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Thalatta ! Thalatta !

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Hohmskuling in Sachen Deutsch

 

13. Februar 2021: Bellarmin an Mephisto

 

Ja, so war das. Ende Oktober vergangenen Jahres sah man sich im Deutschlandfunk veranlaßt, endlich einmal Stellung zu nehmen zur Verwahrlosung unserer Muttersprache. Am Beispiel des Unwortes „Lockdaun“. Das war um so bemerkenswerter, als es zeigte, daß es doch eine beträchtliche Anzahl Menschen gibt, die sich zur Wehr setzen gegen die beständige Vergewaltigung unserer Sprache durch bundesdeutsche Journalisten und Politiker.

„Lockdown“, der Begriff ist derzeit allgegenwärtig – und er wird streng genommen meist falsch benutzt. Soviel steht fest. Dennoch kommt er weiter in unseren Nachrichten vor. Und das hat seine Gründe.

Uns wird entgegengehalten, dass es sich nicht nur um einen unnötigen Anglizismus handle. Der Begriff werde überdies nicht treffend verwendet.

Wir haben dann aber nach und nach zur Kenntnis genommen, dass der Sprachgebrauch auch in diesem Fall mächtiger ist als das Wörterbuch. Fast alle sprechen vom „Lockdown“, nachdem es im Frühjahr noch eher um den „Shutdown“ ging, und wichtiger noch: Fast alle verstehen, was gemeint ist und was nicht.

Deshalb übernehmen wir bis auf Weiteres den „Lockdown“, sofern wir nicht Gelegenheit haben, die einzelnen konkreten Einschränkungen zu benennen. Das ist präziser und daher vorzuziehen. Es ist aber eben oft auch zu lang – und zudem in ermüdender Weise wiederholend, wenn der Kontext eh als bekannt vorausgesetzt werden kann.

Mit dieser Einschätzung stehen wir nicht alleine. Begriffe sind nicht statisch, ihre Bedeutungen verändern sich. Auch beim „Lockdown“ erkennt die Sprachwissenschaft bereits eine derartige Begriffsausweitung. Das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache etwa wartet mit folgender Definition auf: „Zeitraum, in dem fast alle wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aktivitäten auf politische Anordnung hin stillgelegt sind (zum Beispiel zum Infektionsschutz)“.

Es würde mich nicht wundern, wenn der Duden eines Tages nachzöge.

Sancta Simplicitas!

Ja, es wunderte mich bestimmt nicht, wenn der taube Duden eines Tages nachzöge. Wie gegenwärtig gerade wieder zum Beispiel beim Jendan. Obwohl das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache doch eine wahrlich passende Definition hingelegt hat für den ins Schwarze treffenden Begriff „Stillstand“: „Zeitraum, in dem fast alle wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aktivitäten auf politische Anordnung hin stillgelegt sind (zum Beispiel zum Infektionsschutz)“.

Und der Deutschlandfunk argumentiert hier ähnlich wie der taube Duden, gegen den Sprachgebrauch könne man gar nichts machen.

Doch man kann! Wie wir zum Beispiel lernen können bei unseren französischen Nachbarn. Und stammen denn konformistische Bildungen wie „Bürger*innenmeister*in“ oder „Bauern*innenfrühstück“ tatsächlich aus dem Sprachgebrauch? Oder doch eher aus einer weltfremden Kanzleisprache von Verwaltungsvorschriften? Und aus den „Innen“-Verrenkungen politischer OpportunistInnen? Statt aus dem Maule gewöhnlichen Volkes, das es ja auch noch gibt in beträchtlichem Ausmaß?

Dem man gleichzeitig und völlig unverdrossen gegen die eigenen Argumente eine Benutzung bestimmter Wörter vorschreibt?

Oder verbietet?

Journalisten, Politiker, Lehrer und Geistliche verfügen über die Wortmacht in jeder Gesellschaft. Und deshalb kann man schon was machen. Ähnlich wie Clemenceau, der in seiner Rolle als einstiger Schriftleiter einer Zeitung ein Schild aufgehängt haben soll in seiner Redaktion: „Bevor sie einen Anglizismus hinschreiben, kommen Sie zu mir in den dritten Stock und fragen, ob er nötig ist!“

Was sagst Du? Das sei eine Feknju? Der Clemenceau habe Adjektive gemeint statt Anglizismen?

Da kannst Du gleich mal in den dritten Stock laufen!

Im Deutschland von heute fördert man ja geradezu mutwillig den Sprachverfall, und man kürt, wie blöde und völlig kritikfrei, einen „Anglizismus des Jahres“.

Hosianna! Hosianna!

Richtig, dieses Jahr, wahrscheinlich heimarbeitend im steuerlich abgesetzten Arbeitszimmer des Hohmoffis, dieses Jahr ist es der „Lockdaun“.

Ich will jetzt aber mal wieder einen Katt machen und lieber einen Inzeider wisselbloan lassen, der ein paar Hottspotts autet der Sprache, die, zusammen mit dem Griechischen sowohl von Hegel als auch von Heidegger für die überhaupt einzige philosophietaugliche Sprache gehalten wurde, die Sprache Luthers, Gryphius, Lessings, Goethes, Schillers, Hölderlins, Heines und Rilkes, die Sprache von Thomas Mann, Franz Kafka, Karl Kraus, Kurt Tucholsky, Mascha Kaléko, Else Lasker-Schüler, Erich Kästner und Paul Celan, die Sprache des einstigen Landes der Dichter und Denker:

 

Was sind die Vorzüge unserer Sprache? Beginnen wir mit dem Einfachsten: der deutsche Wortschatz scheint größer zu sein als der englische und der französische; genaue Zahlenangaben sind freilich nicht möglich, denn wer könnte verbindlich entscheiden, wieviel zusammengesetzte Wörter, Fremd- und Lehnwörter oder Fachausdrücke zu dem „Wortschatz“ eines Volkes gerechnet werden sollen. Um diesem Satz durch einige beliebig gegriffene Beispiele Farbe zu geben: dem Französischen fehlen alle Ausdrücke der Bewegung: gehen, fahren, reiten, fliegen, segeln, steigen, sinken werden sämtlich mit dem einen Wort aller wiedergegeben; es fehlen im Französischen auch stehen, sitzen und liegen. Überhaupt versucht der Franzose mit den drei Zeitwörtern faire, mettre, und prendre einige Dutzend deutscher Begriffe zu ersetzen. Ähnlich verwendet der Engländer to get an Stelle von hundert verschiedenen deutschen Ausdrücken. Der Reichtum der Deutschen beruht zum großen Teil darauf, durch Vor- und Nachsilben und durch Zusammensetzungen neue Wörter zu schaffen. Der Deutsche bildet etwa zu dem Wort fallen Dutzende von Ableitungen: hinfallen, abfallen, ausfallen, zusammenfallen, verfallen, herunterfallen, niederfallen, einfallen; der Franzose hat für alle nur das eine Wort tomber. Welchen Reichtum an Zeitwörtern, der wichtigsten aller Wortarten, verschaffen wir uns auf diesem Wege! Welche Sprache kann so bequem wie die deutsche alles sagen und versagen, ansagen und aussagen, vorsagen und nachsagen, aufsagen und untersagen? Wer kann so leicht wie wir sich sattessen und kranklachen, gesundbeten und totschwitzen? Mühelos verschmilzt die deutsche Sprache Hauptwort und Zeitwort und Beiwort und bildet mit allen Abschattierungen hoffnungsvoll, hoffnungslos, hoffnungsreich, hoffnungsarm? Für das Wort Liebe nennt das Grimmsche Wörterbuch mehrere hundert Zusammensetzungen. Der Reichtum an Vor- und Nachsilben erlaubt es der deutschen Sprache noch heute, neue Wörter aus eigenen Wortstämmen zu prägen; das Englische und das Französische sind schon lange unfruchtbar und können neue Begriffe nur bezeichnen, indem sie griechische und lateinische Brocken ausleihen. Der Baum der deutschen Sprache steht noch im grünenden, saftigen Wachstum, während bei den anderen die äußersten Äste schon zu verdorren beginnen.

