A N A B A S I S

Thalatta ! Thalatta !

Schlagwort-Archiv: Mephisto

Mephisto an Serapion

Darf man so etwas Unkorrektes drucken?

Also dieser Freud!

Der würdigt Schwule und Lesben in verletzender Weise herab und zeichnet ein entstelltes Gesellschaftsbild!

Also schlimmer als die Kramp-Karrenbauer!

Der Freud ist ja völlig daneben!

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Serapion an Mephisto

Mein treuer Freund Lucius Annaeus Seneca schrieb mir neulich vor 1956 Jahren ganz richtig: „Laß uns daher fragen, was am Besten zu tun sei, nicht was am gewöhnlichsten geschehe, und was uns in den Besitz eines ewigen Glücks setze, nicht was dem großen Haufen, dem schlechtesten Dolmetscher der Wahrheit, genehm sei.“ Daran mußte ich denken, als im Zuge der lobbyistisch forcierten Gleichsetzungshysterie letzte Woche die Meute der Leute mit ihrer permanenten Klarsicht infolge edler Gesinnung – Du ahnst natürlich schon, von wem ich rede – als also diese weltoffenen und toleranten Hyänen sich mit Geheul und Gekläff auf die Ministerpräsidentin des Saarlandes, Frau Kramp-Karrenbauer stürzten. Ein Musterbeispiel gegenwärtiger Verfaßtheit hierzuland. Schreiende Netzempörung! Pranger! Mehrere Strafanzeigen! Einhellige Verurteilung durch die üblichen Verdächtigen!

Deutschlandfunk meldet: Grünen-Chefin Peter bezeichnete die Worte der CDU-Politikerin als „völlig daneben“!

Welche Bezeichnung unsere an Differenzierungsarmut reichen öffentlich-rechtlichen Medien tatsächlich als „Kritik“ ausgeben: „Die Äußerungen der saarländischen Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer zur Gleichstellung homosexueller Partnerschaften mit der Ehe stoßen weiter auf Kritik.“

Was war geschehen, fragt man sich natürlich immer bei unserer ausnahmslos grausam das Pferd von hinten aufzäumenden Berichterstattung. Erst immer die korrekt bewertende Scheuklappenvorgabe, dann, eventuell, der Vorfall. Und der natürlich nicht als nackte Tatsache, sondern ebenfalls gesehen durch die standpunktvorgebend korrigierende, pardon, „kritisierende“ Brille:

„Kramp-Karrenbauer würdige Schwule und Lesben in verletzender Weise herab und zeichne ein entstelltes Gesellschaftsbild, sagte die Grünen-Chefin den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.“ Also da fällt man ja aus allen Wolken! Diese reaktionäre Kramp-Karrenbauer! Wie kann man sowas von herabwürdigen, verletzen und entstellen! Typisch! Typisch!

Jedenfalls derart typisch dargestellt in der ersten und singulären Meldung über jene „Äußerungen“. Immerhin läßt man sich im Anschluß und als Abschluß an die „einhellige Verurteilung“ noch herbei, als Ursache hübsch nach der korrekten Wirkung wenigstens in indirekter Rede anzudeuten, was diese unverständige Kramp-Karrenbauer denn nun eigentlich gesagt habe: „Kramp-Karrenbauer hatte davor gewarnt, den in Deutschland geltenden Begriff der Ehe auch für homosexuelle Paare zu öffnen. Dann sei nicht mehr auszuschließen, dass als nächstes eine Heirat unter engen Verwandten oder von mehr als zwei Menschen gefordert werde.“

Kramp-Karrenbauer stellt Ehen zwischen „Schwulen und Lesben“ auf eine Stufe mit Geschwisterehe wie im alten Ägypten oder Polygamie wie bei den Mohammedanern und Mohammedanerinnen!

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„Die klassische Aufgabe der Meute, klassisch erfüllt. Aufspüren, nachstellen, einkreisen. Bestenfalls verliert, wer der Meute zum Opfer fällt, sein Gesicht. Ihre Attacken zielen nicht auf Inhaltliches, sondern gleich auf die soziale Halsschlagader, die Reputation der Beute. Der Gejagte wird nicht auf fachlicher Ebene, sondern im Feld der Tugend gestellt und zur Strecke gebracht“, beobachtet Arno Frank in seinem scharfsinnigen, unbedingt empfehlenswerten Essay „Meute mit Meinung – Über die Schwarmdummheit“ (erschienen bei KEIN & ABER): „In der Regel ist das Mitglied der Meute in seinen Netzwerken auf den Text gestoßen, wo er ihm bereits als Ärgernis angekündigt wurde. Um nun im Forum kübelweise Kommunikationsschlacke auszuleeren, muss er den Text nicht einmal gelesen haben – er besucht die Seite ohnehin nur in seiner Funktion als Mitglied einer erregten Meute, zu deren Erregung er seinen eigenen kleinen Teil beiträgt, seine eigene kleine Entladung. … Alle Angriffe treffen die „Bösen“ und damit die Richtigen. … Es ist, wenn man so will, die „gute“ Meute. … Es ist eine rüpelhafte Gruppe, die bei ihrer Jagd auf abweichende Andersdenkende zumindest in ihrer verbalen Radikalität den Roten Garden oder der SA in nichts nachsteht.“

Und ebendort: „Demnach ist die „belagerte Festung“ das politische System, das sich der Umzingelung durch Menschen nicht entziehen kann, die „einen Pool von Gründen“ bearbeiten und ihm damit gewisse Urteils- und Entscheidungsprozesse aufnötigen. Masse krümmt den öffentlichen Raum.“

Und der Terror der Toleranten, der Terror der Tugendhaften und politischen Korrektoren schafft mit dem Popanz einer vorgeblichen Diskriminierung ein Klima, in dem selbst einfache Tatsachenfeststellungen gefahrfrei nicht mehr möglich erscheinen. Geschweige denn eine Debatte. Es herrscht in etwa dasselbe Klima wie seinerzeit in den Anfangsjahren der Grünen. Also Pädophilie war ja sowas von richtig gegen diese konservativen Strukturen! Wenn da jemand etwas sich gegen Pädophilie zu sagen traute, machte der sich genauso unmöglich wie heute jemand mit Vorbehalten gegen das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare (um das es ja letztendlich nur noch geht unter dem Deckmantel der Antidiskriminierung), und gegen dieses reaktionäre Schwein wurde genauso zur Hatz geblasen wie exemplarisch heutzutage gegen Frau Kramp-Karrenbauer.

Nur daß es damals noch kein Internet gab. Aber jene geistig Eingeengten, die jede sachlich begründete Ungleichbehandlung als Diskriminierung verschreien, die gab es schon damals. Der Mob ist unsterblich.

Was fällt mir sonst noch ein?

Die einen von diesen „Perversen“ haben sozusagen die Geschlechtsdifferenz aus ihrem Programm gestrichen. Nur das ihnen gleiche Geschlecht kann ihre sexuellen Wünsche erregen; das andere, zumal die Gechlechtsteile desselben, ist ihnen überhaupt kein Geschlechtsobjekt, in extremen Fällen ein Gegenstand des Abscheus. Sie haben damit natürlich auch auf jede Beteiligung an der Fortpflanzung verzichtet. Wir nennen solche Personen Homosexuelle oder Invertierte. Es sind Männer und Frauen, sonst oft – nicht immer – tadellos gebildet, intellektuell wie ethisch hochentwickelt, nur mit dieser einen verhängnisvollen Abweichung behaftet. Sie geben sich durch den Mund ihrer wissenschaftlichen Wortführer für eine besondere Varietät der Menschenart, für ein „drittes Geschlecht“ aus, welches gleichberechtigt neben den beiden anderen steht. Wir werden vielleicht Gelegenheit haben, ihre Ansprüche kritisch zu prüfen. Natürlich sind sie nicht, wie sie auch gern behaupten möchten, eine „Auslese“ der Menschheit, sondern enthalten mindestens ebensoviel minderwertige und nichtsnutzige Individuen wie die in sexueller Hinsicht anders gearteten.

Die psychoanalytische Forschung ist nämlich genötigt worden, sich auch um das Sexualleben des Kindes zu bekümmern, und zwar dadurch, daß die Erinnerungen und Einfälle bei der Analyse der Symptome regelmäßig bis in frühe Jahre der Kindheit zurückführen. Was wir dabei erschlossen haben, ist dann Punkt für Punkt durch unmittelbare Beobachtung an Kindern bestätigt worden. Und da hat sich dann ergeben, daß alle Perversionsneigungen in der Kindheit wurzeln, daß die Kinder zu ihnen alle Anlage haben und die in dem ihrer Unreife entsprechenden Ausmaß betätigen, kurz, daß die perverse Sexualität nichts anderes ist als die vergrößerte, in ihre Einzelregungen zerlegte infantile Sexualität.

Andererseits ist es der gemeinsame Charakter aller Perversionen, daß sie das Fortpflanzungsziel aufgegeben haben. In dem Falle halten wir eine Sexualbetätigung eben pervers, wenn sie auf das Fortpflanzungsziel verzichtet hat und die Lustgewinnung als davon unabhängiges Ziel verfolgt.

Die sexuellen Perversionen der Erwachsenen hingegen sind etwas Greifbares und Unzweideutiges. Wie schon ihre allgemein zugestandene Benennung erweist, sind sie unzweifelhaft Sexualität. Mag man sie Degenerationszeichen oder anders heißen, es hat noch niemand den Mut gefunden, sie anderswohin als zu den Phänomenen des Sexuallebens zu stellen. Um ihretwillen allein sind wir zur Behauptung berechtigt, daß Sexualität und Fortpflanzung nicht zusammenfallen, denn es ist offenkundig, daß sie sämtlich das Ziel der Fortpflanzung verleugnen.

Was die perverse Betätigung trotz aller Fremdheit des Objektes und der Ziele zu einer so unverkennbar sexuellen macht, ist der Umstand, daß der Akt der perversen Befriedigung doch zumeist in vollen Orgasmus und in Entleerung der Genitalprodukte ausgeht. Das ist natürlich nur die Folge der Erwachsenheit der Personen; beim Kinde sind Orgasmus und Genitalexkretion nicht gut möglich, sie werden durch Andeutungen ersetzt, die wiederum nicht sicher als sexuell anerkannt werden.

