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Thalatta ! Thalatta !

Kategorie-Archiv: Zeitgeschehen

Was tun gegen den Haß?

 

15. März 2020: Solon an Mephisto

 

Ihr klagt in Eurer Gesellschaft über eine erschreckende Zunahme von Haß und Gewalt?

Wenn es unter uns bleibt: Kurz vor Weihnachten klingelte in der Hose mein Händi, und auf dem Schirm, dem Displä, erkannte ich die mir von Barack Obama übermittelte Nummer Eurer Kanzlerin. In meiner Eigenschaft als Meister vom Stuhl der Geheimloge „Archon Eponymos“ lud sie mich eigenhändig ein nach Berlin ins Kanzleramt. Zu einer wegen ihrer strengen Vertraulichkeit von jeglicher Presse abgeschirmten Kabinettssitzung. Es ginge um das Thema Haßbekämpfung. Ich hege eine Hochachtung vor dieser Frau mit ihrer exorbitanten Arbeitsleistung und hatte zugestimmt unter der Bedingung, daß sämtliche Händis und Eifons der Anwesenden zuvor eingesammelt und in einem Nebenraum überprüfbar ausgeschaltet auf einem Extratisch und zugreifbar für Stichproben versammelt lägen. Wie ich mich dort gerade über die Gerätschaft Eures Verkehrsministers beugte, trat auch schon die Kanzlerin aus einer Tapetentür und stürzte sich auf mich, um mir beide Wangen zu küssen, daß es nur so widerschallte, und geleitete mich zu den Versammelten. Und ich kann sagen, sie, diese rhetorische Schlaftablette, die gewöhnlich Sätze wie „Das ist total inakzeptabel“ oder „Unser Mitgefühl gilt den Opfern“ vom Blatt abliest, redete in diesem Kreise völlig ungezwungen.

Wenngleich natürlich in ihren ordinären Platitüden.

Ach ja, die Angela, die meint, es immer gut zu meinen und vor allem richtig. Was sich aber nicht wiederholen dürfe.

Welch tragische Figur im klassischen Sinn!

Nur eben mit deutscher demokratischer, also ungenügender Schulbildung in humanistischen Fächern.

Dafür verbildet im Geschichtsunterricht mit der Vermittlung einer marxistischen Geschichtsauffassung: Geschichte reduziert als „Geschichte von Klassenkämpfen“. Fortgesetzt in den „Studienjahren der Freien Deutschen Jugend“ mit der obligatorischen „Erziehung zum Klassenhaß“ und dem nach einer bestandenen Abschlußprüfung gekrönten Erwerb des „Abzeichen für gutes Wissen“. Getragen auch vor der stolzen Brust als Aufnäher für die blaue Bluse.

Übrigens, unter uns Pastorentöchtern, da fällt mir ein: Man mußte in der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik nicht Sekretärin für Agitation und Propaganda sein, um Doktorin werden zu können. Du wirst Dir ja solchen Quatsch sowieso nicht einreden lassen.

Das Verbum „müssen“ bewahrt in den Mündern der sogenannten „gelernten DDR-Bürger“ nach der sogenannten Wende, ihrem Hüllwort für den Zusammenbruch, nämlich dem endlichen Ende der Deutschen Demokratischen Republik, das Wort „müssen“ offenbart in Mündern diverser Ostdeutscher bis heute eine etwas bizarre Semantik.

Man war selbst als Pastorentochter nicht gezwungen, Sekretärin für Agitation und Propaganda zu sein und marxistische Vorträge zu halten und Andersdenkende atheistisch zu agitieren. Zumal wenn man glauben machen will, das System durchschaut zu haben. Zu dem Posten gehörte schon entweder eine beträchtliche Portion Überzeugung für das im übrigen ja ausgemacht kirchenfeindlich zu Propagierende und das die zu Überzeugenden Agitierende oder aber ein ausgemachtes Maß an verlogener Opportunität und orwellschen Zwiedenkens. Daran muß ich auch immer denken, wenn mir, zwischenzeitlich nun fast täglich präsent im Fernsehen, jene andere Pastorentochter dezidiertest die Welt erklärt als ehemalige Sekretärin für Agitation und Propaganda. Und, Du könntest mich schlagen, ich kann nichts dagegen tun, ich sehe die Katrin Göring-Ekkart dann stets in blauer Bluse mit dem aufgenähten „Abzeichen für gutes Wissen“, und geradezu zwanghaft drängt das Bild sich mir auf, die Gutste, sie spräche gerade wieder vor einer FDJ-Versammlung.

Ja, so ist das.

Übersetzer braucht das Land!

Im Hinblick auf die vereinbarte Vertraulichkeit kann ich natürlich zu den Einzelheiten der Besprechung und insbesondere zu den Äußerungen der Beteiligten mich nur zurückhalten und lediglich einseitig meine vorgetragene Auffassung repetieren, wie man denn in Deutschland den um sich greifenden Haß besiege.

Hier sind meine Punkte:

Spart Euch die Hälfte des vorgesehenen Geldes für die Digitalisierung der Schulen. Ihr müßt nicht jedem Kind ein Täbblet kaufen und seine Lehrer in ein ohnehin aussichtsloses Hinterherrennen hinter gewinnorientierten Innovationen der Digitalindustrie zwingen. Steckt die andere Hälfte lieber in gesundes Schulessen und gepflegte Toiletten. Denn den richtigen Umgang mit modernen Medien könnt Ihr völlig ohne Rechner lehren!

Und insbesondere den ausufernden Haß besiegen:

1) Für sämtliche Schulformen und -klassen gilt Rückkehr zum Frontalunterricht!

2) Ab erster Schulklasse Einführung eines Schulfaches „Spielen“. Darin ausschließlich computerfreies Spielen. Spiele: Malefiz, Go, Dame, Skat, Doppelkopf und Schach. Auch mit Wettbewerben und Olympiaden, aber nur sekundär. Es geht nicht um Beförderung des Ehrgeizes, sondern ums  S p i e l e n!  Um Freude am  S p i e l e r i s c h e n  im Zusammensein mit anderen Menschen. Lernziel unter anderem: Verlieren lernen. Konzentration. Geduld. Standhalten in scheinbar ausweglosen Situationen. Umgang mit „Gegnern“. Verinnerlichung von Verhaltensweisen: Unterscheidung zwischen Spiel und Ernst. Es ist ein Spiel! Ich befinde mich im Spiel! Der Gegner ist und bleibt mein Freund.

Was ja heute nicht mehr selbstverständlich ist.

Und es geht um Entwicklung von Kreativität unter Bedingungen des regelbasierten Handelns.

Schwerpunkt Schach! Trotz seiner Komplexität: Für alle! Unbedingt!

Erkennen von Situationen. Entwicklung von Strategien.

Stillsitzen.

3) Von der ersten bis zur letzten Klasse und auch zu Lasten anderen Unterrichts mindestens zwei Wochenstunden Dialektik. Als Haupt- und Prüfungsfach. Darin über die Schuljahre verteilt: Philosophie, vornehmlich abendländische.

Abendländische Ethik, Geschichte der abendländischen Ethik, Kynismus, Stoa, Epikureismus.

Logik, logische Schlußweisen, Denkfehler, abstrahieren, Deduktion und Induktion, definieren, Problemlösungsdialektik versus Überzeugungstransfer (aber beides gleichermaßen). Und wie in alten Zeiten der sieben Künste: Rhetorik. Kritisieren, argumentieren, debattieren, moderieren, reden, Reden halten.

Sokrateische Mäeutik: ich weiß, daß ich nichts weiß.

Quellenkritik!

Und nicht zuletzt: Analytik!

Beispielsweise anhand von Filmanalysen!

4) Für jedes Schuljahr gilt: Die Anzahl der Mathestunden hat die Anzahl der Stunden des Musikunterrichts nicht zu überschreiten. Es ist zu bedenken, daß vermutlich über 90 Prozent der Menschen glücklich durchs Leben kommen, obwohl sie vergessen haben und gar nicht zu wissen brauchen, was ein Logarithmus ist.

Aber: Wichtig sind Grundzüge der mathematischen Logik!

Beispielsweise für das Erkennen von Äquivalenzen.

Und für jedes Schuljahr gilt ebenso: Es ist zu bedenken, daß vermutlich über 90 Prozent der Menschen skrupellos in die Straßenbahn steigen, obwohl sie nicht wissen, wie ein Elektromotor funktioniert. Demnach hat die Anzahl der Physikstunden die Anzahl der Stunden des Unterrichts in Kunst und Poesie nicht zu überschreiten. Kunst, Literatur, Poetiken! Lesen! Und nicht zu unterschätzen: Sinnvolles Nacherzählen von Gelesenem! Textverständnis. Ganz wichtig: Effektives Nacherzählen auch umfangreicherer Lesestoffe. Also Schulung des Vermögens, das Wesentliche vom Unwesentlichen trennen zu können. Das erscheint mir bei erstaunlich vielen Menschen unterentwickelt. Und also haben sie mühsam und beladen zu kämpfen im Leben und wundern sich über die stete Widrigkeit der Verhältnisse.

Nacherzählen von Geschehnissen, Unterscheidung von Wahrnehmung und Realität.

5) Und jetzt komme ich zum Knaller, wenn Ihr den Haß besiegen wollt: GESCHICHTE!

Der Geschichtsunterricht hat nicht abgewählt werden zu können! Von keinem Schüler und niemals! Der Geschichtsunterricht hat nicht verquickt zu werden mit anderen Fächern wie Gemeinschaftskunde. Das ist ungeheuerlich!! Der Geschichtsunterricht hat sich nicht zu beschränken auf politische Geschichte. Der ausführliche Geschichtsunterricht ist keine Nebensache sondern unabwendbares Haupt- und Prüfungsfach für jeden Schüler! Insbesondere auch vergleichende Geschichtsbetrachtung. Insbesondere altgriechische Geschichte mit allem Drum und Dran. Und hier böte sich zum Beispiel an ein Vergleich der Verhältnisse Altgriechenlands mit dem jüngeren und aktuellen Europa.

Geschichte! Geschichte! Geschichte!