Das Französische hat im 17. Jahrhundert eine Hungerkur durchmachen müssen: um eines möglichst reinen Stiles willen warf man alles über Bord, was veraltet oder unklar oder undefinierbar erschien; alles Mundartliche, Niedrige, Bourgeoismäßige, alle Sonderausdrücke der Soldaten, Handwerker, Gelehrten und Arbeiter. Der Mensch sollte, von allen Abhängigkeiten seines Stammes und Standes befreit, als abstrakte personnage eine allgemeine Sprache reden: klar wie destilliertes Wasser und gemeinverständlich wie das Einmaleins. Welche Sprachverarmung von Montaigne bis Voltaire! Wie ein Klavier, dem die unteren und die oberen Oktaven fehlen, und das auch in den Mittellagen keine schwarzen Tasten hat. (Hofmiller)

Aber der Reichtum an Wörtern ist nicht der wichtigste Reichtum unserer Sprache. Die entscheidenden Sprachfragen liegen jenseits der Statistik. Mag das Französische oder das Englische keine 50 000 Wörter haben: Shakespeare ist mit 20 000 ausgekommen, Homer mit 9000 und das Neue Testament mit 5000. Wenn der Franzose auch nicht Ruhmestag zu bilden vermag, so schlägt sein Herz bei le jour de gloire nicht minder hoch. Die wesentlichen Unterschiede liegen tiefer.

Die deutsche Sprache beruht durchgängig auf deutschen Wurzeln, die französische dagegen auf lateinischen, und auch die Engländer haben eine Fülle französischer Wurzeln in ihre Sprache aufgenommen, als 1066 die französisch sprechenden Normannen das Land eroberten und die Angelsachsen unterwarfen. Diese Mischung germanischer und romanischer Wurzeln hat das Englische auch besonders anfällig gemacht für den Einfall immer neuer Fremdwörter. … Die englische Bibelübersetzung enthält zu 97 vom Hundert angelsächsische Wörter, Shakespeare noch zu 85, Gibbon zu 50, aber bei den modernen Schriftstellern geraten die angelsächsischen Wörter meist in die Minderheit. Besonders für Begriffe des geistigen und seelischen Lebens haben sich normannische Wörter durchgesetzt; die Normannen bildeten die geistig führende Oberschicht. Nun haben Wörter aus fremder Wurzel keinen bildlichen Gehalt für den, der sie heute spricht. Sie sind ihm ein leerer Schall, dessen Laut ihn an nichts Bekanntes erinnert. Der Deutsche hört bei Grundsatz den Anklang an Grund und Boden, der Engländer und Franzose spürt in principe oder principle nichts von dem lateinischen Wort primus, mit dem sie verwandt sind. Fichte folgert kühn: die Engländer und Franzosen hätten eigentlich gar keine Muttersprache; es seien tote Sprachen, und nur bei Völkern mit lebenden Sprachen greife die Geistesbildung ins Leben ein, nur sie hätten Fleiß, Ernst und Gemüt!

Aber man darf auch dies Argument nicht überanstrengen. Gewiß, in Begriff und Erfahrung könnte der Deutsche noch die anschaulichen Wurzeln be-greifen und er-fahren heraushören, aber tut er dies wirklich? Hat der Engländer wirklich bei dem angelsächsischen sorrow eine so ganz andere Empfindung als bei dem normannischen grief, bei remember eine andere als bei remind?

Wir wollen uns damit begnügen, uns der Erdhaftigkeit der deutschen Sprache zu freuen; Vischer hat gesagt, das Französische sei wie Likör und Biskuit, das Italienische wie Rotwein und Orangen, das Holländische ganz Hering, das Deutsche dagegen sei wie gutes Roggenbrot und Bier. –

Ein bedeutsamerer Vorzug des Deutschen ist die Freiheit der Wortstellung. Die Ausdrucksfähigkeit einer Sprache hängt nicht nur von dem Wortschatz ab, sondern nicht minder von der Art der Wortfolge. Wir können in dem Satz Vater hat mir gestern den Apfel geschenkt die Wörter auf fünf verschiedene Arten stellen und so mit denselben Wörtern fünf verschiedene Gedanken ausdrücken.

Ohne Umschreibung können die meisten lebenden Sprachen das nicht wiedergeben. Das Englische und das Französische können sich diese Freiheit der Wortumstellung nicht gestatten, weil sie den Werfall und den Wenfall nicht unterscheiden; le père aime le fils kann man nicht einfach umstellen, denn wenn man den Sohn voranstellt, so ist er es, der liebt. Dieser Freiheit der Wortstellung verdanken wir eine erstaunliche Schattierung des Ausdrucks.

Die deutsche Sprache benötigt die starren Regeln der französischen Wortstellung auch deshalb nicht, weil sie das Verständnis durch andere Mittel erleichtert: durch die Eigenart ihrer Betonung. Der Ton liegt im Deutschen stets auf der entscheidenden Silbe des Wortes, der Stammsilbe; die Logik geht allen Klangerwägungen voraus. Kein Grieche und kein Lateiner hätte gewagt, mehrsilbige Wörter wie διϰαιοσύνη oder cupiditatibus auf der Stammsilbe zu betonen. Der Franzose vollends betont stets die oft unwichtige Endsilbe, die in zahlreichen Worten gleichlautet und verleiht dadurch seiner Prosa etwas spechtartig Trommelndes und seiner Poesie eine Fülle von Reimen, aber von banalen Reimen, gleich als wenn wir auf -heiten, -keiten und -ungen reimen würden.

Dies sind also die handgreiflichen Vorzüge der deutschen Sprache: Wortreichtum, Wurzelhaftigkeit, freie Wortstellung, Logik der Betonung. Hebbel hat einige dieser Vorzüge in einem Gedicht zusammengestellt:

 

Schön erscheint sie mir nicht, die deutsche Sprache, und schön ist

 auch die französische nicht, nur die italienische klingt.

Aber ich finde sie reich, wie irgend eine der Völker,

 finde den köstlichsten Schatz treffender Wörter gehäuft,

finde unendliche Freiheit, sie so und anders zu stellen,

 bis der Gedanke die Form, bis er die Färbung erlangt,

bis er sich leicht verwebt mit fremden Gedanken und dennoch

 das Gepräge des Ichs, dem er entsprang, nicht verliert.

Denn der Genius, welcher im Ganzen und Großen hier waltet,

 fesselt den schaffenden Geist nicht durch ein strenges Gesetz,

überläßt ihn sich selbst, vergönnt ihm die freiste Bewegung

 und bewahrt sich dadurch ewig lebendigen Reiz.

 

Diese Freiheit ist das wahre Geheimnis unserer Sprache.

 

 

Ludwig Reiners Stilkunst

 

Wie der bundesdeutsche Journalismus die Demokratie zerstört

 

22. November 2020: Bellarmin an Mephisto

 

Wir, begnadet mit einem Gedächtnis, vermögen uns zu erinnern. Über Erinnerungen kann man Bezüge herstellen und über Bezüge auf Analogien schließen.

Also, da war doch schon mal was gewesen…

Richtig, am Montagabend des 27. Februar 1933 brach gegen Viertel nach neun an bis zu zwanzig Brandherden ein Feuer aus im Berliner Reichstag samt seinem mit massivem Eichenholz möblierten Sitzungssaal. Fünfzehn Löschzüge brauchten über drei Stunden um seiner Herr zu werden.

Und richtig, Hermann Göring war sofort zur Stelle.

