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Thalatta ! Thalatta !

Schlagwort-Archiv: Bellarmin

Dumm… dümmer… politisch korrigiert

 

3. Februar 2018: Mephisto an Bellarmin

 

worte sind schatten

schatten werden worte

 

worte sind spiele

spiele werden worte

 

sind schatten worte

werden worte spiele

 

sind spiele worte

werden worte schatten

 

sind worte schatten

werden spiele worte

 

sind worte spiele

werden schatten worte

 

Eugen Gomringer, geboren 1925 in Chachuela Esperanza (Bolivien)

 

Der 93jährige Schweizer Schriftsteller und Kunsttheoretiker Gomringer, während ihrer ersten Phase ein Hauptvertreter der Konkreten Poesie, hat neben worte sind schatten und seinem markanten schweigen schweigen schweigen auch das Gedicht ciudad (Stadt) geschrieben:

 

avenidas

avenidas y flores

 

flores

flores y mujeres

 

avenidas

avenidas y mujeres

 

avenidas y flores y mujeres y

un admirador

 

 

Welches man übersetzen könnte mit:

 

 

Alleen

Alleen und Blumen

 

Frauen

Blumen und Frauen

 

Alleen

Alleen und Frauen

 

Alleen und Blumen und Frauen und

ein Bewunderer

 

Selbiges Gedicht im Original steht preisgekröntermaßen seit etwa sechs Jahren verewigt als 14 mal 15 Meter große Inschrift an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin.

Verewigt?

Nein!!!

Drei Studentinnen empörten sich, das Gedicht erinnere sie „unangenehm an sexuelle Belästigung“. Und wirbelten sich empor. Bis daß die „kleine Straßenszene“ (Gomringer) „mit potenziell sexistischem Inhalt“ (Frauenbeauftragte Antmann), nun entfernt und ersetzt werde durch eine rechteckig genormte „grundgesetzkonforme“ Lyrik, in welcher „sexistische, rassistische, ableistische, lookistische, klassistische, ageistische oder sonstige diskriminierende Bezüge“ nicht akzeptiert würden.

Jene sterile Poesie soll stammen von Barbara Köhler.

Nach allem könnte man die drei Initiatorinnen dieses „barbarischen Schwachsinns“(Christoph Hein) nebst der hierbei umtriebigen Frauenbeauftragten der Hochschule, Debora Antmann, für Dummlinginnen, mindestens aber für geistig eingeengt halten. Ohnehin könnte einem zu den üblichen initiatorischen Banausinnen derartig krankhafter Kampagnen politischer Korrektur in den Sinn kommen, sie litten schwerer als unter Diskriminierung an Geltungstrieb und Gefallsucht.

Zumindest aber scheint den geistig matten Schwachköpfinnen kein Unterschied bewußt zu sein zwischen lyrischem Ich und Autor und schon gar nicht zwischen Sachtext und Lyrik.

Dass sie aber dann auch noch die an sich wertschätzende männliche Bewunderung für Frauen als etwas Bedrohliches empfinden, dokumentiert auf erschreckende Weise, was für einen verkrampft-kruden Blick diese Studierenden auf die Welt haben.

Die Alice-Salomon-Hochschule Berlin hat sich nach ihrer Entscheidung, auf Geheiß von verwirrten Studierenden das Gomringer-Gedicht zu ersetzen, dieses bewundernswerten Kunstwerks als unwürdig erwiesen und auch ihrer Namensgeberin Alice Salomon. Die Hochschule sollte sich deshalb umbenennen. In Hochschule für angewandte Ignoranz.

Tobias Wenzel am 23.1. im Deutschlandfunk

Neben Song und Film „Pretty Women“, die mir gerade einfallen, hier aus der unendlichen Fülle der nicht „grundgesetzkonformen“ Poesie willkürlich lediglich drei Beispiele profilierungssüchtigen politisch korrigierenden Zensorinnen zur Anzeige:

 

Heidenröslein

 

Sah ein Knab ein Röslein stehn,

Röslein auf der Heiden,

War so jung und morgenschön,

Lief er schnell, es nah zu sehn,

Sah’s mit vielen Freuden.

Röslein, Röslein, Röslein rot,

Röslein auf der Heiden.

 

Knabe sprach: »Ich breche dich,

Röslein auf der Heiden!«

Röslein sprach: »Ich steche dich,

Daß du ewig denkst an mich,

Und ich will’s nicht leiden.«

Röslein, Röslein, Röslein rot,

Röslein auf der Heiden.

 

Und der wilde Knabe brach

’s Röslein auf der Heiden;

Röslein wehrte sich und stach,

Half ihm doch kein Weh und Ach,

Mußt es eben leiden.

Röslein, Röslein, Röslein rot,

Röslein auf der Heiden.

 

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

 

 

oder

 

 

Zu meiner letzten Mahlzeit

Will ich meinen Esel sehen

Meine Hühner und meine Gänse

Meine Kühe und meine Frauen

 

Jacques Brel (1929 – 1978)

 

 

oder

 

 

Rubinen sind die Lippen dein,

Man kann nicht schönre sehen.

Oh, dreimal glücklich ist der Mann,

Dem sie die Liebe gestehen.

 

Oh, kennt ich nur den glücklichen Mann,

Oh, daß ich ihn nur fände,

So recht allein im grünen Wald,

Sein Glück hätt bald ein Ende.

 

Heinrich Heine (1797 – 1856)

 

 

O Urteil, du entflohst zum blöden Vieh!

William Shakespeare (1664 – 1616)

 

„Ein Geschenk des Himmels!“

 

27. Januar 2017: Bellarmin an Mephisto

Das weltfremde und geschichtsignorante Geschwätz der unentwegten Erweiterungsbefürworter von bessernden Einflußmöglichkeiten im Sinn abendländischer Standards infolge einer Aufnahme der Türkei in die sogenannte Europäische Union – ist der Traum nun endlich ausgeträumt?

Ich fürchte nein.

Selbst nicht nach dem türkischen Reichstagsbrand vom Freitag, dem 15. Juli 2016 (Erdogan: „Ein Geschenk des Himmels!“).

Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob es den Akteuren heute noch bewußt ist: Ursprünglich steckt hinter jenem Wunschtraum, die Türkei zivilisatorisch zu binden, ihre NATO-Mitgliedschaft. Also das militärstrategische Interesse militärischer Hirne.

Aber es wächst nicht zusammen, was nicht zusammengehört!

Es ist ein Wahnglaube, die Entwicklungen in der Türkei verliefen nach occidentalen Grundsätzen oder wären nach ihnen verlaufen, wenn die Türkei in die EU aufgenommen worden wäre. Und man könne Typen wie Erdogan damit bessern.

Wo der sogar schießt mit den aus Deutschland gelieferten Panzern!

Wer hätte das gedacht!

Die Aufnahmebefürworter, diese ewigen Enthusiasten, werden ewig aus allen Wolken fallen bei all den von diesen verschrienen Stammtischen und den Populisten lange vorhergesehenen herben Enttäuschungen für Gutmenschen…

Denn Erdogan ist kein türkischer Betriebsunfall, sondern der von großer Zustimmung getragene Ausdruck einer Volksmentalität.

Die Türkei ist nicht ihre westorientierte Elite – die Türkei ist ihre Provinz.

Die Türkei ist ein typisch vorderasiatisches Land, dessen herrschender Primitivling im 21. Jahrhundert von der Wiederherstellung des osmanischen Reiches träumt.

Wie Putin von der Wiederherstellung des sowjetischen Imperiums.

Zum ewigen Argument der Grünen, ein Abbruch der Beitrittsverhandlungen wäre „ein falsches Signal“ für die westlich orientierten Türken in der Türkei und verschlechtere ihre Lage: Es handelt sich offenbar um eine Verwechslung. Es geht nicht um Signale für fiktive Türken, sondern um Außenpolitik im Interesse Deutschlands.

Und wohin Beschwichtigungspolitik führt, wissen wir spätestens seit dem Münchener Abkommen.

Und wer der sogenannten Europäischen Union den Rest geben will, nimmt die Türkei auf.

Doch warum fällt mir gerade jetzt aus der Schulz- und Scholz-Partei der Gabriel ein? Ach ja, der hatte ja letztes Jahr, zufälligerweise vor den Wahlen, extra medienwirksam seinen Urlaub abgebrochen und war nach Berlin gepest, um in einer Pressekonferenz zu verkünden, er werde jetzt gegenüber der Türkei aber andere Saiten aufziehen!

Nämlich „eine neue deutsche Türkeipolitik“.

Richtig, das war vor den Wahlen.

Und der andere Schaumschläger, der Schulz, richtig, gleichermaßen aus der unglaubwürdigsten Partei Deutschlands und dort mit 100 Prozent zum Vorsitzenden gewählt, der Schaumschläger Schulz hatte ja überfallartig erklärt im sogenannten Fernsehduell mit der überrumpelten Kanzlerin, er werde sich für den Abbruch der Beitrittsverhandlungen einsetzen.

Ja, ja, du hast recht, das war ebenfalls vor den Wahlen.

Was? Das wollte der Würselener Populist der populistischsten Partei Deutschlands nur tun, im Falle er Kanzler werde? Und nun isser nich? Und jetzt ist der vorhersehbar als Bettvorleger Gelandete sogar in Sorge und zittert, ob er überhaupt eintreten könne „in ein Kabinett unter Merkel“?

Ach so!

Wenigstens dieser Kelch möge an unserem Land vorübergehen…

 

Die Sprache wird immer unverständlicher

 

21.1.18 Bellarmin an Mephisto

Anfang Dezember hatte die sogenannte Gesellschaft für deutsche Sprache den Begriff „Jamaika-Aus“ tatsächlich zum sogenannten Wort des Jahres gekürt. Wenn diese occasionelle, oder vielleicht deutlicher, wenn einen diese temporäre Bildung journalistischer Originalität auch nicht unbedingt vom Hocker riß, gegenüber eines seiner Wortdesjahres-Vorgänger besaß „Jamaika-Aus“ immerhin den nicht zu unterschätzenden Vorteil, daß man das Monstrum zum Zeitpunkt seiner Verkündung schon einmal vernommen hatte. Aber offenbar nur aufgrund eben gerade der mangelnden sprachlichen Originalität der Berufskollegen seines Schöpfers: Zum fraglichen Zeitpunkt hämmerten es die Medien im Gleichschritt, also alternativfrei, der hilflos ausgelieferten Öffentlichkeit ein.

Dennoch wage ich die Prognose: Das bemühte Wort des Jahres 2017 wird wohl kaum dauerhaft in den Wortschatz der ehemaligen Sprache der Dichter und Denker sickern.

Wie man erfahren konnte, sei auf Platz zwei einer Anwartschaft für das sogenannte Wort des Jahres wahrhaftig der verlogene Begriff „Ehe für alle“ gelandet!

Das ist uns also erspart geblieben.

Und wir hoffen, daß uns, entgegen der fragwürdigen und anläßlich des spdämlichen Überfalls im Bundestag kritisch nicht hinterfragten Argumentation für diesen offensichtlichen Euphemismus zur Durchsetzung des unbeschränkten Adoptionsrechtes homosexueller Paare, wenigstens die mohammedanische Vielehe und die inzestuöse Ehe, die ja als logische Folge jener flachköpfigen Begründungen ihre Gleichberechtigung ebenso einklagen dürften, unserem Lande erspart bleiben.