 

Erwäge beständig, daß alles wie es jetzt ist, auch ehemals war, und daß es immer so sein wird. … Überall dasselbe Schauspiel, nur von anderen Personen aufgeführt.

Marc Aurel (121-180)

 

Erderkaltung

 

8. März 2020: Serapion an Mephisto

 

Wir befinden uns im Jahr 20 des 21. Jahrhunderts.

Auf zahlreichen Linien ist der Flugverkehr zusammengebrochen. Weltweit wird an unzähligen Orten die Produktion stillgelegt. Über New York wird der Ausnahmezustand verhängt. Millionenstädte sind abgeriegelt. Die Bewegungsfreiheit wird drastisch eingeschränkt und öffentliche Zusammenkünfte der Menschen werden untersagt. Schulen, Universitäten, Theater, Kinos, Konzerthallen, Museen und Sportclubs werden geschlossen. Es gelten Ein- und Ausreiseverbote. Selbst innerhalb der Sperrzonen dürfen sich die Einwohner nicht mehr frei bewegen und ihre Wohnungen nur in genehmigten Ausnahmefällen verlassen.

Zwischen den Menschen ist ein Mindestabstand einzuhalten.

Obendrein bringen schwachsinnige Eltern ihre unschuldigen Kinder an die Grenze des Abendlandes mit seinen Werten. Wo die Kinder beschossen werden von vorn mit abendländischen und sie beschossen werden von hinten mit morgenländischen Gasgranaten.

Wir befinden uns im Jahr 20 des 21. Jahrhunderts.

 

NachD E N K E N

 

29. Februar 2020: Bellarmin an Mephisto

 

Freitag, 21. Februar 2020, Bild:

„Größenwahn ist sein Leitthema“, so Psychotherapeut Lüdke. „Verglichen mit Edward Snowden ist er nach eigener Meinung der Größere. Snowdens Enthüllungen bezeichnet er als ‚Kindergeburtstag’“.

Sein Leben unterteilt Rathjen in „zwei Abschnitte“. Zunächst habe er nur vermutet, dass er überwacht werde, später dann „volle Gewissheit“ erlangt.

Rathjen glaubte, ab dem „Tag meiner Geburt“ rund um die Uhr überwacht zu werden. Er beschreibt eine Stimme, die ihm im Alter von wenigen Tagen sagte, dass er „in die Falle gegangen“ sei. Später stellte er fest, „dass ich bereits mein ganzes Leben in den Fängen einer Geheimorganisation war“.

Geradezu skurril: Beim Schauen von Hollywood-Filmen habe er überlegt, wie man eine Serie daraus machen könnte – und ein paar Jahre später sei dann eine ähnliche Serie gedreht worden. Für den Terroristen genug Beleg, dass jemand seine Gedanken liest.

„Filme und Fußball waren offenbar seine großen Leidenschaften“, so Lüdke. „In aller Welt befasst man sich damit, aber er hat das auf sich bezogen. Und für sich hat er gesehen: Meine Ideen beschäftigen die ganze Welt.“

 

Freitag, 21. Februar 2020, FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG:

Wer war Tobias R., der in Hanau mutmaßlich zehn Menschen ermordete? Aus welchen Quellen speiste sich sein Weltbild, in wessen Namen glaubte er zu handeln? Ist er ein rechtsextremer Terrorist im konventionellen Sinn des Wortes, der aus blankem Fremdenhass eine Shisha-Bar und einen Kiosk zu seinen Zielen auserwählt hat? War er Teil eines Netzwerks, oder ist er ein sozial isolierter Einzeltäter, der sich in den finsteren Foren des Internets radikalisiert hat?

Bis diese Fragen endgültig beantwortet sind, wird es noch dauern – doch ein Video sowie mehrere Dokumente des Täters, die dieser Zeitung vorliegen, geben einige deutliche Anhaltspunkte. Eines der Dokumente kann man als Manifest und Abschiedsbrief bezeichnen; es ist 24 Seiten lang und enthält eine mäandernde Chronologie seines Lebens, die immer wieder von bizarren Exkursen zu Geopolitik, Militärstrategie, Wirtschaftsmacht und Filmbranche durchbrochen wird. Anschlagspläne werden darin nicht explizit angesprochen, wohl aber angedeutet, etwa, wenn es heißt, dass R. die Bestätigung seiner Thesen „nicht mehr miterleben“ können wird und dass ihm nichts anderes übriggeblieben sei, als so zu handeln, wie er es getan habe, „um die notwendige Aufmerksamkeit zu erlangen“.

Gleich zu Beginn des Manifests will R. jedoch etwas anderes klarstellen: „Im Mittelpunkt meiner Botschaft steht die Tätigkeit eines sogenannten ‚Geheimdienstes’“. Dieser überwache grundlos die Privatwohnungen Tausender Menschen in Deutschland; es gebe dort auch Mitarbeiter, „welche in der Lage sind, die Gedanken eines anderen Menschen lesen zu können und darüber hinaus fähig sind, sich in diese ‚einzuklinken‘ und bis zu einem gewissen Grad eine Art ‚Fernsteuerung‘ vorzunehmen“.

Die Vorstellung eines Geheimdienstes oder sonstiger dunkler Mächte, die ihn fernsteuern, ihm Gedanken eingeben und ihn überwachen, zieht sich in verschiedenen Abwandlungen durch das gesamte Dokument. Darin offenbart sich die Gedankenwelt eines Menschen, der zwar in zusammenhängenden Sätzen spricht, den jedoch augenscheinlich nur noch lose Fäden mit der Realität verbinden: So hätten ihm unbekannte Agenten Albträume eingespielt; nach dem Erwachen habe er dann intuitiv gewusst, dass die Vereinigten Staaten für den 11. September verantwortlich seien. Dieselbe Geheimorganisation transplantiere auch Filmkonzepte aus seinem Kopf in neue, real existierende Hollywood-Produktionen – er sei somit der unfreiwillige Ideengeber der Filmindustrie.

Breiten Raum nehmen seine Empfehlungen für eine erfolgreiche amerikanische Militärstrategie ein, die dringend notwendig sei, um sich gegen die aufstrebende Wirtschaftsmacht China sowie gegen Drogenschmuggel und illegale Migration aus Mexiko zu behaupten und die gewisse Überschneidungen mit der Politik des amerikanischen Präsidenten enthalten. Dass Donald Trump seine diesbezüglichen Empfehlungen wissentlich umsetze, bezweifelt Tobias R. allerdings, „da ich mir hier sicher bin, dass dies über die sogenannte Fernsteuerung funktioniert.“ Diese Auflistung von Bizarrem ließe sich lange fortsetzen und findet ihre Entsprechung in den anderen beiden Dokumenten, die sich mit militärischen Planspielen des Nahen Ostens sowie mit einer optimalen Trainingsstrategie für den Deutschen Fußballbund befassen. Trotz aller gebotener Zurückhaltung bei psychologischen Ferndiagnosen bleibt nach der Lektüre kaum Zweifel: Tobias R. war geistig krank.

Doch neben den unübersehbaren Anzeichen einer psychischen Erkrankung finden sich auch andere Passagen in seinem Manifest, die Aufschluss zu seinen Tatmotiven geben könnten. R. schildert ein Gespräch, das er im Jahr 1999 mit einem ehemaligen Kollegen aus seiner Banklehre geführt habe und das für ihn noch immer prägend sei. Dabei sei es unter anderem um „die Kriminalität, oder allgemeiner ausgedrückt, das schlechte Verhalten bestimmter Volksgruppen, nämlich von Türken, Marokkanern, Libanesen, Kurden, etc.“ gegangen. Er und sein Kollege hätten beide negative Erfahrungen mit Menschen aus diesen Gruppen gemacht, etwa „absichtlich provozierte Streitereien auf dem Nachhauseweg von der Schule oder dumme Anmachen in der Disko“. Das könne er zwar „aus heutiger Sicht mit Sicherheit als ‚harmlos‘ bezeichnen“, weil dabei niemand zu Schaden gekommen sei, aber aus dem Freundeskreis seien ihm auch schwerere Fälle von Ausländerkriminalität bekannt. Während seiner Ausbildung habe er zudem einen Banküberfall am eigenen Leib miterlebt; die Karteikarten potentieller Verdächtiger, die die Polizei ihm später präsentiert habe, hätten dann „zu ca. 90% aus Nicht-Deutschen“ bestanden, hauptsächlich aus Südländern und Türken. Daraufhin habe bei ihm ein „Erkenntnisgewinn“ eingesetzt: Die deutsche Kultur sei überlegen, eine Reihe anderer Völker bestehe hingegen aus minderwertigen Fortschrittsverhinderern, mit denen sich „das Rätsel“ der Suche nach den Ursprüngen des Universums nie werde lösen lassen; erst recht werde es mit diesen Völkern nicht gelingen, eine Zeitreise in die Vergangenheit zu unternehmen, unseren Planeten vor der Entstehung menschlichen Lebens auszulöschen und so rückwirkend auch alles menschliche Leid zu verhindern. Folglich sollten im Zuge einer ersten „Grob-Säuberung“ sämtliche Einwohner von 24 namentlich genannten Ländern getötet werden; darunter viele Staaten des Nahen und Mittleren Ostens einschließlich Israels sowie nordafrikanische und südostasiatische Länder.

Die Frage, ob R. ein Rechtsextremer mit psychischen Problemen war oder ein psychisch Kranker mit eher zufälligen Einsprengseln von Rechtsextremismus, wird in der Debatte über seine Tat absehbar eine zentrale Rolle spielen. Jedenfalls findet sich in den vormals auf seiner Homepage abrufbaren Dokumenten nichts, was sich als umfassende und kohärente rechte Ideologie bezeichnen ließe. Bezugnahmen auf politische Parteien, Autoren oder Ideengeber des rechten Spektrums fehlen vollständig, auf die deutsche Migrationspolitik wird kaum eingegangen. Auch die weiterführenden Links auf seiner Homepage verweisen nicht auf dezidiert politische Inhalte, sondern vielmehr auf Videos und andere Websites aus dem wahnhaft-verschwörungstheoretischen Spektrum, die um Themen wie Telepathie, Fernsicht, Gedankenkontrolle, Energieheilung und Entführung durch Außerirdische kreisen. In einem Video von sich selbst, das R. am 14. Februar 2020 auf Youtube hochgeladen hatte, richtet er sich schließlich an die Bürger Amerikas, die endlich aufwachen und Widerstand leisten müssten gegen die Geheimgesellschaften, die ihre Gedanken steuern und die in unterirdischen Militärbasen den Teufel anbeten und Kinder foltern und töten.

