A N A B A S I S

Thalatta ! Thalatta !

Schlagwort-Archiv: Bertolt Brecht

Serapion an Phil Eidos

Mir gefällt sehr Dein Name! Danke für Deinen Kommentar.

Krieg ist gemeint im Sinne Heraklits als Streit („polemos“), als Einheit und Kampf der Gegensätze. Das Originalzitat griechisch und deutsch ist zu finden in Hermann Diels „Die Fragmente der Vorsokratiker“ (Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1922), Band 1 Seite 88f, Punkt 53 seiner einzigen, wenn auch nur fragmentarisch erhaltenen Schrift („Über die Natur“), wobei die Numerierung wohl von Diels stammt. Marx sog über Hegel aus dem Heraklit seinen Honig für die Auffassung des „historischen Materialismus“ vom Klassenkampf als alles bestimmendes geschichtsbewegendes Momentum, ich glaube, seine Dissertation handelte über Heraklit. Die gesellschaftlichen Folgen dieser marxistischen Einengung der heraklitischen Idee, zum Beispiel herbeigeführt durch Lenin im damaligen, zufälligerweise gerade rückständigen Rußland, sind übrigens eine schöne, pardon, eine schreckliche Widerlegung der marxschen Grundthese, daß das Sein unser Bewußtsein bestimme, derzufolge die Revolution folgerichtig hätte in England ausbrechen müssen. Heraklit meinte aber eindeutig die Polarität aller Naturvorgänge wie zum Beispiel Chaos, maximale Entropie versus Leben, als selbständig expandierende Systemkomplexität, oder Staat versus Individuum, welche letztere ich für den grundlegenden Katalysator menschlicher Entwicklung und Geschichte halte.

Hierzu wäre einiges noch zu sagen, und vielleicht sage ich es einmal.

Jedenfalls wachsen unsere Möglichkeiten an Todesarten neben denen durch Kriege beträchtlich.

Das sogenannte Zwei-Grad-Ziel beispielsweise spiegelt uns eine noch erträglich sein sollende Erderwärmung um zwei Grad vor. Wobei mit fortscheitender Zeit seit ihrer Entdeckung immer häufiger vergessen wird hinzuzufügen, daß es sich um eine Zielgrenze für unser derzeitiges Jahrhundert handelt. Es sind aber Prozesse im unaufhaltsamen Gange, die uns an Jahrtausende denken lassen sollten. Das stoppt natürlich nicht nach 85 Jahren. Will sagen, daß der Tanker selbst in tausend Jahren nicht steht, auch wenn wir, was nicht sein wird, das Zwei-Grad-Ziel erreichten. Dies bedeutet, die Temperaturen werden nach dem Jahr 2100 weiter steigen. Und auch in den Jahrhunderten, die folgen. Was mich all die Jahre störte: Es wird immer geredet über Wirbelstürme und Überschwemmung. Ich würde endlich einmal beginnen zu reden vom Nächstliegenden. In Indien sind dieser Tage mindestens 1500 Menschen gestorben, bisher. Infolge einer seit April andauernden Hitzewelle mit Temperaturen von 48° C. Ich würde endlich beginnen zu reden von Hitze. Und zwar nicht immer nur, wenn überhaupt, als letzte Meldung unter ferner liefen vor dem Wetterbericht. Sondern als erstrangige Meldung noch vor den angeblichen Steuersenkungsdebatten. Nötig ist ein Bewußtseinswandel. Ich frage mich immer, was unsere sicher wohldotierten Denkfabriken so alles treiben ihren lieben langen Tag, und ob unsere Philosophen denken.

Es existiert keine durchsetzungsfähige Institution auf der Welt, die den globalen Kohlendioxidaustoß stoppen, geschweige denn mindern könnte. Es existiert keine Macht, die sich endlich traute, den Menschen zu sagen, ihr solltet euch künftig nur noch in tiefen Tälern ansiedeln, auf der Schattenseite. Ihr müßt zwingend dichtkronige Bäume pflanzen vor jede südwestliche Häuserwand. Die Pläne erarbeitete für ein Leben unter der Erdoberfläche oder für Wohnkomplexe in der Brühe künftiger Ozeane. Denn wir werden das Zwei-Grad-Ziel nicht erreichen. Stattdessen das verzweifelte Hoffen auf die Entwicklung utopischer „Wunderwaffen“ gegen oder wahnwitzige Ideen zur unterirdischen Lagerung von Kohlendioxid. In der sibirischen Tundra wird durch die Erderwärmung mehr bodengebundenes Kohlendioxid freigesetzt als künstlich je gelagert werden kann. Was nicht der einzige Einwand wäre.

