A N A B A S I S

Thalatta ! Thalatta !

Kategorie-Archiv: Geschichte

Ergänzende Gedanken zum Gedenken

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Sonntag, 4. August 2024: Bellarmin an Mephisto

Donnerstag, 1. August 2024, GAZETA WYBORCZA:

Ohne diesen tragischen Aufstand wäre Polen eine andere Nation. Diese Niederlage hat uns Realismus, Besonnenheit und Denken mit Blick auf das Gemeinwohl gelehrt. Der Warschauer Aufstand richtete sich militärisch gegen Hitler, politisch gegen Stalin, und emotional sollte er eine Demonstration gegen die Zustimmung zu Sklaverei und ausländischer Diktatur sein. Er war der letzte, verzweifelte Versuch, die politische Logik umzukehren, die die Polen zu langen Jahren kommunistischer Diktatur und sowjetischer Herrschaft verurteilte.

Verdeutlichung des jahrhundertalten typisch russischen, also des typisch kognitiven Problems

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Sonntag, 2. Juni 2024: Serapion an Mephisto

Einem echten Russen ist Europa und das Geschick der ganzen arischen Rasse ebenso teuer wie Rußland selbst, wie das Geschick des eigenen Landes, eben weil unsere Bestimmung die Verwirklichung der Einheitsidee auf Erden ist, und zwar nicht einer durch das Schwert errungenen, sondern durch die Macht der brüderlichen Liebe und unseres brüderlichen Strebens zur Wiedervereinigung der Menschen verwirklichten Einheit. Verfolgen Sie unsere Entwicklungsgeschichte nach der Reform Peters, und Sie werden bereits Spuren und Andeutungen dieses Gedankens, meines Traumes, wenn Sie wollen, in der Art unseres Umgangs mit den europäischen Nationen, ja, sogar in unserer auswärtigen Politik finden. Denn was hat Rußland in diesen ganzen zwei Jahrhunderten seit Peter mit seiner Politik anderes getan als Europa gedient, und das vielleicht in einem höheren Maße als sich selbst? … Und ich baue fest darauf, daß wir in Zukunft, d. h. natürlich nicht wir, sondern die zukünftigen russischen Menschen, bereits alle ohne Ausnahme begreifen werden, daß ein echter Russe sein nichts anderes bedeutet als sich bemühen, die europäischen Widersprüche in sich endgültig zu versöhnen, der europäischen Sehnsucht in der russischen allmenschlichen und allvereinenden Seele den Ausweg zu zeigen, in dieser Seele sie alle in brüderlicher Liebe aufzunehmen und so vielleicht das letzte Wort der großen, allgemeinen Harmonie, des brüderlichen Einvernehmens aller Völker nach dem evangelischen Gesetz Christi auszusprechen.“

Moskau, 7. Juni 1880, Fjodor M. Dostojewski (1821 – 1881) in einer Rede auf Alexander S. Puschkin (1799 – 1837)

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Wir Großrussen haben uns immer roh gegen unterworfene Völker benommen. Das einzige, was wir gekonnt haben, war, sie zu unterdrücken.

Der Auftraggeber von Auftragsmorden Wladimir Iljitsch Lenin (1870 – 1924)

Also Zufälle gibt es ODER Es täte gut, ein Gedächtnis zu haben

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Freitag, 3. Mai 2024: Bellarmin an Mephisto

Am 20. Februar 1954 stellte sich ein Bürger der Sowjetunion den Behörden der USA in Frankfurt am Main, einer Stadt, die sich in der Zone Deutschlands unter amerikanischer Jurisdiktion befindet, und ersuchte um Schutz und Asyl als politischer Flüchtling. Der Gesuchsteller identifizierte sich als Nikolai Evgenjowitsch Koklow, Offizier, zugeteilt der 9. Abteilung der II. Hauptsektion des Ministeriums des Innern (MWD) der Sowjetregierung und gab bekannt, daß er in die Bundesrepublik im Auftrag der Sowjetregierung gekommen sei, um die Ermordung des Georgij Sergejewitsch Okolowitsch, eines Einwohners der Bundesrepublik Deutschland, staatenlos und russischer Abkunft, durchzuführen. Im Hinblick auf diesen Ermordungsauftrag gab der Bewerber folgende Einzelheiten bekannt:

Im Herbst 1953 war er durch die Sowjetregierung auserwählt worden, die Ermordung von Okolowitsch durchzuführen. Er flog deshalb in den Ostsektor Berlins, wo er Hans Kukowitsch und Kurt Weber, beide Einwohner von Berlin, traf, die er sodann im November nach Moskau führte. Kukowitsch und Weber wurden in Moskau im Gebrauch von Mordwaffen ausgebildet und kehrten am 18. Dezember 1953 nach Berlin zurück. Am 14. Januar 1954 wurde Koklow unter dem Namen Josef Hofbauer mit einem sowjetischen Militärflugzeug nach Wien gebracht und meldete sich dort bei dem Stabsoffizier Saul Lwowitsch Okun, Oberstleutnant des MWD. Koklow traf sich mit Kukowitsch und Weber in Zürich am 13. und 14. Februar, die drei Leute begaben sich darauf auf getrennten Wegen nach Frankfurt am Main. Am 18. Februar 1954, kurz nach 7 Uhr Abends, erschien Koklow im Hause von Okolowitsch, identifizierte sich und erklärte, daß ihm die Sowjetregierung den Auftrag gegeben habe, Okolowitsch zu einer geeigneten Zeit, jedoch vor dem 20. März 1954, zu ermorden, daß er aber nicht die Absicht habe, den Auftrag auszuführen, der mit seinem Gewissen nicht zu vereinbaren sei und den humanitären Grundsätzen widerspreche. Am 25. Februar 1954 wurden Kukowitsch und Weber durch amerikanische Beamte in Frankfurt am Main in Gewahrsam genommen und gestanden ihre Mittäterschaft bei dem vorerwähnten Mordversuch. Im Besitze von Kukowitsch und Weber befanden sich Mordwaffen, bestehend aus zwei automatischen geräuschlosen 7-mm-Pistolen und 2 Waffen, die als Zigarettendosen getarnt waren und einen elektrisch betriebenen Mechanismus für die Abfeuerung vergifteter Geschosse enthielten. Herr Koklow hat nicht nur Asyl und Schutz von unserer Regierung verlangt, sondern darüber hinaus auch deren gute Dienste erbeten, um die Regierung der Sowjetunion dazu zu veranlassen, die Ausreise seiner Frau Jelena Adamowna Koklowa zu erlauben und zu veranlassen, die derzeit in Moskau wohnhaft ist, damit sie ihn in der Bundesrepublik Deutschland treffen könne. Die vorstehend geschilderten Ereignisse, denen am 15. April 1954 die brutale Entführung von Alexander Rudolf Fowitsch Truschnowitsch in Berlin folgte, der eine prominente staatenlose Persönlichkeit russischer Abkunft und ein Gehilfe von Georgij Sergejewitsch Okolowitsch ist, sind Zeugnisse eines absichtlichen, schändlichen und unzivilisierten Verhaltens seitens der Sowjetunion, gegen das ich als geschäftsführender amerikanischer Hochkommissar in den schärfsten Ausdrücken Protest erhebe.

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Aus einer Protestnote der amerikanischen Hochkommission vom 23. April 1954 an den sowjetischen Hochkommissar Wladimir Semjonow

 

Mittwoch, 7. April 1954

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Freitag, 12. April 2024: Bellarmin an Mephisto

Mittwoch, 7.April 1954:

Regierungserklärung Adenauers zur Übertragung der Souveränität an die DDR durch die Sowjetunion

Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer gab laut dpa zu der von der Sowjetunion vorgenommenen Übertragung der Souveränität an die Regierung der DDR vor dem Bundestag folgende Regierungserklärung ab:

»Die Regierung der Sowjetunion hat am 25. März erklärt, daß sie mit der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik die gleichen Beziehungen aufnehme wie mit anderen souveränen Staaten. Die DDR werde die Freiheit besitzen, nach eigenem Ermessen über ihre inneren und äußeren Angelegenheiten einschließlich der Beziehungen zu Westdeutschland zu entscheiden. Mit dieser Erklärung sucht die Sowjetregierung den Anschein zu erwecken, daß der von ihr besetzte Teil Deutschlands ein selbständiges, souveränen Staaten gleichgestelltes Staatswesen geworden sei. Die sowjetische Erklärung vermag jedoch nichts gegen die Tatsache, daß es nur einen deutschen Staat gibt, gegeben hat und geben wird- und daß es einzig und allein die Organe der Bundesrepublik Deutschland sind, die heute diesen niemals untergegangenen deutschen Staat vertreten. Daran ändert auch die schmerzliche Wirklichkeit nichts, daß die deutsche Staatsgewalt heute nicht einheitlich in allen Teilen Deutschlands ausgeübt werden kann.

