A N A B A S I S

Thalatta ! Thalatta !

Ein beängstigendes Beispiel

 

 

20. Februar 2021: Bellarmin an Mephisto

 

Donnerstag, 20. Februar 2020, Deutschlandfunk:

Nach Informationen aus Sicherheitskreisen veröffentlichte der mutmaßliche Täter wenige Tage vor dem Verbrechen ein Video bei Youtube, in dem er in fließendem Englisch von einer persönlichen Botschaft an alle Amerikaner spricht. In dem Video sagt der Mann, in den USA existierten unterirdische Militäreinrichtungen, in denen Kinder misshandelt und getötet würden. Dort würde auch dem Teufel gehuldigt. Amerikanische Staatsbürger sollten aufwachen und gegen diese Zustände jetzt kämpfen. Ein Hinweis auf eine bevorstehende eigene Gewalttat in Deutschland ist in dem Video nicht enthalten. Er behauptet auch, Deutschland werde von einem Geheimdienst gesteuert. Außerdem äußert er sich negativ über Migranten aus arabischen Ländern und der Türkei.

 

Donnerstag, 20. Februar 2020, TAGESSPIEGEL:

Der 43-Jährige war offenbar ein Einzelgänger. In seinem Manifest steht, er habe „ein Leben lang keine Frau/Freundin“ gehabt. Im Oktober 2000 habe er in Bayreuth ein Studium der Betriebswirtschaftslehre begonnen, „auch mit der Hoffnung, dort endlich eine attraktive Frau kennenzulernen“. Doch er habe sein „Liebesglück“ nicht gefunden. In Sicherheitskreisen heißt es, Rathjen sei ledig gewesen.

Der Mann ist deutscher Staatsbürger, wuchs in Hanau auf und machte dort Abitur. Im Manifest erwähnt er die Ausbildung zum Bankkaufmann. In der Zeit habe er einen Banküberfall erlebt. Rathjen beklagt zudem finanzielle Probleme in seiner Familie. Der Vater habe seinen Job als Niederlassungsleiter verloren, sei mehrere Jahre arbeitslos geblieben und habe danach „nie wirklich etwas Gleichwertiges mehr“ finden können.

Die Finanzierung des Hauses der Familie sei gefährdet. Der Vater müsse „als über 70-Jähriger“ immer noch einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen, da die Rente nicht reiche. Über die Mutter, die Rathjen ebenfalls erschoss, steht im Manifest nichts.

Rathjen war in einem Frankfurter Schützenverein aktiv. Er sei Mitglied im Schützenverein Diana Bergen-Enkheim gewesen, sagte Thilo von Hagen, Sprecher des Deutschen Schützenbundes (DSB), in Wiesbaden der Nachrichtenagentur dpa. Nach Angaben des Vereins war er ein „eher ruhiger Typ“, der in keiner Weise auffällig geworden sei.

„Er hat keinerlei ausländerfeindliche Sprüche geklopft“, sagte der Vorsitzende Claus Schmidt. Auch im Umgang mit Vereinsmitgliedern mit Migrationshintergrund habe Rathjen kein auffälliges Verhalten gezeigt.

Rathjen sei seit 2012 Mitglied bei Diana gewesen. Er habe mit eigenen Waffen geschossen, was aber üblich sei. Dass Tobias R. im Internet wirre Gedanken und abstruse Verschwörungstheorien äußerte, sei nicht bekannt gewesen. „Mit dem konnte man sich ganz vernünftig unterhalten“, sagte Schmidt.

In seinem Manifest äußert er sich auch über mehr als eine Seite zum Fußball: Er behauptet, ein guter Spieler gewesen zu sein und gibt dem Deutschen Fußball Bund (DFB) Strategietipps für die Nationalmannschaft.

Glaubt man dem Manifest, fühlte sich Rathjen schon als Kind von anderen Menschen überwacht. Als Erwachsener steigerte er sich in einen Verfolgungswahn hinein, offenbar parallel zu seinen Kränkungen. Dass er keine Frau fand, erklärte sich Rathjen mit dem Einfluss von Geheimdiensten. Während des Studiums hatte er beim Kontakt zu einer Kommilitonin „irgendwann den Verdacht“, deren Eltern würden ihn überwachen lassen.