Wir werden das Zwei-Grad-Ziel nicht erreichen, und Souterrainwohnungen werden im Preis steigen.

Ich bin Optimist und hasse Weltuntergangsprophetien. Dennoch sollte ich wenigstens noch hinzufügen, daß heutzutage durch Kernreaktoren Jahr für Jahr mehr radioaktive Spaltprodukte mit 1024 Becquerel auf unserem Planeten anfallen, also als Abfall. Der zwar nach einem Jahr auf 1021 Becquerel sinkt, aber dann mindestens 1000 Jahre benötigt, um auf ein einigermaßen menschenerträgliches Maß zu kommen. 1021 Becquerel in Mengen, die sich Jahr für Jahr addieren, und weder ist da Vernunft noch ein Ende noch ein einziger irdischer Ort in Sicht, an dem das Zeug tausend Jahre sicher wäre. Man vergegenwärtige sich, was in den letzten tausend Jahren so alles geschah, und wie oft allein die ewigen Glaubenssätze wechselten. Was die Menschen heute zustande bringen an Verläßlichkeit ist GAU und Asse.

Weltregierung hast Du demnach zu Recht gesetzt in Anführungsstrichen, die uns gewissermaßen die Fragilität des Fadens verdeutlichen, an dem nach all der Menschheitsgeschichte und Erfahrung mit Völkerbund, UN, Atomwaffensperrvertrag oder EU diese Idee zu baumeln scheint im Winde des Geschehens. Internalisierung ist ein schöner Gedanke, und ich glaube sogar, daß ein bestimmtes Singen in unseren Adern nie verstummen wird, und daß gewisse Ströme unseres Blutes nicht vertrocknen. Jedoch, Du wirst mir verzeihen, fallen mir sofort drei schnöde Sprüche ein. Nummer eins ist Nummer 3667 im Simrock:

 

„Hätten wir alle einen Glauben,

Gott und das gemeine Beste vor Augen,

Guten Frieden und recht Gericht,

Eine Elle, Maß und Gewicht,

Gleiche Münze und gutes Geld,

So stünd es wohl in aller Welt.“

 

Nummer zwei singt der Peachum in der Dreigroschenoper:

 

„Wir wären gut anstatt so roh,

doch die Verhältnisse, die sind nicht so…“

 

Und Nummer drei kenne ich von meiner Mutter:

 

„Hätte der Hund nich jeschissen,

hätt er den Hasen jekricht.“

Bellarmin an Mephisto

In letzter Zeit erlebte ich zwei- oder vielleicht auch dreimal, daß sich Vertreter unserer Medienlandschaft und sogar Politik ziehen, Fehler gemacht zu haben! So räumte etwa der Intendant des Deutschlandfunks am 10. Januar ein, zwar komme es auch in den Programmen des Deutschlandradios gelegentlich zu inhaltlichen Fehlern, allerdings nicht zu substantiellen. Und die STUTTGARTER NACHRICHTEN legten vier Tage später nach, Journalisten machten Fehler, doch immer finde Selbstbesinnung statt. 1953 hatte Bertolt Brecht ein Gedicht geschrieben mit dem Titel  NICHT  FESTSTELLBARE  FEHLER  DER  KUNSTKOMMISSION:

… Befragt

Welcher Fehler, freilich konnten sie sich

An bestimmte Fehler durchaus nicht erinnern. …

Trotz eifrigsten Nachdenkens

Konnten sie sich nicht bestimmter Fehler erinnern, jedoch

Bestanden sie heftig darauf

Fehler gemacht zu haben – wie es der Brauch ist.

Nur ausgerechnet der auf Biegen und Brechen sich als legerer Privatmensch inszenierende und auffallend unauffällig schlipslos, regenjacke- und pullovercamoufliert zur Pegida-Diskussion schleichende Sigmar Gabriel, dem der NEUE TAG daraufhin nüchternes politisches und wenig ehrlich anmutendes Kalkül unterstellte aus irgend einem Grund, und DIE WELT das Verspielen seiner „ohnehin bescheidenen Glaubwürdigkeit“, äußerte die Idee, wenn das nicht mehr erlaubt sei, müsse man selbst über Political Correctness nachdenken.

Wetten, daß das keine Diskussion gibt? Wetten, daß, wenn überhaupt, keine öffentliche Fehlerdiskussion stattfindet? Wetten, daß das Wesentliche nicht diskutiert wird?