Und gleich darauf stand Adolf Hitler ebenfalls am Tatort und wußte zu äußern: „Es gibt jetzt kein Erbarmen; wer sich uns in den Weg stellt, wird niedergemacht. Das deutsche Volk wird für Milde kein Verständnis haben. Jeder kommunistische Funktionär wird erschossen, wo er angetroffen wird. Die kommunistischen Abgeordneten müssen noch in dieser Nacht aufgehängt werden. Alles ist festzusetzen, was mit den Kommunisten im Bunde steht. Auch gegen Sozialdemokraten und Reichsbanner gibt es jetzt keine Schonung mehr.

Und Joseph Goebbels jubilierte am Morgen danach: „Das ist ein Geschenk Gottes!“

Halt, das ist jetzt eine Verwechslung! Das sagte der Recep Tayyip Erdogan. Das war nach dem Brand des türkischen Parlamentsgebäudes unmittelbar vor der Einführung der Präsidialverfassung. Mit der sich der neue Sultan die ihm entsprechenden Vollmachten verschaffte.

Also damals jauchzte der Goebbels: „Es ist wieder eine Lust zu leben.“

Die noch, nach plötzlich bereitliegenden Personenlisten, in der Nacht zu jenem Dienstagmorgen einsetzenden Verhaftungen sollten per selbigen Tages erlassener „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ ihre Legitimation finden. Also nur mit wenigen Stunden Verzögerung. Das war wohl verzeihlich, man hätte die sogenannte Reichstagsbrandverordnung ja schwerlich vor dem Brand aus der Tasche ziehen können:

Auf Grund des Artikels 48 Abs. 2 der Reichsverfassung wird zur Abwehr kommunistischer staatsgefährdender Gewaltakte folgendes verordnet:

§ 1

Die Artikel 114, 115, 117, 118, 123, 124 und 153 der Verfassung des Deutschen Reichs werden bis auf weiteres außer Kraft gesetzt. Es sind daher Beschränkungen der persönlichen Freiheit, des Rechts der freien Meinungsäußerung, einschließlich der Pressefreiheit, des Vereins- und Versammlungsrechts, Eingriffe in das Brief-, Post-, Telegraphen- und Fernsprechgeheimnis, Anordnung von Hausdurchsuchungen und von Beschlagnahmen sowie Beschränkung des Eigentums auch außerhalb der sonst hierfür bestimmten gesetzlichen Grenzen zulässig.

§ 5

Mit dem Tode sind die Verbrechen zu bestrafen, die das Strafgesetzbuch in den §§ 81 (Hochverrat), 229 (Giftbeibringung), 307 (Brandstiftung), 311 (Explosion), 312 (Überschwemmung), 315 Abs. 2 (Beschädigung von Eisenbahnanlagen), 324 (gemeingefährliche Vergiftung) mit lebenslangem Zuchthaus bedroht.

Ebenso wenig hätte man jene später nie mehr aufgehobene Notverordnung, welche Brandstiftung nun mit Todesstrafe belegte, aus der Tasche ziehen können, wenn man erst hätte umständlich feststellen müssen, wer denn als Täter in Frage käme. Aber, wie ein Geschenk des Himmels, hatte man im Reichstagsgebäude den offenbar verwirrten und nach Meinung der ihn verhörenden Polizisten sogar verrückten und außerdem fast blinden 24jährigen Marinus van der Lubbe aufgreifen können. Dem wegen eines Arbeitsunfalls und zusätzlicher Augenkrankheit nachteiligerweise auf dem einen Auge gerade einmal fünfzehn und auf dem anderen zwanzig Prozent Sehkraft verblieben waren. Der vorteilhafterweise jedoch als Anarchist ausgemacht werden konnte und als Anhänger der Vagabundenbewegung und, der Vorsehung sei Dank, angehörig einer holländischen rätekommunistischen Splittergruppe. Und der nach mehreren Verhören gestand, den Brand gelegt zu haben. Wenn auch, bedauerlicherweise, er bis zum Schluß behauptete, als Einzeltäter gehandelt zu haben und ohne Hintermänner.

Während des Prozesses im Dezember war er nicht in der Lage, auch nur eine einzige glaubhafte Stellungnahme abzugeben und wurde am 23. Dezember auf Grundlage eines speziell für ihn am 29. März 1933 erlassenen rückwirkenden Gesetzes (der sogenannten Lex van der Lubbe) ohne Revisionsmöglichkeit als Einzeltäter zum Tode verurteilt und am 10. Januar schnell hingerichtet.

Mitangeklagt waren die drei bulgarischen Kommunisten Georgi Dimitrow, Blagoi Popow, Wassil Tanew sowie der sich zur Widerlegung der Vorwürfe gegen seine Partei im März freiwillig der Haft stellende Vorsitzende der kommunistischen Reichstagsfraktion Ernst Torgler.

Dimitrow, während der Haft monatelang Tag und Nacht in schmerzenden Handschellen gefesselt, studierte unter qualvollen Umständen die deutsche Prozeßordnung und die Akten und trieb während der Verhandlung Göring zur Raserei. Und in die Enge. Das hatten die Nazis sich anders vorgestellt. Die Mitangeklagten van der Lubbes mußten also freigesprochen werden. Dimitrow und seine bulgarischen Genossen wurden ausgewiesen, Torgler kam sofort in „Schutzhaft“.

Am Tatort mit ca. zwanzig Brandherden damals also wie bestellt und prompt abgeholt nur ein einzelner, sehschwacher, verwirrter holländischer Kommunist. Göring ordnete dennoch das sofortige Einsperren auch der kommunistischen Reichs- und Landtagsfraktion an! Und das klappte alles wie am Schnürchen. Allein in Berlin wurden Personenlisten abgearbeitet und noch in selbiger Nacht anderthalbtausend Kommunisten einschließlich fast der gesamten Reichstagsfraktion festgenommen und viele in Folterkellern von der SA grausam mißhandelt. Die Gefangenen sperrte man in sogenannte wilde Konzentrationslager. Es währte kein Vierteljahr, da waren das mehr als hunderttausend Inhaftierungen!

Am 23. März, damals dauerte so etwas also noch fast einen Monat, am 23. März wurde dann das „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“ vom Reichstag verabschiedet. Vor der Abstimmung waren bereits 81 KPD- und 8 SPD-Reichstagsabgeordnete in „Schutzhaft“ genommen worden und während der Abstimmung patrouillierten SA- und SS-Leute vor und in dem Plenarsaal. Einzig die SPD stimmte dagegen, nachdem ihr Vorsitzender Otto Wels in seiner nicht nur durch seine persönliche Tapferkeit historischen Rede die Ablehnung begründet hatte.

Im Mai gelang ihm die Flucht, er starb 1939 im Pariser Exil.

Auf scheinlegale Weise also ermächtigte der Reichstag die Hitlerregierung, Gesetze ohne parlamentarische Beteiligung zu erlassen und hebelte die Weimarer Verfassung nun endgültig aus. Die diktatorische Vollmacht, das „Ermächtigungsgesetz“, galt zwar zunächst nur für vier Jahre (Hitler: „Gebt mir vier Jahre Zeit…“), wurde 1937, da war man im Reichstag nun vollkommen unter sich, aber um weitere vier Jahre verlängert.

Und sechs Jahre später, 1943, auf unbestimmte Zeit.

So war das damals.

