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Thalatta ! Thalatta !

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Bellarmin an Mephisto

Er starb an einer Schwellung seines Gehirns, sein Hirn war aufgedunsen in seinem Schädel. Am Rand der Autobahn NH8. Er lag dort auf seiner Rikscha mit halb geschlossenen Augen. Am Körper als einziges Kleidungsstück: Seine grüne Unterhose. Sonst nichts bei sich. „Keine Habseligkeiten“. Heißer Nordwestwind. Die Temperatur betrug an diesem Montag 44° Celsius. An manchen Stellen schmolz der Asphalt. Es gab Menschen, die zu schwach waren, in den Schatten zu kriechen, und die einfach auf dem Gehsteig liegen blieben. Wie er auf seiner Rikscha. Das Gehirn bekommt zu wenig Sauerstoff. Weil der Kreislauf versagt. Der Mensch wird dabei ohnmächtig.

Ich weiß nicht, inwiefern es möglich ist, sich zeitnah hundert Menschen zu vergegenwärtigen. Er war einer von ungefähr 300.000 Straßenrandabfalldurchwühlern in Delhi. Der verwertbare Müll brachte ihm am Tag vielleicht 100 Rupien. Nein, ich schreibe nicht „bescherte ihm 100 Rupien“. 100 Rupien sollen ein wenig mehr sein als ein Euro. Er konnte keinen Tag zu Hause bleiben. Sein dreizehnjähriger Sohn Sumir und sein sechzehnjähriger Sohn Amit arbeiten ebenfalls als Müllsammler. Seine Frau heißt Urmila.

Pabitra Biswas

geboren am 2. Mai 1982 in Kanchrapara

gestorben am 18. Mai 2015 in Delhi

Eines von mindestens 2.500 Opfern der Hitzewelle. Also einer von den etwa 2.500 registrierten Fällen.

Sämtliche Angaben entstammen dem SPIEGEL 25/2015, Seite 55.

Serapion an Mephisto

 

Sitze ich an meinem Tische,

Sommers nach der Morgenfrische,

Hintenraus auf dem Balkon,

Blättre ich im Feuilleton.

 

Lese über Land und Leute,

Über Männer, über Bräute,

Und was sich zusammenbraut,

Und mein Kater, der miaut.

 

Unten spiel’n zwei Nachbarskinder,

Denken sich, sie wären Inder,

Wickeln Tücher um den Kopf,

Bei dem Mädchen stört der Zopf.

 

Immer greller geht das Leben,

Dies erfuhr ich gerade eben,

Als ich in die Zeitung schaute,

Wo die Bild mir anvertraute:

 

– In Australien eine Frau

Äußert nach der Abendschau,

Hingewandt zu ihrem Manne,

Daß sie ihn hinfort verbanne.

 

„Ja, das klotzt dir an die Nieren,

Kannst von mir aus auch krepieren!

Pack die Sachen und marschier,

Ick mach mein Geld auch ohne dir!“

 

Er springt hoch und ist ganz sauer,

Rennt um den Tisch, plump wie ein Bauer,

Sich aus dem Schrankfach zu armieren

Mit einem Messer zum Tranchieren!

 

Nun denkt man leicht, passiert das Übliche,

Das ewig weltenweit Betrübliche:

Nach Wetterkarte und Abendschau

Durchsticht der Mann die Ehefrau.

 

Zumal sie schreit: „Du bist zu feige!“

Worauf er brüllt: „Wenn ich’s dir zeige?“

Sie schreit: „Du bist der Schlappschwanz hier,

Ick mach mein Geld auch ohne dir!“

 

Er vis-à-vis am Küchentisch,

Das Messer weist er gegnerisch

Am Griff umklammert von seiner Linken,

Es glitzert und funkelt, sie sieht es blinken…

 

Mit einem Mal, ritschrip, ritschrap,

Sägt er sich seinen Finger ab,

Den kleinen Finger der rechten Hand,

Ambulant und hirnverbrannt!

 

Au wei, au wei, der Finger liegt frei

Herum auf dem Wachstuch, als wär’s einerlei!

Doch unverdrossen, mit blutigen Händen,

Läßt unser Held es nicht bewenden

 

Und läßt, die Frau kreischt hell und munter,

Mittels neun Fingern sein Beinkleid runter,

Entblößt sich selbst die Genitalien,

So ist es geschehen im fernen Australien!

