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Thalatta ! Thalatta !

Schlagwort-Archiv: Serapion

4.11.16 Serapion an Mephisto

 

Einst war der Geist Gott, dann wurde er zum Menschen, und jetzt wird er gar noch Pöbel.

Friedrich Nietzsche (1844 – 1900)

 

Wenn 1970 jemand erzählt hätte, im 21. Jahrhundert werden Mohammedaner auf öffentlichen Plätzen und in Verkehrsmitteln alle zufällig anwesenden Kinder, Frauen und Männer massakrieren, sie grausam mit Äxten, noch unbarmherziger als Vieh, abschlachten und mit Küchenmessern erstechen, und mit Schwerlastern mordend in Menschenmengen rasen, und Mädchen aus Schulen entführen und ins Gesicht schießen, und archaische Religionskriege brächen aus zum Zwecke der Ausrottung Andersgläubiger – man hätte geglaubt, das werde nicht sein, und wer derart abwegig rede, sei paranoid.

Wenn es heißt, die Reformation und die religiösen Kriege seien ein Folge der Erfindung des Buchdrucks, und 1789 sei eine Folge der Erfindung des Zeitungsdrucks, dann erscheinen mir Kommunismus und Faschismus als direkte Nachfolge der Erfindung des Kinos und des Radios, und die gegenwärtig fortschreitende Inhumanität als Folge der Erfindung der „neuen Medien“.

Und wir Menschen haben noch nicht einmal die Erfindung des Telefons verkraftet…

Aber jeder zum Leben unfähige und vom Leben gekränkte Idiot und erbärmliche Narziß findet jetzt die Mittel und seine weltweite Bühne.

Politik, ob rechts oder ob links, Partei, Glaube, Religion, das ist in Wahrheit alles sekundär, im Höchstfall. Das ist Zufall, eventuell der Zufall der Geburt. Und es dient nur als eigentlich beliebig austauschbare Rechtfertigungsideologie. So weiß der sich als Nazi gebärdende, nicht einmal viertelgebildete Anders Breivik zum Beispiel es vermutlich selbst nicht, aber in erster Linie ist er Herostrat. Ein Herostrat, der heutigentags zu leicht die nötige Macht gewinnt und vor allem die gesuchte Öffentlichkeit.

Die Menschheit leidet vornehmlich an Ruhmsucht.

An und unter.

Das Virus der Ruhmsucht aber ist nicht nur wegen seiner weltweiten Verbreitung die schlimmste Geißel der Menschheit, sondern auch weil es fast immer erfolgreich kaschiert wird mittels politischem, religiösem, wirtschaftlichem, sozialem, künstlerischem, protestierendem, patriotischem Geschwafel.

Ich, der Vaterlandsretter! Ich, der Retter des rechten Glaubens! Ich, der Verkünder des neuen Glaubens!

 

Die meisten Leidenschaften scheuen den Tag und sind schon gefährlich genug; aber furchtbar verheerend sind die, die in der Finsternis geboren werden und sich am Sonnenlicht nähren: Ruhmsucht und Herrschsucht.

Johann Gottfried Seume (1763 – 1810)

 

7.10.16 Mephisto an Serapion

 

Mittwoch, 28. September, Deutschlandfunk:

Laut der internationalen Untersuchung wurde die Maschine des Flugs MH17 von Separatistengebiet aus abgeschossen. Bei dem Abschuss im Juli 2014 waren alle 298 Menschen an Bord getötet worden, die meisten von ihnen niederländische Staatsbürger.

Donnerstag, 29. September, WESER-KURIER:

Nun ist amtlich, was investigative Journalisten schon Anfang 2015 veröffentlichten: Die Flugabwehrrakete, die am 17. Juli 2014 über dem Osten der Ukraine ein Passagierflugzeug zerfetzte und 298 Zivilisten tötete, wurde eindeutig von russisch kontrolliertem Gebiet aus abgefeuert. … Putins Trolle lässt das völlig kalt. In Kommentarspalten und sozialen Netzwerken debattieren sie lieber, dass zwar die Ukraine, nicht aber Russland zu den fünf ermittelnden Staaten gehörte – als ob das die extrem akribischen Ermittlungen wertlos mache. Dabei hatte Moskau niemals Interesse, sich an der Aufklärung zu beteiligen.