Nun kolportierten die öffentlich-rechtlichen Medien dieser Woche plötzlich in ihrer plötzlichen Berichterstattung, nein, das Wort Berichterstattung ist hier wahrlich fehl am Platze, nun kolportierten die öffentlich-rechtlichen Medien in den plötzlichen Nachrichten über das plötzliche Infektionsschutzgesetz, seitens der AfD wäre das Gesetz mit dem Ermächtigungsgesetz verglichen worden. Und man zeigte zum Beleg der hieraus unterstellten Verwerflichkeit in den Medien der ARD original nach der Methode des Karl Eduard von Schnitzler vom Adlershofer Fernsehfunk der Deutschen Demokratischen Republik, den auf das Minimalste zusammengeschnittenen Redeausschnitt eines Abgeordneten jener nachrichtlich(!) gewöhnlich mindestens als populistisch etikettierten Partei. Anschließend wurde in den Medien auf breitestem Raum das von den übrigen Parteien wie vereint im Block der „Nationalen Front“ der Deutschen Demokratischen Republik beschworene elende, abscheuliche, erbärmliche, böse, schimpfliche, verwerfliche, häßliche, schurkische, schmutzige, üble, niederträchtige, perfide, schäbige, verabscheuungswürdige, schändliche eines solchen Vergleiches hervorgehoben. Und vehement wurde darauf verwiesen, daß die AfD durch ein Vergleichen des Infektionsschutzgesetzes mit dem Ermächtigungsgesetz der Nationalsozialisten die Opfer der Nazi-Barbarei beleidigt habe…

Welch furchtbar dumme Verhöhnung der Opfer des Nationalsozialismus.“

(TAZ am Donnerstag, dem 19. November)

Man hätte meinen können, Karl Eduard von Schnitzler wäre auferstanden aus seinem Grab in Eichwalde bei Berlin und schnitte eine neue Propagandasendung seines „Schwarzen Kanals“ in seinem Adlershofer Studio zurecht über die revanchistische CDU.

In der revanchistischen Beärrdee!

Und diese ganzen „Kriegstreiber“ dort!

Mit dem „Kriegsbrandstifter Brandt“!

In der „Frontstadt“!

Nun gibt es aus irgendwelchem Grunde das Wort, daß jeder Vergleich hinke. Und dennoch sind Vergleiche meistens nützlich, wie wir wissen, und wir leben und erschließen uns die Welt im Vergleichen. Denn nur Vergleiche verschaffen uns, allen Hinkens zum Trotze, via Analogieschlüsse über Dinge und Situationen und Sachverhalte die nötige Klarheit (Auf Dummdeutsch: „Transparenz“).

Wenn ich zum Beispiel es durchaus für angebracht halte, den von Erdogan mit einem Geschenk Gottes verglichenen Brand des Ankararer Parlamentsgebäudes zu vergleichen mit dem Reichstagsbrand in Berlin, dann hinkt der Vergleich natürlich. Insofern zum Beispiel dadurch, daß ich es für unangebracht halte, Erdogan mit Hitler gleichzusetzen. Dennoch wäre es doch infam, mir nun zu unterstellen, ich hätte infolge meines Vergleichs die Opfer des Hitlerregimes beleidigt.

Noch dazu womöglich von Leuten mit einem penetranten Hang, ihre Gegner inklusive der AfD beständig mit Nazis gleichzusetzen.

Und damit die Nazis zu verharmlosen!

Wenn, wie es früher durchaus nicht selten geschah in Zeiten bildungsnäherer Politiker und Journalisten als heutzutage, wenn irgend eine Aktion mit einer sizilischen Expedition oder einem Pyrrhussieg verglichen wurde, wäre doch, selbst bei Widerlegung solchen Vergleiches vielleicht wegen abwegigster Abwegigkeit, niemand der Blödigkeit verfallen zu meinen, nun wären all die Opfer des Peloponnesischen Krieges oder der entsetzlichen Schlacht von Ausculum beleidigt worden.

Es sei denn vielleicht in der unlauteren Absicht, den Vergleichenden verteufeln zu wollen.

Oder eine sachliche Auseinandersetzung zu vermeiden mit dem unlauteren Trick der rhetorischen Unterstellung.

Beispielsweise aus Angst.

Dabei hätte man bei lauteren Absichten im Falle des mit dem Ermächtigungsgesetz verglichenen Infektionsschutzgesetzes doch durchaus mit der Kraft eines sachlichen Argumentes reagieren können!

Denn die Abgeordneten des deutschen Bundestages haben jederzeit das Recht und die Möglichkeit, das Gesetz zu verändern oder gänzlich zu kassieren auf Grund der demokratisch obwaltenden Mehrheitsverhältnisse.

Und um übrigens noch einen Vergleich anzustellen: Für Krisenzeiten und Gefahrenlagen hielten sowohl die Erfinder der Demokratie als auch die Römer eine Tyrannis oder einen Konsul mit zeitlich begrenzten diktatorischen Vollmachten für durchaus legitim und sinnvoll. Es macht nämlich Sinn, wenn in unüberschaubaren Ausnahmesituationen ohne die Einleitung zeitaufwendiger Gesetzgebungsverfahren entschieden und gehandelt werden muß auch zu Lasten individueller Freiräume.

Es handelt sich hier übrigens um den in Nacktheit zu Tage tretenden obersten dialektischen Widerspruch gesellschaftlicher Entwicklung des Menschengeschlechts, nämlich um den Widerspruch zwischen Staat und Individuum.

Ich hoffe, Du wirfst mir nun nicht vor, mit meinem Vergleich die Opfer griechischer Tyrannis verhöhnt zu haben.

Nein, gefährlich ist nicht das Infektionsschutzgesetz, gefährlich ist der Niedergang des bundesdeutschen Journalismus und der damit einhergehende Vertrauensverlust der seriösen Medien in unserem Lande. Was es Wladimir Wladimirowitschs Abteilung für Desinformation und Zersetzung ungemein erleichtert, auf deutschen Straßen seine Puppen tanzen zu lassen aus der Kiste der Querköpfe und Nichtdenker.

Da wird tagelang in den öffentlich-rechtlichen Medien als erste Nachricht von morgens bis abends gemeldet, daß kommenden Dienstag bei der Kanzlerin das Gremium der Ministerpräsidenten tagen werde, um neue Beschlüsse zu fassen.

Tagelang über ein noch nicht stattgefundenes Ereignis!

Als erste Meldung!

Von morgens bis abends immer aufs neue das Nichtneue widerkäuend.

Und zum ersten Mal und ganz nebenbei wird das Infektionsschutzgesetz nachrichtlich erwähnt am letzten Sonntag:

Sonntag, 15. November 2020, Deutschlandfunk:

Gegner der Corona-Schutzmaßnahmen haben erneut eine Kundgebung vor dem Bundestag in Berlin angemeldet.

Bei der Polizei gingen entsprechende Unterlagen für den kommenden Mittwoch ein. An diesem Tag sollen sowohl im Parlament als auch im Bundesrat Änderungen am Infektionsschutzgesetz beschlossen werden. Nach Behördenangaben wurden zu der Demonstration 500 Teilnehmer angemeldet. Auch zwei Gegenveranstaltungen seien den Behörden angezeigt worden.

Das ist die erste Information!

Und zwar nicht an Aufmerksamkeit heischender Stelle oder gar als Dauerfeuer.

Bis Dienstag dann wieder Stille:

Dienstag, 17.November 2020, Deutschlandfunk:

Führende Politiker der Regierungsparteien haben die Kritik an den geplanten Änderungen des Infektionsschutzgesetzes zurückgewiesen.

Unionsfraktionschef Brinkhaus sagte, man schaffe eine Grundlage dafür, dass in der Pandemie angemessen, verhältnismäßig und auch flexibel reagiert werden könne. CSU-Landesgruppenchef Dobrindt sagte, die Rechte des Parlamentes würden nicht ausgehebelt, sondern gestärkt. Insofern sei es eine böswillige Lüge, wenn das Infektionsschutzgesetz mit dem Ermächtigungsgesetz von 1933 verglichen werde. Abgeordnete hatten zahlreiche E-Mails mit einem solchen Vorwurf erhalten. Bundesaußenminister Maas von der SPD erklärte dazu, wer so infame Vergleiche anstelle, verhöhne die Opfer des Nationalsozialismus.

