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Thalatta ! Thalatta !

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Knapp daneben

 

8. August 2020: Serapion an Mephisto

 

Um 1350 kam die Pest zufälligerweise einmal aus China und nahm ihren Weg nach Europa zufälligerweise auf den Handelsstraßen. Und zwar über Indien und Persien. Die Seuche entvölkerte etwa 200.000 Dörfer und Siedlungsflecken vollständig und brachte mehr als ein Viertel der europäischen Gesamtbevölkerung um.

25 Millionen Menschen allein in Europa.

Die Pariser medizinische Fakultät riet zwecks Vorbeugung:

Man soll kein Geflügel essen, keine Wasservögel, kein Spanferkel, kein altes Ochsenfleisch, überhaupt kein fettes Fleisch. Wir empfehlen Brühen mit gestoßenem Pfeffer.

Bei Tage schlafen ist schädlich. Der Schlaf darf nicht länger dauern als bis zum Morgengrauen.

Unschädlich sind trockene und frische Früchte, wenn man sie mit Wein nimmt.

Kalte, feuchte und wäßrige Speisen sind größtenteils schädlich. Fisch soll man nicht essen. Man koche nichts mit Regenwasser. Zu den Mahlzeiten nehme man etwas Theriak; Olivenöl zur Speise ist tödlich.

Gefährlich ist das Ausgehen zur Nachtzeit bis um drei Uhr morgens wegen des Taus. Fette Leute sollten sich der Sonne aussetzen.

In Europa traf die Seuche zuerst auf die Handelsstadt Florenz. Zeitzeuge Boccaccio schrieb:

Mit Beginn des Frühlings begann die Seuche ihre schmerzensreichen Wirkungen auf eine gräßliche Art zu zeigen. Und sie begann hier nicht wie im Orient mit Nasenbluten, dem sicheren Zeichen unvermeidlichen Todes, sondern es entstanden bei Männern wie bei Frauen Geschwülste unter der Achsel, bis zur Größe eines Apfels, die das Volk Pestbeulen nannte. Von dort aus verbreitete sich das tödliche Pestgift über den ganzen Leib.

Später nahm die Krankheit eine andere Gestalt an: Es entstanden schwarze oder bläuliche Flecken am Arm oder am Oberschenkel und weiterhin am ganzen Körper. Und wie anfangs die Beulen ein sicheres Zeichen des kommenden Todes gewesen waren, so wurden es jetzt die Flecken für jeden, der sie bekam. Kein ärztlicher Rat und keine Kraft der Arzneien erwiesen sich als heilsam. Jedenfalls genasen nur sehr wenige, und fast alle starben rasch binnen drei Tagen nach dem Auftreten jener Zeichen, gewöhnlich ohne alles Fieber und andere Zufälle.

Die Verderblichkeit dieser Seuche war um so größer, als der Todeskeim von den Kranken auf die Gesunden übergriff wie Zunder auf trockene oder fettige Gegenstände. Und zwar nicht nur beim Umgang mit den Kranken selbst, sondern auch beim Berühren ihrer Kleider und Sachen. Deswegen hatten fast alle das Ziel, die Kranken und deren Sachen zu meiden und zu fliehen.

Manche dachten, daß ein mäßiges Leben die Widerstandskraft erheblich fördere. Sie vereinigten sich zu Gesellschaften und lebten von allen abgesondert. Und indem sie sich in Häusern, in denen kein Kranker war, versammelten und einschlossen, genossen sie die schmackhaftesten Speisen und den besten Wein, aber mit Maß und auf der Hut vor aller Schwelgerei. Niemand erhielt zu ihnen Zutritt, und keine Todes- oder Krankennachricht durfte ihnen hinterbracht werden. Andere dagegen behaupteten, die sicherste Arznei bei einem solchen Übel sei, reichlich zu trinken, sich gute Tage zu machen, mit Gesang und Scherz umherzuziehn, jeglicher Begierde, wo es nur möglich sei, Genüge zu tun, und über das was kommen werde, zu lachen und zu spotten.