Bellarmin an Mephisto

Es handelt sich um eine Tragödie im klassisch aristotelischen Sinn: Solange die deutschen Medien in ihrer Berichterstattung über gewisse Demonstrationen des tumben Volkes nicht in der Lage sind oder sein wollen, zu unterscheiden zwischen „islamfeindlich“ und „islamisierungsfeindlich“, um nur ein Beispiel zu nennen, werden sie exakt das befördern, wovor nicht nur sie sich ängstigen. Wollen doch die Damen- und Herrschaften endlich zur Kenntnis nehmen, daß das blöde, von Rattenfängern verführte Volk Woche für Woche kaum zu Tausenden wegen „vermeintlicher Einwanderungsprobleme“ durch die zugigen Straßen marschiert, sondern wegen der Einwanderungsprobleme. Und daß es sich kaum um „vermeintliche Probleme der Kommunen“ und „möglichen Sozialmißbrauch“ handelt, sondern um Probleme der Kommunen und um Sozialmißbrauch. Zumal wenn Ende August plötzlich ein Gesetzespaket gegen den „Missbrauch von Sozialleistungen durch Zuwanderer aus anderen EU-Staaten“ auf den Weg gebracht und inzwischen verabschiedet wurde. Und man zusätzliche „Soforthilfen“ für ehemals „vermeintlich“ „betroffene Städte und Gemeinden“ sich bereitzustellen genötigt sah. Und ebenso, daß es sich kaum um eine nur „gefühlte Bedrohung durch Kriminalität“ handelt, sondern um Bedrohung. Über welche die Menschen in den grenznahen Gebieten zu Polen und Tschechien seit Jahren genauso klagen wie über den gleichzeitigen Abbau von Polizeidienststellen. Und wenn am ersten Oktober laut Lagebericht zur organisierten Kriminalität über sechzig Prozent dieser Verbrechen in Deutschland als von ausländischen Banden verübt ausgewiesen werden, sollte die abendliche Tagesschau am selbigen Tage und allen weiteren Tagen das nicht verschweigen, sondern es sollten die Medien darüber informieren und nicht wie der Deutschlandfunk politisch korrekt herumeiern, die Mehrheit jener Verbrechensart, nämlich vierzig Prozent, werde von Deutschen verübt, da die bescheidenen Restprozente sich ja auf verschiedene andere Völkerschaften verteilen.

Wenn nun das unaufgeklärte (!) Volk mit der falschen Meinung über die Pflastersteine zieht und „Lügenpresse“ skandiert, ist die Ratlosigkeit groß. Was kann man denn da machen?

Wie wäre es, die Demonstrationen als Weckruf zu empfinden und sich der vornehmsten Journalistenpflicht zu besinnen, in der Berichterstattung nämlich erstens die wesentlichen Fakten von den unwesentlichen zu scheiden und sie zweitens ungeschönt zu präsentieren – also nicht tendenziös und geschminkt durch die  (Selbst-)Zensur einer vermeintlich, hier wäre das Wort einmal am Platze, einer vermeintlich politischen Korrektheit?

Kurz, man sollte dem zahlenden Pöbel die Wahrheit zumuten. Doch fürchte ich, das Unterfangen wird bereits an der Unterscheidung des Wesentlichen vom Unwesentlichen scheitern.

Ein anderer Ausweg bestünde natürlich in der Befolgung der brechtschen Empfehlung, bei zu dummem und undankbarem Volke seine Perlen nicht vor die Säue zu schmeißen, sondern sich ein besseres zu wählen. Am besten eines mit gelenkter Demokratie.

Mephisto an Serapion

Du magst ja noch so sehr gegen milliardärische Unfreiheit polemisieren, jedoch – Brechts wahrer Geist läßt grüßen – nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm. Und so habe ich gestern beschlossen, endlich einmal wieder den amerikanischen Traum zu verwirklichen und durch harte Arbeit und Gesetzestreue vom armen Teufel in die Rockefeller-Liga aufzurücken. Ich werde nach Amerika wechseln und reich werden in der Filmindustrie. Vorhin, zwischen bittersüßer Orangenmarmelade und kretischem Pinienhonig, habe ich mir gleich am Frühstückstisch das einzigartigste aller einzigartigen Drehbücher ausgeknobelt, ein Hollywutszenario, wie es die Welt noch nicht sah:

Das Holliwutszenario

Familien unternehmen Ausflug ans Meer!

Delphine spielen mit kleinen Kindern!

Däddies erklären kleinen Kindern, daß man ein Versprechen immer halten müsse!