Ich muß noch etwas hinzufügen, um die Würdigung der sexuellen Perversionen zu vervollständigen. So verrufen sie auch sein möge; so scharf man sie auch der normalen Sexualbetätigung gegenüberstellt, so zeigt doch die bequeme Beobachtung, daß dem Sexualleben der Normalen nur selten der eine oder andere perverse Zug abgeht. Schon der Kuß hat Anspruch auf den Namen eines perversen Aktes, denn er besteht in der Vereinigung zweier erogener Mundzonen an Stelle der beiden Genitalien. Aber niemand verwirft ihn als pervers, er wird im Gegenteil in der Bühnendarstellung als gemilderte Andeutung des Sexualaktes zugelassen. Gerade das Küssen kann aber leicht zur vollen Perversion werden, wenn es nämlich so intensiv ausfällt, daß sich Genitalentladung und Orgasmus direkt daranschließen; was gar nicht so selten vorkommt. Im übrigen kann man erfahren, daß Betasten und Beschauen des Objektes für den einen unentbehrliche Bedingungen des Sexualgenusses sind, daß ein anderer auf der Höhe der sexuellen Erregung kneift oder beißt, daß die größte Erregtheit beim Liebenden nicht immer durch das Genitale, sondern durch eine andere Körperregion des Objektes hervorgerufen wird, und Ähnliches in beliebiger Auswahl mehr. Es hat gar keinen Sinn, Personen mit einzelnen solchen Zügen aus der Reihe der Normalen auszuscheiden und zu den Perversen zu stellen, vielmehr erkennt man immer deutlicher, daß das Wesen der Perversion nicht in der Überschreitung des Sexualzieles, nicht in der Ersetzung der Genitalien, ja nicht einmal immer in der Variation des Objektes besteht, sondern allein in der Ausschließlichkeit, mit welcher sich diese Abweichungen vollziehen, und durch welche der der Fortpflanzung dienende Sexualakt beiseite geschoben wird. Sowie sich die perversen Handlungen als vorbereitende oder als verstärkende Beiträge in der Herbeiführung des normalen Sexualaktes einfügen, sind sie eigentlich keine Perversionen mehr.

Die perverse Sexualität ist in der Regel ausgezeichnet zentriert, alles Tun drängt zu einem – meist zu einem einzigen – Ziel, ein Partialtrieb hat bei ihr die Oberhand, er ist entweder der einzig nachweisbare oder hat die anderen seinen Absichten unterworfen.

Sigmund Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (XX. Vorlesung Das Menschliche Sexualleben und XXI. Vorlesung Libidoentwicklung und Sexualorganisationen).

Und zum Schluß noch dies:

Johann Gottfried Seume, Apokryphen: „Wenn sich nur niemand fürchtete zu sagen, was die Sache ist, so würden alle Sachen besser gehen.“

Bellarmin an Mephisto

Mittwoch, 20. Mai:

In der BBC sagt der ukrainische Präsident Poroschenko, die Ukraine befinde sich nicht im Kampf gegen „Separatisten“, sondern in einer militärischen Auseinandersetzung mit Rußland. Und zwar in einem „echten Krieg“. Er begründet dies insbesondere mit der Aussage zweier Gefangener aus dem umkämpften ostukrainischen Gebiet, sie gehörten zu einer 200 Mann starken russischen Aufklärungseinheit.

 

Donnerstag, 21. Mai:

Die OSZE bestätigt, die beiden in der Ostukraine festgenommenen Russen Hauptmann Jerofejew und Feldwebel Alexandrow seien Mitglieder einer bewaffneten russischen Aufklärungseinheit, auch bereits früher auf ukrainischem Territorium im Einsatz gewesen und hatten alle Befehle als Militärangehörige ausgeführt.

Hauptmann Jerofejew: „Ich bin als Angehöriger der Armee gekommen und habe einen Befehl ausgeführt. Ich habe niemanden getötet.“

Feldwebel Alexandrow: „Das war eine Dientreise. … Um die Ortschaft auszukundschaften, sind wir ukrainische Stellungen abgegangen.“

Wie das Wiesbadener Statistische Bundesamt verlautbart, sind die deutschen Ausfuhren nach Rußland 2014 um 18 Prozent und die Einfuhren aus Rußland um sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken. Wegen des „Konflikts“ in der Ukraine.

Die Moskauer PRAWDA („Wahrheit“) frohlockt über den bevorstehenden Rigaer Gipfel: „Die EU hat das politische und wirtschaftliche Gewicht Russlands unterschätzt. Sie wird daher wohl auf das Projekt der Integration mit Osteuropa verzichten, denn dieses ist zu teuer und zu gefährlich geworden.“

Die kroatische Zeitung JUTARNJI LIST fragt hinsichtlich der aktuellen Lage auf dem Balkan: „Wer oder was steht hinter den Unruhen? Russland behauptet, dass die Europäische Union die politische Instabilität in Mazedonien zu verantworten hat. Mit Hilfe der Opposition wolle die EU die Regierung stürzen und dadurch auch verhindern, dass Russland eine neue Erdölpipeline durch die Türkei und Mazedonien baut. Brüssel wiederum sieht im mazedonischen Premier Nikola Gruewski eine Marionette des russischen Präsidenten Putin.“

 

Freitag, 22. Mai:

In deutschen Medien wird nicht deutlich berichtet, ob und inwieweit es in Riga zu einer gemeinsamen Abschlußerklärung kommt und die völkerrechtswidrige Annexion der Krim darin verurteilt wird. Die polnische Zeitung RZECZPOSPOLITA notiert: „Russland hat sich durchgesetzt: Die EU-Führung schränkt die Ambitionen ihrer Östlichen Partnerschaft fundamental ein. Jene Worte, wegen derer vor gut einem Jahr Menschen auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz starben, tauchen in der Deklaration des Gipfels in Riga nicht mehr auf.“

Im Moskauer Staatsfernsehen erklären die Frau des Feldwebels Alexandrow und die Eltern Hauptmann Jerofejews, die Männer hätten im Dezember 2014 und im Januar 2015 ihren Armeedienst quittiert.

 

Samstag, 23. Mai:

Präsident Putin unterschreibt ein Gesetz, das es der russischen Staatsanwaltschaft hinfort erlaubt, ausländische und internationale Organisationen zu verbieten. Mitarbeitern dieser Organisationen drohen unter anderem bis zu sechs Jahren Haft. Human Rights Watch und Amnesty International verurteilen das Gesetz als erstickend für eine Zivilgesellschaft.

Der Moskauer KOMMERSANT meint im Hinblich auf das Rigaer Gipfeltreffen: „Armenien, Weißrussland und Aserbaidschan hingegen hätten die Abschlusserklärung fast platzen lassen, wenn man nicht einen eleganten Weg gefunden hätte, den Hinweis auf die ‚Annexion der Krim‘ zu umschiffen.“

 

Pfingstsonntag, 24. Mai:

Die EU läßt in Brüssel einen Sprecher das russische Gesetz zu ausländischen Organisationen kritisieren, nachdem eine Sprecherin des Außenministerieums der USA sich „beunruhigt“ über das Gesetz gezeigt hatte, weil demnach zu befürchten sei, daß damit die Arbeit der Zivilgesellschaft in Rußland weiter eingeschränkt werde.

Der CDU-Politiker Karl-Georg Wellmann wird auf dem internationalen Flughafen Moskau-Scheremetjewo zur Rückreise nach Berlin gezwungen. Der CDU-Politiker ist Vorsitzender der deutsch-ukrainischen Parlamentariergruppe. Er war im Mai 2014 als Wahlbeobachter der OSZE in der Ukraine.

 

Pfingstmontag, 25. Mai:

Der deutsche Botschafter in Moskau, Rüdiger Freiherr von Fritsch, wird „unverzüglich“ im russischen Außenministerium vorstellig: „Die Bundesregierung erwartet die Aufhebung der Einreiseverweigerung.“ Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes bereichert den derzeitigen Wortschatz deutscher Politiker für den Fall einer Mißbilligung um ein zweites: Die russische Maßnahme sei nicht nur „inakzeptabel“, sondern auch noch „unverständlich“. In originaler Reihenfolge: „unverständlich und inakzeptabel“.

Zur Verständlichkeit: Wellmann solle behauptet haben, der „Krieg“ in der Ostukraine sei ein russischer Krieg, die Separatisten seien Werkzeuge der Russen, zu denen es einen permanenten Zufluß von Munition, von Waffen, von Kämpfern und von Logistik aus Russland gebe.

Welche Äußerungen von deutschen Medien vor und nach der Einreiseverweigerung nach meiner nicht unaufmerksamen Zählung null mal erörtert und null mal auch nur erwähnt wurden in dem ganzen Zusammenhang.

Udo Voigt (NPD) wird die Einreise zu einem europäischen Treffen rechter Gruppierungen nach Sankt Petersburg gestattet

 

Dienstag, 26. Mai:

In Rußland beginnt unangekündigt ein Manöver der Luftwaffe mit etwa 12.000 Soldaten und 250 Kampfflugzeugen.

 

Mittwoch, 27. Mai:

Der Nachrichtendienst des Deutschlandfunks meldet:

„NATO-Generalsekretär Stoltenberg sieht russische Äußerungen zum Gebrauch von Atomwaffen nach eigenen Angaben mit Sorge. Rhetorik, Übungen und Operationen Moskaus seien zutiefst beunruhigend, sagte Stoltenberg in einer Rede in Washington. Er warnte Russland davor, Atomwaffen auf der Krim sowie atomwaffenfähige Raketen in der Exklave Kaliningrad zu stationieren. Dadurch würde das sicherheitspolitische Gleichgewicht in Europa verändert.
Mit Blick auf den Ukraine-Konflikt sicherte Stoltenberg auch den Nicht-Mitgliedern Ukraine, Geogien und Moldawien die Unterstützung der NATO zu. Die Länder seien keine Pufferzonen, sondern souveräne Staaten.“ (Hervorhebung von mir… Seltsam, auch die Erwähnung oder gar Erörterung jener nicht gänzlich unwichtigen russischen Äußerungen in unseren öffentlich- rechtlichen Medien sind meiner Aufmerksamkeit leider entgangen. Zur Erinnerung aus dem stolzen Pressekodex: “Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberstes Gebot der Presse.”)

Apropos Medien: Die Medienaufsicht der Ex-Sowjetrepublik Moldau sperrt den russischen Fernsehkanal Rossija 24 wegen voreingenommener Berichterstattung insbesondere im Hinblick auf den Ukraine-“Konflikt“.

In Rußland wird eine sogenannte „Visasperrliste“ mit Einreiseverboten für westeuropäische Politiker veröffentlicht. Weder Gerhard Schröder, Matthias Platzeck, Gernot Erler sind dort erwähnt noch irgendein einziger Politiker der SPD. Ebenfalls wird kein Mensch der deutschen Wirtschaft geehrt.