 

Freitag, 21. Februar 2020, Deutschlandfunk, über Äußerungen des ehemaligen Angehörigen der Antifa und gegenwärtigen Generalsekretärs der SPD, Lars Klingbeil, keine 24 Stunden nach dem Attentat in Hanau:

SPD-Generalsekretär Klingbeil hat vor dem Hintergrund des Anschlags erneut gefordert, die AfD vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen. … Es habe einer geschossen, aber es seien viele gewesen, die ihn munitioniert hätten. Und die AfD gehöre dazu.

 

Warum läuft Herr R. Amok?

 

22. Februar 2020: Serapion an Mephisto

 

„Warum läuft Herr R. Amok?“ ist ein Film des Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1969.

Den ich Dir empfehle.

Die Menschen von heute sind die gleichen noch wie 1914.

Aber sie haben das Internet.

Und en masse haben sie farbige Schwarz-Weiß-Filme wie „Star Wars“, und sie wissen darum immer ganz genau, was schwarz ist und was weiß, und denken, wenn sie denken, daß sie denken.

Gegen 7 Uhr, am Morgen danach, habe ich neben der Hanauer „Arena Bar“, vor und in der von Tobias R. fünf weitere wehrlose, ihrem Mörder völlig unbekannte Menschen abgeknallt worden waren, statt ihnen einmal in ihre Augen zu schauen, gegen 7 Uhr morgens habe ich dort einen älteren Mann, überwältigt von seinem übermenschlichen Schmerz, entsetzlich weinen sehen.

Es gibt keinen Trost mehr!

 

Ein Gespenst geht um in Deutschland

 

8. Februar 2020: Bellarmin an Mephisto

 

Jetzt haben wie die Ärsche zu Offizieren gemacht, jetzt glauben die Ärsche, sie sind es auch…“ hieß es sprichwörtlich in den Internationalen Brigaden während des spanischen Bürgerkrieges.

Da hat man der mit der NSDAP gleichgesetzten und als „antisemitisch“ etikettierten stärksten Oppositionspartei des deutschen Bundestages aber ein verdammt scharfes Schwert in die Hand gedrückt in dieser Woche der Dümmlichkeiten. Damit wird es ihr hinfort leicht sein, in allen Stadt-, Kreis- und Landesparlamenten jeden ihr nicht passenden Politiker zu Fall zu bringen, in dem sie arithmetisch erkennbar in wahlentscheidenden Situationen für ihn stimmt. Zum Beispiel in Thüringen Bodo Ramelow bei der nächsten Wahl zum Ministerpräsidenten, wenn CDU und FDP sich enthielten.

 

Auch wenn alle einer Meinung sind, können alle Unrecht haben.“

Bertrand Russel (1872 – 1970)

 

Alle meine Entchen

 

14. Januar 2020: Bellarmin an Mephisto

 

Bei uns in Deutschland entfaltete sich kürzlich ein Medienskandal, der den aktuellen Zustand der Verflachung hiesigen Geisteslebens grell beleuchtet.

Nach einer simplen Schunkelmelodie existiert in eben diesem Lande ein aus den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts stammendes Karnevalssauflied mit dem einstrophigen Text

 

„Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen,

klein Häuschen, klein Häuschen,

wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen

und die erste und die zweite Hypothek!“

 

Aus der Melodie entstand schnell das Kinderlied

 

„Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad,

Motorrad, Motorrad,

meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad,

meine Oma ist ’ne ganz moderne Frau!“

 

in Dutzenden Varianten:

 

„Meine Oma hat ’nen Dackel, der trägt Höschen“,

„Meine Oma schießt im Fußball den Elfmeter“,

„Meine Oma fährt im Panzer zum Finanzamt“,

„Meine Oma hat ’nen Nachttopf mit Beleuchtung“,

„Meine Oma hat ’ne Krückstock mit ’nem Rücklicht“,

„Meine Oma hat ’ne Brille mit Gardinen“,

„Meine Oma hat im Backenzahn ein Radio“

 

usw. usf.

 

Was gibt es Schöneres: Jedes Kind kann hier mitdichten!

Nun muß jemandem die Idee ins Hirn getreten sein in einem Kanal des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, einen Kinderchor satirisch ein klimakämpferisches Lied mit einem Text singen zu lassen, in dem die Oma im Hühnerstall nicht nur Motorrad fährt, sondern zusätzlich der Reihe nach auch dieses oder jenes CO2-ausstoßende Vehikel. Und vermutlich statt der „Hypothek“ sang der Kinderchor im Hinblick auf die Oma das Wort „Umweltsau“.

Ich kann das alles nur vermuten. Zum einen, weil Du weißt ja, seit nunmehr etlichen Jahren frönt der deutsche Journalismus der unseligen Angewohnheit, falls man im äußersten Fall wirklich nicht mehr umhinkommt und sich wahrhaft gezwungen sieht, statt des meist folgenlosen Geschwafels von Politikern einmal ein Faktum zu vermelden, ein wirklich wahrhaft unschminkbar geschehenes Geschehnis, dann bringt man ausschließlich erst am Schluß der Meldung das, worum es eigentlich geht, und zwar nach mehreren, die unbestreitbare Tatsache zuvor wattierend einordnenden Politiker-Sprechblasen. Und das Ding an sich nur möglichst knapp in ein, zwei hastig hingeschmissenen Sätzen.

Um sicher zu gehen, daß Du nicht etwa anfängst selbständig, womöglich anders, also falsch darüber zu denken, als richtungsweisend politisch korrigiert.

Gnadenlos! Da kannst Du wie auf glühenden Kohlen sitzen und Dich fragen, was ist denn nun eigentlich passiert?

So auch hier.

Zum einen also kann ich den Sachverhalt nur vermuten, weil man nach etlichen Äußerungen regelrecht schweißtropfend lediglich am Rande vermeldete, ein Kinderchor habe im Fernsehen das Lied von der Oma im Hühnerstall mit einer Oma als Umweltsau gesungen.

Wenn Du Dich nun inmitten eines eigentlichen Kindergartenstreits wähnst, hast Du richtig gelesen. Auch mir fiel dabei gleich ein anderes Kinderlied ein: „Hurra, wir verblöden, für uns bezahlt der Staat! Wochentags ’n Fuffz’jer, sonntags eine Mark, hurra, wir verblöden, für uns bezahlt der Staat!“

Und zum andern: Weil man das Lied nach der Sendung in geradezu scheißender Angst aus dem Internet tilgte.

Sein Text ist nicht mehr verfügbar!

Nun kannst Du Dir lebhaft vorstellen, daß der Text flach war, daß er dämlich war, daß er unausgewogen und einseitig und vordergründig insistierte. Ein moral-ökologisches Lied deutscher Zunge eben. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, daß es sogar völlig in die Hosen ging, indem es idiotologisch anprangernd „für die gute Sache“ warb.

Statt mit Charme und Esprit.

Du wirst Dich erinnern, in der Deutschen Demokratischen Republik ließen die Machthaber von Zeit zu Zeit ein „Festival des politischen Liedes“ veranstalten. Für die Gleichgesonnenen, für die Rechtgläubigen mit dem fanatischen Blick. Dort sangen sie dann anstatt „I can’t get no satisfaction“ als sozialistisches Ersatz-Satisfaction den Agitprop-Song des sogenannten Oktoberklubs

 

„Sag mir, wo du steehst! Sag mir, wo du steehst!

Sag mir, wo du steehst, und wel-chen Weeg du geehst!

Rück- oder vor-wärts, du musst dich ent-schlies-sen!

Wir brin-gen die Zeit nach vorn Stück um Stück!

Du kannst nicht bei uns und bei ih-nen ge-nies-sen,

denn wenn du im Kreis gehst, dann bleibst du zu-rück!

Sag mir, wo du steehst! Sag mir, wo du steehst!

Sag mir, wo du steehst, und wel-chen Weeg du geehst!“

 

Und das blaubebluste Publikum klatschte blauäuigig glimmend im Marschrhythmus mit.

„Agitprop“ hieß die Abkürzung für „Agitation und Propaganda“.

Von Agitation und Propaganda nun zum bundesdeutschen Gegenwartsjournalismus. Am Samstag, dem 4. Januar, meldete der Deutschlandfunk in den verschriftlichten Nachrichten:

Köln und Baden-Baden: Demonstration nach „Umweltsau-Satire“ vor WDR und SWR

In Köln haben erneut Demonstrationen im Zusammenhang mit dem satirischen „Umweltsau“-Video des WDR stattgefunden.

Hunderte Menschen nahmen an einer Kundgebung der Organisation „Köln gegen Rechts“ teil. In Berichten war von rund 1.500 Teilnehmenden die Rede. Dazu aufgerufen hatten auch die Gewerkschaften Verdi und Deutscher Journalistenverband.

Auf Seiten der Kritiker des Videos war von rund 50 Teilnehmenden die Rede. Als Organisatoren traten nach Angaben des Evangelischen Pressediensts und weiterer Medien rechtspopulistische und rechtsextreme Gruppierungen auf. Die AfD war Berichten zufolge mit einem Stand vor Ort.

Anzeigen und Festnahmen

Augenzeugen schilderten Auseinandersetzungen zwischen Demonstrierenden und der Polizei. Insgesamt sieben Anzeigen geschrieben [sic!] und eine Person sei festgenommen worden, teilte ein Polizeisprecher mit. Zudem hätten die Beamten Pfefferspray einsetzen müssen.

