A N A B A S I S

Thalatta ! Thalatta !

Kategorie-Archiv: Deutschland

Der gewöhnliche russische Imperialismus an einem einzigen Beispiel

.

Samstag, 17. Juni 2023: Bellarmin an Mephisto

.

Ungeheuerlich: Stell Dir das Ausmaß an geistiger Verflachung vor in Deutschland! Es ist nicht eine einzige Stimme zu hören von einem Politiker, einem Historiker, einem Politikwissenschaftler, einem Denkfabrikdenker, die anläßlich des siebzigsten Jahrestages des 17. Juni etwa einen Zusammenhang herstellte beispielsweise zwischen 1953, 1956, 1968, der Breshnew-Doktrin oder Transnistrien, Tschetschenien, Südossetien, Abchasien, der Ukraine…

etc. etc. etc.

.

Donnerstag, 28 Mai 1953:

Der Ministerrat der DDR faßte laut ADN folgende Beschlüsse:

1. Erhöhung der Arbeitsnormen

Der Ministerrat beschloß, im Sinne der Ankündigung bei der Tagung des ZK der SED die Arbeitsnormen mit den Erfordernissen der Steigerung der Arbeitsproduktivität und der Senkung der Selbstkosten in Übereinstimmung zu bringen und bis zum 30. Juni 1953 zunächst eine Erhöhung der für die Produktion entscheidenden Arbeitsnormen im Durchschnitt von mindestens 10 % sicherzustellen. Die zuständigen Ministerien und Staatssekretariate haben für jeden Betrieb Kennziffern für die Erhöhung der Arbeitsnormen festzulegen, die von den Werkleitungen für die Betriebsabteilungen des jeweiligen Werkes aufzuteilen sind. In Übereinstimmung mit den Zentralvorständen der entsprechenden Gewerkschaften haben die zuständigen Minister und Staatssekretäre sofort die allgemeine Überprüfung der Arbeitsnormen für die ihnen unterstehenden Betriebe anzuordnen. Die Betriebsleiter haben die Überprüfung der Arbeitsnormen in ihren Betrieben bis zum 3. Juni 1953 in Übereinstimmung mit den Betriebsgewerkschaftsleitungen zu veranlassen. Entsprechend den Ergebnissen der Überprüfung der Arbeitsnormen sind die neuen erhöhten Arbeitsnormen so festzusetzen, daß die festgelegten Kennziffern in jedem Betrieb mindestens erreicht werden. Im Rahmen der für die Erfüllung und Übererfüllung der erhöhten Arbeitsnormen notwendigen Maßnahmen ist in jeder Betriebsabteilung unter der aktiven Mitwirkung aller Arbeiter ein Plan technischer und organisatorischer Aufgaben aufzustellen. Dieser Plan muß sich vor allem auf die Verbesserung der Arbeitsorganisation, auf die Qualifizierung der Arbeiter, auf die Veränderung der technischen Bedingungen, auf die Beseitigung von Verlustzeiten und auf die verbesserte Instruktion durch Meister und Brigadiere erstrecken.

2. Wiederzuerkennung entzogener Lebensmittelkarten

Der Ministerrat beschloß die Bewilligung von Lebensmittelkarten ab 1. Juli 1953 an einen großen Teil derjenigen Personen, die nach der Verordnung vom 9. April 1953 vom Bezug der Lebensmittelkarten ausgeschlossen waren.

Archiv der Gegenwart. Bd. 1, S. 947 ff.

.

Montag, 1. Juni 1953:

Das Präsidium des Ministerrates der DDR faßte laut Tägliche Rundschau folgenden Beschluß über die Reorganisation der Volkskontrolle:

»Mit der Bildung und Festigung der Ständigen Kommissionen der örtlichen Organe der Staatsgewalt und ihrer Aktivs, mit der Wahl Haus- und Straßenvertrauensleuten und der Schaffung der Einrichtung von freiwilligen Helfern der Volkspolizei sowie mit der Organisierung der gewerkschaftlichen Arbeiterkontrolle über Handel und Versorgung wurden die bisherigen Aufgaben der Volkskontrollausschüsse von diesen Organen der Werktätigen übernommen. Diese breitere Mitarbeit der werktätigen Massen bei der Kontrolle macht die Reorganisation der Volkskontrolle und die Einbeziehung der Mitglieder, der bisherigen Volkskontrollausschüsse in die neugeschaffenen Organe notwendig.« Mit der Durchführung der Reorganisation wurden die Rate der Bezirke und Kreise beauftragt.

Archiv der Gegenwart. Bd. 1, S. 949 ff.

.

Mittwoch, 10. Juni 1953:

Das Presseamt beim Ministerpräsidenten der DDR veröffentlichte laut ADN folgendes Communiqué über eine Besprechung von Vertretern des Ministerrates, geführt vom Ministerpräsidenten Otto Grotewohl, mit Vertretern der Evangelischen Landeskirchen in der DDR, geführt vom Bischof Otto Dibelius, Ratsvorsitzenden der EKD:

»Gegenstand der Besprechung war die Überprüfung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche in der Deutschen Demokratischen Republik. In der vom Geiste gegenseitiger Verständigung getragenen Verhandlung wurde für die Wiederherstellung eines normalen Zustandes zwischen Staat und Kirche weitgehende Übereinstimmung erzielt. Die einmütige Auffassung daß die Herbeiführung der Einheit unseres Vaterlandes und die Schaffung eines Friedensvertrages heute das dringendste Anliegen aller Deutschen ist erfordert die Überwindung der Gegensätze, die dieser Entwicklung entgegenstehen. Darum wurde staatlicherseits die Bereitwilligkeit erklärt, das kirchliche Eigenleben nach den Bestimmungen der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik zu gewährleisten. Die Vertreter der Kirche erklärten ihrerseits, auf verfassungswidrige Eingriffe und Einwirkungen in das wirtschaftliche und politische Leben zu verzichten. Auf der Grundlage dieser Übereinstimmung sind folgende Anordnungen getroffen

1. Es sind keinerlei weitere Maßnahmen gegen die sogenannte »Junge Gemeinde« und sonstige kirchliche Einrichtungen einzuleiten. Das Amt für Jugendfragen beim Stellvertreter des Ministerpräsidenten, W. Ulbricht, wird beauftragt, unter Teilnahme von Vertretern der Kirche, der ›Jungen Gemeinde‹ und der Freien Deutschen Jugend eine Klärung über alle strittigen Fragen in bezug auf die ›Junge Gemeinde‹ herbeizuführen.

2. Alle im Zusammenhang mit der Überprüfung der Oberschüler und der Diskussion über die Tätigkeit der Jungen Gemeinde aus den Oberschulen entfernten Schüler sind sofort wieder zum Unterricht zuzulassen. Es ist ihnen die Möglichkeit zu geben, die versäumten Prüfungen nachzuholen. Wegen Wiedereinstellung der aus dem gleichen Anlaß entlassenen Lehrer hat das Ministerium für Volksbildung eine sofortige Prüfung und Entscheidung durchzuführen.

3. Alle im Zusammenhang mit der Zugehörigkeit zur Evangelischen Studentengemeinde oder sonstigen Studentengemeinden ausgesprochenen Exmatrikulationen sind sofort vom Staatssekretäriat für Hochschulwesen zu überprüfen und bis zum 20. Juni 1953 zu entscheiden.

4. Das Ministerium für Volksbildung hat Richtlinien über die Abhaltung des Religionsunterrichtes in den Schulgebäuden sofort auszuarbeiten Die seit dem 1. Januar 1953 erfolgten Einschränkungen der Abhaltung des Religionsunterrichtes in den Schulgebäuden sind zu über prüfen und zu beseitigen.

5. Die beschlagnahmten Einrichtungen und Anstalten kirchlichen Charakters sind an die früheren Verwaltungen zurückzugeben. Das betrifft die Pfeifferschen Stiftungen in Magdeburg, die Neinstedter Anstalten in Neinstedt und das Altersheim Seyda Kreis Jessen-Elster. Das Schloß Mansfeld bleibt dagegen in der Verwaltung des Kombinats Mansfeld und dient als Kulturhaus und Erholungsheim für Bergarbeiter des Kombinats Mansfeld.

6. Wegen der Belegung und Verteilung der Ferienplätze in den kirchlichen Heimen an der Ostsee wird die Durchführung und Entscheidung dem Staatssekretäriat für Innere Angelegenheiten übertragen.

7. Die Urteile der Gerichte sind zu überprüfen und ungerechte Härten zu beseitigen.

8. Die Verordnung über die Anmeldepflicht von Veranstaltungen vom 29. März 1951 ist zu überprüfen und Härten sind auszugleichen.

9. Die staatlichen Zuschüsse an die Kirchen werden nach den vereinbarten Regeln zur Auszahlung gebracht.

Archiv der Gegenwart. Bd. 1, S. 955 ff.

.

Freitag, 12. Juni 1953:

1. Communiqué des Politbüros der SED über Maßnahmen zur Verbesserung der Lebenshaltung und Stärkung der Rechtssicherheit.

Das Politbüro des ZK der SED veröffentlichte laut Tägliche Rundschau am 11. Juni folgendes Communiqué:

»Das Politbüro des Zentralkomitees der SED hat in seiner Sitzung vom 9. Juni 1953 beschlossen, der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik die Durchführung einer Reihe von Maßnahmen zu empfehlen, die der entschiedenen Verbesserung der Lebenshaltung aller Teile der Bevölkerung und der Stärkung der Rechtssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik dienen. Das Politbüro des ZK der SED ging davon aus, daß seitens der SED und der Regierung der DDR in der Vergangenheit eine Reihe von Fehlern begangen wurde, die ihren Ausdruck in Verordnungen und Anordnungen gefunden haben, wie z.B. Der Verordnung über die Neuregelung der Lebensmittelkartenversorgung, über die Übernahme devastierter landwirtschaftlicher Betriebe, in außerordentlichen Maßnahmen der Erfassung, in verschärften Methoden der Steuererhebung usw. Die Interessen solcher Bevölkerungsteile wie der Einzelbauern, der Einzelhändler, der Handwerker, der Intelligenz wurden vernachlässigt. Bei der Durchführung der erwähnten Verordnungen und Anordnungen sind außerdem ernste Fehler in den Bezirken, Kreisen und Orten begangen worden. Eine Folge war, daß zahlreiche Personen die Republik verlassen haben. Das Politbüro hat bei seinen Beschlüssen das große Ziel der Herstellung der Einheit Deutschlands im Auge, welches von beiden Seiten Maßnahmen erfordert, die die Annäherung der beiden Teile Deutschlands konkret erleichtern. Aus diesen Gründen hält das Politbüro des ZK der SED für nötig, daß in nächster Zeit im Zusammenhang mit Korrekturen des Plans der Schwerindustrie eine Reihe von Maßnahmen durchgeführt werden, die die begangenen Fehler korrigieren und die Lebenshaltung der Arbeiter, Bauern, der Intelligenz, der Handwerker und der übrigen Schichten des Mittelstandes verbessern. Auf der Sitzung am 9. Juni hat das Politbüro Maßnahmen auf dem Gebiet des Handels und der Versorgung, auf landwirtschaftlichem Gebiet und auch hinsichtlich der Erleichterung des Verkehrs zwischen der DDR und Westdeutschland festgelegt. Um die Erzeugung von Waren des Massenbedarfs zu vergrößern die von kleinen und mittleren Privatbetrieben hergestellt werden, und um das Handelsnetz zu erweitern, wird vorgeschlagen, den Handwerkern, Einzel- und Großhändlern, privaten Industrie, Bau- und Verkehrsbetrieben in ausreichendem Umfange kurzfristige Kredite zu gewähren. Die Zwangsmaßnahmen zur Betreibung von Rückständen an Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen, die bis zum Ende des Jahres 1951 entstanden sind, sollen für Klein-, Mittel und Großbauern, Handwerker, Einzel- und Großhändler, private Industrie-, Bau und Verkehrsbetriebe, d.h. in der gesamten privaten Wirtschaft, ausgesetzt werden. Wenn Geschaftseigentümer, die in letzter Zeit ihre Geschäfte geschlossen oder abgegeben haben, den Wunsch äußern, diese wiederzueröffnen so ist diesem Wunsche unverzüglich Rechnung zu tragen. Außerdem soll die HO zur besseren Versorgung der Bevölkerung sofort Agenturverträge mit dem privaten Einzelhandel abschließen.

