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Thalatta ! Thalatta !

Schlagwort-Archiv: William Shakespeare

Ein solcher

 

23.12.2018 Serapion an Mephisto

 

Ein dem Heiland ähnliches Leben führt nur, wer ganz und gar er selbst bleibt. Ein solcher mag ein großer Dichter sein oder ein großer Gelehrter; oder ein junger Universitätsstudent oder ein Schafhirt auf der Heide; oder ein Schöpfer von Dramen wie Shakespeare oder ein Gottgrübler wie Spinoza oder ein Kind, das im Garten spielt, oder ein Fischer, der seine Netze in die See senkt. Er sei was immer – wenn er nur alle Möglichkeiten seiner Seele zur Entfaltung bringt.

Oscar Wilde (1854 – 1900), Die Seele des Menschen unter dem Sozialismus

 

Wo deine Gaben liegen, da liegen auch deine Aufgaben.

Deutsches Sprichwort

 

Dumm… dümmer… politisch korrigiert

 

3. Februar 2018: Mephisto an Bellarmin

 

worte sind schatten

schatten werden worte

 

worte sind spiele

spiele werden worte

 

sind schatten worte

werden worte spiele

 

sind spiele worte

werden worte schatten

 

sind worte schatten

werden spiele worte

 

sind worte spiele

werden schatten worte

 

Eugen Gomringer, geboren 1925 in Chachuela Esperanza (Bolivien)

 

Der 93jährige Schweizer Schriftsteller und Kunsttheoretiker Gomringer, während ihrer ersten Phase ein Hauptvertreter der Konkreten Poesie, hat neben worte sind schatten und seinem markanten schweigen schweigen schweigen auch das Gedicht ciudad (Stadt) geschrieben:

 

avenidas

avenidas y flores

 

flores

flores y mujeres

 

avenidas

avenidas y mujeres

 

avenidas y flores y mujeres y

un admirador

 

 

Welches man übersetzen könnte mit:

 

 

Alleen

Alleen und Blumen

 

Frauen

Blumen und Frauen

 

Alleen

Alleen und Frauen

 

Alleen und Blumen und Frauen und

ein Bewunderer

 

Selbiges Gedicht im Original steht preisgekröntermaßen seit etwa sechs Jahren verewigt als 14 mal 15 Meter große Inschrift an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin.

Verewigt?

Nein!!!

Drei Studentinnen empörten sich, das Gedicht erinnere sie „unangenehm an sexuelle Belästigung“. Und wirbelten sich empor. Bis daß die „kleine Straßenszene“ (Gomringer) „mit potenziell sexistischem Inhalt“ (Frauenbeauftragte Antmann), nun entfernt und ersetzt werde durch eine rechteckig genormte „grundgesetzkonforme“ Lyrik, in welcher „sexistische, rassistische, ableistische, lookistische, klassistische, ageistische oder sonstige diskriminierende Bezüge“ nicht akzeptiert würden.

Jene sterile Poesie soll stammen von Barbara Köhler.

Nach allem könnte man die drei Initiatorinnen dieses „barbarischen Schwachsinns“(Christoph Hein) nebst der hierbei umtriebigen Frauenbeauftragten der Hochschule, Debora Antmann, für Dummlinginnen, mindestens aber für geistig eingeengt halten. Ohnehin könnte einem zu den üblichen initiatorischen Banausinnen derartig krankhafter Kampagnen politischer Korrektur in den Sinn kommen, sie litten schwerer als unter Diskriminierung an Geltungstrieb und Gefallsucht.

Zumindest aber scheint den geistig matten Schwachköpfinnen kein Unterschied bewußt zu sein zwischen lyrischem Ich und Autor und schon gar nicht zwischen Sachtext und Lyrik.

Dass sie aber dann auch noch die an sich wertschätzende männliche Bewunderung für Frauen als etwas Bedrohliches empfinden, dokumentiert auf erschreckende Weise, was für einen verkrampft-kruden Blick diese Studierenden auf die Welt haben.

