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Thalatta ! Thalatta !

Kategorie-Archiv: Geschichte

1.4.16 Serapion an Mephisto

Erinnerung kann in Zeiten üppigen Elends vor zunehmender Verblödung schützen. Ich entnehme dem Band 3.1 „Deutsche Geschichte von Tag zu Tag“ von Manfred Overesch und Friedrich Wilhelm Saal, 1986 im Droste Verlag Düsseldorf erschienen, manches Bedenkenswertes für den heutigen Tag.

Aus Gründen des Mangels mußten heute vor 70 Jahren in der amerikanisch besetzten Zone Deutschlands die Lebensmittelrationen gekürzt werden. Und zwar mit Beginn der vierwöchigen 87. Zuteilungsperiode von 1550 auf 1275 Kalorien pro Tag. Jugendliche durften immerhin bis zum 28. April verzehren 8000 g Brot, 600 g Fleisch, 650 g Fett, 62,5 g Käse, 125 g Quark, 2000 g Nährmittel, 500 g Zucker, 450 g Marmelade, 125 g Kaffee-Ersatz, und sie kamen somit auf täglich 1471 Kalorien.

Jeder Zuteilungsberechtigte durfte bis zu 20 Eier erwerben pro Jahr. Brauereien und Brennereien wurde ein Vermälzungsverbot auferlegt. Zur Sicherung der Brotversorgung.

In der „Neuen Presse“ schrieb heute vor 70 Jahren Heinz Piontek zur Lage der Jugend in Deutschland:

„Mit aufgerissenen Augen taumeln Jungen und Mädchen, durch Nöte und Gefahren der Kriegszeit älter und stiller geworden, in ein neues, unbekanntes Leben. Verständnislos hören und lesen sie über Ränke und Intrigen einer schamlosen Politik, über Blutgier, Brutalität und Größenwahnsinn ihrer Führer und glauben zu träumen, wenn man ihnen Zug um Zug beweist, daß alle Ideale, die man ihnen einst gegeben, einem überheblichen und gewissenlosen Hirn entsprungen, nicht einen Pfifferling wert sind.“

Heute vor 70 Jahren erschien in den USA die letzte Ausgabe der Zeitschrift „Der Ruf. Zeitung der deutschen Kriegsgefangenen in USA“. Darin wurden auch die Erfahrungen von Kriegsgefangenen bei der Begnung mit Literatur thematisiert, insbesondere in der vom Fischer-Verlag in den USA herausgegebenen „Bücherreihe Neue Welt“ (z. B. Joseph Roth: „Radetzkymarsch“; Carl Zuckmayer: „Der Hauptmann von Köpenick“; Thomas Mann: „Achtung, Europa! Aufsätze zur Zeit“; Erich Maria Remarque: „Im Westen nichts Neues“; Heinrich Heine: „Meisterwerke in Vers und Prosa“…)

Ein 22jähriger schrieb darüber: „Ach, hätten wir das doch früher lesen können! Unsere Einstellung zum Leben, zum Krieg und zur ganzen Politik wäre eine andere gewesen.“

Heute vor 70 Jahren wurde der später in Deutsche Demokratische Republik umbenannte Staat Preußen für aufgelöst erklärt.

Apropos Deutsche Demokratische Republik. Da fällt mir gleich der von der Linkspartei heute hochverehrte Diktator Walter Ulbricht ein. (Unter dem wäre das nicht passiert…) Gestern vor 70 Jahren war Sonntag. Da konnten in den westlichen Sektoren Berlins die Sozialdemokraten darüber abstimmen, ob sie sich mit den Kommunisten zu einer Partei vereinigen wollten. Im sowjetrussisch besetzten Teil hatten die „Sowjetische Militäradministration in Deutschland“ und die Kommunisten selbige Abstimmung jedoch verhindert.

Neben der Frage nach etwaiger Zustimmung zur Vereinigung von SPD und KPD hieß eine zweite, gewissermaßen alternative Frage „Bist Du für ein Bündnis beider Parteien, welches gemeinsame Arbeit sichert und den Bruderkampf ausschließt?“

Auf die grundsätzliche erste Frage, der zur Vereinigung, stimmten von den in freien Sektoren 33247 stimmberechtigten Parteimitgliedern der SPD 23755 mit NEIN. Das sind 82%. 2937 stimmen mit JA. Demnach waren nur magere 12% der Stimmberechtigten für die Vereinigung mit der KPD. Der zweiten Frage, der nach einer Zusammenarbeit, stimmen 14663 SPD-Mitglieder zu. Dagegen stimmten 5568.

Wie gesagt, in Ostberlin war die Abstimmung mit massiven Mitteln verhindert worden. In ihrem Tagebuch notierte die Herausgeberin Ruth Andreas-Friedrich heute vor 70 Jahren: „Die Würfel sind gefallen. Mit zweiundachtzigeinhalb Prozent haben sich die sozialdemokratischen Wähler Berlins gegen die Verschmelzung entschieden … Bis zur letzten Wahlminute währte der Widerstand unseres Parteivorstands. Es hat ihm nichts genützt. Wider Gewalt, Bedrohung und Propaganda siegte der Wille zur Selbstbestimmung, wenn auch nur in zwölf unter zwanzig Bezirken. Im russischen Sektor wurde die Wahlgenehmigung nicht erteilt. ‚Wegen technischer Schwierigkeiten‘, wie die Begründung lautet. Die gleichen ‚technischen Schwierigkeiten‘ scheinen veranlaßt zu haben, daß vor einigen Wahllokalen dieses Besatzungsgebiets am Frühnachmittag russische Wachposten aufzogen.“

Was den erwähnten linksparteilich also hochverehrten Strippenzieher Ulbricht nicht hinderte, jene Bekundung, wenn sie schon nicht verschwiegen werden konnte, kommunistisch zu analysieren: „In der Urabstimmung wurden an die Mitglieder die verwirrenden Fragen gestellt, ob sie für die sofortige Verschmelzung oder für ein Bündnis mit der KPD seien. Trotz dieser raffinierten Fragestellung entschied sich die Mehrheit der Berliner Sozialdemokraten für die sofortige Vereinigung. Von 66246 Mitgliedern lehnten nur 19529 die sofortige Vereinigung ab. Aber von diesen 19529 forderten in einer anderen getrennten Abstimmung 14636 ein Bündnis beider Parteien, welches gemeinsame Arbeit sicherte und den Bruderkampf ausschloß. Von mehr als 66000 organisierten Berliner Sozialdemokraten wandten sich gegen die Vereinigung, beziehungsweise das Bündnis tatsächlich nur 5568, also nur etwa acht Prozent der damaligen Berliner Mitgliedschaft.“ (Walter Ulbricht: „Geschichte der neuesten Ehe“)

Von der Sowjetunion lernen, heißt lügen lernen: Ulbricht hatte seiner Analyse verlogener Weise die Anzahl aller SPD-Mitglieder von Groß-Berlin zugrunde gelegt.

 

19.3.16 Serapion an Mephisto

Seit Arminius Sieg beständig auf dem Rückzug begriffen begann Rom unter Kaiser Domitian den Ausbau des Limes gegen die eindringenden Völkerschaften in die Hochzivilisation. Er bestand anfänglich aus einem Flechtwerkzaun vor einem Graben, dann kam ein Wall mit einem Wehrgang oben. Dahinter auf Sichtweite hölzerne Wachttürme. Die Verschanzung wurde betrieben von Kastellen im näheren Hinterland. Unter Hadrian wurde der Flechtwerkzaun ersetzt durch einen Zaun aus Eichenholzpalisaden. Unter Antoninus Pius ersetzte man die hölzernen Wachttürme nach Möglichkeit durch steinerne. Unter Caracalla erhielten die Grenzbefestigungen aus Erdwällen und Palisadengräben ihre Vollendung, man begradigte sie und verstärkte sie teilweise mit Mauern aus Stein. Hinter dem Limes Kastelle und Kasernen wie Wien, Raab, Karlsberg, Schwechat, Fischament, Lorch, Passau, Regensburg, Saalburg, Wiesbaden.

Doch schon bald konnte jene Außengrenze nicht mehr gehalten werden, und man mußte sich verlassen auf den natürlichen Schutz durch den Rhein. Die dortigen Grenzbefestigungen wurden aber 350 überrannt von den Alamannen. Ihnen folgten auf dem Fuße, von den Sachsen vertrieben, die Franken.

Die Katastrophe aber waren die Wandalen.

Ihre Heimat lag in Schlesien, bedrängt zogen sie in die Karpaten und an die obere Theiß, von dort wanderten sie nach Spanien. Hier ließen ihnen die Westgoten keine Ruhe. Doch der Wandalen genialer Herrscher, der seit seinem Sturz vom Pferde hinkende Geiserich, hatte die Vision und die Kraft ihrer Verwirklichung, die völlig seeunkundigen Landratten dazu zu bringen, übers Meer zu setzten nach Afrika. Afrika, die friedliche Idylle, die unberührte römische Provinz, die Kornkammer des Reiches!

Und der Hof in Ravenna konnte Geiserich nicht hindern, seine wilden Wandalen nahmen sie weg. Aber das Reich konnte nicht mehr leben ohne Afrika. Es blieb nichts übrig, der dritte Valentinian mußte einen Vertrag schließen mit Geiserich: Unangefochten wurde die römische Provinz Afrika seinem Volk überlassen. Dafür hatten die Wandalen jedoch friedlich zu bleiben. Wir sehen also eine Art Nichtangriffspakt mit der Bedingung, daß Afrika weiterhin Getreide und Öl liefere und Karthago römisch bliebe.

Was klar bedeutete: Hinfort befand Rom sich in lebenswichtiger Abhängigkeit von Barbaren.

Da lachten die Wandalen und nahmen auch Karthago.

Und verjagten mit grausamen Methoden alle römischen Landbesitzer. Rom bekam nun über das Mittelmeer ein riesiges Problem: Den massenhaften Zustrom ungeliebter Flüchtlinge aus Afrika.

Darüber starb Valentinian. Sein Ableben nahm Geiserich zum Anlaß, sich an den mit Valentinian geschlossenen Vertrag unter Maximus, dem Nachfolger, nicht weiter gebunden zu fühlen.

Ein Wandale verweigert dem römischen Kaiser die Anerkennung!

Mit ihren schnellen Schiffen beherrschten die Wandalen aber inzwischen das Mittelmeer. Und als Maximus bekundete, Valentinians Witwe Eudoxia zu ehelichen und auch seines Vorgängers Tochter mit seinem Sohn verheiraten zu wollen, da –

Da kamen plötzlich die Wandalen angesegelt, mittenmang und unter leuchtend roten Segeln Geiserichs Königsschiff. Sie zerschlugen die römische Flotte und gingen gen Mittag an Land in Portus, an der Mündung des Tibers. In weniger als zwölf Stunden hatten sie Fußtruppen und Belagerungsmaschinen ausgeladen und marschierten los auf der Via Portuenses gen Rom. Nahmen Roms Verteidigungsmauern im ersten Sturm, öffneten die Tore der Stadt – und die Wandalen wüteten in Rom! Wo immer sie auf Widerstand stießen, brannten sie die ganze Straße nieder. Selbige Methode erwies sich als erfolgreich. Die Römer flohen in ihre Häuser und zitterten um ihr Leben, und die Wandalen besetzten die ganze Stadt.

Was nun bevorstand, war der triumphale Einzug Geiserichs in Rom!

Papst Leo ging ihm entgegen und harrte seiner demütig am Rand der Via Portuenses. Er bat Geiserich um Roms Schonung. Der Wandale antwortete, er nähme nur, worauf Afrika ein Recht habe. Er nähme nur, was Rom Karthago und Jerusalem geraubt habe.

Doch stellte der Barbar Mißhandlung von Römern, Brandstiftungen sowie das Ausrauben großer Kirchen unter Strafe.

Geiserich führte eine Liste mit sämtlichen von Römern in Jerusalem und Karthago erbeuteten Schätzen bei sich. Mehr als zwei Wochen plünderten die Wandalen Rom samt seiner reichen Römer, wobei sie auch Standbilder und selbst Kolossalstatuen auf ihre Schiffe verluden.