Kein Name sagt mehr als tausend Worte.

 

Donnerstag, 28 Mai:

In Moskau unterzeichnet Präsident Putin aus irgend einem Grund ein Dekret, demzufolge der Tod von Soldaten bei „Spezialeinsätzen“ auch zu Friedenszeiten hinfort als Staatsgeheimnis gilt.

Bisher sollen in der Ukraine mindestens 200 russische Soldaten gefallen sein, nach dem von russischen Oppositionellen zwei Wochen zuvor vollendeten Bericht des ermordeten Nemzow.

 

Freitag, 29. Mai:

Ein Satz aus deutschen Nachrichten: „Bundesaußenminister Steinmeier hat die ukrainische Regierung zur vollständigen Einhaltung der Friedensvereinbarungen von Minsk aufgefordert.“

Als Voraussetzung für eine Lösung in der Ost-Ukraine bezeichnt er in Übereinstimmung mit seinem russischen Amtskollegen Lawrow, daß sich beide „Konflikt“-Parteien an einen Tisch setzten und dort auch blieben.

Hinsichtlich des Skandals in der FIFA bemerkt die slowakische Zeitung DENNIK: “Dennoch versucht der russische Präsident Wladimir Putin nun, den FIFA-Skandal auf einen Kampf zwischen Ost und West zu reduzieren.“

 

Samstag, 30. Mai:

Die russische KOMSOMOLSKAJA PRAWDA schreibt in Anlehnung an Äußerungen Putins im Bezug auf die Rolle der Amerikaner und Europäer im FIFA-Skandal: „Doch bereits am Donnerstag war klar, dass sie die Wiederwahl von Joseph Blatter nicht würden verhindern können. Blatter wird nun konsequent an der Entscheidung festhalten, die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland stattfinden zu lassen. Das war das eigentliche Ziel der Amerikaner: Indem sie die FIFA in einen vermeintlichen Korruptionsskandal stürzten, wollten sie die WM in Russland verhindern.“

Wie von deutschen Medien nicht gemeldet, tagte besetzt mit hochkarätigen Historikern aus aller Welt in Berlin eine „deutsch-ukrainische Historikerkonferenz“. Im Vorfeld der Konferenz hatten einige deutsche Historiker sich skeptisch gezeigt, weil man Rußland damit verärgern könnte. In seiner Eröffnungsrede meinte der renommierte Historiker Timothy Snyder: „Man kann geschichtliche Recherche in einer freien Welt nicht dem unterwerfen, was russische Politik zulässt oder nicht.“

 

Sonntag, 31. Mai:

Der Vorsitzende des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft, Cordes, kritisiert das Fehlen, also den Ausschluß Putins vom bevorstehenden G7-Treffen. Das wäre eine verpaßte Chance, ein solches Treffen könne einen Beitrag zur Krisenlösung leisten und Russland zu konstruktiven Schritten im Ukraine-“Konflikt“ bewegen…. Ebenso forderte der Vorsitzende des Deutsch-Russischen Forums, Platzeck die Rückkehr Putins in die Gipfelrunde.

 

Montag, 1. Juni:

Die britische Plattform Bellingcat berichtet, Moskau soll die Satellitenfotos zum Absturz der malaysischen Passagiermaschine über der Ostukraine gefälscht haben. Nachweislich seien sie am 16. Juli, also einen Tag vor dem Absturz, aufgenommen und mit späteren Aufnahmen manipuliert worden. Seinerzeit war das Material mit der dümmlich verräterischen ordinären russischen Promptheit als Beweis einer ukrainischen Verantwortung für den Abschuß, der 298 Menschen ihr Leben kostete, präsentiert worden.

Unterdessen weist der russische Außenminister Lawrow die europäische Kritik an den Einreiseverboten nach Rußland zurück, denn die Betroffenen hätten vor eineinhalb Jahren aktiv in der Ukraine(!) einen Staatsstreich unterstützt.

Eine Erörterung oder gar eine Replik dieser bemerkenswerten Begründung in deutschen Medien oder gar von deutschen Politikern findet nicht statt.

 

Dienstag, 2. Juni:

In den STUTTGARTER NACHRICHTEN setzt sich Frank-Walter Steinmeier für die Rückkehr Rußlands in die „Runde der größten Industriestaaten“ ein. Man brauche Moskau bei der Lösung der vielen Krisen und Konflikte auf der Welt.

Daniel Gros, der Leiter des Centre for European Policy Studies in Brüssel meint zu dem langjährig aufrechterhaltenen Traum, Russland als dauerhaften Partner bei der Lösung von globalen Herausforderungen an der Seite der G7-Staaten zu haben: „Das war immer nur eine Hoffnung. Eine Hoffnung, die vielleicht am Anfang berechtigt war. Es gibt natürlich immer viele Faktoren, die bei diesem Rückschlag mitspielen. Ein Element, was man vielleicht von vornherein miteinbeziehen hätte müssen, ist, dass Russland ja keine normale Volkswirtschaft hat, sondern seine Exporte fast zu 90 Prozent von Erdöl, Erdgas und anderen Rohstoffen abhängt. … Im Grunde ist es so, dass nach dem Ausscheiden Russlands man jetzt sozusagen wieder unter sich ist. Es war immer ein bisschen merkwürdig, Russland mit am Tisch zu haben, weil Russland nicht wirklich eine große Weltwirtschaft war. Es war immer schon auf Sand gebaut, das ökonomische Modell Russlands. Es war im Grunde eine klare politische Entscheidung. Man hatte gehofft, durch die Einbindung Russlands, dass dann auch es politisch damit würde beeinflussen können, um Russland das Gefühl zu geben, dass es in dieser Familie der westlichen großen Nationen sozusagen einen Platz findet. Und damit natürlich die Hoffnung verbunden, dass sich auch die russische Politik moderiert.“

Ebenso spricht Jan Techau, Direktor von Carnegie Europe, der Brüsseler Dependance des renommierten amerikanischen Thinktanks, von einem „geplatzten Traum“, mit dem sich die G7-Staats- und Regierungschefs jetzt auf Schloss Elmau auseinandersetzen müßten. Man habe wirklich gedacht, man könnte Russland nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch modernisieren. Dieser Traum sei auf mittlere und längere Sicht erst einmal ausgeträumt. (Quelle: Deutschlandfunk)

Mein Gott, Frank-Walter!

Rußland ist kein Partner!

Rußland ist Gegner!

Unerkannt – um so gefährlicher!

Serapion an Mephisto

Mene mene tekel u-parsin: Wenn es der Menschheit nicht gelingt, eine durchsetzungsfähige Institution zu schaffen, die für den einzelnen Staat das ist, was der Staat ist für den Einzelnen, wird mit einer zum Übermaß anwachsenden Wahrscheinlichkeit unsere Gattung zu Grunde gehen oder auf einsame Exemplare dezimiert werden. Bereits heute handelt es sich kaum mehr um eine Frage des Ob. Das Dilemma dabei ist, daß einzig ein sich ins monströse steigerndes Elend noch geeignet sein könnte, den erforderlichen Druck aufzubauen zur Schaffung jener Weltregierung, der sich souveräne Staaten unterwürfen. Wenn wir Menschen am eigenen Leibe keine handlungserzwingende Pein spüren, degenerieren wir. Not war und ist Voraussetzung unserer Entwicklung und Existenz und brachte und bringt gleichzeitig uns immer wieder in tödliche Gefahr. Mensch und Paradies schließen sich naturgegeben aus, der Krieg ist der Vater aller Dinge. Unser Planet steht nicht im Zentrum des Universums und ist darin erwiesenermaßen auch mitnichten ein bevorzugter Punkt. Kein Hahn oder Gott wird nach uns krähen, wenn wir aussterben im Kosmos wie irgendeine der Species auf unserer Kugel. Mit Sicherheit gibt es im All unzählige Lebensformen, von denen genügend es schaffen werden, nicht schon an denselben Problemen zu scheitern wie die hiesigen Herrentiere linnéscher Ordnung.

Serapion an Mephisto

 

Sitze ich an meinem Tische,

Sommers nach der Morgenfrische,

Hintenraus auf dem Balkon,

Blättre ich im Feuilleton.

 

Lese über Land und Leute,

Über Männer, über Bräute,

Und was sich zusammenbraut,

Und mein Kater, der miaut.

 

Unten spiel’n zwei Nachbarskinder,

Denken sich, sie wären Inder,

Wickeln Tücher um den Kopf,

Bei dem Mädchen stört der Zopf.

 

Immer greller geht das Leben,

Dies erfuhr ich gerade eben,

Als ich in die Zeitung schaute,

Wo die Bild mir anvertraute:

 

– In Australien eine Frau

Äußert nach der Abendschau,

Hingewandt zu ihrem Manne,

Daß sie ihn hinfort verbanne.

 

„Ja, das klotzt dir an die Nieren,

Kannst von mir aus auch krepieren!

Pack die Sachen und marschier,

Ick mach mein Geld auch ohne dir!“

 

Er springt hoch und ist ganz sauer,

Rennt um den Tisch, plump wie ein Bauer,

Sich aus dem Schrankfach zu armieren

Mit einem Messer zum Tranchieren!

 

Nun denkt man leicht, passiert das Übliche,

Das ewig weltenweit Betrübliche:

Nach Wetterkarte und Abendschau

Durchsticht der Mann die Ehefrau.

 

Zumal sie schreit: „Du bist zu feige!“

Worauf er brüllt: „Wenn ich’s dir zeige?“

Sie schreit: „Du bist der Schlappschwanz hier,

Ick mach mein Geld auch ohne dir!“

 

Er vis-à-vis am Küchentisch,

Das Messer weist er gegnerisch

Am Griff umklammert von seiner Linken,

Es glitzert und funkelt, sie sieht es blinken…

 

Mit einem Mal, ritschrip, ritschrap,

Sägt er sich seinen Finger ab,

Den kleinen Finger der rechten Hand,

Ambulant und hirnverbrannt!

 

Au wei, au wei, der Finger liegt frei

Herum auf dem Wachstuch, als wär’s einerlei!

Doch unverdrossen, mit blutigen Händen,

Läßt unser Held es nicht bewenden

 

Und läßt, die Frau kreischt hell und munter,

Mittels neun Fingern sein Beinkleid runter,

Entblößt sich selbst die Genitalien,

So ist es geschehen im fernen Australien!