 

Packt straff sich seinen Hodensack,

Ritschrip, ritschrap, als wär’s ein Klack,

Schneidet und schmeißt das Geschnittene nieder,

Blickt um sich wild wie ein Stupider

 

Und stönt ihr vor, o welch Kontrast:

„Was du jetzt angerichtet hast!“

Da lacht sie bloß: „Was willste du von mir?

Ick mach mein Geld auch ohne dir!“

 

Worauf er, trotz mangelndem Applause,

Gerät nun völlig aus dem Hause

Und säbelt sich, ritschrip, ritschrap,

Vor seiner Frau den Penis ab… –

 

Erst beim neunten Glockenschlage

Steig ich aus meinem Bettverschlage,

Eß ein kleines Festgelage,

Geh in meine Grünanlage,

Genieße voll die Wetterlage

An jedem blauen Sommertage.

 

Und zieh’n am Himmel böse Wolken,

Kann ich in der Nase polken

Nach Herzenslust – oder auch nicht,

Denn das ist ja keine Pflicht!

 

 

Im übrigen aber bin ich der Meinung, daß es Zeit wird, an Völkerwanderung zu denken und an den Untergang der römischen Zivilisation und die Vergeblichkeit jeglichen Limes.

Serapion an Mephisto

Es gab schon einige, die mir begegneten und die leben wollten als Anachoreten. Ziehen wollten sie nach andern Kontinenten, aus dem Hafen übers Meer in australische Öde, einen Garten zu bepflanzen oder auf einer tropischen Insel Spixaras zu züchten. Auch Rick, mein seefahrender Freund, ist nun mit dem Gefährten in einem Boot hinaus auf See nach nirgendwo, und nur manchmal noch empfange ich geheimnisvolle Nachrichten, die ich nicht deuten kann, und von denen ich nicht sicher bin, kommen sie aus Westindien oder kommen sie aus Ostindien. Nur Haidee weiß ich, sie ist nach Indien gegangen und kehrte nur einmal noch zurück, um mir ein Lebwohl zu sagen. Im Grunde suchen sie in die Thebaische Wüste zu fliehen, wie einmal ich vorzeiten. Derweil fand ich aber, man braucht nicht auszuwandern in die Ferne, und viele, die solches versuchen, fliehen im Grunde nur vor sich selbst und verstehen erst spät die Tragik ihres Unterfangens.

Inzwischen glaube ich, inzwischen weiß ich, nirgendwo kann man einsamer sein als mitten unter Menschen, und dafür bedarf es weder Fahrten noch Fernen. Wenn Du Dir nur eine Stadt suchst und ein Zimmer beziehst im zwölften Stock am Ende des Flures, kannst Du alleiniger nicht sein, und ein abgeschirmteres Kloster wirst Du kaum finden auf dem explodierenden Planeten. Hinter solche Türe dringt kein Enthusiast mehr wie damals in meinen Garten zwei Stunden südlich von B***, um mir einreden zu wollen, ich irrte, wenn ich bestritte, der verschwundene Neffe des Grafen P** zu sein statt in Wahrheit unter den drei Serapionen derjenige aus dem „Paradise“ des Heraklides, dem man unter Kaiser Dezius die Junktoren seiner Gliedmaßen trennte, bevor man ihn vom Felsen in den Abgrund stürzte. Insbesondere hat mir der liebenswürdige Doktor S** meine wahre Identität noch endlich ausdrücklich bestätigt während unseres letzten Gesprächs anläßlich meiner Entlassung aus seiner Anstalt in M-. Schade indessen, daß es Jahre gebraucht hatte für die Erkenntnis. Gewiß, meine Anstalt war sicher eine etwas andere als die für Deine Denkweisen. Die Menschen sind ja durchaus erfinderisch bei der Einrichtung von Anstaltsarten gegen Gedanken.

Meiner Abgeschiedenheit zugute kommt übrigens das Gerücht, ich hätte einige Jahre in der M-schen Anstalt verbracht, und mit einem Stigma lebt man freier unter Menschen als jeder Milliardär.

