A N A B A S I S

Thalatta ! Thalatta !

Schlagwort-Archiv: Gedicht

14.7.17 Mephisto an Serapion

 

Die rinke SA

…und die Political Correctness.

Da hattest Du mir Anfang Mai dieses Jandl-Gedicht geschickt:

 

 

lichtung

 

manche meinen

lechts und rinks

kann man nicht

velwechsern.

werch ein illtum!

 

 

Das ich für so weise hielt und einsichtsvoll. Und geschichts- und seelenkundig.

Bis ich politisch korrigiert wurde.

Und zwar der zwölfte Band des DUDEN erklärt mir die Welt unter dem Stichwort

 

Manche meinen, lechts und rinks kann man nicht velwechsern

 

ganz richtig korrekt, nämlich es handele sich um ein Zitat aus dem Jandl-Gedicht lichtung, und fügt, vor Biederkeit triefend, hinzu:

Die vierte (sic!) und letzte Zeile lautet: ‚werch ein illtum!‘ Das Zitat wird (auch in der kürzeren Form ‚lechts und rinks kann man nicht velwechsern‘) als scherzhafter oder ironischer Kommentar gebraucht, wenn jemandem eine Verwechslung unterläuft.

Ach so.

So so…

War da was?

Jedenfalls ist der Eintrag, bis auf die gefäkte Zeilennummer, keine Fäknjus. Und wir können daraus lernen:

Man kann etwas richtiges sagen, und es ist trotzdem doof.

Und, es könnte sein, aus welchem Grund auch immer, daß gewisse Leute etwas richtiges sagen, um das Richtige nicht zu sagen.

Sozusagen gewissermaßen quasi im palmströmschen Sinne: weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Da stellen wir uns mal ganz dumm, als wären wir im DUDEN, und denken:

Da hat der Jandl sich also hingesetzt auf seinen Hosenboden und sich gedacht in seinem schlichten schtzngrmm-Sinn: Auf, auf! Es wird nun aber höchste Zeit! Man muß doch endlich einmal ein Gedicht verfassen, über wenn jmndm mal eine Vrwchslng… „unterläuft“…

Ein Lehrgedicht für Fahrschulen!

Was für ein schöner Zug…

Und wer weiß, denkt der DUDEN, wie vielen Fahrschülerinnen und wie vielen Fahrschülern der Jandl den Führerschein damit schon rettete!

Das ist doch ein putziger Poet, der Jandl! Zumal wenn er dann noch so chinesisch verwirrend, aber didaktisch einprägsam, die Buchstaben vertauscht.

Werch ein Einfarr!

Zum Glück durchblickte der DUDEN das ganze dann trotz der vertauschten Buchstaben aber scharfsinnig und kann uns den Sinn wieder korrekt verklären…

Damit kein Schelm sich Arges dabei denke…

Welchen Reim sich mein Freund Heine wohl auf die Straußenvögel gemacht hätte? Von wegen

———die deutschen Zensoren——————–Dummköpfe—–

und so?

Letztes Wochenende ist also einigen tausend nach Hamburg Angereisten die Vrwchslng zwischen Braunhemd und Schwarzhemd unterlaufen. Kann ja vorkommen. Haben aber immerhin ihr fleißig und in harter Arbeit den kapitalistischen Ausbeutern und global agierenden Großbanken abgerungenes Geld in teure Fahrkarten und nicht billige Ausrüstungen investiert, um endlich einmal wieder sich wehren zu können gegen diese Polizisten, Journalisten und Hausbesitzer- und Spekulantenschweine und staatlichen Helfershelfer in Schlips und Kragen und das ganze Groß- und Kleinhändlerpack und dieses fette Konsumentengekröse.

Diese Plutokraten!