Ehe für alle“ – womit wir natürlicherweise der Sache nach anlangen beim „Unwort des Jahres 2017“.

Dessen Verkündung ich angesichts seiner Vorgänger begreiflicherweise wieder mit Bangen harrte.

Und die kam.

Das Unwort des Jahres 2017 wäre „alternative Fakten“, verkündete bei uns in Deutschland die Darmstädter Jury.

Der Ausdruck stehe für den Versuch, Falschbehauptungen in der öffentlichen Debatte salonfähig zu machen. Eine Beraterin von US-Präsident Trump hatte die Formulierung verwendet. Die Sprachwissenschaftler rügten zudem den Begriff ‚Shuttleservice‘ im Zusammenhang mit der Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer sowie das Wort ‚Genderwahn‘“, vermeldete man beflissen.

Shuttleservice“, also „Fährdienst“, ist deshalb ein hilfreicher Begriff, weil er als schmerzhaft Wahrheit enthüllendes Wort ein grelles Schlaglicht wirft auf unhaltbare Zustände vor der libyschen Küste, die allerdings in Deutschland weitgehend ausgeblendet immerhin vor italienischen Gerichten eine juristische Aufarbeitung finden. Und zwar nicht „im Zusammenhang mit der Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer“ sondern im Zusammenhang einer Zusammenarbeit mit Verbrecherbanden übelster Sorte, nämlich sogenannten Schleppern.

Bei „Genderwahn“ handelt es sich ebenfalls um eine durch und durch akzeptable, weil diskussionsanregende Wortschöpfung, sofern man nicht dem politischen Korrekturwahn unterliegt. Mark Lilla, Professor für Ideengeschichte in New York an der Columbia University wird im SPIEGEL vom 13.1. als „Prophet der amerikanischen Linken“ zitiert mit einem Satz aus seinem „meistgelesenen Gastkommentar des Jahres“ in der NEW YORK TIMES:

Wenn man als linksliberales Establishment aufhöre, die weiße Unterschicht zu verachten, sie nicht mehr als Rednecks oder Deplorables beschimpfe und ein bißchen weniger über die LGBTQ-Community (Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transgender und Queer) redete, würden vielleicht die Menschen jenseits der liberalen Küstenstädte wieder zuhören.

Und:

Vielen Wählern sei nicht zu vermitteln, warum Transsexuelle auf die Toilette ihrer Wahl gehen sollten.

In dem Artikel ging es übrigens um die Ursachen für die Präsidentschaft eines Typs wie die Donald Trumps…

Aber „Jender“ an sich ist natürlich ein Unwort im Deutschen.

Wenn man über ein Minimum an Sprachempfinden verfügte.

Doch nun sind es also die „alternative Fakten“… Ein durchaus zu kritisierender, aber vielleicht auch eher im Sinne Heines oder Tucholskys zu verlachender und so der befreienden Kraft der Lächerlichkeit auszusetzender Begriff. Der im übrigen anläßlich des Momentums seiner Kreation hochintelligenterweise von Kellyanne Conway im Hinblick auf den nachweislich der Lüge überführten, pardon, über den Njus fäkenden Sean Spicer sogar ironisierend gemeint gewesen sein könnte.

Und im deutschen Sprachgebrauch von anderen Unwörtern wahrlich weit übertroffen wird!

Wenn man bei einer Unwortvergabe statt der die Jury mit Blindheit schlagenden einseitig linkslastigen, also unwissenschaftlichen Empörungshaltung auch einmal die Pflege unserer schönen Sprache und ihres überreichen Wortschatzes in sein Blickfeld rückte.

Angesichts all des Fäknjus-Gefasels unserer Journalisten.

Lügen, so wurde die Verdrehung der Tatsachen früher genannt“, schrieb das BADISCHE TAGBLATT im Hinblick auf die diesjährige Unwortvergabe, womit wir ganz vortrefflich auch den idiotischen Gebrauch von „Fäknjus“ charkterisiert finden.

Ich fäke Njus, du fäkst Njus, er, sie es fäkt Njus, wir fäken Njus, ihr fäkt Njus, sie fäken Njus und sie haben Njus gefäkt.

Himmel-, Arsch- und Wolkenbruch, wer hat diese tauben Versager bloß mit ihrem Amt bestallt?

Jender“ steht auf Platz 3 meiner Favoriten an Unwörtern aus dem Jahr 2017.

Auf Platz 2 kommen die unsäglichen „Fäknjus“.

Und, Tätärätä!, auf Platz 1 steht wieder unschlagbar und in 99,99999999999… Prozent der Fälle völlig überflüssig und im Restfall leicht im Deutschen ersetzbar verwendete „leif“.

 

 

Das Problem mit dem Unwort des Jahres ist, dass die Jury mit der Auszeichnung das Gegenteil ihres Anliegens bewirkt. … Die ‚alternativen Fakten‘ erhalten so eine Bedeutung, die sie nicht verdienen. Wörter mit dem Präfix „un-“ sind nur selten positiv. Auch das Unwort bringt die Welt nicht weiter. So ist es vor allem eines: unsinnig.

FLENSBURGER TAGEBLATT am 17.1.

 

Denn tatsächlich hatte die Formulierung entlarvenden Charakter. Sie legte frühzeitig offen, dass nicht nur Donald Trump, sondern auch sein Stab willentlich gegen Grundregeln des rationalen Diskurses und der Redlichkeit verstoßen.

Von „Alternativen Fakten“ zu sprechen, war insofern eine vernichtende intellektuelle Selbstbezichtigung – weshalb der Begriff auch kaum Verteidiger gefunden hat. Allein die rechtspopulistischen „Breitbart News“ bemühten sich um Rechtfertigung, indem sie „Alternative Fakten“ als neuen Ausdruck für die je persönliche Perspektive auf ein Ereignis definieren wollten. Das aber war viel zu durchsichtig, um flächendeckend zu verfangen.

Gewiss, es mag vereinzelt geistig anspruchslose Menschen geben, denen „Alternative Fakten“ als tolle Alternative zum herkömmlichen Fakten-Begriff erscheinen. Und der konventionelle Begriff ‚Faktum‘ hat auch durchaus gewisse Unschärfen. Doch er erweist sich als so stabil, dass die Variante „Alternative Fakten“ mühelos als das miserable Flötenspiel von Rattenfängern zu erkennen bleibt.

‚Alternative Fakten‘ mag also auf dem Papier ein übles Unwort sein, in der Realität hat es nach kurzer Aufregung zumindest in Deutschland wenig Schaden angerichtet. Eigentlich hat es keine Auszeichnung verdient.

Arno Orzessek am 16.1. im Deutschlandfunk

 

Das Raffinement zwischen den Geschlechtern

 

14.1.18 Mephisto an Bellarmin

In LE MONDE auf Seite 20 hatte am Mittwoch eine Gruppe von mehr als hundert Frauen einen offenen Brief veröffentlicht: „Un collectif de plus de 100 femmes affirme son rejet du ‚puritanisme‘ apparu avec l’affaire Weinstein et d’un certain feminisme qui exprime une ‚haine des hommes‘.“ („Eine Gruppe von mehr als 100 Frauen zeigt deutlich ihre Ablehnung gegen den im Zusammenhang mit der Affaire Weinstein in Erscheinung getretenen ‚Puritanismus‘ und einen gewissen ‚männerhassenden‘ Feminismus.“)

Zu den Verfasserinnen gehören: Sara Chiche (Schriftstellerin, klinische Psychologin, Psychoanalytikerin), Catherine Millet (Kunstkritikerin, Schriftstellerin), Catherine Robbe-Grillet (Schauspielerin, Schriftstellerin), Peggy Sastre (Autorin, Journalistin, Übersetzerin), Abnousse Shalmai (Schriftstellerin, Journalistin).

Zu den Unterzeichnerinnen gehören u. a.: Kathy Alliou (Kuratorin), Marie-Laure Bernadac (Honorarkonservatorin), Stephanie Blake (Kinderbuchautorin), Ingrid Caven (Schauspielerin, Sängerin), Catherine Deneuve (Schauspielerin), Gloria Friedmann (Bildhauerin, Installationskünstlerin), Cécile Guilbert (Romancierin, Essayistin), Brigitte Jaques-Wajeman (Regisseurin), Claudine Junien (Genetikerin), Brigitte Lahaie (Schauspielerin, Radiomoderatorin), Nathalie Léger (Schriftstellerin, Generaldirektorin des Institut mémoires de l’édition contemporaine), Elisabeth Lévy (Direktorin der Redaktion des „Causeur“), Joëlle Losfeld (Herausgeberin), Sophie de Menthon (Präsidentin der Ethik-Bewegung), Marie Sellier (Schauspielerin, Präsidentin der Gesellschaft der Literaten).

Dazu mache ich Dich aufmerksam auf ein heutiges Interview im Deutschlandfunk (Hervorhebung von mir):

Kathrin Hondl: … Mit ziemlich kritischen Worten zu dieser Debatte hatten sich nämlich in Frankreich diese Woche 100 Frauen zu Wort gemeldet. In der Zeitung „Le Monde“ veröffentlichten sie einen offenen Brief, in dem sie mit Blick auf #Metoo vor dem – Zitat – „Klima einer totalitären Gesellschaft“ warnten. „Une liberté d’importuner“ – Die Freiheit, jemanden zu belästigen, sei für die sexuelle Freiheit unerlässlich – hieß es da unter anderem – und unterschrieben haben so berühmte Frauen wie Catherine Deneuve, die Künstlerin Gloria Friedman oder die Kunstkritikerin und Autorin Catherine Millet.

Und zumindest eins ist klar: Der Brief der Französinnen hat neuen Schwung in die #Metoo-Debatte gebracht – denn er irritiert viele, die sich fragen, was für eine sexuelle Freiheit Catherine Deneuve und Co da wohl meinen. Ganz abgesehen von der Frage, was das bitteschön sein soll „Verführung à la francaise“? Darüber möchte ich jetzt mit Barbara Vinken sprechen –Professorin für Literaturwissenschaft und Romanistik in München. Und, Frau Vinken, Frankreich gilt ja nun traditionell als Land der Liebe und Verführungskunst – auch von Libertinage und sexueller Freiheit. Inwiefern ist das denn in diesem Brief der hundert Frauen eine typisch französische Perspektive, die da zum Ausdruck kommt?