Und das Schiff mit den roten Segeln entschwand unter Mitnahme Eudoxias und ihrer Tochter. Geiserich beabsichtigte die Tochter zu Hause, in Karthago, mit seinem Sohn zu verheiraten.

Ein geistreicher Franzose, was nach Heine ein Pleonasmus wäre, hat einmal gemeint, cherchez la femme. Was meint, Geschichte werde durch Geschichten machende Frauen gemacht. In Rom ging das Gerücht, Eudoxia habe Geiserich gerufen. Aber ob das stimmt, ist bis heute ihr Geheimnis geblieben, und was ich eigentlich nur sagen wollte, ist: Vielleicht wird Angela Merkels Sieg, wie der gestrige Vertragsabschluß zwischen der Europäischen Union und der Türkei verschiedentlich schon genannt wird, eines Tages als Pyrrhussieg gelten.

 

Eine große Epoche hat das Jahrhundert geboren,

Aber der große Moment findet ein kleines Geschlecht.

(GOETHE / SCHILLER Xenien Der Zeitpunkt)

 

20.2.16 Serapion an Mephisto

Nur zur Erinnerung.

Das war ausgerechnet am St.-Veits-Tag. Gerade hörte man die Uhr zehn schlagen. Der Erzherzog saß mit der ihm nur zur linken Hand angetrauten Herzogin anfangs in dem grauen Viersitzer, der als zweiter Wagen der Kolonne zum Empfang im Rathaus rollte. Da, am Appel-Kai, warf der Buchdrucker Gabrinovic aus der Menge seine Bombe auf das zurückgeklappte Verdeck des erzherzoglichen Fahrzeugs. Von dort prallte sie ab und fiel auf die Straße. Unter dem dritten Wagen explodierte sie genau zwischen den Rädern. Der Erzherzog ließ sofort halten. Oberstleutnant Merizzi in dem zerstörten Auto blutete stark im Gesicht, an den Armen, überall. Der Erzherzog veranlaßte seine sofortige Überstellung in das Garnisonshospital, bevor er weiterfuhr. Er hatte gewußt, daß die Reise nicht unter einem guten Stern stünde und mit einem Anschlag zu rechnen sei. Doch er hatte weder den Termin noch den Ablauf im geringsten beeinflussen können, und lediglich drei Polizisten waren ihm zugebilligt worden. Dreißig bis vierzig waren für den Schutz des Thronfolgers angefordert worden, aber der Hof und der Kaiser mochten ihn und besonders seine mit ihm in morganatischer Ehe lebende Frau nicht und hatten die Forderung als Affront zurückgewiesen.

Am Rathaus stiegen sie beide blaß aus dem Auto, und bevor jemand sie begrüßen konnte, empörte sich Franz Ferdinand: „Herr Bürgermeister! Da kommt man nach Sarajevo, um einen Besuch zu machen, und da werden Bomben auf einen geworfen!“

Worauf die Versammelten eine Schockstarre befiel, die er jedoch auflöste mit den Worten: „So, jetzt können sie ihre Rede halten!“

Und der Bürgermeister sprach dann von der Begeisterung über den Besuch und von Untertanentreue und ewigem Gehorsam. Als er geendet hatte, dankte Franz Ferdinand und bekundete seinen Wunsch, nach der Fahrt durch die Stadt den verwundeten Oberstleutnant im Hospital zu besuchen. Der Konvoi setzte sich wieder in Bewegung. Ecke Appel-Kai Franz-Joseph-Straße kam es beim Manövrieren zu einer kurzen Verzögerung. Da schoß aus fünf Schritt Entfernung der serbische Student Gavrilo Princip zweimal mit seiner Pistole auf das Paar. Sofort ruckte der Wagen wieder an, und man dachte in dem Moment, es sei nichts passiert. Aber plötzlich kippte die Herzogin zur Seite gegen ihren Mann. Ihre rechte Körperhälfte rötete sich mit Blut. Und dem Erzherzog war am Hals offensichtlich die Hauptschlagader aufgerissen. Feldzeugmeister Potiorek mühte sich vom Hintersitz aus, das Thronfolgerpaar während der eiligen Weiterfahrt zu stützen. Dabei hörte er Franz Ferdinand noch flehen: „Sopherl, stirb nicht! Denk an unsere Kinder…“

Das war Sonntag, den 28. Juni. Gegen elf waren beide tot.

Obersthofmeister Fürst Montenuovo, der nicht allein stand am Hof mit seinem Haß gegen den Erzherzog wegen dessen nicht standesgemäßer Ehe, verbot, die Leiche der Herzogin in der Wiener Hofburgpfarrkirche neben der ihres Mannes aufzubahren. Der neue Thronfolger Erzherzog Karl mußte extra beim unwilligen Kaiser Franz-Joseph um eine Audienz nachsuchen, um wenigstens dieses Verbot annulieren zu können.

Dem Paar, dessen Kinder von der Thronfolge ausgeschlossen waren, wurde auch die Bestattung in der Kapuzinergruft verwehrt. Weshalb die Toten nach Schloß Artstetten nördlich der Donau überführt werden mußten. Für die Fahrt von der Hofburg dorthin untersagte Fürst Montenuovo jegliche militärische Ehrung und verbot allen Geheimen Räten und Kämmerern die Teilnahme am Trauerzug und an der Bestattung.

Die fand also statt Sonnabend, den 4. Juli.

Sonntag, den 5. Juli, fragte Wien an in Berlin, wie man dorten dazu stünde hinsichtlich einer Rechenschaftsziehung Serbiens.

Am Montag, dem 6. Juli, versicherten Kaiser Wilhelm und Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg Kaiser Franz Joseph die unbedingte Bündnistreue des Deutschen Reiches.

Dienstag, den 7. Juli, brach wie gewohnt Kaiser Wilhelm in Deutschland auf zu seiner alljährlichen Nordlandreise.

Auf den Tag genau drei Wochen später, Dienstag, den 21. Juli, trifft Präsident Henri Poincaré zum Besuch ein in St. Petersburg und verständigt sich mit Zar Nikolaus auf ein gemeinsames Handeln im austro-serbischen Konflikt. Daraufhin droht Poincaré Mittwoch, den 22. Juli, dem dortigen österreichisch-ungarischen Botschafter: Serbien habe Freunde, die es nicht im Stich ließen!

Am Nachmittag desselben Tages legt der österreichisch-ungarische Botschafter in Berlin eine Note vor, die an Serbien gerichtet werden soll. Sie wird von deutscher Seite als extrem hart empfunden, und für ihren Inhalt weist man jegliche Verantwortung von sich.

Donnerstag, 23. Juli. Um 18 Uhr übergibt der österreichisch-ungarische Botschafter in Belgrad das bis Sonnabend 18 Uhr zur Beantwortung befristete Ultimatum mit den Forderungen:

1. Unterdrückung der gegen Österreich-Ungarn gerichteten Veröffentlichungen;

2. Auflösung der „Narodna Odbrana“ („Nationale Verteidigung“) und ähnlicher Propaganda-Organisationen und Verhinderung ihrer Neubildung;

3. Unterdrückung der antiösterreichischen Propaganda in den Schulen;

4. Entlassung der an dieser Propaganda beteiligten Offiziere und Beamten;

5. Mitwirkung österreichisch-ungarischer Beamter an der Unterdrückung der gegen den Bestand der Monarchie gerichteten Bewegung;

6. gerichtliche Untersuchung gegen die Teilnehmer der Verschwörung vom 28. Juni unter Teilnahme österreichisch-ungarischer Beamter;

7. Verhaftung des Majors Tankositsch und des serbischen Staatsbeamten Ciganowitsch, die durch die Untersuchung belastet wurden;

8. Maßnahmen gegen die Teilnahme serbischer Behörden am Waffenschmuggel; Entlassung und Bestrafung der Beamten, die die Sarajevoer Waffen über die Grenze brachten;

9. „Der k. und k. Regierung Aufklärung zu geben über die nicht zu rechtfertigenden Äußerungen hoher serbischer Funktionäre in Serbien und dem Auslande, die ihrer offiziellen Stellung ungeachtet nicht gezögert haben, sich nach dem Attentat vom 28. Juni in Interviews in feindlicher Weise gegen Österreich-Ungarn auszusprechen“;

10. „Die k. und k. Regierung ohne Verzug von der Durchführung der in den vorigen Punkten zusammengefaßten Maßnahmen zu verständigen.“

Die österreichisch-ungarischen Botschafter in Paris, London, Rom, Petersburg, und Konstantinopel sind angewiesen, jeweils dort den Wortlaut des Ultimatums zu übermitteln. Von Berlin, wo man die Note ja bereits kennt, wurden bisher besondere Anordnungen weder an das Heer noch an die Marine erlassen. Wilhelm befindet sich noch immer auf Nordlandreise und sowohl der Chef des Generalstabs v. Moltke als auch der Chef des Reichsmarineamts v. Tirpitz sind im Urlaub.

Sonnabend, 25. Juli, 18 Uhr: Das Ultimatum wird von serbischer Seite nur teilweise entgegenkommend beantwortet, da man sich in Belgrad von den Russen und Franzosen ermutigt fühlt. Schon beim Empfang der Antwort bricht Wien die diplomatischen Beziehungen zu Belgrad ab. Österreich-Ungarn und Serbien beginnen zu mobilisieren, wohingegen Kaiser Wilhelm die serbische Reaktion sehr wohl für ausreichend hält und Wien durch sie als moralischen Gewinner und einen Kriegsgrund nicht mehr für gegeben sieht.

Montag, den 27. Juli, unternimmt der englische Außenminister Grey den Versuch zu vermitteln und schlägt eine Botschafterkonferenz zwischen England, Deutschland und Italien vor. Sie soll im austro-serbischen Streit entscheiden.

Dienstag, den 28. Juli: Wien erklärt Serbien den Krieg. In Brüssel kommen Sozialisten Deutschlands, Belgiens, Rußlands und Hollands zusammen bei einer Kriegsverhinderungskonferenz.

Mittwoch, 29. Juli: Nikolaus II. erläßt einen Ukas zur allgemeinen Mobilmachung. Kurz darauf erhält er aus Berlin eine Depesche: „Eingedenk der herzlichen Freundschaft, die uns beide seit langer Zeit mit festem Band verbindet, setze ich … meinen ganzen Einfluß ein, um Österreich-Ungarn dazu zu bestimmen, eine offene und befriedigende Verständigung mit Rußland anzustreben. Ich hoffe zuversichtlich, daß Du mich in meinen Bemühungen, alle Schwierigkeiten, die noch entstehen können, zu beseitigen, unterstützen wirst. – Dein sehr aufrichtiger und ergebener Freund und Vetter gez. Wilhelm

Am Donnerstag, dem 30. Juli, beschränkt Nikolaus die allgemeine Mobilmachung auf eine Teilmobilmachung von vier Militärbezirken.

Freitag, 31. Juli, St. Petersburg: Außenminister Sasonow überredet Nikolaus die Teilmobilmachung wieder umzuwandeln in eine allgemeine.

Berlin: Noch bevor das in Berlin bekannt wird, rät Generalstabschef Helmuth von Moltke, und auf Grund der im Deutschen Reich einzigartigen Unabhängigkeit der militärischen Führung tatsächlich ohne Wissen des Kaisers und des Reichskanzlers, Wien telegrafisch, dort unbedingt gegen Rußland mobilzumachen. Als aber die russische Mobilmachung bekannt wird, stellt Berlin Paris das auf 18 Stunden befristete Ultimatum mit der Forderung der Neutralität Frankreichs im Falle eines deutsch-russischen Krieges. Ein auf 12 Stunden befristetes Ultimatum ergeht an Rußland, die Mobilmachung gegen Österreich-Ungarn und Deutschland rückgängig zu machen. Man erhält keine Reaktion.

