A N A B A S I S

Thalatta ! Thalatta !

Mephisto an Serapion

Mir gegenüber am sogenannten Band, also diesem riesigen Arbeitstisch, schuftete im Zuchthaus Brandenburg der Rainer bei der deutschen demokratischen Zwangsarbeit. Er mochte etwa Mitte dreißig sein und war wegen Militärspionage zu siebeneinhalb Jahren Freiheitsentzug verurteilt worden. Seine Frau hatte man zu drei Jahren Haft verurteilt und auf die Burg Hoheneck gebracht. Ihre beiden Kinder, zwei Jungen, der ältere war vielleicht zwölfjährig, hatte man in ein sozialistisches Kinderheim gesteckt. Doch der Zwölfjährige war von dort ausgebrochen. Er hatte sich ganz allein durchgeschlagen zu den über achtzig Kilometer entfernt auf einem mecklenburgischen Dorf lebenden Eltern seines Vaters. Dadurch hatten die überhaupt erst erfahren können, wohin ihre Enkel verschleppt worden waren. Sie schafften es, auch den jüngeren, achtjährigen Sohn herauszupressen aus der Abrichtung zum Untertanen. Sie konnten es sogar noch durchsetzen, beide Kinder zu sich nehmen zu dürfen.

Ich erlebte es, als sein Vater starb, brachte man nicht die elementare Menschlichkeit auf, Rainers demütiges Gesuch um Teilnahme an der Beisetzung zu bewilligen.

Auch mit Rainer lernte ich einen sehr interessanten Menschen kennen. In seinem früheren Leben war der Rainer einerseits Sicherheitsinspektor in einer bedeutenden musealen Einrichtung des Staates gewesen. Andererseits jobbte er an Wochenenden in einer Tankstelle. Und notierte sich die Nummern von Fahrzeugen der Geheimpolizei. Einerseits war Rainer Mitglied der atheistischen Sozialistischen Einheitspartei Ostdeutschlands, der Partei mit der einzig richtigen, der wissenschaftlichen Weltanschauung. Andererseits hatte er sich als tiefgläubiger Mensch den Baptisten angeschlossen. Beiden Seiten verschwieg er die andere Mitgliedschaft.

Mir verkörperte Rainer in gewisser Weise die auf die Spitze getriebene Typisierung des DDR-Bürgers.

Doch warum notierte er sich die Autonummern der Geheimpolizei? Weil, Rainer wollte mit seiner Frau und den Kindern weg aus der Deutschen Demokratischen Republik. In der er sich, zum Beispiel in religiöser Hinsicht, unterdrückt fühlte. Er wollte in die Bundesrepublik, er wollte im anderen Teil Deutschlands leben. Aber wie? Als Sicherheitsinspektor konnte er keinen Ausreiseantrag stellen. Das heißt, ihn stellen, hätte er schon können. Aber als hochintelligenter Mensch rechnete er sich sogar Schlimmeres aus als keine Chance für eine Bewilligung seines Antrages. In seiner Verzweiflung war er nun der Idee verfallen, an die andere Seite des besseren Deutschlands heranzutreten und dabei vermeintlich wichtige Informationen anzubieten. Mit der Bitte um Unterstützung bei der Übersiedlung für sich und seine Familie.

Also unternahm er mit dem Auto eine Ferienreise nach Prag, samt Frau und Kindern. Dort suchte er die bundesdeutsche Botschaft auf, übergab die Liste mit den Autonummern und bat um Hilfeleistung für seine Bemühungen um Entlassung aus der ostdeutschen Staatsbürgerschaft.

Mich wunderte, daß Rainer nicht gleich bei der Rückreise verhaftet worden war. Doch sie kamen gut zu Hause an, und Rainer setzte seine Inspektionstätigkeit anscheinend unbehelligt fort.