 

Packt straff sich seinen Hodensack,

Ritschrip, ritschrap, als wär’s ein Klack,

Schneidet und schmeißt das Geschnittene nieder,

Blickt um sich wild wie ein Stupider

 

Und stönt ihr vor, o welch Kontrast:

„Was du jetzt angerichtet hast!“

Da lacht sie bloß: „Was willste du von mir?

Ick mach mein Geld auch ohne dir!“

 

Worauf er, trotz mangelndem Applause,

Gerät nun völlig aus dem Hause

Und säbelt sich, ritschrip, ritschrap,

Vor seiner Frau den Penis ab… –

 

Erst beim neunten Glockenschlage

Steig ich aus meinem Bettverschlage,

Eß ein kleines Festgelage,

Geh in meine Grünanlage,

Genieße voll die Wetterlage

An jedem blauen Sommertage.

 

Und zieh’n am Himmel böse Wolken,

Kann ich in der Nase polken

Nach Herzenslust – oder auch nicht,

Denn das ist ja keine Pflicht!

 

 

Im übrigen aber bin ich der Meinung, daß es Zeit wird, an Völkerwanderung zu denken und an den Untergang der römischen Zivilisation und die Vergeblichkeit jeglichen Limes.

Mephisto an Bellarmin

Jetzt will ich Dir mal ein paar Merksätze singen für Deine Sammlung! Jedoch diesmal ein paar Merksätze für Denker. Und zwar sogar welche für nachdenkliche Denker und für zur Vergeßlichkeit neigende Nachdenker. Sozusagen gewissermaßen quasi handelt es sich um ein ganzes Potpourri an Merksätzen aus unserem geeinten Europa. Kann man ja machen, das Sammeln nichtgeheimer Nachrichten steht ja nicht mehr unter Strafe. Also

Donnerstag, 15. Januar, MÄRKISCHE ODERZEITUNG:

Die Verträge rund um den Euro sind das Papier nicht wert, auf dem sie stehen.

Donnerstag, 5. Februar, FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG:

Der Traum der Radikalsozialisten ist: Die EZB zahlt über ihre Notfallliquiditätshilfe und die Ewigkeitsanleihen alles, die Rückzahlung an sich selbst und auch die Tilgung für harte Gläubiger aus der Wall Street. Das über die Notenpresse gezauberte Geld gibt man für Wahlgeschenke aus. So könnte in Athen das süße Leben auf Pump weitergehen – ohne Troika, ohne Reformprogramm und auf Kosten der Steuerzahler in Deutschland, Frankreich, Italien und anderen Euroländern. Die Finanzminister der Geberländer sind hoffentlich nicht so dumm, sich darauf einzulassen. Aber wird auch die EZB eine üble Staatsfinanzierung über die Notenpresse verweigern?

Freitag, 6. Februar, JYLLANDS-POSTEN:

Warum sollten die Steuerzahler in anderen Ländern griechische Wahlversprechen finanzieren – vor allem, wenn ihre schon geleistete Hilfe nur neue Forderungen nach sich zieht?

Sonntag, 8. Februar, Deutschlandfunk:

Trotz der zu erwartenden Mehrausgaben strebt Tsipras einen ausgeglichenen Haushalt an. … Tsipras äußerte die Erwartung, dass der aktuelle Schuldenstreit mit der Europäischen Union innerhalb von zwei Wochen beigelegt werden könne.

Montag, 9. Februar, Deutschlandfunk:

Tsipras warnte, falls seine Regierung scheitere, werde dies europafeindliche Kräfte und Rechtsextreme stärken. Er äußerte sich zuversichtlich, dass sich Griechenland rasch mit den europäischen Partnern einigen werde.

Dienstag, 10. Februar, Deutschlandfunk:

Bundesfinanzminister Schäuble hat die griechische Regierung zu klaren Aussagen über den weiteren Weg aus der Schuldenkrise aufgefordert. … Er gehe davon aus, dass der griechische Finanzminister Varoufakis der Eurogruppe morgen in Brüssel die verbindliche Haltung der neuen griechischen Regierung darlegen werde. … Er betonte, daran dass die Lage in Griechenland seit Jahren außergewöhnlich schwierig sei, sei niemand außerhalb Griechenlands schuld.

Dienstag, 10. Februar, FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG:

Tsipras und sein Linksbündnis haben Wahlgeschenke von rund 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts versprochen. Nun geht es darum, die nötigen Mittel dafür aufzutreiben. Aus seinem knappen Wahlsieg leitet der neue Ministerpräsident nicht nur ab, dass er die Legitimation erhalten habe, das versprochene Ausgabenprogramm zu verwirklichen, sondern auch, dass ihm andere das nötige Geld hierfür geben müssten.

Freitag, 13. Februar, Deutschlandfunk:

Die spanische Regierung hat einen Schuldenschnitt für Griechenland ausgeschlossen. Die Kredite von 26 Milliarden Euro, die Spanien Griechenland im Zuge des internationalen Hilfsplans gewährt habe, würden nicht erlassen, sagte Finanzminister de Guindos in Madrid. Die Summe entspreche etwa der jährlichen Arbeitslosenhilfe in Spanien, erklärte der Minister.

Montag, 16. Februar, Deutschlandfunk:

Das Treffen der Euro-Finanzminister zum Schuldenstreit mit Griechenland ist ohne Einigung zu Ende gegangen. … Die Eurogruppe will Griechenland nun bis Freitag Zeit für weitere Überlegungen geben. Athen könne die verbleibende Woche nutzen, aber mehr sei dann wohl nicht möglich, sagte Eurogruppen-Chef Dijsselbloem.

Mittwoch, 18. Februar, Deutschlandfunk:

Die internationalen Geldgeber und die Regierung in Athen haben sich darauf geeinigt, künftig nicht mehr von der Troika, sondern von den „Institutionen“ zu sprechen.

Freitag, 20. Februar, Deutschlandfunk:

Der Schuldenstreit zwischen Griechenland und den anderen Euro-Staaten ist beigelegt. Eurogruppenchef Dijsselbloem sagte nach einem weiteren Treffen der Finanzminister in Brüssel, das Hilfsprogramm für Griechenland werde um vier Monate verlängert. Während dieser Zeit solle über eine Nachfolge-Regelung verhandelt werden. Wie Dijsselbloem weiter ausführte, verpflichtet sich Athen im Gegenzug dazu, an den Reformen festzuhalten. Dazu soll das Land bis Montag eine Liste seiner geplanten Maßnahmen vorlegen. Diese wird dann von den europäischen Institutionen geprüft. … Bundesfinanzminister Schäuble sprach von einem guten Kompromiss. … Das aktuelle Hilfsprogramm läuft am 28. Februar aus. Ohne eine weitere finanzielle Unterstützung hätte Griechenland die Zahlungsunfähigkeit gedroht.

Sonntag, 22. Februar, Deutschlandfunk:

Die griechische Regierung hat offenbar eine vorläufige Reformliste vorgelegt. Wie griechische Medien berichten, ging das Schreiben an die EU-Kommission, die Europäische Zentralbank und den Internationalen Währungsfonds. Sie sollen die Vorschläge prüfen. Die endgültgige Reformliste soll morgen der Euro-Gruppe übermittelt werden. Griechenland könnte bis zu vier Monate mehr Zeit für die Umsetzung der Sparauflagen erhalten. Die Regierung muss aber eigene Vorschläge unterbreiten und darf dabei nicht Haushaltsziele gefährden.

Sonntag, 22. Februar, FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG:

Die halbstark auftretende Athener Regierung hat in den letzten Wochen mächtig provoziert – Schäuble und Merkel als Nazis schmähen lassen, die EU-Finanzpolitik als eine Art Holocaust dargestellt und die Verrechnung von Eurokrediten mit Weltkriegsschulden verlangt. … Der Brüsseler Kompromiss, der soundsovielhundertste in all den Jahren, ist wieder nur ein Zwischenschritt.

Donnerstag, 26. Februar, Deutschlandfunk:

Bei den Bundestagsabgeordneten zeichnet sich eine deutliche Mehrheit für die Verlängerung des griechischen Hilfsprogramms ab. Unionsfraktionschef Kauder erklärte in Berlin, zwar wollten 27 Parlamentarier von CDU und CSU nicht zustimmen, insgesamt gebe es aber eine überwältigende Zahl von Befürwortern. Dies habe eine Probeabstimmung ergeben. Auch die Sozialdemokraten wollen morgen im Bundestag grünes Licht geben. Die SPD-Fraktion ist geschlossen für den Antrag von Bundesfinanzminister Schäuble. Ja-Stimmen werden auch von den Abgeordneten der Partei Die Linke und den Grünen erwartet.

Freitag, 27. Februar, DIE WELT:

Wieder einmal werden viele Abgeordnete ihre Hand für einen Beschluss heben, den sie für Teufelszeug halten. Wer sich etwa auf die Liste der griechischen Reformzusagen beruft, vergisst hoffentlich nicht, darauf hinzuweisen, dass es sich hierbei lediglich um eine vage Ansammlung von Reformansätzen handelt. Ohne jede konkrete Zahl, ohne verbindliche Zusicherung, bis wann was passieren soll.

Freitag, 27. Februar, Deutschlandfunk:

Nach der Zustimmung des Bundestags zu einer Verlängerung des Hilfspakets für Griechenland hat Ministerpräsident Tsipras erneut einen Schuldenschnitt ins Gespräch gebracht. Mit den zusätzlichen vier Monaten sei die Brücke geschaffen worden, um einen Antrag auf Reduzierung des Staatsdefizits stellen zu können, sagte Tsipras in einer im Fernsehen übertragenen Rede vor seinem Kabinett. Zugleich bekräftigte er, ein erneutes, drittes Hilfsprogramm sei weiterhin kein Thema. Zum Ja des Bundestags erklärte Tsipras, das deutsche Parlament habe Europa ein Vertrauensvotum gegeben und Athen damit zugleich ein schwieriges Hindernis überwunden.

Freitag, 27. Februar, Deutschlandfunk:

Die Reformpläne der neuen griechischen Regierung sind nach den Worten von Finanzminister Varoufakis absichtlich unbestimmt formuliert. Sonst würden sie nicht die notwendige Zustimmung der Parlamente der Euroländer erhalten, sagte er heute früh im griechischen Fernsehen. Dies sei mit den übrigen Euro-Ländern so abgestimmt. Varoufakis bezeichnete dieses Vorgehen als – so wörtlich – produktive Undeutlichkeit.

Donnerstag, 15. Januar, MÄRKISCHE ODERZEITUNG:

Die Verträge rund um den Euro sind das Papier nicht wert, auf dem sie stehen.