Die Alice-Salomon-Hochschule Berlin hat sich nach ihrer Entscheidung, auf Geheiß von verwirrten Studierenden das Gomringer-Gedicht zu ersetzen, dieses bewundernswerten Kunstwerks als unwürdig erwiesen und auch ihrer Namensgeberin Alice Salomon. Die Hochschule sollte sich deshalb umbenennen. In Hochschule für angewandte Ignoranz.

Tobias Wenzel am 23.1. im Deutschlandfunk

Neben Song und Film „Pretty Women“, die mir gerade einfallen, hier aus der unendlichen Fülle der nicht „grundgesetzkonformen“ Poesie willkürlich lediglich drei Beispiele profilierungssüchtigen politisch korrigierenden Zensorinnen zur Anzeige:

 

Heidenröslein

 

Sah ein Knab ein Röslein stehn,

Röslein auf der Heiden,

War so jung und morgenschön,

Lief er schnell, es nah zu sehn,

Sah’s mit vielen Freuden.

Röslein, Röslein, Röslein rot,

Röslein auf der Heiden.

 

Knabe sprach: »Ich breche dich,

Röslein auf der Heiden!«

Röslein sprach: »Ich steche dich,

Daß du ewig denkst an mich,

Und ich will’s nicht leiden.«

Röslein, Röslein, Röslein rot,

Röslein auf der Heiden.

 

Und der wilde Knabe brach

’s Röslein auf der Heiden;

Röslein wehrte sich und stach,

Half ihm doch kein Weh und Ach,

Mußt es eben leiden.

Röslein, Röslein, Röslein rot,

Röslein auf der Heiden.

 

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

 

 

oder

 

 

Zu meiner letzten Mahlzeit

Will ich meinen Esel sehen

Meine Hühner und meine Gänse

Meine Kühe und meine Frauen

 

Jacques Brel (1929 – 1978)

 

 

oder

 

 

Rubinen sind die Lippen dein,

Man kann nicht schönre sehen.

Oh, dreimal glücklich ist der Mann,

Dem sie die Liebe gestehen.

 

Oh, kennt ich nur den glücklichen Mann,

Oh, daß ich ihn nur fände,

So recht allein im grünen Wald,

Sein Glück hätt bald ein Ende.

 

Heinrich Heine (1797 – 1856)

 

 

O Urteil, du entflohst zum blöden Vieh!

William Shakespeare (1664 – 1616)

 

4.6.16 Mephisto an Bellarmin

Eine der drei elementaren Regeln kommunikativer Dialektik läßt sich etwa so formulieren: Ich mache meinem Gegner, mit dem ich jedoch irgendwie ins Gespräch kommen möchte oder muß, und infolgedessen er wohl oder übel mein Kommunikationspartner wird, nur derartige Gesprächsangebote, die jener auch akzeptieren kann. Meinem strategischen, also meinem übergeordneten Interesse an jenem Dialog, sei es zwecks grundlegender Verständigung, sei es zwecks Situations- oder Positionsklärung, sei es überhaupt nur zwecks eines „ins erste Gespräch kommen“, ordne ich alle meine Vorurteile unter und erst recht alle Unsachlichkeiten. Was bedeutet, ich scheide genau das aus, was dem Selbstverständnis meines Gegenübers widerspräche und ihm somit den Eintritt in einen sachlichen Dialog verwehren könnte.

Früher gab es das. Da konnten sich Bahr mit Barzel, Brandt mit Breshnew unterhalten.

Es war einmal…

Es war also Anfang Mai seitens des Zentralrates der Muslime, nämlich höchstpersönlich von ihrem Vorsitzenden Mazyek, die AfD in die Nähe der NSDAP gerückt worden. Dann hat selbiger die AfD-Spitzenvertreter unter propagandistischem Tamtam für ein Gespräch zu sich gebeten. Die Einladung trug allerdings bereits den Ruch einer Einbestellung. Am sonntäglichen Vorabend des geplanten Diskurses bekräftigte Mazyek seine Vorwürfe. Am Montag meldeten dann die Gazetten im Einklang mit den öffentlich-rechtlichen Medien, die Zusammenkunft sei „von der rechtspopulistischen AfD“ nach kurzer Zeit abgebrochen worden mit der Begründung, Vertreter des Zentralrates hätten die Partei in die Nähe des Dritten Reiches gerückt. Dieser Begründung des Gesprächsabbruchs wurde vom Zentralrat in keiner Weise widersprochen.

