischen Landeshauptstadt Hunderte Menschen randaliert. 19 Polizisten wurden verletzt, mehr als 20 Personen festgenommen.

Der stellvertretende Stuttgarter Polizeipräsident Berger bezifferte den Schaden auf einen sechs- bis siebenstelligen Betrag. 40 Läden seien beschädigt und zum Teil geplündert und zwölf Streifenwagen demoliert worden, sagte Berger in einem Interview mit dem Journalisten Gabor Steingart.

 

Montag, 13. Juli, Deutschlandfunk:

Grünen-Chef Habeck sagte dem Berliner „Tagesspiegel“, es sei zwar wichtig, die Hintergründe der Stuttgarter Krawalle zu ermitteln. Eine „Stammbaumrecherche“ sei aber „in keinster Weise akzeptabel“. Der Vorsitzende der Linken im Bundestag, Bartsch, sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, „Stammbaumforschung“ sei Rassismus pur und ein Skandal, der umgehend gestoppt werden müsse.

 

Dienstag, 14. Juli, TAGESSPIEGEL:

Nach den Regeln fragte niemand. Dass es nach dem Jugendstrafrecht nämlich vorgesehen ist, die Lebensumstände und familiären Hintergründe zu prüfen. Dass Informationen gesammelt werden, um eine mögliche Relevanz erst einmal prüfen zu können. Bei jugendlichen Intensivstraftätern oder im Bereich der organisierten Kriminalität zeigt die Erfahrung, dass sie relevant sein können. Lebt die Familie abgeschottet? Welche Erfahrungen der Eltern aus dem Heimatland schlagen sich in der Erziehung nieder? Wie integriert ist die Familie? Ist sie überhaupt für die Behörden erreichbar? Das ist nicht rassistisch.

 

Dienstag, 14. Juli, PASSAUER NEUE PRESSE:

Dass aber Clankriminalität, machomäßige Gewaltbereitschaft und die Verachtung der hiesigen Staatsgewalt in Migrantenkreisen besonders häufig vertreten sind, ist statistisch belegt. Und diese Zusammenhänge sollte die Polizei nicht offenlegen und in ihre künftigen einsatztaktischen Überlegungen mit einbeziehen dürfen? Das ist doch absurd! Menschen mit Migrationshintergrund dürfen keinem Generalverdacht unterworfen werden, genauso wenig aber dürfen sie von vornherein als die geborenen Unschuldslämmer eingestuft werden. Sie müssen sich die Überprüfung von Verdachtsmomenten ebenso gefallen lassen wie jeder Nichtmigrant. Man nennt das Rechtsstaatlichkeit.

 

 

B E I S P I E L 2:

 

Mittwoch, 15. Juli, Astrid Rothe-Beinlich, Fraktionschefin der Grünen im Thüringer Landtag, im Deutschlandfunk:

Dirk-Oliver Heckmann: Der Landesverfassungsgerichtshof verwirft das Paritätsgesetz. Frau Rothe-Beinlich, was ist da schiefgelaufen, als Sie zusammen mit SPD und Linken dieses Gesetz auf den Weg gebracht haben?

Astrid Rothe-Beinlich: Sagen wir es mal so: Es war schon keine einfache Geburt, das Gesetz auf den Weg zu bringen. … Insofern muss man sagen, das war ein Kompromiss, den wir gefunden hatten, und es ist natürlich aus unserer Sicht ausgesprochen bedauerlich, dass die Entscheidung des Gerichts mehrheitlich so ausgefallen ist, wie sie heute ausgefallen ist.

Heckmann: Bedauerlich oder peinlich?

Rothe-Beinlich: Ich finde es erst mal bedauerlich. Mir sind natürlich die abweichenden Voten – Sondervoten heißen sie – sehr viel näher. Ich finde es auch ein Stück weit bezeichnend, wenn wir uns die Zusammensetzung des Gerichts beispielsweise anschauen. …

Heckmann: Lassen Sie mich da kurz einhaken, Frau Rothe-Beinlich. Sie spielen auf die Zusammensetzung des Verfassungsgerichtshofs an und damit darauf, dass da Männer in der Mehrzahl waren. Wollen Sie das damit sagen, oder?

Rothe-Beinlich: Ich stelle das nur fest, dass zwei der Sondervoten von den beiden Richterinnen kamen, ein Sondervotum auch von einem Richter. Die anderen sechs Richter sind männlich, die so entschieden haben. Ich will das jetzt gar nicht werten, ich stelle es einfach mal fest.

Heckmann: Das heißt, es könnte sein, Sie sind der Meinung, dass diese Richter ihre Entscheidung von ihrem eigenen Geschlecht abhängig gemacht haben?

Rothe-Beinlich: Das habe ich nicht gesagt. Ich habe wie gesagt nur festgestellt, dass interessanterweise gerade die Richterinnen im Verfassungsgericht zu einer anderen Auffassung gekommen sind. … Wie gesagt: Mindestens drei Richterinnen sehen das ja auch anders.

Heckmann: Die drei Richter und Richterinnen sind aber in der Minderheit. Das Urteil ist anders ausgefallen. Das ist wichtig, an dieser Stelle vielleicht noch mal festzuhalten.

 

Donnerstag, 16. Juli, NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG:

Dabei machen Frauen mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung aus. Unter diesen 42 Millionen Bürgerinnen müssten sich eigentlich ein paar Hundert finden, die willens und in der Lage sind, in Parlamenten als Abgeordnete zu arbeiten.

 

Donnerstag, 16. Juli, FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG:

Parität kann ja kaum bei der Geschlechterfrage enden. Die Listen – und Parlamente – müssten auch sonst gleichermaßen alle Gruppen berücksichtigen, die man sich denken kann. … Identitätspolitik, die eine höhere Anerkennung einer bestimmten Gruppe anstrebt, ist nicht ohne Grund in anderem Zusammenhang ein Fall für den Verfassungsschutz.

