A N A B A S I S

Thalatta ! Thalatta !

Abgesang auf die unglaubwürdigste Partei Deutschlands

 

3.November 2018: Bellarmin an Mephisto

 

Das im wahrsten Wortsinn stupideste Wahlplakat, das anläßlich der Wahl am letzten Sonntag in Hessen zu entdecken war, trumpfte auf mit einem singulären Spruch:

„Zukunft jetzt machen“.

Du darfst raten von welcher Partei.

Ja, für die Erfindung solch mitreißender Sprüche darf man keine Wahlkampfkosten scheuen. Der Schwung der Erneuerung blies den Wählern heiß ins Antlitz und riß sie elektrisiert vom Hocker.

Nun gut, ich sehe Dich grinsen. Du weißt Bescheid. Dir kann man auch nichts verbergen: Die arme Pappe „Zukunft jetzt machen“ trug in einer Unterzeile den Namen „Thorsten Schäfer-Gümbel“.

Und über „Zukunft jetzt machen“ stand zu lesen in verschmitztem Rot „SPD“…

Da bleibt kein Auge trocken und man staunt, daß die Wahlverluste für die Partei der „jetztzumachenden“ Zukunft lediglich 11 Prozentpunkte „ausmachten“.

Ich höre gerade, Thorsten Schäfer-Gümbel wäre bereit, in der „jetztzumachenden“ Zukunft auch als Juniorpartner „mitzumachen“. In einer Ampelkoalition.

Ich höre gerade, SPD-Vizeparteichef Thorsten Schäfer-Gümbel fordere seine Partei auf, jetzt klare Positionen zu beziehen!!

Denn die Menschen wüßten nicht mehr, wofür die SPD stünde!!

Ja, so was!

Und, fügt er gleich forsch hinzu, deshalb solle die Erbschaftssteuer reformiert werden!

Wouw!

Ich höre gerade aus Berlin, Olaf Scholz (SPD), seines Zeichens Finanzminister, lehne die Erhöhung des Mindestlohnes von 8 Euro 84 auf 9 Euro19 ab.

Nachdem er ihr im Kabinett zugestimmt hatte…

Oh Bebel, Wels, Schumacher, Brandt, Schmidt – was haben sie „gemacht“ aus eurer Partei?

Eine Partei der Schröder, Schulz und Scholz…

Und Stegner!

Ach ja, und dann war ja da noch die Andrea Ypsilanti….

Mittenmang mit anderen dazwischen.

Aus der SPD ist eine Partei gemacht worden, die krampfhaft, womöglich mittels Berater- und Werbefirmen, nach Wahlkampfthemen sucht…

Mehr zu wissen ist nicht nötig.

Die älteste Partei Deutschlands hat ihre Daseinsberechtigung verloren!

Die älteste Partei Deutschlands hat ihre Zukunft verspielt!

Die älteste Partei Deutschlands ist überflüssig!

Und das liegt beileibe nicht an der Agenda 2010.

Das Wort „Unglaubwürdigkeit“ fällt übrigens so gut wie nie bei der angestrengten Ursachensuche.

Auch ist nie die Rede von prinzipienloser Kompromißbereitschaft zwecks Regierungsbeteiligung um jeden Preis. Von skrupelloser Politikausrichtung nach Umfrageergebnissen. Von stetiger Unterschätzung der Intelligenz des umworbenen Wählers. Von dümmlicher, typisch spdämlicher, also durchsichtigster Effekthascherei aus augenscheinlich niederen Beweggründen, um Stimmen zu fischen.

Von Sozialklempnerei statt Sozialdemokratie.

Irgendwie erscheint die europäische Sozialdemokratie entlarvt, und die Menschen sind heute zu intelligent für ihr Eiapopeia und durchschauen es als bloßen Vorwand für den Machterhalt.

Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts existierte einmal der Begriff „Geschäftssozialisten“. Die Lily Braun wurde einst damit bedacht.

Der unversöhnliche Riß durch die Gesellschaft wird hinfort wohl nicht mehr verlaufen zwischen der SPD und dem bürgerlichen Lager, das ist ja schon lange vorbei, sondern zwischen den Grünen und der AfD…

 

»Jenosse«, sahre ick, »woso wählst du eijentlich SPD –?« Ick dachte, der Mann kippt mir vom Stuhl! »Donnerwetter«, sacht er, »nu wähl ick schon ssweiunsswanssich Jahre lang diese Pachtei«, sacht er, »aber warum det ick det dhue, det hak ma noch nie iebalecht

Kurt Tucholsky (1890 – 1935)

 

SPD im Verzweiflungskampf

 

28. Oktober 2018: Bellarmin an Mephisto

 

Am 19. Oktober jährte sich zum 140. Mal der Tag, an dem der deutsche Reichstag 1878 das Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie verabschiedete und damit die bismarcksche Sozialistenverfolgung legalisierte. 1912 wurde die SPD dann mit 34,8 Prozent der Stimmen stärkste Partei des Reichstags. Am 30. September 1946 hatte die SPD in den Westzonen und Berlin 7500 Ortsvereine und war mit 633000 Mitgliedern die größte Partei Deutschlands. 1972 erreichte die SPD bei den Bundestagswahlen nach dem Mißtrauensvotum gegen Willy Brandt 45,8 Prozent der Stimmen und wurde stärkste Partei im Bundestag.

Vergangen, vergessen, vorüber, vergangen, vergessen, vorbei! Die Zeit deckt den Mantel darüber, vergangen, vergessen, vorbei.

Heute liefert sich die SPD im bundesdeutschen Trend das vielzitierte „Kopf-an-Kopf-Rennen“ mit…

Mit der AfD!

Und scheint von der verhaßten Partei sogar überholt zu werden!

In Bayern wurde die deutsche Sozialdemokratie einstellig!

Und die Genossinnen und Genossen, also die Genossinnen und Genossen, die Genossinnen und Genossen machen sich so ihre Gedanken und suchten analytisch schon mehrhundertseitig nach Gründen und hadern mit der Agenda 2010…

Doch Andrea Nahles gibt sich frohgemut, wie immer, und präsentiert ohne ein Wort darüber zu verlieren drei Tage nach der Bayernwahl „mit strahlendem Gesicht“ (TAZ) dem Publikum für die kommende Europawahl die derzeitige Justizministerin des Bundes, Katarina Barley, als SPD-Spitzenkandidatin.

„Die Beste der SPD-Reste“ titelte die TAZ.

War da nicht was? Wie hieß denn der noch, der war doch immer gepriesen als der superkompetente Europapolitiker der SPD, der mit dem typisch deutschen Allerweltsnamen… Ach ja, Schulz hieß der, Martin Schulz! Und der kam, in seinem Wahlkampf betontermaßen, aus Würselen…

Die sozialpopulistische Partei Deutschlands!