Nun besaß seine Frau aber noch eine verheiratete Schwester, und diese und ihr Mann mochten ebenfalls nicht länger in dem Deutsche Demokratische Republik genannten Polizeistaat auf deutschem Boden weilen. Zum Zwecke des Abhebens hatten sie sogar ein Flugzeug konstruiert und eigenhändig zusammengehämmert. Während meines Verbrecherlebens war ich Ballonbauern, Taucherausrüstungsbauern und U-Bootbauern begegnet. Alles kluge Leute und geschickte Bastler, die meisten hinter Gittern. Und zwar weil sie unter schwierigsten Bedingungen ihre Maschinen heimlich und findig für eine einzige, alles entscheidende, lebensgefährliche und lebensverändernde Reise erbaut hatten. Doch ausgerechnet die war illegal. Also intelligente sensible Menschen fühlten sich in dem Staat, dessen Eingeborene über all die Jahrzehnte, ohne die Wahlkabine auch nur zu betreten, zu anscheinend neunundneunzig zwei drittel Prozent ihre Stimmzettel für die Kandidaten der Nationalen Front entgegennahmen, vor aller Augen zusammenfalteten und in die Urnen warfen, sich offenbar derart unwohl, daß sie alles daransetzten und unter bedrohlichen Umständen konspirativ komplizierte Ausbruchswerkzeuge erdachten und zusammenleimten, um unter Lebensgefahr zu fliehen aus der angeblich besten aller Welten, aus der Krönung der Menschheitsgeschichte. Warum also nicht auch mal Flugzeugbauer? Im Privatleben war man Zierfischhändler.

Besagter Schwager befand sich ebenfalls in Brandenburg, allerdings in einem anderen Arbeitskommando. Ich sah ihn beim Gottesdienst. Die Schwägerin weilte inzwischen, wie ihre Schwester, auf Burg Hoheneck. Denn als das Fluggerät fertig war, hatte man vor dem Jungfernflug, der gleichzeitig der einzige Flug der Maschine werden sollte, erst noch einiges überprüfen müssen. Rainer und seine Frau unterstützten tatkräftig den Zierfischhändler und seine Frau beim Auf- und Abbau des Apparates. Bei jenem letzten Countdown waren die beiden Ehepaare dann plötzlich verhaftet worden. Vor Gericht erklärten Sachverständigengutachten ihre Maschine für „voll flugfähig“.

„Weißt du“, erzählte Rainer mir, „wenn bei der Stasi Besuchszeit war, wenn meine Frau und ich uns endlich wiedersahen, dann haben sie uns das vorher nie gesagt. Immer wurde einer von uns durch die Gänge in einen Raum geführt, und dann ging die Tür auf, und da saß der andere schon mit dem Vernehmer am Tisch. Und dann saßen wir uns urplötzlich gegenüber, auf jeder Seite ein Vernehmer, und wir konnten uns nie etwas sagen. Weil wir nur geweint haben! Dann war die halbe Stunde vorbei, und wir wurden wieder abgeführt. Nicht ein einziges Mal hat man uns vorher gesagt, daß wir uns jetzt wiedersehen würden.“

In Brandenburg, im Strafvollzug, betraf es nicht wenige, bei denen gleichzeitig weibliche Familienangehörige im Zuchthaus Hoheneck inhaftiert worden waren. Zum überwiegenden Teil handelte es sich bei dieser Familienhaft wohl eher um ein Merkmal politischer Gefangener. Da sahen sich die Ehepaare alle halbe Jahre einmal. Nach meiner Erinnerung war das so geregelt: Während eines Kalenderjahres ging einmal ein Transport mit Ehemännern nach Hoheneck und einmal ein Transport mit Ehefrauen nach Brandenburg. Besuchszeit jeweils eine Stunde. Bei aller Großzügigkeit, selbstverständlich mußten die Transportkosten zuvor von den Gefangenen erarbeitet werden. Sie wurden im voraus vom Verdienst abgezogen. Mein Verdienst während der Akkordarbeit für den VEB ELMO Wernigerode (ELMO für Elektromotoren) betrug, in einer besonderen Währung, 14 bis 16 Knastmark im Monat. Plus kostenfreier sogenannter Nichtarbeiterverpflegung plus mietfreiem Wohnen! Von meinem Lohn bezahlte ich mit monatlich 12 Knastmark meinen täglichen Viertelliter Milch, den ich einem Schweißer abkaufte. Die Schweißer erhielten pro Tag einen Viertelliter Milch.