 

Macht kaputt, was euch kaputt macht!“

Die Straße frei dem Sturmabteilungsmann!“

Auf die Barrikaden, gegen die weißen Garden!“

Die Straße frei, den braunen Bataillonen!“

Auf, auf zum Kampf! Zum Kampf sind wir geboren!“

 

 

 

schtzngrmm

 

schtzngrmm

schtzngrmm

t-t-t-t

t-t-t-t

grrrmmmmm

t-t-t-t

s—————-c—————h

tzngrmm

tzngrmm

tzngrmm

grrrmmmmm

schtzn

schtzn

t-t-t-t

t-t-t-t

schtzngrmm

schtzngrmm

tssssssssssssssssssss

grrt

grrrrrt

grrrrrrrrrt

scht

scht

t-t-t-t-t-t-t-t-t-t

scht

tzngrmm

tzngrmm

t-t-t-t-t-t-t-t-t-t

scht

scht

scht

scht

scht

grrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr

t-tt

 

Ernst Jandl (1925 – 2000)

 

20.5.17 Serapion an Mephisto

 

Der Arbeitsmann

 

Wir haben ein Bett, wir haben ein Kind,

mein Weib!

Wir haben auch Arbeit, und gar zu zweit,

und haben die Sonne und Regen und Wind.

Und uns fehlt nur eine Kleinigkeit,

um so frei zu sein, wie die Vögel sind:

nur Zeit.

 

Wenn wir sonntags durch die Felder gehn,

mein Kind,

und über den Ähren weit und breit

das blaue Schwalbenvolk blitzen sehn,

oh, dann fehlt uns nicht das bißchen Kleid,

um so schön zu sein, wie die Vögel sind:

nur Zeit.

 

Nur Zeit! wir wittern Gewitterwind,

wir Volk.

Nur eine kleine Ewigkeit;

uns fehlt ja nichts, mein Weib, mein Kind,

als all das, was durch uns gedeiht,

um so kühn zu sein, wie die Vögel sind.

Nur Zeit!

 

 

Richard Dehmel (1863 – 1920)

 

10.3.17 Mephisto an Bellarmin

 

Susi simst !

 

Susi simst nach Cunnersdorf:

heute fühl ich mich amorf

 

Susi simst nach Sindelfingen:

ich tu mit liebes kummer ringen

 

Susi simst nach Lichtenberg:

ich heirate mit keinem zwerk

 

Susi simst nach Xanten:

und im bett friern dem die kwanten

 

Susi simst nach Wittstock/Dosse:

und dann erst seine kalte flosse

 

Susi simst bis hoch zum Brocken,

Oben sind sie ganz erschrocken !

 

Susi simst nach Utterode:

traurich sein is nich mer mode

 

Susi simst nach Oberhof:

alle halten mich für dohf

 

Susi simst nach Sansibar:

dabei is das garnich war

 

Susi simst bis Ippenschied,

Summt dabei ein Frühlingslied.

Susi simst !  Susi simst !

 

2.9.16 Mephisto an Bellarmin

 

Ballade vom kleinen Finger

 

Da war mal mein Kollege Klaus,

Der lachte Miesepeter aus,

In Winterkälte, Sommerhitze,

Der scherzte gern und riß auch Witze.

Bis eines Tags zur Frühstückspause

Er mit sich schleppte, von zu Hause,

Und tat mir sie sogleich empfehlen,

Die handelsüblichen Makrelen

In dünnwandiger Blechkonserve.

Die öffnete er voller Verve

Gefolgt von einem spitzen Schrei.

Ich dachte mir zunächst dabei,

Er hätte sich mit was bespritzt,

In Wahrheit, da war angeritzt

Sein kleinster Finger der linken Hand.

Der Klaus kam außer Rand und Band!

Dies wunderte uns alle sehr,

Denn jene Wunde wog nicht schwer,

Daß er, der lustvoll spaßte immer,

Mit leidiger Miene und leisem Gewimmer

Und derart erstaunlich sensitiv

In das Gesundheitswesen lief.

 

Was soll ich noch sagen, Klaus lachte nicht weiter,

Die Binde wurde täglich breiter,

Zu allem Übel kam das Pech.

Erst redeten die Ärzte Blech

Und mochten beim besten Willen nichts finden,

Doch sahn sie seine Kräfte schwinden

Und haben diagnostiziert,

An Fachärzte ihn delegiert,

Ihn endlich dann wohl falsch behandelt

Und besagten Kollegen merklich verschandelt:

Klaus mußte zum Schluß in die Klinik marschieren,

Den kleinen Finger zu amputieren!