In jenen Teilen Deutschlands, in denen heute das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland gilt, konnten die Organe des deutschen Staates nach 1945 auf rechtmäßigem Wege – das heißt durch freie Wahlen, die den unverfälschten Willen des deutschen Volkes zum Ausdruck brachten – wiedergeschaffen werden. In allen Ländern der heutigen Bundesrepublik haben nach 1945 freie Wahlen stattgefunden, aus denen Volksvertretungen und verfassungsmäßig geordnete, verantwortliche Regierungen hervorgegangen sind. Vertreter der frei gewählten Landtage haben sich zu einer verfassunggebenden Versammlung zusammengefunden und haben im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland eine freiheitlich-demokratische Verfassung geschaffen, die von den Volksvertretungen der Länder geprüft und angenommen worden ist.

In den Bundestagswahlen von 1949 und 1953 hat sich das deutsche Volk unmittelbar zu dieser neuen verfassungsmäßigen Ordnung Deutschlands bekannt. Schon 1949 bei einer Wahlbeteiligung von 78,5 Prozent erhielten die Kommunisten nur 1,5 von 25 Millionen Stimmen, also sechs Prozent. 1953 erhielten sie bei der sehr starken Wahlbeteiligung von 86,2 Prozent nur noch etwas über sechshunderttausend von 28 Millionen Stimmen, das heißt nur noch 2,2 Prozent.

Diese Zahlen beweisen, wie das deutsche Volk über ein kommunistisches Regime denkt, das nicht wagen kann, in der von ihm beherrschten Zone freie Wahlen abzuhalten, das die Länder mit ihren Volksvertretungen unter Bruch der eigenen Verfassung beseitigt hat und dessen »Volkskammer« die willenlose Unterwürfigkeit des Hitlerschen Reichstages noch überbietet – ein Regime, dessen einzig entscheidende Partei eine verhaßte Minderheit bildet und das sich am 17. Juni 1953 nur mit brutaler Anwendung von Waffengewalt gegen die Empörung und Verzweiflung der gesamten Bevölkerung am Ruder halten konnte.

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Archiv der Gegenwart. Bd. 2, S. 1126 ff.

Wie sich die Bilder gleichen: Der russische Imperialismus vor 70 Jahren

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Sonnabend, 24. Februar 2024: Serapion an Mephisto

23. Februar 1954: Aus dem Berliner Appell Adenauers an das ganze deutsche Volk zum Ergebnis der Viererkonferenz:

Die Lehre von Berlin besteht darin, daß die Sowjetunion zur Zeit jede Lockerung innerhalb ihres europäischen Machtbereichs für ein Risiko hält. Sie will ihre Truppen in Österreich behalten und ihre SED in Deutschland. Der österreichische Staatsvertrag, freie Wahlen in der Sowjetzone wären der Sowjetunion gleichbedeutend mit einer Minderung der eigenen Macht. Sie ist heute nicht gewillt, an irgendeinem Punkte in Europa mit ihrem Druck nachzulassen. Das ist eine Unnachgiebigkeit, die aus der inneren Unsicherheit stammt. Ich möchte feststellen, daß in Europa zur Zeit die sowjetische Politik ausschließlich von dem Gedanken beherrscht ist, den Status quo hinsichtlich der Besatzung, hinsichtlich der politischen Stellung aller unter ihrer Kontrolle befindlichen Gebiete aufrechtzuerhalten. Ihr Plan, und hierüber dürfte auch bei den größten Illusionisten keine Unklarheit mehr bestehen, zielt aber darauf auch ab, den Status quo zu gegebener Zeit zur Basis eines weiteren Übergreifens auf Westeuropa zu machen.

Archiv der Gegenwart, Bd. 2, S. 1101f.

Es war Mord!

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Sonnabend, der 17. Februar 2024: Mephisto an Bellarmin

Wenn sie Alexej Nawalny nicht direkt umgebracht haben durch irgendeine ihrer Heimtücken, dann war es Mord mittels ihrer typisch russischen Menschenquälerei. Wie wir sie seit Jahrhunderten kennen.

Dann haben sie ihn tatsächlich zu Tode gequält!

Vor den Augen der Welt langsam zu Tode gequält!

In einem typisch russischen KZ ihres Gulags!

Die ganze typische Perfidie kristallisiert sich in der hämischen Begriffsbildung, mit welcher der widerliche Serienmörder Wladimir Wladimirowitsch Putin seinerzeit sein nach dem mißglückten Giftgasanschlag mühsam aus den Händen russischer Ärzte befreites und in Berlin behandeltes Opfer belegte: „Der Patient in Deutschland…“

Ein typischer russischer Duma-Abgeordneter soll auf die Nachricht vom Tode Nawalnys in typisch russischer Verschrobenheit geäußert haben, der Westen sei schuld an seinem Tod. Denn der Tod Nawalnys diene ja dem Westen.

Schon vor 3508 Tagen, also vor inzwischen gut neuneinhalb Jahren, schrieb mir Serapion am 11. Juli 2014 (=> Der Hauptfeind Moskaus):

Was aber die beiden Kriege anbelangt, nach denen Du mich fragtest, so liegen sie durchaus im Bereich meiner Wahrnehmung. Obwohl der Krieg des ISIS der grausamere zu sein scheint und der allgemeingefährlichere, glaube ich, den russischen für den bedenkenswerteren halten zu müssen. Den Krieg des ISIS empfinde ich nicht nur wegen seiner entsetzlichen Massaker als einen archaischen. Sondern vor allem, weil er tatsächlich derselbe ist seit Jahrtausenden. Die Menschen bleiben immer die gleichen, nur die Namen ihrer Götter wechseln. Was früher Aschschur war, heißt heute Allah. Die gottesdienstliche Abschlachtung der Ungläubigen aber ist unter Tiglatpileser und Sargon dieselbe wie unter Abu Bakr al-Baghdadi. Dieselbe Gegend, die gleichen kreisläufigen Geschichten. Im Nahen Osten leider nichts Neues. Ein Déjàvu bis auf die Tatsache, daß die Gefahr eines sich ausbreitenden Flächenbrandes selten derart groß war wie in heutigen Tagen. Und die Einschläge kommen immer näher.

Es ist ein großer Irrtum zu glauben, Geschichte wiederhole sich nicht. Im Gegenteil! Alles Vergängliche ist nur ein GLEICHES, möchte man sagen, vielleicht auf verschiedenem Niveau. Geschichte spiegelt, und Du wirst das bestimmt nicht für Vulgärmarxismus halten, Geschichte spiegelt, mehr als es uns bewußt ist, in Variationen beständig den Kampf der Antagonismen, bemäntelt von nahezu beliebig wandelbaren, ja sogar vom Austausch selbst gegensätzlicher Ideologien.

Zwar ist wahr, daß man nie im selben Flusse bade, aber wahr ist auch, daß seine Wasser mich heute so nässen wie morgen, und wie es von Weisheit zeugen mag, im Strom der Zeit ein Verschiedenes zu suchen, so fördert wahrscheinlich noch mehr es unsere Erkenntnis, Analogien zu bemerken und anzuerkennen, und dieses mag der rettenden Voraussicht besser dienen als der Glaube, Geschichte wiederhole sich nicht.

Eine etwas andere Qualität in der Variation des ewig Gleichen fällt allerdings auf beim aktuellen Konflikt im Osten Europas. Trotz der ja ebenfalls nicht neuen, wenn auch mittlerweile semifaschistisch gesteigerten Russentümelei. Und die nationalsozialistische „Russische-Erde“-Rückgewinnungspolitik (da ist sie wieder, die „Blut und Boden“-Ideologie, aber schon vor den Zeiten Iwan des Schrecklichen vermerkten die fleißigen Chronisten, daß die Moskauer Großfürsten „die russische Erde sammelten“), die „Russische-Erde“-Rückgewinnungspolitik paßt ebenso fugenfrei in die Reihe jenes jahrhundertlangen Kampfes des Altrussentums gegen das Westlertum. Wobei den Moskauern der Westen in seiner Verderbtheit fast unmittelbar südlich anfing. Denke nur an die erbitterten Abwehrkämpfe gegen jegliche Reformversuche des Patriarchen Nikon. Beispielsweise gegen die Wiederherstellung der ursprünglichen griechisch-orthodoxen Liturgie inklusive der Ausmerzung von offensichtlichen Rechtschreibfehlern in den liturgischen Texten. Da sei Gott vor! Man kämpfte, daß Jesu weiter Jssus statt Jissus geschrieben werde, am Weißen Meer verteidigte ein Kloster sein Njet! gegen diese westlichen Neuerungen acht Jahre lang mit Kanonen. Die Ideen des Westens waren den russischen Altgläubigen, dem „Raskol“, abartig. Da haben wir noch nicht einmal über den polnischen Katholizismus geredet, die römische Westkirche mit ihrem verdammten polnischen Papst, der sich nicht beseitigen ließ. Der Westen mit seinen protestantischen Ideen hat uns das sowjetische Imperium zertrümmert. Apropos Protestantismus und französische Revolution: Je westlicher desto entsetzlicher.

Der Hauptfeind Moskaus war und ist bis heute der eigenmächtig denkende Mensch.