Und natürlich und voller Wonne wurde der Besuch bei der kleinsten Unbotmäßigkeit abgebrochen. Einmal war zum Entsetzen aller Anwesenden, wie man mir berichtete, von den sogenannten Wachteln eine vor Schmerz schreiende Gefangene aus Hoheneck an ihren Haaren aus dem Besuchsraum herausgezerrt worden, wegen irgendeines Fehlverhaltens, eines angeblichen Fehlverhaltens. Der Besuch war beendet, bevor die ersten fünf Minuten vorbei waren. Dieses lehrt, wie man Verbrecherinnen zu vernünftigen Staatsbürgern „erzog“.

Ich saß auf meinem angeketteten Hocker am Ende des Bandes. Oder an seinem Anfang. Zwischen den beidseitigen Bändern jener enormen Werkhalle befand sich rechts neben mir der Gang zu der unmittelbar hinter meinem Arbeitsplatz gelegenen Materialausgabe. Auf meiner linken Seite, aber am anderen Ende des Bandes, an der Hallenwand, arbeitete Öli. Ein dunkelhaariger, ruhiger, stets freundlicher und hilfsbereiter Mann. Öli hatte das Urteil „lebenslänglich“. Es stand zu vermuten, daß der staatliche Zorn ihn nie wieder herauslassen werde. Was hatte Öli getan? Er war zum Wehrdienst eingezogen worden. Und Öli war Katholik und hatte eines Tages seinen Vorgesetzten um die Erlaubnis eines sonntäglichen Freigangs ersucht, um an einem Gottesdienst teilnehmen zu können. Dies hatte man nicht nur abschlägig beschieden, sondern obendrein hatte man ihn unsäglich zu drangsalieren begonnen und ihn der Truppe zur allgemeinen Quälerei ausgeliefert. Kollektiverziehung. Denn dazu waren sie ja da, die Kollektive. Das hatte er nicht lange ausgehalten. Er war gerade dabei gewesen, den letzten Grenzzaun zur Bundesrepublik zu überklettern. Er hing bereits in den Drähten, als er unmittelbar hinter sich plötzlich das wohlbekannte Entsicherungsklicken einer Kalaschnikow vernahm. Nach einer Schrecksekunde sprang er kurzentschlossen rückwärts und landete tatsächlich auf einem um sich schlagenden Grenzer. Ich weiß nicht mehr die näheren Umstände, ob es sein Patrouillen-Begleiter war. Jedenfalls löste sich in dieser Gemengelage mindestens ein Geschoß und verletzte den Grenzer im Bauch. Öli hätte nun freie Bahn in den Westen gehabt. Doch Öli rannte in die andere Richtung und holte Hilfe.

Die Hilfe kam zu spät.

Öli erzählte mir, sie hätten ihn ein halbes Jahr lang gezwungen, in einer fensterlosen Zelle von morgens bis abends in vorgeschriebener Haltung an einem Tisch zu sitzen. Außer zu der zu erbittenden Verrichtung der Notdurft und zum Essen habe er sich nicht rühren dürfen. Das war durch einen Posten minutiös überwacht worden.

Öli, und das nahm ihm niemand übel, versuchte sich mit den Wärtern im Zuchthaus gut zu stellen. Öli im Zuchthaus und seine Eltern draußen kämpften inbrünstig darum, sein Lebenslänglich in eine Zeitstrafe umzuwandeln. Bisher vergeblich. Zu meiner Zeit freute Öli sich dennoch. Er hatte nämlich eine Schwester. Die hatte er noch nie gesehen. Aber sie schrieb ihm und war mittlerweile vierzehn. Und sie wollte ihren Bruder besuchen kommen. Und dieser Besuch schien gestattet zu werden. Es gab Hinweise, Anzeichen und Hoffnung auf Aussichten.