Kritik kommt aber auch von der Opposition. Der FDP-Vorsitzende Lindner sagte, der Handlungsspielraum der Regierung beim Eingriff in Grundrechte sei unverändert zu groß. – In Bundestag und Bundesrat sollen morgen Änderungen am Infektionsschutzgesetz beschlossen werden. Dabei geht es um die rechtlichen Grundlagen für die Corona-Maßnahmen. Mehrere Demonstrationen sind angemeldet.

Wer eine derartig verarschende und die Leute für dumm verkaufende Berichterstattung verantwortet und sie womöglich für informativ hält beim „Eingriff in Grundrechte“, braucht sich über den Ruf „Lügenpresse“ nicht zu wundern!

Kritik kommt aber auch von der Opposition…“

Ja, ist es möglich?

Das ist der Satz des Jahres!

Kann es sein, daß es neben der einstelligen Prozentpartei der Hoteliersbeglücker noch eine andere demokratisch gewählte und ihre Wähler in etwas höherer Prozentzahl vertretende Oppositionspartei gibt im deutschen Bundestag?

Deren Kritik am Regierungshandeln öffentlich-rechtliche und auch alle anderen dem bundesdeutschen Presskodex verpflichteten Medien in der augenscheinlich enormen Wichtigkeit des Themas angemessenen Ausführlichkeit unparteiisch darzustellen haben statt allenfalls in einem Satzfetzen?

Es ist nicht zu fassen!

Da wird weder der Inhalt des neuen Infektionsschutzgesetzes überhaupt vorgestellt und angemessen erörtert und diskutiert noch läßt man die bedeutendste Oppositionspartei in aller gebotenen Breite in ausführlichen Interviews und Gesprächen ihre Ansichten darstellen!

Wie es einmal war!

Und nennt das Demokratie und wundert sich über die Konfusion auf den Straßen!

Was muß man für eine Angst haben in den Hosen vor den Verängstigten!

Wenn man unfähig ist!

Und das Schweigen bundesdeutscher Politologen hierzu schreit gen Himmel!

Donnerstag, 19. November 2020, MÜNCHNER MERKUR:

In unangemessener Hast haben die Bundesregierung und die sie tragenden Parteien ein Infektionsschutzgesetz über die parlamentarischen Hürden gehievt, das der Regierung bei ihren Coronamaßnahmen tiefe Eingriffsrechte in Grundfreiheiten gewährt und die Position der Parlamente nicht stärkt. Am Ende wird sich dieses Persilschein-Gesetz noch als Steilvorlage für die selbst ernannten ‚Querdenker‘ erweisen, die damit um die Häuser ziehen und das Gesetz und sein Zustandekommen im Schnellverfahren als Beleg für angeblich sinistre Absichten von Politikern ins Feld führen.

 

 

O Urteil, du entflohst zum blöden Vieh!

Der Mensch ward unvernünftig!

William Shakespeare (1564 – 1616)

 

Wir schaffen das nicht

 

20. September 2019: Bellarmin an Mephisto

 

Du weißt, das Wesentliche des Symbols in typischer Engstirnigkeit nicht fassend haben die üblichen Kleingeister kleinkariert vorgerechnet, wieviel mehr ihre und ihrer Begleiter Überfahrt auf einer Segelyacht nach New York die Welt an CO2-Ausstoß gekostet habe im Vergleich zu einem einfachen Langstreckenflug. Doch weiß ich nicht, inwieweit Du mitbekamst, daß Amnesty International Greta Thunberg, unsere Jeanne d’Arc des 21. Jahrhunderts, und die von ihr initiierte Bewegung „Fridays for Future“ auszeichnete mit dem höchsten Preis, den die Organisation zu vergeben hat. Der Preis, der 2003 als erstem Václav Havel verliehen worden war, der Preis heißt auf Deutsch übersetzt „Botschafter des Gewissens“.

Ein guter Name für dieses wunderbare Geschenk an die Menschheit.

Es ist wie in Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“: Die Kinder haben es begriffen.

Die Botschaft ist angekommen.

Bei den Erwachsenen nicht.

Die merken nichts mehr. Weißt Du, was die machen? Die sind jetzt sogar auf die abartige Idee gekommen, Roller, also diese schönen Tretroller, mit denen man sich so herrlich und gesund fortbewegen könnte, in dem man sie bedarfsgerecht als Rechtsbeiner mit dem rechten Bein oder als Linksbeiner mit dem linken Bein anträte, also die Erwachsenen denken tatsächlich, wenn man die Roller, diese Skuta, mit einem Elektromotor ausstattet, inklusive einem dieser Akkus, über deren Entsorgung man sich zufälligerweise heute nicht weiter sorgt, dann spare das CO2!

Man muß es sich vorstellen!

Und keinem fällt was auf! Und die Philosophen schweigen und die Denkfabriken.

Indessen sorgt man sich um die Sicherheit auf den Gehsteigen…

Oder noch ein Gedicht: Heute hat das Kabinett sein sogenanntes Klimapaket beschlossen. In einem beispiellosen Kraftakt wurde das faule Ei gelegt nach 18stündiger Beratung!

Nach all den Jahren hatte man plötzlich erfahren, in plötzlichster Plötzlichkeit handeln zu müssen.

Danke Greta!

Und nach all den Jahren plus 18 plötzlicher Stunden kam heraus: Der Kompromiß!

Der letztendlich lautet: Stolz bewegt man sich in die richtige Richtung.

Und man wolle ja auch die Arbeitsplätze erhalten…

Und kommt sich schlau dabei vor.

Das Problem ist nur, man hat das Problem nicht begriffen.

Als wollte die Regierung die Naturgesetze an die Wirtschaft anpassen.

Das Problem ist jedoch dasselbe wie im wirklichen Leben: Sowohl Naturgesetze als auch der Tod nehmen keine Rücksicht auf Arbeitsplätze.

Und darum empfehlen die Kinder der Regierung, den Kopf gefälligst zu erheben aus dem Sande und die Wirtschaft an die Naturgesetze anzupassen.

 

 

Der angebornen Farbe der Entschließung

Wird des Gedankens Blässe angekränkelt;

Und Unternehmungen voll Mark und Nachdruck,

Durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt,

Verlieren so der Handlung Namen

 

William Shakespeare (1564 – 1616)

 

Sind die Briten dumm geworden?

 

31. März 2019: Bellarmin an Mephisto

 

Da geht mehr als die Hälfte dieser traditionsverstaubten Insulaner mit dem eigentümlichen Humor und der kuriosen Küche diesen erstunkenen und verlogenen Schauermärchen jener sattsam verschrienen Populisten auf den Leim! Wenn wir, schlichten Gemütes, unserer bundesdeutschen Berichterstattung Glauben schenken. Nach deren Logik die in ihrer Naivität anfänglich verführten Briten jetzt auch noch endgültig blöd geworden sind.

Das fing spätestens an, also da beschließen die tatsächlich mehrheitlich etwas Undenkbares bis dato, nämlich den überhaupt nicht im Regelwerk vorgesehenen Austritt aus der sogenannten Europäischen Union! Dann lehnen die sturköpfig den seitens der EU mit ihrer Regierungschefin mehrjährig ausgehandelten Austrittsvertrag ab! Und dann stellt man heute fest, trotz all der unsäglichen mehrjährigen Querelen nach dem Referendum und der als sicher geltenden Gefährdung der eigenen Wirtschaft und dem monatelang allseits sichtbar sich anbahnenden und steigernden Chaos, die Briten seien ein zutiefst gespaltenes Volk.

Was ja wohl bedeutet, daß nach alldem die Briten immer noch zur Hälfte blöd geblieben sind!