Barbara Vinken: Ich denke schon, dass es eine französische Perspektive ist, oder man könnte auch vielleicht sagen, eine romanische Perspektive. Und ganz stark in diesem Brief ist ja die Angst vor einem neuen Totalitarismus, die Angst vor so was wie einer neuen Hexenjagd, diesmal auf Leute, die sexuell irgendwie übergriffig werden, auf Männer, die sexuell übergriffig werden, oder, sagen wir mal, der Wunsch, die eigene Kultur gegen eine Puritanisierung der Gesellschaft im Namen einer sexuellen Freiheit zu verteidigen. Und da kann man vielleicht noch mal auf diese Urszene des Puritanismus zurückkommen. Das ist ja der berühmte Roman von Puritaner Samuel Richardson im 18. Jahrhundert, der die höchste Auflagenzahlen eines Romans jemals hatte, und in dem die moderne Frau, die freie Frau sich im Prinzip dadurch definiert, dass sie vollkommen unverführbar ist. Das heißt, die weibliche Person sagt, du kannst mich absolut nicht verführen. Der männliche Verführer, Aristokrat, reich, mächtiger natürlich als das Mädchen mit bürgerlichem Hintergrund, der männliche Verführer sagt, Frauen tun immer nur so, als wenn sie Engel sind, in Wirklichkeit sind es alles Huren, und ich beweise das dadurch, dass ich seriell Massen von ihnen einfach verführe. Ich finde genau, dass dieses Geschlechterverhältnis die erotische Kultur Amerikas, wenn es denn so eine gibt, sagen wir mal, die sexuelle Kultur Amerikas bis heute eigentlich dominiert. Das heißt, die Frau ist dazu da, den Wüstling zum Ehemann und Vater zu erziehen, und das gelingt ihr, indem sie den Sex an die Ehe koppelt.

Hondl: Aber wie ist das jetzt bei den Französinnen? Sie haben gesagt, es ist da ja ein wirklich sehr spezifisches Freiheitsverständnis, das da in diesem offenen Brief von Catherine Deneuve und den anderen 99 Frauen irgendwie zum Ausdruck kommt, diese „Liberté d’importuner“, die Freiheit, jemanden zu belästigen im Namen der sexuellen Freiheit. Diese Formulierung, die war ja auch der Titel des „Le Monde“ Artikels. Lässt sich das denn anders verstehen denn als Freibrief für übergriffige Männer, oder was für eine Freiheit ist da gemeint?

Vinken: Es geht ja in dem Brief ganz stark darum, was justiziabel ist und was zum gesellschaftlichen Tod führt oder was von der Justiz erfasst wird. Und auch in diesem Zusammenhang ist nicht zu vergessen: Als die Calvinisten in Genf drankamen, was die zuerst gemacht haben ist eine Geheimpolizei, die Ehebrüchige offiziell anklagt und damit gesellschaftlich unmöglich machte. Das heißt, dass calvinistisch-puritanische Reformmodelle tatsächlich immer an so was wie eine totalitäre Kontrolle der Sexualität gebunden waren. Wir haben das heute weitgehend vergessen, aber ich glaube, dass es genau diese totalitäre Kontrolle von Sexualität ist, gegen die eine Freiheit von Sexualität eingeklagt wird, und das heißt nicht, dass jeder machen kann was er will, sondern dass man nicht in einer Gesellschaft steht, die sich über sexuelle Verbote und über deren Bestrafung und Verfemung definiert. Und das ist durchaus, finde ich, der Fall der amerikanischen Gesellschaft, deren Haupttopos ist, dass irgendwie schon wieder eine Frau von einem Ehebrecher betrogen worden ist. Es geht keine Sekunde in diesem Brief darum, dass Vergewaltigung kein Verbrechen ist und dass sexuelle Nötigung nicht auch ein Verbrechen ist. Das behauptet der Brief nicht und das behauptet keiner, der diesen Brief unterzeichnet hat.

Hondl: „Vergewaltigung ist ein Verbrechen.“ Das ist der erste Satz in diesem Brief. Dann geht es aber auch gleich sehr französisch weiter. Dann heißt es nämlich: „Galanterie aber sei keine machistische Aggression.“ – Galanterie also. – Auf was für eine Tradition berufen sich die Frauen da eigentlich? Ist das die französische Salonkultur des 18. Jahrhunderts, oder worum geht es bei der Galanterie?

Vinken: Man kann natürlich sagen, das ist im Prinzip so was wie ein Liebeskult, und es ist natürlich auch so was wie ein Frauenkult. Während in einem puritanischen Kontext Liebe tatsächlich nicht frei ist, weil an die Ehe gebunden und sonst diffamiert wird – die Frau wird zur Hure, der Mann wird zum Aussätzigen -, ist die Liebe in romanischen Ländern als Frauenkult, als Liebeskult erstaunlicherweise nicht an eine Institution gebunden. Und sie wird, wenn sie außerhalb dieser Institution stattfindet, auch nicht sanktioniert. Das heißt, die Liebe ist ein Spiel, das man in diesen Gesellschaften spielen darf. Das heißt aber nicht, dass es keine Spielregeln gibt. Das heißt wohl, dass manche die nicht ganz so gut beherrschen und dass man sie dafür nicht gleich zum Teufel schicken soll.

Hondl: Jetzt sehen ja viele diese französische Verführungskultur in Gefahr – nicht zuletzt die Unterzeichnerinnen dieses Briefes, über den sich so viele aufregen. Wie sehen Sie das? Dass es auch in Frankreich gewisse Probleme gibt mit Sexismus und sexualisierter Gewalt, das ist ja nicht erst seit der #Metoo-Debatte bekannt. Man braucht sich ja nur zu erinnern: vor ein Paar Jahren.

Vinken: Strauss-Kahn!

Hondl: Strauss-Kahn, IWF-Präsident damals, in den USA. Da haben auf einmal in Frankreich viele Frauen, vor allem Politikerinnen von alltäglichen sexistischen Sprüchen und Schlimmerem erzählt. Meinen Sie, es gibt ein spezifisches französisches Sexismus-Problem, das mit dieser französischen Kultur, der Verführungskultur, der Galanterie irgendwie zu tun hat?

Vinken: Nein. Ich habe es selber so erfahren, dass in Amerika Machtstrukturen eigentlich ständig für sexuelle Übergriffe und Erpressungsmanöver benutzt werden. Ich würde sogar sagen, das ist die eigentlich herausragende Form der dort praktizierten wie auch immer Sexualität. In dieser Härte, glaube ich, sind wir das in Europa nicht gewöhnt und fast als Norm sind wir das in Europa nicht gewöhnt. Ich denke schon, dass es bei uns noch Raum für Flirten, Raum für Höflichkeit, für Galanterie, also einen erotisch interessanten Raum gibt, wie ich den in Amerika eigentlich nicht mehr so sehe, wo die Macht, die Erpressung, das Machtgefälle sehr viel stärker reinspielt. Boccaccio hat das ganz schön in seinen hundert Novell. Der hat gesagt: Es ist keine gute Idee für eine Frau, einen ihr überlegenen Mann zu lieben. Es ist keine gute Idee für einen Mann, eine ihm unterlegene Frau zu lieben. Und ich denke, an dem Paar zum Beispiel Macron/Madame Macron sieht man dieses Machtverhältnis ganz schön und dieses Verhältnis, das eine sehr spezifische Form von Liebe hervorbringt, indem es das normale Machtgefüge, Männer stärker als Frauen, Männer reicher als Frauen, Männer höhergestellt als Frauen, dieses Verhältnis umkehrt. Und ich meine, gerade darin liegt die Freiheit des Eros, die Schönheit des Eros und der Wunsch, dass diese Möglichkeit dieses Liebeskultes erhalten bleibt und nicht von solchen totalitären Maßnahmen eingeschränkt wird.

Hondl: Das französische Präsidentenpaar Brigitte und Emmanuel Macron wäre die Verkörperung, die Verwirklichung der französischen Verführungskultur an der Staatsspitze?

Vinken: Vielleicht das aktuellste, das aktuellste, wo es jedenfalls nicht so ist, wie wir es mit Trump und Melania haben, ein Trophy Wife, was dieser arme Mann auch noch öffentlich sagt, ein Mann, der sich das an den Hut stecken kann. Das sind ja fürchterlich peinliche Verhältnisse und hässliche Verhältnisse. Dagegen finde ich, dass es in Europa schon noch deutlich schönere Verhältnisse gibt und wir versuchen sollten, dass wir diese Schönheit der Liebe, die Schönheit der Verführung, das Raffinement zwischen den Geschlechtern nicht dadurch aufs Spiel setzen sollten, dass sich Frauen ausschließlich dadurch definieren, dass sie Opfer von sexuellen Übergriffen waren, sondern auch einen Diskurs möglich machen sollten, in dem wir uns selber als Begehrende, vielleicht auch als Objekt der Begierde, aber in dem wir sozusagen in der Lage bleiben, als Subjekt unser Begehren anders zu artikulieren als denn eines, das eigentlich keines hat und eigentlich unschuldig ist und dem das andere immer nur übergriffig aufgedrückt wird. Das heißt nicht, dass in den Fällen, wo das passiert, das auch und unbedingt und verstärkt ausgesprochen werden muss, aber es darf nicht ausschließlich auf diesen Sprechakt reduziert werden. Und ich glaube, nur darum geht es in diesem Brief.

Hondl: Klingt fast so, als ob Sie diesen Brief auch hätten unterschreiben können?

Vinken: Ich hätte ihn etwas anders formuliert, aber im Prinzip hätte ich ihn auch unterschreiben können, ja.

 

„Trotz – oder gerade wegen – aller Euphorie war das, was bei Twitter unter #Aufschrei passierte, alles andere als eine Debatte. Eine Debatte ist ein zielorientiertes Streitgespräch. Und auf Twitter werden schon aus technischen Gründen weder Gespräche geführt noch Ziele ins Auge gefasst, geschweige denn erreicht.“

„Früher hätte man die massenhafte Aufwallung als Hexenjagd bezeichnet. Es ist ein Phänomen, das wesentlich enger mit der öffentlichen Meinung verquickt ist, als uns lieb sein kann. … Es ist eben kein Zufall, dass der Begriff ‚öffentliche Meinung‘ erstmals in direktem Zusammenhang mit den Hexenverfolgungen auftaucht.“

Arno Frank: Meute mit Meinung – Über die Schwarmdummheit (erschienen bei KEIN & ABER)

 

Wie liegt sie denn, die deutsche Sprache?

 

8.1.17 Bellarmin an Mephisto

Da war Ende November der „Zweite Bericht zur Lage der Deutschen Sprache“ erschienen. Herausgegeben von der „Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung“ und der „Union der deutschen Akademien der Wissenschaften“.

Verlegen möchte man sich vor Ehrfurcht kratzen!

Wie liegt sie denn nun also, die deutsche Sprache?

Nun, der Deutschlandfunk meint zum Bericht über die deutsche Sprache, er zeichne „ein weitgehend positives Bild über den derzeitigen Zustand des Deutschen“…

Wenn das nich gefäkt is: daß ich sowas leif aleben durfte!

Also, wie ich es grade im Radio sagn hörte: „Das is unsa Thema!“

Und das Thema kam gleich nach den „Vakehrsmeldungn“. Zuvor hatte man von den „Wahnstreiks“ der IG-Metall berichtet. Die „Metalla“ hatten ihre „Abeit“ „niedagelegt“!

Hochsprache is nich mehr im Radio. Weil die Wissenschaftla fragn sich inzwischen, wie der DLF berichtete, was Hochsprache is. Da kann man ja nich mehr wie früha in Hochsprache reden, wenn man nu ga nich mehr weiß wie früha, was richtich is.

Und übahaupt, die Deutschn sind ja sowas von gebildet! Und Fremdsprachen könn se! Die laufen ja in Deutschland, die Deutschn!, die laufen ja in Deutschland rum als wärn se fremde Fremdsprachler im eignen Land! Als wärn se woanders! Die laufen zur Demo im eignen Land mit Plakatn durch die Straßn, da steht drauf: „No more Groko!“

In Deutschland!