Donnerstag, 29. September, MINDENER TAGEBLATT:

Moskau hat sich nicht nur von Anfang an hartnäckig geweigert, zur Aufklärung dieser Katastrophe beizutragen, es hat sie vielmehr mit immer neuen Nebelkerzen behindert, wo es nur geht. Den bösen Verdacht hätte die russische Führung mit Kooperation bei den Ermittlungen aus der Welt schaffen können. Warum sie das nicht wollte, wird sie selbst am besten wissen.

Donnerstag, 29. September, DIE WELT:

Was hier vorgeführt wird, ist dasselbe zynische Spiel, das der Kreml auch im Falle Syriens betreibt. Die offensichtliche Verantwortung für die Eskalation der Lage wird bestritten. Schuld sind immer die anderen. Willkommen in der postfaktischen Welt Putins. Die Realität ist eine andere. Nämlich diese: Ohne Russlands hybride Kriegsführung gäbe es längst keine Ukraine-Krise mehr. Ohne Russlands militärische Unterstützung wäre das Assad-Regime mittlerweile Geschichte. Wieso es in dieser Lage mehr und mehr Stimmen gibt, die Sanktionen aufheben möchten und vom Wiederaufbau eines ‚Vertrauensverhältnisses‘ träumen, bleibt deren Geheimnis.

Donnerstag, 29. September, VOLKSSTIMME:

Natürlich wissen die Nato-Partner längst, wer für den Absturz von Flug MH17 verantwortlich ist. Aber erst die veröffentlichten Ermittlungen der Niederländer werden die westliche Diplomatie dazu zwingen, sich zu positionieren.

Donnerstag, 29. September, DE TELEGRAAF:

Die anhaltenden Versuche Moskaus, die internationale Gemeinschaft in die Irre zu führen, hat die Staatsanwaltschaft fachkundig entlarvt. Vor den Augen der Welt ist die Verstrickung Russlands deutlicher denn je geworden. Der Massenmord vom 17. Juli 2014 hat einen Stempel bekommen: ‚Made in Moskau‘.

Donnerstag, 29. September, DE VOLKSKRANT:

Jetzt liegt Beweismaterial vor, das eine der Konfliktparteien klar belastet, und zwar Russland. Dem niederländischen Ministerpräsidenten Rutte kommt daher die Aufgabe zu, seine europäischen Partner daran zu erinnern, dass der Fall vor ein unabhängiges UNO-Tribunal gehört und vorher keine Rede von einer Aufhebung der Sanktionen gegen Russland sein kann.

Donnerstag, 29. September, WEDOMOSTI:

Der hybride Krieg nach dem Motto: ‚Unsere Leute sind gar nicht auf ukrainischem Gebiet, und wenn, dann auf Urlaub‘ scheint russischen Politikern und Militärs ein höchst erfolgreicher Schachzug zu sein. Er hat taktische Vorteile gebracht, er hat gezeigt, dass wir andere Länder beeinflussen können.

Donnerstag, 29. September, STANDARD:

Moskau revanchierte sich für die ungewohnt direkten Schuldzuweisungen der westlichen Experten nicht nur mit dem typischen Reflex, alles abzustreiten, sondern ging zum Gegenangriff über. In Moskau wird nun allen Ernstes darüber spekuliert, dass Amerikaner und Europäer ein Passagierflugzeug mit 300 eigenen Bürgern an Bord ‚verpulvert‘ hätten – nur um Russland zu diffamieren.

Mittwoch, 31. August, Deutschlandfunk:

Bundesaußenminister Steinmeier hält eine Wiederaufnahme Russlands in den Kreis der wichtigsten Industriestaaten für möglich.

Montag, 5. September, Deutschlandfunk:

Die russischen Streitkräfte haben mit groß angelegten Manövern im Grenzgebiet zur Ukraine sowie um die Halbinsel Krim begonnen.

Wie das Verteidigungsministerium in Moskau mitteilte, sind daran 12.500 Soldaten, die Schwarzmeer- und die Kaspische Flotte sowie Kampfflugzeuge beteiligt. Die Übungen sollen bis Samstag dauern. Bereits in der letzten Augustwoche hatte das russische Militär ein umfangreiches Manöver abgehalten.

Mittwoch, 21. September, Deutschlandfunk:

Das Bundeswirtschaftsministerium hat ein Treffen von Ressortchef Gabriel mit dem russischen Präsidenten Putin in Moskau bestätigt.