Wenn ich meine Maschine fertig gewickelt hatte, winkte ich immer den „Stempler“ heran, der mit Hammer und Prägemeißel durch einen kräftigen Schlag auf den „Ständer“ des Elektromotors ihn in seiner speziellen Wicklungsart kennzeichnete. Der Stempler war ein untersetzter Mann, neben „Kommunistenwilhelm“ einer der beiden einzigen Zeitlöhner mit einem politischen Paragraphen in der Halle. Denn er war unfähig, im Akkord zu arbeiten, aus gesundheitlichen Gründen. Einst sollte der Mann auch ein paar Zentimeter größer gewesen sein. Aber infolge einiger Schußverletzungen im Rückgratsbereich war er aus seinem natürlichen Wuchs sozusagen zusammengestaucht worden. Und zwar hatten er und seine Frau ihre beiden Kinder in ihrem Skoda auf der Rückbank verstaut und waren mit dem Fahrzeug in vollem Tempo auf die Paßkontrolle zugerast, an einem Grenzübergang Richtung Westen, ich glaube in der ČSSR, ohne sich durch etwaige Haltesignale oder Drohgebärden abbringen zu lassen vom Druck auf das Gaspedal. Selbst nicht, als in ganzen Feuerstößen scharf und gezielt auf sie geschossen worden war. Und solange nicht, bis vor ihnen aus der Betonpiste plötzlich eine künstliche Barriere aufstieg, gegen die sie unrettbar prallten. Auch die Frau des Stemplers soll schwer verletzt worden und in ihrer Körpergröße merklich reduziert worden sein. Ihre Kinder wenigstens blieben unverletzt. Ihre Kinder hatte man ihnen weggenommen.

Links neben mir arbeitete ein Mann, den alle nur mit seinem Spitznamen „Fichte“ anredeten. Die Namensgebung sollte zurückgehen auf den alten Arbeitersportverein „Fichte“. Zum einen weil Fichte sonntags auf dem Pausenhof im weißen Unterhemd einige Turnübungen betrieben hatte. Zum anderen weil Fichte als vielleicht Sechzigjähriger seinen Mitgefangenen als uralter Mann galt. Fichte war ein Bankknacker der alten Schule. Das heißt ein Bankknacker, der lieber filigran mit Intelligenz und Werkzeug Tresore knackte als mit Sprengstoff. Und der seiner Intelligenz zum Trotz nun bereits mehr als die Hälfte seines Lebens hinter Zuchthausmauern verbracht hatte.

Du wirst fragen, ein Bankknacker im Sozialismus?

Seine besten Dinger hatte er freilich im Westen gedreht. Er stand eher auf harte Währung. Aber als ihm dort eines Tages der Boden unter den Füßen zu heiß wurde, weil seine Verfolger ihm unmittelbar auf den Fersen waren, er anderweitig jedoch nicht mehr wegkonnte, meldete es sich kurzentschlossen an der Grenze des besseren Deutschlands. Mit der Anfrage, ob sie ihn nähmen. „Die haben mir tatsächlich erklärt, wir hätten ja dasselbe Ziel: ‚Auch wir kämpfen gegen das kapitalistische Bankkapital!'“

So konnte er sich dem Würgegriff der kapitalistischen Ausbeuter entziehen und als unbescholtener Staatsbürger in der Ost-Berliner Halbstadt Restpreußens und Sachsens siedeln. „Ich wollte ja, sobald sich drüben die erste Aufregung gelegt hätte, wieder zurück. Und nach Südamerika. Die Vorbereitungen waren gerade angelaufen, da haben sie plötzlich die Mauer hochgezogen!“