Oder erinnere Dich nur an den Aufstand der Strelitzen und und und. Sehr sehr vieles gäbe es zu sagen. Doch allein schon die jüngste Chronik zeigt wieder, keine noch so durchsichtig verlogene Idiotologie scheint zu plump, um Menschen zu verhetzen. Es heißt, 61 Prozent der Russen fänden es toll, daß in der Ostukraine Söldner aus Rußland kämpfen. Und es wäre gefährlich, sich darin zu täuschen: Unsere Zeit steht keinesfalls auf einer höheren zivilisatorischen Stufe, nur weil wir seit vierzehn Jahren in einem neuen Jahrtausend leben und vom Juli 1914 hundert Jahre entfernt zu sein scheinen.

In der Welt waltete und waltet immer noch eine andere Kraft als die Vernunft, und damit meine ich nicht nur ihr Gegenteil.

Jene neue Qualität aber ist wohl manchem bis jetzt noch nicht zur Gänze und mit all ihrer Konsequenz ins Bewußtsein vorgedrungen, und daß es kein Zurück mehr geben wird. Der durch Rußland ausgelöste Krieg zwischen zwei Staaten ist nur die unterste Ebene des Konflikts. Gleichzeitig handelt es sich, obwohl die Ukraine nicht dazugehört, um den Beginn der offenen Aggression Rußlands gegen die Europäische Union. Ein Staat kämpft gegen eine im mühsamen Aufbau befindliche überstaatliche Ordnung, kämpft gegen einen Staatenbund, um ihn zu zerstören. Der neue Zar im Kreml will die Europäische Union, die beispielsweise, entgegen aller Wunschvorstellungen (oder Befürchtungen), eben noch nicht einmal über eine gemeinsame Außenpolitik verfügt, zerstören.

Und, auf der obersten Ebene, und damit ist gemeint jene faschistische Dimension des Konflikts, bekriegt Rußland jetzt expansiv die westliche Zivilisation als solche. Weil man sie für dekadent, schädlich und bedrohlich und demgegenüber das Russentum für gesund und überlegen hält.

Wie gesagt, an und für sich ist die Furcht vor ihr und der Kampf gegen die Lebensart der Westler, der Kampf gegen die Europäisierung Rußlands, durch die Jahrhunderte kein neuer Zug. Doch handelte es sich bisher um einen Kampf für die Reinhaltung des Inneren. Das ist jetzt anders geworden in der Weltgeschichte.

Und der dahinterstehende wesentliche Antagonismus ist letztendlich der zwischen Individuum und Staat: Rußland kämpft gegen das Individuum.“

Die Entwicklung der Menschheit

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Freitag, 2. Februar 2024: Serapion an Mephisto

Vor mittlerweile 2830 Tagen, am 4. Mai 2016 ( 4.5.16 Mephisto an Serapion ), schriebst Du mir seinerzeit unter dem Titel des Kästner-Gedichts (und weil ich mich dem heute vorbehaltlos anschließen möchte, setze ich zur Erinnerung es Dir noch einmal wortgetreu hierher):

 

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,

behaart und mit böser Visage.

Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt

und die Welt asphaltiert und aufgestockt,

bis zur dreißigsten Etage.

 

Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn,

in zentralgeheizten Räumen.

Da sitzen sie nun am Telefon.

Und es herrscht noch genau derselbe Ton

wie seinerzeit auf den Bäumen.

 

Sie hören weit. Sie sehen fern.

Sie sind mit dem Weltall in Fühlung.

Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern.

Die Erde ist ein gebildeter Stern

mit sehr viel Wasserspülung.

 

Sie schießen Briefschaften durch ein Rohr.

Sie jagen und züchten Mikroben.

Sie versehn die Natur mit allem Komfort.

Sie fliegen steil in den Himmel empor

und bleiben zwei Wochen oben.

 

Was ihre Verdauung übrigläßt,

das verarbeiten sie zu Watte.

Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest.

Sie stellen durch Stiluntersuchung fest,

daß Cäsar Plattfüße hatte.

 

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund

den Fortschritt der Menschheit geschaffen.

Doch davon mal abgesehen und

bei Lichte betrachtet sind sie im Grund

noch immer die alten Affen.

(Erstdruck 1932)

 

Erich Kästner (1899 – 1974)

Kästner, einer meiner fünf Lieblingsdichter, über den Wolfgang Koeppen einst schrieb: ‚Kästner saß im Café neben dem Tod. Gab es einen Engel oder Teufel, der ihn schützte?‘

Um zurückzukommen auf die alten Affen. Wir sollten uns in Europa nicht zu sehr in unseren Illusionen wiegen. Denn es ist überhaupt nicht unwahrscheinlich, daß der nächste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika Donald Trump heißt. Und das ist insofern sogar doppelt beunruhigend, da dies geschähe, nachdem sein Vorgänger ausgerechnet Barack Obama wäre, ein Mensch, dem man tatsächlich die besten Absichten unterstellen kann und dessen Amtsantritt mit den höchsten Hoffnungen verbunden war.

Die Hoffnung unserer Zeit, ein tatkräftiger sympathischer Mann, hochintelligent und eloquent und mit den wahrlich besten Absichten als Präsident des mächtigsten Landes unseres Planeten hat es nicht geschafft! Die alten Affen applaudieren seinen Gegnern.

Putin und Trump und und und….

Die Welt wird einem Alptraum immer ähnlicher.“

Zur Verdeutlichung russischer Verhaltensmuster

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Freitag, 5. Januar 2024: Serapion an Mephisto

Zufälligerweise hatte seinerzeit Zar Nikolaus I. die Welt ganz anders gesehen als deren bescheidener Rest. Und hatte am 2. Juli 1853 das russische Heer den Pruth überschreiten und die beiden zum Osmanischen Reich gehörenden Donaufürstentümer Moldau und Walachei kurzerhand besetzen lassen. Also zufälligerweise ohne Kriegserklärung den Frieden gebrochen. Immerhin noch mit soweitiger Klarsicht, daß die damalige Begründung nicht lauten konnte, diese Aggression diene dem Schutz wie auch immer bedrohter Russen. Da die Strategie der Landnahme durch Ansiedlung von Russen auf fremdländischem Territorium noch nicht in dem Maße forciert worden war wie etwa seit dschugaschwilischen Zeiten. Sondern die damalige Begründung hieß, das gelte dem Schutz orthodoxer Christen. Von russischen Ambitionen auf Durchfahrtsrechte der Kriegsflotte ins Mittelmeer, von irgendwelchen Flottenstützpunkten oder gewissen Herrschaftsansprüchen auf dem Balkan ging die Rede nicht. Auch nicht von einverleibenden Absichten hinsichtlich Konstantinopels. Allerdings hatte Nikolaus im Januar den englischen Botschafter in Petersburg plötzlich beiseite genommen, um ihm ein gemeinsames Interesse an einer Aufteilung des als schwächlich eingeschätzten Osmanischen Reiches einflüstern zu wollen. Doch letzterer mochte darauf nicht eingehen. Die öffentliche Meinung in England war aus irgendeinem Grund russenfeindlich. Ich vermute mal, sie war, sagen wir zurückhaltend, „beeinflußt“ von den Flüchtlingsströmen der damals dort immerhin Asyl Findenden aus Rußland, Polen und Ungarn. „Beeinflußt“, um das Wort „empört“ zu vermeiden. Das sich anböte im Hinblick auf das zufälligerweise menschenverachtende primitiv blutige Wüten der Russen, beispielsweise im September 1849 in Ungarn oder zuvor im November 1830 in Polen. Man stelle sich das vor, die Russen waren damals tatsächlich verschrien als Unterdrücker der Völker!

Und obendrein als reaktionär.

Um nach dem Zufälligen zurückzukommen auf kulturelle Verhaltensmuster, jedenfalls predigten die Derwische den „Heiligen Krieg“, die Pforte setzte sich zur Wehr und erklärte am 4. Oktober Rußland ordnungsgemäß den Krieg. Da lachte Nikolaus sich in sein Fäustchen. Denn in seiner Weltsicht standen die Engländer, die Preußen und die Österreicher fest auf seiner menschenfreundlichen Seite.

Wie gesagt, indessen war die Wahrnehmung der übrigen Welt eine ganz andere. England, Frankreich, Österreich und selbst Sardinien traten auf die Seite der Türkei, und der Krieg mit den Russen ging als extrem verlustreicher Krimkrieg ein in die Annalen. Denke nur an Florence Nightingale in der sogenannten Hölle von Skutari.

Krimkrieg deshalb, weil im schwer umkämpften Sewastopol der Hauptstützpunkt der russischen Flotte lag.

Auf russischer Seite wurde zufälligerweise mit dümmlichem Kadavergehorsam selbst in noch aussichtsloser Lage die Stellung gehalten. Ohne Rücksicht auf menschliche Verluste.

Das galt und gilt dort als heldisch.

Damals war es ein gewisser kriegsteilnehmender Graf Leo Tolstoi, der pathetisch das ordinäre russische Heldenlied sang: „Die Stimmung der Truppen ist einfach unbeschreiblich. Im alten Griechenland herrschte nicht soviel Heldenmut wie hier. Statt mit dem Ruf ‚Guten Tag, Kinder‘, begrüßte Kornilow die Soldaten während der Truppenbesichtigung mit den Worten: ‚Es geht in den Tod, Kinder. Versteht ihr zu sterben?‘ Und die Truppen antworteten: ‚Jawohl, Exzellenz. Hurra!’“

Selbst Nikolaus überlebte den Krieg nicht. Er starb im März 1855.