Bliebe anzumerken: Die SPIEGEL-Korrespondentin Katrin Kuntz beobachtet in Griechenland die neue Regierung seit ihrem Amtsantritt. In der aktuellen Nummer ihrer Zeitschrift berichtet sie unter der Überschrift „Griechenland Akademiker, Dilettanten und Idealisten an der Macht – In 100 Tagen gegen die Wand“: “ Ich besuchte Ministerien, Abgeordnete und hörte mir Debatten im Parlament an. Ich akzeptierte, dass ein Minister mich als Deutsche erst beschimpfte, bevor er mit mir sprach. Ich ließ mich vom Regierungssprecher versetzen, der mir eine falsche Nummer gab, vermutlich ein Versehen. Die Presseabteilung des Premiers schickte mir bald Infos, per Google Mail: Syrische Flüchtlinge würden nun Papiere für die Weiterreise in den Norden erhalten. Die Abteilung des Staatsministers sendete Artikel, per Hotmail, die sich mit der Verdorbenheit des IWF beschäftigten. Ich traf den Vizeverteidigungsminister; er erzählte mir wundersame Dinge – er habe deutschsprachige Wehrpflichtige vom Dienst abgezogen, damit sie Dokumente aus dem Zweiten Weltkrieg übersetzten. Wegen der Reparationsforderungen.“

Ja, und dann noch dies:

„Ich ertappte mich dabei, wie ich einem Taxifahrer in Athen meine Herkunft verschwieg,  weil ich ihn nicht provozieren wollte. Ein anderer Taxifahrer wollte meine fünf Euro nicht annehmen, nachdem ich gesagt hatte, dass ich aus Deutschland komme.“

Bellarmin an Mephisto

Merksatz für Nichtdenker:

 

N I C H T

J E D E

U N G L E I C H B E H A N D L U N G

I S T

G L E I C H

E I N E

D I S K R I M I N I E R U N G

 

Text: REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER vom 30. April 2015.

Textgestaltung von mir.

Mephisto an Bellarmin

 

Das A und O im Zuchthaus Brandenburg bildete der Paketempfang. Gegenüber der Weltöffentlichkeit und den Menschenrechtsorganisationen konnten die deutschen demokratischen Diktatoren darauf verweisen: Aber gewiß ist es den Gefangenen im Strafvollzug gestattet, Pakete zu empfangen! Alle Vierteljahr ein Paket! Bis zu drei Kilo schwer! Bei allem Großmut, Ordnung muß sein…

In Brandenburg mußte ich öfter an den staatlich gelenkten „flammenden Protest“ der Propaganda-Solidaritätskampagnen für die schwarze US-amerikanische, black-panther-engagierte Angela Davis denken. Wie man sich Anfang der siebziger Jahre gebrüstet hatte, als die wegen Verschwörung und Beihilfe zu Entführung und Mord (unter anderem an einem Bezirksrichter) angeklagte und später von der „rassistischen Klassenjustiz“ freigesprochene Frau tausende Briefe und Päckchen und Pakete aus der DDR und den „sozialistischen Bruderstaaten“, also immerhin aus dem Ausland der USA, in ihrem „Kerker“ erhalten habe. Und sie habe sich gefreut über die Solidarität und bedankt. Und war dann 1973 zu den „Weltjugendfestspielen“ nach Ostberlin gereist.

Paketempfang im sozialistischen Strafvollzug nur von der genehmigten Adresse.

Und nur bei Normerfüllung.

Wie ich feststellte, schafften 60 bis 80 Prozent der Gefangenen die Norm nicht. Dies konnte ich bequem mittels Prozentrechnung ermitteln. Weil man sich bisweilen nicht entblödete, die Namen der Nichtnormerfüller anprangernd in Listen auf herumhängenden Wandzeitungen auszuhängen. Sie rechneten augenscheinlich nicht damit, daß sich jemand fände, der in Brandenburg die Künste der Addition und Division anwendete. (Die Analphabetenrate unter den ja meist mit dem Urteil „lebenslänsglich“ Gefangenen im Haus 1 betrug nach meiner Beobachtung etwa 25 Prozent.) Gewiß, nach Gesetzeslage hätte man mich deshalb leicht nach Paragraph 99 belangen und mir einen zwei bis zwölfjährigen „Nachschlag“ verpassen können: „wer der Geheimhaltung nicht unterliegende Nachrichten… übergibt… sammelt… zugänglich macht…“ Wenn man mir denn bei meiner staatsfeindlichen Mathematik auf die Schliche gekommen wäre.

Die Anzahl der verbleibenden 20 bis 40 Prozent setzte sich zusammen aus sogenannten Zeitlöhnern und den Normerfüllern. Die dauerhaften Normerfüller waren, so weit ich sehen konnte, liiert mit Zeitlöhnern oder einem anderen Gefangenen, oft in homosexuellen Liebschaftsbeziehungen: Zwei arbeiteten illegalerweise zusammen, um für einen die Norm erfüllen zu können. Zusammenarbeit war streng verboten. Manche mieteten sich auch einen Sklaven. Tatsächlich erlebte ich nur einen einzigen Gefangenen, der auf Dauer allein die Norm schaffte.

Es fehlte ständig an Material und Werkzeugen, was wegen des Normdrucks zu Schlägereien unter den Gefangenen und zu Auseinandersetzungen zwischen den mafiosen Gruppen führte, um eine rare Drahtsorte vielleicht für die handzuwickelnden Elektromotoren. Aus Angst, die Norm nicht zu schaffen.

Der ideale sozialistische Wettbewerb! Es war überhaupt nichts Außergewöhnliches, wenn zwei Gefangene, aufeinander einschlagend, sich über den Boden der Halle wälzten, sich würgten, sich mit einem Gummihammer oder einem der angeketteten Hocker den Schädel oder mit ihren Fäusten oder Knien die Genitalien zu malträtieren versuchten. Wir arbeiteten in zwei Schichten, und es war mehrmals passiert, daß Gefangene, also Schwerverbrecher der A-Schicht sachkundig den verschlossenen Werkzeugschrank der B-Schicht aufbrachen, um sich rarer Werkzeuge zu bemächtigen. Und umgekehrt. So etwas schaffte natürlich böses Blut unter Idioten.

Wer die Norm geleistet hatte, durfte ein Paket empfangen. Der gemeine Normerfüller ließ sich dann gewöhnlich Dinge schicken, welche er möglichst teuer weiterverkaufen konnte, also Intimdeodorante (Wert: 80 Knastmark pro Dose), Parfüme und ähnliche Nützlichkeiten. Denn mit diesen Erlösen ließ sich die vierteljährliche Mitarbeit für die nächste Normerfüllung, das heißt den nächsten Paketempfang finanzieren. Somit erhielt sich der Wirtschaftskreislauf im Haus 1 des Zuchthauses.

Von den übrigen, nicht wenige Gefangene im Haus 1 besaßen keinerlei Verbindungen mehr mit der Außenwelt, versuchten viele sich mit Kartenspielen oder Dienstleistungen oder Erpressungen über Wasser zu halten, um sich etwas Tabak oder Tee leisten zu können. Tabak gab es am Kiosk, Tee gab es während meiner ersten Brandenburger Monate dort nicht. Tee wurde in Paketen geschickt oder geschmuggelt, Tee gab es unter der Hand, Tee war ein Sucht-, Währungs- und Erpressungsmittel bei bestimmten Leuten. Es wurden extrem starke Portionen gebrüht, bestimmte Typen setzten sich damit in Rauschzustände.

Richtiges Geld“ durfte man als Gefangener im Zuchthaus Brandenburg natürlich nicht besitzen, es gab eine besondere Währung. Im Schnitt verdiente ich 14 bis 16 Knastmark im Monat. Damit kaufte ich für 12 Knastmark einem Schweißer seine Milch ab, damit der sich Tabak kaufen konnte. Den Schweißern gestand man nämlich das Milchtrinken zu. So hatte ich die ganze Zeit über täglich einen viertel Liter Milch!

In den Zeiten kurz vor den Lohnauszahlungen wurde das Leben gefährlicher. Dann besaßen sie kein Geld mehr, konnten nichts mehr rauchen und brühen, und das Klima wurde spürbar aggressiver. Wenn sie dann noch alles auf eine Karte setzten und im Spiel verloren oder Versuche des Schuldeneintreibens scheiterten, konnte manches passieren. Erst später ging man dazu über, den Teeverkauf über den Kiosk zu gestatten, um die Situation etwas zu entschärfen. Damit nichts außer Kontrolle geriete. Wahrscheinlich zum Bedauern der strippenziehenden Geheimpolizei, denn manche Gefangene taten viel für eine Brühung… Es war sehr interessant zu beobachten, mit welchen Mitteln und Mängeln man jenes Biotop im Haus 1 erhielt und aus dem Hintergrund steuerte und „stimulierte“, auf bewußt niedrigem Niveau. Wie man soziologisch in menschenverachtender Weise experimentierte. Es gab „Ausreiser“ in Haus 1, die ihren sogenannten Ausreiseantrag zurückzogen, um ein Paket empfangen zu dürfen.

Eigentlich war alles verboten. Die Gefangenen durften ja auch keine Tauchsieder besitzen. Doch jeder, und das war natürlich bekannt, trug einen selbstgebastelten bei sich, um Tee brühen zu können: Zwei abgebrochene Streichhölzer als Isolierung zwischen zwei Rasierklingen plus illegal beschaffter Draht für die Steckdose. Der sozialistische Strafvollzug im Zuchthaus Brandenburg war aber berechnenderweise derart gestaltet, daß jeder Gefangene etwas Verbotenes hatte oder machen mußte oder die Norm nicht erfüllen konnte. Irgend etwas. Damit war jeder per se schuldig und konnte nach Willkür gefilzt und einzelbehandelt werden. Bei vielen Menschen läßt sich mit jener Methode auch vom Gefühl her das Bewußtsein erzeugen, mit einem gewissen Recht einzelbehandelt zu werden. Haben sie doch tatsächlich gegen diese oder jene Vorschrift verstoßen. Und Schuld auf sich geladen. Der Mensch in diesem Biotop war immer schuldig, der strafende Staat hatte immer Recht, und es war lediglich durch Selbstaufgabe möglich, auf eine gnadenhalber gewährte Vergünstigung hoffen zu können. Obwohl man ja ein Hundsfott war, ein Verbrecher. So funktionierte das System des idealen Sozialismus.