Die SPD…

Ein Rudel von 9 ehemaligen Parteivorsitzenden der SPD, in Worten: neun, hat vorgestern einen flammenden Appell an die Weltöffentlichkeit des bundesdeutschen Wahlvolkes gerichtet nach der Drohung Trumps, den INF-Vertrag des Verbots atomarer Mittelstreckenwaffen aufzukündigen, und die glorreichen Neun warnen vor einem „Atom-Wettrüsten“. Das ehrt sie und erinnert das Wahlvolk an die Politik des Friedensnobelpreisträgers Willy Brandt. Von der man gefährlicherweise in der SPD immer noch glaubt, mit ihr auch heutzutage den russischen Imperialismus einfrieden zu können.

Die Ehre wäre größer und sogar mindestens genauso groß wie das Grinsen über die Anzahl der wie das Hemd gewechselten Parteivorsitzenden, wenn der Appell gleichermaßen schon bei Gelegenheit des Bruchs des INF-Vertrages durch Putin erfolgt wäre.

Die Ehre!

Und vor allem die Glaubwürdigkeit…

Und war da nicht was? Wie hieß denn der noch, der mit dem typisch deutschen Allerweltsnamen? Ach ja, Schmidt hieß der, Helmut Schmidt. Das war der, der den NATO-Doppelbeschluß durchgesetzt hat. Ich glaube, der hätte sich für das durchsichtige Wahlkampfmanöver nicht hergegeben, obzwar er wohl auch und aus gutem Grund gegen eine dümmliche Aufkündigung des INF-Vertrages gewesen wäre, die Putin ja beispielsweise alle Vorwände für seine weitere Aufrüstung auf dem Tablett darböte…

Andrea Nahles hat den Appell nicht unterschrieben.

Sie ist ja auch noch im Amt.

Jetzt hat der Arbeiter-Samariter-Bund seine ursprüngliche Zusage zurückgezogen, Mitarbeitern der AfD-Fraktion des Bundestages vereinbarungsgemäß drei Erste-Hilfe-Kurse zu geben. Auf Anweisung der Geschäftsführung. Der Präsident des Bundes heißt Franz Müntefering, seines Zeichens ebenfalls Ex-SPD-Chef…

Und der führt an als Begründung:

Es ist die grundlegende Auffassung der Samariterinnen und Samariter, dass alle Menschen gleich viel wert sind. Wenn sich die AfD in diesem Sinne zu den allgemeinen Menschenrechten der Vereinten Nationen und zum Artikel 1.1 unseres Grundgesetzes bekennt, wird der ASB das Anliegen auf Durchführung eines Erste-Hilfe-Kurses noch einmal prüfen.

Am 19. Oktober jährte sich zum 140. Mal der Tag, an dem der deutsche Reichstag 1878 das Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie verabschiedete und damit die bismarcksche Sozialistenverfolgung legalisierte. 1912 wurde die SPD dann mit 34,8 Prozent der Stimmen stärkste Partei des Reichstags…

 

Eine große Epoche hat das Jahrhundert geboren,

Aber der große Moment findet ein kleines Geschlecht.

(GOETHE / SCHILLER Xenien Der Zeitpunkt)

 

Morden lernen

 

19. Oktober 2018: Bellarmin an Mephisto

 

Ein Propaganda-Spruch in Ostdeutschland zu deutschen demokratischen Zeiten hieß: „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!“

Sollte man sich jedoch anschicken, was zugegebenermaßen selten geschieht, statt von der Sowjetunion lieber aus der Geschichte zu lernen, insonderheit der russischen, ließe sich das Wort natürlich leicht umwandeln in „Von Rußland lernen, heißt lügen lernen“.

Oder angesichts jüngster „Ereignisse“: „Von Russland lernen, heißt morden lernen“.

Das scheinen sich jedenfalls die Saudis mit geradezu russischer Geheimdienstdreistigkeit zu Herzen genommen zu haben. Denn trotz huldreicher Fahrerlaubnis für Frauen nebst gnädiger Genehmigung öffentlicher Filmvorführungen in Kinos scheint man sich inzwischen überall sicher zu sein hinsichtlich des Auftraggebers von Auftragsmördern eines heimtückischen Auftragsmordes und deutet aus allen vier Ecken der Welt mit dem Finger einhellig auf den höchstpersönlichen Frauenfahrerlaubniserlauber, den Kronprinzen Bin Salman.

Wie als: Wenn der so was kann, kann der auch so was.

Seltsamerweise erhebt sich im himmelschreienden Fall Khashoggi in Deutschland nun kein einziger Salman-Versteher und verlangt vehement Beweise bezüglich Mord und Mörder, und nicht an eine einzige Nachricht unserer öffentlich-rechtlichen Medien wird in servilster Korrektheit der Nachsatz angeklebt: „Rußland“, nein, „Saudi-Arabien bestreitet dies.“ Oder „Großbritannien“, nein, „Die Türkei behauptet dies“. So als stünde sie abartig allein, die Türkei, mit ihrer Schuldzuweisung. Wie tendenziös unterstellt die Briten im Fall Skripal. Und von den Briten weiß man sowieso, daß die spinnen. Die wollen ja sogar grundlos aus der EU raus.

Welch Unterschied also in der bundesdeutschen Berichterstattung beim jüngsten Mordanschlag in staatlichem Auftrag auf den exilierten Saudi Khashoggi im Vergleich zu dem auf den exilierten Russen Skripal!

Zum Beispiel.

In Deutschland fragt man sich ja tatsächlich immer noch, ob der Wladimir Wladimirowitsch von den russischen Killerkommandos wohl etwas gewußt habe!

Oder ob die von alleine losgezogen waren, in Rußland, wo die „staatlichen Organe“ seit Jahrhunderten bekannt sind für ihren Mut gegenüber der zaristischen, nein, gegenüber der zentralistischen Obrigkeit und für ihr selbständiges Denken und Handeln!

Und ob da nicht irgendwelche Verbrecher vielmehr aus persönlichen Motiven das Plutonium und das verbotene Nervengift Nowitschok aus irgendwelchen Hochsicherheitsdepots geklaut hätten, wie wohl die sogenannten Separatisten in der Ukraine die Munition für ihre russischen Geschütze.

Ob also Privatbanditen selbstlos Plutonium oder Nowitschok geklaut hätten, um mit dem Zeug im Ausland Menschen zu vergiften, auf die zufälligerweise Wladimir Wladimirowitsch nicht gut zu sprechen ist. Und deren eines Opfer, nämlich dem einem meuchelmörderischen Anschlag mit Mühe entronnenen Sergej Skripal, Wladimir Wladimirowitsch, als Präsident des größten Landes der Erde und deren wohl zweitgrößter Atommacht, erst Anfang dieses Monats auf einer öffentlichen Veranstaltung beschimpfte als „Dreckskerl“.