Däddies verabschieden sich von ihren liebevollen Frauen!

Kleine Kinder verabschieden sich weinend von ihren Däddies!

Däddies versprechen ihren Kindern, bis Ostern wieder daheim zu sein!

Familienväter von kleinen Kindern kommen herzzerreißend um!

Liebespaare kommen durch!

Er ist zwanzigjähriger athletischer hochkarätiger Spezialist für bedrohliche Sauriereier!

Er verabscheut Gerichtsmedizinerinnen!

Sie rettet ihm sein weltweit anerkanntes Spezialistenleben anläßlich eines zufälligen Busunglücks!

Sie ist eine zwanzigjährige attraktive, weltweit geschätzte Gerichtsmedizinerin!

Sie ist ein Mädel wie du und ich!

US-Präsidenten glauben es erst gar nicht!

Gerichtsmedizinerinnen überzeugen US-Präsidenten!

Schurkische Präsidentenberater wandeln sich kurz vor ihrem redlich verdienten bitteren Ableben in einen guten Menschen um!

US-Präsidenten retten die Welt!

Von kleinen Kindern dressierte Delphine (Du erinnerst Dich?) retten US-Präsidenten!

Liebespaar küßt sich vor dem Grabmal des bekannten Familienvaters!

Die Welt erfährt unverhofft vom stillen Heldentum ihrer US-Präsidenten!

Ein Saurrierei bleibt übrig! (Für die Fortsetzung!)

Film spielt die Drehkosten von zwei Milliarden Dollar bei der Premiere wieder ein!

Zwölfjährige Schülerinnen wollen Gerichtsmedizinerin studieren!

Komponist erhält Oscar für herzergreifendste Filmmusik!

Komponist schluchzt herzergreifend, es gar nicht erwartet zu haben!

Der ganze Saal klatscht begeistert gerührt zu seiner Bescheidenheit!

Drehbuchautor erhält Oscar für originellstes Drehbuch!

Mildtätig werde ich dann Gaben austeilen und Stiftungen stiften und eine Sendeanstalt für Poesie und Geschichte und Philosophie und Romantik und Duke Ellington und Johann Sebastian Bach. Frei von jeglichem Wetterbericht. Dafür mit neugierigen Blicken auf Menschen und ihre Umstände und die Ereignisse und Begebenheiten in unseren Nachbarländern. Und mit wichtigen ungemeldeten Meldungen. (Bei Ausbruch des jüngsten Gaza-Krieges kam einmal(!) in einem Halbsatz, daß die Hamas jeden Israeli als „legitimes Ziel“ ausgegeben, also zur Tötung freigegeben habe.)

Im übrigen aber bin ich der Meinung, daß seit Beginn der russischen Anmutungen gegen die Ukraine der Publikumsliebling Frank-Walter Steinmeier mit seiner gut gemeinten, also schlechten Außenpolitik kontinuierlich und jeweils vorhersagbar scheiterte. Aus Gründen der Inadäquatheit. Das bezieht sich nicht nur auf die unsägliche Zeit, während der er im Vierundzwanzigstunden-Rhythmus den Westen (!) davor warnte, der russischen Seite wehzutun. Und es vergrößert sich wieder die Gefahr, daß er Putin und Lawrow doch noch auf ihren russischen Leim latscht und in der Ostukraine die transnistrieschen Zustände verewigt werden wie auch in Südossetien und Abchasien, wo Russen auf einem Fünftel georgischen Territoriums die geraubten Gebiete mit dem Ausbau von Grenzbefestigungen und mit provokativen Militärübungen absichern und gegen jedes Völkerrecht den georgischen Luftraum drohend mit ihren Kampfjets durchpfeifen.

Der Konflikt sei nicht mit militärischen Mitteln zu lösen, lautet das Mantra deutscher Außenpolitik, dessen Verabsolutierung jeglicher Aggression die Landesgrenzen öffnen würde.

Und ihr zum Siege verhülfe wie Hitler das Münchener Abkommen.

Wie Vergangenheit und Gegenwart aber lehren, gibt es auch Konflikte, die allen Hoffens und Wünschens zum Trotz sich nicht unmilitärisch lösen lassen.

Als der notorische Pazifist, ein gewisser Einstein, Albert, nach der Machtergreifung Hitlers gelegentlich eines wissenschaftlichen Kongresses in Belgien von dortigen Pazifisten gefragt wurde, wie man sich denn verhalten solle bei einem eventuellen Einmarsch deutscher Truppen, hieß seine Antwort: „Kämpfen!“

Not täte die Entwicklung einer Strategie aus der Analyse einer Gesamtsicht unter Einbeziehung der historischen Fakten. Die Gorbatschow-Ära scheint die regelbestätigende einsame Ausnahme gewesen zu sein. Was treiben eigentlich die hochdotierten Intelligenzbestien in den sogenannten Denkfabriken?