 

Donnerstag, 16. Juli, NORDWEST-ZEITUNG:

Der Staat darf keine Regeln aufstellen, die Parteien zu einer Vorauswahl der Kandidaten aufgrund irgendwelcher vorgegebener Kriterien zwingt. Jede andere Entscheidung hätte in der Zukunft manipulierenden Eingriffen in die Listenaufstellung Tür und Tor geöffnet. Wenn es eine Quote für Frauen gibt, warum dann nicht auch für Einwanderer, für Junioren, Senioren, Brillenträger oder Ostdeutsche? Jede noch so kleine Interessengruppe wäre aufgefordert, sich ein Listenhäppchen per Gesetz zu sichern. Das Resultat wäre eine so absurde wie endlose Diskussion.

 

Gleichgeschaltet

 

22. Juni 2020: Bellarmin an Mephisto

 

Letzten Donnerstag sah man sich tatsächlich gezwungen in den bundesdeutschen Medien, da kam man einfach nicht umhin! Es ist ein Jammer aber auch, manchmal kommt man beim besten Willen nicht herum um die Fakten – also da mußten unsere „klassischen Medien“ plötzlich, und ohne ein einziges Mutmaßlich!, melden:

Die Bundesanwaltschaft hat im Zusammenhang mit dem Mord an einem Georgier vor einem Jahr in Berlin Anklage gegen einen Russen erhoben. Sie geht davon aus, dass der Verdächtige die Tat im Auftrag der russischen Regierung ausführte. … Staatliche Stellen der Zentralregierung der Russischen Föderation hätten dem Angeklagten den Auftrag erteilt, den Georgier Tornike K. zu liquidieren. … Die Bundesregierung beklagte, dass Moskau keine Bereitschaft zeige, zur Aufklärung beizutragen, und wies im Dezember 2019 zwei russische Diplomaten aus. Daraufhin wurden auch zwei deutsche Diplomaten aus Russland ausgewiesen.

Bundesaußenminister Maas sagte in Wien, die Bundesregierung behalte sich weitere Maßnahmen ausdrücklich vor.

(Deutschlandfunk, Donnerstag, 18. Juni 2020)

Ausdrücklich…

Der Wadim Krasikow, so heißt laut Bellingcat, The Insider und The Dossier Center der Mann mit ungefälschten falschen russischen Papieren auf den Namen Sokolow, Wadim Krasikow hatte voriges Jahr am 23. August nach dem heimtückischen Mord das Mountainbike, mit dem der Auftragskiller von hinten an sein Opfer herangepirscht war, und Kleidung, Perücke und Pistole mit Schalldämpfer, mit der er professionell drei Schüsse in Brust und Kopf des Zelimkhan Khangoschwili abgab, in der Spree versenkt. An der herausgefischten Hose fand sich seine DNA. Krasikow war erst einen Tag zuvor in Deutschland eingereist, mußte zur Tatausführung jedoch genau unterrichtet worden sein über terminliche Gepflogenheiten und Zeiten und Wege des Khangoschwili, und es war ihm für die Flucht bereits am Vortag ein Roller in Tatortnähe bereitgestellt worden.

Also ein zum Himmel schreiender Vorgang, den die Bundesanwaltschaft allerdings für derart belegbar hält, daß sie sich in der Lage sieht, Anklage zu erheben gleich unter Nennung der Auftragsgeber des Auftragsmörders.

Zudem handelt es sich ja, wie jeder weiß, beileibe um keine Singularität!

Seit der Annexion der Krim haben wir den Abschuss von Flug MH17 durch moskautreue Rebellen erlebt, die gnadenlosen Bombenangriffe zur Unterstützung des Assad-Regimes in Syrien, den Giftanschlag auf die Skripals in Salisbury und immer neue Beweise für politische Einmischung.

Der britische GUARDIAN am Mittwoch, des 28. November 2018 in einer freilich nicht vollständigen Aufzählung, die neben den Cyberangriffen die vom Westen noch immer nicht wahrgenommene und in ihrer Bedeutung richtig erfaßte Sperrung des Asowschen Meeres außer acht läßt.

Zum Beispiel.

Doch was soll ich Dir sagen?

Am nächsten Tag darüber in den öffentlich-rechtlichen Medien kein Sterbenswörtchen mehr!! Sämtliche Vöglein schwiegen im Walde. Kein Bericht, nicht die geringste Erörterung, kein Kommentar darüber, keine Analyse, kein Interview. Beispielsweise mit einem der ordinären Putinversteher und Rußlandgesundbeter wie Matthias Platzeck.

Und nach dem vom Deutschlandfunk wiedergegebenen Pressespiegel des Folgetages der Karlsruher Anklageerhebung möchte man meinen, keine einzige deutsche Zeitung beschäftigt sich mit diesem Thema!

Nichts!

Kein Kommentar!

Als wären die Medien gleichgeschaltet!

Wie in vorauseilendem Gehorsam!

Das ist unheimlich!

Das ist gefährlich!

Das wird sich rächen!

Der Westen ist befangen in dem gefährlichen Irrtum, Putin denke und handle rational. Das tut der auch, allerdings nicht nach aristotelischer Logik.

Sondern nach jahrhundertalter russischer Bauernlogik mit dem historischen Hauptmerkmal fortwährender Verwechslung von Quantität mit Qualität: Alles was groß ist und viel und pompös und was glitzert und glänzt und protzt, hält man in Rußland für gut.

Primitive Motivationen ordinärer Verbrecher: Größe, Glitzer, Gold, Protz und penetrantes Parfüm.

Diese Denkweise erscheint dem Westen als zu primitiv, als daß man hier dächte, daß im 21. Jahrhundert ein verantwortlicher Politiker so dächte.

Und das ist eben das Gefährliche: Man grübelt immer, was Putin wirklich will, und die seltsamen Putinversteher in Deutschland und Ostdeutschland kriegen feuchte Augen, wenn Wladimir Wladimirowitsch phantasiert über einen Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok…

Deshalb wird der Westen immer wieder überrascht und findet keine Antwort.