Paris: Jean Jaurès, Chef der französischen Sozialisten, wird nach seiner Rückkehr von der Brüsseler Friedenskonferenz in einem Café von einem haßerfüllten französischen Chauvinisten erschossen. Der Mörder erklärt nach der Tat: „Ich habe meine Pflicht getan.“

Sonnabend, 1. August, Berlin: Kaiser Wilhelm befiehlt die die allgemeine Mobilmachung.

Paris: Allgemeine Mobilmachung in Frankreich.

Berlin: Deutschland erklärt Rußland den Krieg.

Sonntag, 2. August: In Deutschland ist erster Mobilmachungstag. Zwecks Sicherung der Eisenbahnen besetzen deutsche Truppen Luxemburg. An Belgien ergeht die Bitte um Zulassung des Durchmarschs deutscher Kampfverbände.

Montag, 3. August, Berlin: Nach abschlägiger Antwort auf das Ultimatum Kriegserklärung an Frankreich. Deutsche Truppen beginnen Einmarsch in Belgien.

Dienstag, 4. August, Berlin: Zum Entsetzen des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg überreicht ihm der britische Botschafter ein auf Mitternacht befristetes Ultimatum, die Neutralität Belgiens zu respektieren. Damit hatte man ja gar nicht gerechnet. Der Weltkrieg war da!

 

Was ich eigentlich sagen wollte, ich glaube, die gegenwärtigen intelligenteren Primitivlinge wie etwa Wladimir Wladimirowitsch Putin oder Recep Tayyip Erdogan etc. sind in etwa die gleichen wie die vor hundert Jahren. Doch ansonsten ginge heut alles viel schneller.

 

13.2.16 Mephisto an Serapion

Wie meintest Du? Queen Viktoria, wäre sie ein Mann, „sie würde hingehen und diese Russen, deren Worten man nicht trauen kann, gehörig verprügeln“? In ihrer Erkenntnis war die Dame ihrer Zeit erstaunlich weit voraus… (=> Erinnerung)

Während in Syrien, allen vertrauensbildenden Verabredungen im Vorfeld der Syrienkonferenz zum Trotz, zehntausende verzweifelte Menschen vor russischen Streubomben fliehen müssen, jährte sich gestern zum ersten Mal das sogenannte Minsker Abkommen, in welchem sich die sogenannten „Konflikt“-Parteien unter wohldefinierten Bedingungen auf eine sogenannte Waffenruhe einigten. Die Lüge beginnt bereits, ohne dabei zu enden, mit dem Bestimmungswort „Konflikt“ in dem Kompositum und erstreckt sich weiter über die „Parteien“ – der wahre „Konflikt“-Auslöser, also der Angreifer, der Aggressor, das faschistoide Rußland, ohne welches es diesen Krieg ja nicht gäbe, also die angreifende Kriegspartei bildete unschuldig pfeifend gemeinsam mit Deutschland und Frankreich die Ägide über das Abkommen.

Die Verwirklichung des Minsker Abkommens verlief dann auch exakt, wie ich es mir bei seinem Abschluß vorstellte und wie es auch jedem unbefangenen Beobachter des Russentums und seiner Historie klar gewesen sein müßte.

Der „neurussische“ Korridor über Mariupol zur Krim ist zwar noch nicht erobert, zum Geburtstag könnten dennoch im Kreml die Korken des Krimsekts knallen: Die sogenannten Separatisten verweigerten frech den Beobachtern der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit den Zugang in die laut Minsker Vertrag zu kontrollierenden Gebiete. Es gebe „faktisch“ „No-go-Areas“ für die OSZE-Mitarbeiter, bestätigt die ehrenwerte Osteuropaexpertin der Grünen Marieluise Beck und meint natürlich, daß es definitiv verbotene Zonen, und zwar in den okkupierten Regionen, gibt. Insbesondere wird dem ukrainischen Staat weiterhin erfolgreich die vertraglich zugesicherte Souveränität über seine Grenze entzogen. Und die „Separatisten“, also die in russischen Diensten stehenden Söldner, seien auch für 90 Prozent „aller Vorfälle“, also Waffenstillstandsverletzungen, also Schießereien, verantwortlich.

Ach ja, noch eine Kleinigkeit: Die russische Regierung interveniert offen gegen die vertraglich vereinbarten Wahlen nach ukrainischem Recht in den besetzten Gebieten der Ukraine…

Gestern, 20-Uhr-Tagesschau der ARD: „Vor einem Jahr schien der Durchbruch im Ukraine-Konflikt erreicht.“!

Derartige Sätze deutscher öffentlich-rechtlicher Medien strapazieren stets meine Contenance. Und darum schreibe ich Dir jetzt mal etwas zur „Verdeutlichung eines Verhaltensmusters“ (=> Krimkrieg).

Vorgestern beispielsweise jährte sich ebenfalls der Abschluß einer Konferenz, nämlich der von Jalta vor 71 Jahren, über die man als Hoffnungszeichen des bevorstehenden Sieges über Hitlerdeutschland auch heute und in allen Zeiten nur froh sein kann, und über die der enge Berater Roosevelts Harry Hopkins arglos bemerkte:

Wir glaubten im Herzen wirklich, ein neuer Tag sei angebrochen. Wir waren absolut überzeugt, den ersten großen Friedenssieg gewonnen zu haben – und wenn ich sage ‚wir‘, dann meine ich uns alle, die ganze zivilisierte Menschheit. Die Russen hatten bewiesen, dass sie vernünftig und weitblickend sein konnten, und weder der Präsident noch irgendeiner von uns zweifelte im Geringsten daran, dass wir mit ihnen leben und friedlich auskommen könnten bis in unabsehbare Zukunft.

Denn Wladimir Wladimirowitsch Putins Vorbild, der Generalissimus Stalin, hatte eine „Erklärung über das befreite Europa“ mitunterschrieben, darin allen vom Faschismus befreiten Ländern freie und geheime Wahlen zugesichert wurden. Worauf in der Nacht zum 12. Februar 1945 die BBC in das von der Roten Armee besetzte Polen sendete:

Die gegenwärtige provisorische Regierung in Polen soll durch den Eintritt anderer demokratischer Führer aus Polen oder dem Exil auf eine breitere Basis gestellt werden. Es werden so bald wie möglich freie Wahlen auf der Grundlage des allgemeinen und geheimen Wahlrechts ausgeschrieben werden!

Ja, so war das damals mit der westlichen Begeisterung genau 70 Jahre vor dem Abkommen von Minsk… Der damals bereits langjährig in Moskau tätige amerikanische Diplomat und Rußlandkenner George F. Kennan meinte allerdings trocken:

Die Erklärung von Jalta mit ihren Hinweisen auf die Umstellung des bestehenden kommunistisch-polnischen Regimes ‚auf eine breite demokratische Basis‘ und auf die ‚Abhaltung freier und ungehinderter Wahlen auf der Grundlage des allgemeinen und geheimen Wahlrechts‘ erschien mir als ein besonders schäbiges Beispiel für Doppelzüngigkeit.

Und, befähigt durch seine der Queen Viktoria ähnlichen Erfahrungen mit russischer Vertragstreue, urteilte Kennan dann auch über das im August 1945 geschlossene Potsdamer Abkommen:

… Ich kann mich an kein politisches Dokument erinnern, das mich je so deprimiert hätte wie das von Truman unterzeichnete Kommuniqué am Ende dieser wirren und verwirrenden Verhandlungen. Nicht nur weil ich wußte, daß die Idee einer gemeinsamen Vier-Mächte-Kontrolle, die man jetzt zur Grundlage für die Regierung Deutschlands gemacht hatte, abwegig und undurchführbar sei. Auch die unpräzise Ausdrucksweise, die Verwendung so dehnbarer Begriffe wie „demokratisch“, „friedlich“, „gerecht“ in einem Abkommen mit den Russen lief allem direkt zuwider, was siebzehn Jahre Rußlanderfahrung mich über die Technik des Verhandelns mit der sowjetischen Regierung gelehrt hatten. …. Für die Behauptung, man werde die politische Tätigkeit „demokratischer Parteien und die dazugehörige Versammlungsfreiheit und öffentliche Diskussion“ nicht nur gestatten, sondern „ermutigen“, würden mildernde Umstände schwer zu finden sei. Jeder Mensch in Moskau hätte unseren Unterhändlern sagen können, was die sowjetische Führung unter „demokratischen Parteien“ verstand. Die Irreführung der Öffentlichkeit in Deutschland und im Westen durch die Verwendung eines solchen Ausdrucks in einem Dokument, das außer von Stalin auch von den Herren Truman und Attlee unterzeichnet war, ließ sich selbst mit allergrößter Naivität nicht entschuldigen.

Rußland ist kein Partner. Rußland ist Gegner.

Alles andere ist ein sehr gefährlicher Wunschtraum.

In Rußland ist Lüge Staatsräson!

Der Westen sollte sich auch nicht der Illusion eines „eingefrorenen“ „Konfliktes“ hingeben.

 

1.1.16 Serapion an Mephisto

Nur zur Erinnerung.

Und zur Verdeutlichung eines Verhaltensmusters.

Plötzlich brachen zeitgleich in Bosnien, Bulgarien und Serbien Aufstände gegen die Türkei los, und zwar unter exklusiver oder, um es deutlich zu sagen, unter alleiniger Beteiligung russischer „Freiwilliger“. Weil sich diese jählings von „panslawistischen“ Ideen getragen fühlten. Kann ja vorkommen. Am 24. April 1877 sah Rußland sich infolge der auch uns bekannten russischen Selbstlosigkeit veranlaßt, die spontanen Panslawisten zu unterstützen, und erklärte der Pforte den Krieg.

Merke: Diesmal ging es nicht um die orthodoxen Christen, sondern um die Panslawisten.

Nach zunächst schleppendem Beginn des Krieges fiel am 18. November die türkische Stadt Kars, am 15. Januar 1878 Philippopel und am 20. Januar Adrianopel, und für den Großfürsten Nikolaus, als Bruder des Zaren Oberbefehlshaber der russischen Truppen, stand die Einnahme Konstantinopels offen. Doch da mittlerweile der Gegenwind derart stark geworden war, daß selbst die russische Seite sein Blasen spürte, schreckte der Herr aller Reußen, der panslawistischen Hochherzigkeit zum Trotze, zurück. Denn obzwar Bismarck beherrschterweise tönte, der Balkan sei ihm nicht „die Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers wert“, drängte die Queen zum unbedingten Eingreifen und schrieb ihrem Premier Disraeli: „Oh, wäre die Königin ein Mann, sie würde hingehen und diese Russen, deren Worten man nicht trauen kann, gehörig verprügeln!“

Die Dame mißtraute russischen Worten aus irgend einem Grund.

Mehrmals drohte sie sogar abzudanken, wenn Disraeli seine von ihr als zu lasch empfundene Haltung Rußland gegenüber nicht unverzüglich ändere: „Wir werden nie wieder Freunde sein, ehe das nicht geschieht! Dessen ist die Königin sicher!“

Also zwangen die Russen, kraft ihrer derzeitigen Wassersuppe, dem Osmanischen Reich am 3. März 1878 das zufälligerweise maßlose Abkommen von San Stefano auf. Enthaltend beispielsweise ein übergroß bis an die Adria aufgequollenes und unter russischer Hegemonie stehendes „unabhängiges“ Bulgarien, dem eine zweijährige russische Besatzung zugedacht war für den Anfang. Außerdem wurde die Türkei zur Abtretung weitläufigster Gebiete an Rußland und zur Zahlung einer hohen Entschädigung gezwungen. Bolschoi, bolschoi.

Damit sollte der 8. russisch-türkische Krieg nun „panslawistisch“, also russentümlich, beendet werden. In seinem landnehmerischen Streben hatte Zar Alexander II. jedoch die übrige Welt, die sich durch den spontan zuschlagenden Panslawismus damals nicht für dumm verkaufen lassen wollte, zufälligerweise befremdet, zumal zuvorige Abkommen dreist gebrochen worden waren: Trallala, Pakte sind zum Brechen da, wenn sie sehr im Wege. Österreich verständigte sich mit England, das nun endgültig bereit war, zugunsten der Türken einzutreten.