Der SPD-Politiker werde am Abend zu einem Gespräch mit dem Staatschef zusammenkommen, teilte ein Sprecher in Berlin mit. Vorgesehen sind in Moskau auch Begegnungen mit Regierungsvertretern über die bilateralen wirtschaftlichen Beziehungen und ein Treffen mit Vertretern deutscher Unternehmen. Begleitet wird Gabriel von einer Wirtschaftsdelegation.

Donnerstag, 22. September, RZECZPOSPOLITA:

Der SPD-Chef will die russisch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen neu beleben und setzt sich für einen Abbau der Russland-Sanktionen ein. Die SPD hat schon immer eine eigene Politik gegenüber Russland betrieben. Doch der aktuelle Kuschelkurs mit Moskau hat vielleicht auch mit den kommenden Wahlen in Deutschland zu tun. Es könnten Signale in Richtung Linkspartei sein, die die SPD als möglichen Bündnispartner im Blick hat.

Freitag, 23. September, NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG:

Vize-Kanzler Gabriel setzt sich bewusst von der Linie der Kanzlerin ab. So erklärte er das TTIP-Abkommen für erledigt, fordert die Aufhebung der Sanktionen und wirbt dafür, gemeinsam mit Russland den Syrien-Konflikt zu lösen. Und warum sollte Gabriel nicht auch Interessen der Wirtschaft vertreten? Natürlich ist Gabriel auch Taktiker und läuft sich für eine Kanzlerkandidatur warm. Eine rot-rot-grüne Koalition auf Bundesebene 2017 ist zu einer realen Möglichkeit geworden.

 

Die sogenannten Separatisten in der Ostukraine produzieren ihre Waffen und die zugehörige Munition nicht selbst. Wie jedermann, außer dem deutschen Außenminister, weiß. Der wie ein Blöder unermüdlich scheitert mit seinen Aufforderungen, Moskau möge seinen Einfluß ausüben auf die „Separatisten“. Und der unermüdlich den Westen warnt. Vor „Säbelrasseln“.

Anstatt den Verantwortlichen aufzufordern, seine Soldaten und Waffen aus der Ukraine abzuziehen.

Denn es gibt einen Strippenzieher der sogenannten Separatisten, einen Auftraggeber.

Es gibt lupenrein einen Verantwortlichen für den Tod der 298 Passagiere des Flugs MH17.

Für 298 grausam zerschmetterte Menschenleben!

Eine Gedenkminute hat 60 Sekunden.

 

30.9.16 Serapion an Mephisto

 

Was aber die beiden Kriege anbelangt, nach denen Du mich fragtest, so liegen sie durchaus im Bereich meiner Wahrnehmung. Obwohl der Krieg des Islamischen Staates der grausamere zu sein scheint und der allgemeingefährlichere, glaube ich, den russischen für den bedenkenswerteren halten zu müssen. Den Krieg des Islamischen Staates empfinde ich nicht nur wegen seiner entsetzlichen Massaker als einen archaischen. Sondern vor allem, weil er tatsächlich derselbe ist seit Jahrtausenden. Die Menschen bleiben immer die gleichen, nur die Namen ihrer Götter wechseln. Was früher Aschschur war, heißt heute Allah. Die gottesdienstliche Abschlachtung der Ungläubigen aber ist unter Tiglatpileser und Sargon dieselbe wie unter Abu Bakr al-Baghdadi. Dieselbe Gegend, die gleichen kreisläufigen Geschichten. Im Nahen Osten leider nichts Neues. Ein Déjàvu bis auf die Tatsache, daß die Gefahr eines sich ausbreitenden Flächenbrandes selten derart groß war wie in heutigen Tagen. Und die Einschläge kommen immer näher.

Es ist ein großer Irrtum zu glauben, Geschichte wiederhole sich nicht. Im Gegenteil! Alles Vergängliche ist nur ein GLEICHES, möchte man sagen, vielleicht auf verschiedenem Niveau. Geschichte spiegelt, und Du wirst das bestimmt nicht für Vulgärmarxismus halten, Geschichte spiegelt, mehr als es uns bewußt ist, in Variationen beständig den Kampf der Antagonismen, bemäntelt von nahezu beliebig wandelbaren, ja sogar vom Austausch selbst gegensätzlicher Ideologien.

Zwar ist wahr, daß man nie im selben Flusse bade, aber wahr ist auch, daß seine Wasser mich heute so nässen wie morgen. Und wie es von Weisheit zeugen mag, im Strom der Zeit ein Verschiedenes zu suchen, so fördert wahrscheinlich noch mehr es unsere Erkenntnis, Analogien zu bemerken und anzuerkennen. Dieses mag der rettenden Voraussicht besser dienen als der Glaube, Geschichte wiederhole sich nicht.