Aktuell hatten sie ihm fünfzehn Jahre verpaßt: „Lebend kommen Sie hier nicht wieder raus!“

Eines Nachts auf der Straße hätten bestimmte Typen seine Freundin belästigt, er wäre hinzugeeilt. Das hätte zu Handgreiflichkeiten geführt. Schließlich hätte er sich nicht anders mehr zu helfen gewußt, als seinen Revolver zu ziehen. Einer der Angreifer wäre verletzt worden mit einem glatten Wangendurchschuß. Und allein dies, in Verbindung mit seinem Waffenbesitz, hätte vor Gericht gegolten.

Daß Fichte als gefährlich galt, konnte ich schon daraus erkennen, daß er beim Besuch seiner über achtzigjährigen Mutter den „Sprecher“ nur hinter Glas erhielt. Und daß er sich sogar einer Einzelzelle erfreute. Bis auf die unvermeidliche Zwangsarbeit wollte man ihn lieber nicht mit anderen Gefangenen zusammensperren. Mit all seiner Erfahrung aus West- und Ostknästen war er extrem schlau im Dinger drehen und genoß unter den Gefangenen den gebührenden Respekt.

Für mich war es ein Glück, ihn neben mir zu haben. Wir mochten uns. Und wir konnten über viele Dinge sprechen und langweilten uns nie während der eintönigen Arbeit. Mitunter forderte ich ihn heraus zu einem Knastvergleich zwischen den verschiedenen Systemen. Fichte erzählte. Häufig schwärmte er zum Beispiel, daß es im Westknast einen sogenannten Lesezirkel gebe: „Also, du brauchst dir die Zeitschriften nicht zu kaufen! Du kriegst was du willst. Wenn du etwas ausgelesen hast, gibst du es weiter. Dadurch kannst du praktisch umsonst lesen! Was du willst! Stell dir das mal vor, du sitzt im Knast und hast Zeit und kannst lesen!“

Mit verfänglichen Themen wie Systemvergleichen reizte ich ihn jedoch nicht zu oft. Denn vor allem in der Hitze des Sommers, bei einer Temperatur von 35° in der unbelüfteten Werkhalle, geschah es leicht, daß Fichte sich beim Vergleichen in eine unbändige Wut, ja in Tobsucht hineinsteigerte. Mich beschlich die Angst, ihn werde noch der Schlag treffen: Was sie hier mit den Menschen machten! Das habe er nirgendwo erlebt! Diese Zwangsarbeit! Diese einzigartige Szenerie mit den Schwulen! Überall gebe es Schwule, aber was die „Stasi“ hier heranzüchte, solche Schweinerei gebe es nirgendwo anders! Und wie sie absichtsvoll die Menschen quälten! Von staatswegen quälten! Diese Primitivität! Diese Degenerierung! „Guck dir doch an, wie sie sich hier in dem Dreck rumwälzen und sich die Schädel einschlagen und in die Ärsche ficken! Wir sind es doch hier, die nicht mehr als normal gelten! Diese Unmenschlichkeit! Diese Scheißkommunisten!“

Und an diesem Punkt brach es dann aus ihm hervor: Diese verfluchten Amis! Die haben nicht durchgesehen! Die hatten fünfundvierzig als erste und einzige die Bombe! „Kannst du mir sagen, warum sie erst gewartet haben, bis auch die Russen ihre Bombe fertig hatten? Sag es mir! Das war doch absehbar! Warum haben die Amis Moskau nicht sofort bombardiert? Die Amis hätten Moskau sofort bombardieren müssen! Dann wäre uns das hier erspart geblieben! Wie kann man all die Menschen an die Russen ausliefern! Wie kann man solche Schweinerei zulassen!“

Zum ersten Mal erlebte ich es, wie einem Menschen Schaum vor seinen Mund trat! Der troff auf die Maschine im Schraubstock unter ihm.