Ja, es ist ganz schön hart, auf gerichtsfeste Beweise zu harren, daß der Herr aller Reußen Auftraggeber von Auftragsmorden ist.

Was wir indessen zweifelsfrei wahrnehmen könnten:

Wir leben anscheinend in einer Epoche fortschreitender Aufgabe zivilisatorischer Errungenschaften des 18. und 19. Jahrhunderts und weltweit wieder anwachsender Barbarei.

Und ich behaupte: die Menschen heute unterscheiden sich nicht sonderlich von denen vor etwa hundert Jahren. Die Menschen sind mental noch die gleichen wie die von 1914.

Und sie sind sehr vergeßlich!

 

Von der Kultur beleckt

 

18. Oktober 2018: Serapion an Mephisto

 

Die Zunge der Kultur reicht weit

 

Die Zunge der Kultur reicht weit!

Wohin sie sich erstreckt,

da wird der Mensch nebst seiner Zeit

so lang wie hoch und weit und breit

von der Kultur beleckt.

 

Oh, daß sie tausend Zungen hätte!

Noch gibt es Neger ohne Uhr,

und Dörfer ohne Operette,

und Eskimos ohne – Pardon! – Klosette!

Die Zunge raus, Kultur!

 

Noch gibt es Frauen, die den Nabel zeigen

und ohne Kleid und Scham spazieren gehn.

Noch gibt es Männer, die im Dunkeln geigen,

und Leute, die, selbst wenn sie dumm sind, schweigen.

Man kann das kaum verstehn…

 

Denn wir stelln unsre Kinder künstlich her

und unsre Nahrung in Tablettenform.

Das Altern kennen wir nicht mehr.

Bouillon mit Ei gewinnen wir aus Teer.

Kurzum: Es ist enorm!

 

Der Straßenkehrer braucht das Abitur

und muß belesen sein in Schund und Schmutz.

Da denkt man manchmal: Die Kultur,

sie kann uns am -! Sie soll uns nur -!

Sie ist dazu imstand und tut’s.

 

 

Erich Kästner (1899 – 1974) 1928

 

 

haben himmlischen abend mit pünktchen und anton. ich wünschte sie könnten mein kind lachen hören, tausend grüsse und dank.“

Marlene Dietrich Telegramm an Erich Kästner

 

Nichts ist routinierter als die Ironie. Dies ist der Umstand, der dem Fall einige Ähnlichkeit mit dem Fall Heine gibt.“

Walter Benjamin

 

Kästner saß im Café neben dem Tod. Gab es einen Engel oder Teufel, der ihn schützte?“

Wolfgang Koeppen

 

Wie die Linkspartei das Land spaltet zum Nutzen der Nazis

 

7. Oktober 2018: Bellarmin an Mephisto

 

Zunehmend fragt man sich entsetzter, warum in Ostdeutschland die Nazis so stark sind.

Immerhin!

Das war nicht immer so!

Das ist ein Fortschritt!

Allerdings gezwungenermaßen. Man kommt nicht mehr umhin. Man kann nicht länger die Augen verschließen vor unliebsamen Fakten. Die man seit Jahren kennen könnte aber nie zur Kenntnis nahm in aller Konsequenz.

Das hat unter mehreren Gründen seinen besonderen Grund.

Und von dem will ich Dir reden!

Doch erst werde ich Dir ein Beispiel nennen, und vielleicht erinnerst Du Dich, obwohl es nun vier Jahre her ist. Da klagtest Du, daß nie eine Karte veröffentliche werde, in welcher die Anzahl rechtsextremer Gewalttaten aus den alljährlichen Verfassungsschutzberichten aufgeschlüsselt werde in ihrer Verteilung nach Bundesländern.

Worauf ich Dir antwortete am 3. Juli 2014:

Selbstverständlich existiert jene Karte aus dem diesjährigen Verfassungsschutzbericht, deren Fehlen Du so vehement bemängeltest in Deinem dritten Ärgernis! In der analogen Welt befindet sie sich kommentarlos im SPIEGEL vom 23. Juni. Quasi versteckt in einer Rubrik für Vermischtes und im Inhaltsverzeichnis, im Gegensatz zu den anderen Beiträgen der Rubrik, nicht erwähnt. Doch fand ich hier beim Blättern auf Seite 16 links unten die im vorigen Jahr verübten Gewalttaten mit rechtem Hintergrund aus dem Bereich „Politisch motivierte Kriminalität“. Für jedes Bundesland ist eingezeichnet ein brauner Kreis, der die entsprechende Anzahl enthält pro einer Million Einwohner. Die Spitzen liegen in Sachsen-Anhalt mit 26, Berlin mit 24 und Thüringen mit 20 Gewaltverbrechen. Die drei niedrigsten Raten gibt es in Bayern mit 5, Baden-Württemberg und Bremen mit jeweils 3 und Hessen und Saarland mit jeweils 2.

Mit der Ausnahme Hamburgs verteilen sich alle Höchstwerte auf die ostdeutschen Länder.

Aber an den braunen Kullern finden sich auch die Steigerungs- oder Minderungsraten hinsichtlich des Vorjahres. Wenn Du Dich nun noch verstellst und so tust, als wärst Du ein denkender Mensch, und Du rechnetest einmal unbekümmert, da dies kein anderer getan zu haben scheint, die Durchschnittszahlen jeweils für Ost- und Westdeutschland aus, was sich ja wegen der ins Auge fallenden Differenz anböte als Idee, fändest Du selbst zu Fuß mit Hilfe der vier Grundrechenarten heraus, daß 2012 der Unterschied Ostdeutschlands das knappe Zweieinhalbfache zum westdeutschen Resultat ausmacht. Während sich die Diskrepanz von 2012 zu 2013 inzwischen auf das Dreifache vergrößert hat. Man könnte natürlich auch von Abgrund reden.

Soweit ich es hörte oder sah, wurde von alldem nichts in den öffentlich-rechtlichen Anstalten der Republik verlautbart. Es ist nicht als berichtenswert eingestuft worden von den Redakteuren. Honi soit qui mal y pense!

Deutschland betäubt sich.

Aus irgend einem Grunde kommt mir der Verdacht, es handelt sich um eine kollektive Vermeidungsstrategie. Es soll die Ursachendiskussion umschifft werden, man befürchtet den Aufschrei der üblichen Verdächtigen mit DDR-Wagenburgmentalität.