Eine etwas andere Qualität in der Variation des ewig Gleichen fällt allerdings auf beim aktuellen Konflikt im Osten Europas. Trotz der ja ebenfalls nicht neuen, wenn auch mittlerweile semifaschistisch gesteigerten Russentümelei. Die „Russische-Erde“-Rückgewinnungspolitik scheint im Grunde ja eine nationalsozialistische zu sein: Da ist sie wieder, die „Blut und Boden“-Ideologie. Doch schon vor den Zeiten Iwan des Schrecklichen vermerkten die fleißigen Chronisten, daß die Moskauer Großfürsten „die russische Erde sammelten“…

Die „Russische-Erde“-Rückgewinnungspolitik paßt ebenso fugenfrei in die Reihe jenes jahrhundertlangen Kampfes des Altrussentums gegen das Westlertum. Wobei den Moskauern der Westen in seiner Verderbtheit einst unmittelbar südlich anfing. Denke nur an die erbitterten Abwehrkämpfe gegen jegliche Reformversuche des Patriarchen Nikon. Beispielsweise gegen die Wiederherstellung der ursprünglichen griechisch-orthodoxen Liturgie inklusive der Ausmerzung von offensichtlichen Rechtschreibfehlern in den liturgischen Texten. Da sei Gott vor! Man kämpfte, daß Jesu weiter Jssus statt Jissus geschrieben werde. Am Weißen Meer verteidigte ein Kloster sein „Njet!“ gegen diese westlichen Neuerungen acht Jahre lang mit Kanonen!

Die Ideen des Westens waren den russischen Altgläubigen, dem „Raskol“, abartig.

Und da haben wir noch nicht einmal über den polnischen Katholizismus geredet, die römische Westkirche mit ihrem verdammten polnischen Papst, der sich nicht beseitigen ließ. Der Westen mit seinen protestantischen Ideen hat uns letztendlich das sowjetische Imperium zertrümmert.

Apropos Protestantismus und französische Revolution: Je westlicher desto entsetzlicher.

Der Hauptfeind Moskaus war und ist bis heute der eigenmächtig denkende Mensch.

Oder erinnere Dich nur an den Aufstand der Strelitzen und seine grausame, also russische Niederschlagung. Und und und. Sehr sehr vieles gäbe es zu sagen.

Doch allein schon die jüngste Chronik zeigt wieder, keine noch so durchsichtig verlogene Idiotologie scheint zu plump, um Menschen zu verhetzen. Es hieß, 61 Prozent der Russen fänden es toll, daß in der Ostukraine Söldner aus Rußland kämpfen. Und es wäre gefährlich, sich darin zu täuschen: Unsere Zeit steht keinesfalls auf einer höheren zivilisatorischen Stufe, nur weil wir in einem neuen Jahrtausend leben und vom Juli 1914 hundert Jahre entfernt zu sein scheinen.

In der Welt waltete und waltet immer noch eine andere Kraft als die Vernunft, und damit meine ich nicht nur ihr Gegenteil.

Jene neue Qualität aber ist wohl vielen bis jetzt noch nicht zur Gänze und mit all ihrer Konsequenz ins Bewußtsein vorgedrungen. Und daß es kein Zurück mehr geben wird. Der durch Rußland ausgelöste Krieg in der Ostukraine ist nur die unterste Ebene des Konflikts. Gleichzeitig handelt es sich, obwohl die Ukraine nicht dazugehört, um den Beginn der offenen Aggression Rußlands gegen die Europäische Union. Rußland kämpft gegen eine im mühsamen Aufbau befindliche überstaatliche Ordnung, kämpft gegen einen Staatenbund. Um ihn zu zerstören. Wladimir Wladimirowitsch, der neue Zar im Kreml, will die Europäische Union, die beispielsweise, entgegen aller Wunschvorstellungen (oder Befürchtungen), eben noch nicht einmal über eine gemeinsame Außenpolitik verfügt, aus niederen Beweggründen zerstören.

Und, auf der obersten Ebene, und damit ist gemeint jene faschistische Dimension des Konflikts, bekriegt Rußland seit nunmehr zwei Jahren expansiv die westliche Zivilisation als solche. Weil man sie für dekadent, schädlich und bedrohlich und demgegenüber das Russentum für gesund und überlegen hält.