Protestiernd zur deutschn Regierungsbildung! Laufen vobei in Deutschland am Kaufhof, wo steht: „Sale!“

Die sind sowas von gebildet und transparent!

Das macht den Deutschn keina nich nach!

Das machen die sicha auch, weil se so freundlich sind. Weil se die Zuwandra, also die Migrantn, weil se die eingliedan, also, weil se integriern wolln.

Also mit Deutsch is alles in Butta!

Alladings is die Frage, ob die Mühe sich lohnt. Denn es is die Frage, wie lange es Deutsch übahaupt noch gebn wird. Wie lange in Rom der Papst noch zu Ostan auf dem Petasplatz vor all den „Gläubigern“ (wie ich die dort Vasammeltn erst jüngst zu Weihnachtn im Radio wieda nennen hörte), seine Segensgrüße auch auf Deutsch sagn wird. Denn dann is aus mit Goethe, Heine, Hölderlin, und Karl Kraus hat sich umsonst bemüht.

Dann könn wa „dem Opfer gedenken“, wie das Radio erst neulich wieda formulierte.

Weil, wie der Deutschlandfunk Ende Novemba meldete: „Die deutsche Sprache könnte in 200 bis 300 Jahren ausgestorben sein.“

Selbiges äußere der Sprachwissenschaftler Wolfgang Klein, am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik mit der Dokumentation bedrohter Sprachen befaßt: „Von den 7.000 Sprachen weltweit verschwinden nach seinen Angaben schon jetzt immer mehr, weil die Sprecher entweder aussterben oder sich anderen Sprachen zuwenden.“

 

 

Du Land der Liebe! bin ich der deine schon,

Oft zürnt ich weinend, daß du immer

Blöde die eigene Seele leugnest.

Friedrich Hölderlin (1770 – 1843): Gesang des Deutschen

 

Journalistische Kapricen

 

16. Dezember 2017 – Bellarmin an Mephisto

Während dieser Tage konntest Du wieder etwas lernen bei uns im ehemaligen Lande der Dichter und Denker. Du konntest lernen, daß man uns wieder etwas lehren will in Sachen politischer Korrigiertheit.

Donnerstag, 7.12.17, Deutschlandfunk:

Im Nahen Osten droht eine neue Intifada

Die radikal-islamische Hamas rief für morgen zum Aufstand gegen Israel auf. Hamas-Führer Hanija erklärte, die Entscheidung von US-Präsident Trump, Jerusalem als israelische Hauptstadt anzuerkennen, komme einer Kriegserklärung an die Palästinenser gleich. Die palästinensische Autonomiebehörde müsse alle Bemühungen um einen Frieden mit Israel einstellen. – Bei Zusammenstößen mit israelischen Soldaten im Westjordanland wurden heute mehrere Palästinenser verletzt. Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums setzte die Armee Tränengas und Gummigeschosse ein. Ein israelischer Militärsprecher erklärte, Palästinenser hätten Steine auf Soldaten geworfen und Autoreifen angezündet.

Sehen wir einmal davon ab, daß es sich hier um die in Deutschland immer noch grassierende, weil nicht überwundene, typisch links68iger-strukturierte, also palästinenserverklärende und Ursache mit Wirkung vertauschende Berichterstattung über den Nahostkonflikt handelt, à la „Palästinenser sterben bei Messerattacken auf Israelis“ (SPIEGEL Online, 18.10.15), dann sollten wir uns bedanken für die gnädige Horizonterweiterung, denn immerhin erhebt sie uns aus der zugewiesenen Flachköpfigkeit in eine dritte Dimension.

Mutmaßlich.

Bisher wußten wir vorgegebenermaßen, es gäbe „islamisch“ und „islamistisch“. Diese Sprachregelung, diese Begriffsvorgabe, diese Gedankenlenkung sollte uns suggerieren, „islamisch“ stünde für friedlichen Mohammedanismus. Also gewissermaßen einen Mohammedanismus mit friedlichem Jihad und so. Und implizierend: Der friedliche Mohammedanismus wäre nicht einverstanden etwa mit dem Aufruf zur Ermordung Salman Rushdies oder Mina Ahadis und so vieler anderer, und der rechtgläubige Mohammedaner mißbillige, daß man Schulmädchen entführe oder ihnen ins Gesicht schieße.

Und er traue sich nur nicht, das zu sagen…

Während „islamistisch“ uns bedeuten soll, diese Leute, die sogenannten Islamisten, die hätten den Mohammedanismus falsch verstanden. Und es bestünde demnach keine Plicht jedes erwachsenen männlichen Mohammedaners, dem „Haus des Islam“, der höchsten und universalsten aller Religionen, die Nachbarn und Nachbarländer, dieses ganze „Haus des Krieges“, was meint, diese unsäglichen Heiden und die „Völker des Buches“ (Juden, Christen, Parsen…) und jenes ganze Gesocks an „Ungläubigen“, endlich mohammedanischen Regeln und Gesetzen und im Überlebensfall der Kopfsteuer zu unterwerfen.

Und es wäre kein todeswürdiges Verbrechen, den Mohammedanismus zu verlassen.

Das wäre falsch verstanden, so, als meinten solches weder der Koran noch Mohammed noch der Hadith.

Und nun, unermüdlich in Sorge um unser politisch richtiges Denken, eröffnet, erklärt, nein, nennt uns „ein wichtiger Faktor bei der Bildung der öffentlichen Meinung“ (DUDEN), nämlich der deutsche Journalismus, plötzlich eine zusätzliche Kategorie des Mohammedanismus. Nämlich die „radikal-islamische“.

Und das wiederholt. Auffälligerweise aber ausschließlich bezogen auf die Hamas.

„Radikal-islamisch“ – was will man uns denn hier nun wieder signalisieren? Welchen Unterschied sollen wir denn als korrekt empfinden im Hinblick auf „islamisch“ und „islamistisch“?

Da nirgendwo begründet oder gar diskutiert werde ich jetzt einmal, nun ja, bin ich gewissermaßen sogar gezwungen zu mutmaßen… Und aus diesem und jenem und so manchem vorherigen mutmaße ich schlicht, „radikal-islamisch“ soll stehen aus bestimmten Gründen und glauben machen an zwar nicht ganz so friedliche Mohammedaner wie den richtiggläubigen „islamischen“ Gemüsehändler, der an der sprichwörtlichen Ecke stets angeführt wird als Beispiel für die Friedlichkeit des Mohammedanismus. Doch vor allem, und Gott bewahre, soll „radikal-islamisch“ nicht etwa „islamistisch“ heißen und unkorrekt denken lassen an die unrichtigen Mohammedaner des sogenannten „sogenannten Islamischen Staates“.

Beispielsweise.

Stammtischhaft mutmaße ich jedoch, der Begriff „radikal-islamisch“ verunklart auffällige Gemeinsamkeiten.

Denn, um nur ein Beispiel aus jüngerer Zeit zu nennen, hat die unermüdlich Haß säende Hamas lange vor der aktuellen Aufregung über Donald Trump jeden Israeli zum lebenden Ziel erklärt und somit zur Ermordung sämtlicher Juden aufgerufen.

Und deshalb halte ich allein schon mit diesem Grunde „radikal“ zur Kennzeichnung jener Verbrecherbande als das absolut falsche Wort.

Wohingegen „islamisch“ offensichtlich stimmt.

Samstag, 7.12.17

PFORZHEIMER ZEITUNG:

Weder macht die Anerkennung Jerusalems als israelische Hauptstadt den Friedensprozess unmöglich, noch entscheidet der Sitz der US-Vertretung über die Zukunft der Muslime im Nahen Osten. Trumps „frischer Wind“ kann zu einem heftigen Unwetter führen. Aber der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Königshaus, hat Recht: „Man kann die Politik nicht immer daran orientieren, dass mit Gewalt gedroht wird und diese Drohung dann erfolgreich ist“.

NORDWEST-ZEITUNG:

Israel ist ein zuverlässiger Partner und teilt westliche Grundüberzeugungen. Das kann man weder vom Großteil der islamisch-arabischen Staatenwelt noch von der zwischen korrupt und antisemitisch-eliminatorisch schwankenden palästinensischen Führung behaupten. Welche Hauptstadt Israels würde denn etwa die Hamas akzeptieren? Die Antwort: keine, jemals.

Sonntag, 8.12.17

TAGESSPIEGEL:

Noch immer können die Palästinenser ihren eigenen Staat bekommen, noch immer können sie einen Teil Jerusalems auch zu ihrer Hauptstadt machen. Zwar toben die Palästinenser erst mal, aber weil sie besser wissen als viele ihrer Sympathisanten, dass sich auch für sie nichts ändert, werden sich die Gemüter wohl bald wieder beruhigen. Alarmismus ist ebenso verfehlt wie Triumphalismus. Trotzdem werden die Alarmglocken mit viel Nachhall geläutet. Das Ende des Friedensprozesses! Als hätte es in den vergangenen Jahren einen irgendwie funktionierenden Friedensprozess gegeben.

FRANKFURTER RUNDSCHAU:

Wer von Israel als einem Apartheid-Staat redet, kann nicht einem Massenmörder wie Baschar al-Assad huldigen, dem Umgang des türkischen Despoten Recep Tayyip Erdogan mit der kurdischen Minderheit applaudieren, die Hungerblockade der Saudis gegen die Jemeniten oder die brutale Unterdrückung aller Andersdenkenden durch den ägyptischen Diktator Abdel Fattah al-Sisi als Kampf gegen den Terror preisen. Ganz zu schweigen von dem zivilisatorischen Bankrott durch den „Islamischen Staat“, dessen blutige Spur von Terror und Verwüstung sich durch fast alle arabischen Staaten zieht.

DIE WELT:

Es ist Zeit, die Realität anzuerkennen. Auch in Europa. Je deutlicher den Arabern klargemacht wird, dass der Westen hinter Israel steht, desto eher wird man auch in Ramallah und Gaza die Realität anzuerkennen bereit sein.

Klarheit schafft Wahrheit!

 

Wie gefährlich ist Nordkorea?

 

2. Dezember 2017 – Bellarmin an Mephisto

Um zu verstehen, wie effektiv die Gefahr durch das nordkoreanische Regime ist, sollten wir uns zuvörderst um das Verständnis über das Warum seines Handelns bemühen. Und dazu wiederum müssen wir uns fragen, was es in facto ist. Im Rest der Welt wird es ja angesehen als kommunistisches Herrschaftssystem.

Ist es das?

Zunächst einmal finden sich all die typischen Merkmale bis zur Vollkommenheit:

Wir sehen die alleinige „wissenschaftlich“ wahre Ideologie zur Schaffung einer neuen Gesellschaft mit einem notwendigerweise neuen Menschentyp inklusive religiöser Paradiesverheißung nebst Ketzerverfolgung und Ausmerzung Andersdenkender sowie Ausrottung ganzer als schädlich oder feindlich eingestufter Gruppen und Gesellschaftsschichten. Im Ostblock seinerzeit „Wissenschaftlicher Kommunismus“ genannt und an Universitäten gelehrt von gewichtig daherschreitenden „Gesellschaftswissenschaftlern“. Auf Staatsexamenszeugnissen sämtlicher Hochschulfachabschlüsse ausgewiesen vor allen anderen als erstes Fach.