Das kennzeichnet allerdings eine Kapitulation: Die üblichen Verdächtigen haben es geschafft, ein Klima zu erzeugen, in dem gewisse Tatsachen kritisch nicht mehr diskutiert werden. Und die öffentlich-rechtlichen Medien beteiligen sich an der Tabuisierung. Politische Korrektheit.

Und nach jener Würdigung der einmalig (!) erschienenen Karte setzte ich damals gleich noch eins drauf:

Ich könnte schließen mit: Soviel zu den Lehren, die man nach den Verbrechen des NSU gezogen zu haben vorgab. Aber zur Illustration juckt es mich, Dich wenigstens an ein interessantes Beispiel zu erinnern. Du weißt vielleicht noch, im Sommer 2007 kreiste bei einem Altstadtfest im sächsischen Städtchen Mügeln plötzlich eine Horde junger, dunkelgewandeter, kurzgeschorener Männer, bewehrt mit abgebrochenen Flaschenhälsen, mehrere Inder ein, griff sie an, schubste und schlug sie und stach nach ihnen. Als die Inder den Ring durchbrachen, wurden sie über den Marktplatz gehetzt und auf ihrer Flucht in eine nahegelegene Pizzeria verfolgt von etwa fünfzig Männern, zu denen sich noch rund zweihundert Schaulustige gesellten, „Ausländer raus!“ krakeelend. Amtlich registriert wurden auch Parolen wie: „Hier regiert der nationale Widerstand!“ und „National befreite Zone!“.

Hinzugerufene Beamte waren von der Menge angegriffen worden, bis endlich Bereitschaftspolizei anrückte. Mehrere der Inder hatten sich in ärztliche Behandlung begeben müssen.

Der SPIEGEL, eine Woche vor der Nummer mit der braunen Deutschlandkullerkarte, zitierte nun aus einer sehr dankenswerten Studie der Politikwissenschaftlerin Britta Schellenberg. Sie weist nach, wie entgegen eindeutiger Zeugenaussagen die Politiker von vornherein versuchten, die Hetzjagd als normale Dorfschlägerei abzutun, rechtsextremistische Zusammenhänge verwischten und direkt abstritten. Der Bürgermeister erklärte, Ausländer-raus-Rufe könnten doch jedem einmal über die Lippen kommen. Und Ministerpräsident Georg Milbradt äußerte, man solle doch nicht jede Auseinandersetzung zwischen Ausländern und Deutschen unter dem Stichwort Ausländerfeindlichkeit verbuchen. Und legte später nach, es wäre unerträglich, wenn ein ganzer Ort und ein ganzer Landstrich stigmatisiert würden.

Prompt wurden einige Tatverdächtige vom Staatsschutz nicht weiter erwähnt und die Staatsanwaltschaft Leipzig stritt jeden fremdenfeindlichen Hintergrund ab. Im sächsischen Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2007 war der Fall als „politisch motivierte Kriminalität rechts“ nicht verbucht worden.

2008 zog die NPD in den dortigen Kreistag ein.

2009 wurde die indische Pizzeria erneut angegriffen und dabei einem Mitarbeiter das Nasenbein gebrochen. Aber erst 2013 gaben die Sicherheitsbehörden zu, daß 2007 drei der Angreifer tatsächlich der rechtsextremistischen Szene angehörten.

Und jetzt paß auf, jetzt kommt der Satz der Sätze! Die Politikwissenschaftlerin stellt fest: „Eine kritische Thematisierung von extrem rechter Gewalt ist in Mügeln unmöglich geworden.“

Ende eines Beispiels.

Also wie kommt es nun dazu, daß im Osten die Nazis, „Beine krumm doch deutsch von Rasse, ungebildet aber stolz“ (Horst Lommer), um ein mehrfaches stärker sind als im Westen?

Das hat mehrere Gründe. Der von dem ich heute rede, hört sich relativ harmlos an, und doch erscheint er mir als der wichtigste.

Der Partei Der Spalter, die sich derzeit Die Linke nennt, ist es tatsächlich über die Jahre gelungen, in Ostdeutschland flächendeckend ein Klima zu erzeugen, das geprägt ist durch eine vehemente Wagenburgmentalität. Vor der selbst gestandenste Politiker des bundesrepublikanischen Spektrums, also von der SPD sowieso bis hin zur CDU/CSU, nicht nur aus vielleicht wahltaktischen, also ordinär niederen Beweggründen, kapitulieren, sondern die sie unbewußt und unüberlegt und nicht selten aus Dummheit oder empörendster Spdämlichkeit noch bestärkten und bestärken.

Und die „eine kritische Thematisierung“ unliebsamer Fakten unmöglich machte.

Das begann beispielsweise mit der „Besserwessi“-Kampagne, ging über „Die DDR war kein Unrechtsstaat“ hin aktuell zu „Westimporten“ für Menschen aus dem Westen, die sich in Ostdeutschland ansiedeln und dort in bestimmten Positionen wirken und angeblich sich arrogant und herablassend verhalten gegenüber den ehemaligen, den „gelernten DDR-Bürgern“.

Wer übrigens behauptet denn hier, etwas besser zu wissen?

Man muß es sich vorstellen: Rund dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung zählt man vor und trennt vorwurfsvoll und bitterböse, daß zu viele Westdeutsche in Ostdeutschland führende Positionen inne hätten, und das müsse anders werden!

Man lasse es sich auf der Zunge zergehen!

Und ostdeutsche Politiker, vornehmlich linke und spdämliche, erheben Vorwürfe derart erbärmlicher Qualität! Worauf alle anderen sich tatsächlich zerknirscht geben…

Und merken nicht, wie sie allesamt der Partei Der Schamlosen auf den Leim gehen.

Die sich als Vertretung der Ostdeutschen geriert!

„Die dicksten Hunde, gerade die…“, hatte Biermann einst gesungen.

Hautnah erlebte ich es in Erfurt am diesjährigen Tag der Einheit bei einer Podiumsdiskussion zwischen dem thüringischen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow, dem Präsidenten des Thüringer Landtags Christian Carius und dem Oberbürgermeister Erfurts Andreas Bausewein. Einer sogenannten Podiumsdiskussion, denn zwischen den Herren existierte auch nicht der geringste Meinungsunterschied: Also diese Westdeutschen! Also die würdigen überhaupt nicht die Lebensleistung der Ostdeutschen! Also diese Westdeutschen! Viele seien noch nicht ein einziges Mal nach Ostdeutschland gereist! Also diese Westdeutschen! Am Feiertag der Wiedervereinigung fahren die herzlos ins Grüne und scheren sich nicht drum! Aber wir Ostdeutsche! Uns verdankt Deutschland die friedliche Revolution! Und deshalb brauchen wir uns von nichts und niemandem belehren zu lassen und verbitten uns jegliche Kritik und erst recht von Westdeutschen!