Solange man im Westen nicht begreift, daß der Kreml unter dem gestirnten Himmel immer nach anderen Regeln spielt als nach denen der aristotelischen Logik und des kantschen Moralprinzips, wird man, wie gehabt, alle paar Jahre staunend aus den Wolken plumpsen. Wie so oft schon die deutsche Wirtschaft in ihrem unermüdlichen Bemühen um den ach so vielversprechenden russischen Markt. Da kommt mir nicht nur das Heulen und Zähneklappern anläßlich des Röhrenembargos in den Sinn. Schon mit bescheidenen Geschichtskenntnissen kann man tatsächlich zu treffenderen Entwicklungsprognosen gelangen als mit Eliteabschlüssen in Wirtschaftswissenschaften! Jüngst, im März, E.on-Chef Johannes Theyssen auf die Frage, ob er nach der Verschärfung der Ukraine-Krise Angst habe um seine Investitionen. Antwort: „Nein, dazu gibt es keinen Anlaß.“

Rußland ist kein Partner, und das hätte man ohne viel Mühe im voraus wissen können und wissen müssen.

Zurück zum Speziellen: Wäre es nicht endlich an der Zeit, die sogenannten Separatisten als camouflierte Söldner Rußlands zu klassifizieren? (In Donezk mußten die „Aufständischen“, deren Uhren übrigens Moskauer Zeit statt mitteleuropäischer Zeit anzeigen, sich bei der Besetzung der Stadt von deren Einwohnern den Weg zum zentralen Lenin-Platz erklären lassen.) Wenn die Antwort lautet JA, darf man diese Soldateska nicht, wie von Rußland gefordert aus irgend einem Grund (aber mit welchem Recht?), zu gleichberechtigten Verhandlungspartnern aufwerten und ihnen womöglich nach russischer Interessenlage noch Zugeständnisse hinsichtlich der Verfassungsstruktur des Landes zubilligen. Rußland hat in ukrainischen Verfassungsfragen nicht mit am Tisch zu sitzen. Auch nicht indirekt.

Wenn es also kein Volksaufstand armer unterdrückter Russen ist, könnte man dann nicht umgekehrt schlußfolgern, daß es eher seitens der Ukraine sich um einen Befreiungskampf handelt?

Unsere ausgewogenen öffentlich-rechtlichen Medien haben es nicht einmal fertig gebracht, unempört über das angebliche „Verbot der russischen Sprache“ zu berichten. Natürlich sollte in der Ukraine nicht die russische Sprache verboten, sondern Russisch als zweite Amtssprache abgeschafft werden, und zwar als eine der ersten Gesetzeshandlungen der neuen, endlich Handlungsfähigkeit gewinnenden Regierung. Allein wenn ich diese Tatsache hörte, würde ich sie, ungeachtet ihrer politischen Klugheit oder Unklugheit oder politischen Korrektheit, als eklatanten Hinweis auf einen Unabhängigkeitskampf, als Bestandteil eines Befreiungsversuchs von langjähriger Bevormundung werten. Statt, wie von russischer Propaganda gewünscht, als Knechtung einer Minderheit. Die Abschaffung dieser zweiten Amtssprache war ihnen ja nicht aus Jux und Tollerei so wichtig!

Und war der Sturm auf die Bastille politisch korrekt?

Gravitätisch warnt der Außenminister vor einem neuen kalten Krieg. Bitte um Kenntnisnahme: Rußland führt heißen Krieg! Und der wird nicht enden durch appellierendes Abwarten auf Vernunfteinkehr. Sondern eher durch Etablierung der Russen in Neurußland, wie der vormalige Leiter des „Zentrums für konservative Forschung“ an der Staatlichen Moskauer Universität, der einflußreiche Alexander Dukin, die Ostukraine (mindestens!) bezeichnet. Etablierung der Russen vielleicht sogar mittels der durch Sergej Lawrow geforderten russischen Friedenstruppen, unter Absegnung des Westens und getarnt als OSZE-Friedensmission. Oder durch direkte Intervention russischer Truppen zum Schutz der unterdrückten russischen Bevölkerung.

Oder indem es der schwachen Ukraine gelingt, ihre russische Grenze freizukämpfen.