Wir sehen eine Staatspartei mit einem unfehlbaren und unsterblichen Führer bis ans Ende seiner Lebenszeit.

Wir sehen die Überwachung, Einschüchterung und das Inschachhalten der Bevölkerung vermittels einer übergesetzlich agierenden, also gegenüber dem entrechteten Individuum allmächtigen geheimen politischen Polizei. Die übrigens am 1. Dezember 1947, also exakt vor siebzig Jahren, in der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands im geheimen, wen wundert es, als sogenannte Abteilung „K 5“ und besetzt mit Alt- und Kaderkommunisten in den damaligen Kommissariaten der Kripo gegründet wurde aus irgend einem Grund.

Wir sehen die völlige Gleichschaltung und detaillierte Überwachung sämtlicher Medien und die peinlichste Kontrolle und Zulassungskontrolle des kulturellen Lebens, und, vor allem, jeglicher Bildungsanstalt.

Wir sehen, und hier kommen wir zum Kern oder besser zum Zweck der Veranstaltung, wir sehen nämlich ein mehr oder minder verhülltes und in Wahrheit auf Leibeigenschaft beruhendes Zwangsarbeitssystem einer staatsmonopolistischen Planwirtschaft.

Fein säuberlich finden sich demnach die wesentlichen Indikatoren, man möchte sagen: in Reinform. Interessant ist jedoch, daß das kommunistische Staatsziel aus der Verfassung Nordkoreas entfernt worden ist. Liegt der Westen also richtig, wenn man dort unisono von einem kommunistischen Regime spricht? Inwiefern unterscheidet es sich von einem faschistischen? Mit einer Staatsideologie wie beispielsweise einem rassistischen Sozialdarwinismus? Mit einer Partei wie beispielsweise der nationalsozialistischen? Mit einer Geheimpolizei wie beispielsweise der Gestapo? Mit einer per täglicher Regieanweisung durch das Reichspromi gleichgeschalteten Presse? Mit Sprüchen wie „Arbeit macht frei“ an den Toren der Konzentrationslager?

Derartige Sprüche sollen auch an den Eingängen nordkoreanischer Arbeitslager stehen…

Ich sehe keinen grundlegenden Unterschied zwischen Faschismus und Kommunismus – es handelt sich um Systeme mit totalitärem Herrschaftsanspruch über das Individuum: „Du bist nichts, dein Volk ist alles!“

Wir haben es zu tun mit dem als „totalitär“ bezeichneten totalen Herrschafts- und Besitzanspruch gegenüber dem vollkommen entrechteten Individuum: Du bist nichts, der Staat ist alles!

Totalitarismus als modernisierter Absolutismus: „L’état c’est moi!“

Wir erinnern uns: Mit Winston Smith in Orwells „1984“ soll der letzte Mensch, was meint, das letzte Individuum, vernichtet werden. Auf Zelle 101.

Es handelt sich um den auf die Spitze getriebenen Grundwiderspruch der Menschheit – um den Widerspruch zwischen Staat und Individuum in seinen jeweilig zum Absoluten strebenden Ansprüchen und Beanspruchungen. Und seiner Ausprägung in konträren Gesellschaftssystemen: Diktatur versus Demokratie.

Womit wir zum Warum des nordkoreanischen Handelns gelangen.

Es geht hier um die Versklavung des eigenen Volkes. Dessen daraus resultierende Verelendung ist natürlich permanent mit der eventuell von außen bewußt oder unbewußt stimulierten Gefahr von Rebellion und dem Zwang zu ihrer brutalen Niederschlagung verbunden. Es geht weniger, wie Vertreter westlicher, also aristotelischer Logik schließen, um „in Augenhöhe“ mit den USA verhandeln zu können.

Es geht um innere Allmacht.

Denn um das eigene Volk grenzenlos kujonieren zu können, bedarf es zwangsläufig seiner Abschottung. Dafür stand die Berliner Mauer. Dafür standen die sowjetischen SS 20 Raketen.

Dafür stehen die atomaren Versuche Kims.

Und egal was kam und kommt: Er hat und er wird sich davon nicht abbringen lassen. Selbst wenn er zum Schein mit noch so nach westlicher Logik ausgeklügelte Verträge unterschriebe. Der Westen hat bis heute nicht verstanden, was nach Abschluß des Vertrages von Helsinki die heimliche Aufstellung der sowjetischen SS 20 Raketen bedeutete. Und nach dem Ende des kommunistischen Systems denkt man auch nicht weiter darüber nach.

Sie waren das Zeichen und Eingeständnis, daß der Kommunismus den vollmundig von ihm selbst propagierten wirtschaftlichen Wettstreit der Systeme verloren hatte.

Denn es war vorbei mit dem wirtschaftlichen Überholen der USA kraft der gepriesenen weil unzweifelhaft „überlegenen sozialistischen Produktionsweise“. Es war vorbei mit der Ende der sechziger Jahre verkündeten „Errichtung der materiell technischen Basis des Kommunismus bis 1980“: Mittels sozialistischer Planwirtschaft war in selbiger Zeit Rußland vom Getreide-Exporteur zum Getreide-Importeur herabgesunken.

Ihren Zenit überschritt das Sowjetimperium in der Dekade von 1957 bis 1968/69, also beginnend vom Start des ersten Raumflugkörpers bis zum Einmarsch der Warschauer Paktstaaten in Prag zwecks Niederschlagung des „Prager Frühlings“ beziehungsweise bis zu dem ebenfalls selbst propagierten und mit Pauken und Trompeten verlorenen „Wettlauf zum Mond“.

Was demnach die Effektivität der nordkoreanischen Gefahr anbelangt: Es geht also nicht um Beschießung amerikanischen Territoriums. Es geht um Abschottung des nordkoreanischen.

Hierzu vom 29. November das essentielle Interview mit dem essentiellen Experten.

Deutschlandfunk:

Tobias Armbrüster: Schon wieder hat Nordkorea seinen Nachbar provoziert mit einem Raketentest, der offenbar alle bisherigen Tests übertroffen hat – noch höher und mit einer noch größeren Reichweite. Auch die USA könnten damit offenbar getroffen werden. Dieser Test vonseiten Nordkoreas, der lässt natürlich viele Fragen offen, nicht nur politische, strategische, sondern natürlich auch technische Fragen. Denn solche ballistischen Raketen, solche Interkontinentalraketen sind ja äußerst komplizierte Konstruktionen. Am Telefon ist jetzt Mann, der in diesem Bereich seit Jahrzehnten forschten, Professor Robert Schmucker von der TU München. Schönen guten Tag, Herr Schmucker!

Robert Schmucker: Grüß Gott!

Armbrüster: Herr Schmucker, wie viel Sorge müssen wir uns machen nach diesem Raketentest?

Schmucker: Also ich sage, wir müssen uns überhaupt keine Sorge machen, denn das ist das Spiel, das er schon die ganze Zeit spielt, der liebe Herr Kim. Nein, das ist nichts Neues. Er zieht immer wieder eine neue Rakete aus dem Hut, und allein die schiere Anzahl unterschiedlicher Raketen zeigt uns doch, dass da was nicht ganz stimmen kann. Immer wieder neue Raketen – kein anderes Land der Welt kann das, in so kurzer Folge erfolgreiche Raketen vorstellen, die kein Entwicklungsprogramm durchlaufen haben. Irgendwas stimmt da nicht.

Armbrüster: Was könnte denn dahinter stecken?

Schmucker: Also das Ganze liegt nur an Proliferation. Nordkorea kann selber gar nichts. Sie bekommen alles oder fast alles von außerhalb. Das heißt, wir sehen es an den Triebwerken, wir sehen das an den Raketen, an der Handschrift, am Design. Es kommt alles aus anderen Ländern. Und da kommen nur zwei Länder in Frage, nämlich die postsowjetischen Länder und China. Ob das die Regierung ist, weiß ich nicht, oder Institutionen, aber es kommt daher, denn es sind, A, die Geräte und, B, die Handschrift.

Armbrüster: Aber nun ist es ja so, diese Raketen, diese Raketentechnik, die ist in Nordkorea, die ist im Land, und offenbar sind die Nordkoreaner in der Lage, solche Raketen abzufeuern.

Schmucker: Abzufeuern ja.

Armbrüster: Dann ist die Gefahr ja durchaus gegeben.

Schmucker: Nein. Abzufeuern ja, aber können sie solche Raketen überhaupt bauen. Also entwickelt sind sie garantiert nicht in Nordkorea, denn so ein Entwicklungsprogramm haben wir nicht gesehen, und zwar gar kein Programm. Das heißt, abfeuern können sie. Ob sie da Hilfe von außerhalb haben, wissen wir nicht, das sehen wir nicht. Wir sehen nur die Raketen fliegen. Es sind singuläre Ereignisse. Die sind schön, aber sie beunruhigt mich nicht, denn, ja, die Raketen sind schön, aber damit kann ich noch lange nichts anfangen. Ich muss diese Raketen oft und oft geschossen haben, ich muss sie über Distanz schießen, damit ich was treffen kann. Also das haben wir alles noch nicht gesehen. Und wenn sie das machen wollen, dann sehen wir das, und dann müssen sie viel, viel häufiger mit ihren Raketen schießen als sie das bisher getan haben.

Armbrüster: Das heißt, wenn die Nordkoreaner jetzt in der Lage waren, diese Interkontinentalrakete 4.500 Kilometer hoch ins Weltall zu schießen und dann vor der japanischen Küste wieder ins Wasser fallen zu lassen, das ist für Sie noch kein Zeichen dafür, dass die das wirklich können.

Schmucker: Das ist richtig. Die haben jetzt eine Rakete geschossen, die haben schon mal andere geschossen, die fast so hoch gegangen sind. Ob es sich um eine neue handelt – ich habe keine Bilder, das weiß ich nicht. Das könnte genauso die alte sein mit leichterer Nutzlast oder etwas längerer Brennzeit, also mehr die Treibstoffe ausgeflogen, das kann alles sein. Es beunruhigt mich nicht im Geringsten, denn sie müssten doch viel mehr Dinge da meistern. Nämlich die Schusstafel, sie müssen einen Wiedereintrittskörper haben, sie müssen die Nutzlast haben. Alles das sind Dinge, die noch nicht da sind. Also ich würde mich da einfach ruhig zurücklehnen und sagen, bald ist Weihnachten, und das wird sehr schön werden.

Armbrüster: Und wenn Sie in Japan wohnen würden, dann würden Sie das auch sagen.

Schmucker: Würde ich genauso sagen, ja. Da macht einer einen, ich sag mal: einen Veitstanz, und keiner schaut zu. Das wäre das Richtige. Alles andere ist … Nein, Nordkorea hat nichts und kann nichts und hängt völlig von außen ab. Das sehen wir an der Hardware, die sie immer wieder präsentieren. Da bleiben keine Lücken da. Wir wissen, woher das kommt, also zumindest geografisch her, wir wissen, wie die Technik ausschaut, wir wissen, dass da nichts Neues ist, und mehr … Das beunruhigt mich nicht. Nein, ganz und gar nicht.

Armbrüster: Wie schwierig ist das denn eigentlich, aus so einer Rakete eine Atomrakete zu machen?