Die allgemeine Kriegsgefahr wuchs.

Zur Entspannung schlug der österreichisch-ungarische Außenminister Gyula Andrássy im letzten Moment eine Konferenz vor. Zar Alexander wähnte in Deutschland genügend Versteher zu finden und setzte sich ein für Berlin als Ort der Tagung. Welche nach einmonatigem Tagen vom 13. Juni bis zum 13. Juli 1878 endete und, wir erinnern uns, als Berliner Kongreß Geschichte machte.

Im Auftrag der Stadt Berlin schuf Anton von Werner ein Gruppenbild ohne Dame, also ein Gruppenbild der Kongreßteilnehmer. Wobei Fürst Bismarck extra darauf pochte, in versöhnlerischer Handreichung mit Graf Schuwalow konterfeit zu werden.

Graf Schuwalow war, Du ahnst es, der Bevollmächtigte Rußlands.

Denn die Russen reagierten arg verschnupft, Zar Alexander sogar wütend. Denn seltsamerweise hatte die übrige Welt eine ganz andere Weltsicht als die panslawistische. So daß beispielsweise Bulgarien stark verkleinert werden mußte und als autonomes Fürstentum nur lumpige neun Monate russisch besetzt gehalten werden durfte.

Stell Dir vor, anschließend sah der Zar den Kongreß als europäische Verschwörung gegen Rußland! Und die sogenannte Intelligenzija, also präzise gesprochen, die russischen Intellektuellen, pflichtete dem geschlossen bei. Und die russischen Zeitungen trommelten Tag für Tag und verteufelten Deutschland als Rußlands Feind. Und der entrüstete russische Kriegsminister ließ rüsten und rüsten und rüsten und das Heer verstärken. Und die Russen verlegten enorme Truppenverbände an die deutsche Grenze.

Derart immens, daß Bismarck sich tatsächlich überwerfen mußte mit Kaiser Wilhelm. Weil ein Verteidigungsbündnis mit Wien abzuschließen er sich gedrängt fühlte. Wilhelm war natürlich kein Sozialdemokrat, aber insofern Alexanderversteher, als er noch in nostalgischen Erinnerungen schwelgte an das Dreikaiserbündnis von 1873. Welches nun aber durch den Balkankrieg verunmöglicht worden war. Erst Bismarcks herbe Drohung, mit dem gesamten Ministerium zurückzutreten, und weil von Moltke, Kronprinz Friedrich und selbst die Kaiserin auf seiner Seite standen, brachte das endlich den Alten am 16. Oktober 1879 dazu, das Vertragswerk zu unterschreiben mit dem bemerkenswerten Bemerken: „Bismarck ist notwendiger als ich…“

Nun, wie alle übrige Welt wußte und weiß, hatte man in Deutschland überhaupt nicht die Absicht auf eine Feindschaft mit Rußland, geschweige denn auf einen kriegerischen Einmarsch. Und das russische, also das paranoide Gebaren, erschien damals tatsächlich irrational.

 

11.12.15 Mephisto an Bellarmin

Christine Heuer vom Deutschlandfunk heute im Gespräch mit der Politikerin der Grünen, Bärbel Höhn, einer Stimme, die sich stets wohltuend abhebt vom ideologischen Geschwätz jeglicher Couleur:

Heuer: Die Klimakonferenz ist bis Samstagmorgen verlängert worden. Die Eilmeldungen dazu sind hier vor etwa einer halben Stunde eingetrudelt. Heißt das, die Verhandlungen sind doch sehr viel schwieriger als gedacht?

Höhn: Nein. Eigentlich sind alle davon ausgegangen, dass wir vor Samstag nicht fertig werden. Heute Morgen habe ich ja die getroffen, die in der Nacht verhandelt haben. Da sind die gerade zurückgekommen ins Hotel. Und die sagten, sie gehen eigentlich davon aus, dass der neue Text, der dann abgestimmte Text, wahrscheinlich erst Samstagmorgen vorliegt und dann Samstagnachmittag die endgültige Verabschiedung sein wird. Aber das ist eigentlich noch im normalen Terminbereich von solchen Konferenzen. Von daher ist das eher dann der Sorgfalt geschuldet, die man nachher auch machen muss, um alles auch juristisch ins Reine zu kriegen.

Heuer: Eine grundsätzliche Frage. Bringt Paris den Durchbruch? Halten Sie den Daumen hoch oder senken Sie ihn eher?

Höhn: Ich persönlich glaube nicht, dass solche Verträge überhaupt den Durchbruch bringen können.

Heuer: Aha!

Höhn: Die Illusion haben wir ja gehabt in Kopenhagen und das sollten wir jetzt nicht wieder machen. Das was hier eingeleitet wird, ist ja auch so was wie so ein Prozess. Es gibt zwei Punkte, die einfach besser sind als bisher. Der erste, dass eigentlich alle Staaten erkennen, wir müssen wirklich was tun, und jeder der Staaten auch bereit ist, einen Beitrag zu leisten, einfach weil man auch sieht, dass die Wetterextreme immer mehr zunehmen. Die Folgen des Klimawandels werden ja immer stärker. Und der zweite wichtige Punkt: Es gibt eine Alternative zur Kohle, die erneuerbaren Energien, und das war in den letzten Jahren noch nicht so stark, denn die Preisreduktion bei den Erneuerbaren hat das jetzt wirklich auch zur Alternative gemacht. Deshalb bin ich schon auch optimistischer als die Jahre vorher, dass wir jetzt auch von der Politik her Lösungen haben. Jetzt müssen wir nur in den einzelnen Ländern dafür sorgen, dass auch der Ausstieg aus der Kohle stattfindet, auch möglichst wenig neue Kohlekraftwerke in Indien oder China gebaut werden und dass wir damit gemeinsam versuchen, wirklich den Klimawandel in den Griff zu kriegen.

Heuer: Sie sagen, das muss jetzt nur noch gemacht werden. Da scheinen aber doch die Herausforderungen gerade erst zu beginnen: Dekarbonisierung. Deutschland wirbt dafür, aber selber wollen wir nicht ganz auf die Kohle verzichten.

Höhn: Ja, das wird jetzt ein harter Kampf in den einzelnen Ländern. Das ist jetzt die Aufgabe, die wir auch als Parlamentarier haben, und wir sehen ja in Deutschland, dass das echt schwierig ist. Wir haben ja sozusagen den letzten Kampf der Fossilen, den wir erleben. Wenn man gegen die Braunkohle vorgehen will, wie das der Bundeswirtschaftsminister ja sogar vorhatte mit der Kohleabgabe jetzt im Sommer, dann geht die IG BCE auf die Straße, die CDU unterstützt die Braunkohle-Kumpels und dann wird aus dieser Kohleabgabe plötzlich eine Subventionierung der Braunkohle. Das ist schon in Deutschland eine ganz verrückte Welt. Wir waren ja mal Vorreiter und jetzt gibt es einen richtigen Streit darum. Aber das ist eigentlich auch normal, weil die alten Industrien sich wehren.

Heuer: Frau Höhn, wenn das in Deutschland schon so schwer ist, wie schwer wird es dann erst in Indien? Anders gefragt: Kann es sein, dass die Politiker hier einfach zu keinen Lösungen kommen und dass man dieses Problem der Wirtschaft überlassen muss, also dem Markt?

Höhn: Nein, das sehe ich nicht. Die entscheidende Frage ist ja, wie viel kostet CO2. Momentan ist der Preis von CO2 so niedrig, dass für die Wirtschaft wenig Anreize da sind, zum Beispiel aus den alten Braunkohlekraftwerken auszusteigen. Das heißt, die Gesellschaft zahlt momentan den Preis für diese Art von Energieproduktion. Bei Indien muss man sagen, die haben momentan einen CO2-Ausstoß pro Kopf von 1,7 Tonnen. Wir liegen in Deutschland bei 9,5. Wenn da die Inder sagen, hallo, wir machen auch noch eine Entwicklung in unserem Land, ihr habt jetzt 25 Jahre lang viel, viel mehr ausgestoßen als wir, deshalb könnt ihr uns hier nicht lauter Vorschriften machen, dass wir jetzt auch sogar noch runtergehen sollen von unseren CO2-Emissionen, habe ich sogar ein gewisses Verständnis dafür. Aber die Inder merken auch, dass Kohlekraftwerke so wie in Peking bei ihnen die Luft verschmutzen und dass sie auch deshalb ihre Politik ändern müssen.

Heuer: Sie haben gesagt, die Beiträge der Staaten werden kommen, weil der Klimawandel spürbar wird. Reichen freiwillige Selbstverpflichtungen aus, statt verbindlicher Zielvorgaben, über die ja bei früheren Konferenzen immer verhandelt wurde? Ist das eine Chance, oder heißt das, im Grunde haben wir schon verloren, wenn wir auf die Freiwilligkeit setzen?

Höhn: Ganz kurz dazu. In Kyoto waren es verbindliche Zusagen, aber die sind dann einfach nicht eingehalten worden, und es gab ja auch keine Strafmechanismen. Hier sind freiwillige Maßnahmen und das ist jetzt ein neuer Weg. Den müssen wir versuchen zu beschreiten. Aber wie gesagt: Ich glaube, am Ende ist es nicht die Klimakonferenz, sondern die Menschen vor Ort in den Kommunen, die die Energiewende und den Klimaschutz voranbringen.

Heuer: Ist es nicht ein bisschen spät, um jetzt einen neuen Weg zu beschreiten? Ich höre die Hoffnung heraus, bei Ihnen, auch bei anderen. Aber das heißt ja im Grunde: Was wir vorher versucht haben, da sind wir nicht hingekommen, das hat nicht funktioniert, und nun beginnen wir fünf vor zwölf mit neuen Maßnahmen und neuen Strategien.

Höhn: Ja, das fünf vor zwölf sprechen Sie schon richtig an, weil die Inselstaaten ja gesagt haben, zwei Grad Erwärmung ist für uns eigentlich schon viel zu viel, das können wir gar nicht ertragen, wir müssen jetzt ja schon die Leute umsiedeln, also wir wollen unter 1,5 Grad bleiben. Und da ist es ja irgendwie schon zwei Minuten vor zwölf.

Heuer: Genau! Und glauben Sie, dieses 1,5-Grad-Ziel, das hat wirklich eine realistische Chance, in Paris beschlossen und dann auch irgendwie umgesetzt zu werden?

Höhn: Momentan ist es ja so im Text, dass man sagt, man will unter zwei Grad bleiben und diese 1,5 Grad längerfristig erreichen. Das ist so ein längerfristiges Ziel.

Heuer: Reicht das?

Höhn: Und zwar dahingehend, dass man einfach die Maßnahmen dann noch ambitionierter machen muss. Ich glaube, das hat auch was damit zu tun, wie sich noch die Preise bei Speichern entwickeln, welche Möglichkeiten wir noch stärker haben mit erneuerbaren Energien. Und da bin ich eigentlich hoffnungsfroh, weil wir haben mit dem deutschen Erneuerbaren-Energien-Gesetz der ganzen Welt ein Geschenk gemacht. Wir haben nämlich die Kosten für die Fotovoltaik so drastisch gesenkt, in zehn Jahren um 80 Prozent, dass das jetzt wirklich auch eine Option ist für viele Entwicklungsländer, da einzusteigen.

Heuer: Sie haben vorhin gesagt, wir waren mal – Deutschland, auch die EU, muss man hinzufügen – der Vorreiter im Klimaschutz. Wir sind das nicht mehr. Wer ist es jetzt?

Höhn: Es gibt einfach welche, die stärker jetzt auch einsteigen wollen, unabhängig davon, dass sie vielleicht in der Vergangenheit gebremst haben und zu wenig gemacht haben. Das ist einmal die USA. Obama hat mit seinem Klimagesetz schon was Spannendes auf den Tisch gelegt. Das ist auch China, die einfach sagen, wir werden mit dieser Kohlepolitik nicht weiterkommen, weil wir eigentlich aus gesundheitlichen Gründen da auch weg müssen und jetzt auch sehr stark in Erneuerbare investieren. Und wenn zwei so große Staaten da nicht mehr so blockieren wie früher, dann ist das schon sehr viel wert.