Wie gesagt, an und für sich ist die Furcht vor ihr und der Kampf gegen die Lebensart der Westler, der Kampf gegen die Europäisierung Rußlands, durch die Jahrhunderte kein neuer Zug. Doch handelte es sich bisher um einen Kampf für die Reinhaltung des Inneren. Das ist jetzt anders geworden in der Weltgeschichte.

Und der dahinterstehende wesentliche Antagonismus ist letztendlich der zwischen Individuum und Staat: Rußland kämpft gegen das Individuum.

 

21.8.16 Serapion an Meohisto

 

Babylonische Bagatelle

 

Wir bauen weiter unsern Turm zum Himmel.

Ruinen ringsum und Ruinen wir.

Die Harfe und die Leier und die Klingel

Halten uns munter, denn der Schlaf gebiert

Die alte Angst: wir müßten uns zerstreuen

In aller Welt heilloses Sprachgetingel.

 

Wir bauen höher unsres Daseins Bleibe.

Wir fressen Datteln, und wir streichen Lehm.

Gott stampft noch immer auf der Erdenscheibe

Und was er flucht, kann kaum ein Hund verstehn.

Die Welt soll kommen und den Turm besteigen.

Wir werden hörn, worüber andre schweigen.

 

 

(Kerstin Hensel)

 

29.7.16 Serapion an Mephisto

 

Wenn es eine friedliche Religion gäbe auf unserem Planeten, in deren Namen ein Mörder dem friedlichen 84jährigen Priester einer anderen Religion die Kehle durchschnitte, so wäre ich gewiß, die führenden Geistlichen jener friedlichen Religion erhöben weltweit vernehmbar ihre Stimme und sprächen die Verdammnis aus über das barbarische Schänden ihres friedlichen Glaubens. Laut und deutlich wie Donnerhall, daß man sie bis in den letzten Winkel der Welt und ihrer Glaubensstätten vernähme und fürderhin berufbar mit Namen kennte, jene Autoritäten und Exegeten jener friedlichen Religion.

Das weiß ich!

 

22.7.16 Mephisto an Serapion

 

Zur Macht gelangt nur, wer die Macht begehrt.

Ihm winkt sie zu, ihm gibt sie dunkle Zeichen.

Und ihm befiehlt sie, eh sie ihm gehört:

„Stell unser Bett auf einen Berg von Leichen!“

Die Macht liebt den, der sie entehrt.

Denn sie ist eine Hure ohnegleichen.

 

Erich Kästner (1899 – 1974)

 

 

Wir, begnadet mit einem Gedächtnis, vermögen uns zu erinnern. Über Erinnerungen kann man Bezüge herstellen und über Bezüge auf Analogien schließen. Beispielsweise auf lehrreiche Analogien zur Methodik verbrecherischer Machtergreifung.

Also, da war doch schon mal was gewesen…

Richtig, am Montagabend des 27. Februar 1933 brach gegen Viertel nach neun an bis zu zwanzig Brandherden ein Feuer aus im Berliner Reichstag samt seinem mit massivem Eichenholz möblierten Sitzungssaal. Fünfzehn Löschzüge brauchten über drei Stunden um seiner Herr zu werden.

Und richtig, Hermann Göring war sofort zur Stelle.

Und gleich darauf stand Adolf Hitler ebenfalls am Tatort und wußte zu äußern: „Es gibt jetzt kein Erbarmen; wer sich uns in den Weg stellt, wird niedergemacht. Das deutsche Volk wird für Milde kein Verständnis haben. Jeder kommunistische Funktionär wird erschossen, wo er angetroffen wird. Die kommunistischen Abgeordneten müssen noch in dieser Nacht aufgehängt werden. Alles ist festzusetzen, was mit den Kommunisten im Bunde steht. Auch gegen Sozialdemokraten und Reichsbanner gibt es jetzt keine Schonung mehr.“

Und Joseph Goebbels jubilierte am Morgen danach: „Das ist ein Geschenk Gottes!“

Halt, das ist jetzt ein Verwechslung, also damals jauchzte der Goebbels: „Es ist wieder eine Lust zu leben.“

Die noch, nach plötzlich bereitliegenden Personenlisten, in der Nacht zu jenem Dienstagmorgen einsetzenden Verhaftungen sollten per selbigen Tages erlassener „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ ihre Legitimation finden. Also nur mit wenigen Stunden Verzögerung. Das war wohl verzeihlich, man hätte die sogenannte Reichstagsbrandverordnung ja schwerlich vor dem Brand aus der Tasche ziehen können:

Auf Grund des Artikels 48 Abs. 2 der Reichsverfassung wird zur Abwehr kommunistischer staatsgefährdender Gewaltakte folgendes verordnet:

§ 1

Die Artikel 114, 115, 117, 118, 123, 124 und 153 der Verfassung des Deutschen Reichs werden bis auf weiteres außer Kraft gesetzt. Es sind daher Beschränkungen der persönlichen Freiheit, des Rechts der freien Meinungsäußerung, einschließlich der Pressefreiheit, des Vereins- und Versammlungsrechts, Eingriffe in das Brief-, Post-, Telegraphen- und Fernsprechgeheimnis, Anordnung von Hausdurchsuchungen und von Beschlagnahmen sowie Beschränkung des Eigentums auch außerhalb der sonst hierfür bestimmten gesetzlichen Grenzen zulässig.

§ 5

Mit dem Tode sind die Verbrechen zu bestrafen, die das Strafgesetzbuch in den §§ 81 (Hochverrat), 229 (Giftbeibringung), 307 (Brandstiftung), 311 (Explosion), 312 (Überschwemmung), 315 Abs. 2 (Beschädigung von Eisenbahnanlagen), 324 (gemeingefährliche Vergiftung) mit lebenslangem Zuchthaus bedroht. …

Ebenso wenig hätte man jene später nie mehr aufgehobene Notverordnung, welche Brandstiftung nun mit Todesstrafe belegte, aus der Tasche ziehen können, wenn man erst hätte umständlich feststellen müssen, wer denn als Täter in Frage käme. Aber, wie ein Geschenk des Himmels, hatte man im Reichstagsgebäude den offenbar verwirrten und nach Meinung der ihn verhörenden Polizisten sogar verrückten und außerdem fast blinden 24jährigen Marinus van der Lubbe aufgreifen können. Dem wegen eines Arbeitsunfalls und zusätzlicher Augenkrankheit nachteiligerweise auf dem einen Auge gerade einmal fünfzehn und auf dem anderen zwanzig Prozent Sehkraft verblieben waren. Der vorteilhafterweise jedoch als Anarchist ausgemacht werden konnte und als Anhänger der Vagabundenbewegung und, der Vorsehung sei Dank, angehörig einer holländischen rätekommunistischen Splittergruppe. Und der nach mehreren Verhören gestand, den Brand gelegt zu haben. Wenn auch, bedauerlicherweise, er bis zum Schluß behauptete, als Einzeltäter gehandelt zu haben und ohne Hintermänner.

Während des Prozesses im Dezember war er nicht in der Lage, auch nur eine einzige glaubhafte Stellungnahme abzugeben und wurde am 23. Dezember auf Grundlage eines speziell für ihn am 29. März 1933 erlassenen rückwirkenden Gesetzes (der sogenannten Lex van der Lubbe) ohne Revisionsmöglichkeit als Einzeltäter zum Tode verurteilt und am 10. Januar schnell hingerichtet.

Mitangeklagt waren die drei bulgarische Kommunisten Georgi Dimitrow, Blagoi Popow, Wassil Tanew sowie der sich zur Widerlegung der Vorwürfe gegen seine Partei im März freiwillig der Haft stellende Vorsitzende der kommunistischen Reichstagsfraktion Ernst Torgler. Dimitrow, während der Haft monatelang Tag und Nacht in schmerzenden Handschellen gefesselt, studierte unter qualvollen Umständen die deutsche Prozeßordnung und die Akten und trieb während der Verhandlung Göring zur Raserei und in die Enge. Das hatten die Nazis sich anders vorgestellt. Die Mitangeklagten van der Lubbes mußten also freigesprochen werden. Dimitrow und seine bulgarischen Genossen wurden ausgewiesen, Torgler kam sofort in „Schutzhaft“.

Am Tatort mit ca. zwanzig Brandherden damals also wie bestellt und prompt abgeholt nur ein einzelner sehschwacher verwirrter holländischer Kommunist. Göring ordnete dennoch das sofortige Einsperren auch der kommunistischen Reichs- und Landtagsfraktion an. Und das klappte alles wie am Schnürchen. Allein in Berlin wurden Personenlisten abgearbeitet und noch in selbiger Nacht anderthalbtausend Kommunisten einschließlich fast der gesamten Reichstagsfraktion festgenommen und viele in Folterkellern von der SA grausam mißhandelt. Die Gefangenen sperrte man in sogenannte wilde Konzentrationslager. Es dauerte kein Vierteljahr, da waren das mehr als hunderttausend Inhaftierungen.