Letzten Sonntag der nächste Eklat. In der Mittagsinformationssendung des Deutschlandfunks vermeldete anfänglich ein aufgeregter Journalist, der Alexander Gauland von der AfD habe Jérôme Boateng beleidigt! Gauland hätte geäußert, er wolle Boateng nicht als Nachbarn haben. Erst am Schluß der Sendung klang das etwas anders. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung zitiere Gauland unter der Überschrift „Gauland beleidigt Boateng“ mit den beiden Sätzen: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ Diese beiden aus jedem weiteren Kontext gelösten Sätze wurden nun unentwegt von sämtlichen Medien in einen Strom der Entrüstung gestellt, vielfach in einem Atemzug mit der Wiederholung, Gauland habe Boateng beleidigt. Meist mit der triumphierenden Einleitung: „Boateng ist Deutscher, Nationalspieler, engagiert sich für soziale Projekte. Er ist in Berlin geboren, Vater Ghanaer, Mutter Deutsche.“ (Bild)

Über Twitter, dem Medium der Inkontinenten, meldeten prompt SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann und Linken-Chef Bernd Riexinger fast wortgleich, Gauland sei ein Rassist. Und natürlich unvermeidlich fügte Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckard ihren Senf hinzu, ihr sei Boateng in der Nachbarschaft viel lieber als Gauland. Ebenfalls fast wortgleich mit der Landesvorsitzenden der CDU in Rheinland-Pfalz, Julia Klöckner. Vizekanzler, also ein Regierungsvertreter, Sigmar Gabriel meinte sagen zu müssen: „Gauland ist nicht nur gegen Fremde, sondern auch gegen das Gute an Deutschland“. Und natürlich unser oberster Rechtspfleger und Rechtshüter, der ebenso stets unvermeidliche Justizminister Heiko Maas, den man offensichtlich vergaß bei seinen juristischen Studienabschlüssen, über die Unschuldsvermutung zu examinieren, über die Unschuldsvermutung unter anderem, der Heiko Maas also, ein Regierungsvertreter, nannte „Gaulands Äußerung“ „niveaulos und inakzeptabel“. Der Deutschlandfunk frohlockte am Montag: „Im Internet schwillt unter dem Schlagwort ‚Nachbar‘ die Empörung über AfD-Vize Alexander Gauland zum Shitstorm an.“ Und meldet nachrichtlich: „Bundeskanzlerin Merkel hat die Äußerung von AfD-Vizechef Gauland im Zusammenhang mit dem Fußballnationalspieler Jérôme Boateng verurteilt. Der Satz, der gefallen sei, sei niederträchtig und traurig, sagte Merkels Sprecher Seibert in Berlin.“

Die Regierungschefin!

„Niederträchtig und traurig“.

Indessen muß ich traurig zugeben, daß meine Kenntnisse aristotelischer Logik und mathematischer Schlußweise nicht ausreichen, aus den beiden Sätzen „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“, wenn sie denn so gefallen sein sollen, eine „Beleidigung“ Boatengs oder einen „Rassisten“ Gauland zu folgern.

Ich bin zu dumm dafür.

Andererseits, ich kann mir nicht helfen, erinnerte mich die Hysterie letzten Sonntag und Montag verdammt an die Hetzkampagnen, wie sie seinerzeit vom Chefkommentator des Fernsehfunks der DDR, Karl Eduard von Schnitzler, unseligen Angedenkens, inszeniert wurden.

Um mich nicht noch weiter in die Vergangenheit zurückzudenken.

Um das Wort „faschistoide Stimmungsmache“ noch einmal zurückzuhalten.

Der Staat gegen Gauland!

Es ist beängstigend.

 

Montag, 30. Mai 2016, Deutschlandfunk:

Müller: Viele Fans finden die „ausländischen Spieler“, die Migrantenspieler, sehr, sehr gut, aber in der politischen, gesellschaftlichen Realität haben sie massive Vorurteile?