Schmucker: Wenn die Rakete fertig funktioniert und alles da ist, dann ist das alles nicht schwierig, denn dann setze ich einfach eine andere Nutzlast drauf. Ich brauche aber einen Wiedereintrittskörper.

Armbrüster: Also irgendwas, was sozusagen nicht verglüht, wenn die Rakete wieder –

Schmucker: Genau.

Armbrüster: – in die Erdatmosphäre eintritt.

Schmucker: Und jetzt sind wir bei einem ganz wichtigen Punkt: Wenn ich auf Distanz schieße, also sagen wir mal 10.000 Kilometer, dann muss ich im Gebiet, wo die runterkommt, Marinekräfte haben, die das bergen. Und da gibt es natürlich ein Land, das viel mehr Marinekräfte hat, und spätestens dann, wenn die wissen, dass da was geschossen wird – es werden immer Sperrgebiete ausgewiesen–, die Wahrscheinlichkeit, dass da jemand anderer kommt und das rausfischt, ist sehr, sehr groß. Man versucht ja in Nordkorea das sehr zu verbergen, indem man senkrecht schießt, das heißt, dass die erste Stufe auf alle Fälle auf nordkoreanischem Hoheitsgebiet runterkommt, sonst könnte man das ja auswerten. Also deshalb sage ich, ja, da muss noch viel, viel getan werden, bis das eines Tages eine ernsthafte Bedrohung darstellt.

Armbrüster: Ich weiß jetzt nicht ganz, ob ich Sie da richtig verstanden habe, Herr Professor Schmucker. Sie sagen, eigentlich, um diese Tests richtig auswerten zu können, müssten die Nordkoreaner selber die runtergekommene Rakete wieder aus dem Meer fischen, um zu gucken, was damit passiert ist.

Schmucker: Ja, der Wiedereintrittskörper muss rausgefischt werden. Ich muss ja wissen, wo er runtergekommen ist, hat er das überlebt und so weiter. Da brauche ich Industrie.

Armbrüster: Wie schwierig ist das, so einen Wiedereintrittskörper zu entwickeln?

Schmucker: Das ist nicht so schwierig, aber ich muss es testen, testen, testen. Es muss also geflogen werden, und das ist der entscheidende Punkt: Diese Tests gibt es bis jetzt nicht. Das heißt, auch wenn es einfach ist, muss es getestet werden, und ich muss testen, dass die Höhenauslösung der Ladung erfolgt. Das heißt, all das muss einer Prüfung unterzogen werden, und bis jetzt sehen wir davon gar nichts.

Armbrüster: Haben Sie denn irgendwelche Anzeichen darüber, wie viele von solchen Raketen die Nordkoreaner sozusagen noch auf Lager haben, um solche Tests machen zu können?

Schmucker: Das weiß ich nicht. Die Anzahl der neuen Raketen, die geschossen wurden, ist denkbar klein. Schauen Sie, wir haben dieses Jahr drei, und wenn das jetzt eine neue sein soll, vier neue Raketen, die getestet wurden. Vier neue oder fünf, oder sonst was, sechs neue Raketen, die getestet wurden. Das ist eine solche Menge an neuen Raketen, das ist unvorstellbar, dass ein Land wie Nordkorea also lauter Entwicklungsmannschaften hat, die das alles parallel entwickeln, fertigen, prüfen und so weiter. Nein, das ist sehr, sehr unwahrscheinlich, dass das da ist. Es handelt sich ja dabei um russische Raketentriebwerke, die wir kennen, also müssen die aus Russland irgendwie hergekommen sein, aus dem Postsowjetischen. Nicht russisch, ich sage postsowjetisch müssen die hergekommen sein. Die Struktur ist einfach zu fertigen, aber da braucht man wieder Anleitung, und das ist alles nicht ganz so einfach, wie sich die meisten das denken. Denn viereinhalbtausend Kilometer hoch schießen, das ist schon eine Anforderung, die nicht so einfach ist.

Armbrüster: Aber die Nordkoreaner haben es eben jetzt geschafft.

Schmucker: Ja.

Armbrüster: Das bringt mich zu der Frage, wie groß ist denn das Know-how, das nordkoreanische Forscher haben. Haben Sie darüber irgendwelche Erkenntnisse?

Schmucker: Nein. Also nachdem, was ich so sehe an Modellen, diese Modelle, die sie vorführen, sind sehr, sehr bescheiden, haben viele Fehler, die Modelle. Das heißt also, da scheint das Know-how nicht so gut zu sein, denn wenn ich Modelle habe, die die Einfüllstopfen an der falschen Stelle haben, wenn da Leitungen falsch gelegt werden, wenn da Dinge sind, wo man sagt, ja, gibt es das denn noch, dass die das so falsch darstellen, dann frage ich mich, wo ist das Know-how auf der nordkoreanischen Seite.

Armbrüster: Wenn das Ganze jetzt so schwer zu beherrschen wird und beherrschen ist und wenn die Nordkoreaner da auch tatsächlich nicht so alle Feinheiten kennen, ist das dann alles nicht eigentlich noch viel gefährlicher, weil sie es ja offenbar nicht richtig unter Kontrolle haben?

Schmucker: Nein. Wenn sie es nicht können, dann explodiert das Ganze immer. Diese Raketen sind sehr empfindlich, und wenn was falsch läuft, endet es bei einer Rakete immer in einem Fehlversuch. Und deshalb: Man kann das nicht einfach so machen. Raketen sind nicht verzeihend, was Fehler anbelangt. Also würde ich mir gar keine Sorgen machen.

Armbrüster: Das heißt, gefährlich ist es für die Leute, die da wohnen, wo die Rakete in die Luft geht, wo die startet.

Schmucker: Für die ist es gefährlich, für die Nähe, aber für alle anderen ist es bedeutungslos.

Das wissen natürlich die Amerikaner, das wissen die Russen, das wissen die Chinesen. Bei den Reaktionen der Beteiligten handelt sich also weitgehend um Zirkuspropaganda. Doch läßt der geistige Habitus der derzeitig maßgeblichen Strippenzieher, insbesondere wenn einer Haß als Staatsräson hofiert, Imponderabilien gedeihen, als befänden wir uns in einer typischen Vorkriegssituation.

 

EU am Beispiel Glyphosat

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17. November 2017 – Bellarmin an Mephisto

Was viel bedacht wird, wird bedenklich“, meinte Nietzsche, bevor er wahnsinnig wurde und ohne noch die zuverlässigste Freundin ihrer Feinde, die Wolltemalundkonntenicht-Gesellschaft, die sogenannte Europäische Union, überhaupt zu kennen. Und vielleicht erinnerst Du Dich. An das brüsselokratische Theater vor anderthalb Jahren. Am 20. Mai 2016 schrieb ich Dir über das jeglichem echten Journalisten mit hochgehaltenem Pressekodex doch eigentlich verdächtig erscheinen müssende Procedere im Hinblick auf die vehementen Versuche, das Pestizid Glyphosat weiterhin langjährig durchzudrücken:

Da tagte man also, und die ersten Berichte unseres modernen Journalismus vermeldeten zerknirscht, es habe sich keine Mehrheit für eine Verlängerung gefunden. Wenn man nun arglos und demokratiegläubig, also vergeßlich wäre, hätte man folgern können, na bitte! Die Fachleute haben entschieden und des Giftes Verwendungsdauer um weitere neun Jahre nicht zugestimmt.

Weit gefehlt!

Plötzlich erfährt man, es sei noch überhaupt nicht abgestimmt worden! W E I L eine Mehrheit für eine Verlängerung der Verwendungsdauer sich noch nicht habe absehen lassen!

Und eine Mehrheit dagegen auch noch nicht.

Da staunt der Fachmann und der Laie wundert sich. Denn dieser verdammte dumme Stammtischlaie mit seinen einfachen populistischen Antworten hatte ja nun angenommen, Demokratie hieße, daß man sich am anberaumten Termin zum Zwecke der Abstimmung zusammenfinde und abstimme zu einer eindeutig formulierten Frage, etwa: Wer ist denn für die Verlängerung der sogenannten Nutzungsdauer des Giftes?

Wer ist dagegen?

Und da anstelle jenes mysteriösen N O C H von einem Patt nirgends nicht die Rede war, und bei jeder halbwegs intelligenten Regelung eines demokratischen Abstimmungsmodus, noch dazu unter Berücksichtigung von Bevölkerungszahlen, man sich sehr viel Mühe geben müßte zu einer Pattherbeiführung, wäre die Sache somit entschieden.

Stattdessen jenes bizarre N O C H.

War jemand an der Teilnahme verhindert? Standen auf dem Weg nach Brüssel die entscheidenden Bevölkerungsteile im Stau?

Ominöserweise ist allerdings die Rede, wenigsten von einigen unserer modernen Journalisten – fast müßte man sie wenigstens dafür loben, wenn einen die permanente Abwesenheit ihrer Fragen, von kritischen Fragen erst gar nicht zu reden, nicht so sehr schmerzte – ominöserweise ist allerdings die Rede, wenn man genau hinhört, von Feststellungen. Man habe vorher durchgezählt und festgestellt, daß eine Mehrheit für die Verlängerung des Gifteinsatzes N O C H nicht zustande käme. Und mit diesem Grunde die Abstimmung verschoben und sich vertagt.

Ach so… Brüsseler Demokratie. Man wartet N O C H auf ein genehmes Ergebnis.

Man muß es sich vorstellen: Ein Nein bei der sogenannten Entscheidungsfindung wird überhaupt nicht akzeptiert! Und nicht ein Journalist unserer öffentlich rechtlichen Medien, ausgestattet mit Berufsethos und Pressekodex, den ich dieserhalb mit einer erstaunten Frage hörte!

Und auch: Warum kam keine Mehrheit zustande? Welche Länder waren denn dagegen? Welche Gründe nannte man?

Von einer kritischen Erörterung gar nicht zu reden!

Und könnte es nicht sein, daß nicht nur jene unsäglichen Verschwörungstheoretiker auf den Gedanken kämen, hier habe ein gewisser Konzern namens Monsanto im Zusammenspiel mit landwirtschaftlichen Lobbyverbänden die „Europäische Union“ gekapert?

Wäre es nicht reizvoll, solcherlei Untersuchungen nicht nur lobenswerten Privatpersonen und Nichtregierungsorganisationen zu überlassen? Sondern diese mit allen professionellen Möglichkeiten, Erfahrungen, Verbindungen nebst handwerklichem Können zu unterstützen?

Muß man denn diese Leute immer erst zum Jagen tragen?

Also verschob man die „Entscheidung“ um anderthalb Jahre auf den 15. Dezember 2017, damit „für die Zulassung“ eine qualifizierte Mehrheit zustande käme.

Jenes Unterfangen einer „Entscheidung für die Zulassung“ wurde im Juli diesen Jahres wieder aufgenommen.

Nun ging es um die Suche nach einer „qualifizierten Mehrheit“ „für eine Zulassung“ in den nächsten zehn Jahren….

„Qualifizierte Mehrheit“ heißt, mindestens 16 Mitgliedsstaaten, die 65 Prozent aller EU-Bürger repräsentieren, müßten dafür stimmen, Glyphosat auf europäischen Äckern weiter einzusetzen.