An Grippe.

Der Friede von Paris am 30. März 1856 war bitter für Rußland und seine Balkanpläne: Verzicht auf die schönen Donaufürstentümer und Verzicht auf die durchsichtige Anmaßung einer Schutzherrschaft für orthodoxe Christen im Osmanischen Reich, Abtretung des südlichen Bessarabiens und der Donaumündung an Moldawien sowie Entmilitarisierung des Schwarzen Meeres.

Apropos Moldawien: Wie Du Dich erinnerst, begannen 1992 in Moldawien plötzlich „Separatisten“ um sich zu schießen.

Lauter vertrauenerweckende Visagen.

Wie 2014 auf der Krim und in der Ostukraine.

Na, wie auf Kommando eilten russische Truppen hinzu und griffen den sogenannten Separatisten hilfreich unter die verschwitzten Separatistenarme mit ihren auf Moskauer Zeit gestellten Armbanduhren. Und setzen sich, zum „Schutz legitimer russischer Interessen“, fest.

Um des Friedens willen überwachte seit 1999 auch eine OSZE-Friedenstruppe eine Sicherheitszone zwischen jener selbsternannten Republik Transnistrien, die zufälligerweise ihren Anschluß an Rußland erstrebt, und Moldawien. Womit das russische Militär zum Abzug verpflichtet wurde und laut eines von Rußland unterzeichneten OSZE-Abkommens auch ist. Im Dezember 2001 endlich wurde damit begonnen und ein erstes Kontingent abgezogen. Während der folgenden Jahrzehnte verzögert sich der weitere Abzug der Okkupationstruppen aber bis heute aus irgendeinem Grunde.

Bei Euch in Deutschland scheint die heutige Generation der Politiker und Journalisten zunehmend zu leiden an einem unverantwortlichen Ausmaß an Amnesie.

Besinnliches zur Besinnung

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Sonntag, 24. Dezember 2023: Serapion an Mephisto

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Sokrates: Wie bist du schon um diese Zeit gekommen, Kriton? Oder ist es nicht noch früh?

Kriton: Noch gar sehr.

Sokrates: Welche Zeit wohl?

Kriton: Die erste Morgendämmerung.

Sokrates: Da wundere ich mich, daß der Schließer des Gefängnisses dir aufmachen gewollt hat.

Kriton: Er ist schon gut bekannt mit mir, Sokrates, weil ich oft hierher komme. Auch hat er wohl eher etwas von mir erhalten.

Sokrates: Bist du eben erst gekommen oder schon lange da?

Kriton: Schon ziemlich lange.

Sokrates: Warum also hast du mich nicht gleich geweckt, sondern dich so still hingesetzt?

Kriton: Nein, beim Zeus, Sokrates, wollte ich doch selbst lieber nicht so lange gewacht haben in solcher Betrübnis. Aber sogar dir habe ich schon lange verwundert zugesehen, wie sanft du schliefest: und recht wohlbedächtig habe ich dich nicht geweckt, damit dir die Zeit noch recht sanft hingehe. Denn oft schon freilich auch sonst im ganzen Leben habe ich dich glücklich gepriesen deiner Gemütsart wegen, bei weitem aber am meisten bei dem jetzigen Unglück, wie leicht und gelassen du es erträgst.

Sokrates: Es wäre ja auch frevelhaft, o Kriton, mich in solchem Alter unwillig darüber zu gebärden, wenn ich endlich sterben muß.

Kriton: Werden doch auch andere, Sokrates, ebenso Bejahrte von solchem Unglück bestrickt; aber ihr Alter schützt sie nicht davor, sich nicht unwillig zu gebärden gegen das eintretende Geschick.

Sokrates: Wohl wahr! Aber warum doch bist du so früh gekommen?

Kriton: Um dir eine traurige Botschaft zu bringen, Sokrates: nicht dir, wie ich wohl sehe, aber mir und allen deinen Freunden traurig und schwer, und die ich, wie mich dünkt, ganz besonders am schwersten ertragen werde.

Sokrates: Was doch für eine? Ist etwa das Schiff aus Delos zurückgekommen, nach dessen Ankunft ich sterben soll?

Kriton: Noch ist es zwar nicht hier, aber ich glaube doch, es wird heute kommen, nach dem, was einige von Sunion Gekommene berichten, die es dort verlassen haben. Aus dieser Nachricht nun ergibt sich, daß es heute kommt und daß du also morgen dein Leben wirst beschließen müssen.

Sokrates: Also, o Kriton, Glück auf! Wenn es den Göttern so genehm ist, sei es so! Jedoch glaube ich nicht, daß es heute kommt.

Kriton: Woher vermutest du das?

Sokrates: Das will ich dir sagen. Ich soll doch an dem folgenden Tage sterben, nachdem das Schiff gekommen ist.

Kriton: So sagen wenigstens die, die darüber zu gebieten haben.

Sokrates: Daher glaube ich nun nicht, daß es an dem jetzt anbrechenden Tage kommen wird, sondern erst an dem nächsten. Ich schließe das aber aus einem Traume, den ich vor einer kleinen Weile in dieser Nacht gesehen habe, und beinahe mag es sich recht gelegen gefügt haben, daß du mich nicht aufgeweckt hast.

Kriton: Und was träumte dir?

Sokrates: Es kam mir vor, als ob eine schöne, wohlgestaltete Frau mit weißen Kleidern angetan auf mich zukam, mich anrief und mir sagte: »O Sokrates,

Möchtst du am dritten Tag in die schollige Phthia gelangen

Kriton: Welch ein sonderbarer Traum, o Sokrates!

Sokrates: Deutlich gewiß, wie mich dünkt, o Kriton!

Kriton: Gar sehr, wie es scheint. Aber du wunderlicher Sokrates, auch jetzt noch folge mir und rette dich. Denn für mich ist es nicht ein Unglück, etwa wenn du stirbst: sondern außerdem, daß ich eines solchen Freundes beraubt weide, – wie ich nie wieder einen finden kann, werden auch viele glauben, die mich und dich nicht genau kennen, daß, ob ich schon imstande gewesen wäre, dich zu retten, wenn ich einiges Geld aufwenden gewollt, ich es doch verabsäumt hätte. Und was für einen schlechteren Ruf könnte es wohl geben, als dafür angesehen sein, daß man das Geld höher achte als die Freunde? Denn das werden die Leute nicht glauben, daß du selbst nicht weggehn gewollt habest, wiewohl wir alles dazu getan.

Sokrates: Aber du guter Kriton, was soll uns doch die Meinung der Leute so sehr kümmern? Denn die Besseren, auf welche es eher lohnt, Bedacht zu nehmen, werden schon glauben, es sei so gegangen, wie es gegangen ist.

Kriton: Aber du siehst doch nun, Sokrates, daß es nötig ist, auch um der Leute Meinung sich zu kümmern. Eben das Gegenwärtige zeigt ja genug, daß die Leute wohl vermögen, nicht das kleinste Übel nur zuzufügen, sondern wohl das größte, wenn jemand bei ihnen verleumdet ist.

Sokrates: Möchten sie nur, o Kriton, das größte Übel zuzufügen vermögen, damit sie auch das größte Gut vermöchten! Das wäre ja vortrefflich! Nun aber vermögen sie keines von beiden. Denn weder vernünftig noch unvernünftig können sie machen; sondern sie machen nur, was sich eben trifft.

Kriton: Das mag immer so sein. Dies aber, Sokrates, sage mir, ob du auch nicht etwa um mich besorgt bist und um die anderen Freunde, daß nicht, wenn du von hier weggingest, die Angeber uns Händel anrichten, weil wir dir heimlich fortgeholfen hätten, und wir dann entweder unser ganzes Vermögen daran geben müßten oder doch vieles Geld, und vielleicht noch sonst etwas dazu erleiden. Denn wenn du dergleichen etwas fürchtest, das laß gut sein! Uns gebührt es ja wohl, über deiner Rettung diese Gefahr auf uns zu nehmen, und wenn es sein müßte, eine noch größere. Also gehorche mir und tue ja nicht anders!

Sokrates: Auch darum bin ich besorgt: auch noch um vieles andere.