Eilenberger: Ja! Das glaube ich, dass es da eine kognitive Dissonanz gibt, auch gerade bei vielen Fußballfans, auch aus dem mutmaßlichen Wählerpool der AfD. Ich denke, wir müssen uns einfach eingestehen, dass es ein hohes Maß an Alltagsrassismus in Deutschland nach wie vor gibt. Darauf hat Herr Gauland auch angespielt. Und ich glaube, wenn es eine Deskription war, dass viele Menschen nicht neben farbigen Mitbürgern leben wollen, dann ist das leider nicht falsch. Das Interessante ist, dass Herr Gauland das nicht bedauert, sondern einfach festhält und daraus politisches Kapital schlagen will, und das ist die Unverantwortlichkeit im Diskurs. Und wenn Sie mich fragen, ob viele Fußballfans vielleicht Herrn Boateng bejubeln und andererseits aber sagen, na ja, so neben ihm wohnen wollte ich nicht, dann ist das eine sehr hässliche Wahrheit. Aber ich glaube, es ist deskriptiv nicht falsch und trifft auf 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung immer noch zu.

Müller: Jetzt müssen wir, Herr Eilenberger, auch nochmal diesen Einwurf zumindest machen, wir haben vor gut einer Stunde auch mit unserem Korrespondenten Stephan Detjen in Berlin darüber gesprochen, dass das ja offenbar gar nicht so klar ist, was Alexander Gauland nun definitiv, also wortwörtlich gesagt hat. Die beiden Reporter, Korrespondenten der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ haben es eben so zitiert, und er hat gesagt, er weiß gar nicht, ob er Boateng genannt hat, aber vielleicht doch. Ist für Sie alles Taktik und keine legitime Erklärung, Entschuldigung?

Eilenberger: Soweit ich über diesen Fall informiert bin, hat Herr Gauland das im Bereich eines weiten Gesprächs, das er nicht eigens autorisieren ließ, gesagt. Und ich muss sagen, ich bin mit der Skandalisierung der „FAS“-Kollegen sehr unzufrieden. Ich finde auch wirklich schäbig, dass man dann zu den Nachbarn von Herrn Boateng geht und da eigens eine Umfrage startet. Das ist auch eine Form von Skandalisierung, die ich journalistisch nicht befürworten kann und die sehr viel zur Zerstörung des öffentlichen Diskursklimas beiträgt. Ich muss sagen, der journalistische Umgang der „FAS“-Kollegen mit diesem Faktum, der lässt mich auch sehr unzufrieden zurück.

Müller: Es hilft jetzt der AfD?

Eilenberger: Es wird sicher die Stammwählerschaft der AfD nicht verschrecken, sondern bestätigen, und es bringt ein neues Thema in einer sehr hässlichen und sehr sachfernen Form in den öffentlichen Diskurs, das eigentlich wichtig ist und dem wir alle offenen Auges entgegensehen sollten.

Müller: Der Philosoph Wolfram Eilenberger, Chefredakteur des Philosophie-Magazins.

 

Dienstag, 19. April 2016, STUTTGARTER NACHRICHTEN:

Derzeit geht es allzu oft darum, Sätze von AfD-Größen zu skandalisieren, auch um eine Beobachtung der Partei durch den Verfassungsschutz herbeizureden. Die jüngste Aussage der AfD, der Islam sei unvereinbar mit dem Grundgesetz, ist aber wahrlich nichts Neues. Das sagen selbst Rechtsexperten seit vielen Jahren. Auch das von der AfD angestrebte Verbot von Minaretten oder Burkas ist noch kein Grund, sich an Hitler-Deutschland erinnert zu fühlen, wie dies der Zentralrat der Muslime tat. Es sei denn, man würde Länder wie Frankreich, Belgien oder die Schweiz ebenfalls als Nazi-Diktaturen bezeichnen wollen. Dort gibt es nämlich schon solche Verbote.

 

„O Urteil, du entflohst zum blöden Vieh!“

William Shakespeare (1564 – 1616)