Eine dritte Gruppe waren die sogenannten Geißelbrüder. Die zogen als Büßer zu Tausenden übers Land von Ort zu Ort, unbeschuht, doch ein jeglicher mit einer dreisträngigen Geißel in der Hand, davon jeder Strang bewehrt mit drei dornigen Knoten. Ab und zu entblößten sie dann ihre Rücken und schlugen sich, bis ihr Blut hervorströmte.

Und in den Städten jagten und lynchten sie die Juden, weil die natürlich, wie immer, und heute zusammen mit den Amis, die Schuldigen sind und waren an allem.

Es gibt nichts neues unter der Sonne.

Also am ersten August in Berlin…

Dazu am Dienstag der Deutschlandfunk:

Knapp 20.000 Menschen demonstrierten am Wochenende in Berlin gegen die deutschen Infektionsschutzmaßnahmen, die eine weitere Ausbreitung des Coronavirus verhindern sollen.

Zuerst einmal aus tiefer Dankbarkeit Hochachtung vor dem charakterisierenden charakteristischen Niveau. Für die Erläuterung, wozu Infektionsschutzmaßnahmen dienen.

Wer hätte es gedacht.

Du siehst, unsere öffentlich-rechtlichen Medien nehmen ihren Aufklärungsauftrag ungeheuer ernst, und erkennst, was sie darunter verstehen…

Auf Punkt und Komma!

„Knapp 20.000 Menschen…“

Wenn es „rund“ geheißen hätte!

Oder „ungefähr“…

Aber dieses verräterische Knapp!

Das heißt und soll singen und sagen: Stop! Auf keinen Fall 20.001!

Oder noch mehr.

„Knapp 20.000“ heißt ja „etwa 19.900“ oder, toleranter gesehen, vielleicht 19.500.

Allerdings „knapp 20.000“ kann auf keinen Fall bedeuten 19.000! Denn wer „knapp 20.000“ zu schätzen in der Lage ist, kann auch „etwa 19.000“ schätzen.

Botschaft: Auf keinen Fall mehr und über!

Nun ist das so eine Sache mit dem knappen Wörtchen „knapp“.

Knapp schwanger geht nicht.

Denn knapp richtig wäre ganz falsch.

Und knapp wahr ist unwahr.

Aus irgendeinem Grund nur in Sekundenbruchteilen zeigte man im Fernsehen aus der Vogelperspektive einmalig eine nahezu knappste Kameraaufnahme der Demonstranten.

Etwa von der Siegessäule bis zum Brandenburger Tor.

Alles voller Menschen!

Diese knappe Bildschnitt-Blitztechnik kennt man ja aus der DDR-Fernsehfunk-Berichterstattung über den bösen Westen vornehmlich durch den deutschen demokratischen Chefpropagandisten Joseph, nein, Karl-Eduard von Schnitzler, und sie sollte andenkenhalber eigentlich Schnitzel-, nein, Schnitzlertechnik genannt werden. In der Deutschen Demokratischen Republik gab es einen bis zu zehn Jahre Freiheitsentzug einbringenden Paragraphen des Strafgesetzes, der hieß „Staatsfeindliche Hetze“. Staatsfreundliche Hetze blieb unbestraft und von Schnitzlers „Der schwarze Kanal“ lief im Fernsehfunk jeden Montag über dreißig Jahre lang bis 1989.

Nach meiner Beobachtung wurde seine Schnitzlertechnik das erste Mal übernommen von der bundesdeutschen Journalistik anläßlich der Berichterstattung über die Pegida in Dresden. Doch erst nachdem die dortige Anzahl der Demonstranten die Zahl 10.000 unknapp überstiegen hatte. Die Monate zuvor hatte man die Methode noch nicht eingesetzt bei diesen Demonstrationen.

Weil man überhaupt nicht über diese politisch Unkorrigierten berichtet hatte.

Um die richtig Denkenden vor Verwirrung zu schützen.

Aber nun!