Kriton: Keineswegs aber befürchte dies! Denn zuerst ist es nicht einmal viel Geld, wofür einige dich retten und von hier wegführen wollen. Und dann, – siehst du nicht diese Angeber, wie wohlfeil sie sind, und wie gar nicht viel Geld für sie nötig sein würde? Für dich also, glaube ich, würde auch mein Geldvorrat hinreichend sein. Wenn du aber etwa aus Vorsorge für mich nicht leiden wolltest, daß ich von dem meinigen aufwendete, so sind hier die Fremden bereit, es auszulegen. Ja, einer hat ausdrücklich hierzu eine hinreichende Summe zur Stelle gebracht, Simmias von Theben. Auch Kebes ist bereit und gar viele andere. So daß, wie gesagt, weder aus dieser Besorgnis du es aufgeben darfst, dich zu retten, noch auch, was du vor Gericht sagtest, dir hinderlich sein muß, daß du nämlich nach deiner Auswanderung von hier nicht wissen würdest, was du anfangen solltest mit dir selbst. Denn an gar vielen Orten auch anderwärts, wohin du nur kämest, würde man dich gern sehen; wolltest du aber nach Thessalien gehen, so habe ich dort Gastfreunde, die dich sehr wert achten und dir solche Sicherheit genug gewähren würden, daß dir niemand etwas anhaben dürfte in Thessalien. Ferner, Sokrates, dünkt mich auch nicht einmal recht zu sein, daß du darauf beharrest, dich selbst preiszugeben, da du dich retten kannst, und selbst betreibst, daß es so mit dir werde, wie nur deine Feinde es betreiben könnten und betrieben haben, welche dich verderben wollen. Überdies dünkst du mich deinen eigenen Söhnen untreu zu sein, die du ja auferziehen und ausbilden könntest: nun aber verläßt du sie und gehst davon, so daß es ihnen, was dich anlangt, ergehen wird, wie es sich trifft. Es wird sie aber wahrscheinlich so treffen, wie es Waisen zu ergehen pflegt im Waisenstande. Denn entweder solltest du keine Kinder erzeugt haben, oder auch treulich aushaken bei ihrer Erziehung und Ausbildung. Du aber scheinst nur das Bequemste zu erwählen, und solltest doch nur das wählen, was ein tüchtiger und tapferer Mann wählen würde, da du ja behauptest, dein ganzes Leben hindurch dich der Tugend befleißigt zu haben. Wie denn auch ich für dich und für uns, deine Freunde, mich schäme, daß es fast das Ansehn hat, als ob diese ganze Geschichte mit dir nur durch eine Unmännlichkeit von unserer Seite so geschehen sei, sowohl die Einlassung der Klage, daß du dich vor Gericht gestellt hast, da es dir freistand, dich nicht zu stellen, als auch der ganze Rechtshandel selbst, wie er ist geführt worden: und nun gar dieses Ende, recht das Lächerliche von der Geschichte, wild uns nur aus Feigheit und Unmännlichkeit entgangen zu sein scheinen, daß wir dich nicht gerettet haben, noch du dich selbst, da es gar wohl möglich gewesen wäre und auch ausführbar, wenn wir nur irgend etwas nutz waren. Dies also, o Sokrates, sieh wohl zu, daß es nicht außer zum Unglück auch zur Schande gereiche, dir wie uns! Also berate dich! Oder es ist vielmehr nicht einmal mehr Zeit, sich zu beraten, sondern sich beraten zu haben. Und es gibt nur einen Rat. Denn in der nächsten Nacht muß dies alles geschehen sein, oder wenn wir zaudern, ist es unausführbar und nicht mehr möglich. Also auf alle Weise, Sokrates, gehorche mir und tue ja nicht anders!

Sokrates: Deine Sorge um mich, du lieber Kriton, ist viel wert, wenn sie nur irgend mit dem Richtigen bestehen könnte; wo aber nicht, so ist sie je dringender, um desto peinlicher. Wir müssen also erwägen, ob dies wirklich tunlich ist oder nicht. Denn nicht jetzt nur, sondern schon immer habe ich ja das an mir, daß ich nichts anderem von mir gehorche als dem Satze, der sich mir bei der Untersuchung als der beste zeigt. Das aber, was ich schon ehedem in meinen Reden festgesetzt habe, kann ich ja nun nicht verwerfen, weil mir dieses Schicksal geworden ist; sondern jene Reden erscheinen mir noch ganz als dieselben, und ich schätze und ehre sie noch ebenso wie vorher. Wenn wir also nicht bessere als sie jetzt vorzutragen haben, so wisse nur, daß ich dir nicht nachgeben werde, und wenn auch die Macht der Menge noch mehr, als schon geschieht, um uns wie Kinder einzuschüchtern, Gefangenschaft und Tod auf uns losließe und Verlust des Vermögens. Wie können wir also dies recht zu unserer Befriedigung untersuchen? Wenn wir zuerst den Satz wegen der Meinungen aufnehmen, von dem du sprichst, ob wohl für jeden Fall gut gesagt war oder nicht, daß man auf einige Meinungen zwar achten müsse, auf andere aber nicht, oder ob es zwar, ehe ich sterben sollte, gut gesagt war, nun aber offenbar geworden ist, daß es nur obenhin des Redens wegen gesagt, in der Tat aber nichts war als Scherz und Geschwätz? Ich meinesteils habe Lust, Kriton, dies mit dir gemeinschaftlich zu untersuchen, ob diese Rede mir jetzt etwa wunderlicher erscheinen wird, nun es so mit mir steht, oder noch ebenso, und demgemäß wollen wir sie entweder gehen lassen oder ihr gehorchen. So aber, glaube ich, wurde sonst immer von denen behauptet, die etwas zu sagen meinten, wie ich jetzt eben sagte, daß von den Meinungen, welche die Menschen hegen, man einige zwar sehr hoch achten müsse, andere aber nicht. Sprich nun, Kriton, bei den Göttern, dünkt dich dies nicht gut gesagt zu sein? Denn du bist doch menschlichem Ansehen nach fern davon, morgen sterben zu müssen, und das bevorstehende Schicksal könnte dich nicht berücken. Erwäge also: scheint dir das nicht gut gesagt, daß man nicht alle Meinungen der Menschen ehren muß, sondern einige wohl, andere aber nicht? Und auch nicht aller Menschen, sondern einiger ihre wohl, anderer aber nicht? Was meinst du? Ist das nicht gut gesagt?

Kriton: Gut.

Sokrates: Nämlich doch die guten Meinungen soll man ehren, die schlechten nicht?

Kriton: Ja.

Sokrates: Und die guten, sind das nicht die der Vernünftigen, die schlechten aber die der Unvernünftigen?

Kriton: Wie anders?

Sokrates: Wohlan, wie wurde wiederum hierüber gesprochen? Ein Mann, der Leibesübungen treibt und sich dies zum eigentlichen Geschäfte macht, wird der wohl auf jedermanns Lob und Tadel und Meinung achten, oder nur auf jenes allein, auf des Arztes oder des Turnmeisters?

Kriton: Auf jenes allein.

Sokrates: Also fürchten muß er auch nur den Tadel, und Freude haben nur an dem Lobe jenes einen, und nicht der Menge?

Kriton: Offenbar.

Sokrates: Auf die Art also muß er zu Werke gehn und sich üben und essen und trinken, wie dieser eine es gut findet, der Meister und Sachverständige, viel mehr als wie alle anderen insgesamt.

Kriton: So ist es.

Sokrates: Wohl! Ist er aber diesem einen unfolgsam und achtet seine Meinung und sein Lob gering, höher aber das der andern unkundigen Leute, wird ihm dann nichts Übles begegnen?

Kriton: Wie sollte es ihm nicht?

Sokrates: Was ist nun wohl dieses Übel? Worauf zielt es, und was trifft es von dem Unfolgsamen?

Kriton: Seinen Leib offenbar: denn diesen zerrüttet er.

Sokrates: Wohlgesprochen! Ist es nun nicht ebenso mit allem andern, Kriton, damit wir nicht alles durchgehen: also auch mit dem Gerechten und Ungerechten, dein Schändlichen und Schönen, dem Guten und Bösen, worüber wir eben jetzt beratschlagen, ob wir hierin der Meinung der Menge folgen und sie fürchten müssen, oder nur des einen seiner, wenn es einen Sachverständigen hierin gibt, den man mehr scheuen und fürchten muß als alle anderen, welchem dann nicht folgend wir uns das verderben werden und verstümmeln, was eben durch das Recht besser wird, durch das Unrecht aber untergeht? Oder gibt es dergleichen nichts?

Kriton: Jawohl, denke ich wenigstens, Sokrates.

Sokrates: Wohlan denn! Wenn wir nun das, was durch das Ungesunde zerrüttet, durch das Gesunde aber gebessert wird, indem wir nicht der Sachkundigen Meinung gehorchen, zerrüttet haben, lohnt es wohl noch zu leben nach dessen Zerrüttung? Dies ist aber doch der Leib? Oder nicht?

Kriton: Ja.

Sokrates: Lohnt es nun wohl, zu leben mit einem abgeschwächten und zerrütteten Leibe?

Kriton: Keineswegs.

Sokrates: Allein, wenn jenes zerrüttet ist, soll es doch noch lohnen zu leben, was eben durch Unrechthandeln beschädigt wird, durch Rechthandeln aber gewinnt? Oder halten wir das etwa für schlechter als den Leib, was es auch sei von dem unsrigen, worauf Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit sich beziehen?

Kriton: Keineswegs.

Sokrates: Sondern für edler?

Kriton: Bei weitem.

Sokrates: Also keineswegs, o Bester, haben wir das so seht zu bedenken, was die Leute sagen werden von uns, sondern was der eine, der sich auf Gerechtes und Ungerechtes versteht, und die Wahrheit selbst. So daß du schon hierin die Sache nicht richtig einleitest, wenn du vorträgst, wir müßten auf die Meinung der Leute vom Gerechten, Schönen und Guten und dem Gegenteil Bedacht nehmen. »Aber doch,« könnte, wohl jemand sagen, »haben die Leute es ja in ihrer Gewalt, uns zu töten«.