In Baden-Baden gab es Demonstrationen vor dem SWR. Nach Angaben von SWR-Journalisten hatte dort die AFD [sic!] zu den Protesten aufgerufen. Auch hier formierten sich Gegenproteste. Mehrere hundert Menschen seien zusammengekommen, heißt es.

„Gegen GEZ“

In Köln war unter dem Titel „Gegen GEZ und gegen Instrumentalisierung von Kindern gegen ältere Menschen“ für die Proteste gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mobilisiert worden. Zudem wurden erneut Äußerungen eines freien Mitarbeiters beim WDR kritisiert, der auf Twitter sarkastisch geschrieben hatte, dass die Großmütter derjenigen, die sich über das Umweltsau-Video des WDR aufregen würden, wohl „Nazisäue“ gewesen seien.

Die Gegendemo trug den Namen „Kein Einknicken vor Hass und Hetze – Klare Kante gegen Rechts“. Der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes, Frank Überall, warf den rechten Demonstranten vor, die Kinderlied-Persiflage zum Anlass zu nehmen, die Demokratie zu zerstören. Zugleich kritisierte er WDR-Intendant Buhrow: „Man muss ein solches satirisches Lied aushalten, auch wenn man Intendant ist.“ Satire müsse zuspitzen, müsse wehtun.

Buhrow weist Vorwürfe zurück

Hintergrund ist ein Lied, das der WDR-Kinderchor gesungen hatte. Darin heißt es, eine fiktive Oma sei eine „Umweltsau“, sie fahre gerne Motorrad, SUV und mache Kreuzfahrten. Nach Kritik im Internet, der zum Teil von Rechtsextremen orchestriert worden war, löschte WDR 2 das Video. Intendant Buhrow entschuldigte sich mehrfach öffentlich „ohne Wenn und Aber“.

In der aktuellen Ausgabe des Magazins „Der Spiegel“ wies er den Vorwurf zurück, vor rechten Kreisen eingeknickt zu sein. Der WDR habe durchaus die Mechanismen der rechten Mobilisierung im Internet erkannt, sagte er dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Daneben habe es aber auch eine echte, nicht gesteuerte Empörung von ansonsten wohlmeinenden Hörern gegeben.

Redakteursversammlung beim WDR

Zuvor hatte die Redakteursvertretung des WDR in einem internen Schreiben deutliche Kritik an Buhrow geübt. Man sei fassungslos darüber, dass er Redakteurinnen und Redakteuren in den Rücken falle, statt ihnen in Zeiten inszenierter Empörungswellen gegen den WDR und den Öffentlich-rechtlichen Rundfunk den Rücken zu stärken, heißt es darin. Damit sei die innere Rundfunkfreiheit verletzt worden. Für Dienstag ist nun eine Versammlung der Mitarbeitenden geplant. Daran wird laut WDR auch der Intendant selbst teilnehmen.

Diesen vor politischer Korrektur triefenden Text wollen wir uns etwas näher anschauen:

In Köln haben erneut Demonstrationen im Zusammenhang mit dem satirischen ‚Umweltsau‘-Video des WDR stattgefunden.

Aha! Da hatten schon vorher Demonstrationen stattgefunden?

Hunderte Menschen nahmen an einer Kundgebung der Organisation „Köln gegen Rechts“ teil.

Was hat „Köln gegen Rechts“ mit der Umweltsau zu tun?

War die Oma im Hühnerstall auch noch Nazi?

In Berichten war von rund 1.500 Teilnehmenden die Rede. Dazu aufgerufen hatten auch die Gewerkschaften Verdi und Deutscher Journalistenverband.

Aha!

Auf Seiten der Kritiker des Videos war von rund 50 Teilnehmenden die Rede.

Aha, „auf Seiten der Kritiker des Videos“, das heißt ja auf deutsch, die Kritiker des Videos, die haben bei sich geredet, daß sie um die 50 Teilnehmer wären. Dann hat „Köln gegen Rechts“ gar nicht alleine gegen das Video protestiert? Und 1.500 plus 50 sind 1.550 Teilnehmer. Das hätte man auch kürzer melden können…

Als Organisatoren traten nach Angaben des Evangelischen Pressediensts und weiterer Medien rechtspopulistische und rechtsextreme Gruppierungen auf. Die AfD war Berichten zufolge mit einem Stand vor Ort.

Na dann ist ja wieder alles klar!

Okay, kommen wir zur Sache.

Wie schon bei den erwähnten Sprechblasen, von denen der bundesdeutsche Journalismus heutzutage konstant vor dem eigentlichen Ereignis wertend berichtet, so werden seit 2016 auch bei Berichten von Demonstrationen Ursache und Wirkung vertauscht. Es wird zuerst über eine Gegendemonstration, eine Gegendemonstration der Anständigen berichtet, und erst dann wird die eigentliche Demonstration, die Demonstration der Unanständigen, der Nazis, also der AfD, erwähnt. Damit ist auch alles klar, und man braucht über den veranlassenden Sachverhalt nicht weiter zu diskutieren. Zumal wenn die Nazis, also die AfD, ihn „instrumentalisieren“.

Sag mir wo du steehst!

Solches Gebaren wirkte nicht selten um so makabrer, wenn die Mehrheitsverhältnisse sich umgekehrt gestalteten, also wenn beispielsweise den etwa 500 erstgemeldeten Gegendemonstranten der Anständigen 2000 unanständige Demonstranten gegenüberstanden. Kontraproduktiv ist es jedoch in jedem Fall. Denn jeder geistig bei normalen Kräften Seiende oder an die schonungslose Objektivität des bundesdeutschen Qualitätsjournalismus von einst Gewöhnte merkt hier natürlich die Absicht einer scheuklappenorientierten Denkvorgabe und wird verstimmt. Und erst recht wem dazu die Methoden der Berichterstattung eines Karl-Eduard von Schnitzlers vom Adlershofer Fernsehfunk und des deutschen demokratischen Pressewesens mit dem Zentralorgan der SED, der Parteizeitung NEUES DEUTSCHLAND an der Spitze, nicht unbekannt sind.

So degenerieren Nachrichten zur Propaganda.

Man merkt gleich am Anfang, daß die Nachrichtenredakteure nicht unparteiisch, also nicht objektiv über Sachverhalte berichten und wird mißtrauisch.

Das geht los bei den Teilnehmerzahlen. Es kommt öfter vor, daß die Teilnehmerzahl der Gegendemonstration kritiklos von den Angaben der Anständigen übernommen wird, und die Teilnehmerzahl der Unanständigen eben nicht von deren Seiten, sondern aus Polizeiberichten.

Also aus einer anderen Quelle.

Aus irgend einem Grund.

Der jedenfalls kaum etwas zu tun haben dürfte mit journalistischer Sorgfalt.

In Berichten war von rund 1.500 Teilnehmenden die Rede.

In welchen Berichten von wem?

Als Organisatoren traten nach Angaben des Evangelischen Pressediensts und weiterer Medien rechtspopulistische und rechtsextreme Gruppierungen auf. Die AfD war Berichten zufolge mit einem Stand vor Ort.

So so. Ungenannte rechtspopulistische Gruppierungen und ungenannte rechtsextreme Gruppierungen und genannt ein Stand der AfD…

Wahrscheinlich war in Köln gerade das Internet abgeschaltet und man kannte im Kölner Redaktionsbüro auch nicht die Telefonnummer der genehmigenden Stelle, um in Erfahrung bringen zu können, welche unmutmaßlichen rechtspopulistischen Gruppierungen und welche unmutmaßlichen rechtsextremen Gruppierungen die Demonstrationserlaubnis der 50 unanständigen Teilnehmer mit einem Stand der AfD, also der Nazis, beantragt hatten…

Augenzeugen schilderten Auseinandersetzungen zwischen Demonstrierenden und der Polizei. Insgesamt sieben Anzeigen geschrieben [sic!] und eine Person sei festgenommen worden, teilte ein Polizeisprecher mit. Zudem hätten die Beamten Pfefferspray einsetzen müssen.

Da kann man mal wieder sehen: Diese Nazis! Da greifen diese 50 Nazis sogar die Polizei an! Zum Glück können sich Nachrichtenredaktion und Polizei auf schildernde Augenzeugen berufen, und zum Glück hat man einen Nazi dingfest gemacht…

Obgleich, früher, in den journalistisch Prä-politisch-korrigierten-Zeiten, da hätten Journalisten sofort ein paar „schildernde“ Augenzeugen interviewt. Der RIAS wäre sowieso mit dem Übertragungswagen vorgefahren. Denn schildernde Augenzeugen können recht wichtig sein für die Erkenntnis der Wahrheit…

In Baden-Baden gab es Demonstrationen vor dem SWR. Nach Angaben von SWR-Journalisten hatte dort die AFD [sic!] zu den Protesten aufgerufen. Auch hier formierten sich Gegenproteste. Mehrere hundert Menschen seien zusammengekommen, heißt es.

Siehst Du, wieder die Nazis, also die AfD, und auch hier seien mehrere hundert Menschen, zum Glück handelte es sich um Menschen, zusammengekommen gegen die Nazis, also die AfD. Und in Baden-Baden war das Internet nicht ausgefallen, so daß die SWR-Journalisten ermitteln konnten, welche Unanständigen das Demonstrationsrecht für ihre rechtsextremen Machenschaften mißbrauchten.

Allerdings gelang es ihnen diesmal nicht, für Baden-Baden die Anzahlen der Anständigen und der Unanständigen zu ermitteln aus irgendeinem Grund.

In Köln war unter dem Titel „Gegen GEZ und gegen Instrumentalisierung von Kindern gegen ältere Menschen“ für die Proteste gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mobilisiert worden.

Also jetzt sind wir wieder bei den Rechtsextremisten in Köln.

Zudem wurden erneut Äußerungen eines freien Mitarbeiters beim WDR kritisiert, der auf Twitter sarkastisch geschrieben hatte, dass die Großmütter derjenigen, die sich über das Umweltsau-Video des WDR aufregen würden, wohl „Nazisäue“ gewesen seien.