Und wir lassen uns nicht stigmatisieren!

Auch in Westdeutschland gibt es Rechtsextreme!

Dann stand man auf und sang „Einigkeit und Recht und Freiheit“ „brüderlich mit Herz und Hand“!

Und nun ahnst Du vielleicht, warum verschämt nur ein einziges Mal die Karte mit den braunen Kullern verteilt auf Bundesländer veröffentlicht und nie diskutiert wurde.

Und deshalb tappt man heute noch immer über die Ursachen im Dunkeln und schwätzt Berge von Unsinn!

 

Der RIAS in Chemnitz

 

28. September 2018: Bellarmin an Mephisto

 

Nun ist seit den „Vorkommnissen“ in Chemnitz bereits wieder ein Monat ins Land und in die Bundesländer gegangen. Ohne daß außer einem Fahndungsaufruf gegen einen dritten Verdächtigen und der Entlassung eines der beiden verhafteten Verdächtigen die Staatsanwaltschaft sich befleißigt gefühlt hätte, der offenbar extrem interessierten und zu großen Teilen verunglimpften Öffentlichkeit gnadenhalber wenigstens eine der doch sonst üblichen Pressekonferenzen nach einer Untat derartigen Ausmaßes zu gewähren und durch Mitteilung des bisher gesicherten Erkenntnisstandes etwas zur Beruhigung beizutragen.

Sage nicht, es würde die Ermittlungen gefährden, wenn endlich einmal bestätigt würde, ob es sich nun um eine Messerstecherei gehandelt hatte oder um eine Messerattacke, was ja wohl einen Unterschied bedeutet. Und ob die beiden bei den „Vorkommnissen“, also der „vorgekommenen“ Messerstecherei oder Messerattacke einmalig am 26. August 2018 erwähnten Verletzten oder gar, wie es einmal hieß und dann nie wieder, der Schwerletzten, ob diese inzwischen genasen und vielleicht sogar aus der stationären Behandlung entlassen werden konnten.

Anläßlich selbiger Gelegenheit und sogar im Einklang mit unserem in dieser Hinsicht einer Wahrheitsfindung sonst eher undienlichen Pressekodex hielte ich es nicht für unwichtig zu erwähnen, ob es sich bei den drei Opfern der Messerstecherei oder der Messerattacke um Bundesbürger gehandelt hatte. Und bei den anderen, also den Tatverdächtigen eines Messerangriffs, nicht.

Unsere aus irgendwelchen Gründen der Lügen bezichtigten Medien scheint das alles allerdings nicht weiter zu interessieren.

Apropos, da wir justament wieder an jenem Punkt sind, weißt Du, was ich mir angesichts der „Vorkommnisse“ und ihrer Folgen vorstelle unter normaler Pressearbeit?

Weißt Du, was der RIAS, der Rundfunk im amerikanischen Sektor Berlins, der beste Sender, den es je gab, weißt Du, was der gemacht hätte? Der wäre beispielsweise am Montag, dem 27. August hingefahren nach Chemnitz mit seinem Ü-Wagen, Ü für Übertragung, und hätte direkt, also leif, von jener Massendemonstration der 8.000 „Chaoten und Hooligans von außerhalb Sachsens“ (Sachsens Innenminister) berichtet. Und zwar nicht nur in verwackelten blitzschnellen Sequenzen. Sondern, wie es sich bei seriöser Berichterstattung gehörte, vermittels gebührenfinanzierter und teuer bezahlter Kamera- und Mikrofontechnik des 21. Jahrhunderts.

Und der RIAS wäre durch die Stadt gefahren, auch in den Folgetagen, und hätte ausgiebig Leute interviewt. Insonderheit Einheimische aus der Innenstadt.

Aus sozialen Brennpunkten.

Aus Tatortnähe.

Und der RIAS hätte gedrungen auf eine Übertragung, also Leifsendung, vom Zusammentreffen des sächsischen Ministerpräsidenten Kretschmer und der Chemnitzer Oberbürgermeisterin Ludwig mit 500 geladenen Bürgern der Stadt.

Sie können Ihre Meinung sagen, aber was nicht geht, dass man eine Meinung mit einer Hetzjagd ausdrücken will.“ (Ludwig)

Bei welcher Gelegenheit auch der Ministerpräsident es nicht verabsäumte zu verlautbaren, es müsse dafür gesorgt werden, daß nicht „Halbwahrheiten“, „Fake News“, (also Falschmeldungen, Anmerkung von mir), und „Stimmungsmache“ „die Oberhand“ gewönnen.

Demnach hätte der RIAS auf öffentliche Übertragung der Versammlung mit 500 geladenen Stadtbürgern gedrungen sogar im Einklang in dem vom Ministerpräsidenten bekundeten Sinn!

Denn warum auch sollten der Ministerpräsident Kretschmer und die Oberbürgermeisterin Ludwig Angst haben vor der Wahrheit?

Nicht wahr?

In einem gnadenvollen Akt der Milde ließ sich der Landesvater selbstredend hinreißen zu der gefühlvollen Bemerkung, pardon, zu dem emotionalen Stätment, er wisse, daß nicht alle in Chemnitz rechtsradikal seien!

Diese Sternstunde der persönlichen Menschlichkeit hätte der RIAS übertragen!!

Leif!

Da wäre kein Auge trocken geblieben!

Und dann wären die Reporter auch rausgegangen und hätten sich ausgiebig unterhalten mit den 900 rechten Menschen auf der „rechten Kundgebung in Hör- und Sichtweite“ des Treffpunktes der 500 zum Landesvater und der Stadtmutter geladenen Bürger.

Was?

Das hätte sich der RIAS gar nicht wagen dürfen?

Weil die „Chaoten und Hooligans“ den Ü-Wagen platt gemacht hätten?

Und die rechten Menschen gar nicht mit der Presse geredet hätten?

Das glaube ich eher nicht!

Weil nämlich in Zeiten des RIAS das Klima jener ungeheuerlichen „Lügenpresse!“-Sprechchöre erst überhaupt nicht entstanden wäre.

Aus Mangel an Gründen.

Denn nichts entsteht ja grundlos.

Die RIAS-Reporter wären also rausgegangen zu der Kundgebung. Denn die Kundgebung war ja angemeldet, also legitim.

Sonst wäre sie ja auch verboten worden.

Es handelte sich also um eine demokratische Versammlung.