Was aber die beiden Kriege anbelangt, nach denen Du mich fragtest, so liegen sie durchaus im Bereich meiner Wahrnehmung. Obwohl der Krieg des ISIS der grausamere zu sein scheint und der allgemeingefährlichere, glaube ich, den russischen für den bedenkenswerteren halten zu müssen. Den Krieg des ISIS empfinde ich nicht nur wegen seiner entsetzlichen Massaker als einen archaischen. Sondern vor allem, weil er tatsächlich derselbe ist seit Jahrtausenden. Die Menschen bleiben immer die gleichen, nur die Namen ihrer Götter wechseln. Was früher Aschschur war, heißt heute Allah. Die gottesdienstliche Abschlachtung der Ungläubigen aber ist unter Tiglatpileser und Sargon dieselbe wie unter Abu Bakr al-Baghdadi. Dieselbe Gegend, die gleichen kreisläufigen Geschichten. Im Nahen Osten leider nichts Neues. Ein Déjàvu bis auf die Tatsache, daß die Gefahr eines sich ausbreitenden Flächenbrandes selten derart groß war wie in heutigen Tagen. Und die Einschläge kommen immer näher.

Es ist ein großer Irrtum zu glauben, Geschichte wiederhole sich nicht. Im Gegenteil! Alles Vergängliche ist nur ein GLEICHES, möchte man sagen, vielleicht auf verschiedenem Niveau. Geschichte spiegelt, und Du wirst das bestimmt nicht für Vulgärmarxismus halten, Geschichte spiegelt, mehr als es uns bewußt ist, in Variationen beständig den Kampf der Antagonismen, bemäntelt von nahezu beliebig wandelbaren, ja sogar vom Austausch selbst gegensätzlicher Ideologien.

Zwar ist wahr, daß man nie im selben Flusse bade, aber wahr ist auch, daß seine Wasser mich heute so nässen wie morgen, und wie es von Weisheit zeugen mag, im Strom der Zeit ein Verschiedenes zu suchen, so fördert wahrscheinlich noch mehr es unsere Erkenntnis, Analogien zu bemerken und anzuerkennen, und dieses mag der rettenden Voraussicht besser dienen als der Glaube, Geschichte wiederhole sich nicht.

Eine etwas andere Qualität in der Variation des ewig Gleichen fällt allerdings auf beim aktuellen Konflikt im Osten Europas. Trotz der ja ebenfalls nicht neuen, wenn auch mittlerweile semifaschistisch gesteigerten Russentümelei. Und die nationalsozialistische „Russische-Erde“-Rückgewinnungspolitik (da ist sie wieder, die „Blut und Boden“-Ideologie, aber schon vor den Zeiten Iwan des Schrecklichen vermerkten die fleißigen Chronisten, daß die Moskauer Großfürsten „die russische Erde sammelten“), die „Russische-Erde“-Rückgewinnungspolitik paßt ebenso fugenfrei in die Reihe jenes jahrhundertlangen Kampfes des Altrussentums gegen das Westlertum. Wobei den Moskauern der Westen in seiner Verderbtheit fast unmittelbar südlich  anfing. Denke nur an die erbitterten Abwehrkämpfe gegen jegliche Reformversuche des Patriarchen Nikon. Beispielsweise gegen die Wiederherstellung der ursprünglichen griechisch-orthodoxen Liturgie inklusive der Ausmerzung von offensichtlichen Rechtschreibfehlern in den liturgischen Texten. Da sei Gott vor! Man kämpfte, daß Jesu weiter Jssus statt Jissus geschrieben werde, am Weißen Meer verteidigte ein Kloster sein Njet! gegen diese westlichen Neuerungen acht Jahre lang mit Kanonen. Die Ideen des Westens waren den russischen Altgläubigen, dem „Raskol“, abartig. Da haben wir noch nicht einmal über den polnischen Katholizismus geredet, die römische Westkirche mit ihrem verdammten polnischen Papst, der sich nicht beseitigen ließ. Der Westen mit seinen protestantischen Ideen hat uns das sowjetische Imperium zertrümmert. Apropos Protestantismus und französische Revolution: Je westlicher desto entsetzlicher.

Der Hauptfeind Moskaus war und ist bis heute der eigenmächtig denkende Mensch.