Der Westen muß flacher denken lernen und sich etwas mehr auskennen in der jahrhundertlangen Geschichte des jahrhundertalten russischen Imperialismus und Chauvinismus und dem russischen Haßneid auf den Westen, wenn er sich hineinversetzen will in Wladimir Wladimirowitschs Schädel.

Stop!

Genau das wäre ein wirksames Mittel des Westens gegen den russischen Imperialismus!

Neben beständig klarer Ansage.

Sagen, was ist!

Und das Licht der Öffentlichkeit ist in Rußland übrigens die gefürchtetste aller Waffen!

Doch, wie Hitler, infolge der inadäquaten westlichen Reaktionen wird Putin, der den Ermordeten als „blutrünstigen Menschen“ beschimpfte, immer enthemmter!

Auf die Zahmheit der deutschen Außenpolitik kann sich Staatschef Wladimir Putin bis jetzt verlassen. Um des Profits bilateraler Wirtschaftsbeziehungen willen macht sich Berlin klein gegenüber dem Kremlherrn. Den Bau einer zweiten russischen Gaspipeline durch die Ostsee lässt die Regierung allen Bedenken ihrer Partner in Europa zum Trotz fortsetzen. Diese deutsche Russlandpolitik muss auf den Prüfstand. Ein Akt des Staatsterrorismus, begangen von Putins Geheimdienst, verlangt eine harte Antwort. Politische wie wirtschaftliche Sanktionen sind angezeigt. Schiebt die deutsche Regierung dem Treiben russischer Agenten keinen Riegel vor, ermuntert sie diese nur zu neuen Taten.

Die gestrige Neue Zürcher Zeitung, Hervorhebung von Bellarmin

 

Ein Gespenst geht um in Deutschland

 

8. Februar 2020: Bellarmin an Mephisto

 

Jetzt haben wie die Ärsche zu Offizieren gemacht, jetzt glauben die Ärsche, sie sind es auch…“ hieß es sprichwörtlich in den Internationalen Brigaden während des spanischen Bürgerkrieges.

Da hat man der mit der NSDAP gleichgesetzten und als „antisemitisch“ etikettierten stärksten Oppositionspartei des deutschen Bundestages aber ein verdammt scharfes Schwert in die Hand gedrückt in dieser Woche der Dümmlichkeiten. Damit wird es ihr hinfort leicht sein, in allen Stadt-, Kreis- und Landesparlamenten jeden ihr nicht passenden Politiker zu Fall zu bringen, in dem sie arithmetisch erkennbar in wahlentscheidenden Situationen für ihn stimmt. Zum Beispiel in Thüringen Bodo Ramelow bei der nächsten Wahl zum Ministerpräsidenten, wenn CDU und FDP sich enthielten.

 

Auch wenn alle einer Meinung sind, können alle Unrecht haben.“

Bertrand Russel (1872 – 1970)

 

Das russische Muster

 

9. Dezember 2019: Bellarmin an Mephisto

 

Zu Trick 17 aus der rhetorischen Mottenkiste zählt die Methode: Unterstelle der Gegenseite eine von ihr nichtbehauptete Behauptung und widerlege sie ausführlich! Hier als Paradebeispiel (nebst einer ergänzenden Zählung) vorgeführt mittels eines Interviews, das der Deutschlandfunk am Morgen des Nikolaustages zum zufälligerweise schon wieder an Rußland klebenden Thema „Mord“ mit der Folge der Ausweisung zweier russischer Diplomaten aus Deutschland führte:

Christoph Heinemann: Am Telefon ist Dietmar Bartsch, Co-Vorsitzender der Fraktion Die Linke im Deutschen Bundestag, Wahlkreis Rostock. Guten Morgen.

Dietmar Bartsch: Guten Morgen! – Ich grüße Sie.

Heinemann: Herr Bartsch, reichen zwei unerwünschte Diplomaten für einen mutmaßlichen Auftragsmord?

Bartsch: Ich glaube, das kann man so gegeneinander kaum aufwiegen. Natürlich ist das zunächst mal ein symbolischer Akt, der in der Sache nicht sonderlich weiterhilft. Auf der anderen Seite führt er natürlich auch erwartbar zu entsprechenden Reaktionen in Russland. Klar ist für mich: Moskau muss kooperieren mit den Strafverfolgungsbehörden, weil ansonsten logischerweise der Verdacht, dass dort irgendetwas nicht oder, sagen wir mal so, dass es doch staatlich gelenkt ist, der bleibt und deshalb ist das zu erwarten. Aber diese Ausweisung, die ist mehr symbolisch, weil die werden irgendwann auch wiederkommen.

Heinemann: Ist sie richtig?

Bartsch: Ich glaube, dass man zumindest einen solchen symbolischen Akt durchführen musste. Man kann das nicht auf sich beruhen lassen. Auf der anderen Seite muss das Ziel klar sein. Es gibt wenig Sinn, jetzt hier zu eskalieren, weil es gibt natürlich auch in absehbarer Zeit den Ukraine-Gipfel, der extrem wichtig ist, in Paris am Montag.

Erste Abwieglung: Nicht eskalieren!

Und da ist jegliche Eskalation, die ja dann immer auch zu anderen Auswirkungen führt, nicht sonderlich gut.

Zweite Abwieglung: Nicht eskalieren!

Aber klar ist, um das noch mal in großer Deutlichkeit zu sagen: Moskau muss kooperieren. Ich bin dagegen, dass man viele spekulative Fragen beantwortet.

Dritte Abwieglung: Nicht spekulieren!

Man muss die Ergebnisse des Generalbundesanwalts abwarten.

Vierte Abwieglung: Abwarten!

Und da ist notwendig, dass hier selbstverständlich von Russland kooperiert wird, damit es auch Ergebnisse gibt.