 

Das war zwar schade. aber ohne den Finger,

Da kann man noch immer genießen die Dinger,

Und schließlich geht das Leben ja weiter!

Doch unser Kollege ward nicht wieder heiter,

Malheurgeplagt, gewissermaßen,

Durchirrte er farblos die staubigen Straßen,

Gesenkten Hauptes, sein Hut hing schief,

Er hörte wenig, wenn man ihn rief,

In Schuhen lief er mit offenen Senkeln,

Er schickte sich an, beständig zu kränkeln

Und mußte mit Drüsen und Membranen

Nebst manchen inneren Organen

Mitunter wieder ins Krankenhaus.

Wir brachten ihm ständig einen Strauß

Und fragten ihn lächelnd, als wenn nichts wär,

Ob’s besser nun ginge sanitär.

 

Zuletzt, auf einem Korridor,

Stand Klaus mit krankem Mittelohr,

Als zufällig wir uns nochmals trafen,

Er wirkte irgendwie verschlafen,

Sprach kaum einen Satz und befremdete mich –

Drauf ist er verstorben, ganz jämmerlich…

 

 

Nur zur Erinnerung…

 

 

24.6.16 Serapion an Mephisto

 

Vorzeit, und neue Zeit

 

Ein schmahler rauher Pfad schien sonst die Erde.

Und auf den Bergen glänzt der Himmel über ihr,

Ein Abgrund ihr zur Seite war die Hölle,

Und Pfade führten in den Himmel und zur Hölle.

 

Doch alles ist ganz anders nun geworden,

Der Himmel ist gestürzt, der Abgrund ausgefüllt,

Und mit Vernunft bedeckt, und sehr bequem zum gehen.

 

Des Glaubens Höhen sind nun demolieret.

Und auf der flachen Erde schreitet der Verstand,

Und misset alles aus, nach Klafter und nach Schuen.

 

 

Karoline von Günderode (1780 – 1806)

17.6.16 Bellarmin an Mephisto

 

Der Menschheit mißlingt ihr letztes Lächeln

 

Es mehren sich Tage,

Da ich mich frage,

Was das soll.

Such‘ zu erfassen

Der Menschen Tun und Lassen

Zweifelvoll.

 

Kann nicht mehr verstehen

Das Drängen und Drehen

Dieser Welt.

Sind es Gesetze,

Ist es leeres Gehetze –

Was erhält

 

Das freie Entfalten,

Das formend‘ Gestalten –

Ein Zweck oder ein Spiel?

Kann nichts mehr verbinden,

Kann nicht mehr finden

Sinn und Ziel.

 

10.6.2016 Mephisto an * * *

 

Nichts ist geblieben von dir als der Schatten einiger Strahlen,

Einiger Schimmer des Lichts, das sich damals glücklich in deinen

Augen reflektierte, dich zeigend, ewig, auf einem

Engen Papier in hellgrauen Tönen, die ich durchsuche,

Die ich durchforsche so manchen Tages, wenn ich mit dir rede,

Aber du selbst bist seit langen Jahren zerfallen zu Asche.

 

8.4.16 Mephisto an Bellarmin

 

Willkommen auf der Welten Oberfläche!

Hier gleitest du auf geradestem Asphalte,

Hier fühlst du Glätte ohne jede Spalte,

Hier blitzen Lichter auf verchromtem Bleche.

 

Man motiviert sich, daß man lächelnd spreche

Vom Marketing und manchem Sachverhalte,

Ob günstig sich das Börsentief gestalte,

Ob Zögern sich im zweiten Halbjahr räche.

 

Hier strotzt man schier vor Strategien und Plänen,

Hier tummelt man sich in Ertragsdomänen

Ganz ehrlich, clever, smart und unverdorben.

 

Hier nerven keine Menschen mit Migränen,

Hier siehst du niemals Trauer oder Tränen,

Hier stirbst du nicht, hier bist du längst gestorben.