Oder erinnere Dich nur an den Aufstand der Strelitzen und und und. Sehr sehr vieles gäbe es zu sagen. Doch allein schon die jüngste Chronik zeigt wieder, keine noch so durchsichtig verlogene Idiotologie scheint zu plump, um Menschen zu verhetzen. Es heißt, 61 Prozent der Russen fänden es toll, daß in der Ostukraine Söldner aus Rußland kämpfen. Und es wäre gefährlich, sich darin zu täuschen: Unsere Zeit steht keinesfalls auf einer höheren zivilisatorischen Stufe, nur weil wir seit vierzehn Jahren in einem neuen Jahrtausend leben und vom Juli 1914 hundert Jahre entfernt zu sein scheinen.

In der Welt waltete und waltet immer noch eine andere Kraft als die Vernunft, und damit meine ich nicht nur ihr Gegenteil.

Jene neue Qualität aber ist wohl manchem bis jetzt noch nicht zur Gänze und mit all ihrer Konsequenz ins Bewußtsein vorgedrungen, und daß es kein Zurück mehr geben wird. Der durch Rußland ausgelöste Krieg zwischen zwei Staaten ist nur die unterste Ebene des Konflikts. Gleichzeitig handelt es sich, obwohl die Ukraine nicht dazugehört, um den Beginn der offenen Aggression Rußlands gegen die Europäische Union. Ein Staat kämpft gegen eine im mühsamen Aufbau befindliche überstaatliche Ordnung, kämpft gegen einen Staatenbund, um ihn zu zerstören. Der neue Zar im Kreml will die Europäische Union, die beispielsweise, entgegen aller Wunschvorstellungen (oder Befürchtungen), eben noch nicht einmal über eine gemeinsame Außenpolitik verfügt, zerstören.

Und, auf der obersten Ebene, und damit ist gemeint jene faschistische Dimension des Konflikts, bekriegt Rußland jetzt expansiv die westliche Zivilisation als solche. Weil man sie für dekadent, schädlich und bedrohlich und demgegenüber das Russentum für gesund und überlegen hält.

Wie gesagt, an und für sich ist die Furcht vor ihr und der Kampf gegen die Lebensart der Westler, der Kampf gegen die Europäisierung Rußlands, durch die Jahrhunderte kein neuer Zug. Doch handelte es sich bisher um einen Kampf für die Reinhaltung des Inneren. Das ist jetzt anders geworden in der Weltgeschichte.

Und der dahinterstehende wesentliche Antagonismus ist letztendlich der zwischen Individuum und Staat: Rußland kämpft gegen das Individuum.

Bellarmin an Mephisto

Selbstverständlich existiert jene Karte aus dem diesjährigen Verfassungsschutzbericht, deren Fehlen Du so vehement bemängeltest in Deinem dritten Ärgernis! In der analogen Welt befindet sie sich kommentarlos im SPIEGEL vom 23 Juni. Quasi versteckt in einer Rubrik für Vermischtes und im Inhaltsverzeichnis, im Gegensatz zu den anderen Beiträgen der Rubrik, nicht erwähnt. Doch fand ich hier beim Blättern auf Seite 16 links unten die im vorigen Jahr verübten Gewalttaten mit rechtem Hintergrund aus dem Bereich „Politisch motivierte Kriminalität“. Für jedes Bundesland ist eingezeichnet ein brauner Kreis, der die entsprechende Anzahl enthält pro einer Million Einwohner. Die Spitzen liegen in Sachsen-Anhalt mit 26, Berlin mit 24 und Thüringen mit 20 Gewaltverbrechen. Die drei niedrigsten Raten gibt es in Bayern mit 5, Baden-Württemberg und Bremen mit jeweils 3 und Hessen und Saarland mit jeweils 2. Mit der Ausnahme Hamburgs verteilen sich alle Höchstwerte auf die ostdeutschen Länder.

Aber an den braunen Kullern finden sich auch die Steigerungs- oder Minderungsraten hinsichtlich des Vorjahres. Wenn Du Dich nun noch verstellst und so tust, als wärst Du ein denkender Mensch, und Du rechnetest einmal unbekümmert, da dies kein anderer getan zu haben scheint, die Durchschnittszahlen jeweils für Ost- und Westdeutschland aus, was sich ja wegen der ins Auge fallenden Differenz anböte als Idee, fändest Du selbst zu Fuß mit Hilfe der vier Grundrechenarten heraus, daß 2012 der Unterschied Ostdeutschlands das knappe Zweieinhalbfache zum westdeutschen Resultat ausmacht. Während sich die Diskrepanz von 2012 zu 2013 inzwischen auf das Dreifache vergrößert hat. Man könnte natürlich auch von Abgrund reden.