Am 23. März, damals dauerte so etwas also noch fast einen Monat, am 23. März wurde dann das „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“ vom Reichstag verabschiedet. Vor der Abstimmung waren bereits 81 KPD- und 8 SPD-Reichstagsabgeordnete in „Schutzhaft“ genommen worden und während der Abstimmung patrouillierten SA- und SS-Leute vor und in dem Plenarsaal. Einzig die SPD stimmte dagegen, nachdem ihr Vorsitzender Otto Wels in seiner nicht nur durch seine persönliche Tapferkeit historischen Rede die Ablehnung begründet hatte. (Im Mai gelang ihm die Flucht, er starb 1939 im Pariser Exil.) Auf scheinlegale Weise also ermächtigte der Reichstag die Hitlerregierung, Gesetze ohne parlamentarische Beteiligung zu erlassen und hebelte die Weimarer Verfassung nun endgültig aus. Die diktatorische Vollmacht, das „Ermächtigungsgesetzes“, galt zwar zunächst nur für vier Jahre (Hitler: „Gebt mir vier Jahre Zeit…“), wurde 1937, da war man im Reichstag nun unter sich, aber um weitere vier Jahre verlängert und sechs Jahre später, 1943, auf unbestimmte Zeit.

So war das damals.

Noch etwas: Robert M. W. Kempner, der Chefankläger des Nürnberger Gerichtes, zitiert auf Seite 99 seiner 1983 bei Ullstein erschienenen Lebenserinnerungen einen Vertrauten Görings namens Lörzer im Gespräch mit dem Fliegergeneral Freiherr von Freyberg-Eisenberg, der ihm, Kempner, dies übermittelte, mit Lörzers Worten: „Ich habe von meinem Freunde Göring mit einer Gruppe von SA-Männern den Auftrag bekommen, den Reichstag anzuzünden.“

 

„… in ewig

Wiederholter Gestalt wälzen die Taten sich um.“

Friedrich Schiller (1759 – 1805)

 

15.7.2016 Serapion an Mephisto

 

Nehmen wir an, es existierte eine Religion auf unserem Planeten, die für ihre Ausbreitung den Krieg für ein gutes Werk hielte, eine Religion, in der es als beste Theologie gälte, Gott mit dem Schwerte zu dienen, eine Religion, in der es hieße, zwischen dem Gläubigen und seinem direkten Eingang ins Paradies stünde nur der Ungläubige, dann unterschiede sie sich in ihrem Wesen und Wirken von den anderen Weltreligionen.

Was man, falls es eine solche Religion gäbe, auch aussprechen sollte und unbedingt aussprechen müßte.

 

Wenn es so weitergeht, wird es nicht so weitergehen!

 

1.7.16 Serapion an Mephisto

Wenn der Menschheit es nicht gelingt, handlungsfähige überstaatliche Machtzentren zu etablieren, wird sie ihr Wirken auf unserem Planeten kaum überleben. Gleichzeitig sage ich Dir aber auch, wenn die Wolltemalundkonntenicht-Gesellschaft, die sogenannte Europäische Union, weiter derart undurchsichtig, pardon, derart intransparent herumjunckert, wird sie es nicht überleben. Und das wäre, siehe oben, ein verheerender Rückschritt. Dennoch kann die rettende Lösung der Krise nur lauten: Ein paar Schritte zurück! Und dies im Gegensatz zu dem lächerlichen Echo der üblichen Verdächtigen nach dem Austrittsbegehren der Briten, im Gegensatz also zum sofortigen Widerhall der Nichtdenker, die als Antwort wie immer einen stärkeren Zusammenschluß der übrigen Mitglieder fordern.

Und was nicht alles spornstreichs reformiert und getan werden soll für eine stärkere Vergemeinschaftung…