Heinemann: Sie warnen vor Eskalation. Wer eskaliert?

Bartsch: Nun ja. Der- oder diejenige, die dann diesen Auftragsmord – ich gehe jetzt davon aus, dass das, was mehrfach zu lesen war, eben in Ihrem Bericht zu hören war, dass das genauso stimmt. Aber ich will auch als Politiker raten, dass man hier die Ergebnisse abwartet.

Fünfte Abwieglung: Abwarten!

Denn es nutzt ja nichts, dass jetzt – und ich habe das ja mit Interesse gelesen, wer sich jetzt alles von meinen Kolleginnen und Kollegen extrem auskennt, das alles so genau weiß. Da rate ich zur Zurückhaltung.

Sechste Abwieglung: Zurückhalten!

Das Auswärtige Amt hat eine klare Positionierung vorgenommen.

Die Bundeskanzlerin hat sich im Übrigen auch in der gebotenen Zurückhaltung geäußert, aber auch klargemacht, was sie erwartet.

Siebente Abwieglung: Zurückhalten!

Ich glaube, dass das der Weg ist und dass wir jetzt nicht jeder noch mal ein Stück weit Öl ins Feuer gießen müssen.

Achte Abwieglung: Kein Öl ins Feuer gießen!

Wenn sich das bestätigen sollte – es gibt ja ähnliche Fälle –, dann muss entsprechend auch gehandelt werden. Aber noch steht das nicht fest. Deswegen: Ich habe auch mit Interesse gelesen, was in Russland gesagt wird. Dort wird das alles natürlich vehement zurückgewiesen. Das wundert mich nicht. Es wäre ja schlimm, wenn jetzt gesagt werden würde, doch, doch, das waren wir schon. Aber deswegen: Ermittlungen abwarten, dann Schlussfolgerungen ziehen.

Neunte Abwieglung: Abwarten!

Heinemann: Wen meinten Sie gerade? Wer kennt sich aus?

Bartsch: Ich sehe von Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag,…

Heinemann: Wer denn?

Bartsch: Ich will jetzt keine Namen nennen. Das kann man in den Medien ja nachlesen.

??

Heinemann: Warum nicht?

Bartsch: Das sind vor allen Dingen Kollegen der Unionsfraktion, wo die Bundeskanzlerin deutlich einen anderen Akzent gesetzt hat, die gesagt haben, Russland, man müsse jetzt handeln und man müsse sofort. – Das ist in einem Rechtsstaat unüblich, sondern da hat man dann Ergebnisse und dann zieht man Schlussfolgerungen. Deswegen ist dieser – ich wiederhole das – symbolische Akt der zwei Diplomaten, der mit Sicherheit nach sich ziehen wird, dass zwei deutsche Diplomaten gehen werden, das ist richtig. Das ist das, was man auf dieser Ebene tut. Aber am Ende des Tages ist diese Reaktion eine zurückhaltende, und das ist richtig so.

Heinemann: Dann nenne ich mal einen Namen. Der CDU-Innenpolitiker Armin Schuster sagt: „Sollte sich russischer Staatsterrorismus auf deutschem Boden herausstellen, dann müsse die Spionageabwehr und dann müsse die Auslandsaufklärung gegen Russland deutlich ausgeweitet werden.“ – Ist das richtig?

Bartsch: Ja. Er hat ja seinen Satz begonnen mit „sollte“, und genau das rate ich dann auch Herrn Schuster, dieses „sollte“ abzuwarten.

Zehnte Abwieglung: Abwarten!

Wenn das denn so ist, dann muss es selbstverständlich Schlussfolgerungen geben. Die müssen von Bundesregierung, gegebenenfalls auch in den zuständigen Gremien des Deutschen Bundestages – dafür haben wir…

Heinemann: Und zwar im Sinne von Herrn Schuster?

Bartsch: Wenn das so sein sollte – ich sage auch dieses „wenn“ –, dann muss man über Schlussfolgerungen beraten. Was man dann tut, das würde ich jetzt mal nicht aus der Hüfte beantworten, sondern dann muss es entsprechende Schlussfolgerungen geben. Ich will aber noch mal in großer Klarheit sagen: Es ist nicht erwiesen. Was ich jetzt lese, Putins Tiergartenmörder, ich glaube, dass das eine spekulative Äußerung ist.

Da sollte man zurückhaltend sein.

Elfte Abwieglung: Zurückhalten!

Das ist auch Aufgabe von Politik. Da, noch mal, haben wir entsprechende Behörden. Das ist der Generalbundesanwalt. Der hat entsprechend des Anfangsverdachts seine Ermittlungen aufgenommen. Das ist richtig so. Und ich rate Herrn Schuster und anderen, bis dahin dann Zurückhaltung an den Tag zu legen.

Zwölfte Abwieglung: Zurückhalten!

Heinemann: Welche Schlagzeile würden Sie formulieren?

Bartsch: Meine Schlagzeile wäre, Generalbundesanwalt ermittelt, Verdachtsmomente bestehen. Aber ich bin ja nicht im journalistischen Bereich tätig, sondern als Politiker, und da, glaube ich, ist es angemessen, auch als Oppositionspolitiker, da der Bundeskanzlerin mit ihrer angemessenen und zurückhaltenden Positionierung Unterstützung zuzubilligen.

Dreizehnte Abwieglung: Zurückhalten!

Und dass sie nicht vor den Scharfmachern in ihrer Fraktion oder aus anderen dann einknickt und ähnlich verschärfend agiert.

Heinemann: Wo, bitte schön, sind die Scharfmacher? Sie haben gerade gesagt, sollte sich das so erweisen, wären Sie ja durchaus auch für die schusterschen Schlussfolgerungen.