Auch die Probleme seines Vaters führt Rathjen auf solche Machenschaften zurück. Zwei Geheimdienstmitarbeiter hätten den Arbeitgeber des Vaters dazu gebracht, die Kündigung auszusprechen. Im Manifest behauptet Rathjen sogar, er habe bei der Staatsanwaltschaft in Hanau und beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe Anzeigen eingereicht, weil er „in den Fängen einer Geheimorganisation war“.

Wie weit der Verfolgungswahn gediehen war, zeigt sich auch in Rathjens Video bei YouTube. Dort fantasiert er auf Englisch, in einem Appell an die Amerikaner, die USA seien unter Kontrolle unsichtbarer Geheimgesellschaften. Es gebe militärische Untergrundbasen, in denen dem Teufel gehuldigt und Kinder missbraucht und getötet würden.

Im Manifest steht zudem, die USA hätten die Anschläge vom 11. September 2001 „selbst ausgeführt“. Rathjen behauptet, die Menschheit werde „von einer ganz kleinen Elite für dumm verkauft, welche über ein Geheimwissen verfügt“. Amerikanische Staatsbürger sollten aufwachen und gegen diese Zustände „jetzt kämpfen“.

 

Freitag, 21. Februar 2020, Bild:

„Größenwahn ist sein Leitthema“, so Psychotherapeut Lüdke. „Verglichen mit Edward Snowden ist er nach eigener Meinung der Größere. Snowdens Enthüllungen bezeichnet er als ‚Kindergeburtstag’“.

Sein Leben unterteilt Rathjen in „zwei Abschnitte“. Zunächst habe er nur vermutet, dass er überwacht werde, später dann „volle Gewissheit“ erlangt.

Rathjen glaubte, ab dem „Tag meiner Geburt“ rund um die Uhr überwacht zu werden. Er beschreibt eine Stimme, die ihm im Alter von wenigen Tagen sagte, dass er „in die Falle gegangen“ sei. Später stellte er fest, „dass ich bereits mein ganzes Leben in den Fängen einer Geheimorganisation war“.

Geradezu skurril: Beim Schauen von Hollywood-Filmen habe er überlegt, wie man eine Serie daraus machen könnte – und ein paar Jahre später sei dann eine ähnliche Serie gedreht worden. Für den Terroristen genug Beleg, dass jemand seine Gedanken liest.

„Filme und Fußball waren offenbar seine großen Leidenschaften“, so Lüdke. „In aller Welt befasst man sich damit, aber er hat das auf sich bezogen. Und für sich hat er gesehen: Meine Ideen beschäftigen die ganze Welt.“

 

Freitag, 21. Februar 2020, FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG:

Wer war Tobias R., der in Hanau mutmaßlich zehn Menschen ermordete? Aus welchen Quellen speiste sich sein Weltbild, in wessen Namen glaubte er zu handeln? Ist er ein rechtsextremer Terrorist im konventionellen Sinn des Wortes, der aus blankem Fremdenhass eine Shisha-Bar und einen Kiosk zu seinen Zielen auserwählt hat? War er Teil eines Netzwerks, oder ist er ein sozial isolierter Einzeltäter, der sich in den finsteren Foren des Internets radikalisiert hat?

Bis diese Fragen endgültig beantwortet sind, wird es noch dauern – doch ein Video sowie mehrere Dokumente des Täters, die dieser Zeitung vorliegen, geben einige deutliche Anhaltspunkte. Eines der Dokumente kann man als Manifest und Abschiedsbrief bezeichnen; es ist 24 Seiten lang und enthält eine mäandernde Chronologie seines Lebens, die immer wieder von bizarren Exkursen zu Geopolitik, Militärstrategie, Wirtschaftsmacht und Filmbranche durchbrochen wird. Anschlagspläne werden darin nicht explizit angesprochen, wohl aber angedeutet, etwa, wenn es heißt, dass R. die Bestätigung seiner Thesen „nicht mehr miterleben“ können wird und dass ihm nichts anderes übriggeblieben sei, als so zu handeln, wie er es getan habe, „um die notwendige Aufmerksamkeit zu erlangen“.

Gleich zu Beginn des Manifests will R. jedoch etwas anderes klarstellen: „Im Mittelpunkt meiner Botschaft steht die Tätigkeit eines sogenannten ‚Geheimdienstes’“. Dieser überwache grundlos die Privatwohnungen Tausender Menschen in Deutschland; es gebe dort auch Mitarbeiter, „welche in der Lage sind, die Gedanken eines anderen Menschen lesen zu können und darüber hinaus fähig sind, sich in diese ‚einzuklinken‘ und bis zu einem gewissen Grad eine Art ‚Fernsteuerung‘ vorzunehmen“.