Was mich zusätzlich erschütterte: Früher hatte mein Freund Lutz mich bisweilen mit illegaler Literatur versorgt, mit Biermanns „Drahtharfe“ und seinen „Mit Marx- und Engelszungen“, mit Orwells „Neunzehnhundertvierundachtzig“ und der „Farm der Tiere“, aber auch mit aufregenden Schriften des polnischen Systemkritikers Jacek Kuroń. Ebenso hatte er mir Solschenizyns „Archipel Gulag“ zugetragen. Und darin war ich auf eine Stelle gestoßen, bei der sich in den sowjetischen Straflagern die Gefangenen wünschten, die Amerikaner mögen die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken endlich bombardieren mit samt ihren Arbeitslagern. Damit ihr Leiden ein Ende habe…

Doch bei aller Mühe, immer ließ es sich nicht vorhersehen, wann Fichte in Rage gerate. Einmal versuchte ich mit ihm ein Gedankenexperiment zu starten über das Thema: In der DDR kämen vernünftige Leute an die Macht und wollten die Mauer einreißen. Das hatte ich einst auch mit meinem Freund Lutz erörtert, während unseres Physik-Studiums an der Humboldt-Uni, im Anschluß an eines jener obligatorischen Marxismus-Leninismus-Seminare bei Frau Professor Pomp. Wie sollte man das denn guten Willens zuwege bringen? Von einem Tag auf den anderen, gewissermaßen über Nacht zu erklären, die Mauer sei weg, ihr könnt euch frei bewegen, diese Vorgehensweise war uns völlig unmöglich erschienen. Da liefen alle ja schlagartig davon, weil sie das für eine einmalige Gelegenheit hielten. Zumal die Maueröffnung ja organisiert werden müßte und sich also kaum zur Gänze geheimhalten ließe. Es müßte ja zuvor auch ein innerer Wandel stattfinden, der das Leben in dem Zwergstaat lebenswert erscheinen ließe. So daß Auswanderung an Attraktivität verlöre. Indem die Menschen vergleichbare Lebens und Entfaltungsmöglichkeiten wie im Westen erhielten.

Au contraire aber nach und nach und Stück für Stück die Mauer abzutragen, wie sollte das praktikabel sein? Man könnte den Menschen die Freizügigkeit kaum scheibchenweise zurückerstatten. Wie sollten die Menschen solchem Frieden trauen nach alldem? Warum sollten sie glauben, daß es nicht doch wieder anders käme? Daß die Grenzen nicht doch wieder geschlossen würden. Noch dazu wenn mehr und mehr von ihren genehmigten Westaufenthalten nicht zurückkehrten und jeder, einem ausgeleierten und damals dennoch ewig aufgewärmten und heute seltsamerweise extrem vergessenen Witz zufolge, Angst bekäme, schließlich zum Der Doofe Rest gehören zu müssen?

Als ich mit Fichte, es war dummerweise wieder sehr heiß in der Halle, darüber sprach, was wäre, wenn es die Mauer nicht mehr gäbe, begann der sich schon nach kurzer Zeit unaufhaltsam aufzupumpen. Er war einfach nicht mehr zu bremsen in seinem Toben, und schon bald trat ihm wieder der Schaum vor den Mund: Wenn die Mauer weg wäre? Was aus diesen Eingesperrten hier werden soll? „Guck sie dir doch an! Die vertragen die Freiheit doch überhaupt nicht! Die wissen doch gar nicht, was Freiheit ist! Das haben die doch noch nie erlebt! Guck sie dir an! Das sind doch alles Zootiere! Die haben doch Angst vor der Freiheit! Weißt du denn nicht, was passiert, wenn man Zootiere in die freie Wildbahn setzt? Wenn man Käfigtiere auswildert? Das weiß man doch! Die gehn doch ein wie die Primeln, wenn man sie freisetzt! Die überleben doch die Freiheit nicht! Die haben doch keine Chance! Die wolln doch zurück in ihren Käfig! Ja!! Die haben Angst! Die rennen zurück in den Zoo! Damit der Wärter sie füttert! Die sind doch armselig! Guck sie dir doch an, diese armseligen Nillen!“