 

22.1.16 Bellarmin an Mephisto

 

Bruchstück einer akkadischen Schrifttafel  (etwa 2016 v. Chr.):

 

„Einst waren die Menschen zerstreut und zerstritten

Und lebten in weiter Welt verloren.

Da haben sie Kummer und Not erlitten

Und endlich Frieden sich geschworen

Und sich gen Morgen zusammengefunden

Und waren in Mühe und Arbeit verbunden.

 

Dasselbige Land hieß Sinear,

Dort wohnten sie nun manches Jahr,

Lispelten milde, lächelten nett,

Wurden reicher und fraßen sich fett,

Gingen nach dem Dernier Cri

Geschmückt mit Gold bis über das Knie

Und Kupfer viel und Karneol,

Weideten Schafe, pflanzten Kohl,

Regelten Streit per Gleichstellungsquoten

Und hatten verletzende Wörter verboten.

 

Da sprach unter ihnen der Gleicheste

(Das war zudem der Reicheste):

‚So lasst uns bauen eine Stadt

Mit einen Turm im Handelscenter,

Der nirgendwo seinesgleichen hat.

Dann wird das Leben effizienter!

Den höchsten Turm mit einer Spitze,

Die den Zenit des Himmels ritze.

Hier machen wir uns einen Namen!

Dass nicht zerstreut sei unser Samen

Unter Barbaren fremder Länder

Bis an des Mundus entlegenste Ränder!

 

Selbst aus der Ferne wie ein Berg,

Einzig in diesem flachen Lande,

Erhebe sich das Meisterwerk

Aus Sinears ödweilig tristem Sande!

 

Über durch Pfeiler gegliederten Wänden

Sieht man in unterschiedlichen Höh’n

Dann Gärten den Menschen Schatten spenden,

Die dort auf den Terrassen gehn.

 

Zur ersten drei mächtige Treppen führen,

Ihr Winkel wird lassen Erhabenheit spüren

Auf jeder ihrer zahllosen Stufen,

Wenn zur Prozession berufen

Von oben über dem ebenen Land,

Wie herab vom Himmel gesandt,

In langem Zug gehüllt in Schweigen

Die Priester in wollenen Mänteln steigen

Vom krönenden Tempel der höchsten Etage

Hinab zu den Speichern und Webereien

Und Banken, die das Geld verleihen,

An Bürger mit geringerer Gage.

 

Der höchste Tempel dien‘ einzig nur

Der Anbetung unseres Gottes Merkur

Mit seinem schlangenumwundenen Stab,

Dieweil er uns den Wohlstand gab.

In seinem Gemach hinter güldenen Riegeln

Wird glänzen tiefblau die Glasur auf den Ziegeln.

 

Neben den Tempel kommt gleich das Archiv

Für Schuldverschreibung und Mahnungsbrief,

Die Registratur sowie der Kataster

Nebst Steuerverzeichnis der lässlichen Laster.

 

Hoch auf des obersten Tempels Dache

Halten dann Astrologen Wache,

Zählen im nächtlichen Dunkel die Sterne.

Deren Bewegungen selbst aus der Ferne

Sollen beeinflussen all unser Streben

Nach Reichtum und Glück, das menschliche Leben

Wie ebenso das Fließen der Flüsse,

Nach Dürren den Tag der Regengüsse,

Und dass die Fruchtbarkeit im Boden

Im Herbst uns schenke die Reineclauden.

 

Auch haben die weisen Astrologen

Berechnet des Mondes Umlaufbogen

Und in Monat und Woche, wie wunderbar,

Uns eingeteilt das ganze Jahr.

 

So sei es uns als Menschenwerk,

Das Höchste zu bauen den Götterberg

Für Gott Merkur, dann wird er uns gönnen,

Das Letzte zu wissen und jedes zu können!

 

Karret an denn den schluffigen Lehm, den weichen,

Und lasset uns daraus Ziegel streichen!

Ziegel zu Stein und Erdharz zu Kalk!

Das Feuer entfache der Blasebalg!