Die Vorstellung eines Geheimdienstes oder sonstiger dunkler Mächte, die ihn fernsteuern, ihm Gedanken eingeben und ihn überwachen, zieht sich in verschiedenen Abwandlungen durch das gesamte Dokument. Darin offenbart sich die Gedankenwelt eines Menschen, der zwar in zusammenhängenden Sätzen spricht, den jedoch augenscheinlich nur noch lose Fäden mit der Realität verbinden: So hätten ihm unbekannte Agenten Albträume eingespielt; nach dem Erwachen habe er dann intuitiv gewusst, dass die Vereinigten Staaten für den 11. September verantwortlich seien. Dieselbe Geheimorganisation transplantiere auch Filmkonzepte aus seinem Kopf in neue, real existierende Hollywood-Produktionen – er sei somit der unfreiwillige Ideengeber der Filmindustrie.

Breiten Raum nehmen seine Empfehlungen für eine erfolgreiche amerikanische Militärstrategie ein, die dringend notwendig sei, um sich gegen die aufstrebende Wirtschaftsmacht China sowie gegen Drogenschmuggel und illegale Migration aus Mexiko zu behaupten und die gewisse Überschneidungen mit der Politik des amerikanischen Präsidenten enthalten. Dass Donald Trump seine diesbezüglichen Empfehlungen wissentlich umsetze, bezweifelt Tobias R. allerdings, „da ich mir hier sicher bin, dass dies über die sogenannte Fernsteuerung funktioniert.“ Diese Auflistung von Bizarrem ließe sich lange fortsetzen und findet ihre Entsprechung in den anderen beiden Dokumenten, die sich mit militärischen Planspielen des Nahen Ostens sowie mit einer optimalen Trainingsstrategie für den Deutschen Fußballbund befassen. Trotz aller gebotener Zurückhaltung bei psychologischen Ferndiagnosen bleibt nach der Lektüre kaum Zweifel: Tobias R. war geistig krank.

Doch neben den unübersehbaren Anzeichen einer psychischen Erkrankung finden sich auch andere Passagen in seinem Manifest, die Aufschluss zu seinen Tatmotiven geben könnten. R. schildert ein Gespräch, das er im Jahr 1999 mit einem ehemaligen Kollegen aus seiner Banklehre geführt habe und das für ihn noch immer prägend sei. Dabei sei es unter anderem um „die Kriminalität, oder allgemeiner ausgedrückt, das schlechte Verhalten bestimmter Volksgruppen, nämlich von Türken, Marokkanern, Libanesen, Kurden, etc.“ gegangen. Er und sein Kollege hätten beide negative Erfahrungen mit Menschen aus diesen Gruppen gemacht, etwa „absichtlich provozierte Streitereien auf dem Nachhauseweg von der Schule oder dumme Anmachen in der Disko“. Das könne er zwar „aus heutiger Sicht mit Sicherheit als ‚harmlos‘ bezeichnen“, weil dabei niemand zu Schaden gekommen sei, aber aus dem Freundeskreis seien ihm auch schwerere Fälle von Ausländerkriminalität bekannt. Während seiner Ausbildung habe er zudem einen Banküberfall am eigenen Leib miterlebt; die Karteikarten potentieller Verdächtiger, die die Polizei ihm später präsentiert habe, hätten dann „zu ca. 90% aus Nicht-Deutschen“ bestanden, hauptsächlich aus Südländern und Türken. Daraufhin habe bei ihm ein „Erkenntnisgewinn“ eingesetzt: Die deutsche Kultur sei überlegen, eine Reihe anderer Völker bestehe hingegen aus minderwertigen Fortschrittsverhinderern, mit denen sich „das Rätsel“ der Suche nach den Ursprüngen des Universums nie werde lösen lassen; erst recht werde es mit diesen Völkern nicht gelingen, eine Zeitreise in die Vergangenheit zu unternehmen, unseren Planeten vor der Entstehung menschlichen Lebens auszulöschen und so rückwirkend auch alles menschliche Leid zu verhindern. Folglich sollten im Zuge einer ersten „Grob-Säuberung“ sämtliche Einwohner von 24 namentlich genannten Ländern getötet werden; darunter viele Staaten des Nahen und Mittleren Ostens einschließlich Israels sowie nordafrikanische und südostasiatische Länder.