Aha, hier hat der bundesdeutsche Qualitätsjournalismus präzise gearbeitet und herausgekriegt und weiß nachrichtlich unmutmaßlich zu vermelden, daß ein freier Mitarbeiter sarkastisch gewesen wäre. Und deswegen entschuldbar den Unanständigen, also den Nazis, unterstellt habe, ihr säuischer Nazismus sei „wohl“ vererbt worden von ihren Omas. Pardon, hier: „Großmütter“.

Wegen der indirekten Zitierung kann man natürlich nicht sicher sagen, ob der freie Mitarbeiter „wohl“ vererbt getwittert hatte, oder ob die politisch korrigierende Nachrichtenredaktion dies mit politisch korrigierender Absicht in indirekter Zitierung hinzufügte, sonst könnte die Öffentlichkeit ja sonstwas denken!

Das ermittelte und nachrichtlich extra benannte unmutmaßliche „sarkastisch“ entschuldigt insofern das Wort „Säue“ hinsichtlich der ja unserem bundesdeutschen Qualitätsjournalismus mutmaßlich unbekannten „Großmütter“ dieser demonstrierenden Nazis… Wenn diese Nazis den freien Mitarbeiter auch dermaßen entnerven, brauchen sie sich nicht zu wundern!

Und die Methode des Erkennens, ob ein Twitternder sarkastisch twittere, würde ich unbedingt patentieren lassen.

Die Gegendemo trug den Namen „Kein Einknicken vor Hass und Hetze – Klare Kante gegen Rechts“. Der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes, Frank Überall, warf den rechten Demonstranten vor, die Kinderlied-Persiflage zum Anlass zu nehmen, die Demokratie zu zerstören.

Der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes meint hier sicherlich „Satire“, wenn er „Persiflage“ sagt, denn Hauptsache und Stein des Anstoßes für die unmutmaßlich „rechten Demonstranten“ ist ja nicht die Nachahmung eines Kinderliedes, sondern der satirische Inhalt seines neuen Textes. Auf der Grundlage des vorliegenden Nachrichtentextes über die genehmigten Demonstrationen verstehe ich ebenfalls nicht, wieso und wie die von den Demonstranten zum Anlaß genommen worden wären, die Demokratie zu zerstören. Vermutlich sieht der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes das jedoch im Zusammenhang mit den von Augenzeugen geschilderten „Auseinandersetzungen“ jener 50 unanständigen Demonstranten mit der Polizei, bei denen zudem die Beamten haben sieben Anzeigen schreiben und Pfefferspray einsetzen müssen.

Hintergrund ist ein Lied, das der WDR-Kinderchor gesungen hatte. Darin heißt es, eine fiktive Oma sei eine „Umweltsau“, sie fahre gerne Motorrad, SUV und mache Kreuzfahrten.

Ich bin ja so froh, daß die Nachrichtenredaktion ohne Wenn und Aber klarstellt, in dem Kinderlied handelte es sich um einer fiktive Oma, die eine Umweltsau sei. Damit kein durch bundesdeutsche Schulen gegangener Bundesdeutscher glaube, es wäre eine wirkliche Oma gemeint, die im Hühnerstall gerne Motorrad, SUV und Kreuzfahrtschiffe führe.

Das nenne ich aufklärerischen Qualitätsjournalismus im ehemaligen Lande der Dichter und Denker! So kann kein Anständiger auf falsche Ideen kommen. Das ist doch ein schöner Zug.

Nach Kritik im Internet, der zum Teil von Rechtsextremen orchestriert worden war, löschte WDR 2 das Video.

Richtig! Noch dazu, wenn die „Kritik“ „zum Teil“ von diesen unmutmaßlichen Rechtsextremen „orchestriert“ worden war.

Vielleicht hätte man das Lied des Kinderchors von Anfang an mit einem politisch korrekten Untertitel ausstatten sollen wie etwa: „Achtung! Wenn Sie glauben, es handelt sich um eine wirklich wahre Oma, fragen Sie Ihre(n) A(Ä)rztIn oder Ihre(n) ApothekerIn oder Ihr(?) diverse(?) A(Ä)rz(?) oder Ihr(?) diverse(?) Apotheke(?).“

Intendant Buhrow entschuldigte sich mehrfach öffentlich „ohne Wenn und Aber“.

In der aktuellen Ausgabe des Magazins „Der Spiegel“ wies er den Vorwurf zurück, vor rechten Kreisen eingeknickt zu sein. Der WDR habe durchaus die Mechanismen der rechten Mobilisierung im Internet erkannt, sagte er dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Daneben habe es aber auch eine echte, nicht gesteuerte Empörung von ansonsten wohlmeinenden Hörern gegeben.

Und jetzt begreife ich endlich, was Demokratie ist: Gegen die gesteuerte Empörung der Unanständigen setzen wir Anständigen die ungesteuerte Empörung unserer Gegendemos!

 

Es geht auch anders, doch so geht es auch.“

Bertolt Brecht (1898 – 1956)

 

Der Menschheit Menetekel

 

5. Januar 2020: Kassandra an Mephisto

 

Ein Grund unter manchen anderen für ihre Fragwürdigkeit, nämlich der beträchtlichen Möglichkeit des Scheiterns Eurer Zivilisation, scheint mir tatsächlich in Eurem Wahrnehmungsvermögen zu liegen.

Im Geschichtsbild wie im Wetterbericht.

Wenn in den Nachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen Medien eine Meldung über die sogenannten Buschbrände in Australien kommt, in letzter Zeit immerhin fast täglich, sehe ich schon: danach folgt gleich der Wetterbericht. Denn die Euren bundesdeutschen Redakteuren wichtigste Meldung wird ja an den Anfang der Nachrichten gestellt. Das haben sie gelernt.

Ich vermute von Verona Pooth.

Zumindest was die heutige Generation der Nachrichtenredakteure anbelangt.

In ihrem Hinblick auf die Wertung der Wichtigkeit von Meldungen.

Anders kann ich mir kaum erklären, daß jeder absichtsvolle Propaganda-Furz eines SPD-Politikers zuverlässig auf den ersten Nachrichtenplatz gehievt wird. Und die Meldung, die Polkappen seien gerade weggeschmolzen, das paßt ja zum Wetterbericht, auf den letzten.

Selbstverständlich ohne Erwähnung, daß zwei Monate zuvor die SPD im Bundestag gegen die Einführung eines Tempolimits gestimmt hatte: Daß die SPD ein Tempolimit von 130 km/h einzuführen fordere auf deutschen Autobahnen – erste Meldung!

Daß der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD in der Neuen Osnabrücker Zeitung von einem „Windbürgergeld für Anwohner“ gesprochen habe – erste Meldung!

Daß SPD-Scholz meine, den Kommunen sollten die Altschulden gestrichen werden – erste Meldung!

Daß Ralf Stegner meine, die SPD solle mit der Linkspartei fusionieren – erste Meldung!

Daß der allseits bekannte SPD-Politiker Castellucci einen neuen Anlauf für ein EU-Asylsystem fordere – erste Meldung!

Daß die SPD bei den Verlusten bei den Krankenkassen keinen Anlaß zur Besorgnis sehe – erste Meldung!

Daß die SPD ein Recht auf Heimarbeit (zu deutsch „Homoffis“) fordere – erste Meldung!

Daß SPD-Chef Walter-Borjans verlautbart habe, die Wochenendarbeit müsse strikte Ausnahme bleiben – erste Meldung!

Man stelle sich bloß einmal vor, in einer funktionierenden Demokratie käme die größte Oppositionspartei des Bundestages mit ihren Äußerungen ebenso häufig zu Wort wie die kleinere Regierungspartei. Wenigstens an zweitplazierter Stelle… Und im vollen Vertrauen auf die eigenständige Urteilsfähigkeit der durch die Schulen dieses demokratischen Staates zur urteilsfähigen Mündigkeit erzogenen Bürger.

Aber da kennen sie nix, Eure Redakteure, und schon gar keinen „Buschbrand“ im fernen Australien.

Australien brennt!

Die begünstigende Lufttemperatur, nebenbei einmalig erwähnt: 48° Celsius!

Was an sich schon eine erste Meldung wäre.

Was sich in Australien abspielt ist ein historisches Fanal ersten Ranges! Ein Menetekel für einen Anfang!

Und Eure Philosophen schweigen.

Und Eure Historiker schweigen.

Und Eure Anthropologen schweigen

Und Eure sogenannten Denkfabriken schweigen.

Dabei gäbe es doch zum Denken ein paar äußerst naheliegende aber interessanterweise ungestellte und deshalb wohl auch unbezahlte Fragen. Und über unbezahlte Fragen spricht man nicht und denkt in Denkfabriken schon gar nicht.

Zum Beispiel:

Wäre es nicht endlich an der Zeit, darüber nachzudenken, wie das Überleben unserer Gattung zu sichern wäre beim augenscheinlichen Nichteinhalten der für das Überleben von sieben bis zehn Milliarden Menschen lebensnotwendig erachteten Temperaturziele am Ende dieses Jahrhunderts?

Oder soll das erst 2101 beginnen?

Denn ihre Erreichung läuft, wie Ihr doch zur Genüge immer aufs neue beobachten könntet bei einigem Nachdenken, der zwangsläufig expansiven Natur des Menschen zuwider.

Beweis:

Euer eben jener menschlichen Natur angemessenes, auf Gedeih und Verderb expansives Wirtschaftssystem mit seinen untereinander konkurrierenden Wirtschaftseinheiten in dem begrenzten Wirtschaftsraum dieses Planeten.

Die Probleme bei einem Wachstumsverlust oder gar bei einem bloßen Einbrechen des Wachstums, der lediglichen Einbuße eines weiteren Anwachsens in eben jenem, der menschlichen Natur entsprechenden, expansiven Wirtschaftssystem führen bereits zur Verelendung breiter Bevölkerungsschichten und können den massenhaften Verlust an Menschenleben verursachen.

Die Menschheit der tonangebenden, der entwickelten Gesellschaften unseres Planeten ähnelt mehr und mehr einem Hamster, der sich in dem von ihm betriebenen Rad hastend selber zwingen muß, immer schneller und schneller zu rennen, um wenigstens auf der Stelle bleiben zu können.