Inzwischen hatten Bewertungen der Europäischen Chemikalienagentur ECHA und der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA eine „Entscheidung für die Zulassung“ des von der Internationalen Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuften und in Kalifornien auf der Krebsliste stehenden und in Italien im Urin von Schwangeren nachgewiesenen Herbizids möglich machen sollen. Der Toxikologe Peter Clausing, der die Bewertungen der Gutachten sich genauer ansah, spricht hierbei jedoch von „kapitalen Fehlern“:

Sie liegen falsch, weil sie ihre eigenen Regeln missachtet haben, weil sie existierende Dosisabhängigkeit bei den Studien negieren, weil sie die Wiederholbarkeit der Befunde gleichen Typs bei verschiedenen Studien abstreiten, obwohl sie nachweisbar sind, und weil sie sogenannte ‚historische Kontrollen‘, die sie in gravierend falscher Weise anwenden, ins Feld führen, um die existierenden Befunde abzuschwächen und zu negieren.“

Und merkwürdigerweise tendenziös: Die Datenlage sei zugunsten von Glyphosat verändert worden.

Da die Behörden so eindeutig im Sinne der Industrie argumentiert haben, ist unser Verdacht, dass sie politischen Vorgaben gefolgt sind“, sagt Heike Moldenhauer vom BUND.

Und die Politik folgte wohl kommerziellen Vorgaben. Nach Erkenntnissen einer Nichtregierungsorganisation für die Lobby-Kontrolle in Brüssel, der „Corporate Europe Observatory“, wirkten europäische Glyphosat-Hersteller an der Schlußfassung des Berichtes der EFSA mit.

Am 19. Juli wurde gemeldet, die EU-Staaten hätten wiederum nicht über die Zulassung entschieden. Und die „Entscheidung für die Zulassung“ bis nach der Bundestagswahl in Deutschland verschoben…

Zehn Tage später in der Chronik der in deutschen Medien im wesentlichen unerörterten Ereignisse entzog das Europaparlament plötzlich auf Antrag der Grünen den Lobbyisten des US-Konzerns Monsanto die Zugangsausweise zum Europäischen Parlament! Weil diese der Einladung zu einer Anhörung nicht nachgekommen waren aus irgendeinem Grunde.

Wie wäre es denn, wenn öffentlich rechtliche Medien Lobbyisten bisweilen zu kritischen Anhörungen lüden?

Und eigenständig recherchierten über deren Machenschaften und Machinationen?

Nun gut, wir wollen sie nicht mit weltfremden Ideen überfordern, unsere stolzen Journalisten.

Und immerhin, nachdem eine europäische Bürgerinitiative mit 1,1 Millionen Unterschriften für das Verbot von Glyphosat eine Anhörung im EU-Parlament und eine Stellungnahme der EU-Kommission erzwungen hatte, sendete der Deutschlandfunk am 5. Oktober ein sehr bemerkenswertes, wenn auch freilich ebenfalls im weiteren nicht diskutiertes und demnach trotz seines Brisanz folgenloses Interview mit dem Plagiatsforscher Stefan Weber:

Stefan Römermann: Über die Gefährlichkeit des Pestizids Glyphosat wird seit Jahren erbittert gestritten. Ist es nun krebserregend oder nicht? Ein langes ausführliches Gutachten des Bundesinstituts für Risikobewertung kam zum Schluss, dass das Mittel nicht gefährlich sei. Doch im vergangenen Monat wurden Vorwürfe laut, dass das Institut ganze Kapitel eins zu eins aus einem Antrag des Glyphosat-Herstellers Monsanto abgeschrieben haben soll.

Im Auftrag der österreichischen Umweltorganisation „GLOBAL 2000“ hat sich der Plagiatsforscher und Gutachter Stefan Weber die entsprechenden Passagen genau angeschaut und untersucht. Ihn habe ich vor der Sendung gefragt, ob im Text die übernommenen Passagen ausreichend gekennzeichnet wurden.

Stefan Weber: Es gab gar keinen Hinweis. Im Gegenteil! Es gibt sogar ein Kapitel von den drei Kapiteln, die ich mir jetzt genau angeschaut habe: das Kapitel über Genotoxizität, bei dem es um Fragen zur Erbgutschädigung durch Glyphosat geht. Und dieses Kapitel hat einen Autor, den Larry Kier. Larry Kier ist ein Toxikologe, der früher bei Monsanto mitgearbeitet hat und nunmehriger Consultant von Monsanto ist.

Römermann: Das Institut hat wirklich komplett von Monsanto abgeschrieben, sagen Sie?

Weber: Absolut! Und den Larry Kier als Originalautor, auf den ja der Ausgangstext, der Antrag der Glyphosat Task Force in Fettschrift hinweist – „das folgende Kapitel stammt von Larry Kier“ -, dieses Kapitel wiederum wurde von Larry Kier auch gemeinsam mit einem Co-Autor im Jahr 2013 publiziert in einem wissenschaftlichen Journal, und dieser Text findet sich eins zu eins ohne Quellenangabe Larry Kier im Bewertungsbericht.

Römermann: Jetzt stellt sich die Frage: Gelten denn die Regeln für wissenschaftliche Praxis – die zitieren Sie auch immer wieder -, die Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis auch wirklich in diesem Fall? Das Bundesinstitut für Risikobewertung, das schreibt ja keine Dissertationen.

Weber: Die Frage ist zu bejahen, aus zwei Gründen. Erstens: Das Bundesinstitut für Risikobewertung bekennt sich selbst auf der eigenen Webseite zu diesen Richtlinien zur guten wissenschaftlichen Praxis, also nicht nur zur guten Laborpraxis, sondern auch zur guten wissenschaftlichen Praxis, und schließt damit Plagiat aus und bekennt, eigenes von fremdem geistigen Eigentum unterscheiden zu müssen.

Römermann: Aber Sie sagen, auf der anderen Seite sagt das Bundesinstitut auch, dass es üblich sei, in solchen Bewertungsverfahren Textpassagen nach kritischer Prüfung auch zu übernehmen. Konnten Sie das nachvollziehen?

Weber: Nein, weil ich muss ja auch die kritische Prüfung dann dokumentieren. Und die kritische Prüfung ist ja nicht damit dokumentiert, dass ich etwas mit „copy pasted“ übernehme. Genau dann muss ich ja schreiben als Bundesinstitut, nur dann ist es ja seriös und verstößt nicht gegen die gute wissenschaftliche Praxis: „Wir geben im Folgenden ein Kapitel zur Genotoxizität von Larry Kier wieder. Wir haben dieses Kapitel sorgfältig überprüft und kommen zu exakt denselben Ergebnissen.“

Römermann: Wenn man so etwas schreiben würde, dann wäre es in Ordnung. Aber so, wie es hier gelaufen ist, ist es nicht in Ordnung?

Weber: Genauso ist es. Aber auch dann, wenn so eine Passage in so einem Bewertungsbericht vorkommen würde und man exakt zu denselben Schlussfolgerungen kommt, würde das entweder heißen, was ja nicht auszuschließen ist, dass die Glyphosat Task Force sehr präzise, sehr genau gearbeitet hat, somit das Bundesinstitut für Risikobewertung hier keinen Fehler fand und keine Abweichung fand. Das ist ja nicht auszuschließen. Nur: Im Sinne der wissenschaftlichen Glaubwürdigkeit und der guten wissenschaftlichen Praxis muss genau das im Bewertungsbericht drinstehen.

Römermann: Was bedeutet denn so ein Plagiat nach Ihrer Erfahrung für die Beschäftigung mit dem Inhalt? Kann man denn jemand, der über so viele Stellen, ich sage mal, abschreibt, tatsächlich noch abnehmen, dass er sich auch wirklich damit auseinandergesetzt hat?

Weber: Das ist ja auch das Problem. Das wissen wir damit nicht mehr. Jetzt kann man natürlich sagen, wenn jemand einfach nur einen Text mit „copy pasted“ übernimmt und schreibt, ich schließe mich den folgenden 35 Seiten voll inhaltlich an und die Seiten werden in Kursivschrift wiedergegeben, kann es natürlich auch sein, dass er sich nie mit dem Inhalt auseinandergesetzt hat. Deshalb sagt ja auch die Rechtsprechung, dass eigentlich die seitenweise zitierte Übernahme von Texten auch wissenschaftlich problematisch ist.

Römermann: Wir sprechen hier über ungefähr 50 Seiten aus einem Gutachten von ungefähr 4.000 Seiten. Ist das wirklich entscheidend? Stößt das die Erkenntnisse dieses Gutachtens wirklich komplett um?

Weber: Das ist absolut entscheidend. Es sind genau 103 Seiten von 4.322 Seiten, die überprüft wurden. Die Bewertungen der wissenschaftlichen Studien in Bezug auf Erbgutschädigung, Krebserzeugung und Fruchtbarkeit wanderten wiederum als Textsegmente in die anderen Kapitel mit ein. Das habe ich schon rekonstruiert. Es geht hier nicht um irgendwelche Randkapitel; es geht hier um eine sehr zentrale Fragestellung und es geht darum, noch mal zusammenfassend, dass die Bewertungen der Glyphosat Task Force letztlich von Monsanto und anderen Herstellern hier wortwörtlich unzitiert in diesem Bericht wieder auftauchen und damit der Leser nicht mehr weiß, was war jetzt in diesem Kapitel noch die Eigenleistung des Bundesinstituts für Risikobewertung.

Römermann: Der österreichische Plagiatsforscher Stefan Weber über ein umstrittenes Glyphosat-Gutachten des Bundesinstituts für Risikobewertung.

Nach den ebenfalls in deutschen Medien kaum gewürdigten, geschweige denn erörterten Ergebnissen und Folgen jener Bürgerinitiative kamen die Dinge auf der europäischen Ebene endlich ins Rollen und Rutschen. Der Umweltausschuß des Europäischen Parlaments verständigte sich darauf, daß es keinerlei Verlängerung geben solle. Nachdem das Europaparlament eine Verlängerung bis höchstens 2022 gefordert hatte, sprach sich selbst die EU-Kommission dafür aus, die Genehmigung nur noch um fünf bis sieben Jahre zu verlängern. Man folge der Risiko-Einschätzung des Parlaments, erklärte ein Kommissionssprecher in Brüssel.

Insgeheim hoffte man wohl, statt der zehn wenigstens sieben Jahre durchsetzen zu können. Jedoch am 25. Oktober mußte eine weiteres Mal die „Entscheidung für eine Verlängerung“ verschoben werden. Was heißt: Da eine Zustimmung bei der Abstimmung absehbar wieder nicht zustande kam, wurde wiederum nicht abgestimmt:

Eigentlich wäre eine Einigung bereits heute möglich gewesen, doch das zuständige Expertengremium in Brüssel stimmte am Ende nicht darüber ab“, meldete der Deutschlandfunk blauäugig.

Stattdessen wolle die EU-Kommission nun weiter mit den Mitgliedstaaten an einer Lösung arbeiten…

Brüsseler Demokratie…

Also Feilschen:

Am 27. Oktober meldete der Deutschlandfunk:

Mit einem neuen Kompromissvorschlag versucht die EU-Kommission, den Streit über die Weiterverwendung des Unkrautvernichters Glyphosat zu beenden.