Die Frage, ob R. ein Rechtsextremer mit psychischen Problemen war oder ein psychisch Kranker mit eher zufälligen Einsprengseln von Rechtsextremismus, wird in der Debatte über seine Tat absehbar eine zentrale Rolle spielen. Jedenfalls findet sich in den vormals auf seiner Homepage abrufbaren Dokumenten nichts, was sich als umfassende und kohärente rechte Ideologie bezeichnen ließe. Bezugnahmen auf politische Parteien, Autoren oder Ideengeber des rechten Spektrums fehlen vollständig, auf die deutsche Migrationspolitik wird kaum eingegangen. Auch die weiterführenden Links auf seiner Homepage verweisen nicht auf dezidiert politische Inhalte, sondern vielmehr auf Videos und andere Websites aus dem wahnhaft-verschwörungstheoretischen Spektrum, die um Themen wie Telepathie, Fernsicht, Gedankenkontrolle, Energieheilung und Entführung durch Außerirdische kreisen. In einem Video von sich selbst, das R. am 14. Februar 2020 auf Youtube hochgeladen hatte, richtet er sich schließlich an die Bürger Amerikas, die endlich aufwachen und Widerstand leisten müssten gegen die Geheimgesellschaften, die ihre Gedanken steuern und die in unterirdischen Militärbasen den Teufel anbeten und Kinder foltern und töten.

 

Freitag, 21. Februar 2020, Deutschlandfunk, über Äußerungen des ehemaligen Angehörigen der Antifa und gegenwärtigen Generalsekretärs der SPD, Lars Klingbeil, keine 24 Stunden nach dem Attentat in Hanau:

SPD-Generalsekretär Klingbeil hat vor dem Hintergrund des Anschlags erneut gefordert, die AfD vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen. … Es habe einer geschossen, aber es seien viele gewesen, die ihn munitioniert hätten. Und die AfD gehöre dazu.

 

Samstag, 22. Februar 2020, Deutschlandfunk:

Nach Hanau: Auch Grünen-Chef Habeck für Beobachtung der AfD durch den Verfassungsschutz

 

Samstag, 22. Februar 2020, Deutschlandfunk:

Politiker nach Hanau: „AfD-Funktionäre haben im öffentlichen Dienst nichts zu suchen“

 

Sonntag, 23. Februar 2020, WELT AM SONNTAG:

Weil der Hanauer Attentäter wahllos ihm unbekannte Menschen mit Migrationshintergrund ermordete und weil er in einem irren Manifest die Vernichtung ganzer Ethnien und Völker forderte, schien eine schlüssige Erklärungsformel gefunden zu sein: Der Mörder war ein Rassist, er gehörte zu jener Zone am rechtesten Rand, die in den organisierten oder den Individualterrorismus ausfranst. Dieser Erklärungsversuch hat paradoxerweise einen beruhigenden Effekt. Denn er scheint das Geschehen ‚erklären‘ und gesellschaftlich verorten zu können. Doch hilft dieses Bannen des Ereignisses wirklich weiter? War die Tat rassistisch oder Symptom einer paranoiden Psychose? Bei etlichen Amoktätern waren es psychische Erkrankungen. Nach allem, was bisher bekannt wurde, war der Hanauer Attentäter nie politisch aktiv, gehörte keiner politischen Organisation an. Er war ein Einzelner. Seine Verschwörungstheorie hat er sich ganz allein konstruiert, er brauchte keine AfD-Anregung dazu.

 

Dienstag, 31. März 2020, Deutschlandfunk:

BKA-Chef Münch stellt klar: „Anschlag von Hanau war rassistisch motiviert“

BKA-Präsident Münch hat klargestellt, dass seine Behörde den Anschlag von Hanau unverändert für rassistisch motiviert hält.

Das Bundeskriminalamt bewerte die Tat entsprechend, erklärte Münch per Twitter. Er wandte sich damit gegen Meldungen vom Wochenende über Erkenntnisse der Ermittler. Danach war der Täter nicht in erster Linie von einer rechtsextremistischen Gesinnung getrieben. Vielmehr habe er die Opfer ausgewählt, um möglichst große Aufmerksamkeit für seine Verschwörungstheorien über Geheimdienste zu erhalten. Rassismus sei nicht das Hauptmotiv gewesen, hieß es.