In knappster Schnitzleristik!

Daß Du ohne zeitliche Belastung in knappsten Sekundenbruchteilen klar erkanntest: Lauter Deppen!

Abstiegsverängstigte, modernisierungsskeptische, fremdenfeindliche, islamophobe, rassistische, abgehängte, weiße, alte Männer!

Wie bei von Schnitzler: Alles Nazis!

Ebenso knapp etwa ein Dreivierteljahr später in einem knappen Halbsatz die Erwähnung des Ergebnisses einer soziologischen Studie: Es handelt sich um die dortige Mittelschicht…

Um aber auf die erwähnte Vogelperspektive der Straße des 17. Juni vom Großen Stern bis zum Brandenburger Tor zurückzukommen: auch die kannte ich bereits. Nur eben ohne jede Schnitzleristik in ausführlichen Bildsequenzen. Ansonsten völlig identisch angefüllt mit Menschenmassen. Das war anläßlich der seinerzeitigen Lafparät in Berlin. Wenn ich mich recht erinnere, wurde damals die Teilnehmerzahl beziffert ohne jedes Knapp mit mehreren hunderttausend.

Wenn nicht sogar mit Million.

Weißt Du, was der RIAS, der Rundfunk im amerikanischen Sektor Berlins, der beste Sender, den es je gab, weißt Du, was der gemacht hätte? Der wäre beispielsweise hingefahren mit seinem Ü-Wagen, Ü für Übertragung! Und hätte direkt, (zu deutsch: leif), von jener Massendemonstration berichtet. Und zwar nicht nur in verwackelten blitzschnellen Sequenzen. Sondern, wie es sich bei seriöser Berichterstattung gehörte, vermittels gebührenfinanzierter und teuer bezahlter Kamera- und Mikrofontechnik des 21. Jahrhunderts.

Und der RIAS wäre durch die Stadt gefahren und hätte ausgiebig Leute interviewt.

Was?

Das hätte sich der RIAS gar nicht wagen dürfen?

Weil die Demonstranten den Ü-Wagen platt gemacht hätten?

Und die rechten Menschen gar nicht mit der Presse geredet hätten?

Das glaube ich eher nicht!

Weil nämlich in Zeiten des RIAS das Klima jener ungeheuerlichen „Lügenpresse!“-Sprechchöre erst überhaupt nicht entstanden wäre.

Aus Mangel an Gründen.

Denn nichts entsteht ja grundlos.

Die RIAS-Reporter wären also rausgefahren zu der Kundgebung. Denn die Kundgebung war ja angemeldet.

Also legitim.

Sonst wäre sie ja auch verboten worden.

Es handelte sich also um eine demokratische Versammlung.

Und wir leben doch in einem demokratischen Staat. In welchem Berichterstatter die Kundgebenden eines legitimierten Willens nicht ohne weiteres und von vornherein als „rechts“ oder „rechtspopulistisch“ in diskriminierender Absicht zu etikettieren und tendenziös abzuwerten haben. Noch dazu ohne jegliches ansonsten heute so beliebte „mutmaßlich“.

Sondern die RIAS-Reporter aus dem Ü-Wagen hätten berichtet von einer Kundgebung, auf welcher dies und jenes gefordert wurde von den Demonstranten. Und hätten berichtet: Auf den Transparenten beispielsweise standen folgende Parolen zu lesen.

Und ein Redner habe unter anderem dies und jenes gesagt.

So sah einst Berichterstattung aus!

Und dem Rezipienten wurde anheimgestellt, mündig zu sein und eigenmächtig aus dem Bericht nach Belieben und Gutdünken und eigener Meinung zu schlußfolgern in einem Staat mit grundgesetzlich garantierter Meinungsfreiheit, welcher Couleur die Demonstrierenden wohl zuzurechnen seien.

Wenn ihm die Couleur wichtig wäre neben dem Eigentlichen.

Neben dem sachlichen Anliegen der Demonstranten.