Die Brüsseler Behörde empfiehlt jetzt, die Chemikalie fünf weitere Jahre zuzulassen. Bisher waren sieben Jahre im Gespräch. Der neue Vorschlag sei den Mitgliedstaaten zugeschickt worden. Frankreich lehnte den Vorstoß umgehend ab und beharrt auf einer Verlängerung um maximal vier Jahre.

Und am 9. November, gleiche Stelle, gleiche Welle:

Die Europäische Kommission ist erneut mit dem Versuch gescheitert, die Zulassung des umstrittenen Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat zu verlängern…

Im zuständigen Fachausschuss sei keine qualifizierte Mehrheit für eine fünfjährige Verlängerung zustande gekommen…

Die EU-Kommission teilte mit, bis Ende November einen neuen Vorschlag zu präsentieren.

 

Bundeskanzlerin Angela Merkel Ende Juni 2017:

Wir haben von der Seite der Union in der Bundesregierung immer erklärt, dass wir der Verlängerung zustimmen würden, weil wir wissen, natürlich werden Pflanzenschutzmittel nur unter den strengsten Bedingungen angewandt.“

Mutmaßlich!

 

3.11.17 Bellarmin an Mephisto

 

Beobachtungen am bundesdeutschen Journalismus

Donnerstag, 2. November 2017, Deutschlandfunk:

Der Autobauer kündigte den Rückruf von europaweit knapp 5.000 Fahrzeugen an. Es handele sich um Modelle vom Typ A8 mit V8-TDI-Motor und Euro-6-Abgasnorm. Bei technischen Überprüfungen seien überhöhte Stickstoffwerte festgestellt worden. Der Sachverhalt sei dem Kraftfahrt-Bundesamt gemeldet worden. Die Flensburger Zulassungsbehörde spreche von einer illegalen Abschalteinrichtung, hieß es.

So, so…

Da sei festgestellt worden, sei gemeldet worden und man „spreche von“ und „hieß es“…

Hat es geheißen… Hat er gesagt, sagt er…

Ließe es sich denn nicht recht einfach feststellen, ob die Zulassungsbehörde tatsächlich davon spricht?

Und:

Nur weil sie davon spricht, kündigt der Autobauer einen europaweiten Rückruf an?

Könnte es nicht sein, daß der Verdacht eines Betrugsversuches vorliegt?

Und darum die Volkswagentochter sich veranlaßt sieht zu dem folgenschweren Schritt eines europaweiten Rückrufs ihrer Modelle vom Typ A8 mit V8-TDI-Motor und Euro-6-Abgasnorm?

Und könnte dies nicht ein Journalismus, der sein Handwerk noch verstünde wie einst in besseren Zeiten, indikativ melden?

Zumal er ansonsten so manches Ding in korrekter Exaktheit meint melden zu müssen.

Man weiß ja beispielsweise exakt welche Partei in Deutschland populistisch ist.

Nein, wo denkst Du hin! Nicht die Linkspartei und der Gysi! Niemals! Wie kommst Du darauf? Na, und die SPD und der Schulz und der Gabriel doch nicht! Jetzt hör aber auf!

Nein, man weiß das immer ganz genau und hat nicht den geringsten Skrupel, es permanent zu melden und die Bürger nachrichtendienstlich zu warnen.

Ein schöner Zug…

Auch weiß man immer korrekt anzugeben, wer die populistische Partei, also wer falsch wählt. Daher weiß ich zum Beispiel, daß unter jenen Wählern kein einziger intelligenter Mensch sich befindet, der solches aus rationaler Überlegung täte! Sondern das sind ausnahmslos verängstigte, abgehängte, modernisierungsskeptische, fremdenfeindliche, rassistische Neonazis.

Da kennt man nix von wegen „man spreche von“ und „es hieße“!

Auch weiß man immer ganz korrekt zu melden, was Stammtische reden oder „was die Terroristen wollen“.

Wohingegen wenn man sich unsicher fühlt in der ganzen Korrektheit, da mutmaßt der deutsche Journalismus lieber lauthals. Also zum Beispiel wenn ein Mann mit einem Fahrzeug in London auf der Brücke mehrere Menschen totfährt, aus dem Auto springt, um mit einem Messer auf einen Polizisten einzustechen, dann meldet man bei uns in Deutschland tatsächlich nach korrekter Aufzählung sämtlicher Fakten, daß der „mutmaßliche Täter“ erschossen wurde.

Also man könnte glauben, der Erschossene sei umsonst erschossen worden! Das wäre der Erschossene gar nicht gewesen, der da auf den Polizisten einstach…

Die Deutschen!

Eigenartig korrekt!

Oder wenn in New York ein Mann mit einem Kleintransporter auf anderthalb Kilometern Radfahrweg acht Menschen zu Tode fährt, dabei gefilmt wird, wie er „Allahu Akbar“ schreiend mit zwei Waffen herumfuchtelnd aus dem Wagen hechtet, von einem Polizisten durch einen Bauchschuß niedergestreckt wird, im Krankenhaus zusammengeflickt am nächsten Tag vor den Haftrichter geführt erklärt, er habe die Tat seit zwei Monaten vorbereitet, ja, dann berichtet man korrekt mit diesen Fakten über den „mutmaßlichen Anschlag mit Pickup-Truck – acht Tote, mehrere Verletzte“!

Und den „mutmaßlichen Attentäter“!

Wohl einzigartig auf dem Globus!

Die mutmaßlichen Journalisten sollten sich ihr mutmaßliches Lehrgeld mutmaßlich wiedergeben lassen!

Und bei künftigen Mutmaßlichkeiten sollten die Verängstigten lieber einen souveränen Wisselbloa fragen, einen vom Stammtisch, der ihnen die Fakten deutet, damit sie keine politisch unkorrekte Fäknju verbreiten…

 

27.10.17 Mephisto an Bellarmin

 

Nicht nur im ersten Moment Freude und Erleichterung beim Eintreffen der Nachricht von der Freilassung Peter Steudtners und seiner Leidensgefährten aus türkischer Gefangenschaft.

Dann die Frage: Was hat das zu bedeuten?

Darauf die Vermutung: Der Sultan hat der Welt zu zeigen beschlossen: Was seid ihr doch für Lügner! Schaut her! Seht die unabhängige Gerichtsbarkeit in der Türkei!

Damit die aufsteigende Angst: Was kann in solchem Fall eine offensichtlich propagandistische Demonstration für Auswirkungen haben auf die Verfahren der übrigen Gefangenen, die der Deutschen und die all der anderen?

Seltsam dabei: Kein einziges Mal die Hoffnung der ordinären gutmenschlichen Nichtdenker Deutschlands, die sofort loszuplappern begannen, in der Türkei bahne sich nun eventuell eine Besserung der politischen Verhältnisse an!

Und wie zur Bestätigung darauf das typisch spdämlich triumphale Schmettern des deutschen Außenministers Sigmar Gabriel: Tätärätä! Altkanzler Gerhard Schröder habe als bundesrepublikanischer Emissär im persönlichen Kontakt mit Erdogan jene Freilassung bewirkt! Und spdämlich lobend schob Gabriel nach: Die Türkei habe sich an sämtliche Abmachungen gehalten. Um schließlich, gewissermaßen als Gipfel unbemerkter Doofheit, schmerzfrei noch eins draufzusetzen: In Absprache mit Kanzlerin Merkel!

Mindestens dieses wollen wir doch hoffen!

Denn in zivilisierten Demokratien ist es eigentlich üblich und sollte es sogar in Deutschland sein, daß Parteien das Außenministerium nicht als Parteiinstanz betrachten. Und daß Außenpolitik nicht im Interesse der Partei des jeweiligen Außenministers, sondern alleinig zum Wohle des Landes betrieben werde. Und zwar als Selbstverständlichkeit und sogar in nebensächlicheren Belangen nie ohne Absprache mit dem Regierungschef.

Mindestens das!

Ja, was soll man nun noch sagen…

Wenn man doch fassungslos ist…

Der Sultan hat in gleichermaßen unbemerkter Doofheit der Welt demonstriert: Die Türkei wird typisch orientalisch regiert.

Und:

Die an Georgien, Armenien, den Iran, den Irak und an Syrien grenzende Türkei gehört, auch mit jener mehrheitlich im Land und im Umland akzeptierten Regierungsform, zu Vorderasien.

Und die sogenannte Europäische Union sollte lieber nicht an Georgien, Armenien, den Iran, den Irak und an Syrien grenzen.

Der Wille zur Europäisierung der Türkei entspringt letztendlich US-amerikanischem Wunschdenken aufgrund der unzweifelhaften strategischen Bedeutung des Landes im Nahen Osten und am Bosporus und der deswegen forcierten Einbindung in die NATO.

Es handelt sich jedoch um ähnliche Träumereien, die hinter den Mauern des Pentagon US-amerikanisches Militär auch hinsichtlich der Demokratisierung des Iraks und weiß Gott welcher mohammedanisch beherrschten Länder träumte.

Und um so gefährlichere Illusionen, je länger man ihnen tatsachenignorant nachhängt.

Apropos Tatsachen: Was braucht es denn noch?

Die Türkei gehört nicht zu Europa und erst recht nicht in die sogenannte Europäische Union.

Die sogenannte Europäische Union, die nicht einzig an der Wahnidee einer einheitlichen Außenpolitik unter einer Außenbeauftragten leidet. Und doch selbst angesichts der größten Ungeheuerlichkeiten, wie beispielsweise der Verfolgung Andersdenkender selbst auf europäischem Boden oder offenbarer Geiselnahme zum Zwecke politischer Erpressung, dem Despoten nicht geschlossen gegenübertritt…

Wie sprach erst kürzlich der deutsche Bundespräsident?

Wir müssen uns ehrlich machen!

Nun meint der im übrigen schätzenswerte und, des Despoten geistigen Habitus offenbarend, pardon, autend, nun meint der von Erdogan beschimpfte und in kaum zu unterbietender Primitivität eines unreinen Blutes bezichtigte Cem Özdemir, wir dürfen die Demokraten in der Türkei doch nicht enttäuschen!

Und mit diesem Grunde dürften die Beitrittsverhandlungen nicht abgebrochen werden.

Der Wunsch, diesen Menschen zu helfen und ihr berechtigtes Begehren nach Freiheit und Recht zu unterstützen, ist unbedingt nachvollziehbar.

Aber man kann und sollte das eine Vernünftige ruhig tun, denn man muß das andere Vernünftige darob ja nicht lassen!

Und sonst kommt Claudia Roth demnächst auf die Idee, China in die EU aufnehmen zu müssen…

 

Freitag, 27. Oktober 2017, der österreichische STANDARD:

Zwei Putin-Freunde sehen sich wieder und sind sich bald einig: Gerhard Schröder und Recep Tayyip Erdogan. Der eine hat Gefallen an Geld und Autokraten gefunden. Der andere füllt die Rolle des prunksüchtigen Sultans gleich selbst aus. Und beide räumen den ‚Fall Steudtner‘ aus der Welt. Man kann es diplomatisches Geschick nennen oder auch eine lupenreine Farce.

 

Ich fürchte aber, mit dem gestrigen Tag hat sich die Aussicht auf ein baldiges Ende ihrer Leidenszeit für die übrigen Geiseln in türkischer Haft verschlechtert.