Und wir leben doch in einem demokratischen Staat. In welchem Berichterstatter die Kundgebenden eines legitimierten Willens nicht ohne weiteres und von vornherein als „rechts“ oder „rechtspopulistisch“ in diskriminierender Absicht zu etikettieren und tendenziös abzuwerten haben. Noch dazu ohne jegliches ansonsten heute so beliebte „mutmaßlich“.

Sondern die RIAS-Reporter aus dem Ü-Wagen in Chemnitz hätten berichtet von einer Gegenkundgebung, auf welcher dies und jenes gefordert wurde von den im übrigen absolut friedlichen Demonstranten. Und hätten berichtet: Auf den Transparenten beispielsweise standen folgende Parolen zu lesen.

Und ein Redner habe unter anderem dies und das gesagt.

So sah einst Berichterstattung aus!

Und dem Rezipienten wurde anheimgestellt, mündig zu sein und eigenmächtig aus dem Bericht nach Belieben und Gutdünken und eigener Meinung zu schlußfolgern in einem Staat mit grundgesetzlich garantierter Meinungsfreiheit, welcher Couleur die gegen die landesväterliche Konferenz Demonstrierenden wohl zuzurechnen seien.

Wenn ihm die Couleur wichtig wäre neben dem Eigentlichen.

Neben dem sachlichen Anliegen der Demonstranten.

Womit wir bei der Frage wären, was man den Journalisten heutzutage beibringe auf den bundesdeutschen Journalistenschulen.

Im sonntäglichen Presseclub der ARD war am 2. September ein Beispiel zu sehen. Zur Einstimmung zeigte man zum Beginn einen kurzen Filmbericht zu der legitimen Demonstration in Chemnitz am vorausgegangen Montag, in welchem die Berichterstatterin einen der Veranstalter in durchschaubarer Absicht des Vorführens mit der Frage konfrontierte: „Ist das wieder so ein breites Bündnis von Hooligans bis AfD?“

Worauf der Angesprochene antwortet: „Das ist auf alle Fälle wieder so, ja. Ja hier kommen ganz verschiedene Gruppen zusammen, und ich denke, das ist auch nicht verkehrt.“

Das wirklich Miese daran ist: Die Frage in dem Filmbericht wird im Gegensatz zur Antwort hörbar nicht direkt auf der Kundgebung gestellt, sondern ist im Nachhinein vor die Antwort gesetzt! Warum das? Der Verdacht drängt sich auf, die Frage könnte vor Ort auch anders gelautet haben.

Der Verdacht drängt sich auf, es könnte sich um eine gezielte Unterstellung handeln.

Nach all dem Erlebten.

Bei der Kundgebung vor dem landesväterlichen Bürgertreffen kam übrigens, ebenfalls in der ARD, hier jedoch in der Tagesschau, sogar eine Frau zu Wort mit einem vollständigen Satz des Inhalts, man traue sich nicht mehr in die Innenstadt.

Bildschnitt.

Infolge der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung hätte man schier annehmen müssen, die rechte Frau habe Angst vor „Chaoten und Hooligans von außerhalb Sachsens“. Privaten Medien konnte man allerdings entnehmen, Chemnitzer Eingeborene fürchteten sich in der Innenstadt eher vor der nächtlichen Dominanz ausländischer Banden und stellten dummerweise aus irgendeinem Grund irgendwelche Zusammenhänge her zu der Messerstecherei oder Messerattacke mit einem Toten und zwei Verletzten.

Und deshalb ihr Zorn, ihre ohnmächtige Wut und ihre anhaltende Trauer.

 

Wahr spricht, wer Schatten spricht.“

Paul Celan (1920 – 1970)

 

Wie die öffentlich-rechtlichen Medien unsere Demokratie gefährden

 

17. September 2018: Bellarmin an Mephisto

 

Ein Gespenst geht um in Deutschland – das Gespenst der Aäffde.

Und obwohl die Wähler dieser Partei durchgängig denunziert werden als „Menschen, die sich vor Veränderungen fürchten“ oder als Menschen, die sich ängstigten vor ihrem „Abstieg“, ist doch überdeutlich zu sehen, daß  vielmehr die Denunzianten selber es sind, denen der Angstschweiß auf den Stirnen steht. Denn jene in vielem und so manchem unappetitliche Partei ist bereits eine Macht – und die wird immer stärker. Doch anstatt die Gründe für die offenkundige Tatsache zu analysieren als Voraussetzung, sich mit derselben und im Gefolge mit der Aäffde endlich politisch oder sogar rational auseinanderzusetzen, was man seit Jahren behauptet tun zu wollen, ohne es zu tun, haben sich, wie selbst Karl Marx es wohl beschreiben würde, alle Parteien des Bundestages samt den öffentlich rechtlichen Medien „zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet“.

Das Kompositum „Hetzjagd“ enthält übrigens das Wort „Hetze“.

Es ist mehreres faul geworden im Staate Deutschlands, und etwas davon betrifft unsere gebührenfinanzierten Medien.

Und ihre Hetze.

Nicht daß Du mich mißverstehst, ich trete unbedingt ein für die Existenz dieser Medien! Ich halte sie für elementar notwendig. Gerade in heutigen Zeiten! Und diejenigen, die auf ihre Abschaffung dringen, scheinen wirklich nicht zu wissen, was sie tun.

Aber gesund sollten die Medien sein in ihrer Widerspiegelung dessen, was ist.

Gesund und frisch, wie sie es weitestgehend einmal waren!

Damals während des Kalten Krieges…

Als man noch fürchten mußte, vorgeführt zu werden vom Osten.

Und auch Tag für Tag vor Augen hatte die widerliche Verlogenheit einer tendenziösen Berichterstattung.

Und als man noch wußte um die letztendlich unüberwindliche Stärke der Wahrheit gegenüber dem Imperium der Lüge.

Doch heute?

Im Zeitalter der Falschmeldungen, pardon, der Fäknjus?

Generell muß man erst einmal feststellen, sind so gut wie alle bundesdeutschen Nachrichten heute gekennzeichnet durch eine panische, mitunter schon ans Absurde grenzende Angst vor dem doch eigentlich mitteilsam Wichtigen.

Nämlich den Fakten.

Und die sind, im Gegensatz zu den heutigen Meldungen, meistens nüchtern.

Stattdessen sind bundesdeutsche Nachrichtenmeldungen heute spürbar geschüttelt vor Abneigung, ja buchstäblich vor Angst vor dem tatsächlichen Geschehen, vor dem blanken Ereignis.

Du wirst das in Deutschland seit einigen Jahren ablesen können schon an der Struktur jeglicher Meldung: Zuerst erfolgt so gut wie immer eine wertende Sprechblase durch einen oder mehrere Richtigdenker, meist also von Politikern. Eventuell noch, zur Erhöhung der Folter, gefolgt von einem oder mehreren „richtig“ einordnenden Aspekten meist in Form von Wiederholungen des allseits Bekannten und oft tagelang zuvor bereits Durchgekauten.