Und ich als Rezipient hätte mich übrigens nach meinem eigenen Vorurteil auf keinen Fall in einen Bus gesetzt und wäre nach Berlin gefahren. Ich hätte eher gedacht an meinen Freund Erich Kästner: „Kopf gut schütteln vor Gebrauch!“

Denn ich leide auch nicht unter der Vorstellung, die vereinte Welt würde mir das Virus und seine Opfer nur vorspielen. Und gleichzeitig denken, am Virus und seinen Opfern hätten die Amis und die Juden schuld.

Ich riete im Gegenteil, auf keinen Fall auf diese Art Querdenker vom Schlage Ballweg, Janich oder Jebsen zu hören. Auch neige ich dazu, im Internet auf das Suffix „.ru“ zu achten. Ich denke zum Beispiel, ein Auftraggeber von Auftragsmorden hätte womöglich Interesse, Thesen der verwirrenden Verirrtheit streuen zu lassen in der verhaßten westlichen Hemisphäre.

Aus seiner nach Machorka stinkenden Abteilung „Zersetzung“.

Und potentiellen Teilnehmern hätte ich geraten, ihre Zeit lieber zu nutzen für das Studium der Geometrie von Dreiecken.

Das schult das Denkvermögen.

Und für das Studium der Weltgeschichte.

Das macht geistig gesünder.

 

Das Hitlerreich war als Ganzes mit allen seinen Folgen ein Zeichen für die Macht der Worte über die Vernunft.

Rupert Lay

 

Das Raffinement zwischen den Geschlechtern

 

14.1.18 Mephisto an Bellarmin

In LE MONDE auf Seite 20 hatte am Mittwoch eine Gruppe von mehr als hundert Frauen einen offenen Brief veröffentlicht: „Un collectif de plus de 100 femmes affirme son rejet du ‚puritanisme‘ apparu avec l’affaire Weinstein et d’un certain feminisme qui exprime une ‚haine des hommes‘.“ („Eine Gruppe von mehr als 100 Frauen zeigt deutlich ihre Ablehnung gegen den im Zusammenhang mit der Affaire Weinstein in Erscheinung getretenen ‚Puritanismus‘ und einen gewissen ‚männerhassenden‘ Feminismus.“)

Zu den Verfasserinnen gehören: Sara Chiche (Schriftstellerin, klinische Psychologin, Psychoanalytikerin), Catherine Millet (Kunstkritikerin, Schriftstellerin), Catherine Robbe-Grillet (Schauspielerin, Schriftstellerin), Peggy Sastre (Autorin, Journalistin, Übersetzerin), Abnousse Shalmai (Schriftstellerin, Journalistin).

Zu den Unterzeichnerinnen gehören u. a.: Kathy Alliou (Kuratorin), Marie-Laure Bernadac (Honorarkonservatorin), Stephanie Blake (Kinderbuchautorin), Ingrid Caven (Schauspielerin, Sängerin), Catherine Deneuve (Schauspielerin), Gloria Friedmann (Bildhauerin, Installationskünstlerin), Cécile Guilbert (Romancierin, Essayistin), Brigitte Jaques-Wajeman (Regisseurin), Claudine Junien (Genetikerin), Brigitte Lahaie (Schauspielerin, Radiomoderatorin), Nathalie Léger (Schriftstellerin, Generaldirektorin des Institut mémoires de l’édition contemporaine), Elisabeth Lévy (Direktorin der Redaktion des „Causeur“), Joëlle Losfeld (Herausgeberin), Sophie de Menthon (Präsidentin der Ethik-Bewegung), Marie Sellier (Schauspielerin, Präsidentin der Gesellschaft der Literaten).