Und die Menschheit hat es nicht geschafft, auf demokratischem Wege eine überstaatliche Weltmacht zu etablieren, die eventuell noch imstande wäre, das Unausweichliche regulierend zu mildern.

Oder wenigstens zu beginnen, die richtigen, nämlich die wahrhaft wichtigen Fragen zu stellen.

Beispielsweise ob für Überlebende künftig die Städte besser unter der Erdoberfläche anzusiedeln wären.

Oder vielleicht doch in dem Ozean voller Plastik?

Bereits die Erfinder der Demokratie kannten die Schwächen demokratischer Staatsverfassung zur Genüge, die ja per Volksversammlung einen Sokrates zum Giftbechertrinken verurteilen und, apropos Putin, Trump, Erdogan, jeden Esel als Pferd deklarieren könne per Mehrheitsbeschluß.

Auch das angesichts der übermächtigen Probleme eigentliche Scheitern eines bestwilligen Politikers der Neuzeit wie Barack Obama war ein Menetekel.

Doch der benötigte Bewußtseinswandel, wie allein schon das Symptom Eurer Nachrichtenplazierung zeigt, ist keinesfalls in Sicht.

Derweil brennt oben das Dach und unten rauchen die Minen, aber mitten im Haus schlägt man sich um den Besitz (Hebbel).

Die Natur schlägt zurück!

Und das fängt ja alles erst an!

Alles wird anders, als Ihr bisher denkt!

Ich sage Dir, Ihr solltet endlich auf das Mädchen hören, anstatt es zu verunglimpfen!

 

Europa war vormals ein feuchter Wald, und andre jetzt kultivierte Gegenden waren’s nicht minder: es ist gelichtet, und mit dem Klima haben sich die Einwohner selbst geändert. Ohne Polizei und Kunst wäre Ägypten ein Schlamm des Nils worden: es ist ihm abgewonnen, und sowohl hier als im weitern Asien hinauf hat die lebendige Schöpfung sich dem künstlichen Klima bequemet. Wir können also das Menschengeschlecht als eine Schar kühner, obwohl kleiner Riesen betrachten, die allmählich von den Bergen herabstiegen, die Erde zu unterjochen und das Klima mit ihrer schwachen Faust zu verändern. Wie weit sie es darin gebracht haben mögen, wird uns die Zukunft lehren.

Johann Gottfried von Herder (1744 – 1803)

 

Wie die Kinder

 

24. Dezember 2019: Serapion an Mephisto

 

Wir müssen wie die Kinder reden, wenn wir überleben wollen. Die Blauäugigen waren es seit je, die neue Wege fanden, nicht die Verblendeten.

Wolf Biermann

 

Anstatt daß!

 

22. Dezember 2019: Bellarmin an Mephisto

 

Der bundesdeutsche Journalismus meldet tatsächlich und schamfrei im Konjunktiv II aus dem Munde des in Berlin residierenden US-amerikanischen Gesandten, 15 Staaten der sogenannten Europäischen Union und die sogenannte Europäische Kommission sowie das stets mit Pomp und Getöse als demokratische Legitimation der sogenannten Europäischen Union gewählte und gefeierte sogenannte Europäische Parlament hätten sich gegen das nichtsogenannte putin-schrödersche Gazprom-Projekt, also gegen die russische Gasleitung (zu deutsch: Gaspeiplein) ausgesprochen. Die aus irgendwelchem Grund via Ostsee vorbeigeführt wird an den affrontierten Anrainerstaaten.

Anstatt daß seinerzeit der bundesdeutsche Journalismus bedeutungsangemessen plaziert und bedeutungsangemessen ausführlich im Indikativ darüber berichtet hätte, daß und wann und mit welchem Grund und welche Staaten der sogenannten Europäischen Union und die sogenannte Europäische Kommission sowie das stets mit Pomp und Getöse als demokratische Legitimation gewählte und gefeierte sogenannte Europäische Parlament der sogenannten Europäischen Union sich gegen die russische Gasleitung via Ostsee ausgesprochen haben und wie sogar europäische Gesetzgebungsanstrengungen gegen die Gazprom-Abhängigkeit von deutscher Seite unterlaufen werden.

Gleichzeitig meldet der bundesdeutsche Journalismus tatsächlich, zwar en passant aber doch mit irgendwelchem Grund, die Amerikaner hätten ein eigenes wirtschaftliches Interesse, ihr Gas in die sogenannte Europäische Union zu liefern.

Anstatt daß all die Jahre der bundesdeutsche Journalismus bedeutungsangemessen plaziert und bedeutungsangemessen ausführlich darüber berichtet hätte, daß und wie der lupenreine Auftraggeber von Auftragsmorden neben rüden wirtschaftlichen Interessen mit dem putin-schröderschen Gazprom-Projekt als einem Mittel unter mehreren damit das politisch-strategische Ziel verfolgt, die sogenannte Europäische Union zu zerstören.

Allein an diesem Beispiel mit all den gezielten Vorenthaltungen und dümmlichen Deplazierungen des Wesentlichen hat der heutige bundesdeutsche Journalismus wieder einmal bewiesen, endgültig auf die Niveaulosigkeit der Berichterstattung eines DDR-Journalismus herabgesunken zu sein.

 

Das russische Muster

 

9. Dezember 2019: Bellarmin an Mephisto

 

Zu Trick 17 aus der rhetorischen Mottenkiste zählt die Methode: Unterstelle der Gegenseite eine von ihr nichtbehauptete Behauptung und widerlege sie ausführlich! Hier als Paradebeispiel (nebst einer ergänzenden Zählung) vorgeführt mittels eines Interviews, das der Deutschlandfunk am Morgen des Nikolaustages zum zufälligerweise schon wieder an Rußland klebenden Thema „Mord“ mit der Folge der Ausweisung zweier russischer Diplomaten aus Deutschland führte:

Christoph Heinemann: Am Telefon ist Dietmar Bartsch, Co-Vorsitzender der Fraktion Die Linke im Deutschen Bundestag, Wahlkreis Rostock. Guten Morgen.

Dietmar Bartsch: Guten Morgen! – Ich grüße Sie.

Heinemann: Herr Bartsch, reichen zwei unerwünschte Diplomaten für einen mutmaßlichen Auftragsmord?

Bartsch: Ich glaube, das kann man so gegeneinander kaum aufwiegen. Natürlich ist das zunächst mal ein symbolischer Akt, der in der Sache nicht sonderlich weiterhilft. Auf der anderen Seite führt er natürlich auch erwartbar zu entsprechenden Reaktionen in Russland. Klar ist für mich: Moskau muss kooperieren mit den Strafverfolgungsbehörden, weil ansonsten logischerweise der Verdacht, dass dort irgendetwas nicht oder, sagen wir mal so, dass es doch staatlich gelenkt ist, der bleibt und deshalb ist das zu erwarten. Aber diese Ausweisung, die ist mehr symbolisch, weil die werden irgendwann auch wiederkommen.

Heinemann: Ist sie richtig?

Bartsch: Ich glaube, dass man zumindest einen solchen symbolischen Akt durchführen musste. Man kann das nicht auf sich beruhen lassen. Auf der anderen Seite muss das Ziel klar sein. Es gibt wenig Sinn, jetzt hier zu eskalieren, weil es gibt natürlich auch in absehbarer Zeit den Ukraine-Gipfel, der extrem wichtig ist, in Paris am Montag.

Erste Abwieglung: Nicht eskalieren!

Und da ist jegliche Eskalation, die ja dann immer auch zu anderen Auswirkungen führt, nicht sonderlich gut.

Zweite Abwieglung: Nicht eskalieren!

Aber klar ist, um das noch mal in großer Deutlichkeit zu sagen: Moskau muss kooperieren. Ich bin dagegen, dass man viele spekulative Fragen beantwortet.

Dritte Abwieglung: Nicht spekulieren!

Man muss die Ergebnisse des Generalbundesanwalts abwarten.

Vierte Abwieglung: Abwarten!

Und da ist notwendig, dass hier selbstverständlich von Russland kooperiert wird, damit es auch Ergebnisse gibt.

Heinemann: Sie warnen vor Eskalation. Wer eskaliert?

Bartsch: Nun ja. Der- oder diejenige, die dann diesen Auftragsmord – ich gehe jetzt davon aus, dass das, was mehrfach zu lesen war, eben in Ihrem Bericht zu hören war, dass das genauso stimmt. Aber ich will auch als Politiker raten, dass man hier die Ergebnisse abwartet.

Fünfte Abwieglung: Abwarten!

Denn es nutzt ja nichts, dass jetzt – und ich habe das ja mit Interesse gelesen, wer sich jetzt alles von meinen Kolleginnen und Kollegen extrem auskennt, das alles so genau weiß. Da rate ich zur Zurückhaltung.

Sechste Abwieglung: Zurückhalten!

Das Auswärtige Amt hat eine klare Positionierung vorgenommen.

Die Bundeskanzlerin hat sich im Übrigen auch in der gebotenen Zurückhaltung geäußert, aber auch klargemacht, was sie erwartet.

Siebente Abwieglung: Zurückhalten!

Ich glaube, dass das der Weg ist und dass wir jetzt nicht jeder noch mal ein Stück weit Öl ins Feuer gießen müssen.

Achte Abwieglung: Kein Öl ins Feuer gießen!

Wenn sich das bestätigen sollte – es gibt ja ähnliche Fälle –, dann muss entsprechend auch gehandelt werden. Aber noch steht das nicht fest. Deswegen: Ich habe auch mit Interesse gelesen, was in Russland gesagt wird. Dort wird das alles natürlich vehement zurückgewiesen. Das wundert mich nicht. Es wäre ja schlimm, wenn jetzt gesagt werden würde, doch, doch, das waren wir schon. Aber deswegen: Ermittlungen abwarten, dann Schlussfolgerungen ziehen.

Neunte Abwieglung: Abwarten!

Heinemann: Wen meinten Sie gerade? Wer kennt sich aus?

Bartsch: Ich sehe von Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag,…

Heinemann: Wer denn?

Bartsch: Ich will jetzt keine Namen nennen. Das kann man in den Medien ja nachlesen.