Für mich als einzuarbeitender Neuzugang wurde die Norm erst allmählich heraufgeschraubt. So zählte ich anfänglich zu den privilegierten Normerfüllern. Mir wäre sogar einmal der „Rausschluß“ für den abendlichen Empfang einer Sendung des „Fernsehfunks der DDR“ gestattet worden! Wenn ich mich gemeldet hätte…

Gleichwohl, am Beginn war die Norm noch zu schaffen. Diesen Effekt auszunutzen empfahlen mir meine Mitgefangenen. Am Beginn könne ich mir demnach noch den vollen Verdienst erarbeiten für vielleicht unumgängliche Anfangsinvestitionen. Denn mit der Methode einer zeitweisen Erreichung des vollen Verdienstes während der Einarbeitung versuche man anstaltsseitig die Gefangenen zu „stimulieren“. Sie erläuterten mir tatsächlich: „Dann wird man dich stimulieren.“

Anregen, schneller zu arbeiten, weil die Wurst nach und nach höher gehängt würde…

Wie staunte ich, ausgerechnet dem Begriff des „Stimulierens“ im Zuchthaus Brandenburg völlig ernstgemeint zu begegnen. Als sogenannte ökonomische Hebel spielten „das Stimulieren“ und die „materielle Interessiertheit“ eine extraordinäre Rolle in der sozialistischen Wirtschaft. In der Ökonomie der Deutschen Demokratischen Republik, und das war mir immer äußerst bemerkenswert in mehrfacher Hinsicht, meinte „stimulieren“ das Andressieren eines primitiven pawlowschen Reflexes im Hinblick auf Prämiengelder und Lohn- oder Gehaltszuschläge. Also die Dressur, das Abrichten zu sozialistischer Geldgier bei sonstiger Bedürfnislosigkeit. „Subbotnik“ – der Begriff war von den deutschen demokratischen Preußen und Sachsen aus dem „Sowjetischen“ übernommen worden und stand für unbezahlte, „freiwillige“ Arbeitseinsätze am Samstag, also „Subbotnik“ einerseits, welches hieß Appell an freiwillige Hingabe für unentgeltliche Mehrarbeit, bei andrerseits gleichzeitig forcierter Stimulierung, welches hieß Appell an Geldvermehrungsinstinkte – das war mir stets als hervorragendes Beispiel für sozialistisches Zwiedenken erschienen. Der Zielkonflikt zwischen Abrichtung zu kommunistischer Askese und Hingabe „an die Sache“ bei gleichzeitiger „Erziehung“ zu „materieller Interessiertheit“ wurde von all diesen marxistisch-leninistischen „Gesellschaftswissenschaftlern“ mit der „einzig wissenschaftlichen Weltanschauung“, soweit ich bemerkte, nie wahrgenommen.

Im übrigen habe ich auch nichts gegen Pawlow. Auch die Sowjetmenschen hielten viel von Pawlow. („Russen“ durfte keiner sagen, es hatte „Sowjetmenschen“ zu heißen! Sonst kein Arbeiter- und Bauernkind und kein Abitur und kein Studium!) Die überlegene „sowjetische Wissenschaft“! Außerdem glaubte ich, Pawlow könne ja nichts dafür, daß den Kommunisten seine hochgelobten Forschungsergebnisse über den konditionierten und unkonditionierten Speichelreflex bei Hunden als die entscheidende wissenschaftliche Erkenntnis dienen sollte zur Abrichtung sozialistischer Zwangsarbeiter.

Um mich also zu stimulieren, durfte ich während meiner Haftzeit auch ein Paket empfangen. In Worten: Eins. Als es eintraf, schaffte ich die Norm bereits nicht mehr, und die Entgegennahme dieses von der Kontrolle zerfledderten Paketes brannte sich in mein Gedächtnis. Der sogenannte Erzieher weigerte sich anfänglich sogar rundweg, es mir auszuhändigen. Man werde es einbehalten, bis ich die Norm wieder leiste. Wenn nicht, werde es auf meine Kosten zurückgeschickt. Dann plötzlich baute er sich breitbeinig vor mir auf, musterte mich mit einem angewiderten Blick von oben bis unten und sprach langsam und akzentuiert: „Ich… werde… dafür… sorgen…, daß… Sie… nie… wieder… ein… Paket… empfangen… werden…!“

Ich habe im Zuchthaus auch nie wieder ein Paket empfangen dürfen.

Was war das für ein Gefühl! Das erste und letzte Paket auszupacken. Diese Dinge aus der unbegreiflich gewordenen Zivilisation. Aus einer versunkenen Welt. Gerade befand ich mich einen Moment allein in der Zelle, es war Donnerstag, Wäschewechsel. Tat das gut! Alles war so liebevoll, mir zur Freude und zugleich detailreich mit umsichtigem Bedacht zusammengestellt, zur optimalen Ausnutzung der drei Kilo. Ich saß davor, mir kamen die Tränen.

In der Zuchthauszelle in Brandenburg war keine Freude möglich. Alles wühlte auf, alles schmerzte. Ich fand eine Tafel Schokolade. Aus dem Westen. Französische Schokolade. In den Nächten erinnerte ich mich an ihr Aussehen. An den Kopf eines Elefanten mit seinem gebogenen Rüssel auf jedem Stück. Himmlisch, so ein Relief in der Schokolade zu sehen! Eine Schokolade aus Frankreich mit einem Elefanten der Elfenbeinküste!

In einer Zelle im Zuchthaus Brandenburg!

Kein Stück davon hat mir wirklich geschmeckt. Das lag nicht an der französischen Schokolade mit ihrem afrikanischen Kakao. Jedes Stück dieser duftenden, auch während deutscher demokratischer Freiheit nie gekosteten Schokolade, war mir vergällt mit jener Beklemmung dieses schmerzhaften Kontrastes. Allein der Raum, in dem ich die Elefantenschokolade erblickte. Schon das tat weh. Stilbruch tut weh! Im sozialistischen Strafvollzug war Trost unmöglich.

Eines Tages kam mein Freund Ralf mit einer streng geheimen Neuigkeit aus seiner Zelle in die Frühschicht. Nicht lange vor meinem Eintreffen im Zuchthaus Brandenburg, und das hatte er mir bereits erzählt, war ein Gefangener aus Haus 1 „auf Transport“ gegangen, der Roland. Roland war ein Künstler, ein Maler. Für den Fall, daß einer von den beiden „auf Transport“ ginge, hatten Ralf und er genaue Verabredungen und konspirative Kommunikationsgrundsätze miteinander abgestimmt. Und nun hatte Ralf definitiv Nachricht erhalten, über seine Mutter, daß Roland „drüben“ sei und es ihm gut gehe.

Derlei Verabredungen, insbesondere auch über ein verschlüsseltes Kommunikationssystem, waren sehr wichtig, denn sie konnten ernste Konsequenzen nach sich ziehen. Zum Beispiel für die Angehörigen, zum Beispiel für Ralfs Mutter, über die die Nachrichtenverbindung aufgebaut und betrieben wurde. Die Angehörigen machten sich nach dem deutschen demokratischen Unrecht strafbar. „Wer Nachrichten und Verbindungen, die geeignet sind, den Interessen… zu schaden“ und so weiter, verbreitet oder weiterleitet, und noch dazu ins westdeutsche revanchistische NATO-Ausland! Nachrichten über nicht vorhandene politische Gefangene in nicht vorhandenen Zuchthäusern!

Hinzu kam erschwerend, mit den Angehörigen konnte zuvor nichts vereinbart werden, schriftlich sowieso nichts, und mündlich stand während der Besuchszeit in Brandenburg ein Mikrofon in der Tischmitte. Und ich beispielsweise wurde immer derartig plaziert, daß sich rechts neben mir eine für mich undurchsichtige Glaswand befand. Da muß man sich gut verstehen während des Kommunizierens. Um möglichst nichts zu verschlimmern und Verbindungen nicht vollständig zu unterbrechen.

Selbstverständlich war es auch ratsam zu verabreden, ob der freigekommene Gefangene über den zurückgebliebenen im Westen etwas vermelden solle, sei es bei amnesty international in London, bei der IGFM, der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte in Frankfurt am Main oder vielleicht im Zweiten Deutschen Fernsehen oder in der Presse oder bei Franz Josef Strauß in Bayern oder bei Oscar Lafontaine, dem ausländischen saarländischen Landsmann des derzeitigen deutschen demokratischen Diktators aus dem Saarland, oder bei Wolfgang Schäuble im Bonner Bundeskanzleramt. Oder lieber nicht. Denn das konnte immense Konsequenzen nach sich ziehen, sowohl für den Inhaftierten als auch für seine um ihn zitternden Angehörigen. Im Guten, natürlich, aber, vielleicht sogar häufiger, im Bösen.

Das Verbindungssystem zwischen Ralf und Roland über Ralfs Mutter funktionierte augenscheinlich. Das tat schon mal so gut wie das Wissen um das erfolgreiche Aufsetzen einer Marsfähre. Weitergehend hatten die beiden verabredet, daß Roland der Mutter Ralfs ein Paket übermittle, in welchem sich neben dem präzise definierten Inhalt auch ein Glas mit Honig befände. Von der Mutter umzupacken für Ralf im Zuchthaus Brandenburg. Als Ralf nun die Nachricht von der Ankunft des Honigglases bei seiner Mutter erhielt, erklärte er mir: „Jetzt mach ich die Norm!“

Und dann schuftete Ralf wie ein Alexei Stachanow in der ruhmredigen Sowjetpropaganda und sein „spontan“ nacheifernder ostdeutscher Normbrecher Adolf Hennecke, und machte die mörderische Norm. Nur eben nicht gerade mit russischer, also wie üblich schwachsinnig gigantoman 1300 prozentiger oder ostzonal-lumpiger 387 prozentiger Übererfüllung. Und Normerfüllung auch nur punktgenau bis seine Mutter ihm das umgepackte Dreikilowestpaket ins Zuchthaus expedieren durfte. Dort traf es ein, und das Paket lief unbeanstandet durch jegliche Kontrolle! Und schließlich konnte Ralf endlich die süßen, wohldefinierten Halbleiterbauelemente für den illegalen Radiobau im Haus 1 des Zuchthauses aus dem Honig fischen… Das hatten Ralf und Roland sich bestens ausbaldowert, und es hatte geklappt. Am Folgetag stellte Ralf die Stachanow- und Aktivistenbewegung also ein und verabschiedete sich wieder vom Akkord.