Bartsch: Scharfmacher sind diejenigen, die von Wortgruppen wie Putins Tiergartenmörder sprechen, für die jetzt schon feststeht, dass wahrscheinlich sogar Herr Putin selbst unterschrieben hat und gesagt hat, der ist umzubringen. Ich glaube, das ist unzulässig. So geht man mit Menschen nicht um. Das bedient Vorurteile. Deswegen: Das sind für mich Scharfmacher. Deswegen: Das Maß an Zurückhaltung der Bundeskanzlerin unterstütze ich.

Vierzehnte Abwieglung: Zurückhalten!

Heinemann: Herr Bartsch, wie sollte die russische Regierung zur Aufklärung beitragen?

Bartsch: Das, was Strafverfolgungsbehörden erwarten, nämlich dass kooperiert wird. Genau das sollte geschehen. Das ist offensichtlich nicht der Fall gewesen und das ist deutlich zu kritisieren. Das geht so nicht! Wenn es einen Mord gibt, einen Mord an einem Georgier in Deutschland, wo es Anfangsverdachtsmomente gibt, dann muss voll umfänglich kooperiert werden. So wie Deutschland das macht, muss das Russland genauso machen. Alles andere ist inakzeptabel.

Heinemann: Gab es einen solchen Beitrag in den Fällen Skripal oder Litwinenko?

Bartsch: Das kann ich schwerlich einschätzen. Aber offensichtlich hat dort die russische Seite nur sehr begrenzt mitgewirkt, und das ist dann auch zu kritisieren, ganz klar und eindeutig.

Heinemann: Was raten Sie Widersachern der russischen Regierung, die im Ausland leben?

Bartsch: Ich kann da nur, wenn ich überhaupt einen Rat gebe – ich will der Bundeskanzlerin dort keinen Rat geben, aber sie trifft am Montag Wladimir Putin. Da geht es um andere Dinge. Da geht es um die Ukraine zu allererst, und das ist einer der größten Krisenherde, die wir weiterhin haben. Aber das wird sicherlich die Gelegenheit sein, hier auch zu agieren, und ich bin ziemlich sicher, dass es danach Schlussfolgerungen geben wird, auch in Russland.

Heinemann: Sollte man wegen dieser Gespräche den mutmaßlichen Mordfall tieferhängen?

Bartsch: Ich glaube, dass das bisher so seitens der Bundeskanzlerin, seitens des Auswärtigen Amtes geschehen ist. Ich glaube, dass das Agieren hier – ich kritisiere die Bundesregierung gerne und häufig. Hier kritisiere ich die Verantwortlichen nicht, sondern eher diejenigen, die versuchen, Öl ins Feuer zu gießen.

Fünfzehnte Abwieglung: Kein Öl ins Feuer gießen!

Fazit: Du sollst nicht denken, du sollst das Denken gefälligst der Regierung überlassen!

Damit könnte der Herr Bartsch durchaus eine steile Karriere machen in Rußland!

Im Staatszirkus.

Als Eiertänzer.

Was gegenüber Rußland die ewigen Eiertänze der Linken, insonderheit der deutschen, betrifft: Ich bin sehr dafür, endlich Öl ins Feuer zu gießen. Das Gegenteil von Scharfmacher ist nämlich Stumpfmacher. Und das Gegenteil von Scharfsinn ist Schwachsinn. Schwachsinnig ist es beispielsweise, Vorurteile als schlecht zu verdammen. Wie Sprichwörter das Gegenteil beweisen, als die gesammelte Weisheit der Völker.

Überwiegend sind Vorurteile auch vorteilhafter als Nachurteile!

Der Mensch ist überhaupt nur Mensch geworden kraft seines Vermögens, Vorurteile zu fällen. Vorurteile sind Zeichen seiner Intelligenz: Ein Vorurteil ist ja nichts anderes als die Fähigkeit, vom Besonderen auf das Allgemeine zu schließen. Und von jenem Allgemeinen vorausschauend auf das kommende Besondere. Genau die Gabe, die unsere Gattung erhoben hat über tierische Zustände.

Insofern erwartete ich bereits zu Beginn des Interviews mit dem Co-Vorsitzenden der per se rußlandfreundlichen Putinversteherpartei DIE LINKE zum Thema „Serienmord an Abtrünnigen“ nichts weiter als einen beschwichtigenden Eiertanz.

Und siehe da! Mein Vorurteil wurde wieder einmal bestätigt.

Wobei mir anläßlich einer vorhersehbaren Nichtenttäuschung meines Vorurteils natürlicherweise so gut wie immer auch Rußland einfällt. Denn in Wahrheit ist Rußland unschwer berechenbar bei seiner beständigen Verwechslung von Quantität mit Qualität: Alles was groß ist und glitzert und glänzt ist gut.

Pompös, pompöser, am pompösesten!

Bolschoi-Theater und Staatszirkus!

Nämlich: Da Rußland ein großes Land ist, ist Rußland ein gutes Land.

Je größer desto guter.

Das schlimmste Ereignis des zwanzigsten Jahrhunderts ist für den obersten Russen die Auflösung der großen ruhmredigen „Sowjetunion“. Und nicht etwa der von Hitlerdeutschland industriell betriebene Massenmord und die in deutschem Namen auch am russischen Volk verübten Verbrechen.

„Sowjetunion“ hieß ja das verlogene Hüllwort für russisches Imperium. Dessen Größe vornehmlich basierte auf Lüge und Heimtücke russischer Politik, seit Iwan der Schreckliche seine berüchtigten Opritschniki „russische Erde sammeln“ ließ.

Verlogene russische Politik: Da fallen mir ein Potemkinsche Dörfer als treffendstes Sinnbild für Rußland.

Auch beispielsweise unter anderen Lügen die Lüge von Jalta, auf der Grundlage des allgemeinen und geheimen Wahlrechts freie Wahlen in allen von Hitlerdeutschland befreiten Gebieten abhalten zu lassen laut alliierter „Erklärung über das befreite Europa“.