Auf der anderen Seite unseres Bandes, etwas entfernt vom Rainer, wickelte der vielleicht zwanzigjährige rotblonde Ritterrüstungsverehrer seine Elektromotoren. Er schlief in meiner Zelle unter mir. Der Rotblonde schwärmte, wie es manchmal zehn- bis zwölfjährige Jungen mögen, von mittelalterlichen Ritterheeren und -schlachten. Nichts Konkretes, keine historischen Fakten oder Personen, Begriffe oder soziale Umstände. Stets ging es lediglich um die Frage der Verwundbarkeit oder besser Unverwundbarkeit eines Mannes in Rüstung. Er stellte sich einen geschickten Ritter in seiner Rüstung als unverwundbar vor. Er begeisterte sich daran, unverwundbar sein zu können. Er hatte zwei Halbwüchsige umgebracht. Er hatte sie gefesselt, mit Benzin übergossen und lebendig verbrannt. Zuvor hatte er von der SS gehört oder einen Film über die SS gesehen und nun SS-Mann spielen wollen. Dafür hatte er acht Jahre bekommen und anschließend die lebenslange Einweisung in eine psychiatrische Klinik.

Links neben ihm in der Werkhalle hatte bis vor kurzem der „Sechsfachmörder“ gesessen. Der Mann, Mitte vierzig, hatte selbst einige Verwandte nicht verschont und jedes seiner Opfer dann mit scharfer Säge zerteilt und unauffindbar beseitigt. Ihm war man nie auf die Spur gekommen. Bis er den Entschluß faßte, selbst aus dem Leben zu scheiden. Aber auch dann würde man ihn nicht überführt haben, hätte er vor dem beabsichtigten Suizid nicht erst noch einen seine Untaten schildernden Abschiedsbrief verfaßt. Und ausgerechnet der Selbstmord mißlang! Man entdeckte und wiederbelebte ihn. Man holte ihn ins Leben zurück, um ihn zur lebenslänglichen Strafe zu verurteilen. Inzwischen jedoch war der Mann in der Zuchthaushierarchie aufgestiegen. Er arbeitete heftig an seiner Karriere und brauchte hinfort nicht länger im Akkord zu schuften.

„Jeder Mörder ist uns lieber als ein Staatsfeind!“, hatte der Oberleutnant Schleh. mich einmal angeschrien beim Lohnempfang. Der Schichtleiter in der Halle war ein Doppelmörder.

Seit kurzem saß auf dem Hocker, dem ehemaligen Platz des „Sechsfachmörders“, ein Neuzugang. Mit seiner Haftstrafe von gerade einmal zweieinhalb Jahren hatte er meinen Rekord als „Kurzstrafer“, nämlich als Gefangener mit dem geringsten Strafmaß in der Halle und im ganzen Haus 1, unterboten. „Über“ mir beim Strafmaß war es erst wieder losgegangen mit „Kommunistenwilhelm“. Der hatte doppelt soviel wie ich, der hatte acht Jahre Zuchthaus.

Jener Neuzugang, ein etwa fünfundvierzigjähriger Mann, war ein „Ausreiser“. Wie der Hans, der mit seiner Familie nach England wollte, und den ich immer nur kurz kennenlernte, weil er unermüdlich zurück in Arrest oder Isolationshaft weggesperrt wurde, hieß der Neue ebenfalls Hans. Versuchte „Republikflucht“. Das hatte ich immer für eine bizarre, eine zumindest bedenkenswerte Wortbildung gehalten. Insbesondere für Menschen, die in die Bundesrepublik wollten. Im Französischen existierte gar kein Wort für „Republikflucht“. Stattdessen nur Umschreibungen. Und vor 1945, hatte meine Mutter mir erzählt, sollte es „Reichsflucht“ geheißen haben. Aber erst nach 1933. Ins Gespräch war ich mit dem neuen Hans noch nicht gekommen. Bisher hatte ich ihn nur einmal vom Eisenbahnmodellbau schwärmen hören.