Das Politbüro schlägt ferner vor, daß die Verordnungen über die Übernahme devastierter landwirtschaftlicher Betriebe aufgehoben werden und die Einsetzung von Treuhändern wegen Nichterfüllung der Ablieferungspflichten oder wegen Steuerrückständen untersagt wird. Die Bauern, die im Zusammenhang mit Schwierigkeiten in der Weiterführung Ihrer Wirtschaft ihre Höfe verlassen haben und nach Westberlin oder nach Westdeutschland geflüchtet sind (Kleinbauern, Mittelbauern, Großbauern), sollen die Möglichkeit erhalten, auf ihre Bauernhöfe zurückzukehren. Ist das in Ausnahmefällen nicht möglich, so sollen sie vollwertigen Ersatz erhalten. Es soll ihnen mit Krediten und landwirtschaftlichem Inventar geholfen werden, ihre Bauernwirtschaften zu entwickeln. Strafen die wegen Nichterfüllung von Ablieferungsverpflichtungen oder Steuerverpflichtungen ausgesprochen wurden, sollen überprüft werden. Dabei wird vorgeschlagen, den Minister für Land- und Forstwirtschaft zu beauftragen, die erforderlichen Maßnahmen zu treffen, damit die Interessen der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften gewahrt bleiben. Das Politbüro schlägt weiter vor, daß alle republikflüchtigen Personen, die in das Gebiet der DDR und den demokratischen Sektor von Berlin zurückkehren, das auf Grund der Verordnung vom 17. Juli 1952 zur Sicherung von Vermögenswerten beschlagnahmte Eigentum zurückerhalten. Ist in Einzelfallen die Rückgabe nicht möglich, so soll Ersatz geleistet werden. Zurückkehrenden Republikflüchtigen darf aus der Tatsache der Republikflucht keine Benachteiligung entstehen. Sie sollen durch die zuständigen Organe der Räte der Bezirke und Kreise entsprechend ihrer fachlichen Qualifikation wieder in das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben eingegliedert werden und ihre vollen Bürgerrechte erhalten. (Deutscher Personalausweis, Lebensmittelkarte usw.) Für die Rückkehrer sind Auskunftsstellen einzurichten, die ihnen in allen Fragen Rat und Auskunft erteilen. Das Politbüro ist ferner der Auffassung, daß die Frage der Aufenthaltsgenehmigungen für Westdeutsche und Westberliner sowie die Frage der Ausstellung von Interzonenpässen im Sinne der Erleichterung des Verkehrs zwischen Ost- und Westdeutschland neu geregelt werden müssen. Bei Antrag auf Ausstellung von Aufenthaltsgenehmigungen für Westdeutsche und Westberliner sind familiäre Gründe anzuerkennen, ebenso bei Anträgen auf Ausstellung von Interzonenpässen. Insbesondere ist Wissenschaftlern und Künstlern die Teilnahme an Tagungen in Westdeutschland zu ermöglichen, ebenso ist Künstlern aus Westdeutschland die Teilnahme an Tagungen in der DDR zu ermöglichen.

Das Politbüro schlägt ferner vor, daß alle im Zusammenhang mit der Überprüfung der Oberschüler und der Diskussion über die Tätigkeit der Jungen Gemeinde aus den Oberschulen entfernten Schüler sofort wieder zum Unterricht zuzulassen sind, und daß ihnen die Möglichkeit gegeben wird, die versäumten Prüfungen nachzuholen. Ebenso sollen die im Zusammenhang mit der Überprüfung der Oberschulen ausgesprochenen Kündigungen und Versetzungen von Lehrern rückgängig gemacht werden. Die in den letzten Monaten ausgesprochenen Exmatrikulationen an Hochschulen und Universitäten sollen sofort überprüft und bis zum 20. Juni 1953 entschieden werden. Bei Immatrikulationen an den Hochschulen und Universitäten dürfen befähigte Jugendliche aus den Mittelschichten nicht benachteilig werden. Ferner empfiehlt das Politbüro der Regierung der DDR, die Justizorgane zu beauftragen, diejenigen Verurteilten sofort zu entlassen, die nach dem Gesetz zum Schutz des Volkseigentums zu 1 bis 3 Jahren verurteilt worden sind, mit Ausnahme der Fälle, in denen schwere Folgen eintraten. Ebenso empfiehlt es, diejenigen Untersuchungshäftlinge sofort zu entlassen, gegen die ein Verfahren nach dem Gesetz zum Schutz des Volkseigentums anhängig gemacht wurde und bei denen keine höheren Strafen als die gesetzlichen Mindeststrafen von 1 bis 3 Jahren zu erwarten sind.

Das Politbüro hat schließlich beschlossen, der Regierung der DDR zu empfehlen, daß ab 1. Juli 1953 wieder an alle Bürger der DDR und des demokratischen Sektors von Groß-Berlin Lebensmittelkarten entsprechend den gesetzlich festgelegten Tätigkeitsmerkmalen ausgegeben werden. Es wird weiter vorgeschlagen, die im April 1953 durchgeführten Preiserhöhungen für Marmelade, Kunsthonig und andere Süß- und Backwaren mit Wirkung vom 15. Juni 1953 rückgängig zu machen, die Fahrpreisermäßigung in Höhe von 50 Prozent ab 1. Juli 1953 bei Arbeiterrückfahrkarten auf alle berechtigten Personen ohne Rücksicht auf die Hohe ihres Einkommens auszudehnen, die Fahrpreisermäßigungen für Schüler und Lehrlinge und auch bestimmte Schichten der Arbeiter wiederherzustellen und auch die Fahrpreisermäßigungen für Schwerbeschädigte, Kleingärtner usw. sowie die Erstattung von Fahrgeld durch die Sozialversicherung beim Besuch bei Fachärzten wiedereinzuführen.«

2. Beschlüsse des Ministerrates der DDR über Maßnahmen zur Korrektur begangener Fehler und zur Verbesserung des Lebenshaltung

Der Ministerrat faßte laut ADN folgende Beschlüsse, die als Einleitung eines aus den gegenwärtigen Engpässen herausführenden Entwicklungsprozesses bezeichnet werden der Veränderungen des Fünfjahrplanes folgen sollen, welche eine weitere Verbesserung der Lebenshaltung ermöglichen würden:

»Die Beschränkungen für die Ausgabe von Lebensmittelkarten werden aufgehoben. Ab 1. Juli 1953 werden an alle Bürger der DDR und des demokratischen Sektors von Groß-Berlin wieder Lebensmittelkarten wie früher ausgegeben. Bei der Handelsorganisation (HO) werden die Preise für zuckerhaltige Erzeugnisse, wie Süßwaren, Dauerbackwaren, Feinbackwaren sowie Kunsthonig mit 10 Prozent Bienenhonig, auf den Stand zurückgeführt, der für diese Preise am 19. April 1953 gegeben war. Das gleiche gilt für den Preis für Marmelade aller Art, Kunsthonig und Fruchtsirup. Die Preisherabsetzung tritt mit dem 15. Juni 1953 in Kraft. In der gesamten Wirtschaft, bei Klein-, Mittel- und Großbauern Handwerkern, Einzel- und Großhändlern, privaten Industrie-, Bau- und Verkehrsbetrieben sind Zwangsmaßnahmen zur Beitreibung von Rückständen an Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen, die aus der wirtschaftlichen Tätigkeit in der Zelt bis zum Ende des Jahres 1950 entstanden sind, auszusetzen. Handwerker, Einzel- und Großhändler, private Industrie-, Bau- und Verkehrsbetriebe erhalten auf Antrag ihre Betriebe zurück. Kurzfristige Kredite sind zu gewähren. Ab 1. Juli 1953 ist die Fahrpreisermäßigung in Höhe von 50 Prozent bei Arbeiterrückfahrkarten auf alle berechtigen Personen ohne Rücksicht auf die Höhe ihres Einkommens auszudehnen. Darüber hinaus ist die bis zum 1. April 1953 gewährte Fahrpreisermäßigung für Schwerbeschädigte, Schüler, Studenten, Lehrlinge und Kleingärtner wieder einzuführen. Ebenso ist die bis zum 1. April 1953 gewährte Fahrpreisermäßigung für Sonntagsrückfahrkarten, Schichtarbeiterrückfahrkarten und Gesellschaftsfahrten ab 1. Juli 1953 wieder einzuführen. Härten bei der Sozialversicherung und der Sozialfürsorge werden beseitigt und die Leistungen werden auf den ursprünglichen Stand gebracht. Landwirtschaftliche Betriebe, deren Eigentümern auf Grund einer Verordnung vom 19. Februar 1953 die weitere Bewirtschaftung untersagt wurde, werden zurückgegeben.

Republikflüchtige Personen, die in das Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik und den demokratischen Sektor von Berlin zurückkehren, erhalten ihr Eigentum zurück. Die Rückkehrer sind in ihre vollen Bürgerrechte einzusetzen und entsprechend ihrer Qualifikation in das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben einzugliedern. Bauern, die im Zusammenhang mit Schwierigkeiten in der Weiterführung ihrer Wirtschaft ihre Höfe verlassen haben und republikflüchtig geworden sind, können auf ihre Höfe zurückkehren. Wenn in Ausnahmefällen die Rückgabe ihres landwirtschaftlichen Besitzes nicht möglich ist, so erhalten die vollwertigen Ersatz. Das Justizministerium und der Generalstaatsanwalt haben alle Verhaftungen, Strafverfahren und Urteile zur Beseitigung etwa vorliegender Härten sofort zu überprüfen. Der Ministerrat nahm zustimmend von den Vereinbarungen Kenntnis, die der Ministerpräsident mit den Vertretern der Kirche getroffen hat

3. Korrektur begangener Fehler gegenüber Groß- und Mittelbauern

Das Presseamt des Ministerpräsidenten gab laut ADN am 12. Juni bekannt:

»Die Regierung der DDR stellt fest, daß in letzter Zeit eine Reihe Fehler gegenüber Großbauern und sogar Mittelbauern begangen worden sind. Das hat seinen Ausdruck in einer Reihe von Verordnungen gefunden, zum Beispiel in den Verordnungen über devastierte Betriebe, über Kreditgewährung, in außerordentlichen Maßnahmen der Erfassung, in verschärften Methoden der Steuererhebung sowie in der Vernachlässigung der Einzelbauern durch die Maschinen- Traktoren Stationen. Bei der Durchführung dieser Verordnungen und Anordnungen sind ernste Fehler in den Bezirken, Kreisen und Orten begangen worden. Die Folge ist das Verlassen von Bauernhöfen durch ihre Besitzer. Die Regierung der DDR hat angeordnet, daß solche Verordnungen, die die Entwicklung der Bauernwirtschaften hindern, aufgehoben werden. In Übereinstimmung mit den Vorschlägen, die auf der gemeinsamen Konferenz der Vertreter der werktätigen Bauern, der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften und der Maschinen Traktoren-Stationen und der Vertreter des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands angeregt wurden, hat die Regierung folgendes veranlaßt:

1. Die Verordnung vom 19. Februar 1953 betreffend Übernahme devastierter Betriebe wird aufgehoben. Es wird untersagt, in landwirtschaftlichen Betrieben wegen Nichterfüllung der Ablieferungsverpflichtungen oder wegen Steuerrückständen Treuhänder einzusetzen. Die Bauern, die im Zusammenhang mit Schwierigkeiten in der Weiterführung ihrer Wirtschaft ihre Höfe verlassen haben und nach Westberlin oder Westdeutschland gefluchtet sind (Kleinbauern, Mittelbauern und Großbauern), können auf ihre Bauernhöfe zurückkehren. Wenn das in Ausnahmefällen nicht möglich ist, so erhalten sie vollwertigen Ersatz. Es wird ihnen mit Krediten und landwirtschaftlichem Inventar geholfen, ihre Wirtschaften welterzuführen.

2. Die Kreditrichtlinien der Deutschen Bauernbank vom 6. Dezember 1952 werden aufgehoben. Die Bauernbank ist ermächtigt, an alle Bauernwirtschaften kurzfristige Kredite zu gewähren, mit deren Hilfe die Entwicklung der Bauernwirtschaften möglich ist. Auf Antrag können sowohl werktätige Bauern wie Großbauern auch langfristige Kredite erhalten.

3. Die Erfassungsorgane und Steuerbehörden sind verpflichtet, die Ablieferung bzw. Steuererhebung so durchzuführen, daß die Weiterführung der betreffenden Wirtschaften gewährleistet ist. Strafen die im Zusammenhang mit der Nichterfüllung von Ablieferungsverpflichtungen oder Steuerverpflichtungen ausgesprochen wurden, sind von den Justizbehörden zu überprüfen.

4. Die Maschinen Traktoren Stationen werden verpflichtet, den Einzelbauern weitgehend Hilfe bei der Durchführung ihrer Arbeiten zu leisten. Den Maschinen Traktoren-Stationen wird untersagt, private Traktoren, landwirtschaftliche Maschinen und Geräte in Anspruch zu nehmen. Der Minister für Land und Forstwirtschaft und der Staatssekretär für Erfassung und Aufkauf sind beauftragt, alle erforderlichen Maßnahmen zu treffen, wobei zu berücksichtigen ist, daß die Interessen der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften gewahrt werden.«

4. Kein Ausweiszwang mehr in Gaststätten und bei Dienstleistungen in Ostberlin

Die Abteilung Handel und Versorgung des Magistrats von Groß-Berlin teilte laut ADN mit:

»In Gaststätten, Hotels, Imbißstuben, Kiosken, im sonstigen und ambulanten Handel dürfen ab sofort Speisen und Getränke sowie Genußmittel zum sofortigen Verzehr ohne Vorlage des Deutschen Personalausweises, des Stammabschnittes der Lebensmittelkarte oder des Betriebsausweises für den Einkauf abgegeben werden (der Ausweiszwang war im Februar eingeführt worden, um die Westberliner von der Abgabe auszuschließen). Das dienstleistende Handwerk und Industriebetriebe dürfen ab sofort Auftragsleistungen aus der Bevölkerung ohne Vorlage des Deutschen Personalausweises, des Stammabschnittes der Lebensmittelkarte oder des Betriebsausweises für den Einkauf annehmen und ausführen.«

Archiv der Gegenwart. Bd. 1, S. 956 ff.

.

Freitag, 19. Juni 1953:

1. Demonstrationen in Ostberlin gegen erhöhte Arbeitsnormen

Am 16. Juni fanden laut Neue Zeitung in Ostberlin Protestdemonstrationen der Arbeiterschaft gegen die Erhöhung der Arbeitsnormen um 10 % statt, wobei gleichzeitig die Forderung nach freien geheimen Wahlen und nach einem Regimewechsel geäußert wurde.

Die Demonstrationen wurden durch die Arbeitsniederlegung der Bauarbeiter in der Stalinallee (Frankfurter Allee) ausgelöst, die in geschlossenen Zügen zum Stadtzentrum marschierten und andere Arbeiter, aber auch sonstige Passanten aufforderten, sich anzuschließen. Als sich vor dem früheren Reichsluftfahrtministerium die Massen stauten, zeigten sich der stellvertretende Ministerpräsident Heinrich Rau (SED) und Bergbauminister Fritz Selbmann (SED) am Fenster. Selbmann, der eine Ansprache hielt, wurde durch Rufe nach Ulbricht und Grotewohl unterbrochen. Auf seine Feststellung, daß er auch ein Arbeiter sei, wurde ihm erwidert: »Das hast Du aber vergessen!« In Sprechchören wurden freie Wahlen und der Rücktritt der Regierung gefordert, sowie die Generalstreikparole ausgegeben.

2. Rückgängigmachung der Arbeitsnormenerhöhung und Warnung vor feindlichen Provokateuren durch Politbüro

Das Politbüro des ZK der SED veröffentlichte laut ADN am 16. Juni folgende Erklärung:

1. Der Aufbau eines neuen Lebens und die Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter sowie der gesamten Bevölkerung sind einzig und allein auf der Grundlage der Erhöhung der Arbeitsproduktivität und der Steigerung der Produktion möglich. Nur die Verwirklichung der alten Losung unserer Partei ›Mehr produzieren – besser leben!‹ hat zur Wiederherstellung und zur schnellen Entwicklung der Volkswirtschaft der DDR nach dem Kriege geführt. Dieser Weg war und bleibt der einzig richtige Weg. Deshalb ist das Politbüro der Auffassung, daß die Initiative der fortgeschrittensten Arbeiter, die freiwillig zur Erhöhung der Arbeitsnormen übergegangen sind, ein wichtiger Schritt auf dem Wege zum Aufbau eines neuen Lebens ist, der dem gesamten Volk den Ausweg aus den bestehenden Schwierigkeiten weist. Das Politbüro ist dabei der Meinung, daß eine der wichtigsten Aufgaben der Betriebsleiter, der Partei und Gewerkschaftsorganisationen darin besteht, Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsorganisation und der Produktion zu ergreifen, damit in der nächsten Zeit der Lohn der Arbeiter, die ihre Normen erhöht haben, gesteigert werden kann.

2. Das Politbüro hält es zugleich für völlig falsch, die Erhöhung der Arbeitsnormen in den Betrieben der volkseigenen Industrie um 10 Prozent auf administrativem Wege durchzuführen. Die Erhöhung der Arbeitsnormen darf und kann nicht mit administrativen Methoden durchgeführt werden, sondern einzig und allein auf der Grundlage der Überzeugung und der Freiwilligkeit.

3. Es wird vorgeschlagen, die von den einzelnen Ministerien angeordnete obligatorische Erhöhung der Arbeitsnormen als unrichtig aufzuheben. Der Beschluß der Regierung vom 28. Mai 1953 ist gemeinsam mit den Gewerkschaften zu überprüfen. Das Politbüro fordert die Arbeiter auf, sich um die Partei und um die Regierung zusammenzuschließen und die feindlichen Provokateure zu entlarven, welche versuchen, Unstimmigkeiten und Verwirrung in die Reihen der Arbeiterklasse hineinzutragen.«

3. Demonstrationen verschärfen sich zu Kundgebung gegen Regime; Generalstreikparole teilweise befolgt; Ausnahmezustand durch Sowjet-Stadtkommandanten erklärt; Eingreifen Sowjetpanzer und Volkspolizei; Regierungsaufruf

Am 17. Juni entwickelten sich die Ereignisse in Ostberlin laut Neue Zeitung wie folgt: Die Arbeiter und Angestellten zahlreicher Betriebe befolgten die am Vorabend ausgegebene Generalstreikparole und erschienen nicht an ihren Arbeitsplätzen. Schon in den frühen Morgenstunden formierten sich Demonstrationszüge, die zum Stadtzentrum marschierten. Im Laufe des Vormittags mußten Straßen und U-Bahnen im Sowjetsektor ihren Verkehr einstellen, gleichzeitig wurde die von Ostberlin geleitete S-Bahn im gesamten Berliner Stadtgebiet stillgelegt. Gegen Mittag fielen vor dem Ostberliner Regierungsgebäude in der Leipziger Straße die ersten Schüsse sowjetischer Soldaten und Volkspolizisten. Nach 12 Uhr hatten sowjetische Truppen mit Hilfe von mindestens 20 Panzern vom Typ T 34 und zahlreichen Panzerspähwagen so wie anderen mit Maschinengewehren und Pakgeschützen bestückten vollbesetzten Mannschaftswagen begonnen, die Straßen um das Regierungsgebäude östlich des Potsdamer Platzes zu räumen. Hinter den Panzern, die gegen die Demonstranten anfuhren, marschierten in Schützenkette Volkspolizisten, die wiederholt mit Karabinern in die Menge schossen. Augenzeugen berichten, daß die sowjetischen Soldaten im allgemeinen, soweit man beobachten konnte bei ihrem angeordneten Vorgehen, in die Luft schossen. Die Demonstranten setzten trotzdem am Potsdamer Platz einen T 34 außer Gefecht, in dem sie Balken zwischen die Kettenglieder steckten und die Ketten brachen. Andere Demonstranten steckten Holzpfähle in die Rohre der Geschütze oder versuchten, große Steine zwischen die Ketten zu werfen. Zwei Jugendliche holten vom Brandenburger Tor die Rote Fahne herunter.

Der Befehl des sowjetischen Stadtkommandanten, Generalmajor Dibrowa, über die Verhängung des Ausnahmezustandes der um 13 Uhr 30 verkündet und ständig wiederholt wurde, lautete: »Für die Herbeiführung einer besseren öffentlichen Ordnung im sowjetischen Sektor von Berlin wird befohlen:

1. Ab 13 Uhr des 17. Juni wird im sowjetischen Sektor von Berlin der Ausnahmezustand verhängt.

2. Alle Demonstrationen, Versammlungen, Kundgebungen und sonstige Menschenansammlungen über drei Personen werden auf Straßen und Plätzen wie auch in öffentlichen Gebäuden verboten.

3. Jeglicher Verkehr von Fußgängern und der Verkehr von Kraftfahrzeugen und Fahrzeugen wird von 21 Uhr abends bis 5 Uhr morgens verboten.

4. Diejenigen, die gegen dieses Verbot verstoßen, werden nach den Kriegsgesetzen bestraft.«

Ministerpräsident Otto Grotewohl forderte in einer Regierungserklärung die Bevölkerung auf, die Maßnahmen zur sofortigen Wiederherstellung der Ordnung in der Stadt zu unterstützen und die Bedingung für eine normale und ruhige Arbeit in den Betrieben zu schaffen. Die Schuldigen an den Unruhen würden zur Verantwortung gezogen und streng bestraft werden. Die Unruhen, zu denen es gekommen sei, seien das Werk von Provokateuren und faschistischen Agenten ausländischer Mächte und ihrer Helfershelfer aus deutschen kapitalistischen Monopolen.

4. Ostberlin wird abgeriegelt; Westberliner von Sowjets standrechtlich erschossen; Kundgebungen auch in Magdeburg und anderen Städten

Am 18. Juni entwickelte sich die Lage wie folgt:

Sowjetische Truppen in mindestens Divisionsstärke sowie kasernierte Volkspolizei-Einheiten, die zum Teil aus der Zone herangeführt wurden, haben den östlichen Teil Berlins hermetisch abgeriegelt. An den Sektorengrenzen patrouillieren Panzer und feldmarschmäßig ausgerüstete Sowjetsoldaten und Volkspolizisten. Die Demonstrationen der Berliner Arbeiter haben inzwischen auch auf die Zone übergegriffen. Aus zahlreichen Gebieten, so aus Gera, Leipzig, Dessau, Dresden, Chemnitz und Stralsund, werden Arbeitsniederlegungen und Protestkundgebungen gemeldet. Interzonenreisende berichteten, daß in Magdeburg die Demonstranten das Gefängnis gestürmt und zahlreiche Gefangene befreit hätten. Die Zahl der Toten in Ostberlin wurde mit mindestens 16 angegeben; in den Westberliner Krankenhäusern liegen 200 Verwundete. Der sowjetische Militärkommandant Dibrowa gab bekannt, daß der Westberliner Bürger Willi Göttling zum Tode durch Erschießen verurteilt worden ist. Das Urteil sei vollstreckt. Gottling habe in ausländischem Auftrag gehandelt er sei einer der Provokateure der banditenhaften Ausschreitungen. Der stellvertretende Ministerpräsident der DDR Otto Nuschke, der am 17. Juni von Demonstranten in den Westsektor abgedrängt und auf das Polizeipräsidium gebracht worden war, wurde am 19. Juni in den Ostsektor entlassen.

5. Verhaftungen und standrechtliche Erschießungen in der Sowjetzone.

Am 19. Juni wurde u.a. gemeldet:

Infolge der Ausdehnung der Demonstrationen und Unruhen auf die Sowjetzone wurde laut Neue Zeitung der Ausnahmezustand auf die gesamte Sowjetzone ausgedehnt. In verschiedenen Orten seien insgesamt 17 Personen standrechtlich erschossen worden. Gleichzeitig habe eine Verhaftungswelle eingesetzt. Demonstrationen und Unruhen seien auch aus Magdeburg, Leipzig, dem sächsischen Urangebiet, den Leunawerken bei Merseburg, dem Bunawerk sowie in Zschopau, Dresden und Görlitz gemeldet werden. Laut Die Welt seien die eingeleiteten Massenverhaftungen streikender Arbeiter auf sowjetische Anordnung hin gestoppt und zum Teil wieder rückgängig gemacht worden.

6. Regierungserklärung Adenauer zu den Ereignissen in Berlin

Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer gab laut Bulletin am 17. Juni vor dem Bundestag folgende Regierungserklärung zu den Ereignissen in Berlin ab:

»Die Ereignisse in Berlin haben in der deutschen Öffentlichkeit und darüber hinaus in der Welt starken Widerhall gefunden. Die Bundesregierung erklärt zu den Vorgängen: Wie auch die Demonstrationen der Ostberliner Arbeiter in ihren Anfängen beurteilt werden mögen, sie sind zu einer großen Bekundung des Freiheitswillens des deutschen Volkes in der Sowjetzone und Berlin geworden. Die Bundesregierung empfindet mit den Männern und Frauen, die heute in Berlin Befreiung von Unterdrückung und Not verlangen. Wir versichern ihnen, daß wir in innerster Verbundenheit zu ihnen stehen. Wir hoffen daß sie sich nicht durch Provokationen zu unbedachten Handlungen hinreißen lassen, die ihr Leben und die Freiheit gefährden könnten. Eine wirkliche Änderung des Lebens der Deutschen in der Sowjetzone und in Berlin kann nur durch die Wiederherstellung der deutschen Einheit in Freiheit erreicht werden. Der Weg hierzu ist, wie der Bundestag in seinem Beschluß vom 10. Juni erneut bekräftigt hat. Die Bundesregierung wird nach diesen Grundsätzen handeln und sich darüber hinaus bemühen, daß bald wirksame Erleichterungen im Interzonenverkehr und in der Verbindung zwischen Berlin und der Bundesrepublik verwirklicht werden, die der wiedererstehenden Einheit den Weg bahnen. Die Bundesregierung verfolgt die Entwicklung der Ereignisse mit größter Aufmerksamkeit; sie steht mit den Vertretern der Westmächte in ständiger enger Verbindung. In dieser bedeutsamen Stunde wollen wir alle ohne Unterschied politischer Auffassungen für das große gemeinsame Ziel zusammenstehen.«

7. Zwei Erklärungen der DDR-Regierung zu den Berliner Ereignissen

Die Agentur TASS veröffentlichte am 18. Juni folgende Mitteilung unter dem Titel »Zusammenbruch des Abenteuers ausländischer Sendlinge in Berlin«:

Gestern fanden in einigen Betrieben des demokratischen Sektors Berlins Verzögerungsaktionen statt, insbesondere unter den Bauarbeitern. Als Anlaß zur Einstellung der Arbeit diente die in den letzten Tagen in einigen Unternehmungen durchgeführte zehnprozentige Erhöhung der Arbeitsnormen, die jedoch von der Regierung der DDR am 16. Juni rückgängig gemacht wurde. Die Erhöhung der Normen war aber nur ein Vorwand für die Provokateure aus der Menge der ausländischen Agenten, die sich in Westberlin eingenistet haben, um Verzögerungsaktionen in den Betrieben und Ausschreitungen in den Straßen Berlins zu organisieren. Im Zusammenhang damit hat die Regierung der DDR am 17. Juni mittags eine Erklärung veröffentlicht, in der es heißt: ,Auf die Maßnahmen der Regierung der DDR zur Verbesserung der Lage der Bevölkerung haben faschistische und andere reaktionäre Elemente Westberlins mit Provokationen und ernsten Ruhestörungen im demokratischen Sektor Berlins geantwortet. Diese Provokationen sollen die Wiederherstellung der Einheit Deutschlands erschweren. Der Vorwand für die Arbeitsniederlegung der Bauarbeiter in Berlin ist infolge des gestrigen Beschlusses in der Normenfrage hinfällig geworden. Die vorgekommenen Unruhen sind das Werk von Provokateuren und faschistischen Agenten ausländischer Mächte und ihrer Helfershelfer aus den deutschen kapitalistischen Monopolen. Diese Kräfte sind mit den demokratischen Behörden der Deutschen Demokratischen Republik, die eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung durchführen, nicht zufrieden. Die Regierung fordert die Bevölkerung auf:

1. Das Maßnahmen zur unverzüglichen Wiederherstellung der Ordnung in der Stadt zu unterstützen und Verhältnisse für die normale und ruhige Arbeit in den Unternehmungen zu schaffen.

2. Die Schuldigen an den Unruhen werden zur Rechenschaft gezogen und streng bestraft. Arbeiter und alle ehrlichen Bürger werden aufgefordert, die Provokateure festzunehmen und sie den Staatsorganen auszuliefern.

3. Es ist unerläßlich, daß Arbeiter und die technische Intelligenz in Zusammenarbeit mit den Staatsorganen selbst die nötigen Maßnahmen zur Herstellung des normalen Arbeitsganges ergreifen.’

Diese Erklärung der Regierung der DDR an die Bevölkerung ist vom Ministerpräsidenten Otto Grotewohl unterzeichnet. Am Abend des gleichen Tages veröffentlichte die Regierung der DDR eine Erklärung über den Zusammenbruch des Abenteuers ausländischer Söldlinge in Berlin. In dieser Erklärung heißt es: ,Währenddem die Regierung der DDR alle ihre Bemühungen darauf richtet, mittels Durchführung neuer wichtiger Maßnahmen eine Verbesserung der materiellen Lage der Bevölkerung zu erreichen, und ihre besondere Aufmerksamkeit auf die Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiterschaft lenkt, versuchten käufliche Elemente, Agenten ausländischer Staaten und ihre Helfershelfer aus den Kreisen deutscher Monopolisten, die Regierungsmaßnahmen zu torpedieren. Es ist festgestellt worden, daß die Streiks, die gestern in einigen Betrieben stattgefunden haben, und auch die provokatorischen Ausschreitungen einzelner Gruppen faschistischer Agenten in den Straßen des demokratischen Sektors Berlins nach einem einheitlichen, in Westberlin ausgearbeiteten und im gegebenen Moment durchzuführenden Plan sich abspielten. Die Ausschreitungen endeten mit einem völligen Zusammenbruch des unternommenen Abenteuers, da sie auf den Widerstand des Großteils der Bevölkerung und der Staatsorgane gestoßen sind. In den Unternehmungen wird die normale Arbeit wiederhergestellt. In den Straßen wird die Ordnung aufrechterhalten. Es werden keine Ausschreitungen von Provokateuren und verbrecherischen Elementen geduldet. Zusammengebrochen sind die niederträchtigen Versuche ausländischer Agenten, die Durchführung wichtiger Regierungsmaßnahmen zu stören, welche auf eine Besserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung gerichtet sind. Zusammengebrochen sind die Versuche, Verwirrung zu stiften, um neue Hindernisse auf dem Wege zur Wiederherstellung der Einheit Deutschlands zu schaffen. Die Regierung der DDR wird entschiedene Maßnahmen treffen, damit die Urheber der Unruhen streng bestraft werden. Provokateure dürfen nicht auf Gnade rechnen!’«

8. Zwei Stellungnahmen der Westalliierten Kommandatur und sowjetische Antwort

Die alliierte Kommandatur in Berlin veröffentlichte laut AFP am 17. Juni folgendes Communiqué:

Die französischen, britischen und amerikanischen Stadtkommandanten sind am Mittwochvormittag mit den Westberliner Stadtbehörden zusammengekommen. Sie prüften gemeinsam die Lage. Die Kommandanten und die Berliner Behörden waren sich einig über die Notwendigkeit, in den Westsektoren Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten. Sie nahmen Kenntnis von gewissen Behauptungen, nach welchen die Demonstrationen im Sowjetsektor von Westberliner Agenten angezettelt worden seien. Derartige Behauptungen können Anlaß geben zu ernsthaften Mißverständnissen hinsichtlich des Ursprungs der erwähnten Demonstrationen. Die französischen, britischen und amerikanischen Kommandanten erklären deutlich daß weder die alliierten Behörden noch die Westberliner Behörden derartige Manifestationen mittelbar oder unmittelbar hervorriefen oder begünstigten.«

Die alliierte Kommandatur in Berlin übermittelte laut UP am 19. Juni der Sowjetkommandatur folgendes Schreiben:

Im Namen der Alliierten Hochkommissionen und der drei Kommandanten der westlichen Sektoren Berlins habe ich die Ehre, Ihnen unseren Standpunkt zur augenblicklichen Lage darzulegen. Wir sind der Ansicht, daß bereits zu viel Blut geflossen ist und daß die normale Lebensweise wiederhergestellt werden sollte. Wir fordern Sie auf, keine weiteren Hinrichtungen im Gefolge der Urteile der Militärgerichte vorzunehmen und den Sowjettruppen und der Volkspolizei den Gebrauch von Feuerwaffen zu verbieten. Wir wünschen, daß in Berlin so rasch wie möglich wieder freier Verkehr geschaffen wird, damit die Bevölkerung normale Lebensmittelzufuhren empfangen kann. Jede Haltung, die dem Geiste dieser Forderungen widersprechen würde, könnte nur zu einer Verschlechterung der Lage führen, die wir, zweifellos in voller Übereinstimmung mit Ihnen, wieder auf den normalen Stand zurückgebracht sehen wollen.«

Der sowjetische Militärkommandant von Berlin General Dibrowa wies in einer Note vom 20. Juni den Protest der westlichen Stadtkommandanten zurück. In der Note wird ausgeführt, daß die sowjetischen Besatzungsbehörden nicht abseits stehen konnten, da Westberliner Agenten Unruhen in der russischen Zone angestiftet hätten. Die angeordneten Maßnahmen einschließlich der Proklamierung des Ausnahmezustandes, seien eine absolute Notwendigkeit gewesen, um den Brandstiftungen und anderen Ausschreitungen eine Ende zu bereiten. Die Westkommandanten hatten die Ereignisse im Widerspruch mit den Tatsachen beurteilt. Der Protest der Westkommandanten müsse daher mangels jeder Begründung zurückgewiesen werden. Es sei beobachtet worden, daß die aus Westberlin entsandten Agitatoren mit Waffen, Rundfunksendern und Instruktionen ausgerüstet waren. Die Ausschreitungen seien von Westberliner Provokateuren und faschistischen Agenten durchgeführt worden. Der Protest der Westkommandanten könne daher nur als schwacher Versuch angesehen werden, sich der Verantwortlichkeit für kriminelle Akte bezahlter Kriegstreiber zu entziehen. Diese Agitatoren würden vor Gericht gestellt und streng bestraft werden. Als Beweis für die Anstiftung von Agenten aus Westberlin werden Dokumente über ein Geständnis eines verhafteten Westberliners Werner Kalkovski beigelegt, der Instruktionen erhalten habe, die Menge zu Plünderungen und Brandlegungen anzustiften. Die Sowjetbehörden hatten Agenten dieser Art nicht freie Hand lassen können. General Debrova erklärt abschließend, daß er kein Hindernis für die Wiederaufnahme der Verbindungen zwischen Ost- und Westberlin sehe, jedoch unter der Bedingung, daß die drei Westkommandanten notwendige Schritte zur Sicherstellung unternehmen, daß die Entsendung von Provokateuren und anderer krimineller Elemente nach Ostberlin aufhören.

Archiv der Gegenwart. Bd. 1, S. 958 ff.

.

.

Ihr habt es nicht begriffen !

.

Samstag, 10. Juni 2023: Kassandra an Mephisto

.

Ihr begreift noch immer nicht!

Obwohl es schon zu spät ist!

Und Ihr bildet Euch tatsächlich ein, Ihr könntet noch was regulieren und steuern!

Im Laufe des Jahrzehnts…

Und bis 2045…

Ihr seid unfähig!

Was braucht Ihr noch, um aufzuwachen?

Ihr seid irreversibel mittendrin!

Ihr werdet nur noch schreien und weinen!

Und nichts wird mehr sein wie bisher!

In diesem Jahr gingen allein in Kanada auf einer Fläche von fast 10 Millionen Hektar tausende Male Wälder in Flammen auf.

Und durch den Qualm schimmerte nicht nur New York im gespenstischen Licht einer Geisterstadt!

Mit der ungesundesten Luft auf dem gesamten Planeten!

Wer konnte, so die amtliche Weisung, sollte zu Hause bleiben!

In New York!

Sport wurde lebensbedrohlich!

Die kanadischen Brandpartikel wurden selbst in Norwegen registriert!

Und was macht Ihr Deppen in Deutschland?

Die deutschen Medien packen das, behäbig wie eh und je seit Jahr und Tag, immer noch als quasi „Was sonst noch passierte“-Meldung als letztes vor die Ansage des Wetterberichts. In dem womöglich „endlich“ „die 30°-Grad-Marke“ „geknackt“ wird. Paßt ja zusammen, dreht sich ja um die Witterung.

Ihr seid nicht zu retten!

Ihr seid sowas von verblödet und verflacht!

Ihr seid nicht mehr in der Lage, das Wesentliche zu erkennen!

Diese Waldbrände, ob in Kanada, ob in Chile, ob in Colorado, ob in Südfrankreich, ob in Spanien, ob in Australien, ob in Italien, ob in Griechenland oder ob selbst in Jüterbog –

D a s i s t d i e w i c h t i g s t e M e l d u n g !

Und die wichtigste Meldung gehört an die erste Stelle jeder Nachrichtenberichterstattung!

.

.

Mene mene tekel u-parsin!

Daniel 5

.

Wer oder was ist bekloppt ?

.

Samstag, 27. Mai 2023: Der Ritter vom heiligen Geist an Mephisto

.

Der Mensch gleicht einem Wesen in einer Art Hamsterrad, das sich selber zwingt, immer schneller zu laufen, um wenigstens auf der Stelle bleiben zu können.

Bis es zugrunde geht, weil es nicht mehr so schnell laufen kann, wie es laufen müßte.

Die Menschheit hat bis heute nicht begriffen, daß „actio = reactio“, Newtons drittes Axiom, nicht allein separat für die Mechanik gilt.

Sondern daß wir es hier zu tun haben mit dem obersten Prinzip unseres Universums überhaupt.

Denn sie hat Heraklit vergessen und kann deshalb den Zusammenhang nicht sehen, daß das Newtonsche Axiom nichts weiter darstellt als eine auf die Mechanik verengte Ableitung aus der mittlerweile 2500 Jahre alten Erkenntnis, daß der „Krieg aller Dinge Vater ist“ „und daß alles durch Streit und Notwendigkeit zum Leben kommt“ in einem dialektischen Kampf von Gegensätzen.

Wobei sie unbewußt mit ihrem über tausende Jahre währenden Unverständnis immerhin eine weitere heraklitische Erkenntnis bestätigt:

Für dies Wort [Weltgesetz] aber, ob es gleich ewig ist, gewinnen die Menschen kein Verständnis, weder ehe sie es vernommen noch sobald sie es vernommen.“

Zur Verdeutlichung:

Nehmen wir einmal an, Max Pfiffig erfindet einen Lastkraftwagen. Das bringt große Freude, und der Max erhält den Nobelpreis. Denn: Mit Hilfe des Lastkraftwagens wird es möglich, sehr viel schneller sehr viel mehr Getreide von den Feldern an die Dreschflegel zu transportieren.

Als mit Pferden!

Und von den Dreschflegeln zu den Mühlen der Welt!

Und das Mehl der Mühlen zu den Bäckern!

Und die Brote der Bäcker zu den Verteilern und Verkäuferinnen!

Wunderbar!

Damit wird es möglich, sehr viel mehr Menschen auf unserem Erdball zu sättigen als zuvor.

Eine vortreffliche Sache!

Mit der Folge: Die Menschen werden satter und gesünder, die Fertilität unserer Gattung steigert sich, die Menschen vermehren sich fleißiger, können noch mehr Lastkraftwagen bauen und können mit noch mehr Lastkraftwagen noch mehr Körner zu den Mühlen fahren, und eines schönen Tages hat sich die Erdbevölkerung von vier Milliarden ungesättigten Erdenbürgern auf acht Milliarden verfettete verdoppelt.

Was für ein Fortschritt!

Einhundert Jahre später jedoch reift die Erkenntnis und stellt die UNO unwiderruflich fest, daß das Fahren von LKWn in unserem begrenzten System unweigerlich zum Erstickungstod nicht nur unserer Gattung führt, und daß man die Katastrophe lediglich noch mittels eines plötzlichen Stops jener Vehikel vermeide.

Da ist guter Rat teuer!

Es existieren nun exakt zwei Möglichkeiten:

Entweder, denn Verzicht ist nicht der Menschen Sache, entweder die heraklitischen Vielen verweigern sich, wie gewöhnlich, der Erkenntnis und scheren sich nicht weiter drum.

Und verfolgen die „Letzte Generation“ als kriminelle Vereinigung.

Bis man es nicht mehr schafft, die Laster ausreichend stillzulegen.

Und die Menschheit geht an ihren Gasen zugrunde.

Oder es gelingt noch rechtzeitig, die Brummis anzuhalten und meinethalben einzustampfen und rückstandslos in Plastikeimer zu rizeikeln nach einem patentierten Verfahren von Max Pfiffig junior.

Oder sie samt ihren schädlichen „Ab“gasen bei Asse in garantiert sicheren unterirdischen Zwischenlagern endzulagern…

Und vier Milliarden Menschen werden verhungern.

Ich prophezeie:

1) Das sogenannte 1,5-Grad-Ziel als Begrenzung der Erderhitzung bis zum Jahr 2100 ist, und das war von Anfang an vorhersehbar, nicht zu halten.

2) Das sogenannte 2-Grad-Ziel als maximale Begrenzung der Erderhitzung bis zum Jahr 2100 ist, und das war von Anfang an vorhersehbar, ebenfalls nicht zu halten.

3) Auch nach dem Jahr 2100 werden, und das wird weltweit von den Politikern selbst noch im Jahre 2023 in keiner Weise eingeplant, auch nach dem Jahr 2100 werden die Temperaturen weiter steigen.

4) Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden die verzweifelten Mahner der „Letzten Generation“ bei den Überlebenden der Klimakatastrophe, und das werden nicht acht Milliarden Menschen sein und schon gar nicht zehn Milliarden, die verzweifelten Mahner der „Letzten Generation“ werden bei den Überlebenden der Klimakatastrophe als Helden gelten!

5) Ihr werdet euch noch wundern!

.

.

Ich finde das völlig bekloppt, sich irgendwie an ein Bild festzukleben oder auf der Straße.

Olaf Scholz, der ansonsten mit dem Vorwurf der Zögerlichkeit bedachte und jedenfalls unter partiellen Gedächtnisstörungen leidende Kanzler der Bundesrepublik Deutschland im Hinblick auf die „Letzte Generation

.

Die Letzte Generation stellt eine kriminelle Vereinigung gemäß § 129 StGB dar!“

Das Landeskriminalamt Bayern, das am Mittwoch rund 170 Beamte in sieben Bundesländern zwecks Durchsuchung von 15 Wohnungen und Geschäftsräumen in Bewegung setzte, auf seiner Website in einem später begründungslos gelöschten Zitat

.

Berlins Innensenator Geisel, SPD, verurteilte die Angriffe auf Polizisten durch Hausbesetzer. Er sprach im Abgeordnetenhaus von ‚äußerster Brutalität‘ und ‚offenem Gangstertum‘. Bundespräsident Steinmeier bezeichnete die Gewalt als nicht hinnehmbar. Bereits gestern waren 60 Einsatzkräfte bei Auseinandersetzungen mit den Bewohnern verletzt worden.“

Freitag, 18. Juni 2021, Deutschlandfunk über die Gewalttaten der linksextremistischen Hausbesetzer in der Rigaer Straße 91 in Berlin und ihre Unterstützer, die bereits jahrelang auch die Anwohner der Umgegenden terrorisieren, unter anderem mit eingeschlagenen Schaufensterscheiben und durch Brandstiftungen an Müllcontainern und Autos, und gegen die bis heute, trotz „nicht hinnehmbar“er Gewalt mit „äußerster Brutalität“ und „offenem Gangstertum“, kein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung nach § 129 eingeleitet wurde.

.

Analyse einer Nachricht

.

Montag, 22. Mai 2023: Bellarmin an Mephisto

.

Den lieben langen Tag werden Nachrichten gesendet zur wahrhaftigen Unterrichtung der Bevölkerung und vermutlich sogar des Volkes, bestehend vornehmlich aus den vermittels Schulunterricht zur Mündigkeit herangereiften Bürgernden des Landes. Eine für bundesdeutschende Journalistende typische Meldung des 21. Jahrhunderts sendete am unschuldigen Sonntag, dem 21. Mai, die hierzulande seriöseste Rundfunkanstalt, nämlich der Deutschlandfunk, in ihren 9-Uhr-Nachrichten:

Die Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Schnitzer, hält Nachbesserungen am geplanten Heizungsgesetz für geboten.

Schnitzer sagte der Funke Mediengruppe, es sei wichtig, dass Menschen mit niedrigen Einkommen nicht überfordert würden. Die Fördermaßnahmen sollten zudem zielgenau sein, denn Menschen mit höheren Einkommen brauchten keine Förderung. Schnitzer forderte Klarheit über die genauen Regelungen. Es komme darauf an, bald einen verbindlichen Starttermin festzulegen. Dann könnten alle rechtzeitig die notwendigen Kapazitäten aufbauen – das Handwerk ebenso wie die Anbieter von Heizungsanlagen.

Der vom Bundeskabinett beschlossene Entwurf sieht vor, dass ab 2024 jede neu eingebaute Heizung zu einem überwiegenden Teil mit erneuerbaren Energien betrieben werden soll.

Das wollen wir uns im einzelnen mal anschauen.

„Die Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Schnitzer, hält Nachbesserungen am geplanten Heizungsgesetz für geboten.“

Aha! Also hier merkst Du wieder schon, es wird sich handeln um eine der typischen Sprechblasenmeldungen, die Du augenblicklich wieder vergessen wirst. Denn es hat für Dich nicht die geringste Relevanz, weder für den aktuellen Tageslauf noch für den der folgenden Tage, ob Du das vernahmst. Selbst zum an sich wichtigen Thema. Es ist erschreckend, mit welchem hohen Anteil an bloßen Sprechblasenmeldungen bundesdeutschende Journalistende heutzutage Nachrichten, gewöhnlich mit einer Halbwertzeit unter 60 Sekunden, zusammensetzen anstelle mit Fakten, zum Beispiel über jene rätselhafte urplötzlich entdeckte „irreguläre Migration“. Mach Dir den Spaß, zähle mal mit! Also ich meine ja nicht die Zahlen der „irregulären“ im Verhältnis zur früheren 100-prozentigen „regulären“ „Migration“, also „Zuwanderung“ in transparentestem Deutsch, denn erstens haben weder die Politikenden noch die Journalistenden sich zu der Gnade herabgelassen, dem erstaunten deutschenden Michelnden einen Unterschied zu transparendieren, noch überhaupt irgendeine Zahl hinsichtlich der sensationellen Entdeckung zu präsentieren aus irgend einem Grund. Sondern ich meine die Zahl der Sprechblasenmeldungen je Nachrichteneinheit.

„Schnitzer sagte der Funke Mediengruppe, es sei wichtig, dass Menschen mit niedrigen Einkommen nicht überfordert würden.“

Ach! Also der Funke Mediengruppe sagte die Dir bis dato unbekannte Frau Schnitzer dies. Na, das wolltest Du schon immer wissen, wem die Frau Schnitzer mitteilte, daß es wichtig sei, Menschende mit niedrigem Einkommen nicht zu überfordern.

Nämlich der Funke Mediengruppe.

So, und jetzt paß auf, jetzt kommt’s! Hinzu kommt die Neuigkeit, daß es also wichtig ist, Menschende mit niedrigem Einkommen nicht zu überfordern!

Sensation!

Schon allein deshalb, falls Du bisher etwa gedacht hättest als mündigender Bürgernder, es wäre unwichtig, Menschende mit niedrigem Einkommen nicht zu überfordern.

Aber endlich weißt Du Bescheid!

Es ist wichtig!

Merke: Die mit niedrigem Einkommen!

Nicht die mit hohem!

Denn:

„Die Fördermaßnahmen sollten zudem zielgenau sein, denn Menschen mit höheren Einkommen brauchten keine Förderung.“

So kompliziert ist das: Menschende mit höherem Einkommen, die brauchen ja gar keine Fördermaßnahmen! Gut, daß das nachrichtlich endlich mal erklärt wird!

Da kannst Du was lernen!

„Schnitzer forderte Klarheit über die genauen Regelungen.“

Messerscharf fordert Frau Schnitzer keine Klarheit über ungenaue Regelungen. Sondern über genaue!

Verwirrend ist hier allerdings das im bundesdeutschenden Gegenwartsjournalismus und in der Politik vollkommen exotische Fremdwort „Klarheit“. Das müßte doch einfach und deutlich „Transparenz“ heißen, was Frau Schnitzer da fordert. Sonst versteht das doch keiner!

„Es komme darauf an, bald einen verbindlichen Starttermin festzulegen.“

Ach! An was man heutzutage nicht alles denken muß bei Gesetzesvorhaben! An einen Starttermin! Gib’s zu, das wußtest Du auch noch nicht! Noch dazu, daß es darauf ankommt, selbiger Termin solle sogar verbindlich sein. Was man nicht alles im Kopf haben muß! Zum Glück bin ich kein Politikender!

Aber vielleicht gibt es auch Nachschlagewerke aus früheren Zeiten. Politik für „Dummies“ oder so?

„Dann könnten alle rechtzeitig die notwendigen Kapazitäten aufbauen – das Handwerk ebenso wie die Anbieter von Heizungsanlagen.“

Ach darum! Sogar den Grund erfährst Du noch: Damit diejenigen, die Gesetze einhalten müssen, auch rechtzeitig dafür sorgen, daß sie diese überhaupt einhalten können.

Wie lehrreich!

Am besten, Du legst Dir das nächste Mal Papier und Bleistift daneben…

.

Zum Muttertag

.

Muttertag, 14. Mai 2023: Serapion an Mephisto

.

Ich hörte gerade, es gibt bei Euch in Eurem in eiserner Neugeistigkeit beschränkten Deutschland von den Üblichen, also von den auf staubkornfreie Rechtwinkligkeit pochenden Puritanern, nun auch noch das Verlangen, den Muttertag in Elterntag umzubenennen…

Der HERR rette die Welt vor den Deutschenden!

.

.

Die Tugenden der Deutschen aber sind ein glänzend Übel und nichts weiter; denn Notwerk sind sie nur, aus feiger Angst, mit Sklavenmühe, dem wüsten Herzen abgedrungen, und lassen trostlos jede reine Seele, die von Schönem gern sich nährt, ach! die verwöhnt vom heiligen Zusammenklang in edleren Naturen, den Mißlaut nicht erträgt, der schreiend ist in all der toten Ordnung dieser Menschen.

Ich sage dir: es ist nichts Heiliges, was nicht entheiligt, nicht zum ärmlichen Behelf herabgewürdigt ist bei diesem Volk, und was selbst unter Wilden göttlichrein sich meist erhält, das treiben diese allberechnenden Barbaren, wie man so ein Handwerk treibt, und können es nicht anders, denn wo einmal ein menschlich Wesen abgerichtet ist, da dient es seinem Zweck, da sucht es seinen Nutzen, es schwärmt nicht mehr, bewahre Gott! es bleibt gesetzt, und wenn es feiert und wenn es liebt und wenn es betet und selber, wenn des Frühlings holdes Fest, wenn die Versöhnungszeit der Welt die Sorgen alle löst, und Unschuld zaubert in ein schuldig Herz, wenn von der Sonne warmem Strahle berauscht, der Sklave seine Ketten froh vergißt und von der gottbeseelten Luft besänftiget, die Menschenfeinde friedlich, wie die Kinder, sind – wenn selbst die Raupe sich beflügelt und die Biene schwärmt, so bleibt der Deutsche doch in seinem Fach und kümmert sich nicht viel ums Wetter!

Aber du wirst richten, heilige Natur! Denn, wenn sie nur bescheiden wären, diese Menschen, zum Gesetze nicht sich machten für die Bessern unter ihnen! wenn sie nur nicht lästerten, was sie nicht sind, und möchten sie doch lästern, wenn sie nur das Göttliche nicht höhnten! –

Oder ist nicht göttlich, was ihr höhnt und seellos nennt? Ist besser, denn euer Geschwätz, die Luft nicht, die ihr trinkt? der Sonne Strahlen, sind sie edler nicht, denn all ihr Klugen?

Es ist auf Erden alles unvollkommen, ist das alte Lied der Deutschen. Wenn doch einmal diesen Gottverlaßnen einer sagte, daß bei ihnen nur so unvollkommen alles ist, weil sie nichts Reines unverdorben, nichts Heiliges unbetastet lassen mit den plumpen Händen, daß bei ihnen nichts gedeiht, weil sie die Wurzel des Gedeihns, die göttliche Natur nicht achten, daß bei ihnen eigentlich das Leben schal und sorgenschwer und übervoll von kalter stummer Zwietracht ist, weil sie den Genius verschmähn, der Kraft und Adel in ein menschlich Tun, und Heiterkeit ins Leiden und Lieb und Brüderschaft den Städten und den Häusern bringt.

Friedrich Hölderlin (1770 – 1843): Hyperion oder der Eremit in Griechenland

.

MANNHEIM – Sie treten in Altenheimen oder bei Volksfesten auf – das Rheinauer AWO-Ballett. Auf der Mannheimer Bundesgartenschau (Buga) wollten die 17 Seniorinnen (60–86) ihre Show mit dem Titel „Weltreise in einem Traumschiff“ präsentieren. Doch daraus wird nichts. Grund: ein Teil der Kostüme ist für die Buga-Chefs untragbar!

„Wir dürfen sechs unserer insgesamt 14 Kostüme nicht vorführen, die wir mit viel Herzblut teilweise selbst geschneidert haben, weil sie offenbar diskriminierend sind“, so die Gründerin der Truppe Erika S. (75).

Hintergrund: Bei der 25-minütigen Show treten die Seniorinnen u. a. mit mexikanischen Sombrero-Hüten, japanischen Kimonos oder in indischen Gewändern auf. Und diese würden laut Buga-Verantwortlichen deren Maßstäbe hinsichtlich „interkultureller Sensibilität“ untergraben, berichtet der „Mannheimer Morgen“.

Ein Schlag ins Gesicht für die rüstigen AWO-Tänzerinnen, denn die Zensur gleicht einem Auftrittsverbot – ohne die Kostüme keine Show!

Erika S. betont: „Unsere Show hat doch nichts mit Rassismus zu tun! In unserer Gruppe sind seit Jahren Frauen aus Russland und der Ukraine. Wir wollten mit den Kostümen keinen diskriminieren oder verletzen, sondern Freude schenken. Doch die wurde uns jetzt genommen.“

Montag, 17. April 2023, Bild

.

Die Damen schneidern mit viel Liebe ihre Kostüme, um Freude zu verbreiten. Sie dürfen nicht auftreten, weil sie angeblich „interkulturelle Sensibilität“ untergraben. So etwas macht mich nur sprachlos!

Gabi Roloff, Adorf (Sachsen)

Gut, dass Pierre Brice, Lex Barker und Ralf Wolter diesen Unsinn nicht mehr erleben müssen.

Hans-Joachim List, Köln (NRW)

Lächerlich! Die Buga-Chefs sollten sich in Grund und Boden schämen!

Peter Berndt, München

Das ist nur noch krank, was in den Köpfen der Veranstalter losgeht! Wovor haben die denn Angst – etwa vor der Vielfalt der Welt, oder doch eher vor dem Verlust des gut bezahlten Postens?

Michael Kaps, Aach (Baden-Württemberg)

Deutsche dürfen nur noch als deutsche Gartenzwerge auftreten.

Michael Wrasmann, Berlin

Völliger Blödsinn, dann dürfen auf dem Oktoberfest nur noch nachweislich bayerischstämmige Menschen Lederhosen und Dirndl tragen, oder?

Ulli Hartig, Greiz (Thüringen)

Bei solchen Darstellungen geht es nicht um kulturelle Aneignung oder interkulturelle Sensibilität, es geht um kulturellen Austausch, bunte Vielfalt, Anerkennung anderer Bräuche und Moden.

Kai Kuhlmann, Buchholz (Niedersachsen)

Welches Verbot wird als nächstes folgen – Karnevalverbot, Witzeverbot, Lachverbot? Ihr nervt, ihr Moralapostel! Verkriecht euch doch im Keller!

Leo Woltery, Geilenkirchen (NRW)

Ich fasse es nicht! In was für einem Land leben wir eigentlich? Lasst die Tanzgruppe auftreten! Es wird in Mexiko niemand auf die Straße gehen und sich beschweren!

Andreas Harder, Hamburg

Dienstag, 18. April 2023, Bild aus Leserbriefen zu: Auftrittsverbot für Rentner mit Mexikaner-Hut

.

Ba.-Wü.-Ministerpräsident Winfried Kretschmann (74, Grüne) sagte auf BILD-Anfrage, er teile die Sorge vor dem Auftritt mit Sombrero-Hüten nicht.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (67) sowie Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz (60, SPD) wollten sich auf BILD-Anfrage nicht äußern.

Dienstag, 18. April 2023, Bild

.

Kultur lebt doch von Austausch und beeinflusst sich gegenseitig, das hat nichts mit Aneignung zu tun!“

„Fiesta Mexicana“- Songtexter Michael Holm (79)

.

Wir sind den Menschen und Institutionen dankbar, die daran mitwirken, die echte Vielfalt unserer Kultur in Deutschland zu verbreiten.“

Die mexikanische Botschaft

.

Über den Herdentrieb

.

Samstag, 6. Mai 2023: Bellarmin an Mephisto

.

Ob früher mit Negativfilm in schwarz-weiß, später in Farbe, schließlich digital, es blieb und bleibt immer dasselbe: wenn Onkel Otto und Tante Therese auf einem Photo konterfeit werden, dann sahst und siehst Du auf dem oberen Zweidrittel der Bildfläche nichts als das völlige Einerlei des Graus oder Blaus der öden Himmelsfläche. Und im unteren Teil stehen klein und doof Therese und Otto.

Mit abgeschnittenen Füßen!

Da kannst Du sicher sein.

Die Normalknipser kriegen es nicht fertig, Menschen mit ihren Füßen auf dem Boden abzubilden! Selbst wenn im Hintergrund nicht ein Fernsehturm oder ein Völkerschlachtdenkmal oder eine Liebfrauenkirche oder ein Belvedere oder eine Sphinx mit aufs Bild sollen.

Anderes Beispiel: Seit geraumer Zeit tauchen im Fernsehen ja nun häufiger Videosequenzen auf, die von Privatpersonen aufgenommen wurden.

Ausnahmslos hochkant!

Links und rechts wird krampfartig dann auf den inzwischen gängigen Breitwandbildschirmen, meist leicht abgedunkelt, das Geschehen auf der schmalen eigentlichen Bildfläche umrißartig gespiegelt.

Zwecks Flächenfüllung…

Und Du brennst darauf, vom Geschehen und seinem Umfeld doch ein Gesamtbild zu sehen auf Deinem Breitwandbildschirm!

Das erlebst Du auch in freier Wildbahn. Guck nur hin! Die Leute stehen im Park vor dem Schloß, Kantenlänge zweihundert Meter, und filmen voller Wonne mit ihrem Händi dieses Panorama.

Hochkant!

Und kommen, da kannst Du drauf wetten, nicht im entferntesten auf die simpelste aller Ideen: Nämlich das Händi dabei einfach im Querformat zu halten!

Jetzt feierte man also am Monatsbeginn die Einführung des „Deutschlandtickets“.

Des „Tickets mit einer deutschlandweiten Flättret im Nahverkehr“!

Also, um es in unserer Muttersprache zu sagen, eines Fahrscheins zum deutschlandweiten Pauschalpreis von 49 Euro.

Kann man ja machen.

Wobei betont wurde, daß der Streit um die längerfristige Finanzierung noch nicht beendet wäre.

Apropos Herdentrieb, soweit ich sah und hörte, wurde nicht ein einziges Mal ein Grund genannt in der bisweilen erbitterten Debatte zwischen Bund und Bundesländern um die Finanzierung des Preises, warum letztes Jahr ausgerechnet 9 Euro statt schlicht und einfach 10, warum angedacht dann krumme 19 Euro oder 29 Euro statt 20 oder 30, warum jetzt 49 Euro statt pauschal 50 als „Flättret“ für den bundesweiten Nahverkehr.

Ja, ich hörte noch nicht einmal irgend jemanden irgendwo auch nur die Frage stellen.

Ich vermute sogar bei der allgemein zu beobachtenden Oberflächlichkeit des Planens und Regierens der gegenwärtigen Planer(innen und außen), daß ihnen eine derartige Frage noch nicht einmal in ihren Sinn kam.

Und ich halte es keinesfalls für abwegig, sondern vermute überdies stark aus irgend einem Grund, bei jenen Fraglosen und Flättret-Sagern handelt es sich zugleich um fleißig jendernde Hohmoffis- und Hottspott-Sager(innen und außen). Also um die derzeitigen heraklitischen Vielen. Mit ihrer Realitätswahrnehmung und Lebensart. Die sich allerdings wacker wähnen bei der Volkserziehung zum richtigen Sprechen und gleichgeschalteten Denken.

Ich halte weder das Fehlen der einen Euro Mehreinnahme noch das Fehlen jener Frage für eine Bagatelle.

Sondern für ein beispielhaftes Symptom.

Und ich halte das für erschreckend.

Denn derartige Beispiele häufen sich.

.

Die bizarre Weltsicht des Frank-Walter Steinmeier

.

Samstag 22. April 2023: Bellarmin an Mephisto

.

Letzten Sonntag die an Peinlichkeit kaum noch zu überbietende jüngste Steinmeierei: Eine überfallartige Verleihung des „Großkreuzes des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland in besonderer Ausführung“ an Angela Merkel, vormals Reagierungschefin der Bundesrepublik Deutschland!

Dreimal Genitiv plus einmal Dativ – höher geht es wirklich nicht in Deutschland!

Kennte man Steinmeier als einen humorvollen Charakter statt als einen gravitättümelnden Kunstpausenkönig, hätte man ja noch entschuldigend annehmen können, er wolle vielleicht, wenn auch auf eine für ein Staatsoberhaupt unangemessene Art, die Angela Merkel als sozialdemokratischste Mitgliedende der CDU verarschen.

Aber es war ernst gemeint!

Und keiner konnte darüber lachen!

Deutschlandfunk:

Neben ihrer Familie standen unter anderem Bundeskanzler Scholz, EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen und die früheren Kanzleramtschefs de Maizière, Pofalla, Altmaier und Braun auf der Gästeliste.“

Und:

Sie habe in Krisenzeiten Deutschland und Europa zusammengehalten und Kritiker widerlegt, sagte Steinmeier im Berliner Schloss Bellevue.“ !

Da bliebe einem ja wohl das Lachen im Halse stecken.

Die ehemalige Reagierungschefin!

Die Regieren beständig verwechselte mit uninspiriertestem Verwalten!

Sie hat ihre Kritiker mitnichten widerlegt, sondern während des merkelschen Biedermeier ist die bundesdeutsche Presse herabgesunken zur byzantinischen Hofberichterstattung. Als typisches Beispiel sei nur erinnert an die merkelschen Sommerpressekonferenzen. Oder an die beständige regierungskonforme Gleichsetzung von Zuwanderern mit Flüchtlingen. Oder an den vorauseilenden Gehorsam nicht allein der öffentlich-rechtlichen Medien in Deutschland in der gleichgeschalteten Berichterstattung: Spätestens seit 2015 merkte man immer sofort, welche Themen, Fragestellungen, Begriffsbildungen, Diskussionen der Kanzelnden nebst ihrer merkelnden Entourage unangenehm sein könnten.

Und demzufolge ausgeblendet wurden aus der Debatte bis zum Gehtnichtmehr.

Bis zum Ende der Peiplein!

Bis urplötzlich, aus heiterstem Himmel, die Welt ganz anders geworden war!

Das ganze Land ächzt seither unter den Folgen ihrer nicht erst seit 2014 vorhersehbar falschen Rußlandpolitik.

Trotz aller tendenziösen Tricks der sie von vornherein mit undemokratischen Mitteln verfemenden Biedermeierpresse wurden ihre angeblich widerlegten Kritiker während ihrer Kanzelndenschaft von Null auf Hundert stärkste Oppositionsfraktion des Bundestages.

Aus irgendwelchen Gründen.

Und offensichtlich war Angela Merkel, außer natürlich für die öffentlich-rechtlichen Medien Deutschlands, eine Urhebernde der Spaltung Europas.

Unter anderem durch ihre sogenannte Flüchtlingspolitik.

Deutschlandfunk:

Hinzu gekommen sei ihre Fähigkeit, auch Fehler anzuerkennen und zu korrigieren, lobte Steinmeier, der einst Außenminister unter Merkel gewesen ist.“

Ob das gut geht?

Aktuell wird Deutschland offensichtlich von einem wahrnehmungsgestörten Bundespräsidenten und einem unter partieller Amnesie leidenden Bundeskanzler geführt.

.

Montag, 17. April 2022, Deutschlandfunk:

Kritik an der Auszeichnung kam vom Linken-Politiker Gysi. Anders als Adenauer, Brandt und Kohl habe Merkel ein wirkliches politisches Ziel gefehlt, sagte er dem Sender MDR. Auch der Politikwissenschaftler Thomas Jäger von der Universität Köln meinte, vergleichbare Verdienste wie die Westintegration unter Adenauer oder die Wiedervereinigung unter Kohl seien bei Merkel nicht zu sehen. Sein Kollege Klaus Schroeder von der Freien Universität Berlin sagte dem Portal „t-online“, die Verleihung „grenze an Peinlichkeit“. Es stelle sich die Frage, was außer ihrer langen Kanzlerschaft von 16 langen Jahren für die CDU-Politikerin spreche.

Dienstag, 18. April 2023, TAGESSPIEGEL:

Merkel und Frank-Walter Steinmeier – das war doch immer ein Gespann, Steinmeier für sie der politisch wichtigste Partner in ihren 16 Jahren im Amt. Steinmeier war Merkels Außenminister, bis sie ihn, mangels Alternative, ins Schloss Bellevue ziehen ließ. Ihren Wahlsieg 2009 hat Merkel auch dem blassen Herausforderer Steinmeier zu verdanken. Eine vierjährige zahnlose Opposition, formal angeführt von Steinmeier, gab es gratis obendrauf. Vor allem aber hat Steinmeier es Merkel ermöglicht, sich zu lange als Präsidial-Kanzlerin inszenieren zu können. Flapsig ausgedrückt: Eigentlich müsste Steinmeier von Merkel Dank und Orden empfangen.

Dienstag, 18. April 2023, WELT:

Die Bundesrepublik ist eine Betreuungsrepublik. Angela Merkel gelang es, sich zur obersten Betreuerin aufzuschwingen. Eine Mehrheit der Deutschen liebte sie gerade deswegen dafür – trotz der mitunter verhängnisvollen Fehler, die ihr unterliefen, von der Flüchtlings- über die Energie- bis hin zur Russlandpolitik. … Als Sinnbild der Zeit wusste Merkel genau, was für sie schicklich war. Ob mit oder ohne Großkreuz des Verdienstordens – heute ist Merkel zum politischen Anachronismus geworden, ein Sinnbild der Vergänglichkeit, das Symbol einer versunkenen Ära.

Dienstag, 18. April 2023, NEUE ZÜRCHER ZEITUNG:

Merkel hat eine Menge Probleme hinterlassen, die durch exekutives Unterlassen entstanden sind, etwa in der Migrationspolitik, im Umgang mit Corona und besonders in der Russlandpolitik. Deutschland ist wehrlos, und es war abhängig von russischem Gas, als Merkel im Herbst 2021 abtrat. Den Vorwurf, das Land nur verwaltet zu haben, kann man Merkel durchaus machen.

Dienstag, 18. April 2023, CORRIERE DELLA SERA:

Ist Angela Merkels politisches Vermächtnis groß genug, um sie mit Adenauer und Kohl, den Kanzlern der Westbindung und der Wiedervereinigung auf eine Stufe zu stellen?

Dienstag, 18. April 2023, LUXEMBURGER WORT:

Es gibt im Berliner Regierungsviertel nicht nur Menschen, die sich wundern, dass die Altkanzlerin sich das ‚Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland in besonderer Ausführung‘ anheften lässt. Das sind solche, die Merkel nicht wirklich gut kennen. Es gibt auch Menschen, die finden, sie habe das rot-goldene Stück nicht verdient. Manche wollen jetzt den Orden für Merkel zugleich als Selbstreinigung Steinmeiers auslegen.

Dienstag, 18. April 2023, NESAWISSIMAJA GASETA:

Seit ihrem freiwilligen Ausscheiden aus der Politik wird Merkel vorgeworfen, zu weich gegenüber Moskau gewesen zu sein, was nach Ansicht des deutschen Establishments letztlich zu dem bewaffneten Konflikt in der Ukraine geführt hat. Zwar war der jetzige Bundespräsident Steinmeier damals als Chefdiplomat der Schöpfer der deutschen Außenpolitik unter Merkel. Doch anders als Angela Merkel gab er inzwischen offen zu, Präsident Putin falsch eingeschätzt zu haben. Merkel selbst hat sich nie über den Irrtum ihrer Politik gegenüber Russland geäußert.

.

Verschroben bis verlogen

.

Samstag 15. April 2023: Bellarmin an Mephisto

.

Was waren das für Zeiten im schönen Kalten Krieg! Als noch das „Lager des Friedens“ existierte, wie die östliche Propaganda die „Volksdemokratien“, die Volksvolksherrschaften eigenlobte, und das kommunistische Herrschaftsgebiet von der Elbe bis Kamtschatka und vom Nordpolarmeer bis zum Südchinesischen Meer meinte. Was konnte man da im Westen herumwühlen mittels der Fünften Kolonnen Moskaus samt ihrer nützlichen IdiotenInnen und außen.

Auch Margot Käßmann soll dieses Jahr auf einem Ostermarsch gesprochen haben.

Jene Art von Friedensliebe der Nützlichen hat ja Tradition.

In Westdeutschland und in anderen Ländern Westeuropas wurden Ostermärsche und am Jahrestag des Ausbruchs des zweiten Weltkrieges Antikriegsdemonstrationen durchgeführt. Die Volksbewegung gegen die Atomrüstung verstärkt sich, denn die Menschen verstehen, welche große Gefahr ihnen droht. Eine Ausnahme bilden die rechten Führer der deutschen Sozialdemokratie. Sie sprechen zwar über Frieden, aber in der Praxis unterstützen sie die Forderungen der westdeutschen Militaristen auf Beteiligung an einer multilateralen Atomrüstung der NATO. Sie sprechen von weltweiter internationaler Abrüstung, sind aber gegen den Abzug der ausländischen Truppen aus Deutschland, gegen einen Rüstungsstopp und gegen die Abrüstung in beiden deutschen Staaten“, tönte am Dienstag, dem 6. Oktober 1964, am Vorabend des „Republikgeburtstags“ der Deutschen Demokratischen Republik ihr Staatsratsvorsitzender, der SED-Genosse Walter Ulbricht.

Und am Montag, dem 4. April 1983, schrieb die Tageszeitung „Neues Deutschland“, das „Zentralorgan der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ (das Blatt erklärt unter geringfügiger Namensänderung noch heute den unbeirrbar Ohnehin-Bescheidwissern die Welt):

Unüberhörbar brachten sie [die Ostermarschierer] die Besorgnis der Völker über die akute Bedrohung des Friedens zum Ausdruck, die der von den USA betriebene Kurs der Hochrüstung, der Konfrontation, der Verschärfung der internationalen Spannungen und der harschen Verweigerung gegenüber jedem konstruktiven und realistischen Vorschlag der Sowjetunion und der anderen sozialistischen Länder verursacht.“

Aus irgend einem Grund waren nämlich die Länder mit volksvolksherrschaftlicher Führung unter der Führung Sowjetrußlands schon immer für die Ostermärsche.

Für Ostermärsche in den nicht volksvolksherrschaftlich und nicht russisch regierten Ländern.

Was merkwürdig seltsam den unbeirrbaren Bescheidwissern aber bisher noch nie auffiel…

Da marschieren sie heutzutage denn also hinter Transparenten her wie

Frieden mit Russland und China!

Stoppt den Wirtschaftskrieg

Nord Stream 2 und

Druschba-Trasse in Betrieb!

DKP

Statt zu rufen: RUSSEN RAUS !

und:

RUSSEN RAUS AUS DER UKRAINE !

Am Mittwoch, dem 16. März 2022, erklärte der langjährige Organisator der Ostermärsche Willi van Ooyen in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG jenseits historischer Erfahrung tatsächlich „Mehr Waffen beenden keinen Krieg“! Statt zu schießen sollten die Ukrainer die Russen mit zivilem Widerstand vertreiben!

Ach, ist das wieder klug, na, sagen wir milde: gesprochen!

Wenn die Ukrainer doch bloß endlich mal hören wollten, was ihnen ein klugsprechender Bescheidwisser aus Deutschland so alles rät.

Schau her, schau her,

so wär‘ die Welt, wenn Frieden wär‚“,

gab es einmal im Rahmen der staatlich organisierten „Singebewegung“ Ende der sechziger Jahre ein Lied in der Deutschen Demokratischen Republik, geträllert von Reiner Schöne und musiziert vom Klaus Lenz-Sextett.

Damals herrschte exakt russischer Friede.

Abgesichert gegen die imperialistischen Kriegstreiber in der Beärrdee und der Nato durch einen antifaschistischen Schutzwall.

Das war die Zeit, über deren damalige bescheidwissende Durchblicker im DER SPIEGEL 15/23 S. 22 zu lesen stand:

Offiziere des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit hatten im Februar 1968 ein Herz für Rudi Dutschke und den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS). Als die linksradikalen Rebellen in West-Berlin eine große „Vietnamkonferenz“ organisierten, sorgten Stasileute dafür, dass aus Westdeutschland anreisende Gäste in den Genuss einer Vorzugsbehandlung kamen. Dies geht aus Stasiakten im Bundesarchiv hervor. Die linken Studenten hatten das Treffen als internationale Solidaritätsdemonstration für die Vietnamesen organisiert, die gegen die Invasion von US-Truppen kämpften. Über 2000 Linksradikale trafen am 17. Februar 1968 in einem Konvoi am Grenzkontrollpunkt Marienborn ein, um über die Transitautobahn von der Bundesrepublik nach West-Berlin weiterzufahren. Die üblichen Autobahn- und Visagebühren entfielen, eine Zollkontrolle brauchte es auch nicht. Nur ihre Pässe mussten sie vorzeigen. Nach einem Bericht eines Majors der „Hauptabteilung Passkontrolle und Fahndung“ der Stasi wurden insgesamt 179 Pkw und 49 Busse mit 2667 Personen gezählt, die zum Protest in die Mauerstadt fuhren. In einem Report an den stellvertretenden Minister für Staatssicherheit, Generalleutnant Bruno Beater, heißt es auch: „Die Teilnehmer der Konferenz waren aufgeschlossen, sprachen unsere Mitarbeiter mit Genossen an.“

.