Nächsten 11. Februar übrigens feiert allein diese russische Lüge mit ihren enormen Folgen auf das Leben und die Freiheit von Millionen Osteuropäern ihren 75. Jahrestag. Getreu dem westlich naiven Glaubensmuster hatte schon in der Nacht auf den 12. Februar 1945 die BBC freudig das Verhandlungsergebnis im Hinblick auf Polen verkündet:

„Die gegenwärtige provisorische Regierung in Polen [sie war von den Russen als Gegenregierung zur Londoner Exilregierung etabliert worden] soll durch den Eintritt anderer demokratischer Führer aus Polen oder dem Exil auf eine breitere Basis gestellt werden. Es werden so bald wie möglich freie Wahlen auf der Grundlage des allgemeinen und geheimen Wahlrechts ausgeschrieben werden.“

Wetten, daß nächsten Februar der Westen des doch so lehrreichen Gedenkens dieser musterhaft russischen Lüge vergißt?

Aus der man im Zusammenhang mit den russischen Panzern 1953 in Berlin, mit den russischen Panzern 1956 in Ungarn, mit den russischen Panzern 1968 in Prag, mit der Breschnew-Doktrin, mit dem russischen Einmarsch in Afghanistan und im Zusammenhang mit Transnistrien, Tschetschenien, Südossetien, Abchasien, der Ostukraine und der Krim und der vom Westen bis heute noch nicht begriffenen Sperrung des Asowschen Meeres doch wertvolle Vorurteile ableiten könnte und sollte für Gegenwart und Zukunft?

Immerhin, wenigstens nach den allerjüngsten Morden und Mordversuchen, beginnt man endlich von einem „russischen Muster“ zu sprechen. Im aktuellen SPIEGEL steht der bemerkenswerte Satz, es ginge „jetzt darum zu ermitteln, ob der Tiergartenfall zum russischen Muster gehöre, übergelaufene Agenten und andere Staatsfeinde im Ausland umzubringen“.

Und Staatsfeinde in Rußland!

Was willst Du auch von unserem amnesischen Gegenwartsjournalismus erwarten?

Der sich, wie ich beobachten konnte, in bundesdeutschen Medien, bis auf eine Ausnahme, gerade mal bis an den „Fall Skripal“ zurückerinnern kann!

Hauptsache keine Vorurteile!

Es gab schon wesentlich bessere Zeiten deutscher Journalistik. Früher hätte man sich erinnert gefühlt an Leo Trotzki, Willi Münzenberg und Andreij Alexejewitsch Amalrik.

Beispielsweise.

Oder an das Attentat auf den polnischen Papst.

Oder hätte auch der Opfer jüngster Morde gedacht an kritischen Journalisten in Rußland und sie in Zusammenhänge gesetzt.

Oder eben an Alexander Walterowitsch Litwinenko, den ehemaligen russischen Geheimdienstoffizier. Es sollte eigentlich nicht zu lange her sein, sich zu erinnern für einen seriösen Journalismus, wie der mutige Mann 1998 zusammen mit anderen, aus Angst zum Teil maskierten Kollegen in Moskau vor die Presse trat, um als Informanten, also im modernen Journalistendeutsch als „Wisselbloas“, die Weltöffentlichkeit zu unterrichten, daß sie von der Führung ihrer Organisation, das bedeutet vom russischen Machtapparat, den Auftrag erhalten hätten, Boris Beresowski, damals Sekretär des Staatssicherheitsrates, zu ermorden.

Jener Boris Beresowski wurde übrigens 2013 in seinem Londoner Exil erhängt an einem Kaschmirschal aufgefunden. Ebenfalls kamen acht Menschen seines Umfeldes unter mysteriösen Umständen um ihr Leben.

In Deutschland unbeachtet.

Nach mehrmaligen Verhaftungen und Entlassung nur mit Unterschrift einer erpresserischen Verpflichtung, nicht aus Rußland auszureisen, fühlte Litwinenko sich in der Folge jedoch selber derart bedroht vom russischen Geheimdienst, daß er mit seiner Familie nach England floh.

Und dort, als wahrhaft politisch Verfolgter, Asyl erhielt.

Im britischen Exil verfaßte der Mann zusammen mit einem Historiker das Buch „Eiszeit im Kreml. Das Komplott russischer Geheimdienste“. Darin die vom bundesdeutschen Journalismus bemerkenswert unbemerkte bemerkenswerte wisselbloische Behauptung, 1999, Du erinnerst Dich, die Sprengstoffattentate auf Wohnhäuser in russischen Städten, die seien statt von tschetschenischen Terroristen vom russischen Geheimdienst FSB selbst verübt worden!

Um als „Fall Gleiwitz“ den zweiten Tschetschenienkrieg zu rechtfertigen.

Etwa 300 Menschen waren damals allein bei den Anschlägen auf die Wohnhäuser umgekommen…

300 Kinder, Frauen und Männer.

Vom Juli 1998 bis August 1999 hieß der Direktor des Inlandsgeheimdienstes FSB übrigens Wladimir Wladimirowitsch Putin.

Der im Anschluß zum Ministerpräsidenten aufstieg und dergestalt am 1. Oktober 1999 den Einmarschbefehl nach Tschetschenien erließ zur, nach seinen Worten, „zur Bekämpfung von 2000 Terroristen“.

Litwinenko war in London dann Anfang November 2006 vergiftet worden.

In seinem Urin fanden Ärzte in großer Menge das radioaktive Polonium 210.

Ende November starb Litwinenko an der Strahlenkrankheit.

Wenige Stunden bevor er für immer sein Bewußtsein verlor, offenbarte er das Vorurteil, vom Kreml vergiftet worden zu sein.