Kriton: Offenbar freilich auch dieses: und so könnte es leicht jemand sagen, o Sokrates.

Sokrates: Sehr wahr. Allein, du Wunderlicher, nicht nur dieser Satz selbst, den wir durchgenommen, erscheint mir wenigstens noch immer ebenso wie vorher; sondern betrachte nun auch diesen, ob er uns noch fest steht oder nicht, daß man nämlich nicht das Leben am höchsten achten muß, sondern das gut Leben?

Kriton: Freilich besteht der.

Sokrates: Und daß das gut Leben mit dem gerecht und sittlich Leben einerlei ist, besteht der oder besteht er nicht?

Kriton: Er besteht.

Sokrates: Also von dem Eingestandenen aus müssen wir dieses erwägen, ob es gerecht ist, daß ich versuche, von hier fortzugehen, ohne daß die Athener mich fortlassen, oder nicht gerecht. Und wenn es sich als gerecht zeigt, wollen wir es versuchen; wo nicht, es unterlassen. Die du aber vorbringst, o Kriton, die Überlegungen wegen Verlust des Geldes und des Rufs und Erziehung der Kinder, – sollten das nur nicht recht eigentlich Betrachtungen dieser Leute sein, die leichtsinnig töten und ebenso auch hernach gern wieder lebendig machten, wenn sie könnten, alles ohne Vernunft; und sollte nur nicht im Gegenteil für uns, da ja unsere Rede es so festsetzt, gar nichts anderes zu überlegen sein, als wie wir eben sagten, ob wir gerecht handeln werden, wenn wir denen, welche mich von hier fortbringen wollen, Geld zahlen und Dank dazu, und wenn wir selbst dabei mitwirken, ihr, indem ihr mich fortbringt, und ich, indem ich mich fortbringen lasse, oder ob wir nicht in Wahrheit unrecht handeln werden, indem wir dies alles tun? Und wenn sich zeigt, wir können dies nur ungerechterweise ausführen, dann dürfen wir jenes, ob wir sterben müssen, wenn ich hier bleibe und mich ruhig verhalte, oder was wir sonst erleiden, gar nicht in Anschlag bringen gegen das Unrechthandeln.

Kriton: Schön dünkt mich das gesagt, Sokrates. Sieh aber, was wir tun wollen!

Sokrates: Gemeinschaftlich, du Guter, wollen wir das überlegen; und hast du etwas einzuwenden, wenn ich rede, so wende es ein, und ich will dir folgen. Wo aber nicht, so höre auf, mir immer dieselbe Rede zu wiederholen, ich solle wider der Athener Willen von hier fortgehn! Denn es ist mir ja wohl viel wert, wenn du mich überredest, dieses zu tun, nur nicht wider meinen Willen. Betrachte also den Anfang der Untersuchung, ob er dir genügt, und suche das Gefragte zu beantworten nach deiner besten Meinung!

Kriton: Das will ich versuchen.

Sokrates: Sagen wir, man müsse auf gar keine Weise vorsätzlich Unrecht tun? Oder auf einige zwar, nur auf andere nicht? Oder ist auf keine Weise das Unrechthandeln weder gut noch schön, wie wir oft ehedem übereingekommen sind, und wie auch jetzt eben gesagt worden ist? Oder sind uns alle jene Behauptungen von ehedem seit diesen wenigen Tagen verschüttet? Und so lange, o Kriton, haben wir, so bejahrte Männer, nicht gemerkt, daß wir im ernsthaftesten Gespräch mit einander doch nichts besser waren als die Kinder? Oder verhält es sich ja auf alle Weise so, wie wir damals sagten, – die Leute mögen es nun annehmen oder nicht, und es mag uns nun deshalb noch härter ergehen als jetzt, oder auch besser, – das Unrechttun ist doch dem, der es tut, schädlich und schändlich auf alle Weise? Wollen wir dies sagen oder nicht?

Kriton: Das wollen wir.

Sokrates: Auf keine Weise also soll man Unrecht tun?

Kriton: Nein freilich.

Sokrates: Also auch nicht der, dem Unrecht geschehen ist, darf wieder Unrecht tun, wie die meisten glauben, wenn man doch auf keine Weise Unrecht tun darf?

Kriton: Es scheint nicht.

Sokrates: Und wie doch? Darf man mißhandeln, oder nicht?

Kriton: Man darf es wohl nicht, Sokrates.

Sokrates: Aber wie? Wieder mißhandeln, nachdem man schlecht behandelt worden ist, – ist das, wie die meisten sagen, gerecht oder nicht?

Kriton: Auf keine Weise.

Sokrates: Denn jemanden schlecht behandeln, ist nicht unterschieden vom Unrecht tun.

Kriton: Wahr gesprochen!

Sokrates: Also weder wiederbeleidigen darf man, noch irgend einen Menschen mißhandeln, und wenn man auch von ihm erleidet, was es immer sei. Und siehe wohl zu, Kriton, wenn du dies eingestehst, daß du es nicht gegen deine Meinung eingestehst! Denn ich weiß wohl, daß nur wenige dieses glauben und glauben werden. Welche also dies annehmen, und welche nicht, für die gibt es keine gemeinschaftliche Beratschlagung; sondern sie müssen notwendig einander gering achten, wenn einer des andern Entschließungen sieht. Überlege also auch du recht wohl, ob du Gemeinschaft mit mir machst und dies auch annimmst und wir hiervon unsere Beratung anfangen wollen, daß niemals weder beleidigen noch wiederbeleidigen recht ist, noch auch, wenn einem Übles geschieht, sich dadurch helfen, daß man wieder Übles zufügt; oder ob du abstehst und du keinen Teil haben willst an diesem Anfang? Ich meinesteils habe schon immer dieses angenommen und auch jetzt noch. Du aber, nimmst du irgend etwas anderes an, so sprich und trage es vor: bleibst du aber bei dem Ehemaligen, so höre nun das Weitere!

Kriton: Allerdings bleibe ich dabei und nehme es mit dir an. Also rede!

Sokrates: Ich sage also hierauf weiter, oder vielmehr ich frage, ob, was jemand jemandem Gerechtes versprochen hat, er auch leisten müsse, oder ob er betrügen dürfe?

Kriton: Leisten muß er es.

Sokrates: Von hier aus nun schaue um: Wenn wir, ohne die Stadt zu überreden, von hier weggehn, behandeln wir dann jemanden schlecht, und zwar die, welchen es am wenigsten geschehen sollte, oder nicht? Und halten wir fest an den, was wir Gerechtes versprochen haben, oder nicht?

Kriton: Darauf weiß ich nicht zu antworten, Sokrates, was du fragtest: denn ich verstehe es nicht.

Sokrates: Erwäge es denn so: Wenn, indem wir von hier davonlaufen wollten, oder wie man dies sonst nennen soll, die Gesetze kämen und das gemeine Wesen dieser Stadt, und uns in den Weg tretend fragten: »Sage nur, Sokrates, was hast du im Sinne zu tun? Ist es nicht so, daß du durch diese Tat, welche du unternimmst, uns, den Gesetzen, und also dem ganzen Staat den Untergang zu bereiten gedenkst, soviel an dir ist? Oder dünkt es dich möglich, daß jener Staat noch bestehe und nicht in gänzliche Zerrüttung gerate, in welchem die abgetanen Rechtssachen keine Kraft haben, sondern von Einzelmännern können ungültig gemacht und umgestoßen werden?« Was sollen wir hierauf und auf mehr dergleichen sagen, Kriton? Denn noch gar vieles könnte einer, und zumal ein Redner, vorbringen zum Besten dieses gefährdeten Gesetzes, welches befiehlt, daß die geschlichteten Rechtssachen sollen gültig bleiben. Oder sollen wir zu ihnen sagen: »Ja, die Stadt hat uns Unrecht getan und die Klage nicht recht gerichtet?« Wollen wir dies sagen, oder was sonst?

Kriton: Dies, beim Zeus!