Und vielleicht sogar, als wüßten sie immer noch nicht Bescheid, erneut falsch abstimmen würden!

Ein stures Volk!

Doch halt!!

Gemach!

Jene Sichtweise, dieses stete Klassifizieren, dieses gegenwärtig so sattsam geübte Schieben in das verdammend beschriftete Schubfach, umgeht natürlich jedwede weitere, weil vielleicht unbequeme Erörterung.

Wir wollen es trotzdem versuchen, unseren Hirnschmalz etwas anzustrengen.

Also, wer weiß denn hier nicht Bescheid?

Ist es nicht erstaunlich, wie marginal bis überhaupt nicht die doch eigentlich essentielle Frage analysiert wird von den Kontinentalpolitikern und unseren Medien, die Frage nach den Gründen für den Austritt unserer doch als Pragmatiker bekannten britischen Freunde aus der sogenannten Europäischen Union?

Nur ab und an hörte man es raunen, die Briten hätten Einwände vorzubringen gegen die infolge von EU-Regeln forcierte Immigration in ihr Wirtschafts- und Sozialsystem.

Auch wird ihnen des öfteren nachgesagt beim bisweilen aufwallenden Brüten über der Briten grundlose Gründe, sie unterlägen irrationalen Phantomschmerzen. Sie fühlten sich immer noch als Weltmacht, hätten den Verlust ihrer Kolonien bis heute nicht verkraftet oder sich den auch nur eingestanden und vermöchten es deshalb nicht leiden, nachteilig in Abhängigkeit unbeeinflußbarer Brüsseler Gesetzgebung gefesselt dahinzuvegetieren, weil sie in freier Eigenmächtigkeit vorteilhafter klarkämen mit dem Handel und dem Wandel.

Die verführten Briten ließen sich nicht verführen, dem Euro beizutreten, dem „Katalysator für die Vervollständigung der europäischen Einheit“, samt seinem Euro-Stabilitätspakt und den Maastricht-Kriterien.

Und traten dem Schengener Abkommen nicht bei aus irgendwelchen Gründen.

Genauso wie sie beispielsweise sich immer wendeten gegen die von Frankreich seit den sechziger Jahren aus irgendeinem Grunde so uneigennützig verfolgte Idee einer gesonderten europäischen Armee.

Neben der Nato.

Ja und dann wäre da noch am äußersten Rande nebensächlich zu vermerken, daß die verführten Briten gewisse Einwände hegten bezüglich weiterer Bestrebungen hin zu einer politischen Union.

Hier war aber immer Schluß mit dem Gehen zu den Gründen, dem zu Grunde gehen, denn, wie Nietzsche schon warnte, was lange bedacht wird, wird bedenklich.

Und so wurde die Frage nicht mehr gestellt, geschweige denn erörtert:

Welche Einwände gegen eine politische Union sind das und warum?

Welche Einwände hegen die Briten gegen eine Politik mit Sinn für alles Gute und Schöne und der Taube auf dem Dach?

Weißt Du, ich kann mich aus diesem und aus so vielem anderen des verstörenden Eindrucks nicht erwehren, die heutige Generation der Politiker und Journalisten ist nicht mehr fähig zu tiefer gehender Analyse, nüchterner Erörterung und sachbezogener Debatte und weiß anscheinend nicht mehr, was das überhaupt ist. Alles läuft immer hinaus auf bloße Etikettierung („nationales Eigeninteresse“, „Nationalismus“).

Und damit meint man tatsächlich, wär’s getan!

Hinein ins Schubfach, zugeschoben und fertig!

Permanenter Überzeugungstransfer (unsre Meinung ist die rechte!) statt Problemanalyse.

Geschweige denn Problemlösung.

Die Nachkriegsgeneration europäischer Politiker war da etwas anders.

Es war einmal…

Doch solltest Du inzwischen meinen, schlimmer ginge es nimmer, glaube mir, das bisherige war nur das Präludium, und erst jetzt komme ich zum Eigentlichen des Trauerspiels, zum Archetypischen heutigen Politikverständnisses, bei dem die Akteure ja tatsächlich der Lexik huldigen, „Kompromiß“ wäre synonym mit „Lösung“.

Nein, in der Weltgeschichte, wenn man sie denn kennte, existieren tatsächlich Probleme, da gibt es nur ein Entweder oder ein Oder, und man muß zu Potte kommen und sich entscheiden zwischen schwanger und nicht schwanger.

Und zwar zuvörderst. Vor allem weiteren. Sonst entbehrt die übrige Fleißarbeit ihres Sinnes.

Also der Vertrag, das Abkommen, die Vereinbarung, also der Diel zwischen Großbritannien und der sogenannten Europäischen Union…

Denn bei allem was man erfuhr, kreist die Welt, zumindest die europäische, nun seit Wochen und Monaten um den ausgeklammerten und, welch Zufall, den wichtigsten und, welch Zufall, nach Wesensart heutiger Kompromißpolitik verschobenen Kasus Knacktus: All die demokratieschädigenden Eiertänze des mit einer historischen Ungeheuerlichkeit unwürdigen Affentheaters der vergangenen Wochen verdanken wir der leidigen irischen Grenzfrage.

Weil deren unerledigte Behandlung in dem Diel das gesamte Abkommen für die Briten tatsächlich unannehmbar macht!

Eine Regierung und ein Parlament, welche einem derartigen Abkommen zustimmten in der vorliegenden Form mit einer für die pragmatischen Briten unbeeinflußbaren Sankt-Nimmerleins-Vertagungs-Klausel, verdienten Verjagung aus dem Amt, im mildesten Fall.

Vielmehr müßten sie angeklagt werden wegen Landesverrats!

Und letztendlich macht Europa sich hier zur Geisel von Betonköpfen, also nordirischen Hartleinern, mir fallen sofort die unionistischen ein, und zur Geisel der Angst vor einem Wiederaufflammen des unsäglichen Terrors in Nordirland.

Darum ist nun einmal die einzige Lösung, wenn man denn eine „harte Grenze“ vermeiden und gleichzeitig raus will aus der Zollunion, die Verlegung der Grenze ins Meer.

Und nicht dieses unannehmbare Abkommen!

Man kann nicht alles haben, und wer A sagt, muß auch B sagen.

Und wenn das nicht, unter anderem wegen fehlender eingehender öffentlicher Debatte, durchzusetzen war im Vereinigten Königreiche der ehemaligen Pragmatiker, heißt alles andere und zwangsläufig inklusive des „harten Brexit“, wenn kein Wunder geschieht: „Harte Grenze“.

Die IRISH TIMES aus Dublin schrieb am 13. März (Hervorhebung von mir): „Für viele im britischen Unterhaus scheint die irische Grenzfrage ein Ärgernis zu sein, das durch Versprechungen von nicht-existierenden technischen Lösungen weggewünscht werden soll.“

Scheint nicht zu sein, sondern ist!

Und zu Recht!

Nicht aber die essentielle Tatsache erkannt zu haben, daß die Backstop-Garantie-Klausel das eigentliche Vertragsziel des Vertragspartners zunichte macht, ist das historische Versagen europäischer Politik.

Und das rächt sich bitter!

 

Der Mensch ward unvernünftig!

William Shakespeare (1564 – 1616)

 

Ein solcher

 

23.12.2018 Serapion an Mephisto

 

Ein dem Heiland ähnliches Leben führt nur, wer ganz und gar er selbst bleibt. Ein solcher mag ein großer Dichter sein oder ein großer Gelehrter; oder ein junger Universitätsstudent oder ein Schafhirt auf der Heide; oder ein Schöpfer von Dramen wie Shakespeare oder ein Gottgrübler wie Spinoza oder ein Kind, das im Garten spielt, oder ein Fischer, der seine Netze in die See senkt. Er sei was immer – wenn er nur alle Möglichkeiten seiner Seele zur Entfaltung bringt.