Wie wir es von den Vätern her kennen,

So wollen steinhart die Ziegel wir brennen!

Und Frieden und Glück und Wohlstand fürwahr

Wird einziehn beim Turmbau in Sinear!‘

 

Nun war es ein lachend und scherzend Beginnen,

Ein freudiges in die Hände gespuckt,

Ein Schippen und Karren ohne Besinnen,

Da wurde nicht lange grübelnd geguckt.

Doch als gerade nach sieben mal sieben Jahren

Mit der siebten Terasse sie fertig waren,

Da zeigten sich in der dritten Risse.

Und als sie beseitigt die Ärgernisse,

Da knirschten in der zweiten die Träger,

In der vierten neigten die Wände sich schräger,

Und Unmut zog ein im ganzen Land.

 

Die Agitatoren, redegewandt,

Entfachten das allgemeine Lästern,

Und allenthalben aus ihren Nestern

Krochen hervor die Brunnenvergifter,

Volksverführer und Unruhestifter!

Die Demagogen und Doktrinäre

Verkündeten als Heil die Lehre:

‚Lasset aus unserer Mitte uns jagen

Die vordem hatten die Macht und das Sagen!‘

 

Jetzt drehte sich, wie eine Töpferscheibe,

Das Land: Es hungern nun die hohen Räte,

Die Damen stopfen selber die Nähte

Der Lumpen, die ihnen hängen am Leibe,

Und wagen sich zu sprechen nicht mehr.

Die Bürger müssen schuften schwer

Und rackernd sich abmühn, sich regen und schwitzen

Und müssen selbst an der Mühle sitzen!

Nicht wieder die Noblen sind zu erkennen,

Seit man befahl, von ihrer Brut sie zu trennen,

Das zieht durch’s Land wie Fieberschauer!

Man wirft ihre Kinder auf die Straße,

Die Meute schlägt sie an die Mauer

Und schmeißt sie hin, den Geiern zum Fraße.

 

Auch die Beamten sind abgetan,

Kein Amt steht mehr an seinem Platze,

Das Chaos zeigt hier seine Fratze,

Sinnlose Leute in ihrem Wahn

Der unbeschränkten Selbstentfaltung,

Die rauben dem Lande Maß und Verwaltung.

 

Und wo du sonst nie hingekommen,

Jedwede Bureaus, sie stehen offen!

Niemand wird mehr angetroffen,

Weit und breit steht alles leer!

Personenlisten weggenommen!

Und Untertanen gibt’s nicht mehr!

 

Wohin sind verschwunden all die Listen

Der Sackschreiber, die sich verpissten?

Oder sie wurden umgebracht,

Ausgetilgt durch Narrenmacht,

Und jeder folgt nun dem System,

Dass derart viel vom Korn er nehm‘,

Wie er vom Korn sich nehmen will!

 

Selbst in den Sälen der Gerichte

Stolzieren die geringsten Wichte.

Niemand da, der sie verstößt!

Das Haus der Dreißig steht entblößt!

 

Keiner wagt da mehr zu ackern,

Sich beim Bauen abzurackern.

Kein Holz mehr wird ins Land gebracht.

Der Boden liegt wüst und außer Acht

Und alles Feld bleibt unbestellt.

 

Jetzt gibt es kein Getreide mehr,

Denn alle Speicher blieben leer,

Und in Hungerqualen und Höllenpeinen

Das Futter sie klauben aus Trögen von Schweinen.

 

Die Menschen halten sich nicht mehr reinlich,

Grind und Dreck scheinen keinem mehr peinlich,

Kot und Mist liegen kreuz über quer.

Man blickt gehässig, man lacht nicht mehr.

Die Wörter werden fast täglich diffuser,

Die Sprache unverständlich konfuser.

Die Schreiblehrer sind überflüssig

Und Kinder lebensüberdrüssig.

 

Die Geburten nehmen ab zumal,

So vermindert sich täglich der Menschen Zahl,

Und von der Wüste bis hin an das Meer,

Wächst bei allen nur ein Begehr,

Dass alles sich in den Abgrund zöge

Und endlich zugrunde gehen möge.