.

Aus der pazifistisch-religiösen Bewegung, die 1960 antrat, um Strom und Bäche des Kalten Krieges vom Eis zu befreien, ist eine KP-gesteuerte Medienschau geworden…

Montag, 4. April 1983, Die Welt

.

Unser Deutschtum

.

Samstag, 8. April 2023: Der Ritter vom heiligen Geist an Mephisto

.

Einwände gegen die Einführung von Straßenbeleuchtungen in deutschen Städten:

Jede Straßenbeleuchtung durch Gas ist verwerflich:

1. aus theologischen Gründen, weil sie als Eingriff in die Ordnung Gottes erscheint.

2. aus juristischen Gründen, weil die Kosten dieser Beleuchtung durch indirekte Steuern aufgebracht werden sollen.

3. aus medizinischen Gründen: die Öl- und Gasausdunstung wirkt nachteilig auf die Gesundheit schwachleibiger und zartnerviger Personen und legt auch dadurch zu vielen Krankheiten den Stoff, indem sie den Leuten das nächtliche Verweilen auf den Straßen leichter und bequemer macht und ihnen Schnupfen, Husten und Erkältungen auf den Hals zieht.

4. aus philosophischen Gründen: die Sittlichkeit wird durch die Gasbeleuchtung verschlimmert. Die künstliche Helle verscheucht in den Gemütern das Grauen vor der Finsternis, die die Schwachen vor mancher Sünde abhält. Diese Helle macht den Trinker sicher, da er in den Zechstuben bis in die Nacht hinein schwelgt, und sie verkuppelt verliebte Paare.

5. aus polizeilichen Gründen: sie macht die Pferde scheu und die Diebe kühn.

6. aus staatswirtschaftlichen Gründen: für den Leuchtstoff Öl der Steinkohle geht jährlich eine bedeutende Summe ins Ausland, wodurch der Nationalreichtum geschwächt wird.

7. aus volkswirtschaftlichen Gründen: öffentliche Feste haben den Zweck, das Nationalgefühl zu wecken. Illuminationen sind hier vorzüglich geeignet. Dieser Eindruck wird aber geschwächt, wenn derselbe durch allnächtliche Quasi-Illuminationen abgeschwächt wird.

Sonntag, 28. März 1819, Cölnische Zeitung

.

Ich habe mir erlaubt, anhand einer originalen deutschen Feuerschutzverordnung das deutsche Wesen auch elegisch zu fassen:

.

.

Das deutsche Wesen

.

Wenn ein Haus brennt, so muß man vor allen Dingen die rechte

Wand des zur Linken stehenden Hauses, jedoch auch die linke

Wand des zur Rechten stehenden Hauses zu decken versuchen;

Wollte man hingegen zum Exempel die linke

Wand des zur Linken stehenden Hauses decken, so liegt die

Rechte Wand des Hauses der linken Wand ja zur Rechten,

Folglich, da das Feuer auch dieser Wand und der rechten

Wand zur Rechten liegt (denn wir haben gesagt, daß das Haus dem

Feuer zur Linken liege), so liegt die rechte der Wände

Näher dem Feuer als die linke, und also die rechte

Wand des Hauses könnte abbrennen, deckte sie niemand,

Ehe das Feuer an die linke, die ja gedeckt wird,

Käme; folglich könnte etwas abbrennen, das man

Ungedeckt ließe, und zwar eher, als etwas andres

Abbrennen würde, auch wenn man’s nicht deckt, demgemäß muß man

Dieses lassen und jenes decken. Um sich die Sache

Imprimieren zu können, darf man nur merken, wenn das

Haus dem Feuer zur Rechten liegt, so ist es die linke

Wand, und liegt das Haus zur Linken, so ist es die rechte…

.

Der „Feuerverordnung“ prosaisches Original findet sich jeweils grinsend zitiert bei Georg Christoph Lichtenberg in seinen Sudelbüchern und in General Carl von Clausewitzens „Vom Kriege“.

.

.

Spottet ja nicht des Kinds, wenn es mit Peitsch und Sporn

Auf dem Rosse von Holz mutig und groß sich dünkt,

Denn, ihr Deutschen, auch ihr seid

Tatenarm und gedankenvoll.

Friedrich Hölderlin (1770 – 1843)

.

Parallelgeschichte ODER Wie sich die Bilder gleichen ODER Selbstverständlich wiederholt sich Geschichte ODER Die Russen wie immer

.

Samstag, 1. April 2023: Bellarmin an Mephisto

.

Laut seines Bulletins verabschiedete der Deutsche Bundestag am Donnerstag, dem 19. März 1953, in dritter Lesung den Deutschlandvertrag und den Vertrag über die Gründung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft.

In seiner Regierungserklärung sagte Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer u. a.:

Wenn schon im Jahre 1952 der Abschluß der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft und die Fortsetzung der Europapolitik der Bundesrepublik notwendig war, so ist sie seit der Übernahme der Präsidentschaft durch Eisenhower und seit dem Tode Stalins noch notwendiger geworden. Sie ist auch deshalb noch notwendiger geworden, damit die Bundesrepublik endlich aus dieser unmöglichen Lage herauskommt, in der sie sich zur Zeit befindet: Wir stehen noch immer unter Besatzungsrecht mit all den Konsequenzen, die ein Besatzungsrecht mit sich bringt. Auch wenn die Westalliierten von den ihnen zustehenden Rechten zur Zeit einen zurückhaltenden Gebrauch machen, immerhin sie machen noch Gebrauch davon. Wir haben noch immer Industriebeschränkungen, wir haben noch immer die Tatsache daß die oberste Gewalt in der Bundesrepublik in den Händen der Besatzungsmächte liegt. Noch immer sind wir Objekt in der auswärtigen Politik.

Von der Größe der Gefahr, in der wir schweben, geben folgende Ziffern eine sehr nüchterne und eine sehr klare Vorstellung Rund 140 sowjetrussische Divisionen, 70 Divisionen in den Satellitenstaaten, 6 ostdeutsche Divisionen in der Sowjetzone, stehen an unseren Grenzen oder in zweiter Linie hinter diesen Grenzdivisionen. Alle diese Divisionen sind nunmehr mit den besten und modernsten Waffen ausgerüstet. Wir Deutsche haben selbst nichts aber auch gar nichts, was unser Land schützen könnte. Wir sind auf den guten Willen der Westalliierten angewiesen, wir haben keine vertraglichen Rechte diesen gegenüber. Wenn man sich dann noch vor Augen hält, wie ungeheuer stark die Labilität der gesamten politischen Lage auf der Erde infolge der zwischen Ost und West eingetretenen Spannungen ist, dann glaube ich, kann nur jeder Deutsche den einen Wunsch haben: Solange, bis Sowjetrußland einsieht, daß es trotz all seiner militärischen Macht nichts ausrichten kann, können wir nicht in Ruhe und Sicherheit leben, wir müssen vielmehr fürchten für unsere Freiheit und für alles, was uns teuer ist, und darum alles tun, den nötigen Schutz und die nötige Sicherheit zu erhalten.

Ein Angriff auf die Mitglieder der EVG in Europa und damit auch auf die Bundesrepublik löst die Beratungs- und Hilfeverpflichtungen aus dem Nordatlantikpakt ebenso aus, wie ein Angriff auf ein Mitglied des Nordatlantikpakts die Beistandsverpflichtung der Mitglieder der EVG wirksam werden.

Wenn wir die Verträge und die Weltlage betrachten, so ist folgendes ganz sicher: Wir sind bedroht. Wir sind Objekt der Außenpolitik anderer, wir können uns nicht wehren, wir haben keinen Anspruch auf Schutz. Das wird sich nach der Ratifizierung der Verträge grundlegend und schnell ändern. Wir werden uns dann zusammen mit den übrigen Teilen der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft und den NATO-Streitkräften selbst verteidigen können. Wir werden gesichert und einbezogen in die größte Verteidigungsorganisation, die die Menschheit bisher geschaffen hat. Wir legen durch die Ratifizierung dieser Verträge als freies Volk die Grundlage für eine politische und wirtschaftliche Einigung Europas und retten damit Europa vor dem drohenden Zerfall und Untergang.

Wir würden es jederzeit begrüßen, wenn die drei Westalliierten zu aussichtsreichen und guten Verhandlungen mit Sowjetrußland kommen würden. Zu Verhandlungen, an denen wir als freies Land teilzunehmen berechtigt sein müßten. Aber es gibt keinen anderen Weg, zu Verhandlungen mit Sowjetrußland zu kommen, es gibt keinen anderen Weg zur Wiedervereinigung in Freiheit zu kommen, als den, den Westen so stark zu machen wie möglich. Die Bewohner der Sowjetzone, die Flüchtlinge, die tagtäglich herüberkommen, stehen alle auf diesem gleichen Standpunkt. Als ich zuletzt in Berlin war, haben mir immer wieder Männer und Frauen aus der Sowjetzone, die zur Grünen Woche nach Berlin gekommen waren, zugerufen: Kanzler, bleibe hart!.

Wir müssen in Europa loskommen von dem Denken im nationalstaatlichen Begriff. Durch den letzten Krieg, durch die Entwicklung der Waffentechnik und der Technik überhaupt sind ganz andere und neue Verhältnisse in der Welt geschaffen worden. Es gibt zwei Weltstaaten, das sind die Vereinigten Staaten und Sowjetrußland. Es gibt das britische Commonwealth. Dann kommen die westeuropäischen Länder, zu denen wir gehören, Länder, die durch die Krise wirtschaftlich und machtmäßig verarmt sind so daß sie jedes für sich allein nicht in der Lage sind, ihren Angehörigen die Freiheit und einen menschenwürdigen Lebensstandard zu gewährleisten. Diese westeuropäischen Länder sind nicht mehr in der Lage, sich jedes allein für sich zu schützen, sie sind nicht mehr in der Lage, jedes für sich allein europäische Kultur zu retten. Alle diese Ziele, die uns doch allen gemeinsam sind, können nur dann erreicht werden, wenn die westeuropäischen Länder sich zusammen schließen, politisch, wirtschaftlich und auch kulturell, und wenn sie vor allem auch weitere kriegerische Auseinandersetzungen unter sich selbst unmöglich machen. Und alles das bezwecken diese Verträge, die man über die gegenwärtige Zeitlage hinaus betrachten muß als ein sehr wesentliches Glied in der Weiterentwicklung zu Europa hin. Nur diese Politik wird es den europäischen Völkern ermöglichen, den Frieden zu schützen, Europa wieder aufzubauen, die europäische Kultur zu retten und Europa wieder zu einem maßgebenden Faktor in der Weltpolitik und in der Weltwirtschaft zu machen. Ich bitte Sie alle, dem vorliegenden Gesetzentwurf zuzustimmen.

Am Freitag, dem 20. März 1953 veröffentlichten die sogenannte Volkskammer und die Länderkammer der „Deutschen Demokratischen Republik“ unter Bezugnahme auf die Ratifizierung der Verträge durch den Bonner Bundestag eine gemeinsame Erklärung, in der es u.a. heißt:

Die Volkskammer und die Länderkammer der DDR erklären: Für das deutsche Volk sind die Schandverträge von Bonn und Paris null und nichtig! Die Kriegsverträge von Bonn und Paris verstoßen gegen Recht und Gesetz. Das deutsche Volk ist in dieser ernsten Stunde zu einem heiligen Gelöbnis aufgerufen: Durch den gemeinsamen Kampf aller deutschen Patrioten muß die Durchführung der Kriegsverträge von Bonn und Paris verhindert werden. Nachdem Adenauer den Weg vom Separatisten zum Verräter an ganz Deutschland gegangen ist, nachdem das Adenauer-Regime dazu übergeht, Westdeutschland in das Vorfeld des amerikanischen Krieges zu verwandeln gebietet die nationale Pflicht und Ehre jedem Deutschen, am Kampf zum Sturz dieses Regimes des nationalen Verrats teilzunehmen. Es gilt durch den Sturz des Adenauer-Regimes den Weg für die Herrschaft der patriotischen Kräfte in Westdeutschland frei zu machen.

Archiv der Gegenwart, Band 1, Seiten 908ff.

.

Mit dem Beitritt Finnlands erweitert die Allianz ihr strategisches Operationsgebiet entlang einer mehr als 1.000 Kilometer langen Grenze zu Russland. Das ist kein feindlicher Akt, sondern das Gebot der Stunde. All jenen, denen schon die Osterweiterung der NATO ein Dorn im Auge war und ist, sei gesagt: Nicht ohne Grund haben so viele Staaten des ehemaligen Ostblocks ihr Heil in der EU und der NATO gesucht.

Samstag, 1. April 2023, NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG

.