Dazu mache ich Dich aufmerksam auf ein heutiges Interview im Deutschlandfunk (Hervorhebung von mir):

Kathrin Hondl: … Mit ziemlich kritischen Worten zu dieser Debatte hatten sich nämlich in Frankreich diese Woche 100 Frauen zu Wort gemeldet. In der Zeitung „Le Monde“ veröffentlichten sie einen offenen Brief, in dem sie mit Blick auf #Metoo vor dem – Zitat – „Klima einer totalitären Gesellschaft“ warnten. „Une liberté d’importuner“ – Die Freiheit, jemanden zu belästigen, sei für die sexuelle Freiheit unerlässlich – hieß es da unter anderem – und unterschrieben haben so berühmte Frauen wie Catherine Deneuve, die Künstlerin Gloria Friedman oder die Kunstkritikerin und Autorin Catherine Millet.

Und zumindest eins ist klar: Der Brief der Französinnen hat neuen Schwung in die #Metoo-Debatte gebracht – denn er irritiert viele, die sich fragen, was für eine sexuelle Freiheit Catherine Deneuve und Co da wohl meinen. Ganz abgesehen von der Frage, was das bitteschön sein soll „Verführung à la francaise“? Darüber möchte ich jetzt mit Barbara Vinken sprechen –Professorin für Literaturwissenschaft und Romanistik in München. Und, Frau Vinken, Frankreich gilt ja nun traditionell als Land der Liebe und Verführungskunst – auch von Libertinage und sexueller Freiheit. Inwiefern ist das denn in diesem Brief der hundert Frauen eine typisch französische Perspektive, die da zum Ausdruck kommt?

Barbara Vinken: Ich denke schon, dass es eine französische Perspektive ist, oder man könnte auch vielleicht sagen, eine romanische Perspektive. Und ganz stark in diesem Brief ist ja die Angst vor einem neuen Totalitarismus, die Angst vor so was wie einer neuen Hexenjagd, diesmal auf Leute, die sexuell irgendwie übergriffig werden, auf Männer, die sexuell übergriffig werden, oder, sagen wir mal, der Wunsch, die eigene Kultur gegen eine Puritanisierung der Gesellschaft im Namen einer sexuellen Freiheit zu verteidigen. Und da kann man vielleicht noch mal auf diese Urszene des Puritanismus zurückkommen. Das ist ja der berühmte Roman von Puritaner Samuel Richardson im 18. Jahrhundert, der die höchste Auflagenzahlen eines Romans jemals hatte, und in dem die moderne Frau, die freie Frau sich im Prinzip dadurch definiert, dass sie vollkommen unverführbar ist. Das heißt, die weibliche Person sagt, du kannst mich absolut nicht verführen. Der männliche Verführer, Aristokrat, reich, mächtiger natürlich als das Mädchen mit bürgerlichem Hintergrund, der männliche Verführer sagt, Frauen tun immer nur so, als wenn sie Engel sind, in Wirklichkeit sind es alles Huren, und ich beweise das dadurch, dass ich seriell Massen von ihnen einfach verführe. Ich finde genau, dass dieses Geschlechterverhältnis die erotische Kultur Amerikas, wenn es denn so eine gibt, sagen wir mal, die sexuelle Kultur Amerikas bis heute eigentlich dominiert. Das heißt, die Frau ist dazu da, den Wüstling zum Ehemann und Vater zu erziehen, und das gelingt ihr, indem sie den Sex an die Ehe koppelt.

Hondl: Aber wie ist das jetzt bei den Französinnen? Sie haben gesagt, es ist da ja ein wirklich sehr spezifisches Freiheitsverständnis, das da in diesem offenen Brief von Catherine Deneuve und den anderen 99 Frauen irgendwie zum Ausdruck kommt, diese „Liberté d’importuner“, die Freiheit, jemanden zu belästigen im Namen der sexuellen Freiheit. Diese Formulierung, die war ja auch der Titel des „Le Monde“ Artikels. Lässt sich das denn anders verstehen denn als Freibrief für übergriffige Männer, oder was für eine Freiheit ist da gemeint?