??

Heinemann: Warum nicht?

Bartsch: Das sind vor allen Dingen Kollegen der Unionsfraktion, wo die Bundeskanzlerin deutlich einen anderen Akzent gesetzt hat, die gesagt haben, Russland, man müsse jetzt handeln und man müsse sofort. – Das ist in einem Rechtsstaat unüblich, sondern da hat man dann Ergebnisse und dann zieht man Schlussfolgerungen. Deswegen ist dieser – ich wiederhole das – symbolische Akt der zwei Diplomaten, der mit Sicherheit nach sich ziehen wird, dass zwei deutsche Diplomaten gehen werden, das ist richtig. Das ist das, was man auf dieser Ebene tut. Aber am Ende des Tages ist diese Reaktion eine zurückhaltende, und das ist richtig so.

Heinemann: Dann nenne ich mal einen Namen. Der CDU-Innenpolitiker Armin Schuster sagt: „Sollte sich russischer Staatsterrorismus auf deutschem Boden herausstellen, dann müsse die Spionageabwehr und dann müsse die Auslandsaufklärung gegen Russland deutlich ausgeweitet werden.“ – Ist das richtig?

Bartsch: Ja. Er hat ja seinen Satz begonnen mit „sollte“, und genau das rate ich dann auch Herrn Schuster, dieses „sollte“ abzuwarten.

Zehnte Abwieglung: Abwarten!

Wenn das denn so ist, dann muss es selbstverständlich Schlussfolgerungen geben. Die müssen von Bundesregierung, gegebenenfalls auch in den zuständigen Gremien des Deutschen Bundestages – dafür haben wir…

Heinemann: Und zwar im Sinne von Herrn Schuster?

Bartsch: Wenn das so sein sollte – ich sage auch dieses „wenn“ –, dann muss man über Schlussfolgerungen beraten. Was man dann tut, das würde ich jetzt mal nicht aus der Hüfte beantworten, sondern dann muss es entsprechende Schlussfolgerungen geben. Ich will aber noch mal in großer Klarheit sagen: Es ist nicht erwiesen. Was ich jetzt lese, Putins Tiergartenmörder, ich glaube, dass das eine spekulative Äußerung ist.

Da sollte man zurückhaltend sein.

Elfte Abwieglung: Zurückhalten!

Das ist auch Aufgabe von Politik. Da, noch mal, haben wir entsprechende Behörden. Das ist der Generalbundesanwalt. Der hat entsprechend des Anfangsverdachts seine Ermittlungen aufgenommen. Das ist richtig so. Und ich rate Herrn Schuster und anderen, bis dahin dann Zurückhaltung an den Tag zu legen.

Zwölfte Abwieglung: Zurückhalten!

Heinemann: Welche Schlagzeile würden Sie formulieren?

Bartsch: Meine Schlagzeile wäre, Generalbundesanwalt ermittelt, Verdachtsmomente bestehen. Aber ich bin ja nicht im journalistischen Bereich tätig, sondern als Politiker, und da, glaube ich, ist es angemessen, auch als Oppositionspolitiker, da der Bundeskanzlerin mit ihrer angemessenen und zurückhaltenden Positionierung Unterstützung zuzubilligen.

Dreizehnte Abwieglung: Zurückhalten!

Und dass sie nicht vor den Scharfmachern in ihrer Fraktion oder aus anderen dann einknickt und ähnlich verschärfend agiert.

Heinemann: Wo, bitte schön, sind die Scharfmacher? Sie haben gerade gesagt, sollte sich das so erweisen, wären Sie ja durchaus auch für die schusterschen Schlussfolgerungen.

Bartsch: Scharfmacher sind diejenigen, die von Wortgruppen wie Putins Tiergartenmörder sprechen, für die jetzt schon feststeht, dass wahrscheinlich sogar Herr Putin selbst unterschrieben hat und gesagt hat, der ist umzubringen. Ich glaube, das ist unzulässig. So geht man mit Menschen nicht um. Das bedient Vorurteile. Deswegen: Das sind für mich Scharfmacher. Deswegen: Das Maß an Zurückhaltung der Bundeskanzlerin unterstütze ich.

Vierzehnte Abwieglung: Zurückhalten!

Heinemann: Herr Bartsch, wie sollte die russische Regierung zur Aufklärung beitragen?

Bartsch: Das, was Strafverfolgungsbehörden erwarten, nämlich dass kooperiert wird. Genau das sollte geschehen. Das ist offensichtlich nicht der Fall gewesen und das ist deutlich zu kritisieren. Das geht so nicht! Wenn es einen Mord gibt, einen Mord an einem Georgier in Deutschland, wo es Anfangsverdachtsmomente gibt, dann muss voll umfänglich kooperiert werden. So wie Deutschland das macht, muss das Russland genauso machen. Alles andere ist inakzeptabel.

Heinemann: Gab es einen solchen Beitrag in den Fällen Skripal oder Litwinenko?

Bartsch: Das kann ich schwerlich einschätzen. Aber offensichtlich hat dort die russische Seite nur sehr begrenzt mitgewirkt, und das ist dann auch zu kritisieren, ganz klar und eindeutig.

Heinemann: Was raten Sie Widersachern der russischen Regierung, die im Ausland leben?

Bartsch: Ich kann da nur, wenn ich überhaupt einen Rat gebe – ich will der Bundeskanzlerin dort keinen Rat geben, aber sie trifft am Montag Wladimir Putin. Da geht es um andere Dinge. Da geht es um die Ukraine zu allererst, und das ist einer der größten Krisenherde, die wir weiterhin haben. Aber das wird sicherlich die Gelegenheit sein, hier auch zu agieren, und ich bin ziemlich sicher, dass es danach Schlussfolgerungen geben wird, auch in Russland.

Heinemann: Sollte man wegen dieser Gespräche den mutmaßlichen Mordfall tieferhängen?

Bartsch: Ich glaube, dass das bisher so seitens der Bundeskanzlerin, seitens des Auswärtigen Amtes geschehen ist. Ich glaube, dass das Agieren hier – ich kritisiere die Bundesregierung gerne und häufig. Hier kritisiere ich die Verantwortlichen nicht, sondern eher diejenigen, die versuchen, Öl ins Feuer zu gießen.

Fünfzehnte Abwieglung: Kein Öl ins Feuer gießen!

Fazit: Du sollst nicht denken, du sollst das Denken gefälligst der Regierung überlassen!

Damit könnte der Herr Bartsch durchaus eine steile Karriere machen in Rußland!

Im Staatszirkus.

Als Eiertänzer.

Was gegenüber Rußland die ewigen Eiertänze der Linken, insonderheit der deutschen, betrifft: Ich bin sehr dafür, endlich Öl ins Feuer zu gießen. Das Gegenteil von Scharfmacher ist nämlich Stumpfmacher. Und das Gegenteil von Scharfsinn ist Schwachsinn. Schwachsinnig ist es beispielsweise, Vorurteile als schlecht zu verdammen. Wie Sprichwörter das Gegenteil beweisen, als die gesammelte Weisheit der Völker.

Überwiegend sind Vorurteile auch vorteilhafter als Nachurteile!

Der Mensch ist überhaupt nur Mensch geworden kraft seines Vermögens, Vorurteile zu fällen. Vorurteile sind Zeichen seiner Intelligenz: Ein Vorurteil ist ja nichts anderes als die Fähigkeit, vom Besonderen auf das Allgemeine zu schließen. Und von jenem Allgemeinen vorausschauend auf das kommende Besondere. Genau die Gabe, die unsere Gattung erhoben hat über tierische Zustände.

Insofern erwartete ich bereits zu Beginn des Interviews mit dem Co-Vorsitzenden der per se rußlandfreundlichen Putinversteherpartei DIE LINKE zum Thema „Serienmord an Abtrünnigen“ nichts weiter als einen beschwichtigenden Eiertanz.

Und siehe da! Mein Vorurteil wurde wieder einmal bestätigt.

Wobei mir anläßlich einer vorhersehbaren Nichtenttäuschung meines Vorurteils natürlicherweise so gut wie immer auch Rußland einfällt. Denn in Wahrheit ist Rußland unschwer berechenbar bei seiner beständigen Verwechslung von Quantität mit Qualität: Alles was groß ist und glitzert und glänzt ist gut.

Pompös, pompöser, am pompösesten!

Bolschoi-Theater und Staatszirkus!

Nämlich: Da Rußland ein großes Land ist, ist Rußland ein gutes Land.

Je größer desto guter.

Das schlimmste Ereignis des zwanzigsten Jahrhunderts ist für den obersten Russen die Auflösung der großen ruhmredigen „Sowjetunion“. Und nicht etwa der von Hitlerdeutschland industriell betriebene Massenmord und die in deutschem Namen auch am russischen Volk verübten Verbrechen.

„Sowjetunion“ hieß ja das verlogene Hüllwort für russisches Imperium. Dessen Größe vornehmlich basierte auf Lüge und Heimtücke russischer Politik, seit Iwan der Schreckliche seine berüchtigten Opritschniki „russische Erde sammeln“ ließ.

Verlogene russische Politik: Da fallen mir ein Potemkinsche Dörfer als treffendstes Sinnbild für Rußland.

Auch beispielsweise unter anderen Lügen die Lüge von Jalta, auf der Grundlage des allgemeinen und geheimen Wahlrechts freie Wahlen in allen von Hitlerdeutschland befreiten Gebieten abhalten zu lassen laut alliierter „Erklärung über das befreite Europa“.

Nächsten 11. Februar übrigens feiert allein diese russische Lüge mit ihren enormen Folgen auf das Leben und die Freiheit von Millionen Osteuropäern ihren 75. Jahrestag. Getreu dem westlich naiven Glaubensmuster hatte schon in der Nacht auf den 12. Februar 1945 die BBC freudig das Verhandlungsergebnis im Hinblick auf Polen verkündet:

„Die gegenwärtige provisorische Regierung in Polen [sie war von den Russen als Gegenregierung zur Londoner Exilregierung etabliert worden] soll durch den Eintritt anderer demokratischer Führer aus Polen oder dem Exil auf eine breitere Basis gestellt werden. Es werden so bald wie möglich freie Wahlen auf der Grundlage des allgemeinen und geheimen Wahlrechts ausgeschrieben werden.“

Wetten, daß nächsten Februar der Westen des doch so lehrreichen Gedenkens dieser musterhaft russischen Lüge vergißt?