Es geschah in der Werkhalle zu einer jener extremen Unzeiten der Frühschicht, also noch lange vor Morgengrauen, als nach einem kurzen Wortwechsel mein rotblonder Zellengenosse den Hans plötzlich von hinten in den Schwitzkasten nahm und ihn würgend vom Hocker auf die Stahlfliesen des Hallenbodens zerrte. Dort wälzten sie sich herum, doch der Ritterrüstungsverehrer behielt die Oberhand. Alles war sekundenschnell gegangen und hätte nun vorbei sein können, so wie es täglich geschah. Normalerweise schlugen sie sich im Essensaal aus Eifersucht um einen Bettgenossen oder in der Halle um Werkzeuge oder Material, um eine rare Drahtsorte vielleicht, aus Angst, die Norm nicht zu schaffen. Damit wenigstens einer von zweien seine Arbeit fortführen könnte. Ächzend wälzte man sich auf den Beton-oder Stahlplatten des Bodens, stieß sich in die Genitalien oder versuchte, sich die Augen auszukratzen. Man biß, bespie und berotzte sich, um die Norm erfüllen zu können. Der ideale sozialistische Wettbewerb! Dennoch hatte einer der Zivilmeister aus dem VEB ELMO Wernigerode schon mal durch die Halle gebrüllt: „Rottweiler sollte man auf euch hetzen! Dann würdet ihr wenigstens arbeiten!“

Und, ebenfalls anläßlich eines monatlichen Lohnempfangs, hatte mich, weil ich die Norm wieder nicht erfüllt hatte, jener gesichtszerfurchte Oberleutnant Schleh. vor sich stramm stehen lassen, um mich in Ruhe einmal ausgiebig anbrüllen zu können: „Sie!! Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen! Die Zeit wird kommen, dafür sorgen wir! Laufen sie ab!“

Obwohl ich trotz der Akkordarbeit sowieso nur noch die sogenannte Nichtarbeiterverpflegung erhielt.

Nach zwei, drei unbarmherzigen Faushieben des Rotblonden leistete Hans keine Gegenwehr mehr. Ja, er rührte sich nicht einmal. Mein Zellengenosse erhob sich geradezu geschmeidig, lief ein paar Schritte beiseite, als wolle er sich die Beine vertreten, kehrte jedoch urplötzlich zurück, holte aus und trat mit aller Kraft gegen den Schädel des noch immer am Boden Liegenden. Wie als würde er wütend einen Ball wegschießen wollen. Mit Mordlust in den Augen. Wo hatte er in Brandenburg bloß dieses derbe Schuhwerk her? Zum ersten Mal, wie mir auch andere Gefangene später versicherten, hatten wir ihn in diesen stabilen Schuhen gesehen.

Noch lange Zeit später, bis heute, wenn ich die Augen schließe, sehe ich nicht die geringste Spur von Blut. Aber überdeutlich sehe ich: Die Stirn von Hans wölbt sich nach innen!

Hans kam ins Häftlingskrankenhaus und wurde nicht wiedergesehen. Gerüchte besagten, er habe überlebt. Der Unverwundbarkeitsträumer wurde zu einem Jahr „Nachschlag“ verurteilt, zusätzlich zu seinen acht Jahren Zwangsarbeit. Die anschließende Überweisungsverfügung in eine geschlossene Anstalt blieb bestehen. Das erfuhren wir unter der Hand. Es war nicht zu merken, daß ein Verfahren stattgefunden hatte. Zeugen wurden nicht gesucht, und er wickelte Elektromotoren wie eh und je und schwärmte von Ritterrüstungen, als wäre nichts geschehen.

 

 

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