Lustig finde ich dabei, neben Euch Deutschen, stets die Franzosen. Die tatsächlich die Stirn haben, hierbei fleißig unterstützt von der deutschen Sozialdemokratie, eine Vereinheitlichung nicht nur der Schulden, sondern gleich der europäischen Wirtschaftspolitik zu fordern. Die Franzosen! Die seit 2007 den Stabilitätspakt nicht einhalten und ihn bei jeder Gelegenheit durchlöchern und augenblicklich ein riesiges Geschrei erheben gegen Brüssel, sollten Stimmen von dort es wagen, in ihre nationalen Befugnisse einzugreifen. Die Franzosen! Die im Interesse nationaler Politik unbedingt in Brüssel als französischen Währungskommissar Pierre Moscivici durchsetzten. (Hauptargument war übrigens: es müsse unbedingt ein Franzose sein. Wieso eigentlich?) Währungskommissar Pierre Moscivici, welcher als französischer Finanzminister nicht ein einziges Mal die Vorgaben des Paktes einhielt und der seither in Brüssel, wie übrigens allgemein vorhergesehen, rundheraus die nationalstaatlichen Geschäfte Frankreichs betreibt. Indessen das französische Staatsdefizit sich der Schallmauer von 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes nähert. „Die Überwachungsaufgaben der Komission müssen unabhängig von politischen Interessen wahrgenommen werden“, hieß es laut SPIEGEL vom Heiligabend 2015 aus irgendeinem verdammten Grund in einem Papier der Bundesregierung.

Ich glaube, Europa hilft nicht das Aushandeln neuer Pakte, sondern endlich das Einhalten der bestehenden, ohne ständig zu wackeln und zu klüngeln und zu schieben und zu deuteln. Europa helfen Entscheidungen im Interesse der Sache statt des politischen Begehrens. Europa helfen ein paar Schritte zurück. Und zwar zurück zur funktionierenden Gemeinschaft. Gewiß, das war im wesentlichen erst einmal eine Wirtschaftsgemeinschaft. Ich finde nicht, daß ausgerechnet unsere heutigen Wunschdenker, pardon, Politiker Anlaß haben, über sie die Nase zu rümpfen. Ich rümpfe, du rümpfst, er rümpft, wir rümpfen. Die darüber hinaus geschaffenen Mechanismen taugen nichts. Es gibt keine gemeinsame Außenpolitik. Es gibt keine gemeinsame Flüchtlingspolitik. Was es gibt, ist, obwohl eine Mehrheit hierfür nicht zustandekam, Glyphosat.

Und es gibt den Euro, der ja eine politische Währung ist, für die Millionen Menschen schon teuer bezahlten und bezahlen oder ins Elend gerieten.

„Schulz fordert Austrittsantrag Großbritanniens für Dienstag“, hieß es im Nachrichtenticker des Deutschlandfunks am Samstag vor einer Woche. Tja, jeder aufmerksame Beobachter ahnte natürlich, daß es sich hier um einen typischen Schulz handelt, um die spdämliche Realitätsferne eines deutschen Brüsselokraten.

Der angelsächsische Pragmatismus wird in Brüssel fehlen.

 

24.6.16 Serapion an Mephisto

 

Vorzeit, und neue Zeit

 

Ein schmahler rauher Pfad schien sonst die Erde.

Und auf den Bergen glänzt der Himmel über ihr,

Ein Abgrund ihr zur Seite war die Hölle,

Und Pfade führten in den Himmel und zur Hölle.

 

Doch alles ist ganz anders nun geworden,

Der Himmel ist gestürzt, der Abgrund ausgefüllt,

Und mit Vernunft bedeckt, und sehr bequem zum gehen.

 

Des Glaubens Höhen sind nun demolieret.

Und auf der flachen Erde schreitet der Verstand,

Und misset alles aus, nach Klafter und nach Schuen.

 

 

Karoline von Günderode (1780 – 1806)

27.5.16 Serapion an Mephisto

Du solltest unbedingt wissen, wie am Meeresgrunde die grünlockigen Nixen mit ihrem schneeweißen Busen uns bemitleiden:

»Welche sonderbare Wesen sind diese Menschen! Wie sonderbar ist ihr Leben! Wie tragisch ihr ganzes Schicksal! Sie lieben sich und dürfen es meistens nicht sagen, und dürfen sie es einmal sagen, so können sie doch einander selten verstehn! Und dabei leben sie nicht ewig wie wir, sie sind sterblich, nur eine kurze Spanne Zeit ist ihnen vergönnt, das Glück zu suchen, sie müssen es schnell erhaschen, hastig ans Herz drücken, ehe es entflieht – deshalb sind ihre Liebeslieder auch so zart, so innig, so süßängstlich, so verzweiflungsvoll lustig, ein so seltsames Gemisch von Freude und Schmerz. Der Gedanke des Todes wirft seinen melancholischen Schatten über ihre glücklichsten Stunden und tröstet sie lieblich im Unglück. Sie können weinen. Welche Poesie in so einer Menschenträne!«

Heinrich Heine (1797 – 1856): Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski