A N A B A S I S

Thalatta ! Thalatta !

Schöne neue Welt

 

3. Mai 2020: Bellarmin an Mephisto

 

Der 29. April 2020 hätte als historisches Datum eingehen können in die Geschichte des bundesdeutschen Journalismus. Gewissermaßen als Wendepunkt zurück zur alten Klasse.

Doch es darf leise geweint werden…

Stell Dir vor, an diesem Abend in der Tagesschau des ersten deutschen Fernsehens vermeldete man neben der Zahl der Neuinfektionen an Covid-19 zum ersten Mal deren Vergleich zur Zahl der Neuinfektionen des Vortages: 160. Völlig problemlos. Jene wichtige und viel bedeutendere Zahl als beispielsweise die der inzwischen Genesenen wurde ohne jeden zusätzlichen Aufwand fein übersichtlich in der tagtäglichen Deutschlandgrafik unter die Absolutzahlen der Infizierten und Neuinfizierten notiert, und man konnte völlig transparent und auf deutsch klar sehen: die Anzahl der Neuinfektionen im Vergleich zum Vortag war noch nicht gesunken, sondern um 160 Fälle angestiegen.

Inzwischen sinkt sie schon seit mehreren Tagen tatsächlich!

Doch das kannst Du weder klar noch transparent sehen. Denn das müßtest Du Dir erst wieder zu Fuß ausrechnen, indem Du Dir eigenhändig die Absolutzahl des Vortages merktest und mit der aktuellen Anzahl, also zur apgedäteten, die Differenz bildetest.

Verpaßte Revolution!

Aber ein schöner Zug war es immerhin, daß da jemand mal auf die abwegige Idee gekommen war, transparent zu denken.

Preisverdächtig!

Inzwischen ist die Differenz also tatsächlich ins Negative gedreht!

Doch glaube ja nicht, irgendeiner dieser Berufsunfähigen hätte den Wendepunkt einer Bemerkung für wert erachtet. Erst heute kommentierte man, die Zahl der Neuinfektionen sei unter 1000 gesunken.

Die Zahl 1000 ist nicht so wichtig. Das kleine Minuszeichen vor der Differenz der Neuinfektionen verändert die Welt!

Was? Das sei ein verzeihliches Symptom?

Das Sekundäre nicht zu unterscheiden vom Primat?

Ich bitte Dich, was soll das erst werden, wenn sich bei derartigen Vorbildern aus der Generation der derzeit Homskulingenden ein journalistischer Nachwuchs gerieren will?

Anderes Beispiel unter anderen: Oft wiederholt schon war der Satz zu vernehmen, man wolle das Programm, also die neue Äpp, zur Alarmierung bei Kontakten mit Corona-Infizierten auf einen freiwilligen Gebrauch beschränken. Das soll offenbar beruhigend wirken, um datenrechtliche Bedenken abzuschwächen. Denn es gibt daher natürlicherweise Einwände und Widerstände.

Und was lange bedacht wird, wird bedenklich! (Nietzsche).

Doch ich vermute, mit der gnadenhalben Beschränkung auf Freiwilligkeit soll, wie bereits mit der blödsinnigen Zulassung eines Schals vor dem Maule bei der Pflicht zur Maskierung beim Brotkauf oder der Busfahrt zum Arzt, von dem eigentlich primären Problem abgelenkt werden und wird bei dem derzeitigen Niveau unseres bundesdeutschen Journalismus erfolgreich davon abgelenkt. Welcher nun Woche um Woche brav über das vorgehaltene rote Tuch eines eventuell mangelhaften Datenschutzes debattiert. Nämlich der eigentliche Skandal bei einer gesetzlichen Pflicht für ein Programm zum Registrieren mitmenschlicher Kontakte hätte zur Voraussetzung den Erlaß eines Smartphonepflichtgesetzes wie etwa:

§ 1) Jeder Bürger ist gesetzlich verpflichtet, bei kontrollierbar ausreichender Akkuleistung im eingeschalteten Zustand ein Smartphone bei sich zu tragen.

§ 2) Jeder Bürger ist gesetzlich verpflichtet, sein Smartphone in einem technisch aktualisierten (apgedäteten) Geräte(Hartwär)- und Programm(Softwär)-Zustand zu erhalten, so daß eine Ortungs(Skän)-Funktionalität auch von Personenkontakten uneingeschränkt gewährleistet wird.

§ 3) Der Gesetzgeber behält sich im Bedarfsfall vor, das Betreten von Geschäften, öffentlichen Einrichtungen sowie die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel abhängig zu machen von einem über das Smartphone jederzeit ausweislich vorzeigbaren Code.

Und wie bei der Verkündung einer Maskenpflicht könnte man in den bundesdeutschen Medien dann wieder Leute auf offener Straße einsätzig zitieren, die alle dafür sind und keiner ist dagegen.

Wie in der Deutschen Demokratischen Republik.

 

In unheimlicher Gesellschaft

 

25. April 2020: Bellarmin an Mephisto

 

Freitag, 6. März:

BADISCHE NEUESTE NACHRICHTEN

Regierungen wollen mit Beschlagnahmungen und Exportverboten garantieren, dass medizinische Schutzausrüstung innerhalb ihrer Landesgrenzen bleibt. Verfechter einer grenzenlosen Welt kritisieren solche nationalen Alleingänge bereits heftig. Deutschland und andere Staaten betrieben ‚Atemmasken-Protektionismus‘, heißt es. Sie würden die Hoffnung zerstören, dass sich die Weltgemeinschaft im Kampf gegen das Virus zusammenschließe. Doch so wichtig freier Handel und internationale Zusammenarbeit auch sind: Es ist richtig und vernünftig, dass Regierungen im Krisenfall zuerst an ihre Bürger denken und sich um deren Schutz kümmern. Das ist der Sinn und Zweck von Staatlichkeit, eine Weltregierung gibt es nicht.

 

Montag, 16. März:

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG

Zur freiheitlichen Ordnung gehört, dass jeder zunächst selbst gefordert ist – aber offenkundig ist sich auch jeder erst einmal selbst der Nächste. Nicht nur der Diebstahl von Atemschutzmasken, auch Hamsterkäufe sind Zeichen dafür. Egoistisch verhalten sich auch Unternehmen und Staaten.

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG

Wenn etwa Deutschland keine Atemschutzmasken an Italien liefert, wenn die Europäische Zentralbank es ablehnt, die Regierung in Rom gegen Spekulanten zu verteidigen, wenn Forderungen laut werden, das Land aus der Euro-Zone zu werfen – wer wollte es den Italienern verdenken, dass sie sich von Gott und der Welt verlassen fühlen?

 

Dienstag, 24. März:

Deutschlandfunk

Millionen von Deutschland bestellte Atemschutzmasken in Kenia verschwunden.

POLITIKEN

Dass Mangel an Masken und Beatmungsgeräten herrscht, liegt auch daran, dass China große Mengen aufgekauft hat und sich weigert, seine eigene Produktion zu verkaufen.

 

Freitag, 27. März:

DER TAGESSPIEGEL

Auf dem Markt der essentiellen Schutzausrüstungen zeigt sich teils unmaskierter Egoismus, bei kommerziellen wie staatlichen Akteuren. Firmen schrauben Preise in die Höhe und verlangen für Atemschutz, der gestern ein paar Cent pro Stück gekostet hat, heute mehrere Euro oder Dollar. Als Deutschland Anfang März die Ausfuhr von Schutzmaterial in andere EU-Staaten untersagte, war ein ethischer Tiefpunkt erreicht. Immerhin wurden die Bestimmungen am 19. März wieder gelockert. Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister, der vor Wochen eine Million Atemschutzmasken für sein Bundesland kaufte, wollte erst nach Ankunft der Ware verraten, woher er sie bezieht.

 

Sonntag, 29. März:

Deutschlandfunk

Deutschland will in Coronavirus-Krise Schutzmasken im Schnellverfahren kaufen

 

Montag, 30. März:

Deutschlandfunk

Bundesregierung hat 20 Millionen Schutzmasken ausgeliefert

 

Dienstag, 31. März:

Deutschlandfunk

Söder fordert „nationale Notfallproduktion“ für Schutzmasken

 

Mittwoch, 1. April:

Deutschlandfunk

Regierung billigt Wiederverwendung medizinischer Schutzmasken

WESTFÄLISCHE NACHRICHTEN

Dass sich nun die halbe Nation an die Nähmaschine setzt, um sich einen Mundschutz anzufertigen, klingt bizarr. Diese Virus-Krise treibt ihre Blüten. Wer andere schützen will, darf gerne auch das Halstuch oder den Schal nehmen. Aber eine Schutzmasken-Pflicht im Supermarkt?

FRANKFURTER RUNDSCHAU

Es gibt derzeit nicht genügend Masken. Ärztinnen und Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger beklagen, nicht ausreichend von ihnen zu haben – nicht nur in Deutschland, auch in vielen anderen Ländern. Wird der Mundschutz Pflicht, werden die Masken noch mehr zur Mangelware. Denn nicht alle werden einfach auf Schals oder selbst gebastelte Masken ausweichen. Außerdem wird es ganz sicher Hamsterkäufe geben. Immer da, wo Schutzmasken auftauchen, wird es Leute geben, die unbedingt ihre Vorräte auffüllen müssen. All jene werden leer ausgehen, die nicht schnell genug waren – ähnlich übrigens wie beim Toilettenpapier.

 

Donnerstag, 2. April:

Deutschlandfunk

Französische Regionen: USA kaufen uns Schutzmasken weg

LE FIGARO

Wird es uns nach den Schutzmasken, Beatmungsgeräten und Tests nun auch an Medikamenten mangeln?

 

Freitag, 3. April:

Deutschlandfunk

USA lassen für Deutschland bestimmte Coronavirus-Masken beschlagnahmen

 

USA dementieren, für Frankreich bestimmte Schutzmasken gekauft zu haben

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG

Der deutsche Virologe Christian Drosten warnt, bald werde es in ärmeren Ländern Szenen geben, die wir uns heute noch nicht vorstellen können‘. Bill Gates geht von bis zu zehn Millionen Toten aus. So vielen wie sonst nirgends auf der Welt. Der Rest der Welt ist derweil mit sich selbst beschäftigt, um etwa für die eigene Bevölkerung möglichst viele Masken zu besorgen.

L’EST REPUBLICAIN

Wenn Schutzmasken, Beatmungsgeräte und Medikamente ausgehen, fehlt es den Regierungen nicht an Fantasie, um neue außergewöhnliche Überwachungsbefugnisse einzufordern.

 

Samstag, 4. April:

SYDSVENSKAN

Gesichtsmasken, Gummihandschuhe und andere Einwegartikel sind bestellt und bezahlt – kommen aber nicht an. Schwedische Exportunternehmen haben wiederum Schwierigkeiten, dringend benötigte Artikel in besonders Corona-geplagte Länder wie Italien und Spanien zu liefern, weil in Frankreich Exportverbote bestehen und der Landweg verschlossen ist. Der Mangel an Krankenhausbedarf wird dazu führen, dass Menschen sterben, und die französischen Vorschriften untergraben die europäische Zusammenarbeit.

EL PAIS

Inzwischen mehren sich die internationalen Spannungen wegen der Lieferung von Atemschutzmasken. Es gibt Streit zwischen Frankreich und den USA, aber indirekt auch mit China, Schweden, Italien und Spanien.

AGORA

Die Warnungen mehren sich, dass es womöglich in Kürze landesweit keine Atemschutzmasken, Handschuhe und Beatmungsgeräte mehr geben wird. Das darf nicht passieren, in einer solchen Situation ist die Politik gefragt. Die Versuche, diese Produkte aus China zu importieren, waren bislang nicht von Erfolg gekrönt: Die große Nachfrage aus anderen Ländern hat dazu geführt, dass jetzt ein brutaler und gefährlicher Wettbewerb um die chinesischen Produkte tobt. Brasilien sollte daher schleunigst seine eigene Produktion ausbauen.

WASHINGTON POST

Selbst heute, Monate nach Beginn der Krise, in der die Öffentlichkeit dringend klare, verwertbare Informationen braucht, ist die Coronavirus-Website der CDC ein Skandal. Inzwischen quält man sich bei der Behörde mit Fragen wie jener, inwiefern das Tragen von Tüchern oder Schals dazu beiträgt, eine Ansteckung mit dem Virus zu verhindern.

GAZETA WYBORCZA

Die Internetseiten des Gesundheitsministeriums oder des Premierministers zeigen Informationen über die aktuellen Sicherheitsvorkehrungen und über den Rettungsschirm für die Wirtschaft, von dem wir heute bereits wissen, dass er keine ausreichende Wirkung zeigen wird. Doch wie es weitergehen soll, wird den Menschen nicht gesagt. Kein Wort darüber, ob wir in Polen ausreichend Atemschutzmasken oder Corona-Tests haben, wie die Teststrategie aussehen soll oder ob unsere Laboratorien über ausreichend Kapazitäten verfügen.

 

Palmsonntag, 5. April:

Deutschlandfunk

Bundeswehr soll nur im Notfall Coronavirus-Schutzmasken transportieren

 

Verschwundene Schutzmasken wurden laut Berliner Polizeipräsidentin aufgekauft

 

Ärger in Kanada über Exportverbot für US-Schutzmasken

 

Acht Millionen Masken zum Schutz vor Coronavirus nach Deutschland geliefert

 

Mittwoch, 8. April:

FRANKFURTER RUNDSCHAU

Der Fokus der Regierung lag nachvollziehbarerweise zunächst auf praktischen Dingen wie der Beschaffung von Masken und dem Versuch, das Virus überhaupt zu begreifen.

 

Gründonnerstag, 9. April:

Deutschlandfunk

Bundesregierung fördert heimische Maskenproduktion gegen Coronavirus mit 40 Millionen Euro

 

Ostermontag, 13. April:

Deutschlandfunk

Laut der Nachrichtenagentur Reuters schätzt die Regierung der Schweiz (8,6 Millionen Einwohner), dass derzeit pro Tag rund eine Million Masken gebraucht werden.

Der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Laumann hatte es als blamabel bezeichnet, dass die Krankenhäuser nicht genügend Atemschutzmasken und Schutzanzüge für ihr Personal eingelagert hätten. Die Krankenhäuser hätten elementare Arbeitsschutzverpflichtungen verletzt, dies werde Konsequenzen haben müssen, so der Minister.
Zudem führen vermehrte Masken-Käufe von Privatpersonen sowie von Händlern, die sich Profit versprechen, zu geringeren Lagerbeständen und höheren Preisen.

Die Bundesregierung versucht den Ankauf zu beschleunigen und will dazu Lieferverträge ohne weitere Verhandlungen über den Kaufpreis ermöglichen. Das sogenannte Open-House-Verfahren sieht vor, dass Anbieter mindestens 25.000 OP-Masken, Schutzkittel oder FFP2-Mundschutze anbieten können und der Bund diese zu einem von ihm selbst festgelegten Preis kauft. Dies soll einfacher und schneller als das sonst geltende Vergaberecht mit Ausschreibungen funktionieren.
Zudem hat die Bundesregierung die Bundeswehr damit beauftragt, medizinische Schutzausrüstung zu beschaffen. Laut Bundesamt für Ausrüstung der Bundeswehr wurden bereits Beschaffungsverträge abgeschlossen. Das Bundesgesundheitsministerium teilte auf Anfrage mit, dass es mit Hochdruck gemeinsam mit den Beschaffungsstellen der anderen Ressorts an einer Bestandsaufnahme und der zentralen Beschaffung von Schutzkleidung und Schutzmasken arbeite.

Zudem hat der Krisenstab aus Gesundheits- und Innenministerium ein Exportverbot für Schutzkleidung – darunter OP- und FFP-Masken – verhängt. Mindestens ein Lkw mit entsprechender Ladung wurde an der Grenze zur Schweiz gestoppt, wie das schweizerische Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) auf Anfrage bestätigt. Die NZZ am Sonntag hatte berichtet, dass in dem Laster rund 240.000 Schutzmasken geladen sind. Wie ein Seco-Sprecher mitteilte, handele es sich nicht um den einzigen Fall an den Grenzen zu Deutschland und Frankreich. Die Schweiz bezieht Schutzausrüstung zum großen Teil über aus China nach Deutschland importierte Lieferwege. Zur Frage, ob es weitere gestoppte Lkw an den deutschen Grenzen gebe, wollte der Zoll sich nicht äußern.

Einige Lieferanten nutzen laut WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung zunehmend die Gelegenheit, um für Medizinprodukte Wucherpreise zu verlangen. Beispielsweise stieg der Einkaufspreis für Atemschutzmasken den Recherchen zufolge innerhalb weniger Tage um 3.000 Prozent.

Eine Studie der Universität Cambridge kam 2013 zu dem Schluss, dass selbst gefertigte Masken in einer Pandemie „nur als letztes Mittel“ genutzt werden sollten.

Neben Deutschland haben auch andere Länder Maßnahmen ergriffen, um Engpässen etwa bei Atemschutzmasken vorzubeugen. So hat Frankreich alle Vorräte sowie die Produktion von Atemschutzmasken beschlagnahmt. Die Masken sollen an das Gesundheitspersonal und mit dem Virus infizierte Franzosen verteilt werden. Die tschechische Regierung verbot neben der Ausfuhr bestimmter Atemmasken am Donnerstag auch den Export von Desinfektionsmitteln.

 

Freitag, 17. April:

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG

Eine Maske kann viele Bedeutungen annehmen. Ob sie eher positive oder eher negative Gefühle auslöst, ist nicht naturgegeben, sondern kulturell geprägt. In Deutschland und Mitteleuropa entfachten sich an Körperbedeckungen in den vergangenen Jahren emotional geführte Kulturkämpfe. Schon das Kopftuch von Musliminnen, erst recht aber der Schleier waren Debattenstoff Nummer eins, gefolgt vom Händedruck, der als ultimativer Ausdruck des freien, demokratischen Lebens gewertet wurde – und nun noch mehr als ein unbedeckter Mund als Virenschleuder in Verruf geraten ist.

 

Samstag, 18. April:

Deutschlandfunk

Bundeswirtschaftsminister Altmaier: „Milliardenbedarf an Atemschutzmasken in Corona-Krise“

Bundeswirtschaftsminister Altmaier rechnet damit, dass Milliarden von Atemschutzmasken benötigt werden.

Der CDU-Politiker sagte der „Bild am Sonntag“, wenn die Bundesregierung allen Menschen in Deutschland das Arbeiten, Einkaufen und Busfahren mit Mundschutz ermöglichen wolle, brauche man zwischen acht und zwölf Milliarden Masken pro Jahr.

 

Montag, 20. April:

MITTELDEUTSCHE ZEITUNG

Nase und Mund zu bedecken, ob mit Maske, Schal oder Halstuch, ist zumutbar und sinnvoll. Denn es gibt kein Land auf der Erde, das das öffentliche Leben in der Corona-Pandemie gelockert hätte, ohne eine Maskenpflicht einzuführen. Das Paradebeispiel dafür ist Südkorea. Masken tragen bedeutet in der heutigen Zeit Freiheit und Solidarität.

TAZ

Während Mund-Nasen-Schutz zur Zeit Mangelware ist, vertraut die Regierung darauf, dass sich die Leute die Dinger schon selbst nähen werden oder Textilfirmen, die eigentlich anderes produzieren, sie herstellen.

DER TAGESSPIEGEL

Die Maske wird immer präsenter im öffentlichen Raum. Über ihren Nutzen sind sich die wissenschaftlichen Gelehrten uneins.

 

Dienstag, 22. April:

Deutschlandfunk

Um der Ausbreitung des Coronavirus entgegenzuwirken, gilt ab Montag bundesweit eine sogenannte Maskenpflicht. Auch Bremen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Brandenburg, Rheinland-Pfalz sowie das Saarland haben sich nun dafür ausgesprochen, das Tragen eines Mund-/Nasenschutzes im öffentlichen Raum weitgehend zur Pflicht zu erklären.

Die Vorgabe ist in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich ausgestaltet: Mehrheitlich müssen die Menschen einen Nasen- und Mundschutz in Bussen und Bahnen, in öffentlichen Gebäuden sowie beim Einkaufen tragen. Einige Länder verhängen Bußgelder, wenn man den Gesichtsschutz nicht trägt. In Mecklenburg-Vorpommern kostet dies beispielsweise 25 Euro.

NÜRNBERGER NACHRICHTEN

Sicher kann ein Mund-Nasen-Schutz die Verbreitung des Virus vermindern. Dennoch steckt Aktionismus hinter dieser Maßnahme der Regierung. Das fängt schon bei der Verfügbarkeit der Masken an und geht weiter zu ihrer täglich zu beobachtenden falschen Verwendung.

WESTFÄLISCHE NACHRICHTEN

Wenn dieses Land die teuer erkauften und immer noch äußerst fragilen Fortschritte bei der Bewältigung der Corona-Krise nicht gefährden will, sollte es tatsächlich zum neuen Chic gehören, diese Masken zu tragen.

 

Mittwoch, 23. April:

DIE ZEIT

Warum bleiben die Kitas geschlossen, aber einige Grundschulklassen machen wieder auf? Um solche Differenzierungen durchzusetzen, reicht es nicht, zu sagen: Maske auf und Klappe halten!

Deutschlandfunk

Bundesweit Maskenpflicht wegen Coronavirus

NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG

Sogar einzelne Kommunen treffen nun eigene Regelungen, mancherorts soll man in Bus und Bahn Maske tragen, beim Einkaufen, nicht aber in der Schulklasse.

Deutschlandfunknachrichten um 12 Uhr 32 Minuten und 34 Sekunden

Wir beantworten auf unserer Nachrichtenwebseite welche Arten von Schutzmasken es gibt und wie man Nachschub bekommt. Zu finden ist der Beitrag unter Deutschlandfunk De E Släsch Nachrichten.

Deutschlandfunk.de/Nachrichten der ungekürzte Text des Links

Zum Thema „Atemschutzmasken“ kursieren viele Informationen. Zahlreiche Bundesländer machen es nun zur Pflicht, in der Öffentlichkeit einen Mund/Nasenschutz zu tragen. Welche Arten von Schutzmasken es gibt, wer sie wirklich braucht und wie man Nachschub bekommt, beantworten wir hier.

Welche Masken unterscheidet man?

Seit der Ausbreitung des Coronavirus wird viel über Atemschutzmasken gesprochen und berichtet. Dabei ist nicht immer klar, um welche Masken es genau geht: Denn vom einfachen Mundschutz bis zur medizinischen Schutzmaske ist die Nachfrage derzeit groß. Und auch wenn einfache Masken den Träger vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus kaum schützen, werden sie teilweise zu hohen Preisen im Internet versteigert. Gleichzeitig nähen sich einige Menschen selbst einfache Mundschutzmasken aus verschiedenen Stoffen, auch Schneidereien und andere Betriebe bieten sie zum Verkauf.
In den Kliniken benutzt werden derzeit vor allem zwei Maskentypen, wie ein Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft erklärt: einfache OP-Masken aus Vlies, die Patienten bei einer Operation vor dem Speichel von Medizinern und Pflegepersonal schützen sollen, sowie Schutzmasken der Standards FFP2 und FFP3 (Filtering Face Pieces). Diese bestehen aus festerem Material und haben ein Atemventil. Das Coronavirus sei recht klein, erklärt der Sprecher, nur die FFP-Masken seien so gebaut, dass es nicht durchkomme.

Wer benötigt Atemschutzmasken?

Dringend notwendig ist das Tragen einer Schutzmaske beim medizinischen Personal. Um mit infizierten Patienten arbeiten zu können, ohne sich selbst anzustecken, braucht das Personal die FFP-Masken – ansonsten könnte eine medizinische Versorgung in den Krankenhäusern schwierig werden.
Darüber hinaus empfiehlt das Bundesgesundheitsministerium das Tragen von Alltagsmasken dringend an Orten, an denen es schwer werden kann, den Mindestabstand zu anderen Menschen immer einzuhalten. Das gelte zum Beispiel in öffentlichen Verkehrsmitteln oder beim Einkaufen, heißt es auf der Homepage des Ministeriums. Aber auch wer eine Maske trägt, soll darauf achten, Abstand zu halten.
Die Masken können die Ansteckung anderer nicht vollständig verhindern. Sie verringern jedoch die Gefahr, da infektiöse Tröpfchen beim Husten oder Niesen etwas abgefangen werden. Dafür ist es wichtig, dass der Mundschutz möglichst fest sitzt und bei Durchfeuchtung gewechselt wird.
In China wurde bereits im Februar eine Schutzmasken-Pflicht in größeren Städten eingeführt, um die Ausbreitung des Virus so zu verlangsamen. Der Gedanke dahinter: Viele Menschen dürften infiziert sein, ohne es zu wissen. Deshalb sollten dort sicherheitshalber alle eine Maske tragen.
In Deutschland haben viele Bundesländer nun eine Pflicht eingeführt, einen Mund-und-Nasen-Schutz zu tragen. Wo genau was gilt, können Sie hier nachlesen. In Österreich ist das Tragen eines Mundschutzes seit einiger Zeit beim Einkaufen Pflicht. Luxemburg schreibt seit dem 20. April für viele Bereiche des öffentlichen Lebens Atemmasken vor.

Empfehlungen im Wandel?

Aus Sicht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es bislang keine Beweise dafür, dass Masken den Träger vor Infektionen mit dem Coronavirus schützen. WHO-Generalsekretär Tedros betonte zuletzt, Masken alleine könnten die Ausbreitung der Atemwegserkrankung Covid-19 nicht stoppen. Die WHO argumentiert auch, durch das Tragen könne ein „falsches Sicherheitsgefühl“ entstehen. So laufe der Träger Gefahr, die wichtigen Hygienemaßnahmen wie etwa Händewaschen zu vergessen.
Das Robert Koch-Institut (RKI) erklärt auf seiner Website, das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes könne helfen, die Weiterverbreitung von SARS-CoV-2 einzudämmen, wenn man öffentliche Räume betrete, in denen der Sicherheitsabstand nicht eingehalten werden könne (etwa in Geschäften oder im öffentlichen Nahverkehr). Wichtig sei, dass der Mundschutz eng anliegend getragen werde und dass er gewechselt werde, wenn er feucht sei. Auf keinen Fall dürfe das Tragen aber dazu führen, Abstandsregeln zu missachten oder Husten- und Niesregeln und die Händehygiene nicht mehr einzuhalten. Das RKI betont zudem, wichtig sei nach wie vor: Wenn jemand Symptome zeige, müsse diese Person unbedingt zu Hause bleiben.
Bundesgesundheitsminister Spahn erklärte unlängst, dass „einfache Masken, z.B. Stoff-Masken“, helfen könnten, andere vor Infektionen zu bewahren. Auch der Virologe Christian Drosten wies im NDR-Podcast darauf hin, dass auch ein Schal oder ein Schlauchtuch, mehrlagig vor den Mund gewickelt, andere vor Tröpfchen schützen könne.

Wie lange halten FFP-Masken?

Die FFP-Masken für medizinisches Personal werden normalerweise beim Kontakt mit infizierten Patienten sowie bei Verdachtsfällen getragen. Die Trageempfehlung ist etwa zwei Stunden, spätestens dann sollen sie abgelegt oder gewechselt werden.
In der Schweiz hat das Nationale Zentrum für Infektionsprävention den Krankenhäusern bereits vor einigen Wochen empfohlen, die Masken aufgrund des Mangels nun bis zu acht Stunden zu tragen – auch wenn das aufgrund der Feuchtigkeitsbildung nicht komfortabel sein dürfte.

Wie viele Masken pro Tag werden in Kliniken und Praxen gebraucht?

Genau sagen kann das derzeit niemand. Nach Schätzungen des US-Krankenhausverbandes brauchen Kliniken derzeit bis zu neunmal so viele Gesichtsmasken wie in einer gewöhnlichen Grippesaison. Laut der Nachrichtenagentur Reuters schätzt die Regierung der Schweiz (8,6 Millionen Einwohner), dass derzeit pro Tag rund eine Million Masken gebraucht werden.
Abhelfen soll ein neuartiges Wiederverwendungsverfahren von Atemmasken mit Filterfunktion, das der Krisenstab der Bundesregierung Anfang April vorgestellt hat. Daran hat unter anderem das Robert Koch-Institut mitgearbeitet. Durch die Maßnahme soll die Versorgung des medizinischen Personals mit Schutzmasken sichergestellt werden. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums könnten Masken vom Typ FFP2 und FFP3 maximal dreimal wiederaufbereitet werden, indem sie auf 65 bis 70 Grad erhitzt werden.

Warum gibt es Engpässe bei Schutzmasken?

Ein Großteil der Atemschutzmasken aller Art wird in Asien, vor allem in China, produziert. Laut dem chinesischen Innenministerium können die Fabriken dort rund 20 Millionen Masken pro Tag produzieren – um welche Maskenarten es sich genau handelt, wurde nicht aufgeschlüsselt. Auch einige deutsche Firmen lassen dort ihre Masken produzieren. Die bayerische Firma Uvex etwa teilte Anfang März mit, dass derzeit die Belieferung mit FFP-Masken aus China unterbrochen sei, allerdings sei die Produktion wieder aufgenommen. Im Lager waren zuletzt jedoch noch mehrere Zehntausend Masken vorrätig. Diese werde das Unternehmen nur an Krankenhäuser und Arztpraxen verkaufen, hieß es.

Was wird in Deutschland gegen die Engpässe getan?

Bundesgesundheitsminister Spahn hat Vereinbarungen für die Produktion medizinischer Schutzmasken im Inland angekündigt. Nach einer ersten Ausschreibung seien Zuschläge an rund 50 Unternehmen erteilt worden. Damit könnten ab Mitte August pro Woche zehn Millionen FFP2-Spezialmasken und 40 Millionen OP-Masken hergestellt werden.

Masken selber nähen – was bringt das?

Mehrere Firmen in Deutschland haben ihre Produktionen umgestellt und fertigen nun Schutzmasken an. Zettl Automotive aus dem niederbayerischen Weng zum Beispiel produziert normalerweise Sitzbezüge für BMW und Porsche – und nun auch FFP-Masken. Die bayerische Staatsregierung hat bei dem Unternehmen eine Million FFP3-Gesichtsmasken für Krankenhäuser bestellt; die ersten wurden bereits ausgeliefert. Der Filterhersteller Mahle und der Unterwäschehersteller Triumph haben sich für die Herstellung von FFP3-Masken zusammengetan. Mahle liefert den Filter, der Viren abfängt, Triumph produziert die Masken.
Neben den FFP-Masken nähen derzeit immer mehr Privatleute, Firmen und Betriebe Stoffmasken. Unter anderem hat das Staatstheater Cottbus seine Kostümschneiderei umgestellt, auch andere Bühnenbetriebe nähen Masken. Auch Häftlinge in einigen deutschen Justizvollzugsanstalten nähen zurzeit Schutzmasken. Der Textilhersteller Trigema wollte bis Ostern rund 300.000 Masken nähen. Auch im Ausland stellen Firmen die Produktion um. In Tschechien ist ein Unternehmen zum Beispiel von Boxershorts auf Masken umgestiegen. In Italien hat sich das Modelabel Prada der Maskenproduktion angenommen.
Eine Studie der Universität Cambridge kam 2013 zu dem Schluss, dass selbst gefertigte Masken in einer Pandemie „nur als letztes Mittel“ genutzt werden sollten. Sie seien aber „besser als gar kein Schutz“.

 

Donnerstag, 24. April:

Deutschlandfunk

Weltärztepräsident Montgomery kritisiert Maskenpflicht

Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Montgomery, hat das für ganz Deutschland beschlossene Tragen von Schutzmasken in Teilen der Öffentlichkeit kritisiert.

Eine gesetzliche Pflicht halte er für falsch, sagte Montgomery der „Rheinischen Post“ aus Düsseldorf. Denn wer eine Maske trage, wähne sich sicher und vergesse den entscheidenden Mindestabstand. Bei unsachgemäßem Gebrauch könnten Masken sogar gefährlich werden. Im Stoff konzentriere sich das Virus, beim Abnehmen berühre man die Gesichtshaut. Schneller könne man sich kaum infizieren, warnte Montgomery. Aus seiner Sicht sollte es eine gesetzliche Maskenpflicht nur für wirksame Schutzmasken geben, nicht aber für Schals oder Tücher. Das sei „lächerlich“.

 

Samstag, 25. April:

HABERTÜRK

Der Verbraucherschutzbund erklärt, man könne erst dann eine Maskenpflicht verhängen, wenn auch die Versorgung gewährleistet sei. Und der Präsident des Weltärzteverbands, Montgomery, bezeichnet die Maskenpflicht als ‚lächerlich‘. Auch in der Türkei gibt es eine Maskenpflicht. Doch viele denken beim Gebrauch nicht an die Hygiene. In der Öffentlichkeit sieht man immer wieder Menschen, die die Maske unter der Nase tragen, manche Masken bräuchten dringend eine Wäsche.

 

Frieden und Glück und Wohlstand

 

9. April 2020: Serapion an Mephisto

 

 

Bruchstück einer akkadischen Schrifttafel (etwa 2016 v. Chr.):

 

Einst waren die Menschen zerstreut und zerstritten

Und lebten in weiter Welt verloren.

Da haben sie Kummer und Not erlitten

Und endlich Frieden sich geschworen

Und sich gen Morgen zusammengefunden

Und waren in Mühe und Arbeit verbunden.

 

Dasselbige Land hieß Sinear,

Dort wohnten sie nun manches Jahr,

Lispelten milde, lächelten nett,

Wurden reicher und fraßen sich fett,

Gingen nach dem Dernier Cri

Geschmückt mit Gold bis über die Knie

Und Kupfer viel und Karneol,

Weideten Schafe, pflanzten Kohl,

Regelten Streit per Gleichstellungsquoten

Und hatten verletzende Wörter verboten.

 

Da sprach unter ihnen der Gleicheste

(Das war zudem der Reicheste):

„So laßt uns bauen eine Stadt

Mit einen Turm in ihrem Center,

Der nirgendwo seinesgleichen hat.

Dann wird das Leben effizienter!

Den höchsten Turm mit einer Spitze,

Die den Zenit des Himmels ritze.

Hier machen wir uns einen Namen!

Daß nicht zerstreut sei unser Samen

Unter Barbaren fremder Länder

Bis an des Mundus entlegenste Ränder!

 

Selbst aus der Ferne wie ein Berg,

Einzig in diesem flachen Lande,

Erhebe sich das Meisterwerk

Aus Sinears ödweilig tristem Sande!

 

Über durch Pfeiler gegliederten Wänden

Sieht man in unterschiedlichen Höhn

Dann Gärten den Menschen Schatten spenden,

Die dort auf den Terrassen gehn.

 

Zur ersten drei mächtige Treppen führen,

Ihr Winkel wird lassen Erhabenheit spüren

Auf jeder ihrer hundert Stufen,

Wenn zur Prozession berufen

Von oben über dem ebenen Land,

Wie herab vom Himmel gesandt,

In langem Zug gehüllt in Schweigen

Die Priester in wollenen Mänteln steigen

Vom krönenden Tempel der höchsten Etage

Hinab zu den Speichern und Webereien

Und Banken, die das Geld verleihen

An Bürger mit geringerer Gage.

 

Der höchste Tempel dien’ einzig nur

Der Anbetung unseres Gottes Merkur

Mit seinem schlangenumwundenen Stab,

Dieweil er uns den Wohlstand gab.

In seinem Gemach hinter güldenen Riegeln

Wird glänzen tiefblau die Glasur auf den Ziegeln.

 

Neben den Tempel kommt gleich das Archiv

Für Schuldverschreibung und Mahnungsbrief,

Die Registratur sowie der Kataster

Nebst Steuerverzeichnis der läßlichen Laster.

 

Hoch auf des obersten Tempels Dache

Halten dann Astrologen Wache,

Zählen im nächtlichen Dunkel die Sterne.

Deren Bewegungen selbst aus der Ferne

Sollen beeinflussen all unser Streben

Nach Reichtum und Glück, das menschliche Leben

Wie ebenso das Fließen der Flüsse,

Nach Dürren den Tag der Regengüsse,

Und daß die Fruchtbarkeit im Boden

Im Herbst uns schenke die Reineclauden.

 

Auch haben die weisen Astrologen

Berechnet des Mondes Umlaufbogen

Und in Monat und Woche, wie wunderbar,

Uns eingeteilt das ganze Jahr.

 

So sei es uns als Menschenwerk,

Das Höchste zu bauen den Götterberg

Für Gott Merkur, dann wird er uns gönnen,

Das Letzte zu wissen und jedes zu können!

 

Karret an denn den schluffigen Lehm, den weichen,

Und lasset uns daraus Ziegel streichen!

Ziegel zu Stein und Erdharz zu Kalk!

Das Feuer entfache der Blasebalg!

Wie wir es von den Vätern her kennen,

So wollen steinhart die Ziegel wir brennen!

Und Frieden und Glück und Wohlstand fürwahr

Wird einziehn beim Turmbau in Sinear!“

 

Nun war es ein lachend und scherzend Beginnen,

Ein freudiges in die Hände gespuckt,

Ein Schippen und Karren ohne Besinnen,

Da wurde nicht lange grübelnd geguckt.

Doch als gerade nach sieben mal sieben Jahren

Mit der siebten Terrasse sie fertig waren,

Da zeigten sich in der dritten Risse.

Und als sie beseitigt die Ärgernisse,

Da knirschten in der zweiten die Träger,

In der vierten neigten die Wände sich schräger,

Und Unmut zog ein im ganzen Land.

 

Die Agitatoren, redegewandt,

Entfachten das allgemeine Lästern,

Und allenthalben aus ihren Nestern

Krochen hervor die Brunnenvergifter,

Volksverführer und Unruhestifter!

Die Demagogen und Doktrinäre

Verkündeten als Heil die Lehre:

„Lasset aus unserer Mitte uns jagen

Die vordem hatten die Macht und das Sagen!“

 

Es drehte sich, wie eine Töpferscheibe,

Das Land: Es hungerten die hohen Räte,

Die Damen stopften selber die Nähte

Der Lumpen, die ihnen hingen am Leibe,

Und wagten sich zu sprechen nicht mehr.

Die Bürger mußten schuften schwer

Und rackernd sich abmühn, sich regen und schwitzen

Und mußten selbst an der Mühle sitzen!

Nicht wieder waren die Noblen zu erkennen,

Als man befahl, von ihrer Brut sie zu trennen,

Das zog durchs Land wie Fieberschauer!

Man warf ihre Kinder auf die Straße,

Die Meute schlug sie an die Mauer

Und schmiß sie hin, den Geiern zum Fraße.

 

Auch die Beamten waren abgetan,

Kein Amt stand mehr an seinem Platze,

Das Chaos zeigte seine Fratze,

Sinnlose Leute in ihrem Wahn

Der unbeschränkten Selbstentfaltung,

Die raubten dem Lande Maß und Verwaltung.

 

Und wo du sonst nie hingekommen,

Jedwede Bureaus, die standen offen!

Niemand ward mehr angetroffen,

Weit und breit stand alles leer!

Personenlisten weggenommen!

Und Untertanen gab’s nicht mehr!

 

Wohin sind gekommen all die Listen

Der Sackschreiber, die sich verpißten?

Oder sie wurden umgebracht,

Ausgetilgt durch Narrenmacht,

Und jeder folgte nun dem System,

Daß derart viel vom Korn er nehm’,

Wie er vom Korn sich nehmen will!

 

Selbst in den Sälen der Gerichte

Stolzierten blasiert die geringsten Wichte.

Niemand da, der sie verstößt!

Das Haus der Dreißig stand entblößt!

 

Keiner wagte mehr zu ackern,

Sich beim Bauen abzurackern.

Kein Holz mehr ward ins Land gebracht.

Der Boden lag wüst und außer Acht

Und alles Feld blieb unbestellt.

 

Jetzt gab es bald kein Getreide mehr,

Denn alle Speicher blieben leer,

Bis in Hungerqualen und Höllenpeinen

Das Futter sie klaubten aus Trögen von Schweinen.

 

Von nun an hielt man sich nicht mehr reinlich,

Grind und Dreck schienen keinem mehr peinlich,

Kot und Mist lagen kreuz über quer.

Man blickte gehässig, man lachte nicht mehr.

Die Wörter wurden fast täglich diffuser,

Die Sprache unverständlich konfuser.

Die Schreiblehrer waren überflüssig,

Die Kinder des Lebens überdrüssig.

 

Die Geburten nahmen ab zumal,

Vermindern tat sich der Menschen Zahl,

Und von der Wüste bis hin an das Meer,

Wuchs bei den Menschen nur ein Begehr,

Daß alles sich in den Abgrund zöge

Und endlich zugrunde gehen möge.

 

Und da begann das Reich des Pöbels

 

(Hier bricht der lesbare Teil der Tafel noch vor ihrer Bruchstelle ab…)

 

In geschattdaunten Zeiten

 

5. April 2020: Bellarmin an Mephisto

 

Sowohl in geschattdaunten Zeiten als auch in Zeiten des Lockdauns grübeln bundesdeutsche Journalisten nun unermüdlich herum ihren lieben langen Tag während ihrer Heimarbeit (im transparenten Journalistendeutsch: Homoffis) über der Frage, wie lange die Stillegung (im transparenten Journalistendeutsch: Schattdaun) denn wohl noch andauern möge, und über momentan ähnliche Imponderabilien.

Die Frage nach der Exit-Strategie aus dem Shutdown steht wie ein Elefant im Raum.“ (Münchner Merkur am 26.3.20)

Also die Frage, wie jener Elefant einen Ausstieg fände.

Während unerbetene Popkünstler und entsetzlichste Popkünstlerinnen es sich, wie immer bei derartigen Gelegenheiten, nicht nehmen lassen wollen in ihrer selbstlosesten Selbstlosigkeit, ungefragt homskulingende Pubertierende hochherzig unterhalten zu müssen mit ihrem unvermißtesten Herumgekrähe.

Nein, da kann keine Auge trocken bleiben!

Und dennoch läßt der Schattdaun sich steigern.

Unmittelbar nachdem in Österreich verordnet worden war, daß vor allen Supermärkten Atemschutzmasken zu verteilen und für den Einlaß unabdingbar aufzusetzen und während der Einkäufe zu tragen wären von den Landeskindern, stapfte der Bürgermeister von Jena durch seine geschattdaunten Straßen und verkündete unverfroren, daß sämtliche Einwohner seiner Stadt in die nicht gelockdaunten Läden, welche ja nicht geklost wurden, weil sie für wichtige Funktionen des Verdauungsapparates der Betroffenen als systemrelevant open gehalten werden müssen, daß also die unverschuldet in dieser Stadt lebenden Einwohner hinfort in jene Lebensmittelgeschäfte nicht mehr unmaskiert hineingelassen würden: Sie dürften LEBENsmittelgeschäfte nicht mehr betreten ohne Atemschutzmaske…!

Die bekanntermaßen ebensolche Mangelware darstellen wie Klopapier!

Darüber vernahm ich nicht einen einzigen Aufschrei, ja nicht einmal das geringste kritische Tönchen in unseren öffentlichen rechtlichen Medien (und in anderen auch nicht). Die statt dessen hin und her sich darüber auslassen, ob es denn mit rechten Dingen zuginge hinsichtlich des Datenschutzes bei einem allseits freiwilligen Einsatz von Smartphonen zwecks künftiger Ortung von Kontakten mit unmutmaßlich Corona-Infizierten…

Wenn Du wissen willst, was deutsch ist.

Man verbietet also kommentarlos den Menschen den Zutritt zu Lebensmittelgeschäften und diskutiert Woche für Woche über den Datenschutz auf Smartphonen.

Anstatt sich mit offenkundig auf der Hand liegenden Problemen auch nur einmal entferntest zu befassen.

Oder gar rechtzeitig befaßt zu haben!

Wie zum Beispiel gerade dem, daß Atemschutzmasken wohl doch natürlicherweise das Infektionsrisiko zu mindern vermögen: denn aus welchem Grunde wohl sonst wird man andererseits den Menschen einen Mindestabstand von einem Meter fünfzig verordnet haben?

Weil den Infizierten die Viren aus den Ohren quöllen?

„Deutschland ist gut vorbereitet“: Es gibt keine Masken, aber man befiehlt den Menschen Masken aufzusetzen beim Brotkauf!

Das ist doch ein ungeheurer Skandal!

Der nicht nur in allen Gazetten sein gebührendes Echo gefunden hätte, als es noch Journalisten gab statt Politikersprechblasenhinterherplapperer.

Wann wollen diese Berufsunfähigen zum wenigsten einmal auf die Idee kommen, neben den täglichen drei-, vier- und mittlerweile auch fünfstelligen Absolutzahlen an Infizierten, Neuinfizierten und Verstorbenen übersichtlicherweise selbige in prozentualen Steigerungsraten hinsichtlich des Vortages umzurechnen, mittels ihrer Prozentrechnungstaste für geistig Minderbemittelte, und der zu unterrichtenden Öffentlichkeit verständnisfördernd mitzuteilen im unterrichtenden Sinn des bundesdeutschen Pressekodexes?

Himmel-, Arsch- und Wolkenbruch!

Gut, falls Du Klopapier kaufen willst und kommst nicht in den Laden rein ohne Maske und hast weder Nähmaschine noch Nadel noch Garn: Es hilft ein Plasteeimer, den Du Dir über den Kopf stülpst. Vergiß zuvor aber nicht, drei Löcher reinzubohren: Zwei in Augenhöhe und eines, um am Mund einen Strohhalm reinschieben zu können, wenn Du aus der gelegentlich erworbenen Wasserflasche gleich unterwegs etwas trinken möchtest. Es wird ja wieder wärmer, und wenn die Sonne drauf scheint, wird es heiß unter der Haube.

Deutschland ist gut vorbereitet…

Und falls Du entgegen aller Beteuerungen, es bestünde da überhaupt keine Knappheit in diesem unserem Lande und kein Grund zu irgendeiner Sorge, und trotz und wider jeglichen Datenschutzes namentlich erfaßter Vorbestellung wieder leer ausgehen solltest bei Deinen vertrauensvollen Versuchen des ehrlichen Erwerbs einer Rolle Toilettenpapieres: Frag mich! Mir fallen da einige Blätter ein auf dem Zeitungsmarkt, die Du unbekümmert und ungelesen und, „nachhaltigerweise“, sogar ungedruckt verwenden könntest auf Deinem Abort.

 

Zur Erinnerung

 

28. März 2020: Serapion an Mephisto

 

Sicher habe ich zehntausende Gedichte gelesen. Darunter einige sehr gute. Ich setze Dir unverfroren zwei davon hierher und sage: Das sind die beiden wichtigsten Gedichte deutscher Zunge. Dabei handelt es sich, wie sollte es anders sein, um zwei Blues. Um zwei deutsche Blues. In Sonettform also. Das mag sich, in mehrfacher Hinsicht gleich, anachronistisch und unsachlich und dreist subjektivistisch anhören. Aber selbst wenn neunundneunzig gesottene Germanisten aufschrien und alles für lächerlich und mich für verrückt erklärten, ich toleriere gern ihren mangelnden Durchblick und bleibe dabei. Obwohl ich gewöhnlich kein Rigorist und heute sogar frühlingshaft milde gestimmt bin. Forsythien betupfen Welt und Umwelt, Amseln trällern, Sperlinge tschilpen, Täubchen turteln…

Entstanden sind beide Sonette im selben Jahrzehnt, und, so ein Zufall aber auch, in Zeiten wahrlich entsetzlichster Pein, in monströsester Ungestalt von Krieg, Pestseuche und Tod. Wenn Baudelaire behauptet, Not sei die Mutter der Intelligenz, möchte man infolge der zeitlichen Kristallisationsnähe gleich zweier derart bedeutsamer Gedichte den Spruch auch abwandeln in: Not ist die Mutter der tiefsten Einsicht. Denn die kommt wahrlich nicht aus sattem Gemüt:

Schlaff ist, was in trägem Behagen gemästet worden ist, und nicht bei Anstrengung allein, sondern bei Bewegung und einfach durch das Gewicht seiner selbst versagt es.“ (Seneca)

Bei allem Glanz des üppigen Elends unserer Hemisphäre sei Einsicht uns besonders wichtig!

Beide Gedichte korrespondieren, und nur aus diesem Grund definiere ich sie umgekehrt zu den Zeitpunkten ihrer Entstehung als erstes und zweites.

Das erste Gedicht der zwei wichtigsten Gedichte, die ich Dir also ans Herz lege, ist später vom Autor noch einmal überarbeitet worden. Ich will Dir hier dennoch die ursprüngliche Fassung geben. Nun denn… Andreas Gryphius (1616 – 1664):

 

 

Vanitas; Vanitatum; et Omnia Vanitas

Es ist alles ganz eytel. Eccl. 1. V. 2.

 

Ich seh‘ wohin ich seh / nur Eitelkeit auff Erden /

Was dieser heute bawt / reist jener morgen ein /

Wo jtzt die Städte stehn so herrlich / hoch vnd fein /

Da wird in kurzem gehn ein Hirt mit seinen Herden:

Was jtzt so prächtig blüht / wird bald zutretten werden:

Der jtzt so pocht und trotzt / läst vbrig Asch und Bein

Nichts ist / daß auff der Welt könt vnvergänglich seyn /

Jtzt scheint des Glückes Sonn / bald donnerts mit beschwerden.

Der Thaten Herrligkeit muß wie ein Traum vergehn:

Solt denn die Wasserblaß / der leichte Mensch bestehn

Ach! was ist alles diß / was wir vor köstlich achten!

Alß schlechte Nichtigkeit? als hew / staub / asch vnnd wind?

Als eine Wiesenblum / die man nicht widerfind.

Noch wil / was ewig ist / kein einig Mensch betrachten!

 

Nun gibt es Menschen, zu denen auch ich mich addiere, die tatsächlich und wieder im Gegensatz zur gängigen germanistischen Lesart, jene erste Fassung für stärker halten als die spätere. Germanisten sind ja Wesen, die selbst Goethes Novelle für vortrefflich erachten und nun schon zwei Jahrhunderte selbige Ansicht mit seminaristischem Fleiß einer vom anderen abschreiben. Denn der Kunstgreis persönlich habe jenes Urteil gefällt, vor Eckermann, und, sich bescheiden räuspernd, über die leb- und namenlose Konstruktion bedeutungsvoll hinzugefügt: „Wir wollen sie Novelle nennen…“
Apropos alles sei eitel, dennoch will ich die Nachkriegsfassung des Sonetts über unsere Wesenhaftigkeit nicht im mindesten angreifen. Verfügt sie doch ebenfalls über derartige Stärken und geht mir dermaßen unter die Haut, daß ich mich nicht vermittels Entscheidung von ihr zu trennen vermag und sie Dir vorzuenthalten nicht die geringste Veranlassung sehe.

Auch soll doppelt ja besser halten…

 

 

Es ist alles Eitel

 

Du sihst / wohin du sihst nur Eitelkeit auff Erden.

Was dieser heute baut / reist jener morgen ein:

Wo itzund Städte stehn / wird eine Wisen seyn /

Auff der ein Schäfers-Kind wird spilen mit den Herden:

Was itzund prächtig blüht / sol bald zutretten werden.

Was itzt so pocht und trotzt ist Morgen Asch und Bein /

Nichts ist / das ewig sey / kein Ertz / kein Marmorstein.

Itzt lacht das Glück uns an / bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Thaten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.

Soll denn das Spil der Zeit / der leichte Mensch bestehn?

Ach! was ist alles diß / was wir vor köstlich achten /

Als schlechte Nichtikeit / als Schatten / Staub und Wind;

Als eine Wiesen-Blum / die man nicht wider find’t.

Noch wil was Ewig ist kein einig Mensch betrachten!

 

Und nun das ebenfalls im Dreißigjährigen Kriege, aber noch vor dem gryphiusschen entstandene Gedicht!

Paul Fleming (1609 – 1640) hat es geschrieben:

 

 

An Sich

 

SEY dennoch unverzagt. Gieb dennoch unverlohren.

Weich keinem Glücke nicht. Steh‘ höher als der Neid.

Vergnüge dich an dir / und acht es für kein Leid /

hat sich gleich wieder dich Glück‘ / Ort / und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt / halt alles für erkohren.

Nim dein Verhängnüß an. Laß‘ alles unbereut.

Thu / was gethan muß seyn / und eh man dirs gebeut.

Was du noch hoffen kanst / das wird noch stets gebohren.

Was klagt / was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke

ist ihm ein ieder selbst. Schau alle Sachen an.

Diß alles ist in dir / laß deinen eiteln Wahn /

und eh du förder gehst / so geh‘ in dich zu rücke.

Wer sein selbst Meister ist / und sich beherrschen kann /

dem ist die weite Welt und alles unterthan.

 

Als kennten sie sich

 

20. März 2020: Hyperion an Bellarmin

 

Da ich ein Knabe war,

Rettet‘ ein Gott mich oft

Vom Geschrei und der Rute der Menschen,

Da spielt ich sicher und gut

Mit den Blumen des Hains,

Und die Lüftchen des Himmels

Spielten mit mir.

 

Und wie du das Herz

Der Pflanzen erfreust,

Wenn sie entgegen dir

Die zarten Arme strecken,

 

So hast du mein Herz erfreut,

Vater Helios! und, wie Endymion,

War ich dein Liebling,

Heilige Luna!

 

O all ihr treuen

Freundlichen Götter!

Daß ihr wüßtet,

Wie euch meine Seele geliebt!

 

Zwar damals rief ich noch nicht

Euch mit Namen, auch ihr

Nanntet mich nie, wie die Menschen sich nennen,

Als kennten sie sich.

 

Doch kannt ich euch besser,

Als ich je die Menschen gekannt,

Ich verstand die Stille des Aethers,

Der Menschen Worte verstand ich nie.

 

Mich erzog der Wohllaut

Des säuselnden Hains

Und lieben lernt ich

Unter den Blumen.

 

Im Arme der Götter wuchs ich groß.

 

 

Was ich sah, ward ich, und es war Göttliches, was ich sah.

 

Laßt von der Wiege an den Menschen ungestört! treibt aus der engvereinten Knospe seines Wesens, treibt aus dem Hüttchen seiner Kindheit ihn nicht heraus! tut nicht zu wenig, daß er euch nicht entbehre und so von ihm euch unterscheide, tut nicht zu viel, daß er eure oder seine Gewalt nicht fühle, und so von ihm euch unterscheide, kurz, laßt den Menschen spät erst wissen, daß es Menschen, daß es irgend etwas außer ihm gibt, denn so nur wird er Mensch. Der Mensch ist aber ein Gott, so bald er Mensch ist. Und ist er ein Gott, so ist er schön.

 

Nimm mich, wie ich mich gebe, und denke, daß es besser ist zu sterben, weil man lebte, als zu leben, weil man nie gelebt! Neide die Leidensfreien nicht, die Götzen von Holz, denen nichts mangelt, weil ihre Seele so arm ist, die nichts fragen nach Regen und Sonnenschein, weil sie nichts haben, was der Pflege bedürfte.

Ja! ja! es ist recht sehr leicht, glücklich, ruhig zu sein mit seichtem Herzen und eingeschränktem Geiste. Gönnen kann mans euch; wer ereifert sich denn, daß die bretterne Scheibe nicht wehklagt, wenn der Pfeil sie trifft, und daß der hohle Topf so dumpf klingt, wenn ihn einer an die Wand wirft?

Nur müßt ihr euch bescheiden, lieben Leute, müßt ja in aller Stille euch wundern, wenn ihr nicht begreift, daß andre nicht auch so glücklich, auch so selbstgenügsam sind, müßt ja euch hüten, eure Weisheit zum Gesetz zu machen, denn das wäre der Welt Ende, wenn man euch gehorchte.

 

Du räumst dem Staate denn doch zu viel Gewalt ein. Er darf nicht fordern, was er nicht erzwingen kann. Was aber die Liebe gibt und der Geist, das läßt sich nicht erzwingen. Das laß er unangetastet, oder man nehme sein Gesetz und schlag es an den Pranger! Beim Himmel! der weiß nicht, was er sündigt, der den Staat zur Sittenschule machen will. Immerhin hat das den Staat zur Hölle gemacht, daß ihn der Mensch zu seinem Himmel machen wollte.

 

Friedrich Hölderlin (20. März 1770 – 7. Juni 1843)

 

In Zeiten der Corona

 

19. März 2020: Mephisto an Solon

 

Das ist ja alles schön und gut, daß Du die Anzahl der Musikstunden erhöhen willst, in Zeiten, in denen alle Welt sich für musikalisch hält, weil man sich tagsüber ständig bedudeln läßt. Über alle Lautsprecher auf sämtlichen Etagen in Kaufhäusern und sogar in „Super“märkten. Ich wundere mich schon immer, daß die Gewerkschaften nicht Sturm laufen gegen diese Vergewaltigung der Beschäftigten. Dieses Abschleifen jeglichen Geschmacks und musikalischen Empfindens Tag für Tag, Stunde für Stunde, vom Arbeitsbeginn bis zum Feierabend über all die Jahre des Berufslebens. Die hören doch gar nichts mehr, und das gilt als selbstverständlich.

Dieses Andressieren eines pawlowschen Reflexes.

Und die Kunden werden schon mal gar nicht gefragt, ob sie sich die Ware nicht lieber in Ruhe auswählen wollen. Das ruhige Nachdenken des Kunden liegt nicht im Geschäftsinteresse. Wenn ich mir ausbitte, die Lautsprecher abzuschalten, fällt man aus allen Wolken. Ich gelte als Exot.

Diese Angst vor der Stille!

Diese Angst vor den dann äußerlich unbeeinflußt heraufsteigenden Eigengedanken!

Viele sind dem völlig entwöhnt.

Viele sind dem nicht gewachsen.

Viele sind darauf trainiert worden, fremdbestimmt zu denken.

Beispielsweise durch halbverstandene rhythmisch vorgetragene Textbausteine.

Lebenslang!

Die werden verrückt, wenn alles still ist.

Was allerdings Deinen Vorschlag hinsichtlich der Beschränkung der logarithmischen Auswüchse des normalschulischen Mathe-Unterrichts anbelangt zu Gunsten eines wahrhaft musischen: Zumindest Exponentialfunktionen sollten schon drin sein im Standard. Dadurch könnte gerade in diesen Tagen jedermann sich unschwer zwei alternative Szenarien ausrechnen:

Nehmen wir einmal an, es bräche irgendwo auf der Welt eine Seuche aus. Vielleicht in einem Land, in welchem in Folge der Eßgewohnheiten seiner Eingeborenen ein Virus vom lebenden Wildtier überspringt auf einen Menschen. Und denken wir uns zwei Möglichkeiten der Ausbreitung: a) Der Viruswirt steckt am folgenden Tag zwei weitere Menschen an und jeder folgend Infizierte am jeweils nächsten Tag zwei weitere. Oder b), die Ansteckungsrate von Folgeinfizierten liegt mal bei zwei oder mal bei drei, und wir können sie durchschnittlich angeben mit 2,5. Dann ergeben sich innerhalb der ersten drei Wochen an Infizierten:

Am 1. Tag: 1

2. Tag:

Bei 2facher Ansteckung: 2

Bei 2,5facher Ansteckung: 3

3. Tag:

Bei 2facher Ansteckung: 4

Bei 2,5facher Ansteckung: 6

4. Tag:

Bei 2facher Ansteckung: 8

Bei 2,5facher Ansteckung: 16

5. Tag:

Bei 2facher Ansteckung: 16

Bei 2,5facher Ansteckung: 39

6.Tag:

Bei 2facher Ansteckung: 32

Bei 2,5facher Ansteckung: 98

7. Tag:

Bei 2facher Ansteckung: 64

Bei 2,5facher Ansteckung: 244

8. Tag:

Bei 2facher Ansteckung: 128

Bei 2,5facher Ansteckung: 610

9. Tag:

Bei 2facher Ansteckung: 256

Bei 2,5facher Ansteckung: 1.526

10. Tag:

Bei 2facher Ansteckung: 512

Bei 2,5facher Ansteckung: 3.815

11. Tag:

Bei 2facher Ansteckung: 1.024

Bei 2,5facher Ansteckung: 9.537

12. Tag:

Bei 2facher Ansteckung: 2.048

Bei 2,5facher Ansteckung: 23.841

13. Tag:

Bei 2facher Ansteckung: 4.096

Bei 2,5facher Ansteckung: 59.604

14. Tag:

Bei 2facher Ansteckung: 8.192

Bei 2,5facher Ansteckung: 149.011

15. Tag:

Bei 2facher Ansteckung: 16.384

Bei 2,5facher Ansteckung: 372.529

16. Tag:

Bei 2facher Ansteckung: 32.768

Bei 2,5facher Ansteckung: 931.322

17. Tag:

Bei 2facher Ansteckung: 65.536

Bei 2,5facher Ansteckung: 2.328.306

18. Tag:

Bei 2facher Ansteckung: 131.072

Bei 2,5facher Ansteckung: 5.820.766

19. Tag:

Bei 2facher Ansteckung: 262.144

Bei 2,5facher Ansteckung: 14.551.015

20. Tag:

Bei 2facher Ansteckung: 524.288

Bei 2,5facher Ansteckung: 36.279.788

Und am 21. Tag:

Bei 2facher Ansteckung: 1.048.576

Bei 2,5facher Ansteckung: 90.949.470

 

Was bedeutet, nach drei Wochen wäre bei zweieinhalbfacher Ansteckungsrate ganz Deutschland infiziert.

Da heißt aber auch, wenn wir über den Zeitraum von drei Wochen die Ansteckungsrate um nur 1/5 senken könnten, verringerten wir die Zahl der Erkrankten um fast 99 Prozent. Und wenn wir realistischerweise dabei eine Mortalität annehmen von einem Prozent der gemessenen Infizierten, retteten wir damit 899.008 Menschen ihr Leben.

 

Wenn ich manchmal all die verschiedenen Aufregungen der Menschen bedenke, und die Gefahren und Sorgen, denen sie sich aussetzen, am Hofe, im Kriege, aus denen so viele Streitigkeiten, Leidenschaften, kühne und oft böse Unternehmungen entstehen, entdecke ich, daß das ganze Unglück der Menschen nur von einer Sache herrührt, nämlich davon, daß sie es nicht fertig bringen, ruhig in einem Zimmer zu sitzen.“

Blaise Pascal (1623 – 1662): Pensées

 

Was tun gegen den Haß?

 

15. März 2020: Solon an Mephisto

 

Ihr klagt in Eurer Gesellschaft über eine erschreckende Zunahme von Haß und Gewalt?

Wenn es unter uns bleibt: Kurz vor Weihnachten klingelte in der Hose mein Händi, und auf dem Schirm, dem Displä, erkannte ich die mir von Barack Obama übermittelte Nummer Eurer Kanzlerin. In meiner Eigenschaft als Meister vom Stuhl der Geheimloge „Archon Eponymos“ lud sie mich eigenhändig ein nach Berlin ins Kanzleramt. Zu einer wegen ihrer strengen Vertraulichkeit von jeglicher Presse abgeschirmten Kabinettssitzung. Es ginge um das Thema Haßbekämpfung. Ich hege eine Hochachtung vor dieser Frau mit ihrer exorbitanten Arbeitsleistung und hatte zugestimmt unter der Bedingung, daß sämtliche Händis und Eifons der Anwesenden zuvor eingesammelt und in einem Nebenraum überprüfbar ausgeschaltet auf einem Extratisch und zugreifbar für Stichproben versammelt lägen. Wie ich mich dort gerade über die Gerätschaft Eures Verkehrsministers beugte, trat auch schon die Kanzlerin aus einer Tapetentür und stürzte sich auf mich, um mir beide Wangen zu küssen, daß es nur so widerschallte, und geleitete mich zu den Versammelten. Und ich kann sagen, sie, diese rhetorische Schlaftablette, die gewöhnlich Sätze wie „Das ist total inakzeptabel“ oder „Unser Mitgefühl gilt den Opfern“ vom Blatt abliest, redete in diesem Kreise völlig ungezwungen.

Wenngleich natürlich in ihren ordinären Platitüden.

Ach ja, die Angela, die meint, es immer gut zu meinen und vor allem richtig. Was sich aber nicht wiederholen dürfe.

Welch tragische Figur im klassischen Sinn!

Nur eben mit deutscher demokratischer, also ungenügender Schulbildung in humanistischen Fächern.

Dafür verbildet im Geschichtsunterricht mit der Vermittlung einer marxistischen Geschichtsauffassung: Geschichte reduziert als „Geschichte von Klassenkämpfen“. Fortgesetzt in den „Studienjahren der Freien Deutschen Jugend“ mit der obligatorischen „Erziehung zum Klassenhaß“ und dem nach einer bestandenen Abschlußprüfung gekrönten Erwerb des „Abzeichen für gutes Wissen“. Getragen auch vor der stolzen Brust als Aufnäher für die blaue Bluse.

Übrigens, unter uns Pastorentöchtern, da fällt mir ein: Man mußte in der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik nicht Sekretärin für Agitation und Propaganda sein, um Doktorin werden zu können. Du wirst Dir ja solchen Quatsch sowieso nicht einreden lassen.

Das Verbum „müssen“ bewahrt in den Mündern der sogenannten „gelernten DDR-Bürger“ nach der sogenannten Wende, ihrem Hüllwort für den Zusammenbruch, nämlich dem endlichen Ende der Deutschen Demokratischen Republik, das Wort „müssen“ offenbart in Mündern diverser Ostdeutscher bis heute eine etwas bizarre Semantik.

Man war selbst als Pastorentochter nicht gezwungen, Sekretärin für Agitation und Propaganda zu sein und marxistische Vorträge zu halten und Andersdenkende atheistisch zu agitieren. Zumal wenn man glauben machen will, das System durchschaut zu haben. Zu dem Posten gehörte schon entweder eine beträchtliche Portion Überzeugung für das im übrigen ja ausgemacht kirchenfeindlich zu Propagierende und das die zu Überzeugenden Agitierende oder aber ein ausgemachtes Maß an verlogener Opportunität und orwellschen Zwiedenkens. Daran muß ich auch immer denken, wenn mir, zwischenzeitlich nun fast täglich präsent im Fernsehen, jene andere Pastorentochter dezidiertest die Welt erklärt als ehemalige Sekretärin für Agitation und Propaganda. Und, Du könntest mich schlagen, ich kann nichts dagegen tun, ich sehe die Katrin Göring-Ekkart dann stets in blauer Bluse mit dem aufgenähten „Abzeichen für gutes Wissen“, und geradezu zwanghaft drängt das Bild sich mir auf, die Gutste, sie spräche gerade wieder vor einer FDJ-Versammlung.

Ja, so ist das.

Übersetzer braucht das Land!

Im Hinblick auf die vereinbarte Vertraulichkeit kann ich natürlich zu den Einzelheiten der Besprechung und insbesondere zu den Äußerungen der Beteiligten mich nur zurückhalten und lediglich einseitig meine vorgetragene Auffassung repetieren, wie man denn in Deutschland den um sich greifenden Haß besiege.

Hier sind meine Punkte:

Spart Euch die Hälfte des vorgesehenen Geldes für die Digitalisierung der Schulen. Ihr müßt nicht jedem Kind ein Täbblet kaufen und seine Lehrer in ein ohnehin aussichtsloses Hinterherrennen hinter gewinnorientierten Innovationen der Digitalindustrie zwingen. Steckt die andere Hälfte lieber in gesundes Schulessen und gepflegte Toiletten. Denn den richtigen Umgang mit modernen Medien könnt Ihr völlig ohne Rechner lehren!

Und insbesondere den ausufernden Haß besiegen:

1) Für sämtliche Schulformen und -klassen gilt Rückkehr zum Frontalunterricht!

2) Ab erster Schulklasse Einführung eines Schulfaches „Spielen“. Darin ausschließlich computerfreies Spielen. Spiele: Malefiz, Go, Dame, Skat, Doppelkopf und Schach. Auch mit Wettbewerben und Olympiaden, aber nur sekundär. Es geht nicht um Beförderung des Ehrgeizes, sondern ums  S p i e l e n!  Um Freude am  S p i e l e r i s c h e n  im Zusammensein mit anderen Menschen. Lernziel unter anderem: Verlieren lernen. Konzentration. Geduld. Standhalten in scheinbar ausweglosen Situationen. Umgang mit „Gegnern“. Verinnerlichung von Verhaltensweisen: Unterscheidung zwischen Spiel und Ernst. Es ist ein Spiel! Ich befinde mich im Spiel! Der Gegner ist und bleibt mein Freund.

Was ja heute nicht mehr selbstverständlich ist.

Und es geht um Entwicklung von Kreativität unter Bedingungen des regelbasierten Handelns.

Schwerpunkt Schach! Trotz seiner Komplexität: Für alle! Unbedingt!

Erkennen von Situationen. Entwicklung von Strategien.

Stillsitzen.

3) Von der ersten bis zur letzten Klasse und auch zu Lasten anderen Unterrichts mindestens zwei Wochenstunden Dialektik. Als Haupt- und Prüfungsfach. Darin über die Schuljahre verteilt: Philosophie, vornehmlich abendländische.

Abendländische Ethik, Geschichte der abendländischen Ethik, Kynismus, Stoa, Epikureismus.

Logik, logische Schlußweisen, Denkfehler, abstrahieren, Deduktion und Induktion, definieren, Problemlösungsdialektik versus Überzeugungstransfer (aber beides gleichermaßen). Und wie in alten Zeiten der sieben Künste: Rhetorik. Kritisieren, argumentieren, debattieren, moderieren, reden, Reden halten.

Sokrateische Mäeutik: ich weiß, daß ich nichts weiß.

Quellenkritik!

Und nicht zuletzt: Analytik!

Beispielsweise anhand von Filmanalysen!

4) Für jedes Schuljahr gilt: Die Anzahl der Mathestunden hat die Anzahl der Stunden des Musikunterrichts nicht zu überschreiten. Es ist zu bedenken, daß vermutlich über 90 Prozent der Menschen glücklich durchs Leben kommen, obwohl sie vergessen haben und gar nicht zu wissen brauchen, was ein Logarithmus ist.

Aber: Wichtig sind Grundzüge der mathematischen Logik!

Beispielsweise für das Erkennen von Äquivalenzen.

Und für jedes Schuljahr gilt ebenso: Es ist zu bedenken, daß vermutlich über 90 Prozent der Menschen skrupellos in die Straßenbahn steigen, obwohl sie nicht wissen, wie ein Elektromotor funktioniert. Demnach hat die Anzahl der Physikstunden die Anzahl der Stunden des Unterrichts in Kunst und Poesie nicht zu überschreiten. Kunst, Literatur, Poetiken! Lesen! Und nicht zu unterschätzen: Sinnvolles Nacherzählen von Gelesenem! Textverständnis. Ganz wichtig: Effektives Nacherzählen auch umfangreicherer Lesestoffe. Also Schulung des Vermögens, das Wesentliche vom Unwesentlichen trennen zu können. Das erscheint mir bei erstaunlich vielen Menschen unterentwickelt. Und also haben sie mühsam und beladen zu kämpfen im Leben und wundern sich über die stete Widrigkeit der Verhältnisse.

Nacherzählen von Geschehnissen, Unterscheidung von Wahrnehmung und Realität.

5) Und jetzt komme ich zum Knaller, wenn Ihr den Haß besiegen wollt: GESCHICHTE!

Der Geschichtsunterricht hat nicht abgewählt werden zu können! Von keinem Schüler und niemals! Der Geschichtsunterricht hat nicht verquickt zu werden mit anderen Fächern wie Gemeinschaftskunde. Das ist ungeheuerlich!! Der Geschichtsunterricht hat sich nicht zu beschränken auf politische Geschichte. Der ausführliche Geschichtsunterricht ist keine Nebensache sondern unabwendbares Haupt- und Prüfungsfach für jeden Schüler! Insbesondere auch vergleichende Geschichtsbetrachtung. Insbesondere altgriechische Geschichte mit allem Drum und Dran. Und hier böte sich zum Beispiel an ein Vergleich der Verhältnisse Altgriechenlands mit dem jüngeren und aktuellen Europa.

Geschichte! Geschichte! Geschichte!

 

Erwäge beständig, daß alles wie es jetzt ist, auch ehemals war, und daß es immer so sein wird. … Überall dasselbe Schauspiel, nur von anderen Personen aufgeführt.

Marc Aurel (121-180)

 

Erderkaltung

 

8. März 2020: Serapion an Mephisto

 

Wir befinden uns im Jahr 20 des 21. Jahrhunderts.

