A N A B A S I S

Thalatta ! Thalatta !

Mephisto an Bellarmin

Und täglich gibt es neue Rekorde. Und wir können sagen, wir sind dabeigewesen. Bei Taten, die die Menschheit braucht. Nach denen, wie man uns sagt, wir uns schon immer gesehnt haben. Vor ein paar Tagen erst war wieder jemand aus dem erdnahen All auf unseren Planeten zurückgesprungen und hatte erneut die Schallmauer durchbrochen und hatte den Rekord des ersten Allspringers, des von einer Getränkemarke bezahlten, um ein paar Höhenkilometer noch übertroffen. Also des ersten Helden Unsterblichkeit wurde noch zu dessen eigener Lebenszeit beerdigt. Einfach toll! Noch dazu betont darauf verwiesen wurde, daß der zweite Held trotz verlockender Angebotslage sich nicht habe von derselben Getränkefirma bezahlen lassen. Vermutlich konnten die Rechnungen aus eigener Portokasse beglichen werden. Edelmütig, edelmütiger, am edelmütigsten. Uneigennützig, uneigennütziger, am uneigennützigsten. Ich kann nichts dagegen tun, mir kommt bei solchen krampfartigen Verrenkungen immer Kästners „Handstand auf der Loreley“ in den Sinn:

Der Handstand auf der Loreley

(Nach einer wahren Begebenheit)

Die Loreley, bekannt als Fee und Felsen,

ist jener Fleck am Rhein, nicht weit von Bingen,

wo früher Fischer mit verdrehten Hälsen,

von blonden Haaren schwärmend, untergingen.

Wir wandeln uns. Die Schiffer inbegriffen.

Der Rhein ist reguliert und eingedämmt.

Die Zeit vergeht. Man stirbt nicht mehr beim Schiffen,

bloß weil ein blondes Weib sich dauernd kämmt.

Nichtsdestotrotz geschieht auch heutzutage

noch manches, was der Steinzeit ähnlich sieht.

So alt ist keine deutsche Heldensage,

daß sie nicht doch noch Helden nach sich zieht.

Erst neulich machte auf der Loreley

hoch überm Rhein ein Turner einen Handstand!

Von allen Dampfern tönte Angstgeschrei,

als er kopfüber oben auf der Wand stand.

Er stand, als ob er auf dem Barren stünde.

Mit hohlem Kreuz. Und lustbetonten Zügen.

Man frage nicht: Was hatte er für Gründe?

Er war ein Held. Das dürfte wohl genügen.

Er stand, verkehrt, im Abendsonnenscheine.

Da trübte Wehmut seinen Turnerblick.

Er dachte an die Loreley von Heine.

Und stürzte ab. Und brach sich das Genick.

Er starb als Held. Man muß ihn nicht beweinen.

Sein Handstand war vom Schicksal überstrahlt.

Ein Augenblick mit zwei gehobnen Beinen

ist nicht zu teuer mit dem Tod bezahlt!

P.S. Eins wäre allerdings noch nachzutragen:

Der Turner hinterließ uns Frau und Kind.

Hinwiederum, man soll sie nicht beklagen.

Weil im Bezirk der Helden und der Sagen

die Überlebenden nicht wichtig sind.

ERICH KÄSTNER (1899 – 1974)

Im übrigen bin ich der Meinung, daß der Westen nicht immer wieder denselben Fehler machen und Äußerungen der russischen Seite, insbesondere Putins, geschichtsvergessen und großhirnamputiert von ihrem bloßen semantischen Gehalt nehmen sollte. Der Westen krankt seit eh und je daran, der russischen Seite in ihrer Denk- und Handlungsweise dieselbe aristotelische Logik zu unterstellen wie sich selbst. Dieses permanente Mißverständnis könnte sehr gefährlich werden und mindestens aber zu herben Enttäuschungen und bösem Erwachen führen. Wie jahrhundertlang immer wieder vorexerziert. Putin betrachtet jedwede seiner Einlassungen oder gar Zugeständnisse als Teil seiner Kriegführung gegen den Westen und jede Lüge als erlaubte List. In Rußland war und ist Lüge Staatsräson.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s