Aus fühlbarer Angst vor eventuell aufkommenden unrichtigen oder gar politisch „unkorrekten“ Gedankengängen der unmündigen Rezipienten.

Erst dann, endlich!, kommt das, worum es eigentlich geht.

Als Gnadenerweis eventuell sogar in einem vollständigen Satz.

Methode: Permanente Vertauschung des Primären mit dem Sekundären.

Hervorragendes Beispiel war wieder die Berichterstattung über die Tötung und Verwundung dreier Deutscher durch Zuwanderer in Chemnitz, pardon, die Berichterstattung über die „Vorfälle in Chemnitz“.

Ogottogott, das könnte ja der Aäffde nützen!

Also, am besten folgender Aufbau der Nachrichten:

Als erstes diesmal nicht wie sonst übel üblich Berichte über Gegendemonstrationen der Anständigen anstelle des primär Wesentlichen in Gestalt der Demonstration, sondern Alarmplan B: Ausführliche Politikerstimmen, die einhellig die Demonstrationen im Anschluß „der Vorfälle in Chemnitz“ als rechtsextrem verurteilen.

Als zweites: Brandmarkierung der Demonstranten anhand einiger Geschehnisse wie etwa Hitlergrüße von Rowdies, pardon, von Hooligans. Im Fernsehen wird ausschließlich das entsetzliche Video eines brüllenden Mobs gezeigt. Bestenfalls noch Höcke in einem Bild zusammen mit diesem „Kleinkriminellen“ von Pegida aus Dresden. Methode nach Karl-Eduard von Schnitzler à la Fernsehfunk der DDR: Alles ausschließlich in sekundenschneller Sequenz. Nie ein Gesamtüberblick, um den zu schockierenden Zuschauern per pars pro toto zu zeigen: Das waren alles nur 8.000 krummbeinige Idioten!

Die Chemnitzer Polizeidirektion teilte mit, es habe auch Zusammenstöße mit Beamten gegeben.“

Als Letztes, ausnahmsweise sogar in zwei ganzen Sätzen:

In der Nacht zum Sonntag war ein 35-jähriger Mann nach einem Streit seinen Verletzungen erlegen. In die Auseinandersetzung waren nach Polizeiangaben Personen unterschiedlicher Nationalitäten verwickelt.“

Tja, was ist es wohl, was die Aäffde stärkt?

 

Auf einer Demonstration am Montag hatten mehrere Menschen den Hitlergruß gezeigt. Einwohner entgegneten dem Ministerpräsidenten, die weitaus meisten Teilnehmer seien ganz normale Bürger gewesen. Mehrfach wurden in der Diskussion Buhrufe laut.

30. August 2018, Donnerstag, DLF über den Bürgerdialog des sächsischen Ministerpräsidenten Kretschmer in Chemnitz

 

Für diejenigen, die das in aller Sachlichkeit artikulieren möchten, gibt es kaum Raum zwischen rechtsradikalen Agitatoren sowie asozialen Trittbrettfahrern auf der einen und den moralisierenden Einschüchterungen auf der anderen Seite.

31. August 2018, Freitag, FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG

 

Wenn all diejenigen weiterhin pauschal als Neonazis oder Rassisten abgestempelt werden, die ihren Unmut darüber äußern, dass 2015 über eine Million Flüchtlinge und Migranten unkontrolliert ins Land gelassen wurden, dann braucht man sich über den wachsenden Zulauf, den rechte Parteien und Bewegungen in Deutschland erhalten, und über die zunehmende Polarisierung des Landes nicht zu wundern.

31. August 2018, Freitag, WENHUIBAO

Aus Schanghai!

 

 

Klaus B…..i.: Bitte melde Dich noch einmal unter der Nummer ……….9!

 

Ich habe heute geschossen auf Lenin

 

6. September 2018: Serapion an Mephisto

 

 

In memoriam Fanja

 

Ich habe heute geschossen auf Lenin,

Und zwei von drei Schüssen trafen ihn.

 

Das hab‘ ich nach eigener Entscheidung getan.

Ich heiße Fanja Jefimowna Kaplan.

 

So ward ich im Zwangsarbeitslager genannt,

In das lebenslang man mich hatte verbannt.

 

Zum Tode verurteilt zuerst, vor zwölf Jahren,

Nach einem Anschlag auf einen Amtmann des Zaren.

 

Nach dem Februar siebzehn ließ man mich frei

Aus transbaikalischer Barbarei.

 

Lenin zu töten, hatte ich lang schon beschlossen,

Das ist willentlich meiner Entscheidung entsprossen.

 

Sinnlos ist es deshalb, mich zu fragen,

Woher der Revolver, nie werd‘ ich das sagen.

 

Ihr könnt mich foltern, zerhacken und verbrennen,

Ich werde euch keine Einzelheit nennen.

 

Doch Lenins Putsch, das war ein Verbrechen!

Es wird sich bitter schlimm noch rächen!

 

Ihr werdet in Blut und Tränen waten!

Er hat die Revolution verraten!

 

Wenn Menschen gläubig auf Lenin hören,

So wird das den Sozialismus zerstören!

 

 

Fanja, Familienname Roitman (geboren am 10. Februar 1890 irgendwo im zaristischen Wolhynien – nach ihrem Attentat vom 30. August erschossen am 3. oder 4. September 1918 in Moskau, sterbliche Überreste restlos vernichtet)

 

 

Isaak Steinberg, frisch ernannter „Volkskommissar“ für „Justiz“: „Wozu haben wir überhaupt ein Volkskommissariat für Justiz? Nennen wir es doch einfach ‚Kommissariat für soziale Ausrottung‘ und kümmern wir uns nicht mehr darum!“

Wladimir Iljitsch Lenin, Vorsitzender der kommunistischen Partei Rußlands, der selbsternannten „Bolschewiki“: „Gut formuliert, genau das soll es sein. Aber das können wir nicht sagen.“

(Februar 1918)

 

Heilende Resonanzen

 

3. September 2018: Serapion an Mephisto

 

Angelusläuten

 

Es ist immer schön in der Gefängniszelle,

Die eine Kirchenglocke zu hören,

Allabendlich von einer nahen Stelle

Scheint sie das Leben zu beschwören.

 

Mit weltenbrandberuhigenden Klängen,

Gebärend heilende Resonanzen,

Wenn sie sich durch die Lüftungsschächte drängen

Und hinter trüben Glasbausteinen tanzen.

 

Breschnews Doktrin?