Oscar Wilde (1854 – 1900), Die Seele des Menschen unter dem Sozialismus

 

Wo deine Gaben liegen, da liegen auch deine Aufgaben.

Deutsches Sprichwort

 

Dumm… dümmer… politisch korrigiert

 

3. Februar 2018: Mephisto an Bellarmin

 

worte sind schatten

schatten werden worte

 

worte sind spiele

spiele werden worte

 

sind schatten worte

werden worte spiele

 

sind spiele worte

werden worte schatten

 

sind worte schatten

werden spiele worte

 

sind worte spiele

werden schatten worte

 

Eugen Gomringer, geboren 1925 in Chachuela Esperanza (Bolivien)

 

Der 93jährige Schweizer Schriftsteller und Kunsttheoretiker Gomringer, während ihrer ersten Phase ein Hauptvertreter der Konkreten Poesie, hat neben worte sind schatten und seinem markanten schweigen schweigen schweigen auch das Gedicht ciudad (Stadt) geschrieben:

 

avenidas

avenidas y flores

 

flores

flores y mujeres

 

avenidas

avenidas y mujeres

 

avenidas y flores y mujeres y

un admirador

 

 

Welches man übersetzen könnte mit:

 

 

Alleen

Alleen und Blumen

 

Frauen

Blumen und Frauen

 

Alleen

Alleen und Frauen

 

Alleen und Blumen und Frauen und

ein Bewunderer

 

Selbiges Gedicht im Original steht preisgekröntermaßen seit etwa sechs Jahren verewigt als 14 mal 15 Meter große Inschrift an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin.

Verewigt?

Nein!!!

Drei Studentinnen empörten sich, das Gedicht erinnere sie „unangenehm an sexuelle Belästigung“. Und wirbelten sich empor. Bis daß die „kleine Straßenszene“ (Gomringer) „mit potenziell sexistischem Inhalt“ (Frauenbeauftragte Antmann), nun entfernt und ersetzt werde durch eine rechteckig genormte „grundgesetzkonforme“ Lyrik, in welcher „sexistische, rassistische, ableistische, lookistische, klassistische, ageistische oder sonstige diskriminierende Bezüge“ nicht akzeptiert würden.

Jene sterile Poesie soll stammen von Barbara Köhler.

Nach allem könnte man die drei Initiatorinnen dieses „barbarischen Schwachsinns“(Christoph Hein) nebst der hierbei umtriebigen Frauenbeauftragten der Hochschule, Debora Antmann, für Dummlinginnen, mindestens aber für geistig eingeengt halten. Ohnehin könnte einem zu den üblichen initiatorischen Banausinnen derartig krankhafter Kampagnen politischer Korrektur in den Sinn kommen, sie litten schwerer als unter Diskriminierung an Geltungstrieb und Gefallsucht.

Zumindest aber scheint den geistig matten Schwachköpfinnen kein Unterschied bewußt zu sein zwischen lyrischem Ich und Autor und schon gar nicht zwischen Sachtext und Lyrik.

Dass sie aber dann auch noch die an sich wertschätzende männliche Bewunderung für Frauen als etwas Bedrohliches empfinden, dokumentiert auf erschreckende Weise, was für einen verkrampft-kruden Blick diese Studierenden auf die Welt haben.

Die Alice-Salomon-Hochschule Berlin hat sich nach ihrer Entscheidung, auf Geheiß von verwirrten Studierenden das Gomringer-Gedicht zu ersetzen, dieses bewundernswerten Kunstwerks als unwürdig erwiesen und auch ihrer Namensgeberin Alice Salomon. Die Hochschule sollte sich deshalb umbenennen. In Hochschule für angewandte Ignoranz.

Tobias Wenzel am 23.1. im Deutschlandfunk

Neben Song und Film „Pretty Women“, die mir gerade einfallen, hier aus der unendlichen Fülle der nicht „grundgesetzkonformen“ Poesie willkürlich lediglich drei Beispiele profilierungssüchtigen politisch korrigierenden Zensorinnen zur Anzeige:

 

Heidenröslein

 

Sah ein Knab ein Röslein stehn,

Röslein auf der Heiden,

War so jung und morgenschön,

Lief er schnell, es nah zu sehn,

Sah’s mit vielen Freuden.

Röslein, Röslein, Röslein rot,

Röslein auf der Heiden.

 

Knabe sprach: »Ich breche dich,

Röslein auf der Heiden!«

Röslein sprach: »Ich steche dich,

Daß du ewig denkst an mich,

Und ich will’s nicht leiden.«

Röslein, Röslein, Röslein rot,

Röslein auf der Heiden.

 

Und der wilde Knabe brach

’s Röslein auf der Heiden;

Röslein wehrte sich und stach,

Half ihm doch kein Weh und Ach,

Mußt es eben leiden.

Röslein, Röslein, Röslein rot,

Röslein auf der Heiden.

 

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

 

 

oder

 

 

Zu meiner letzten Mahlzeit

Will ich meinen Esel sehen

Meine Hühner und meine Gänse

Meine Kühe und meine Frauen

 

Jacques Brel (1929 – 1978)

 

 

oder

 

 

Rubinen sind die Lippen dein,

Man kann nicht schönre sehen.

Oh, dreimal glücklich ist der Mann,

Dem sie die Liebe gestehen.

 

Oh, kennt ich nur den glücklichen Mann,

Oh, daß ich ihn nur fände,

So recht allein im grünen Wald,

Sein Glück hätt bald ein Ende.

 

Heinrich Heine (1797 – 1856)

 

 

O Urteil, du entflohst zum blöden Vieh!

William Shakespeare (1664 – 1616)

 

4.6.16 Mephisto an Bellarmin

Eine der drei elementaren Regeln kommunikativer Dialektik läßt sich etwa so formulieren: Ich mache meinem Gegner, mit dem ich jedoch irgendwie ins Gespräch kommen möchte oder muß, und infolgedessen er wohl oder übel mein Kommunikationspartner wird, nur derartige Gesprächsangebote, die jener auch akzeptieren kann. Meinem strategischen, also meinem übergeordneten Interesse an jenem Dialog, sei es zwecks grundlegender Verständigung, sei es zwecks Situations- oder Positionsklärung, sei es überhaupt nur zwecks eines „ins erste Gespräch kommen“, ordne ich alle meine Vorurteile unter und erst recht alle Unsachlichkeiten. Was bedeutet, ich scheide genau das aus, was dem Selbstverständnis meines Gegenübers widerspräche und ihm somit den Eintritt in einen sachlichen Dialog verwehren könnte.

Früher gab es das. Da konnten sich Bahr mit Barzel, Brandt mit Breshnew unterhalten.

Es war einmal…

Es war also Anfang Mai seitens des Zentralrates der Muslime, nämlich höchstpersönlich von ihrem Vorsitzenden Mazyek, die AfD in die Nähe der NSDAP gerückt worden. Dann hat selbiger die AfD-Spitzenvertreter unter propagandistischem Tamtam für ein Gespräch zu sich gebeten. Die Einladung trug allerdings bereits den Ruch einer Einbestellung. Am sonntäglichen Vorabend des geplanten Diskurses bekräftigte Mazyek seine Vorwürfe. Am Montag meldeten dann die Gazetten im Einklang mit den öffentlich-rechtlichen Medien, die Zusammenkunft sei „von der rechtspopulistischen AfD“ nach kurzer Zeit abgebrochen worden mit der Begründung, Vertreter des Zentralrates hätten die Partei in die Nähe des Dritten Reiches gerückt. Dieser Begründung des Gesprächsabbruchs wurde vom Zentralrat in keiner Weise widersprochen.