Zwei, drei Wochen später, als wir nach Beendigung der Frühschicht eben aus der Halle treten, werden Ralf und ich gezielt aus der Reihe der Häftlinge abgefangen und beiseite beordert. Wir haben uns an die Wand zu stellen und werden erst einmal gefilzt. Zum Glück nur oberflächlich. Schließlich werden wir von Wachmännern zwei Stockwerke aufwärts geführt und in einen größeren Raum geschlossen. Darin warten bereits etwa zehn Gefangene, die dasselbe Geschick ereilt hatte. Unter ihnen befindet sich auch der großgewachsene Schwarze Peter, ein gutmütiger Totschläger aus meiner ersten Zuchthauszelle in Brandenburg. Er schuftete als heimlicher Sklave für die Normerfüllung eines Gefangenen aus meiner derzeitigen Zelle, einen ehemaligen Parteisekretär, also für einen ehemaligen Sekretär der Sozialistischen Einheitspartei Ostdeutschlands. Zumindest diesem geistig-kulturellen Niveau schien der Parteisekretär jedoch irgendwann entwachsen zu sein, denn er war infolge seines enthemmten merkantilen Gebarens und Bereicherungsstrebens von seinen Genossen fallen gelassen worden. Man hatte ihn zu acht Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Er sollte zum Beispiel einen Schmugglerring aufgebaut haben. Mit Leuten, welche ihm die im Osten begehrten und dortselbst damals unerhältlichen Digitalarmbanduhren aus dem Westen einschmuggelten. Die der Parteisekretär dann zu horrenden Preisen weiterverkauft hatte oder hatte weiterverkaufen lassen. Er muß es aber toll getrieben haben und in extreme Ungnade gefallen sein bei seinen das staatliche Monopol unterlaufenden Devisengeschäften. Ihm war im Zuchthaus noch nicht einmal ein Zeitarbeiterposten beschafft worden, völlig entgegen den Gepflogenheiten, wie ich es sonst bei harmlosen „Wirtschaftsverbrechern“ beobachten konnte. Gnadenlos, wie die Politischen, mußte der Exgenosse nun im Akkord schuften. Augenscheinlich gedachten sie, ihn ganz schön fertig zu machen zur Abrichtung für künftige Aufgaben. Denn wie sollte ausgerechnet der im Wohlleben Verwöhnte den Akkord durchhalten?

Der Exparteisekretär strampelte heftig, um dem ihm zugemessenen Geschick zu entrinnen. Da die Norm nicht zu schaffen war, hatte er natürlich im Hintergrund seine Strippen gezogen. So ließ er heimlich den Schwarzen Peter die fehlenden Maschinen für ihn wickeln. Irgendwie mußte es ihm gelungen sein, noch rechtzeitig vor seiner Verurteilung und selbst an den Augen der gewiß nicht zimperlichen sozialistischen Gerichtsbarkeit vorbei, genügend Aluminiumgeld beiseite zu schaffen. Denn er ließ draußen der Familie des Schwarzen Peters monatlich 800 DDR-Mark auszahlen als Miete für seinen Arbeitssklaven. Und damit galt der fleckgesichtige Exparteisekretär als Normerfüller.

In der geräumigen Zelle, in die man Ralf und mich geschlossen hatte, wiederholte der Schwarze Peter nun ein ums andere Mal empört die Frage, was das solle. Was man wohl mit uns vorhätte, und er wurde nicht müde, das vorerst nicht Klärbare in einer Gruppe der Gefangenen ergebnislos zu erörtern. Schließlich ließen sich Schuh- und Stiefelgetrappel vernehmen, man schloß auf und herein strömten etliche Wachmänner, „Erzieher“ und? Und die „Kuhlmannsche“, wie Nana, der Boß unter den sieben schwulen Mitgefangenen meiner ersten Zuchhauszelle, den Chef des Hauses 1 bezeichnete. Böse funkelnden Blickes bauten sie sich vor uns auf.

Nur die „Kuhlmannsche“ setzte sich schnell hinter einen quadratischen Tisch. Denn der Mann konnte sogar im Sitzen brüllen. Es ging das Gerücht, daß er mißliebige Gefangene mit einem schweren Schlüsselbund schlüge.

Die Atmosphäre hatte jedenfalls etwas von einem Standgericht. Der Herbergsvater verlas Namen. Die Aufgerufenen leisteten die Norm nicht. Das sei Arbeitsverweigerung. Das sei asoziales Verhalten. „Auf Kosten unserer Werktätigen!“ Sowas werde nicht geduldet in unserem Staat! Wenn wir für unseren Lebensunterhalt nicht aufkämen, werde das für jeden einzelnen ernste Konsequenzen nach sich ziehen.

Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!“

Dann wurde einzeln jeder namentlich aufgerufen und minutenlang angebrüllt. Das ließ ich stoisch über mich ergehen. Jede seiner dümmlich-rhetorischen Fragen ließ ich unbeantwortet. Das war kein Problem. „Die Kuhlmannsche“ hörte sich gern selber brüllen. Er schimpfte, daß ich lieber in der Halle säße und „Brühungen“ tränke, anstatt zu arbeiten. Und da hatte „die Kuhlmannsche“ Recht! Mein Lotterleben werde er mir aber austreiben! „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!“ Das ließ mich kalt. Ich erhielt sowieso nur noch die „Nichtarbeiterverpflegung“, also einen reduzierten Essenssatz. Schade, daß mir ein Paket ausgehändigt worden sei. Das werde nicht noch einmal passieren! Im übrigen, ich werde verklagt werden! Ich sei verpflichtet zu arbeiten, sonst falle ich unter den Paragraphen für asoziale Schmarotzer. „Das gibt dann einen schönen Nachschlag! Solange bis die Norm erfüllt wird! So schnell kommen Sie hier nicht wieder raus! Wolln doch mal sehn, wer am längeren Hebel sitzt!“

Als die Reihe an den Schwarzen Peter kam, löckte der empört wider den Stachel. Er war sichtlich gekränkt. Das sei ungerecht, er arbeite die ganze Schicht über pausenlos und habe sich auch zu jeder Sonderschicht gemeldet. „Ja melden, melden, melden, das kann sich jeder! Du mußt nicht faul rumhängen, du mußt arbeiten! Weißt du überhaupt, was arbeiten ist? Du mußt die Norm erfüllen! Warum machst du die Norm nicht, wenn du angeblich arbeitest? Wir werden dir das Arbeiten hier schon noch beibringen! Bei deiner Faulheit wirst du nie ein Paket kriegen!“

Den Paketempfang erwähnte er bei jedem, und ich konnte den meisten ansehen, daß dies sein stärkstes Argument war. Wie sie sich trotz des hervorgekehrten Desinteresses doch beeindrucken ließen von der Aussicht, über Jahre vielleicht von jedem Paketempfang ausgeschlossen zu werden. „Die Kuhlmannsche“ wußte genau, da hingen ganze Existenzen dran.

Dann, zum Schluß, wahrscheinlich war es als Höhepunkt geplant, zum Schluß kam die Reihe an meinen Freund Ralf.

Und der Plan wurde erfüllt.

Sie sind ja nun das Letzte! Sie können nicht abstreiten, daß Sie vorsätzlich die Arbeit verweigern! Sie haben bewiesen, daß Sie die Norm erfüllen können! Und einen Tag, nachdem er das Paket gekriegt hat, leistet der Kerl die Norm nicht mehr! Das ist ja nun der Gipfel an Verlogenheit! Damit haben wir Sie überführt! Sie betrügen vorsätzlich unseren Staat! Das werden Sie büßen! Erst einmal: Nie wieder, dafür werde ich sorgen, das garantiere ich Ihnen persönlich, da hänge ich mich rein, nie wieder wird man sich darauf einlassen, Ihnen ein Paket auszuhändigen! Das haben Sie sich verwirkt für den Rest Ihrer Haftzeit! Und die wird lange dauern!“

In einem Moment der Stille des Wartens auf die Wirkung, wenigstens auf eine kleine Reaktion, hörte ich den Ralf sagen mit einer vollkommen ruhigen, deutlich vernehmbaren Stimme: „Ich will kein Paket mehr!“

Plötzlich wurde aus dem kurzen Moment der Stille ein langer.

Das gab es nicht! Das hatte es noch nie gegeben!

Ein Gedanke, den sie alle, sowohl die Gefangenen als auch ihre Bewacher, ich sah es deutlich in dem Augenblick, noch nie gefaßt hatten zwischen ihren Gehirnschalen: Im Zuchthaus kein Paket empfangen zu wollen!

Durfte man das?

Die große Vergünstigung ablehnen? Auf der das ganze pawlowsche System des Sozialismus beruhte? Die ganze Deutsche Demokratische Republik in Frage stellen? Das als erstrebenswert Vorgegebene, die sozialistische Stimulanz, die Wurst an der hochgezogenen Angel? Die Etagenwohnung mit Innen-WC, die schöne Schrankwand ohne dreijährige Wartezeit, die Westreise, den GENEX-Wartburg ohne zwölfjährige Wartezeit, die Teilnahme am Pfingsttreffen der FDJ, den Urlaubsplatz bei Jugendtourist, den importierten VW Golf, den Kollektivausflug in den Palast der Republik, die Jahresendprämie, den Titelkampf, das Banner der sozialistischen Arbeit, die Fliesen fürs Bad, das goldene Schießabzeichen?

Und dann sagt der Kerl, er will das nicht?

Und pfeifft auf all das Schöne und Gute im Sozialismus?

Der „Kuhlmannschen“ entfuhr es bebend: „Sie! Sie! Sie! Was ist drei mal sieben?“

Arrest“, antwortete Ralf vollkommen überlegen.

Die „Kuhlmannsche“ brüllte: „Ich hab Sie nicht nach Arrest gefragt, ich habe Sie gefragt, was dreimal sieben ist!“

Ralf schwieg.

Einundundzwanzig Tage! Sie gehn für einundzwanzig Tage in den Arrest!“

Er erhob sich und brüllte nun im Stehen weiter:

Und wenn Sie dann immer noch nicht die Norm machen, kommen Sie wieder in Arrest! Noch mal einundzwanzig Tage! Solange in Arrest bis Sie die Norm erfüllen! Das schwör ich Ihnen!“

Einstweilen wurden wir jedoch erst einmal heruntergeschlossen in den Essensaal, denn es erwiesen sich sämtliche Arrestzellen als belegt. Die Essenpause für unsere Schicht muß gerade beendet gewesen sein, denn in dem Saal lungerten nur noch wenige Gefangene herum und harrten ihrer Wegschließung. Deswegen auch keine Schlange mehr an dem Kiosk, und so konnten Ralf und ich uns nähern und sehen, daß man ungewohntermaßen ein paar Stück Streuselkuchen anbot. Für eine Mark ein kleines und für zwei Mark ein größeres, ein normales Stück.