 

Und nun beginnt das Reich des Pöbels

…“

 

 

(Hier bricht der lesbare Teil der Tafel kurz vor ihrer Bruchstelle ab. Doch von der aus anderweitigen Quellen überlieferten Historie jenes Reiches hatte ich ja dereinst Dir berichtet: => Das Reich des Pöbels.)

 

Serapion an Mephisto

 

Sitze ich an meinem Tische,

Sommers nach der Morgenfrische,

Hintenraus auf dem Balkon,

Blättre ich im Feuilleton.

 

Lese über Land und Leute,

Über Männer, über Bräute,

Und was sich zusammenbraut,

Und mein Kater, der miaut.

 

Unten spiel’n zwei Nachbarskinder,

Denken sich, sie wären Inder,

Wickeln Tücher um den Kopf,

Bei dem Mädchen stört der Zopf.

 

Immer greller geht das Leben,

Dies erfuhr ich gerade eben,

Als ich in die Zeitung schaute,

Wo die Bild mir anvertraute:

 

– In Australien eine Frau

Äußert nach der Abendschau,

Hingewandt zu ihrem Manne,

Daß sie ihn hinfort verbanne.

 

„Ja, das klotzt dir an die Nieren,

Kannst von mir aus auch krepieren!

Pack die Sachen und marschier,

Ick mach mein Geld auch ohne dir!“

 

Er springt hoch und ist ganz sauer,

Rennt um den Tisch, plump wie ein Bauer,

Sich aus dem Schrankfach zu armieren

Mit einem Messer zum Tranchieren!

 

Nun denkt man leicht, passiert das Übliche,

Das ewig weltenweit Betrübliche:

Nach Wetterkarte und Abendschau

Durchsticht der Mann die Ehefrau.

 

Zumal sie schreit: „Du bist zu feige!“

Worauf er brüllt: „Wenn ich’s dir zeige?“

Sie schreit: „Du bist der Schlappschwanz hier,

Ick mach mein Geld auch ohne dir!“

 

Er vis-à-vis am Küchentisch,

Das Messer weist er gegnerisch

Am Griff umklammert von seiner Linken,

Es glitzert und funkelt, sie sieht es blinken…

 

Mit einem Mal, ritschrip, ritschrap,

Sägt er sich seinen Finger ab,

Den kleinen Finger der rechten Hand,

Ambulant und hirnverbrannt!

 

Au wei, au wei, der Finger liegt frei

Herum auf dem Wachstuch, als wär’s einerlei!

Doch unverdrossen, mit blutigen Händen,

Läßt unser Held es nicht bewenden

 

Und läßt, die Frau kreischt hell und munter,

Mittels neun Fingern sein Beinkleid runter,

Entblößt sich selbst die Genitalien,

So ist es geschehen im fernen Australien!

 

Packt straff sich seinen Hodensack,

Ritschrip, ritschrap, als wär’s ein Klack,

Schneidet und schmeißt das Geschnittene nieder,

Blickt um sich wild wie ein Stupider

 

Und stönt ihr vor, o welch Kontrast:

„Was du jetzt angerichtet hast!“

Da lacht sie bloß: „Was willste du von mir?

Ick mach mein Geld auch ohne dir!“

 

Worauf er, trotz mangelndem Applause,

Gerät nun völlig aus dem Hause

Und säbelt sich, ritschrip, ritschrap,

Vor seiner Frau den Penis ab… –

 

Erst beim neunten Glockenschlage

Steig ich aus meinem Bettverschlage,

Eß ein kleines Festgelage,

Geh in meine Grünanlage,

Genieße voll die Wetterlage

An jedem blauen Sommertage.

 

Und zieh’n am Himmel böse Wolken,

Kann ich in der Nase polken

Nach Herzenslust – oder auch nicht,

Denn das ist ja keine Pflicht!

 

 

Im übrigen aber bin ich der Meinung, daß es Zeit wird, an Völkerwanderung zu denken und an den Untergang der römischen Zivilisation und die Vergeblichkeit jeglichen Limes.