Vinken: Es geht ja in dem Brief ganz stark darum, was justiziabel ist und was zum gesellschaftlichen Tod führt oder was von der Justiz erfasst wird. Und auch in diesem Zusammenhang ist nicht zu vergessen: Als die Calvinisten in Genf drankamen, was die zuerst gemacht haben ist eine Geheimpolizei, die Ehebrüchige offiziell anklagt und damit gesellschaftlich unmöglich machte. Das heißt, dass calvinistisch-puritanische Reformmodelle tatsächlich immer an so was wie eine totalitäre Kontrolle der Sexualität gebunden waren. Wir haben das heute weitgehend vergessen, aber ich glaube, dass es genau diese totalitäre Kontrolle von Sexualität ist, gegen die eine Freiheit von Sexualität eingeklagt wird, und das heißt nicht, dass jeder machen kann was er will, sondern dass man nicht in einer Gesellschaft steht, die sich über sexuelle Verbote und über deren Bestrafung und Verfemung definiert. Und das ist durchaus, finde ich, der Fall der amerikanischen Gesellschaft, deren Haupttopos ist, dass irgendwie schon wieder eine Frau von einem Ehebrecher betrogen worden ist. Es geht keine Sekunde in diesem Brief darum, dass Vergewaltigung kein Verbrechen ist und dass sexuelle Nötigung nicht auch ein Verbrechen ist. Das behauptet der Brief nicht und das behauptet keiner, der diesen Brief unterzeichnet hat.

Hondl: „Vergewaltigung ist ein Verbrechen.“ Das ist der erste Satz in diesem Brief. Dann geht es aber auch gleich sehr französisch weiter. Dann heißt es nämlich: „Galanterie aber sei keine machistische Aggression.“ – Galanterie also. – Auf was für eine Tradition berufen sich die Frauen da eigentlich? Ist das die französische Salonkultur des 18. Jahrhunderts, oder worum geht es bei der Galanterie?

Vinken: Man kann natürlich sagen, das ist im Prinzip so was wie ein Liebeskult, und es ist natürlich auch so was wie ein Frauenkult. Während in einem puritanischen Kontext Liebe tatsächlich nicht frei ist, weil an die Ehe gebunden und sonst diffamiert wird – die Frau wird zur Hure, der Mann wird zum Aussätzigen -, ist die Liebe in romanischen Ländern als Frauenkult, als Liebeskult erstaunlicherweise nicht an eine Institution gebunden. Und sie wird, wenn sie außerhalb dieser Institution stattfindet, auch nicht sanktioniert. Das heißt, die Liebe ist ein Spiel, das man in diesen Gesellschaften spielen darf. Das heißt aber nicht, dass es keine Spielregeln gibt. Das heißt wohl, dass manche die nicht ganz so gut beherrschen und dass man sie dafür nicht gleich zum Teufel schicken soll.

Hondl: Jetzt sehen ja viele diese französische Verführungskultur in Gefahr – nicht zuletzt die Unterzeichnerinnen dieses Briefes, über den sich so viele aufregen. Wie sehen Sie das? Dass es auch in Frankreich gewisse Probleme gibt mit Sexismus und sexualisierter Gewalt, das ist ja nicht erst seit der #Metoo-Debatte bekannt. Man braucht sich ja nur zu erinnern: vor ein Paar Jahren.

Vinken: Strauss-Kahn!

Hondl: Strauss-Kahn, IWF-Präsident damals, in den USA. Da haben auf einmal in Frankreich viele Frauen, vor allem Politikerinnen von alltäglichen sexistischen Sprüchen und Schlimmerem erzählt. Meinen Sie, es gibt ein spezifisches französisches Sexismus-Problem, das mit dieser französischen Kultur, der Verführungskultur, der Galanterie irgendwie zu tun hat?