Heuer: Wenn die USA, China und andere einfach merken, es geht so nicht weiter, dann bringt das unterm Strich den Durchbruch für den Klimaschutz. So sehen Sie das?

Höhn: Na ja. Ich meine, in Europa haben wir das Problem, dass wir mit Polen schon einen absoluten Bremser jetzt in unseren Reihen haben, die auch aus ihrer Kohle noch nicht raus wollen, obwohl sie auch Riesenprobleme in den Kohleregionen haben. Die verdienen ja auch kein Geld mehr. Sie müssten eigentlich da raus. Aber jetzt mit der neuen Regierung wird es da nicht einfacher.

Heuer: Oder mit der jetzigen Regierung in NRW. Da haben wir ja ein ähnliches Problem.

Höhn: Ja klar! Aber man muss immerhin zur Ehrenrettung von NRW sagen, dass wir jetzt mal vorgemacht haben, dass man einen genehmigten Braunkohletagebau sogar im Nachhinein noch reduzieren kann. Das hat es bisher noch nicht gegeben. Das finde ich jetzt erst mal gut. Und dass es immer noch diese starke Macht der IG BCE gibt, das finde ich, das muss sowohl CDU wie SPD überwinden. Das eigentliche Problem ist, dass die Große Koalition in dem Moment, wo die IG BCE auf die Straße geht, zurückschreckt und ihre Maßnahmen nicht umsetzt. Das, finde ich, geht nicht, weil es auch absolut falsch ist. Wir stecken Geld in die Braunkohle, in die Vergangenheit, in die fossile Vergangenheit, anstatt dieses Geld in den Strukturwandel zu stecken, um neue Arbeitsplätze zu schaffen. Wir haben 400.000 Arbeitsplätze bei den erneuerbaren Energien und wir haben 20.000 Arbeitsplätze bei der Braunkohle, und wir verteidigen mit Milliarden jetzt diese Arbeitsplätze bei der Braunkohle, wohl wissend, dass es nur um ein paar Jahre geht. Das finde ich wieder eine falsche Politik, die da gemacht wird von der Großen Koalition, die einfach den Menschen sogar in der Region auch die Chancen für die Zukunft eigentlich nimmt.

Auch wenn Bärbel Höhn wohl zu Recht einen solchen Vertrag nicht für den eigentlichen Durchbruch hält, und die meisten Medien Meldungen über die Pariser Klimakonferenz noch immer, wenn überhaupt, kurz als unter „ferner liefen“ vor dem Wetterbericht plazieren – ich glaube dennoch, in diesen Stunden erleben wir Weltgeschichte von ähnlicher Bedeutung wie der des 6. August 1945, als der „Enola Gay“ den „Little Boy“ über Hiroshima ausklinkte. Und ich fürchte, Du wirst an meine Worte noch denken müssen. => Menetekel

 

4.12.15 Serapion an Mephisto

Nur zur Erinnerung.

Und zur Verdeutlichung des russischen kulturellen Verhaltensmusters.

Zufälligerweise hatte seinerzeit Zar Nikolaus I. die Welt ganz anders gesehen als deren bescheidener Rest. Und hatte am 2. Juli 1853 das russische Heer den Pruth überschreiten und die beiden zum Osmanischen Reich gehörenden Donaufürstentümer Moldau und Walachei kurzerhand besetzen lassen. Also zufälligerweise ohne Kriegserklärung den Frieden gebrochen. Immerhin noch mit soweitiger Klarsicht, daß die damalige Begründung nicht lauten konnte, diese Aggression diene dem Schutz wie auch immer bedrohter Russen. Da die Strategie der Landnahme durch Ansiedlung von Russen auf fremdländischem Territorium noch nicht in dem Maße forciert worden war wie etwa seit dschugaschwilischen Zeiten. Sondern die damalige Begründung hieß, das gelte dem Schutz orthodoxer Christen. Von russischen Ambitionen auf Durchfahrtsrechte der Kriegsflotte ins Mittelmeer, von irgendwelchen Flottenstützpunkten oder gewissen Herrschaftsansprüchen auf dem Balkan ging die Rede nicht. Auch nicht von einverleibenden Absichten hinsichtlich Konstantinopels. Allerdings hatte Nikolaus im Januar den englischen Botschafter in Petersburg plötzlich beiseite genommen, um ihm ein gemeinsames Interesse an einer Aufteilung des als schwächlich eingeschätzten Osmanischen Reiches einflüstern zu wollen. Doch letzterer mochte darauf nicht eingehen. Die öffentliche Meinung in England war aus irgendeinem Grund russenfeindlich. Ich vermute mal, sie war, sagen wir zurückhaltend, „beeinflußt“ von den Flüchtlingsströmen der damals dort immerhin Asyl Findenden aus Rußland, Polen und Ungarn. „Beeinflußt“, um das Wort „empört“ zu vermeiden. Das sich anböte im Hinblick auf das zufälligerweise menschenverachtende primitiv blutige Wüten der Russen, beispielsweise im September 1849 in Ungarn oder zuvor im November 1830 in Polen. Man stelle sich das vor, die Russen waren damals tatsächlich verschrien als Unterdrücker der Völker!

Und obendrein als reaktionär.

Um nach dem Zufälligen zurückzukommen auf kulturelle Verhaltensmuster, jedenfalls predigten die Derwische den „Heiligen Krieg“, die Pforte setzte sich zur Wehr und erklärte am 4. Oktober Rußland ordnungsgemäß den Krieg. Da lachte Nikolaus sich in sein Fäustchen. Denn in seiner Weltsicht standen die Engländer, die Preußen und die Österreicher fest auf seiner menschenfreundlichen Seite.

Wie gesagt, indessen war  die Wahrnehmung der übrigen Welt eine ganz andere. England, Frankreich, Österreich und selbst Sardinien traten auf die Seite der Türkei, und der Krieg mit den Russen ging als extrem verlustreicher Krimkrieg ein in die Annalen. Denke nur an Florence Nightingale in der sogenannten Hölle von Skutari.

Krimkrieg deshalb, weil im schwer umkämpften Sewastopol der Hauptstützpunkt der russischen Flotte lag.

Auf russischer Seite wurde zufälligerweise mit dümmlichem Kadavergehorsam selbst in noch aussichtsloser Lage die Stellung gehalten, ohne Rücksicht auf menschliche Verluste. Das galt und gilt dort als heldisch. Damals war es ein gewisser kriegsteilnehmender Graf Leo Tolstoi, der pathetisch das ordinäre russische Heldenlied sang: „Die Stimmung der Truppen ist einfach unbeschreiblich. Im alten Griechenland herrschte nicht soviel Heldenmut wie hier. Statt mit dem Ruf ‚Guten Tag, Kinder‘, begrüßte Kornilow die Soldaten während der Truppenbesichtigung mit den Worten: ‚Es geht in den Tod, Kinder. Versteht ihr zu sterben?‘ Und die Truppen antworteten: ‚Jawohl, Exzellenz. Hurra!’“

Selbst Nikolaus überlebte den Krieg nicht. Er starb im März 1855 an Grippe.

Der Friede von Paris am 30. März 1856 war bitter für Rußland und seine Balkanpläne: Verzicht auf die schönen Donaufürstentümer und Verzicht auf die durchsichtige Anmaßung einer Schutzherrschaft für orthodoxe Christen im Osmanischen Reich, Abtretung des südlichen Bessarabiens und der Donaumündung an Moldawien sowie Entmilitarisierung des Schwarzen Meeres.

Wie Du Dich Anfang Juli vergangenen Jahres in einem anderen Zusammenhang daran erinnertest, begannen 1992 in Moldawien plötzlich „Separatisten“ um sich zu schießen. Lauter vertrauenerweckende Visagen wie jüngst auf der Krim und in der Ostukraine. Na, wie auf Kommando eilten russische Truppen hinzu und griffen den sogenannten Separatisten hilfreich unter die verschwitzten Arme mit den auf Moskauer Zeit gestellten Armbanduhren. Und setzen sich, zum „Schutz legitimer russischer Interessen“, fest. Um des Friedens willen überwacht seit 1999 auch eine OSZE-Friedenstruppe eine Sicherheitszone zwischen jener selbsternannten Republik Transnistrien, die zufälligerweise ihren Anschluß an Rußland erstrebt, und Moldawien. Womit das russische Militär zum Abzug verpflichtet wurde und laut eines von Rußland unterzeichneten OSZE-Abkommens auch ist. Im Dezember 2001 endlich wird damit begonnen und ein erstes Kontingent abgezogen. Während der folgenden vierzehn Jahre verzögert sich der weitere Abzug der Okkupationstruppen aber bis heute aus irgendeinem Grunde.

Was ich eigentlich sagen wollte: Ich bleibe dabei, => alles Vergängliche ist nur ein GLEICHES.

Zum Abschluß noch dies. Am 19. vorigen Monats kommentierte im Deutschlandfunk Marcus Pindur:

Washington ist außenpolitisch dysfunktional, und dies gleich auf mehreren Ebenen. Einer der republikanischen Präsidentschaftsanwärter, und nicht ohne Grund einer, der sehr weit in den Umfragen hinten liegt, Chris Christie, der Gouverneur von New Jersey, verstieg sich jüngst zu der Äußerung, er würde nicht einmal ein fünfjähriges syrisches Waisenkind in seinem Bundesstaat, in New Jersey, aufnehmen. Ein durchsichtiges und abstoßendes Wahlkampfmanöver.

In den USA werden die Flüchtlinge in einem umfangreichen Verfahren, das ein bis zwei Jahre dauert, vom Heimatschutzministerium sicherheitsüberprüft. Seit 1975 sind 3,5 Millionen Flüchtlinge aus aller Herren Länder in den USA aufgenommen worden. Keiner von ihnen hat sich jemals an einem Terroranschlag beteiligt.

Doch das Thema wurde begierig aufgegriffen vom republikanischen Sprecher des Repräsentantenhauses, Paul Ryan, der weiß, dass dies eine der seltenen Gelegenheiten ist, in seiner Partei Geschlossenheit herzustellen. Dass dies genau in die Narrative des sogenannten Islamischen Staates passt, kann den republikanischen Strategen egal sein. Dass der Gesetzentwurf keine Chance hat, den Senat zu passieren, ebenso.

Das Weiße Haus ist leider außenpolitisch ebenso dysfunktional. Vor zwei Jahren noch hatte Präsident Obama den sogenannten Islamischen Staat als Amateurtruppe verspottet. Vor zwei Wochen noch, kurz vor den Anschlägen von Paris, hatte Obama wieder einmal behauptet, der IS sei eingedämmt und auf dem Rückzug. Nichts könnte falscher sein. Beharrlich behauptet Obama, seine Gegner wollten einen Einmarsch im Irak mit Bodentruppen in fünfstelligen Zahlen – was nachweislich Unsinn ist. Militärexperten verlangen lediglich, amerikanische Militärberater auf der Bataillonsebene zu installieren und Spezialtruppen zur Einweisung von Luftschlägen zu beauftragen. Dazu würde man 5.000 bis 8.000 US-Truppen brauchen. Stattdessen schickt Obama 50 Militärberater mehr – eine kosmetische Maßnahme.

Weil offensichtlich ist, dass seine Strategie nicht funktioniert, liebäugelt Obama jetzt mit dem vergifteten Angebot des Kreml zu einer Kooperation. Ganz abgesehen davon, dass auch Russland militärisch in Syrien nichts zu bieten hat, was die Anti-IS-Koalition nicht auch könnte, wäre das ein gewaltiger politischer Fehler. Denn Putin ist lediglich daran gelegen, den syrischen Diktator Assad im Amt zu halten – und der ist die Ursache der Malaise in Syrien – außerdem schielt er auf die Beseitigung der Sanktionen, die ihm wegen des Krieges in der Ukraine auferlegt worden sind. Einige der nützlichen Idioten Putins im Westen können es auch kaum erwarten, diese Sanktionen wieder fallen zu lassen.