 

Dienstag, 16. Februar 2021, Deutschlandfunk:

Rassistischer Anschlag von Hanau: BKA warnt vor rechten Einzeltätern

Knapp ein Jahr nach dem rassistischen Anschlag in Hanau warnt das Bundeskriminalamt vor weiteren Taten. Der Präsident des BKA, Münch, sagte dem „Tagesspiegel“, die Polizei habe es zunehmend mit allein handelnden Tätern zu tun, die sich selbst radikalisiert hätten und irrational agierten. Der Bielefelder Konfliktforscher Zick hält die These des Einzeltäters dagegen für widerlegt.

Der rassistische Attentäter von Hanau sei gut im rechtsextremistischen Milieu vernetzt gewesen und habe sich dort radikalisiert, sagte Zick der Nachrichtenagentur epd.
Am 19. Februar vergangenen Jahres hatte ein Mann neun Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in der hessischen Stadt erschossen. Anschließend tötete er seine Mutter und sich. Die Bundesanwaltschaft attestierte dem Täter eine zutiefst rassistische Gesinnung.

 

Mittwoch, 17. Februar 2021, Deutschlandfunk:

Anschlag von Hanau: Mehr Einsatz gegen rechte Gewalt gefordert

Integrationsstaatsministerin Widmann-Mauz fordert zum ersten Jahrestag des Anschlags von Hanau mehr Einsatz im Kampf gegen rechte Gewalt in Deutschland. Die CDU-Politikerin sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe, die rassistischen Morde von Hanau verpflichteten uns alle, mehr zu tun. Jeder einzelne sei gefragt, klare Haltung zu zeigen und die Stimme gegen Hass und Gewalt zu erheben.

 

Freitag, 19. Februar 2021, NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG:

Der Todesschütze war psychisch krank. Er litt an einer paranoiden Schizophrenie, die diagnostiziert war, aber nicht behandelt wurde. Gegen Fremdenhass wenden sich viele Appelle – völlig zu Recht. Gibt es vergleichbare Initiativen, um Wahnzustände und Aggressionen besser zu erforschen? Um geistige und seelische Krankheiten zu erkennen, zu entstigmatisieren und zu therapieren?

 

Freitag, 19. Februar 2021, TAGESSPIEGEL:

Man ist in Deutschland relativ schnell bereit, zu nicken, wenn von strukturellem Rassismus die Rede ist, fast, als nehme man die Diagnose der Einfachheit halber an.

 

Samstag, 20. Februar 2021, FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG:

Der Mörder von Hanau war, nach allem, was man bisher weiß, ein Einzeltäter, der womöglich nicht schuldfähig war.

 

Samstag, 20. Februar 2021, WIESBADENER KURIER:

Es war im Vorfeld dieses 19. Februar viel die Rede vom Versagen des Staates. Zu viel. Es hat eine wahre Flut von Stellungnahmen von Verbänden und Parteien gegeben, die den Eindruck erweckten, Justiz und Polizei hätten Anteil an dem Attentat. Derartig schwerwiegende Vorwürfe mögen als gefühlte Wahrheit jener, die in der Nacht des Terrors Kinder und Geschwister verloren haben, noch halbwegs verständlich sein. Schwer erträglich sind sie, wenn sie vorgetragen werden von angeblichen Kronzeugen, die selbst auf Kriegsfuß mit Recht und Gesetz stehen.

 

 

‚Wahrheit‘ definieren wir mit Aristoteles als die Eigenschaft einer Aussage, die sagt, was ist. ‚Gewißheit‘, ‚Sicherheit‘, ‚Evidenz‘ bezeichnen psychische Zustände, in denen es einem Menschen mehr oder weniger unmöglich ist, eine bestimmte Überzeugung sinnvoll zu bezweifeln. Ganz offensichtlich haben diese beiden Eigenschaften (einmal einer Aussage, das andere Mal einer psychischen Befindlichkeit) kaum etwas miteinander zu tun. Entsprechend unterscheiden wir ‚Realität‘ als das von der Menge aller möglichen Aussagen Bezeichnete von ‚Wirklichkeit‘ als der Menge der individuellen oder kollektiven Überzeugungen, an denen ein Mensch, eine Gruppe oder eine Gesellschaft nicht sinnvoll zweifeln kann, ohne sich selbst radikal infrage zu stellen. Solches radikale Infragestellen wird über psychische und soziale Mechanismen zumeist sehr wirkungsvoll verhindert.

Rupert Lay Dialektik für Manager

 

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