Letzten Sonntag der nächste Eklat. In der Mittagsinformationssendung des Deutschlandfunks vermeldete anfänglich ein aufgeregter Journalist, der Alexander Gauland von der AfD habe Jérôme Boateng beleidigt! Gauland hätte geäußert, er wolle Boateng nicht als Nachbarn haben. Erst am Schluß der Sendung klang das etwas anders. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung zitiere Gauland unter der Überschrift „Gauland beleidigt Boateng“ mit den beiden Sätzen: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ Diese beiden aus jedem weiteren Kontext gelösten Sätze wurden nun unentwegt von sämtlichen Medien in einen Strom der Entrüstung gestellt, vielfach in einem Atemzug mit der Wiederholung, Gauland habe Boateng beleidigt. Meist mit der triumphierenden Einleitung: „Boateng ist Deutscher, Nationalspieler, engagiert sich für soziale Projekte. Er ist in Berlin geboren, Vater Ghanaer, Mutter Deutsche.“ (Bild)

Über Twitter, dem Medium der Inkontinenten, meldeten prompt SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann und Linken-Chef Bernd Riexinger fast wortgleich, Gauland sei ein Rassist. Und natürlich unvermeidlich fügte Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckard ihren Senf hinzu, ihr sei Boateng in der Nachbarschaft viel lieber als Gauland. Ebenfalls fast wortgleich mit der Landesvorsitzenden der CDU in Rheinland-Pfalz, Julia Klöckner. Vizekanzler, also ein Regierungsvertreter, Sigmar Gabriel meinte sagen zu müssen: „Gauland ist nicht nur gegen Fremde, sondern auch gegen das Gute an Deutschland“. Und natürlich unser oberster Rechtspfleger und Rechtshüter, der ebenso stets unvermeidliche Justizminister Heiko Maas, den man offensichtlich vergaß bei seinen juristischen Studienabschlüssen, über die Unschuldsvermutung zu examinieren, über die Unschuldsvermutung unter anderem, der Heiko Maas also, ein Regierungsvertreter, nannte „Gaulands Äußerung“ „niveaulos und inakzeptabel“. Der Deutschlandfunk frohlockte am Montag: „Im Internet schwillt unter dem Schlagwort ‚Nachbar‘ die Empörung über AfD-Vize Alexander Gauland zum Shitstorm an.“ Und meldet nachrichtlich: „Bundeskanzlerin Merkel hat die Äußerung von AfD-Vizechef Gauland im Zusammenhang mit dem Fußballnationalspieler Jérôme Boateng verurteilt. Der Satz, der gefallen sei, sei niederträchtig und traurig, sagte Merkels Sprecher Seibert in Berlin.“

Die Regierungschefin!

„Niederträchtig und traurig“.

Indessen muß ich traurig zugeben, daß meine Kenntnisse aristotelischer Logik und mathematischer Schlußweise nicht ausreichen, aus den beiden Sätzen „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“, wenn sie denn so gefallen sein sollen, eine „Beleidigung“ Boatengs oder einen „Rassisten“ Gauland zu folgern.

Ich bin zu dumm dafür.

Andererseits, ich kann mir nicht helfen, erinnerte mich die Hysterie letzten Sonntag und Montag verdammt an die Hetzkampagnen, wie sie seinerzeit vom Chefkommentator des Fernsehfunks der DDR, Karl Eduard von Schnitzler, unseligen Angedenkens, inszeniert wurden.

Um mich nicht noch weiter in die Vergangenheit zurückzudenken.

Um das Wort „faschistoide Stimmungsmache“ noch einmal zurückzuhalten.

Der Staat gegen Gauland!

Es ist beängstigend.

 

Montag, 30. Mai 2016, Deutschlandfunk:

Müller: Viele Fans finden die „ausländischen Spieler“, die Migrantenspieler, sehr, sehr gut, aber in der politischen, gesellschaftlichen Realität haben sie massive Vorurteile?

Eilenberger: Ja! Das glaube ich, dass es da eine kognitive Dissonanz gibt, auch gerade bei vielen Fußballfans, auch aus dem mutmaßlichen Wählerpool der AfD. Ich denke, wir müssen uns einfach eingestehen, dass es ein hohes Maß an Alltagsrassismus in Deutschland nach wie vor gibt. Darauf hat Herr Gauland auch angespielt. Und ich glaube, wenn es eine Deskription war, dass viele Menschen nicht neben farbigen Mitbürgern leben wollen, dann ist das leider nicht falsch. Das Interessante ist, dass Herr Gauland das nicht bedauert, sondern einfach festhält und daraus politisches Kapital schlagen will, und das ist die Unverantwortlichkeit im Diskurs. Und wenn Sie mich fragen, ob viele Fußballfans vielleicht Herrn Boateng bejubeln und andererseits aber sagen, na ja, so neben ihm wohnen wollte ich nicht, dann ist das eine sehr hässliche Wahrheit. Aber ich glaube, es ist deskriptiv nicht falsch und trifft auf 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung immer noch zu.

Müller: Jetzt müssen wir, Herr Eilenberger, auch nochmal diesen Einwurf zumindest machen, wir haben vor gut einer Stunde auch mit unserem Korrespondenten Stephan Detjen in Berlin darüber gesprochen, dass das ja offenbar gar nicht so klar ist, was Alexander Gauland nun definitiv, also wortwörtlich gesagt hat. Die beiden Reporter, Korrespondenten der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ haben es eben so zitiert, und er hat gesagt, er weiß gar nicht, ob er Boateng genannt hat, aber vielleicht doch. Ist für Sie alles Taktik und keine legitime Erklärung, Entschuldigung?

Eilenberger: Soweit ich über diesen Fall informiert bin, hat Herr Gauland das im Bereich eines weiten Gesprächs, das er nicht eigens autorisieren ließ, gesagt. Und ich muss sagen, ich bin mit der Skandalisierung der „FAS“-Kollegen sehr unzufrieden. Ich finde auch wirklich schäbig, dass man dann zu den Nachbarn von Herrn Boateng geht und da eigens eine Umfrage startet. Das ist auch eine Form von Skandalisierung, die ich journalistisch nicht befürworten kann und die sehr viel zur Zerstörung des öffentlichen Diskursklimas beiträgt. Ich muss sagen, der journalistische Umgang der „FAS“-Kollegen mit diesem Faktum, der lässt mich auch sehr unzufrieden zurück.

Müller: Es hilft jetzt der AfD?

Eilenberger: Es wird sicher die Stammwählerschaft der AfD nicht verschrecken, sondern bestätigen, und es bringt ein neues Thema in einer sehr hässlichen und sehr sachfernen Form in den öffentlichen Diskurs, das eigentlich wichtig ist und dem wir alle offenen Auges entgegensehen sollten.

Müller: Der Philosoph Wolfram Eilenberger, Chefredakteur des Philosophie-Magazins.

 

Dienstag, 19. April 2016, STUTTGARTER NACHRICHTEN:

Derzeit geht es allzu oft darum, Sätze von AfD-Größen zu skandalisieren, auch um eine Beobachtung der Partei durch den Verfassungsschutz herbeizureden. Die jüngste Aussage der AfD, der Islam sei unvereinbar mit dem Grundgesetz, ist aber wahrlich nichts Neues. Das sagen selbst Rechtsexperten seit vielen Jahren. Auch das von der AfD angestrebte Verbot von Minaretten oder Burkas ist noch kein Grund, sich an Hitler-Deutschland erinnert zu fühlen, wie dies der Zentralrat der Muslime tat. Es sei denn, man würde Länder wie Frankreich, Belgien oder die Schweiz ebenfalls als Nazi-Diktaturen bezeichnen wollen. Dort gibt es nämlich schon solche Verbote.

 

„O Urteil, du entflohst zum blöden Vieh!“

William Shakespeare (1564 – 1616)