Sokrates: Wie nun? Wenn die Gesetze sagten: »O Sokrates, war denn auch das unser Abkommen, oder vielmehr du wollest dich dabei beruhigen, wie die Stadt die Rechtssachen schlichtet?« Wenn wir uns nun über ihre Rede wunderten, würden sie vielleicht sagen: »Wundere dich nicht, Sokrates, über das Gesagte, sondern antworte, da du ja gewohnt bist, in Fragen und Antworten zu reden! Denn sprich: Welche Beschwerden hast du gegen uns und die Stadt, daß du suchst, uns zugrunde zu richten? Sind wir es nicht zuerst, die dich zur Welt gebracht haben, und durch welche dein Vater deine Mutter bekommen und dich gezeugt hat? Erkläre also, tadelst du etwas an denen unter uns Gesetzen, die sich auf die Ehe beziehen, was nicht gut wäre?« – »Nichts tadle ich,« würde ich dann sagen. – »Aber an den Gesetzen über des Geborenen Auferziehung und Unterricht, nach denen auch du bist unterrichtet worden? Ist es etwa nicht gut, was die Gesetze unter uns, die hierüber festgesetzt sind, gebieten, indem sie deinem Vater auflegten, dich in den Geistesübungen und Leibeskünsten zu unterrichten?« – »Sehr gut«, würde ich sagen. – »Wohl! Nachdem du nun geboren, auferzogen und unterrichtet worden bist, kannst du zuerst wohl leugnen, daß du nicht unser warst als Abkömmling und Knecht, du und deine Vorfahren? Und wenn sich dies so verhält, glaubst du, daß du gleiches Recht hast mit uns, und daß, was immer wir uns beigehen lassen, dir anzutun, auch du das Recht habest, uns wieder zu tun? Oder hattest du gegen deinen Vater zwar nicht gleiches Recht oder gegen deinen Herrn, wenn du einen gehabt hättest, so daß du, was dir geschähe, ihm wieder antun dürfest, noch auch, wenn er dich verunglimpfte, widersprechen, noch, wenn er dich schlug, wiederschlagen und mehreres dergleichen: gegen das Vaterland aber und gegen die Gesetze soll es dir erlaubt sein, so daß, wenn wir darauf ausgingen, dich zugrundezurichten, indem wir es für gerecht hielten, auch du wieder auf unsern, der Gesetze und des Vaterlandes Untergang, so viel an dir ist, ausgehen und dann sagen dürftest, du handeltest hierin recht, du, der sich in Wahrheit der Tugend befleißigt? Oder bist du so weise, daß du nicht weißt, wie viel höher als Vater und Mutter und alle anderen Vorfahren das Vaterland geachtet ist, und wieviel ehrwürdiger und heiliger bei den Göttern und bei allen Menschen, welche Vernunft haben? Und wie man ein aufgebrachtes Vaterland noch mehr ehren und ihm nachgeben und es besänftigen muß als einen Vater, und entweder es überzeugen oder tun, was es befiehlt, und was es zu leiden auflegt, ganz ruhig leiden, wenn es auch wäre, dich schlagen zu lassen oder dich fesseln zu lassen, oder wenn es dich in den Krieg schickt, wo du verwundet und getötet werden kannst, du dies doch alles tun mußt und es so allein recht ist? Und daß du nicht weichen und nicht weggehen und nicht deine Stelle verlassen mußt, sondern im Kriege und vor Gericht und überall tun mußt, was der Staat gebietet und das Vaterland, oder es überzeugen mußt, was eigentlich Recht sei? Daß aber Gewalt nicht ohne Frevel gebraucht werden kann gegen Vater oder Mutter und noch viel weniger als gegen sie gegen das Vaterland?« – Was sollen wir hierauf sagen, o Kriton? Daß es wahr ist, was die Gesetze sagen, oder nicht?

Kriton: Mich dünkt, ja.

Sokrates: »Überlege also, o Sokrates,« würden die Gesetze vielleicht weiter sagen, »wenn wir hiervon mehr gesprochen haben, daß du alsdann nicht mit Recht uns das antun willst, was du jetzt willst: Denn wir, die wir dich zur Welt gebracht, auferzogen, unterrichtet und alles Gute, was nur in unserm Vermögen stand, dir und jedem Bürger mitgeteilt haben, wir verkünden dennoch, indem wir Freiheit gestatten jedem Athener, der es nur will, daß, wenn jemand Bürger geworden ist und den Zustand der Stadt und uns, die Gesetze, kennengelernt hat und wir ihm dann nicht gefallen, er das Seinige nehmen und fortgehn dürfe, wohin er nur will. Und keins von uns Gesetzen steht im Wege oder verbietet, wenn jemand von euch, dem wir und die Stadt nicht gefallen, in eine Pflanzstadt ziehen will oder auch anderswohin sich begeben und sich als Schutzverwandter ansiedeln, wo er nur will, mit Beibehaltung alles des Seinigen. Wer von euch aber geblieben ist, nachdem er gesehen, wie wir die Rechtssachen schlichten und sonst die Stadt verwalten, – von dem behaupten wir dann, daß er uns durch die Tat angelobt habe, was wir nur immer befehlen möchten, wolle er tun. Und wer nicht gehorcht, sagen wir, der tue dreifach Unrecht, weil er uns als seinen Erzeugern nicht gehorcht und nicht als seinen Erziehern, und weil er, ohnerachtet er uns angelobt, er wolle gewiß gehorchen, doch weder gehorcht noch uns überzeugt, wo wir etwas nicht recht tun; und da wir ihm doch vortragen und nicht aufrauhe Artgebieten, was wir anordnen, sondern freistellen eins von beiden, entweder uns zu überzeugen oder uns zu folgen, er doch hiervon keines tut. Und diese Verschuldungen nun, behaupten wir, werden auch auf dir, Sokrates, haften, wenn du ausführst, was du im Sinne hast, und zwar auf dir nicht am wenigsten unter den andern Athenern, sondern wohl ganz vorzüglich.« – Wenn ich nun fragte: »Weshalb denn das?« – so würden sie mich wohl ganz recht angreifen, wenn sie sprächen, daß ich ganz vorzüglich vor andern Athenern ihnen dies Versprechen geleistet hätte. »Denn«, würden sie sagen, »hiervon haben wir große Beweise, daß wir sowohl als die Stadt dir Wohlgefallen haben: Sonst würdest du ja wohl nicht so vorzüglich vor allen Athenern immer einheimisch darin geblieben sein, wenn sie dir nicht vorzüglich gefiele. Denn weder bist du je zur Schau der großen Feste aus der Stadt herausgegangen, außer einmal auf den Isthmos, noch sonst irgend wohin anders als nur mit dem Heere ziehend, oder hast sonst eine Reise gemacht, wie andere Menschen, noch auch hat dich jemals Lust angewandelt, andere Städte und andere Gesetze zu sehen, sondern wir genügten dir und unsere Stadt: so sehr zogst du uns vor und gelobtest, uns gemäß dein Bürgerleben zu führen, hast auch überdies Kinder in der Stadt erzeugt, weil sie dir gefiel. Ja auch noch während des Rechtshandels konntest du dir ja die Verweisung zuerkannt haben, wenn du gewollt hättest, und so, was du jetzt gegen den Willen der Stadt unternimmst, damals mit ihrem Willen tun. Du aber tatest damals zwar gar schön, als wärest du gar nicht unwillig, wenn du sterben müßtest, sondern wähltest, wie du sagtest, lieber als die Verweisung den Tod: nun hingegen schämst du dich weder vor jenen deinen Reden, noch scheust du uns, die Gesetze, sondern versuchst, uns zu zerstören, und handelst, wie nur der schlechteste Knecht handeln könnte, in dem du zu entlaufen versuchst gegen alle Verträge und Versprechungen, nach denen du uns versprochen hast, als Bürger zu leben. Zuerst also beantworte uns nur dieses, ob wir die Wahrheit reden, indem wir behaupten, du habest nach unserer Anordnung dein Bürgerleben zu führen uns durch die Tat versprochen, nicht bloß durch Worte, – oder ob wir nicht die Wahrheit reden?« – Was sollen wir hierauf sagen, Kriton? Sollen wir es nicht einräumen?

Kriton: Wir müssen wohl, Sokrates.