Soweit ich es hörte oder sah, wurde von alldem nichts in den öffentlich-rechtlichen Anstalten der Republik verlautbart. Es ist nicht als berichtenswert eingestuft worden von den Redakteuren. Honi soit qui mal y pense!

Deutschland betäubt sich.

Aus irgend einem Grunde kommt mir der Verdacht, es handelt sich um eine kollektive Vermeidungsstrategie. Es soll die Ursachendiskussion umschifft werden, man befürchtet den Aufschrei der üblichen Verdächtigen mit DDR-Wagenburgmentalität.

Das kennzeichnet allerdings eine Kapitulation: Die üblichen Verdächtigen haben es geschafft, ein Klima zu erzeugen, in dem gewisse Tatsachen kritisch nicht mehr diskutiert werden. Und die öffentlich-rechtlichen Medien beteiligen sich an der Tabuisierung. Politische Korrektheit.

Ich könnte schließen mit: Soviel zu den Lehren, die man nach den Verbrechen des NSU gezogen zu haben vorgab. Aber zur Illustration juckt es mich, Dich wenigstens an ein interessantes Beispiel zu erinnern. Du weißt vielleicht noch, im Sommer 2007 kreiste bei einem Altstadtfest im sächsischen Städtchen Mügeln plötzlich eine Horde junger, dunkelgewandeter, kurzgeschorener Männer, bewehrt mit abgebrochenen Flaschenhälsen, mehrere Inder ein, griff sie an, schubste und schlug sie und stach nach ihnen. Als die Inder den Ring durchbrachen, wurden sie über den Marktplatz gehetzt und auf ihrer Flucht in eine nahegelegene Pizzeria verfolgt von etwa fünfzig Männern, zu denen sich noch rund zweihundert Schaulustige gesellten, „Ausländer raus!“ krakelend. Amtlich registriert wurden auch Parolen wie: „Hier regiert der nationale Widerstand!“ und „National befreite Zone!“.

Hinzugerufene Beamte waren von der Menge angegriffen worden, bis endlich Bereitschaftspolizei anrückte. Mehrere der Inder hatten sich in ärztliche Behandlung begeben müssen.

Der SPIEGEL, eine Woche vor der Nummer mit der braunen Deutschlandkullerkarte, zitierte nun aus einer sehr dankenswerten Studie der Politikwissenschaftlerin Britta Schellenberg. Sie weist nach, wie entgegen eindeutiger Zeugenaussagen die Politiker von vornherein versuchten, die Hetzjagd als normale Dorfschlägerei abzutun, rechtsextremistische Zusammenhänge verwischten und direkt abstritten. Der Bürgermeister erklärte, Ausländer-raus-Rufe könnten doch jedem einmal über die Lippen kommen. Und Ministerpräsident Georg Milbradt äußerte, man solle doch nicht jede Auseinandersetzung zwischen Ausländern und Deutschen unter dem Stichwort Ausländerfeindlichkeit verbuchen. Und legte später nach, es wäre unerträglich, wenn ein ganzer Ort und ein ganzer Landstrich stigmatisiert würden.

Prompt wurden einige Tatverdächtige vom Staatsschutz nicht weiter erwähnt und die Staatsanwaltschaft Leipzig stritt jeden fremdenfeindlichen Hintergrund ab. Im sächsischen Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2007 war der Fall als „politisch motivierte Kriminalität rechts“ nicht verbucht worden.

2008 zog die NPD in den dortigen Kreistag ein.

2009 wurde die indische Pizzeria erneut angegriffen und dabei einem Mitarbeiter das Nasenbein gebrochen. Aber erst 2013 gaben die Sicherheitsbehörden zu, daß 2007 drei der Angreifer tatsächlich der rechtsextremistischen Szene angehörten.

Und jetzt paß auf, jetzt kommt der Satz der Sätze! Die Politikwissenschaftlerin stellt fest: „Eine kritische Thematisierung von extrem rechter Gewalt ist in Mügeln unmöglich geworden.“

Ende eines Beispiels.