Wenn Obama glaubt, mit Putin sei ein wirksamer Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat möglich, dann würde er endgültig seine außenpolitische Inkompetenz unter Beweis stellen. Nach all den Fehlern, die Obama im Irak und in Syrien bereits begangen hat, ist dies allerdings nicht auszuschließen.

 

Mephisto an Bellarmin

Jene politisch korrekten Illusionisten in Berlin und Brüssel haben Europa nun tatsächlich in eine Situation hineinbugsiert, in welcher Wohl und Wehe der sogenannten Europäischen Union, und insbesondere auch Deutschlands, von der Türkei abhängen und damit von den sarazenischen Despotie-Allüren ihres Staatsoberhaupts. Bravo! Das war ja überhaupt nicht vorherzusehen. Die auf dem Boden der Realpolitik aufknallenden Beitrittsbefürworter sind so was von überrascht, man hört kein Sterbenswörtchen von diesen geschichtsunkundigen Wunschdenkern, außer man heißt unbeirrt Bütikofer und will jetzt die Beitrittsverhandlungen beschleunigen…

Im Gegensatz zur gängigen Auffassung der gängigen Politiker mit dem gängigen Kurzzeitgedächtnis meinte  jedoch unser heraklidischer Serapion dereinst, Geschichte drehe sich fast immer im Kreise! (=> Alles Vergängliche ist nur ein GLEICHES)

Und die Türkei bleibt Türkei und Europa bleibt Europa.

Aber nun ist die in Europa hilflose deutsche Kanzlerin gezwungen, ausgerechnet im von Erdogan provozierten und grausam provozierenden türkischen Wahlkampf nach Ankara zu reisen, um Bitte Bitte zu machen. Das ist viel schlimmer als der Gang nach Canossa, der in Wahrheit ja den Sieg Heinrichs bedeutete. Denn im Gegensatz zu Gregor befindet Erdogan sich grinsend in der komfortablen Lage, der eigentlich verzweifelten Merkelin seine Forderungen, zum Beispiel nach europäischer Visafreiheit für Türken, in den Schreibblock zu diktieren und die arme Frau devot seinen Schuhsohlen die Steigbügel für die Präsidialherrschaft halten zu lassen.

Erdogan als Retter Europas!

Widerlich!

Mephisto an Bellarmin

Der Mann war eher klein, Mitte vierzig, und unter dem leicht graumelierten Haar blickten seine Augenknöpfe aus einem quadratischen Antlitz der Marke Kummer, Sorge, Griesgram, Sauertopf mißtrauisch ins Weltgeschehen, selbst beim Lächeln. So ziemlich alles an ihm, einschließlich seiner Kleidung und seiner Gebaren, war unauffällig. Auf der Straße hättest Du ihn todsicher übersehen. Konsequenterweise trug er einen Allerweltsnamen. In Anspielung an seinen Spitznamen bei uns, unter seinen Kollegen, will ich ihn einmal Töffi nennen. Einst hatte Töffi in der SPK, der Staatlichen Plankommission gearbeitet und war, nach seinen Worten, aus gesundheitlichen Gründen zu uns versetzt worden. Kann sein. Magengeschwürtyp. Kann sein aus Überforderung.

Selbstredend war Töffi Genosse in der sozialistischen Einheitspartei Ostdeutschlands. Als ehemaliger Plankommissionsmitarbeiter sowieso und natürlich als Heinrich Manns unsterblicher Charaktertyp Diederich Heßling. Winston Smith in George Orwells „1984“ würde ihn gerechnet haben zu den Käferartigen, deren Ausbreitung, beispielsweise in der Kantine des Ministeriums für Wahrheit, des Miniwahrs, er sarkastisch registrierte.

Ich spreche hier jedoch von der Zeit, da war es noch etwa drei, vier Jahre hin bis 1984. Und zwar von einer Zeit in der friedliebenden Deutschen Demokratischen Republik, in der vielleicht so viele Kinderferienlager „Völkerfreundschaft“ hießen wie ehemalige Bahnhofsstraßen Ernst-Thälmann-Straße. Töffi war einer von denen, welche Angehörige jedes ostblocklichen Volksstammes politisch korrekt als „Freunde“ apostrophierten. „Unsere polnischen Freunde parken hier wohl falsch“, hörte ich ihn, selbstverständlich ohne den geringsten Anflug von Ironie, einmal sagen am Bahnhof, als ein Sapo mit polnischem Kennzeichen uns am Ende der Treppe den Zutritt zur Ernst-Thälmann-Straße verbarrikadierte. Ausnahme bildeten Russen, die figurierten bei Töffi als sowjetische Genossen. Wahrscheinlich hätte es auch etwas seltsam geklungen, wenn er die unselten übel parfümierten Russinnen als seine Freundinnen bezeichnet hätte.

Ergo erwies sich jenes Subjekt als verläßlich humorfrei, witz- und meinungslos, oder besser, es schlich unaufhörlich auf Linie, nämlich der des Zentralorgans „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“

Bis eines Tages er uns vor Beginn einer Arbeitsbesprechung merkwürdig plötzlich mit der Frage überraschte: „Kennt ihr eigentlich schon den Unterschied zwischen einem Stück Holz und einem Polen?“

Die er triumphierend gleich selbst beantwortete mit: „Holz arbeitet!“

Das hatte er nicht im Zentralorgan gelesen!

In der Volksdemokratie, man lasse sich den Pleonasmus auf der Zunge zergehen, in der Volksdemokratie Polen streikten die Werftarbeiter derzeit gerade für die Zulassung einer echten Gewerkschaft, und in dem Moment wurde mir klar, daß der miese Wicht den Parteiauftrag erhalten haben mußte, eine kleine hetzerische Infamie in der Deutschen Demokratischen Republik zu verbreiten.

Der kleine Töffi fiel mir wieder ein, als ich nach dem als „Wende“ titulierten Ende jenes einzigartigen Staates, der seine Bürger, kraft ihres Geburtsortes, in den Rücken schießen und durch Selbstschußanlagen zerfetzen ließ, im Falle sie ihrer zwangsverordneten Leibeigenschaft zu entfliehen suchten, der fiel mir mithin wieder ein, als ich nach dem Fall des „antifaschistischen Schutzwalls“ mit seinem gegen Ausbruchsversuche gewinkelten Stacheldraht, als ich da also eine augenfällig unbedarft wirkende Frau aus Pritz- oder Pasewalk im Fernsehen sagen hörte, die auf der Flucht Erschossenen seien doch selbst schuld gewesen. Die hätten doch gewußt, daß „Republikflucht“ verboten wäre.

Da mußte ich plötzlich wieder an den kleinen Töffi denken, zumal die Frau sogar dämlicher wirkte als ihr Argument.

Ähnliche Erinnerungen an jenen Mann erweckte mir später beispielsweise das „Früher, in der DDR, da gab es keine Penner!“

Worauf ich gewöhnlich antwortete: „Rischtisch! Unter Hitler auch nich!“

Oder aber mit „Ja, wo laufen sie denn bloß? Wo sind sie denn nu alle hingekommen?“

Und ebenso geht es mir natürlich mit „Die Dedeärr! Das war kein Unrechtsstaat! Es gab ja funktionierende Rechtsbeziehungen! Man konnte sich scheiden lassen…“ Dergestalt sogar offen unters Volk gestreut von der Galionsfigur aus der Partei Der Schamlosen. Du schriebst mir darüber am 10. November 2014 anläßlich der seinerzeitigen Tiraden gegen Biermann nach dessen Auftritt vor dem Bundestag (=> Eiertanz).

Schon vor diesem Termin erschien mir die kampagnenartige Stimmungsmache gegen Biermann wie aus dem Untergrund gesteuert. Es ist ja selten schwer, irgendwelche Abfälligkeiten über jemanden in Umlauf zu setzen, schon gar nicht, wenn man über Spezialisten des Handwerks „Operative Psychologie“ und für „Praktische Zersetzungsarbeit“ verfügt. Einst gab es an der geheimpolizeilichen Hochschule zahlreiche geheimpolizeiliche Dissertationen zu dem geheimpolizeilichen Thema. Und in der Partei Der Scheinheiligen haßt man ja den Barden aus irgend einem Grund.

Ein gleiches scheint mir auch bei gewissen Sprachregelungen mitzuspielen, angefangen beispielsweise mit „Siegerjustiz“, von Krenz gekramt aus der Mottenkiste derer, die auf der Nürnberger Anklagebank saßen, und angewandt auf die Verbrecher seines Schlages verurteilenden Gerichte. Gerade Krenz ist bei seinem sonstigen geistigen Habitus erstaunenswert kreativ, was Wortschöpfungen oder semantische Verschiebungen anbelangt. Etwa wenn er, der gesetzkräftig Verurteilte, in Anwendung auf rehabilitierte ehemalige politischen Gefangene der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik mit dem Wort „Gesetzesbrecher“ bei seinen Claqueuren unterschwellige Synonymie herzustellen versucht mit  Verbrechern.

Der Schöpfer des Wortes „Besserwessi“ wird sich aber wohl kaum auftreiben lassen, doch in den letzten 25 Jahren wirkten auf mich gewisse „griffige Argumentationshilfen“, à la „die wahre Wahrheit hinter der Wahrheit“, wie aus dem Souffleurkasten fürs „gesunde Volksempfinden“ gesteuert und, etwa auf unverfänglichen Kaffeefahrten der „Volkssolidarität“, als Sichtweisen und Wertungen „gelernter DDR-Bürger“ vermittels kleiner Töffis in die Welt gesetzt und unters Volk gemischt und begeistert aufgegriffen von ehemaligen „Freiwilligen Grenzhelfern“ und ähnlichen geistigen Durchblickern und verbiesterten Altkarrieristen.

Die Gestapo hatte seinerzeit voller Elan geforscht, u. a. über sogenannte informelle Kanäle der Gerüchtverbreitung und Desinformation. Wie lange braucht ein politischer Witz von Berlin nach München? Auch die deutsche demokratische Geheimpolizei war auf den Gebieten der Zersetzung, der Desinformation, des Informationskrieges überhaupt nicht ungelehrig, um es milde zu sagen, und beherzigte vor allem das „Von der Sowjetunion lernen, heißt lügen lernen“ oder so ähnlich. Ich mußte nicht zuletzt wieder daran denken, als Du mir unter dem 18. Juli vorigen Jahres (=> Ungemeldete Meldung) über den geheimen Stab russischer Regierungsbeamter berichtetest, und wie man über eine russische Agentur Blogger auf der Krim für die Verbreitung von Desinformationen und das Streuen von Gerüchten bezahlte, vor allem gegen die „faschistische“ Regierung in Kiew, als erfolgreiche Vorbereitung für die erfolgreiche Arbeit grüner Männer auf der Krim…

Neben all dem existieren selbstverständlich die konservativen Methoden des kommunistischen Lügens und Verbiegens. Ein Beispiel aus der Praxis will ich Dir noch einmal hierher setzen, gewissermaßen als kleine Reminiszenz:

Die besitzende Klasse der Deutschen Demokratischen Republik, die Machtbesitzer benutzten Diskussionen nie zu einer Klärung. Eine Diskussion diente lediglich dem Aushorchen oder verzögernden Hinhalten des naiven Diskussionspartners, im Falle man sich, ihn unmittelbar aus dem Verkehr zu ziehen, noch nicht genügend zugerüstet wähnte. Oder es gerade zuviel Aufsehen erregt hätte, das Mundtotmachen. Innerhalb dieser ganzen deutschen demokratischen Diktatur kann ich mich nicht erinnern, daß während der politischen Diskussion ein den Machthabern zuwiderlaufendes Argument dem Argumentierenden oder im mindesten seiner Angelegenheit etwas genutzt hätte. Das entspricht nicht meiner Erfahrung. Und die ungeheuer heimtückische Heuchelei verdeutlicht sich allein schon darin, indem die Machtbesitzer von uns, den zwangsrekrutierten Untertanen, immer eine „offene und ehrliche Diskussion“ forderten!