Vinken: Nein. Ich habe es selber so erfahren, dass in Amerika Machtstrukturen eigentlich ständig für sexuelle Übergriffe und Erpressungsmanöver benutzt werden. Ich würde sogar sagen, das ist die eigentlich herausragende Form der dort praktizierten wie auch immer Sexualität. In dieser Härte, glaube ich, sind wir das in Europa nicht gewöhnt und fast als Norm sind wir das in Europa nicht gewöhnt. Ich denke schon, dass es bei uns noch Raum für Flirten, Raum für Höflichkeit, für Galanterie, also einen erotisch interessanten Raum gibt, wie ich den in Amerika eigentlich nicht mehr so sehe, wo die Macht, die Erpressung, das Machtgefälle sehr viel stärker reinspielt. Boccaccio hat das ganz schön in seinen hundert Novell. Der hat gesagt: Es ist keine gute Idee für eine Frau, einen ihr überlegenen Mann zu lieben. Es ist keine gute Idee für einen Mann, eine ihm unterlegene Frau zu lieben. Und ich denke, an dem Paar zum Beispiel Macron/Madame Macron sieht man dieses Machtverhältnis ganz schön und dieses Verhältnis, das eine sehr spezifische Form von Liebe hervorbringt, indem es das normale Machtgefüge, Männer stärker als Frauen, Männer reicher als Frauen, Männer höhergestellt als Frauen, dieses Verhältnis umkehrt. Und ich meine, gerade darin liegt die Freiheit des Eros, die Schönheit des Eros und der Wunsch, dass diese Möglichkeit dieses Liebeskultes erhalten bleibt und nicht von solchen totalitären Maßnahmen eingeschränkt wird.

Hondl: Das französische Präsidentenpaar Brigitte und Emmanuel Macron wäre die Verkörperung, die Verwirklichung der französischen Verführungskultur an der Staatsspitze?

Vinken: Vielleicht das aktuellste, das aktuellste, wo es jedenfalls nicht so ist, wie wir es mit Trump und Melania haben, ein Trophy Wife, was dieser arme Mann auch noch öffentlich sagt, ein Mann, der sich das an den Hut stecken kann. Das sind ja fürchterlich peinliche Verhältnisse und hässliche Verhältnisse. Dagegen finde ich, dass es in Europa schon noch deutlich schönere Verhältnisse gibt und wir versuchen sollten, dass wir diese Schönheit der Liebe, die Schönheit der Verführung, das Raffinement zwischen den Geschlechtern nicht dadurch aufs Spiel setzen sollten, dass sich Frauen ausschließlich dadurch definieren, dass sie Opfer von sexuellen Übergriffen waren, sondern auch einen Diskurs möglich machen sollten, in dem wir uns selber als Begehrende, vielleicht auch als Objekt der Begierde, aber in dem wir sozusagen in der Lage bleiben, als Subjekt unser Begehren anders zu artikulieren als denn eines, das eigentlich keines hat und eigentlich unschuldig ist und dem das andere immer nur übergriffig aufgedrückt wird. Das heißt nicht, dass in den Fällen, wo das passiert, das auch und unbedingt und verstärkt ausgesprochen werden muss, aber es darf nicht ausschließlich auf diesen Sprechakt reduziert werden. Und ich glaube, nur darum geht es in diesem Brief.

Hondl: Klingt fast so, als ob Sie diesen Brief auch hätten unterschreiben können?

Vinken: Ich hätte ihn etwas anders formuliert, aber im Prinzip hätte ich ihn auch unterschreiben können, ja.

 

„Trotz – oder gerade wegen – aller Euphorie war das, was bei Twitter unter #Aufschrei passierte, alles andere als eine Debatte. Eine Debatte ist ein zielorientiertes Streitgespräch. Und auf Twitter werden schon aus technischen Gründen weder Gespräche geführt noch Ziele ins Auge gefasst, geschweige denn erreicht.“

„Früher hätte man die massenhafte Aufwallung als Hexenjagd bezeichnet. Es ist ein Phänomen, das wesentlich enger mit der öffentlichen Meinung verquickt ist, als uns lieb sein kann. … Es ist eben kein Zufall, dass der Begriff ‚öffentliche Meinung‘ erstmals in direktem Zusammenhang mit den Hexenverfolgungen auftaucht.“

Arno Frank: Meute mit Meinung – Über die Schwarmdummheit (erschienen bei KEIN & ABER)