 

26. August 2018: Bellarmin an Mephisto

 

Den 21. August 1968 werde ich nicht vergessen. Ich weiß noch, wenige Tage zuvor saßen wir in einem Vorort Ostberlins bei einer Geburtstagsfeier alle zusammen in einem Garten im sommerduftigen Halbschatten der Kirschbäume und redeten natürlich auch über Prag und die spürbare Bedrohung beispielsweise durch massierte Truppen an den tschechoslowakischen Grenzen und anhaltende Militärmanöver, und die Frage wurde tatsächlich gestellt, ob die Russen wohl einmarschieren würden. Man meinte, daß solches unmöglich wäre. Die Russen könnten nicht mir nichts dir nichts einmarschieren in ein friedliches, verbündetes, sozialistisches Land. Das wäre ein aggressiver Gewaltakt. Und wie sollten die Russen eine derartige Ungeheuerlichkeit begründen gegenüber der Weltöffentlichkeit? Wo doch nach marxistisch-leninistischer Lehre Kriege zwischen sozialistischen Ländern ausgeschlossen seien.

Wegen Grundlosigkeit.

Und der Imperialismus sei das höchste und letzte Stadium des Kapitalismus, hatte Lenin analysiert.

In den DDR-Schulen behandelt im Staatsbürgerkunde-Unterricht, in den FDJ-Lehrjahren und in den Polit-Informationsstunden.

An den Universitäten behandelt in den Marxismus-Leninismus-Pflichtvorlesungen und Pflichtseminaren und Pflichtklausuren aller Studienrichtungen.

Marxismus-Leninismus als „einzig wissenschaftliche Weltanschauung“ erscheinend auf allen Zeugnissen aller Staatsexamen aller Studienrichtungen als erste fachliche Zensur.

Und die Russen sind ja immer so was von herzlich, gastfreundlich und friedliebend! Die ostdeutschen Radiostationen dudelten beständig zu den plärrigen Klängen eines typischen Tanzewalnaja Orchestras mit plärriger Estradenmusikstimme, man hörte die Glatze des Sängers, ein Lied: „Meinst du die Russen woll’n, meinst du die Russen woll’n, meinst du die Russen wollen Krieg?“

Als ich bemerkte, es wäre doch aber ein Leichtes, einen Fall Gleiwitz zu inszenieren und ein paar Kommunisten um Hilfe rufen zu lassen, stieß ich einhellig auf Ablehnung.

Fall Gleiwitz! Die Nazis!

Das war ja nun völlig absurd!

Dann, in den wenigen Tagen nach dem 21. August, die mutig-verzweifelte Stimme eines illegalen Senders, dessen Sprache ich nicht verstand. Aber sein Sendezeichen, infolge atmosphärischer Störungen lauter und leiser werdend, die ersten Takte der fünften Beethoven-Sinfonie, vergesse ich nie.

Dann kam nichts mehr.

Dann kam die Breschnew-Doktrin. Im Nachhinein und nie offiziell verkündet und im Osten schon gar nicht. Weder behandelt in den DDR-Schulen im Staatsbürgerkunde-Unterricht oder in den FDJ-Lehrjahren oder in den Polit-Informationsstunden, noch an den Universitäten behandelt in den Pflichtvorlesungen und Pflichtseminaren und Pflichtklausuren der einzig wissenschaftlichen Weltanschauung.

Man hörte über die Westsender: Die Breschnew-Doktrin gehe davon aus, die sozialistischen Staaten unterlägen lediglich einer beschränkten Souveränität, woraus sich das Recht ableite einzugreifen, falls in einem sozialistischen Staat der Sozialismus bedroht werde…

Nicht genannt wurde der Bedroher und nachdrücklich ungenannt blieb, wer eingriffe.

Der Bedroher war aber klar geregelt der Imperialismus, das höchste und letzte Stadium des Kapitalismus.

Also der Westen.

Der Westen habe die Ukraine, pardon, die Tschechoslowakei destabilisiert!

Insonderheit die revanchistische Beärrdee, in welcher diese ganzen revanchistischen Vertriebenenverbände auf die Rückkehr in ihre verlorenen Siedlungsgebiete lauerten.

Ich hatte immer meine Schwierigkeit mit der Benennung der Breschnew-Doktrin.

Bis in die Gegenwart behindert sie den Westen, insbesondere Deutschland, am Sehen dessen, was ist.

Nach welcher Doktrin beispielsweise marschierten die Russen 1939 ein in Polen?

Nach welcher Doktrin marschierten die Russen ein in Estland?

Nach welcher Doktrin marschierten die Russen ein in Lettland?

Nach welcher Doktrin marschierten die Russen ein in Litauen?

Wie heißt die Doktrin für den Krieg der friedliebenden Russen seinerzeit gegen Finnland?

Nach welcher Doktrin, ich will ja gar nicht reden von Recht oder gar von Völkerrecht, nach welcher Doktrin schufen die Russen, entgegen der in Jalta vereinbarten Abhaltung freier Wahlen auf der Grundlage des allgemeinen und geheimen Wahlrechts in allen vom Faschismus befreiten Ländern („Erklärung über das befreite Europa”) ihr sogenanntes sozialistisches Weltlager?

Mit einer im Nachhinein verkündeten eingeschränkten Souveränität!

Nach welcher Doktrin die Berlin-Blockade?

Nach welcher Doktrin 1953 die russischen Panzer in Berlin?

Nach welcher Doktrin der Einmarsch in Ungarn 1956?

Nach welcher Doktrin 28 Jahre lang antifaschistischer Schutzwall?

Wie hieß die Doktrin für das Kriegsrecht in Polen?

Und für den Einmarsch in Afghanistan?

Und wie nennt sich die Doktrin für das Papst-Attentat?

Und die Doktrin für all die unzähligen unsäglichen Auftragsmorde an emigrierten Russen wie Trotzki oder Litwinenko?

Könnte es sich nicht handeln um ein und dieselbe Doktrin?

Wie heutigentags im Falle Transnistriens, Tschetscheniens, Südossetiens, Abchasiens, der Ostukraine und der Krim?

 

Wir wissen, daß eine grausame, brutale, rücksichtslose, aggressive, imperialistische Macht den Willen hat, uns in die Knie zu zwingen, und ich wiederhole: wir haben nein gesagt, wir werden wieder nein sagen, und wir werden nein sagen, solange ein Atemzug in uns lebendig ist … Dieser unser Kampf um Berlin, er ist ein Kampf nicht nur um Berlin, er ist ein Kampf um Europa, und auf uns, auf das Schaufenster der demokratischen Freiheit, schauen die Völker auch im Osten.

Ernst Reuter (1889 – 1953), SPD, am 26. August 1948, auf den Tag genau heute vor 70 Jahren.