Andererseits, wenn diese Funktionäre und Propagandisten und Agitatoren nicht weiter wußten, also meistens, drehten sie jegliches und auch das Harmloseste ins Politische, und da zählte nichts und schon gar kein Argument!

Wenn sie dann immer ins Politische schweiften, benutzten sie garantiert, und daran erkennt man die Gysibiskys und Konsorten aus der Partei Der Spalter noch heute, ihren obszönen Standardtrick, den die sozialistische Einheitspartei Ostdeutschlands mit bedenkenloser Schamlosigkeit anwendete: Die Gleichsetzung. Die Schweiz erhöbe auch ein Einreisezwangsgeld, westliche Geheimdienste arbeiteten auch nicht anders. Und die USA hätten auch eine bewachte Grenze!

Soll heißen, die für Ausländer geltenden pekuniären Einreise- und Aufenthaltsbestimmungen der Schweiz wären dem Wesen nach gleich dem eindirektionalen Zwangsumtausch Ostdeutschlands für einreisende Westdeutsche und Westberliner. Soll heißen, der Bundesnachrichtendienst und der Verfassungsschutz wären ihrem Wesen nach gleich dem Ministerium für Staatssicherheit. Und soll endlich heißen, die Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko wäre dem Wesen nach gleich der Grenze Ostdeutschlands zu Westdeutschland oder der Grenze Ostberlins zu Westberlin. Und und und! Man zeigte seine Vorliebe darin, jedes, aber auch jedes Argument über die verblüffendsten Gleichsetzungen zu verbiegen und damit die ganze Diskussion. Die aber auch! Die machen das genauso!

So, als wäre, wenn es denn stimmte, nun alles in bester Ordnung!

Aber schon diskutierte man nicht mehr über innere Probleme, sondern über interstellare Welten, nämlich über die unmenschliche Ausbeutung in den Ländern des Stamokap, des „staatsmonopolistischen Kapitalismus“, und die Verelendung breiter Massen. Du solltest nichts wissen und durftest keinen Feindsender hören, aber solche „Argumente“ mußtest du dir bieten lassen! O ja, selbst wenn er nie etwas anderes gelernt hatte und vor Blödheit gegen den Himmel stank, aber den Gleichsetzungstrick, Pferdekacke gleich Apfel, den beherrschte auch der kleinste und rhetorisch dämlichste Bonze aus dem Effeff.

Während seiner Haftzeit hat der empörte Egon Krenz Notizen aufgeschrieben, die gesammelte Empörung über das ihm angetane Recht. Sie tragen die Kapitelüberschriften „Herr Krenz, Sie sind hiermit verhaftet!“, „Das Wochenende vor der Haft“, „Stunden vor dem Urteil“, „Das Urteil“, „Moabiter Tage“, „Diktator Nummer Zwei“, „Das Intermezzo in Hakenfelde“, „Verlegung nach Plötzensee“, „Von Plötzensee nach „Strasbourg“, „Gespräch zwischen einem Star und einem Häftling“, „Das Haftende“, „Nach der Haft: Fragen an den Bundespräsidenten“.

Unter dem 29. August 1997 notiert Krenz (Egon Krenz Gefängnisnotizen edition ost im Verlag Das Neue Berlin 2009):

Gelegentlich werden im Fernsehen Gefängnisse der DDR gezeigt. Die Kameras fangen dann das Erdrückende solcher Stätten ein. Glaubt man wirklich, man hätte andere Bilder, wenn man beispielsweise die überfüllten Strafanstalten Moabit oder Tegel besuchen würde? Inzwischen gibt es selbst in bürgerlichen Medien Berichte darüber, dass nicht jeder, der sich als solcher ausgibt, auch tatsächlich ein politischer Häftling war, sondern ein ganz gewöhnlicher Gesetzesbrecher.

Entgegen unserer, zugegeben naiven Annahme, dass im Sozialismus die Kriminalität aussterben würde, gab es auch in der DDR Mörder, Totschläger, Diebe, Bankräuber, Erpresser und Betrüger. Allerdings weniger als in anderen Staaten. Mit 690 Straftätern auf 100 000 Einwohner hatten wir im Verhältnis zu anderen Staaten eine niedrige Kriminalitätsrate. Die zu Haftstrafen Verurteilten befanden sich in 46 Strafvollzugsanstalten, so viele zählten wir jedenfalls 1987 in der DDR.

Im Jahr zuvor erhielt ich den „Menschenrechtsbericht“ des US-State Departments über die DDR. Darin war die Rede von „grausamen Behandlungen durch Strafvollzugsbeamte“.

Ich bat daraufhin Fritz Dickel, den Innenminister, zu mir. Dickel war ein integrer Charakter, Kommunist seit seiner Jugend. Er saß in der Weimarer Republik, bei Hitler und auch bei Stalin. Wenn mir jemand die Wahrheit sagen würde. dann er, davon war ich überzeugt. Trotz unseres Altersunterschiedes waren wir Freunde.

„Fritz“, sagte ich, als wir uns in meinem Arbeitszimmer unter vier Augen gegenüber saßen. „Warum werden bei uns Gefangene misshandelt?“

„Traust du mir zu, dass ich das dulden würde?“, fragte er zurück.

„Es geht nicht darum, was ich dir zutraue“, antwortete ich. „Im Westen wird behauptet, in unseren Gefängnissen werde geschlagen. Wenn es wahr ist, müssen wir die Verantwortlichen bestrafen. Wenn es gelogen ist, müssen wir die Lügen öffentlich entlarven.“

Fritz Dickel, erregt und dennoch überlegt, relativierte: „Ich kann nicht garantieren, dass einem Wachtmeister nicht einmal die Hand ausrutscht. Der Dienst im Strafvollzug ist hart. Und nicht immer haben wir das beste Personal. Wo wir aber von Misshandlungen erfahren, wird das hart bestraft. Im Übrigen stammen unsere Gefängnisse aus kapitalistischer Zeit. Wir gestalten die Bedingungen so aus, wie es unsere finanziellen Möglichkeiten erlauben. Eins kann ich dir aber garantieren: Solange ich Innenminister bin, werde ich nicht zulassen, dass Gefangene misshandelt werden.“

Ich glaubte ihm. Dennoch dachte ich an die berühmte Regel, die immer auch Ausnahmen hat. Er muss meine Zweifel bemerkt haben und schlug vor: „Schicke deine Leute in Gefängnisse deiner Wahl. Sie sollen, ohne dass wir dies vorher wissen, mit Gefangenen sprechen, die sie selbst auswählen. Danach können wir unser Gespräch fortführen.“

Ich ließ mir die Genehmigung dafür vom Staatsratsvorsitzenden geben. Laut Verfassung übte der Staatsrat im Auftrage der Volkskammer die Aufsicht über die Verfassungsmäßigkeit und Gesetzlichkeit des Obersten Gerichts und der Generalstaatsanwaltschaft aus. Honecker war mit meinem Vorschlag einverstanden. Dann schickte ich Arbeitsgruppen zur Inspektion in verschiedene Haftanstalten, darunter auch in das Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen. Die Arbeitsgruppen bestanden aus Juristen, Volkskammerabgeordneten, einem Staatsratsmitglied sowie aus Mitarbeitern der Abteilungen für Staat und Recht und für Sicherheitsfragen des ZK der SED. Gleichzeitig bekamen die West-Journalisten Pragal vom Stern und Gorskia von der Bunten am 16. Januar 1987 die Möglichkeit, die Strafvollzugseinrichtung Brandenburg zu besuchen. Sie hatten, vermutlich in Kenntnis der entsprechenden Meldung aus den USA, entsprechende Anträge gestellt. Beide berichteten nach ihrem Besuch sachlich über die Praxis des Strafvollzuges.

Die Berichte unserer Inspektoren stellten viele Unzulänglichkeiten fest: Die Obst- und Gemüseversorgung funktionierte schlecht; einige Hygieneartikel, besonders im Frauengefängnis, fehlten, ebenso Dinge, die es auch draußen leider nicht immer gab. Der Umgangston einiger Aufseher wurde als „rüde“ bezeichnet. Alles zusammen also keineswegs Dinge, deren wir uns rühmen konnten. Dennoch: Niemand berichtete von Menschenrechtsverletzungen oder unmenschlichen Haftbedingungen.“

Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.

Doch der Mensch fragt stets warum, wenn er sieht, daß etwas dumm. Und so könnte er hier fragen: Warum wurden die Lügen des Westens nun denn nicht öffentlich entlarvt? Warum las man nichts in den sozialistischen Gazetten über die erfolgreichen Inspektionen? Warum gab es keine öffentliche Debatte über den verlogenen Bericht des US-State Departments? Oder über die menschlichen Haftbedingungen in den sozialistischen Strafvollzugsanstalten? Warum wurden Ost-Journalisten dieses demokratischen Staates mit Wahlergebnissen von neunundneunzig zwei Drittel Prozent Ja-Stimmen bei den Inspektionen ausgeschlossen?

Zeigten die an dem Thema kein Interesse?

Warum also hat Krenz das alles nicht 1987 veröffentlicht? Warum, wenn alles bis auf leicht behebbare Unzulänglichkeiten in schönster Ordnung war, veröffentlicht Krenz das in einem Buch erst 2009, und zwar als Erinnerung aus dem Jahr 1997 über das Jahr 1987? Da wird die Frage nach dem Grund gestattet sein.

Die angebliche Haftzeit „bei Stalin“, mit welcher er einen berechneten Eindruck vom famosen Dickel, diesem integren Diener diverser Diktatoren, zu erwecken hofft, ist eine Behauptung von Krenz, die ich nirgendwo belegt fand. Krenz hingegen war, worauf es ja ankommt, zur Zeit des von ihm wiedergegebenen Gesprächs mit Dickel stellvertretender Staatsratsvorsitzender und ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen und offenbart sich hiermit wohl eher unbeabsichtigt als noch über dem Innenminister verantwortlich für die Haftbedingungen in der DDR.

Welch einzigartiger Moment in der Weltgeschichte!

Über die in Aussicht gestellte Fortsetzung seines Gesprächs mit Dickel im Anschluß an die Inspektionen schweigt er sich allerdings aus. Der von Krenz stattdessen in die Entlastungszeugenschaft gehievte Journalist des Stern, Pragal, schildert in seinem Buch „Der geduldete Klassenfeind“ (Osburg Verlag 2008) den von Krenz erwähnten 16. Januar 1987 rückblickend:

Der 16. Januar 1987 war für die Strafvollzugseinrichtung Brandenburg und ihren Leiter, Oberst Harry P., eine Premiere. Noch nie zuvor hatten „Klassenfeinde“ als angemeldete Gäste eine DDR-Haftanstalt besichtigen dürfen. Doch an diesem Tag sah sich der Genosse Zuchthauschef genötigt, mich, einen Stern-Fotografen sowie zwei Vertreter der Illustrierten Bunte zu empfangen. Und dies auch noch auf Weisung höchster Parteistellen. Harry P. war sich der Brisanz seiner Aufgabe bewusst. Zwar hatten das MfS und sein oberster Dienstherr, der DDR-Innenminister, bis ins Detail festgelegt, wie der Besuch ablaufen solle, wer mit uns reden dürfe und welche Zellen wir zu Gesicht bekommen sollten. Aber ganz sicher, ob wir uns an die Vorgaben halten würden, war er nicht. Für Harry P. war es ein harter Tag. Er hatte die Aufgabe, den West-Journalisten nachzuweisen, dass es in seinem berüchtigten Knast, in dem während der Nazi-Herrschaft auch Erich Honecker gesessen hatte, korrekt und human zuging. Jedenfalls sah man dem Oberst die Anspannung an, als er – wie ihm später in einem Stasi-Protokoll bescheinigt wurde – die „bestätigte Gesprächskonzeption in freier Rede“ vortrug. Mit so aufschlussreichen Sätzen wie: „Es ist das erstrangige Anliegen einer Strafvollzugseinrichtung, dass die Insassen die Einrichtung nicht ohne Erlaubnis verlassen.“ Oder: „Im Mittelpunkt des Vollzugs der Strafen steht die Erziehung zu gesellschaftlicher Arbeit.“

Als ich beim Außenministerium den Antrag stellte, hatte ich dem Vorhaben wenig Chancen gegeben. Als Aufhänger diente mir eine Äußerung von Bundeskanzler Helmut Kohl, der DDR-Gefängnisse mit Konzentrationslagern verglichen hatte. Diese Begründung muss jemanden in der obersten SED-Etage auf die Idee gebracht haben, West-Journalisten für eine propagandistische Aktion einzuspannen. Mir war bei der Sache nicht ganz wohl. Natürlich habe ich mitbekommen, dass uns in Brandenburg etwas vorgespielt wurde. Dass uns die bedrückenden Verhältnisse, die das Zuchthaus in Verruf gebracht hatten, verheimlicht wurden. „Die Straf-Arrestzellen, die von ehemaligen Häftlingen als Tigerkäfige beschrieben werden, dürfen wir nicht sehen“, schrieb ich in meiner Reportage. Und vergaß auch nicht zu erwähnen, dass mir der Oberst auf die Frage, wie viele Aufseher eingesetzt seien, lapidar antwortete: „Genügend“.