Die Umstände seines Ablebens wurden wenige Tage später denn auch von den britischen Behörden eingestuft als Mord. Als Tatverdächtige wurden identifiziert zwei russische Geschäftsmänner, die nachweislich ihrem Opfer in einem Hotel poloniumhaltigen Tee verabreicht hatten. Bei ihrem Aufenthalt in London hatten sie an zahlreichen Stellen, zum Beispiel an der Teekanne, an ihren Handtüchern im Hotel, am Abfalleimer, teilweise geradezu extreme radioaktive Spuren hinterlassen. An einem Ort lagen sie über dem Meßbereich des Instrumentes.

Das nachgewiesene Polonium hatte laut Untersuchung einen Marktwert von mehreren Millionen Euro besessen. Da die USA russisches Polonium importieren, gelang es, dieses zu vergleichen mit jenem, mit welchem Litwinenko umgebracht worden war. Was dazu führte, exakt eben jenen Reaktor als russischen zu identifizieren, in dem und sogar mit welchem Datum es produziert worden war.

In seinem Abschlußbericht befand Richter Sir Robert Owen:

Unter Berücksichtigung aller mir zur Verfügung stehenden Beweise und Analysen stelle ich fest, daß die Operation des FSB, Herrn Litvinenko zu ermorden, wahrscheinlich von Herrn Patruschew und auch von Präsident Putin gebilligt wurde.“

Während Putins Paladin Lawrow den Bericht als politisch motiviert und als „nicht transparent“ (auf deutsch: „unklar“) ablehnte, will ich wiederum Öl ins Feuer gießen: Kannst Du Dir vorstellen, daß ausgerechnet in Rußland, dem obrigkeitsorientiertesten Staat seit dem Alten Reich der Ägypter (Grabinschrift: „Lache, wenn er lacht!“), irgendein Untertan sich selbstermächtigte, einen unautorisierten Befehl des Inhaltes zu verantworten, sich aus staatlichen Beständen für einen Mord ein radioaktives Metall und nach diesem entdeckten Mord dann noch einmal für einen anderen Mord ein geheim entwickeltes Nervengift zu beschaffen, um vermittels risikoreicher Operationen auf ausländischem Territorium einen Gegner des Herrn aller Reußen umzubringen?

Gewissermaßen selbstherrlich?

Auf eigene Faust in vorauseilender Gefälligkeit?

Sich auf derart sensiblem Felde außenpolitisch betätigend ohne die Rückversicherung eines obersten Auftraggebers von Auftragsmorden?

Willst Du mein Vorurteil wissen?

Gut: Der Kampf gegen die Lebensart der Westler, der Kampf gegen die Europäisierung Rußlands ist durch die Jahrhunderte kein neuer Zug. Doch heute bekriegt der russische Imperialismus expansiv auch die westliche Zivilisation als solche. Weil man sie für dekadent, schädlich und bedrohlich und demgegenüber das Russentum für gesund und überlegen hält. Und Rußland als chauvinistisch gegen westliche Kultureinflüsse kämpfender Staat ist semifaschistisch ausgerichtet auf die Entindividualisierung seiner letztendlich als leibeigen betrachteten Bürger.

Rußland kämpft gegen das Individuum!

Du bist nichts, dein Volk ist alles!

 

Den Moskowitern ist es unter keinen Umständen erlaubt, ins Ausland zu fahren, ausgenommen diejenigen, welche auf Befehl des Zaren und des Handels wegen mit Passierscheinen geschickt werden. Und selbst wenn Kaufleute ihrer Geschäfte wegen ins Ausland reisen, so zieht man von vornehmen und angesehenen Personen schriftlich beglaubigte Urkunden ein, worin die Unterzeichner sich dafür verbürgen, daß jene Kaufleute samt ihren Waren nicht in den fremden Ländern bleiben, sondern wieder zurückkehren werden. Und sollte irgendeiner, und wäre er ein Fürst oder Bojar oder sonstwer, sich selbst heimlich, ohne des Zaren Erlaubnis in ein fremdes Land begeben oder seinen Sohn oder seinen Bruder hinschicken, so würde man ihm das als Hochverrat anrechnen, und man würde ihm sein Vermögen und seine Besitzungen und seine Leibeigenen zuhanden des Zaren wegnehmen. Und wenn jemand selbst verreisen sollte, und es fänden sich in Rußland Verwandte von ihm, so würde man auch sie foltern, um zu erfahren, ob sie von seiner Absicht Kenntnis gehabt hätten. Und wenn jemand seinen Sohn, seinen Bruder oder seinen Neffen ins Ausland schicken sollte, so würde man auch ihn foltern, um herauszubekommen, wozu er jenen in ein fremdes Land geschickt habe, ob er nicht fremde Heere gegen das Moskowiterreich heranführen lasse, um sich der Staatsgewalt zu bemächtigen, oder ob er sonst ein Schelmenstück im Schilde führe, und durch wen er dazu angestiftet worden war.“

Grigorij Karpowitsch Kotoschichin: „Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit in Rußland; Kultur, Aberglaube, Sitten und Gebräuche. Eigene Ermittelungen und Gesammelte Berichte.“ (1666/67)

 

Ein lehrreicher Jahrestag

 

30. November 2019: Bellarmin an Mephisto

 

Vor 80 Jahren, Anfang November 1939, behauptete Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow, seines Zeichens Außenminister der „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“, in der Parteizeitung „Pawda“ („Wahrheit“), von Finnland ginge eine Kriegsgefahr aus gegen den „Sowjetstaat“. Und Ende November behaupteten die Russen, finnische Artillerie hätte im Grenzdorf Mainila die „Rote Armee“ beschossen.

Und dann:

Ohne Kriegserklärung wurde Finnland von der „Roten Armee“ überfallen. Am 30. November 1939. Frühmorgens. Darauf, zwischen neun und zehn Uhr, warfen russische Flugzeuge Flugblätter über Helsinki ab, etwa eine Stunde später bombardierten sie die Stadt. Zum Einsatz kamen Streubomben. Über schräge Leitflächen an ihren Außenhüllen in Rotation versetzt, schleuderten diese jeweils 60 Brandbomben über ihr ziviles Zielgebiet. Sie forderten etwa 900 Todesopfer und zahlreiche Verletzte. Nach weltweiten Protesten erklärte Molotow in typischer Verlogenheit, es handele sich um Brotsäcke für die hungernde finnische Bevölkerung. Woraufhin die Streubomben von jener bezeichnet wurden als „Molotows Brotsäcke“.