Aus der man im Zusammenhang mit den russischen Panzern 1953 in Berlin, mit den russischen Panzern 1956 in Ungarn, mit den russischen Panzern 1968 in Prag, mit der Breschnew-Doktrin, mit dem russischen Einmarsch in Afghanistan und im Zusammenhang mit Transnistrien, Tschetschenien, Südossetien, Abchasien, der Ostukraine und der Krim und der vom Westen bis heute noch nicht begriffenen Sperrung des Asowschen Meeres doch wertvolle Vorurteile ableiten könnte und sollte für Gegenwart und Zukunft?

Immerhin, wenigstens nach den allerjüngsten Morden und Mordversuchen, beginnt man endlich von einem „russischen Muster“ zu sprechen. Im aktuellen SPIEGEL steht der bemerkenswerte Satz, es ginge „jetzt darum zu ermitteln, ob der Tiergartenfall zum russischen Muster gehöre, übergelaufene Agenten und andere Staatsfeinde im Ausland umzubringen“.

Und Staatsfeinde in Rußland!

Was willst Du auch von unserem amnesischen Gegenwartsjournalismus erwarten?

Der sich, wie ich beobachten konnte, in bundesdeutschen Medien, bis auf eine Ausnahme, gerade mal bis an den „Fall Skripal“ zurückerinnern kann!

Hauptsache keine Vorurteile!

Es gab schon wesentlich bessere Zeiten deutscher Journalistik. Früher hätte man sich erinnert gefühlt an Leo Trotzki, Willi Münzenberg und Andreij Alexejewitsch Amalrik.

Beispielsweise.

Oder an das Attentat auf den polnischen Papst.

Oder hätte auch der Opfer jüngster Morde gedacht an kritischen Journalisten in Rußland und sie in Zusammenhänge gesetzt.

Oder eben an Alexander Walterowitsch Litwinenko, den ehemaligen russischen Geheimdienstoffizier. Es sollte eigentlich nicht zu lange her sein, sich zu erinnern für einen seriösen Journalismus, wie der mutige Mann 1998 zusammen mit anderen, aus Angst zum Teil maskierten Kollegen in Moskau vor die Presse trat, um als Informanten, also im modernen Journalistendeutsch als „Wisselbloas“, die Weltöffentlichkeit zu unterrichten, daß sie von der Führung ihrer Organisation, das bedeutet vom russischen Machtapparat, den Auftrag erhalten hätten, Boris Beresowski, damals Sekretär des Staatssicherheitsrates, zu ermorden.

Jener Boris Beresowski wurde übrigens 2013 in seinem Londoner Exil erhängt an einem Kaschmirschal aufgefunden. Ebenfalls kamen acht Menschen seines Umfeldes unter mysteriösen Umständen um ihr Leben.

In Deutschland unbeachtet.

Nach mehrmaligen Verhaftungen und Entlassung nur mit Unterschrift einer erpresserischen Verpflichtung, nicht aus Rußland auszureisen, fühlte Litwinenko sich in der Folge jedoch selber derart bedroht vom russischen Geheimdienst, daß er mit seiner Familie nach England floh.

Und dort, als wahrhaft politisch Verfolgter, Asyl erhielt.

Im britischen Exil verfaßte der Mann zusammen mit einem Historiker das Buch „Eiszeit im Kreml. Das Komplott russischer Geheimdienste“. Darin die vom bundesdeutschen Journalismus bemerkenswert unbemerkte bemerkenswerte wisselbloische Behauptung, 1999, Du erinnerst Dich, die Sprengstoffattentate auf Wohnhäuser in russischen Städten, die seien statt von tschetschenischen Terroristen vom russischen Geheimdienst FSB selbst verübt worden!

Um als „Fall Gleiwitz“ den zweiten Tschetschenienkrieg zu rechtfertigen.

Etwa 300 Menschen waren damals allein bei den Anschlägen auf die Wohnhäuser umgekommen…

300 Kinder, Frauen und Männer.

Vom Juli 1998 bis August 1999 hieß der Direktor des Inlandsgeheimdienstes FSB übrigens Wladimir Wladimirowitsch Putin.

Der im Anschluß zum Ministerpräsidenten aufstieg und dergestalt am 1. Oktober 1999 den Einmarschbefehl nach Tschetschenien erließ zur, nach seinen Worten, „zur Bekämpfung von 2000 Terroristen“.

Litwinenko war in London dann Anfang November 2006 vergiftet worden.

In seinem Urin fanden Ärzte in großer Menge das radioaktive Polonium 210.

Ende November starb Litwinenko an der Strahlenkrankheit.

Wenige Stunden bevor er für immer sein Bewußtsein verlor, offenbarte er das Vorurteil, vom Kreml vergiftet worden zu sein.

Die Umstände seines Ablebens wurden wenige Tage später denn auch von den britischen Behörden eingestuft als Mord. Als Tatverdächtige wurden identifiziert zwei russische Geschäftsmänner, die nachweislich ihrem Opfer in einem Hotel poloniumhaltigen Tee verabreicht hatten. Bei ihrem Aufenthalt in London hatten sie an zahlreichen Stellen, zum Beispiel an der Teekanne, an ihren Handtüchern im Hotel, am Abfalleimer, teilweise geradezu extreme radioaktive Spuren hinterlassen. An einem Ort lagen sie über dem Meßbereich des Instrumentes.

Das nachgewiesene Polonium hatte laut Untersuchung einen Marktwert von mehreren Millionen Euro besessen. Da die USA russisches Polonium importieren, gelang es, dieses zu vergleichen mit jenem, mit welchem Litwinenko umgebracht worden war. Was dazu führte, exakt eben jenen Reaktor als russischen zu identifizieren, in dem und sogar mit welchem Datum es produziert worden war.

In seinem Abschlußbericht befand Richter Sir Robert Owen:

Unter Berücksichtigung aller mir zur Verfügung stehenden Beweise und Analysen stelle ich fest, daß die Operation des FSB, Herrn Litvinenko zu ermorden, wahrscheinlich von Herrn Patruschew und auch von Präsident Putin gebilligt wurde.“

Während Putins Paladin Lawrow den Bericht als politisch motiviert und als „nicht transparent“ (auf deutsch: „unklar“) ablehnte, will ich wiederum Öl ins Feuer gießen: Kannst Du Dir vorstellen, daß ausgerechnet in Rußland, dem obrigkeitsorientiertesten Staat seit dem Alten Reich der Ägypter (Grabinschrift: „Lache, wenn er lacht!“), irgendein Untertan sich selbstermächtigte, einen unautorisierten Befehl des Inhaltes zu verantworten, sich aus staatlichen Beständen für einen Mord ein radioaktives Metall und nach diesem entdeckten Mord dann noch einmal für einen anderen Mord ein geheim entwickeltes Nervengift zu beschaffen, um vermittels risikoreicher Operationen auf ausländischem Territorium einen Gegner des Herrn aller Reußen umzubringen?

Gewissermaßen selbstherrlich?

Auf eigene Faust in vorauseilender Gefälligkeit?

Sich auf derart sensiblem Felde außenpolitisch betätigend ohne die Rückversicherung eines obersten Auftraggebers von Auftragsmorden?

Willst Du mein Vorurteil wissen?

Gut: Der Kampf gegen die Lebensart der Westler, der Kampf gegen die Europäisierung Rußlands ist durch die Jahrhunderte kein neuer Zug. Doch heute bekriegt der russische Imperialismus expansiv auch die westliche Zivilisation als solche. Weil man sie für dekadent, schädlich und bedrohlich und demgegenüber das Russentum für gesund und überlegen hält. Und Rußland als chauvinistisch gegen westliche Kultureinflüsse kämpfender Staat ist semifaschistisch ausgerichtet auf die Entindividualisierung seiner letztendlich als leibeigen betrachteten Bürger.

Rußland kämpft gegen das Individuum!

Du bist nichts, dein Volk ist alles!

 

Den Moskowitern ist es unter keinen Umständen erlaubt, ins Ausland zu fahren, ausgenommen diejenigen, welche auf Befehl des Zaren und des Handels wegen mit Passierscheinen geschickt werden. Und selbst wenn Kaufleute ihrer Geschäfte wegen ins Ausland reisen, so zieht man von vornehmen und angesehenen Personen schriftlich beglaubigte Urkunden ein, worin die Unterzeichner sich dafür verbürgen, daß jene Kaufleute samt ihren Waren nicht in den fremden Ländern bleiben, sondern wieder zurückkehren werden. Und sollte irgendeiner, und wäre er ein Fürst oder Bojar oder sonstwer, sich selbst heimlich, ohne des Zaren Erlaubnis in ein fremdes Land begeben oder seinen Sohn oder seinen Bruder hinschicken, so würde man ihm das als Hochverrat anrechnen, und man würde ihm sein Vermögen und seine Besitzungen und seine Leibeigenen zuhanden des Zaren wegnehmen. Und wenn jemand selbst verreisen sollte, und es fänden sich in Rußland Verwandte von ihm, so würde man auch sie foltern, um zu erfahren, ob sie von seiner Absicht Kenntnis gehabt hätten. Und wenn jemand seinen Sohn, seinen Bruder oder seinen Neffen ins Ausland schicken sollte, so würde man auch ihn foltern, um herauszubekommen, wozu er jenen in ein fremdes Land geschickt habe, ob er nicht fremde Heere gegen das Moskowiterreich heranführen lasse, um sich der Staatsgewalt zu bemächtigen, oder ob er sonst ein Schelmenstück im Schilde führe, und durch wen er dazu angestiftet worden war.“

Grigorij Karpowitsch Kotoschichin: „Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit in Rußland; Kultur, Aberglaube, Sitten und Gebräuche. Eigene Ermittelungen und Gesammelte Berichte.“ (1666/67)