Auf zahlreichen Linien ist der Flugverkehr zusammengebrochen. Weltweit wird an unzähligen Orten die Produktion stillgelegt. Über New York wird der Ausnahmezustand verhängt. Millionenstädte sind abgeriegelt. Die Bewegungsfreiheit wird drastisch eingeschränkt und öffentliche Zusammenkünfte der Menschen werden untersagt. Schulen, Universitäten, Theater, Kinos, Konzerthallen, Museen und Sportclubs werden geschlossen. Es gelten Ein- und Ausreiseverbote. Selbst innerhalb der Sperrzonen dürfen sich die Einwohner nicht mehr frei bewegen und ihre Wohnungen nur in genehmigten Ausnahmefällen verlassen.

Zwischen den Menschen ist ein Mindestabstand einzuhalten.

Obendrein bringen schwachsinnige Eltern ihre unschuldigen Kinder an die Grenze des Abendlandes mit seinen Werten. Wo die Kinder beschossen werden von vorn mit abendländischen und sie beschossen werden von hinten mit morgenländischen Gasgranaten.

Wir befinden uns im Jahr 20 des 21. Jahrhunderts.

 

NachD E N K E N

 

29. Februar 2020: Bellarmin an Mephisto

 

Freitag, 21. Februar 2020, Bild:

„Größenwahn ist sein Leitthema“, so Psychotherapeut Lüdke. „Verglichen mit Edward Snowden ist er nach eigener Meinung der Größere. Snowdens Enthüllungen bezeichnet er als ‚Kindergeburtstag’“.

Sein Leben unterteilt Rathjen in „zwei Abschnitte“. Zunächst habe er nur vermutet, dass er überwacht werde, später dann „volle Gewissheit“ erlangt.

Rathjen glaubte, ab dem „Tag meiner Geburt“ rund um die Uhr überwacht zu werden. Er beschreibt eine Stimme, die ihm im Alter von wenigen Tagen sagte, dass er „in die Falle gegangen“ sei. Später stellte er fest, „dass ich bereits mein ganzes Leben in den Fängen einer Geheimorganisation war“.

Geradezu skurril: Beim Schauen von Hollywood-Filmen habe er überlegt, wie man eine Serie daraus machen könnte – und ein paar Jahre später sei dann eine ähnliche Serie gedreht worden. Für den Terroristen genug Beleg, dass jemand seine Gedanken liest.

„Filme und Fußball waren offenbar seine großen Leidenschaften“, so Lüdke. „In aller Welt befasst man sich damit, aber er hat das auf sich bezogen. Und für sich hat er gesehen: Meine Ideen beschäftigen die ganze Welt.“

 

Freitag, 21. Februar 2020, FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG:

Wer war Tobias R., der in Hanau mutmaßlich zehn Menschen ermordete? Aus welchen Quellen speiste sich sein Weltbild, in wessen Namen glaubte er zu handeln? Ist er ein rechtsextremer Terrorist im konventionellen Sinn des Wortes, der aus blankem Fremdenhass eine Shisha-Bar und einen Kiosk zu seinen Zielen auserwählt hat? War er Teil eines Netzwerks, oder ist er ein sozial isolierter Einzeltäter, der sich in den finsteren Foren des Internets radikalisiert hat?

Bis diese Fragen endgültig beantwortet sind, wird es noch dauern – doch ein Video sowie mehrere Dokumente des Täters, die dieser Zeitung vorliegen, geben einige deutliche Anhaltspunkte. Eines der Dokumente kann man als Manifest und Abschiedsbrief bezeichnen; es ist 24 Seiten lang und enthält eine mäandernde Chronologie seines Lebens, die immer wieder von bizarren Exkursen zu Geopolitik, Militärstrategie, Wirtschaftsmacht und Filmbranche durchbrochen wird. Anschlagspläne werden darin nicht explizit angesprochen, wohl aber angedeutet, etwa, wenn es heißt, dass R. die Bestätigung seiner Thesen „nicht mehr miterleben“ können wird und dass ihm nichts anderes übriggeblieben sei, als so zu handeln, wie er es getan habe, „um die notwendige Aufmerksamkeit zu erlangen“.

Gleich zu Beginn des Manifests will R. jedoch etwas anderes klarstellen: „Im Mittelpunkt meiner Botschaft steht die Tätigkeit eines sogenannten ‚Geheimdienstes’“. Dieser überwache grundlos die Privatwohnungen Tausender Menschen in Deutschland; es gebe dort auch Mitarbeiter, „welche in der Lage sind, die Gedanken eines anderen Menschen lesen zu können und darüber hinaus fähig sind, sich in diese ‚einzuklinken‘ und bis zu einem gewissen Grad eine Art ‚Fernsteuerung‘ vorzunehmen“.

Die Vorstellung eines Geheimdienstes oder sonstiger dunkler Mächte, die ihn fernsteuern, ihm Gedanken eingeben und ihn überwachen, zieht sich in verschiedenen Abwandlungen durch das gesamte Dokument. Darin offenbart sich die Gedankenwelt eines Menschen, der zwar in zusammenhängenden Sätzen spricht, den jedoch augenscheinlich nur noch lose Fäden mit der Realität verbinden: So hätten ihm unbekannte Agenten Albträume eingespielt; nach dem Erwachen habe er dann intuitiv gewusst, dass die Vereinigten Staaten für den 11. September verantwortlich seien. Dieselbe Geheimorganisation transplantiere auch Filmkonzepte aus seinem Kopf in neue, real existierende Hollywood-Produktionen – er sei somit der unfreiwillige Ideengeber der Filmindustrie.

Breiten Raum nehmen seine Empfehlungen für eine erfolgreiche amerikanische Militärstrategie ein, die dringend notwendig sei, um sich gegen die aufstrebende Wirtschaftsmacht China sowie gegen Drogenschmuggel und illegale Migration aus Mexiko zu behaupten und die gewisse Überschneidungen mit der Politik des amerikanischen Präsidenten enthalten. Dass Donald Trump seine diesbezüglichen Empfehlungen wissentlich umsetze, bezweifelt Tobias R. allerdings, „da ich mir hier sicher bin, dass dies über die sogenannte Fernsteuerung funktioniert.“ Diese Auflistung von Bizarrem ließe sich lange fortsetzen und findet ihre Entsprechung in den anderen beiden Dokumenten, die sich mit militärischen Planspielen des Nahen Ostens sowie mit einer optimalen Trainingsstrategie für den Deutschen Fußballbund befassen. Trotz aller gebotener Zurückhaltung bei psychologischen Ferndiagnosen bleibt nach der Lektüre kaum Zweifel: Tobias R. war geistig krank.

Doch neben den unübersehbaren Anzeichen einer psychischen Erkrankung finden sich auch andere Passagen in seinem Manifest, die Aufschluss zu seinen Tatmotiven geben könnten. R. schildert ein Gespräch, das er im Jahr 1999 mit einem ehemaligen Kollegen aus seiner Banklehre geführt habe und das für ihn noch immer prägend sei. Dabei sei es unter anderem um „die Kriminalität, oder allgemeiner ausgedrückt, das schlechte Verhalten bestimmter Volksgruppen, nämlich von Türken, Marokkanern, Libanesen, Kurden, etc.“ gegangen. Er und sein Kollege hätten beide negative Erfahrungen mit Menschen aus diesen Gruppen gemacht, etwa „absichtlich provozierte Streitereien auf dem Nachhauseweg von der Schule oder dumme Anmachen in der Disko“. Das könne er zwar „aus heutiger Sicht mit Sicherheit als ‚harmlos‘ bezeichnen“, weil dabei niemand zu Schaden gekommen sei, aber aus dem Freundeskreis seien ihm auch schwerere Fälle von Ausländerkriminalität bekannt. Während seiner Ausbildung habe er zudem einen Banküberfall am eigenen Leib miterlebt; die Karteikarten potentieller Verdächtiger, die die Polizei ihm später präsentiert habe, hätten dann „zu ca. 90% aus Nicht-Deutschen“ bestanden, hauptsächlich aus Südländern und Türken. Daraufhin habe bei ihm ein „Erkenntnisgewinn“ eingesetzt: Die deutsche Kultur sei überlegen, eine Reihe anderer Völker bestehe hingegen aus minderwertigen Fortschrittsverhinderern, mit denen sich „das Rätsel“ der Suche nach den Ursprüngen des Universums nie werde lösen lassen; erst recht werde es mit diesen Völkern nicht gelingen, eine Zeitreise in die Vergangenheit zu unternehmen, unseren Planeten vor der Entstehung menschlichen Lebens auszulöschen und so rückwirkend auch alles menschliche Leid zu verhindern. Folglich sollten im Zuge einer ersten „Grob-Säuberung“ sämtliche Einwohner von 24 namentlich genannten Ländern getötet werden; darunter viele Staaten des Nahen und Mittleren Ostens einschließlich Israels sowie nordafrikanische und südostasiatische Länder.

Die Frage, ob R. ein Rechtsextremer mit psychischen Problemen war oder ein psychisch Kranker mit eher zufälligen Einsprengseln von Rechtsextremismus, wird in der Debatte über seine Tat absehbar eine zentrale Rolle spielen. Jedenfalls findet sich in den vormals auf seiner Homepage abrufbaren Dokumenten nichts, was sich als umfassende und kohärente rechte Ideologie bezeichnen ließe. Bezugnahmen auf politische Parteien, Autoren oder Ideengeber des rechten Spektrums fehlen vollständig, auf die deutsche Migrationspolitik wird kaum eingegangen. Auch die weiterführenden Links auf seiner Homepage verweisen nicht auf dezidiert politische Inhalte, sondern vielmehr auf Videos und andere Websites aus dem wahnhaft-verschwörungstheoretischen Spektrum, die um Themen wie Telepathie, Fernsicht, Gedankenkontrolle, Energieheilung und Entführung durch Außerirdische kreisen. In einem Video von sich selbst, das R. am 14. Februar 2020 auf Youtube hochgeladen hatte, richtet er sich schließlich an die Bürger Amerikas, die endlich aufwachen und Widerstand leisten müssten gegen die Geheimgesellschaften, die ihre Gedanken steuern und die in unterirdischen Militärbasen den Teufel anbeten und Kinder foltern und töten.

 

Freitag, 21. Februar 2020, Deutschlandfunk, über Äußerungen des ehemaligen Angehörigen der Antifa und gegenwärtigen Generalsekretärs der SPD, Lars Klingbeil, keine 24 Stunden nach dem Attentat in Hanau:

SPD-Generalsekretär Klingbeil hat vor dem Hintergrund des Anschlags erneut gefordert, die AfD vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen. … Es habe einer geschossen, aber es seien viele gewesen, die ihn munitioniert hätten. Und die AfD gehöre dazu.