In dem Krieg entstand noch eine ähnlich sarkastische Wortschöpfung. Die Russen verfügten über eine dreifache Überlegenheit an Soldaten, eine fünffache bei der Artillerie und eine achtzigfache an Panzern. Und weil die „kriegsgefährlichen“ Finnen zudem auch nur ganze hundert Panzerabwehrkanonen besaßen, verfielen sie in der Not auf die Idee, Brandsätze in Flaschen auf die anrückenden Panzer zu werfen. Und diese improvisierten Waffen nannten sie analog zu den russischen Streubomben „Molotowcocktails“.

Wegen ihres Einmarsches in Finnland wurden die russischen Invasoren Mitte Dezember aus dem Völkerbund ausgeschlossen. In den USA kam es zu Solidaritätsdemonstrationen mit Finnland, und US-Präsident Roosevelt rief ein Handelsembargo aus gegen die „Sowjetunion“.

Trotz ihrer militärischen Unterlegenheit hielten die Finnen mit Mut, Intelligenz und Tapferkeit stand, so daß die russische Aggression vollkommen ins Stocken geriet, und die Okkupationspläne konnten nicht verwirklicht werden. Mit der finnischen Marionette Otto Wille Kuusinen hatte man bereits eine kommunistische Gegenregierung, die „Volksregierung Finnlands“, gebildet, die man nach dem russischen Sieg sogleich über das Land hatte setzen wollen. Die Finnen vernichteten indessen die 66. „sowjetische“ Schützendivision, und die Russen mußten ihre Truppen von der Sallo-Front zurückziehen.

In Dänemark, Norwegen und Schweden sammelten sich Freiwillige, um in Finnland mitzukämpfen. Krankenschwestern gründeten in Großbritannien eine freiwillige Einheit, um in Finnland eingesetzt zu werden.

Aufgrund der Erschöpfung drohte letztlich aber doch ein Zusammenbruch der finnischen Front, so daß man sich im März gezwungen sah, einen von Moskau diktierten Frieden anzunehmen: „Möge meine Hand verdorren, die gezwungen ist, ein derartiges Papier zu unterschreiben“, so der finnische Präsident Kyösti Kallio nach seiner Unterschrift.

Man trauerte.

Alle Fahnen wurden auf Halbmast gesetzt.

Auf finnischer Seite zählte man 26.662 gefallene Soldaten, auf russischer 127.000. Zirka 5.000 „sowjetische“ Kriegsgefangene der Finnen sind nach ihrer Freilassung in die ruhmredige „Sowjetunion“ verschollen, so daß man vermutet, sie seien in Lagern des NKWD ermordet worden.

Die Russen verzichteten zwar auf die Nickelgruben von Petsamo, weil diese überwiegend in britischen Händen sich befanden und die Russen den Konflikt mit den Westmächten fürchteten. Doch die Finnen mußten ein Gebiet von 40.000 Quadratkilometern an die „friedliebenden“ Russen abtreten und viele Inseln und mußten die Halbinsel Hangö für einen neuen Flottenstützpunkt an die Russen verpachten. Elf Prozent des finnischen Volkes, etwa 420.000 Menschen, flüchteten nach den Grenzverschiebungen vor den Russen aus ihrer Heimat. Finnland verlor rund zehn Prozent seiner Agrarwirtschaft und Industrie.

Die Russen gründeten mit Kuusinen in den abgetretenen Gebieten die „Karelo-Finnische SSR“ als neue „Sowjetrepublik“.

Soweit das eigentlich unschwer zu erkennende russische Muster.

Was ich aber noch sagen wollte: Am 29. November 2019 meldeten bei uns hier in Deutschland einige Medien, die von den in deutschen Medien getreu putinscher Diktion permanent als „Separatisten“ titulierten Söldner der „Volksrepublik Donezk“ hätten ihr selbsternanntes „Parlament“ beschließen lassen, die Frontlinie zu den Streitkräften der Ukraine habe ab sofort als Staatsgrenze zu gelten.

Und was ich noch sagen wollte: Rußland ist kein Partner des Westens.

Rußland ist Gegner.

Nach der russischen Annexion der Schwarzmeerhalbinsel Krim war der gebürtige ukrainische Staatsbürger und Filmemacher Oleh Senzow 2015 in Rußland (!) wegen seines aktiven Protestes auf der Krim gegen deren Annexion zu 20 Jahren Straflager verurteilt worden. Die russischen Behörden erklärten tatsächlich, mit der Eingliederung der Krim in das russische Staatsgebiet habe Senzow seine ukrainische Staatsbürgerschaft verloren, hatten den ukrainischen Freiheitskämpfer also zwangsweise zum Russen gestempelt, und verweigerten mit diesem Argument beispielsweise der ukrainischen Seite jegliche Kontaktaufnahme mit dem Inhaftierten.

Nach seiner Freilassung in diesem Jahr hatte er in Straßburg den Sacharow-Preis entgegennehmen können. Dazu meldete der Deutschlandfunk am 26.11.2019:

Der freigelassene Filmemacher Senzow hat das EU-Parlament vor Naivität gegenüber dem russischen Präsidenten gewarnt.

Es sei derzeit zwar viel die Rede von Aussöhnung und Frieden mit Russland, sagte der Ukrainer vor den Abgeordneten in Straßburg. Dennoch glaube er Putin nicht und lege den Abgeordneten nahe, ihm ebenfalls nicht zu glauben.

Der Westen sollte auf Senzow hören!

 

Groß ist das heilige russische Land, aber die Wahrheit hat nirgends Platz.“

Russisches Sprichwort