Streuselkuchen!

Das war sensationell, solch eine Vergünstigung für uns Verbrecher. Es handelte es sich gewissermaßen um ein humanitäres Sonderangebot.

Ich erblickte ein schmächtiges altes Männlein, welches sich vor den Streuselkuchen herumdrückte. An seinem hervorstehenden Adamsapfel konnte man leicht ablesen, wie es immer aufs neue schluckte. Vor einiger Zeit hatte ich erfahren, bei dieser traurig auf den Kuchen starrenden Gestalt sollte es sich um einen so genannten KVauer handeln. Um einen wegen Kriegsverbrechen abgeurteilten nationalsozialistischen Staatsanwalt. Ein Kriegsverbrecher, von denen mir in Brandenburg schon einige begegnet waren. Der Mann hier stand bereits in einem Alter, daß man ihm, wie den anderen Alten in diesem Zuchthaus, ein Gnadenbrot zubilligte: Der Mann brauchte nicht mehr zu arbeiten, kriegte aber bis an das Ende seiner Tage fünf Knastmark im Monat.

Nun stand der Alte einem Stück Streuselkuchen gegenüber und schluckte. Und da geschah es völlig übergangslos: Der eben zusammengeschriene und arrestbedrohte Ralf kommt dort an, sieht den Kerl, und ohne auch nur im geringsten zu zögern und zu zucken, hangelt Ralf seinen Brandenburger Brustbeutel mit dem Knastgeld heraus, drückt dem verdutzten Nazi-Staatsanwalt zwei Scheine in die Hand, und ich höre ihn sagen: „Da, kauf dir den Kuchen!“

Die Sozialisten hatten uns mit alten und jungen Nationalsozialisten auf engstem Raum zusammengesperrt. Mir war damals unbekannt, daß der Nazi-Staatsanwalt Oberstkriegsgerichtsrat Roeder, der vierzig Jahre zuvor voller scharfen Eifers meinen Vater und viele schöne Menschen hatte aburteilen lassen, davon Dutzende für Nichtigkeiten zum Tode, so wie die erst 22 jährige katholische Studentin Eva-Maria Buch wegen des Verfassens eines Flugblatts für französische „Fremdarbeiter“, daß dieser extra wegen seines unnachgiebigen Ehrgeizes als Ankläger berufene Dr. Roeder nach dem Krieg in Westdeutschland hochgeehrt und im Taunus zum Bürgermeister eines Städtchens gewählt worden und später friedlich, nach dem Verzehr einer ordentlichen Pension, in seinem Bett verstorben war. Ohne jemals ernsthaft belangt worden zu sein. Damals wußte ich das nicht und kannte keinen Namen, und so hatte ich mir schon manches Mal beim Ansichtigwerden jenes im Brandenburger Zuchthaus einsitzenden Staatsanwaltes gesagt: Das ist er vielleicht, der könnte deinen Vater gequält haben!

Was ich eigentlich sagen wollte: Ich bin dagegen, daß man alte Leute einsperrt. Irgendwann ist es zu spät.

Serapion an Mephisto

Apropos Lyrik. Sicher habe ich zehntausende Gedichte gelesen. Darunter einige sehr gute. Ich setze Dir unverfroren zwei davon hierher und sage: Das sind die beiden wichtigsten Gedichte deutscher Zunge. Dabei handelt es sich, wie sollte es anders sein, um zwei Blues. Um zwei deutsche Blues, in Sonettform also. Das mag sich, in mehrfacher Hinsicht gleich, anachronistisch und unsachlich und dreist subjektivistisch anhören. Aber selbst wenn neunundneunzig gesottene Germanisten aufschrien und alles für lächerlich und mich für verrückt erklärten, ich toleriere gern ihren mangelnden Durchblick und bleibe dabei. Obwohl ich gewöhnlich kein Rigorist und heute sogar frühlingshaft milde gestimmt bin. Forsythien betupfen Welt und Umwelt, Amseln trällern, Sperlinge tschilpen, Täubchen turteln…

Entstanden sind beide Sonette im selben Jahrzehnt, und, so ein Zufall aber auch, in Zeiten wahrlich entsetzlichster Pein, in monströsester Ungestalt von Krieg, Pest und Tod. Wenn Baudelaire behauptet, Not sei die Mutter der Intelligenz, möchte man infolge der zeitlichen Kristallisationsnähe gleich zweier derart bedeutsamer Gedichte den Spruch auch abwandeln in: Not ist die Mutter der tiefsten Einsicht. Denn die kommt wahrlich nicht aus sattem Gemüt. („Schlaff ist, was in trägem Behagen gemästet worden ist, und nicht bei Anstrengung allein, sondern bei Bewegung und einfach durch das Gewicht seiner selbst versagt es.“ – Seneca)

Bei allem Glanze des üppigen Elends unserer Hemisphäre sei Einsicht uns besonders wichtig.

Beide Gedichte korrespondieren, und nur aus diesem Grund definiere ich sie umgekehrt zu den Zeitpunkten ihrer Entstehung als erstes und zweites.

Das erste Gedicht der zwei wichtigsten Gedichte, die ich Dir also ans Herz lege, ist später vom Autor noch einmal überarbeitet worden. Ich will Dir hier dennoch die ursprüngliche Fassung geben. Nun denn… Andreas Gryphius (1616 – 1664):

 

 

Vanitas; Vanitatum; et Omnia Vanitas

Es ist alles ganz eytel. Eccl. 1. V. 2.

 

Ich seh‘ wohin ich seh / nur Eitelkeit auff Erden /

Was dieser heute bawt / reist jener morgen ein /

Wo jtzt die Städte stehn so herrlich / hoch vnd fein /

Da wird in kurzem gehn ein Hirt mit seinen Herden:

Was jtzt so prächtig blüht / wird bald zutretten werden:

Der jtzt so pocht und trotzt / läst vbrig Asch und Bein

Nichts ist / daß auff der Welt könt vnvergänglich seyn /

Jtzt scheint des Glückes Sonn / bald donnerts mit beschwerden.

Der Thaten Herrligkeit muß wie ein Traum vergehn:

Solt denn die Wasserblaß / der leichte Mensch bestehn

Ach! was ist alles diß / was wir vor köstlich achten!

Alß schlechte Nichtigkeit? als hew / staub / asch vnnd wind?

Als eine Wiesenblum / die man nicht widerfind.

Noch wil / was ewig ist / kein einig Mensch betrachten!

 

Nun gibt es Menschen, zu denen auch ich mich addiere, die tatsächlich, wieder im Gegensatz zur gängigen germanistischen Lesart, jene erste Fassung für stärker halten als die spätere. Germanisten sind ja Wesen, die selbst Goethes Novelle für vortrefflich erachten und nun schon zwei Jahrhunderte selbige Ansicht mit seminaristischem Fleiß einer vom anderen abschreiben. Denn der Kunstgreis persönlich habe jenes Urteil gefällt, vor Eckermann, und, sich bescheiden räuspernd, über die leb- und namenlose Konstruktion bedeutungsvoll hinzugefügt: „Wir wollen sie Novelle nennen…“

Apropos alles sei eitel, dennoch will ich die Nachkriegsfassung des Sonetts über unsere Wesenhaftigkeit nicht im mindesten angreifen. Verfügt sie doch ebenfalls über derartige Stärken und geht mir dermaßen unter die Haut, daß ich mich nicht vermittels Entscheidung von ihr zu trennen vermag und sie Dir vorzuenthalten nicht die geringste Veranlassung sehe. Auch soll doppelt ja besser halten…

 

 

Es ist alles Eitel

 

Du sihst / wohin du sihst nur Eitelkeit auff Erden.

Was dieser heute baut / reist jener morgen ein:

Wo itzund Städte stehn / wird eine Wisen seyn /

Auff der ein Schäfers-Kind wird spilen mit den Herden:

Was itzund prächtig blüht / sol bald zutretten werden.

Was itzt so pocht und trotzt ist Morgen Asch und Bein /

Nichts ist / das ewig sey / kein Ertz / kein Marmorstein.

Itzt lacht das Glück uns an / bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Thaten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.

Soll denn das Spil der Zeit / der leichte Mensch bestehn?

Ach! was ist alles diß / was wir vor köstlich achten /

Als schlechte Nichtikeit / als Schatten / Staub und Wind;

Als eine Wiesen-Blum / die man nicht wider find’t.

Noch wil was Ewig ist kein einig Mensch betrachten!

 

Und nun das ebenfalls im Dreißigjährigen Kriege, aber noch vor dem gryphiusschen entstandene Gedicht! Paul Fleming (1609 – 1640) hat es geschrieben:

 

 

An Sich

 

SEY dennoch unverzagt. Gieb dennoch unverlohren.

Weich keinem Glücke nicht. Steh‘ höher als der Neid.

Vergnüge dich an dir / und acht es für kein Leid /

hat sich gleich wieder dich Glück‘ / Ort / und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt / halt alles für erkohren.

Nim dein Verhängnüß an. Laß‘ alles unbereut.

Thu / was gethan muß seyn / und eh man dirs gebeut.

Was du noch hoffen kanst / das wird noch stets gebohren.

Was klagt / was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke

ist ihm ein ieder selbst. Schau alle Sachen an.

Diß alles ist in dir / laß deinen eiteln Wahn /

und eh du förder gehst / so geh‘ in dich zu rücke.

Wer sein selbst Meister ist / und sich beherrschen kann /

dem ist die weite Welt und alles unterthan.

 

Bellarmin an Mephisto

 

 

Sprich auch du,

sprich als letzter,

sag deinen Spruch.

.

Sprich –

Doch scheide das Nein nicht vom Ja.

Gib deinem Spruch auch den Sinn:

gib ihm den Schatten.

.

Gib ihm Schatten genug,

gib ihm so viel,

als du um dich verteilt weißt zwischen

Mittnacht und Mittag und Mittnacht.

.

Blicke umher:

sieh, wie‘ s lebendig wird rings –

Beim Tode! Lebendig!

Wahr spricht, wer Schatten spricht.

.

Nun aber schrumpft der Ort, wo du stehst:

Wohin jetzt, Schattenentblößter, wohin?

Steige. Taste empor.

.

Dünner wirst du, unkenntlicher, feiner!

Feiner: ein Faden,

an dem er herabwill, der Stern:

vom unten zu schwimmen, unten,

wo er sich schimmern sieht: in der Dünung

wandernder Worte.

 

Paul Celan (1920 – 1970)