Sokrates: »Ist es also nicht so,« würden sie sagen, »daß du deine Verträge mit uns und deine Versprechungen übertrittst? Die du doch nicht gezwungen abgelegt hast, noch überlistet, noch in der Notwendigkeit, etwa dich in kurzer Zeit zu beraten, sondern siebzig Jahre lang, während deren du hättest fortgehn können, wenn wir dir nicht gefielen und du die Bedingungen nicht für gerecht hieltest. Du aber hast weder Lakedaimon vorgezogen noch Kreta, die du doch immer rühmst als wohlgeordnete Staaten, noch irgend einen andern von den hellenischen Staaten oder von den unhellenischen, sondern weniger hast du dich von hier entfernt als die Lahmen, Blinden und andere Verstümmelten. So vorzüglich vor allen Athenern hat dir die Stadt gefallen, und wir, die Gesetze, also auch. Denn wem würde eine Stadt wohl gefallen ohne die Gesetze? Und nun also willst du doch dem Versprochenen nicht treu bleiben? Wohl wirst du es, wenn du uns folgst, o Sokrates, und du wirst dich nicht lächerlich machen durch deinen Auszug aus der Stadt. Denn erwäge nur, wenn du es übertrittst und etwas davon verletzest, was du Gutes dir selbst bereiten wirst und deinen Freunden! Denn daß deine Freunde ja freilich in Gefahr geraten werden, auch selbst flüchtig zu werden und der Stadt entsagen zu müssen, oder ihr Vermögen einzubüßen, das ist wohl offenbar. Du selbst aber, wenn du zuerst in eine der nächstgelegenen Städte gehst, sei es nach Theben oder nach Megara, denn wohleingerichtet sind beide, so kommst du als ein Feind ihrer Verfassung; und wer nur seiner eignen Stadt zugetan ist, wird dich scheel ansehen als einen Verderber der Gesetze, und so wirst du nur das Ansehen deiner Richter befestigen, daß sie dafür gelten werden, in deiner Sache recht gerichtet zu haben: denn wer der Gesetze Verderber ist, muß wohl gar sehr dafür gehalten werden, auch der jüngeren und noch unvernünftigen Menschen Verderber zu sein. Willst du also etwa die wohleingerichtetsten Staaten und die ehrenwertesten Menschen meiden? Und wenn du dieses tust, wird es dir etwa noch lohnen zu leben? Oder willst du dich zu ihnen halten und unverschämt genug sein, was doch für Reden vorzubringen, o Sokrates? Oder dieselben wie hier, daß über Tugend und Gerechtigkeit nichts gehe für den Menschen und über Ordnungen und Gesetze? Und glaubst du nicht, des Sokrates Sache werde dann ganz unanständig erscheinen? Wohl muß man das glauben! Aber aus diesen Gegenden wirst du dich wohl fortmachen und dich nach Thessalien begeben zu den Gastfreunden des Kriton! Denn dort sind ja Unordnung und Ungebundenheit am größten, und die möchten dir wohl mit Vergnügen zuhören, wie lächerlich du aus dem Gefängnis entlaufen bist, in irgend ein Stück Zeug eingehüllt oder mit einem gemeinen Kittel umgetan, oder wie sich sonst die Entfliehenden zu verkleiden pflegen, und nachdem du dich ganz unkenntlich gemacht. Daß du aber als ein alter Mann, dem wahrscheinlich nur noch wenig Lebenszeit übrig ist, dich nicht gescheut hast, mit solcher Gier nach dem Leben zu gelüsten mit Übertretung jedes heiligsten Gesetzes, wird das niemand sagen? Vielleicht nicht, wenn du niemanden beleidigst; sonst aber, o Sokrates, dann wirst du auch viel deiner Unwürdiges hören müssen. Kriechend also vor allen Menschen wirst du leben; und was denn tun als schmausen in Thessalien? So daß du wie zum Gastgebot wirst hingereist scheinen nach Thessalien! Und jene Reuen von der Gerechtigkeit und von den übrigen Tugenden, wo werden uns die bleiben? Doch deiner Kinder wegen willst du leben, um sie selbst aufzuziehen und zu unterrichten! Wie also? Nach Thessalien willst du sie mitnehmen und dort aufziehen und unterrichten? Und sie zu Fremdlingen machen, damit sie dir auch das noch zu verdanken haben? Oder das wohl nicht; aber hier sollten sie, wenn du nur lebst, besser aufgezogen und unterrichtet werden, obgleich du nicht bei ihnen bist? Deine Freunde nämlich werden sich ihrer annehmen. Ob nun wohl, wenn du nach Thessalien wanderst, sie sich ihrer annehmen werden, wenn du aber in die Unterwelt wanderst, dann nicht? Wenn sie anders etwas wert sind, die deine Freunde zu sein behaupten, so muß man es ja wohl glauben. Also, Sokrates, gehorche uns, deinen Erziehern, und achte weder die Kinder noch das Leben noch irgend etwas anderes höher als das Recht, damit, wenn du in die Unterwelt kommst, du dies alles zu deiner Verteidigung anführen kannst den dortigen Herrschern. Denn es zeigt sich ja weder hierfür dich besser oder gerechter oder frömmer, dies wirklich auszuführen, oder für irgend einen der Deinigen, noch auch wird es, wenn du dort ankommst, besser für dich sein. Sondern wenn du jetzt hingehst, so gehst du hin als einer, der Unrecht erlitten hat, nicht zwar von uns Gesetzen, sondern von Menschen. Entfliehst du aber, so schmählich Unrecht und Böses mit gleichem vergeltend, deine eignen Versprechungen und Verträge mit uns verletzend und allen denen Übles zufügend, denen du es am wenigsten solltest, dir selbst nämlich, deinen Freunden, dem Vaterlande und uns, – so werden nicht nur wir auf dich zürnen, solange du lebst, sondern auch unsere Brüder, die Gesetze der Unterwelt, werden dich nicht freundlich aufnehmen, wenn sie wissen, daß du auch uns zugrunde zu richten versucht hast, soviel an dir war. Also, daß ja nicht Kriton mehr dich überrede, zu tun, was er sagt, als wir!« Dies, lieber Freund Kriton, glaube ich zu hören, wie die, welche das Ohrenklingen haben, die Flöte zu hören glauben. Denn auch in mir klingt so der Ton dieser Reden und macht, daß ich andere nicht hören kann. Also wisse nur, was meine jetzige Überzeugung betrifft, daß, wenn du etwas hiergegen sagst, du es vergeblich reden wirst. Dennoch aber, wenn du glaubst, etwas damit auszurichten, so sprich!

Kriton: Nein, Sokrates, ich habe nichts zu sagen.

Sokrates: Wohl denn, Kriton! So laß uns auf diese Art handeln, da uns hierhin der Gott leitet!

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Platon (427-347 v. Chr.): Kriton

Unsere jahrhundertealten Methoden

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Samstag, 9. Dezember 2023: Wladimir Wladimirowitsch an Mephisto

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Also ich als lupenreiner Demokrat und Auftraggeber von Auftragsmorden und mit internationalem Haftbefehl gesuchter Kriegsverbrecher, mich überkommt immer nur ein Grinsen, wenn ich an den Westen denke. Ihr begreift dort nichts. Ihr können gar nicht so weit denken samt eurer künstlichen Intelligenz! Das ist ganz offensichtlich!

Ihr seht nie irgendwelche Zusammenhänge und zählt eins und eins nie zusammen!

Ihr seid unfähig!

Ich grinse nur dazu, ihr meint tatsächlich, wenn beispielsweise nun urplötzlich wieder der Krieg hochkocht zwischen Aserbaidschan und Armenien, das wäre wie vom Himmel gefallen. Und rein zufällig an meinem Geburtstag haut die, wie nennt ihr sie in Deutschland, die „radikal islamische“ Hamas, die haut am 7. Oktober in Israel die Juden zu Brei.

Mich überkommt schon wieder mein Grinsen!

Gerade über Deutschland!

Eure Politiker und Journalisten und Historiker und Politikwissenschaftler, die haben das ganze 20. Jahrhundert vergessen.

Unsere jahrhundertealten Methoden der Russifizierung.

Also der Unterwanderung.

Obwohl wir es damals ziemlich offen tun konnten unter der Flagge der kommunistischen Weltrevolution. Mittels der kommunistischen Parteien in der von uns gesteuerten kommunistischen Internationale.

Dazu all diese nützlichen Idioten der linksbürgerlichen Intellektuellen! Mit ihrem unermüdlichen Sinn für alles Schöne und Gute und Richtige!

Vor allem auch bei euch in Deutschland!

Wie wir die thälmannsche KPD im Bunde mit der NSDAP die Weimarer Republik plattmachen ließen. Mit der Devise, der Hauptfeind seien nicht die Nazis, sondern die Sozis.

Jawohl: Zusammen mit den Nazis gegen die Sozis!

Ulbricht mit Goebbels, habt ihr vergessen, gemeinsam auf der Rednertribüne!

Nach der alten russischen Bauernregel: Immer zwei Eisen im Feuer!

Wie bei euch in Deutschland heute die Sahra und die Alice!

Und in Frankreich der Jean-Luc und die Marine!

Nun gut, daß dann wider Erwarten nicht die Revolution ausbrach unter Führung der Kommunisten, das konnten wir immerhin teilweise ausgleichen durch den sowjetisch-deutschen Pakt Ende August 39.

Dem wir das gesamte Baltikum und Ostpolen verdankten!

Und ihr ließet uns das alles behalten nach 45!

Und sogar noch Osteuropa dazugewinnen durch den ahnungslosen Westen.

Bis an die Elbe!

Im Westen, die haben tatsächlich sich einreden lassen durch unseren genialen Generalissimus in Jalta, es fänden nun in all den von uns besetzten Gebieten Wahlen statt.

Nach eurem Muster!

Ich kriege schon einen Lachkrampf!

Natürlich haben wir dann Wahlen abgehalten.

Natürlich aber nach unserem Muster!

Lupenrein russisch!

Daß dann dieser blöde Gorbatschow ans Ruder kam und ein ganzes Jahrhundertwerk zerbröseln ließ, war wahrlich nicht vorherzusehen, denn dieser Vaterlandsverräter war ja selber Russe.

Aber ich schwöre: Nie wieder!

Denn die nächsten Wahlen gewinne ich!

Und dann gnade euch Gott!

Ich, als lupenreiner Auftraggeber, gewinne nächstes Jahr die Wahlen in den USA!

Und dann mache ich den degenerierten Westen fertig!

Da könnt ihr Gift drauf nehmen!

Und wenn es Plutonium ist!

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Mittwoch, 29. November 2023, Deutschlandfunk 13 Uhr-Nachrichten:

Nach Medienberichten sollen zehn israelische Geiseln freigelassen werden, im Gegenzug entlässt Israel offenbar wieder 30 palästinensische Personen aus der Haft. Zusätzlich hat die Hamas die Freilassung zweier Geiseln mit russischer Staatsangehörigkeit angekündigt. Ein ranghohes Hamas-Mitglied sagte einem Radiosender im Gazastreifen, die Freilassung der beiden Frauen sei als Geste an den russischen Präsidenten Putin gedacht und erfolge außerhalb des Abkommens mit Israel.