Das ganze Ausmaß der Inszenierung ist mir erst Jahre später bekannt geworden. Während über hundert Häftlinge eines Arbeitskommandos im Speisesaal eingeschlossen wurden, hat man ausgewählte Gefangene in neue Kleider gesteckt und vor den Journalisten wie Komparsen agieren lassen. Ein Brigadier, der wegen Untreue verurteilte frühere Leiter des Intershops im Ost-Berliner Palast-Hotel, war für würdig befunden worden, Fragen der Besucher zu beantworten. Brav und linientreu gab er Auskunft. „Ich empfinde diese Äußerung gelinde gesagt als eine Beleidigung der DDR“, erklärte er zur Kritik des Bundeskanzlers. „Wir haben darüber diskutiert, auch meine Mitgefangenen beziehen die gleiche Position.“ Das klang wie einstudiert. Doch dann wurde er unvorsichtig und meinte, das Warenangebot in der gefängnisinternen Verkaufsstelle könnte besser sein. Zum Beispiel fehle es an Äpfeln. „Die hatte es seit Dezember nicht mehr gegeben.“ Das hätte er besser nicht sagen sollen. Wie ein Mithäftling später berichtete, wurde der Mann nach Erscheinen meines Berichts seiner Funktion enthoben und in Einzelhaft verlegt.“

Nun, was die Westjournalisten neben vielem nicht wissen konnten, ist der Umstand, daß es Gefangene gab, die trotz Bedrohung mit schwerstem Arrest die Zwangsarbeit verweigerten oder sogar in den Hungerstreik traten im Zuchthaus Brandenburg, allein mit dem Grund, dadurch in Einzelhaft gelangen zu können. Sie wurden isoliert. Um endlich einmal allein zu sein. Um endlich einmal beim Frühstück in der Zelle nicht in die lauernden Visagen von sieben Triebtätern, Mördern oder geisteskranken Triebtätern oder geisteskranken Mördern schauen zu müssen und sich nicht, und hier handelt es sich ja noch um den günstigsten Fall, ihr sinnloses Geschwafel anhören zu müssen von morgens bis abends – Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr.

Hungerstreikende kamen übrigens gleich in eine Einzelzelle, damit man ihnen sofort das Wasser abstellen konnte. Hungerstreik war vielleicht die Vorstufe zum Suizidversuch. Ich traf einen Gefangenen, der es mit dem Verschlucken einer Glühbirne versucht hatte. Es war nicht leicht, bei der permanenten Überwachung, eine geeignete Gelegenheit zu finden. Frischoperierte Suizidkandidaten verlegte man in Einzelzellen, wo man sie mit Handschellen an das Heizungsrohr kettete, zu ihrer Sicherheit…

Also jener angediente Intershop-Privilegierte draußen gehörte sicher auch drinnen, im Zuchthaus, zu den im Gefangenen-Rotwelsch als „Ratte“ Bezeichneten. Dem gewöhnlichen Gefangenen gekennzeichnet als „Uhrenträger“. Er durfte eine Armbanduhr tragen. Als sogenannter „Bridja“, als „Brigadier“. Nicht jeder in diesem Lande der begrenzten paar Unzulänglichkeiten durfte Intershop-Leiter werden. Und nicht jeder Gefangene konnte Uhrenträger werden…

Jeder war seines Glückes Schmied.

Was den anderen Geschichtenerzähler anbelangt, den auf den göttlichen Befreiungsdemos als mit den großen Zähnen plakatierten („Großmutter, warum hast du so große Zähne?“), so ist er bekannt auch für die verlogene Wortschöpfung „Wende“ für „Ende“. „Wende“ als Hüllwort für das endliche Ende der Deutschen Demokratischen Republik. Dem Land des Lügens. Das 1961 nicht mehr ohne und 1989 nicht mehr mit antifaschistischem Schutzwall zu halten gewesen war. Bei dessen Erstürmung durch Gesetzesbrecher die Menschen weinten und tanzten vor Freude.

„Auf eine öffentliche Sünde gehört eine öffentliche Buße.“ (Deutsches Sprichwort)

Serapion an Mephisto

Und ebenso erlaube mir dieser Tage, Dich zu erinnern an den einstigen Führer der römischen Volkspartei, den theatralischen Phantasten Cola di Rienzi, der sich zum Tribunus Augustus ausrufen ließ, um in Rom eine Republik nach altrömischem Muster zu errichten und von ihr ausgehend das antike Rom wiederherzustellen. Er entstammte als Sohn eines Kneipiers und einer Wäscherin einfachsten Verhältnissen und hatte sich als Autodidakt dennoch eine umfassende klassische Bildung verschafft, mit der er durch seine immense Rednergabe bei den Römern einen kometenhaften Aufstieg nahm. Rom, vom Papst verlassen, verfiel damals vollständig in Anarchie und verkam zum Kriegsschauplatz der Soldbanden rivalisierender Familienclans, und, Du ahnst es, es existierte nicht einmal mehr in Ansätzen ein über das Zunftwesen hinaus funktionierendes Steuer- und Abgabensystem, das es einer irgendwie gearteten Staatlichkeit ermöglicht hätte, dem Verfall Widerstände entgegenzusetzen, geschweige denn zu prosperieren.

Dies ist immer die Stunde der Demagogen!

Ich glaube Tucholsky oder Remarque hat einmal sehr klug beobachtet, daß im Auf- oder Niedergang eines Staatswesens die besten Geschäfte und Karrieren zu gewinnen seien.

Am 20. Mai 1347 ließ der Volkstribun die Führer der Adelspartei mittels der üblichen Wutbürger verjagen und regierte hinfort als Diktator. Es mangelte ihm allerdings an jeglichem staatsmännischem Format, und so mußte er infolge seines grotesken Treibens bereits am 15. Dezember wieder abdanken und fliehen, wurde sieben Jahre später nach seiner Rückkehr am 8. Oktober 1354 von einem seiner ehemaligen Anhänger erschlagen, und selbst sein Leichnam ward von den immer noch wütenden Volksmassen geschändet.

Ich gestehe, ich bedauere außerordentlich den Weggang Yanis Varoufakis aus seinem Amt wegen jener „unbedeutenden, kleinen Liquiditätsprobleme“ Griechenlands (O-Ton Varoufakis). War doch auf ihn wie auf seinen Chef Alexis Tsipras bisher noch immer Verlaß in jeder der bisher schon fast unzählig wiederholten Situationen, in denen ich fürchten und zittern mußte, nun würden die in Brüssel gängigen Europa- und Euroromantiker mit Sinn für alles Schöne und Gute in einer Zukunft, in der man sie nicht mehr als Verantwortliche belangen könnte für das von ihnen verschuldete Desaster des gegen alle Fakten politisch Entschiedenen. In denen die ewigen Gesundbeter jeglichen Erfahrungen und simpelsten Finanzgeboten und kaufmännischen Regeln und jeder zuvor als Sicherheit wohlbegründeten vertraglichen Abmachung zum Trotz doch noch wieder hereinfallen würden und dann tatsächlich hereinfielen auf die Volten und griechischen Spiele unseres marxistischen Spieltheoretikers.

Der sie hinterher noch stets beschimpfte und verhöhnte!

Das Geschehen ist unglaublich! Und fortwährend hat man den Eindruck, der Albtraum beginne erst!

Und hier also war bisher immer das Verläßliche an Tsipras und Varoufakis: Wenn sie den Brüsseler Kompromißanbetern die regelwidrigsten Zugeständnisse soeben entlockt hatten, so daß alles in mir „Nein!!!“ schrie, dann brüskierten diese griechischen Volkstribunen ihre Verhandlungspartner in ihrer Treu und in ihrem Glauben und machten durch das ungeheuerliche Verhalten gegenüber den Gelackmeierten allen vermeintlichen Verhandlungsfortschritt wieder zunichte. Und schafften es sogar, den allbereiten Jean-Claude Juncker, unseren unverwüstlichen Talleyrand von Luxemburg, für sogar geschlagene fast ganze elf halbe Viertelstunden zu vergnatzen!! Stets waren in schönster Zuverlässigkeit die marxistischen Völkerverhetzer Tsipras und Varoufakis in Habacht und verdarben grinsend noch auf den letzten Metern jede weitere Brüsseler Verbiegung. Und ich konnte wieder aufatmen und hoffen, ein paar Verträge und Abmachungen blieben vielleicht doch noch ungebrochen gegen listenreich mit „produktiver Undeutlichkeit“ (O-Ton Varoufakis), also heimtückisch mit betrügerischem Vorsatz verfaßte vageste Versprechungen auf beabsichtigte künftige Gesetzgebungsverfahren und deren ordinäre Umsetzung durch illoyale korrupte griechische Beamte wie gehabt.

Mir fällt gerade ein aus irgendeinem Grund, daß von griechischer Seite die oft gestellte Frage ihrer ungläubig erstaunten europäischen Gläubiger, warum nicht wenigstens einmal die Aufhebung der in der Landesverfassung verankerten Steuerfreiheit für Reeder angegangen wurde in den letzten fünf Jahren der Krise, unisono tatsächlich beantwortet wurde in geradezu beleidigt vorwurfsvollem Ton, das wäre von der Troika bisher ja nicht verlangt worden!!!

Wie kann man sich in seiner Mentalität besser bloßstellen? Wenn man nicht weinen müßte, sollte man lachen. Jedoch es gehen Menschen dabei zugrunde.

Europa riskiert das Scheitern des Euro weniger durch das Ausscheiden Griechenlands als durch das ständige Biegen und Brechen vorheriger Abmachungen und Grundsätze. Die ja extra geschaffen und getroffen wurden aus Einsicht in Notwendigkeit.

Und letztendlich alles für nix und wieder nix. Die Warschauer RZECZPOSPOLITA schrieb am 26. Juni:

Alle Akteure in diesem Drama sollten der Realität ins Auge sehen. Vor allem Deutschland muss sich von der Illusion verabschieden, dass Griechenland die Reformauflagen erfüllen wird. Neue Kredite wären am Ende reine Transferleistungen. Sicher wird eine mit dem Rücken zur Wand stehende griechische Regierung letztlich alles unterschreiben, um an Geld zu kommen, aber sie wird an die Umsetzung der Vertragsbedingungen gar nicht erst denken. Die Syriza-Regierung wurde gewählt, um das von der EU und den internationalen Finanzinstitutionen verordnete Sparprogramm zu beenden. Der Glaube, Europa könne Griechenland gegen den Willen der griechischen Gesellschaft tiefgreifend reformieren, ist naiv und ein bisschen arrogant. Reformen können in einem Land nur umgesetzt werden, wenn sie von Regierung und Bevölkerung getragen werden.

Mitnichten ist der Artikel veraltet.

Wir lebten in lehrreichen Zeiten, wenn man denn Lehren zöge. Was ich eigentlich aber sagen wollte: Die Masse ändert schnell die Meinung. Das geht im Handumdrehn!

Volkstribun kann ein verdammt gefährlicher Job sein!