A N A B A S I S

Thalatta ! Thalatta !

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Serapion an Mephisto

Apropos Lyrik. Sicher habe ich zehntausende Gedichte gelesen. Darunter einige sehr gute. Ich setze Dir unverfroren zwei davon hierher und sage: Das sind die beiden wichtigsten Gedichte deutscher Zunge. Dabei handelt es sich, wie sollte es anders sein, um zwei Blues. Um zwei deutsche Blues, in Sonettform also. Das mag sich, in mehrfacher Hinsicht gleich, anachronistisch und unsachlich und dreist subjektivistisch anhören. Aber selbst wenn neunundneunzig gesottene Germanisten aufschrien und alles für lächerlich und mich für verrückt erklärten, ich toleriere gern ihren mangelnden Durchblick und bleibe dabei. Obwohl ich gewöhnlich kein Rigorist und heute sogar frühlingshaft milde gestimmt bin. Forsythien betupfen Welt und Umwelt, Amseln trällern, Sperlinge tschilpen, Täubchen turteln…

Entstanden sind beide Sonette im selben Jahrzehnt, und, so ein Zufall aber auch, in Zeiten wahrlich entsetzlichster Pein, in monströsester Ungestalt von Krieg, Pest und Tod. Wenn Baudelaire behauptet, Not sei die Mutter der Intelligenz, möchte man infolge der zeitlichen Kristallisationsnähe gleich zweier derart bedeutsamer Gedichte den Spruch auch abwandeln in: Not ist die Mutter der tiefsten Einsicht. Denn die kommt wahrlich nicht aus sattem Gemüt. („Schlaff ist, was in trägem Behagen gemästet worden ist, und nicht bei Anstrengung allein, sondern bei Bewegung und einfach durch das Gewicht seiner selbst versagt es.“ – Seneca)

Bei allem Glanze des üppigen Elends unserer Hemisphäre sei Einsicht uns besonders wichtig.

Beide Gedichte korrespondieren, und nur aus diesem Grund definiere ich sie umgekehrt zu den Zeitpunkten ihrer Entstehung als erstes und zweites.

Das erste Gedicht der zwei wichtigsten Gedichte, die ich Dir also ans Herz lege, ist später vom Autor noch einmal überarbeitet worden. Ich will Dir hier dennoch die ursprüngliche Fassung geben. Nun denn… Andreas Gryphius (1616 – 1664):

 

 

Vanitas; Vanitatum; et Omnia Vanitas

Es ist alles ganz eytel. Eccl. 1. V. 2.

 

Ich seh‘ wohin ich seh / nur Eitelkeit auff Erden /

Was dieser heute bawt / reist jener morgen ein /

Wo jtzt die Städte stehn so herrlich / hoch vnd fein /

Da wird in kurzem gehn ein Hirt mit seinen Herden:

Was jtzt so prächtig blüht / wird bald zutretten werden:

Der jtzt so pocht und trotzt / läst vbrig Asch und Bein

Nichts ist / daß auff der Welt könt vnvergänglich seyn /

Jtzt scheint des Glückes Sonn / bald donnerts mit beschwerden.

Der Thaten Herrligkeit muß wie ein Traum vergehn:

Solt denn die Wasserblaß / der leichte Mensch bestehn

Ach! was ist alles diß / was wir vor köstlich achten!

Alß schlechte Nichtigkeit? als hew / staub / asch vnnd wind?

Als eine Wiesenblum / die man nicht widerfind.

Noch wil / was ewig ist / kein einig Mensch betrachten!

 

Nun gibt es Menschen, zu denen auch ich mich addiere, die tatsächlich, wieder im Gegensatz zur gängigen germanistischen Lesart, jene erste Fassung für stärker halten als die spätere. Germanisten sind ja Wesen, die selbst Goethes Novelle für vortrefflich erachten und nun schon zwei Jahrhunderte selbige Ansicht mit seminaristischem Fleiß einer vom anderen abschreiben. Denn der Kunstgreis persönlich habe jenes Urteil gefällt, vor Eckermann, und, sich bescheiden räuspernd, über die leb- und namenlose Konstruktion bedeutungsvoll hinzugefügt: „Wir wollen sie Novelle nennen…“

Apropos alles sei eitel, dennoch will ich die Nachkriegsfassung des Sonetts über unsere Wesenhaftigkeit nicht im mindesten angreifen. Verfügt sie doch ebenfalls über derartige Stärken und geht mir dermaßen unter die Haut, daß ich mich nicht vermittels Entscheidung von ihr zu trennen vermag und sie Dir vorzuenthalten nicht die geringste Veranlassung sehe. Auch soll doppelt ja besser halten…

 

 

Es ist alles Eitel

 

Du sihst / wohin du sihst nur Eitelkeit auff Erden.

Was dieser heute baut / reist jener morgen ein:

Wo itzund Städte stehn / wird eine Wisen seyn /

Auff der ein Schäfers-Kind wird spilen mit den Herden:

Was itzund prächtig blüht / sol bald zutretten werden.

Was itzt so pocht und trotzt ist Morgen Asch und Bein /

Nichts ist / das ewig sey / kein Ertz / kein Marmorstein.

Itzt lacht das Glück uns an / bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Thaten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.

Soll denn das Spil der Zeit / der leichte Mensch bestehn?

Ach! was ist alles diß / was wir vor köstlich achten /

Als schlechte Nichtikeit / als Schatten / Staub und Wind;

Als eine Wiesen-Blum / die man nicht wider find’t.

Noch wil was Ewig ist kein einig Mensch betrachten!

 

Und nun das ebenfalls im Dreißigjährigen Kriege, aber noch vor dem gryphiusschen entstandene Gedicht! Paul Fleming (1609 – 1640) hat es geschrieben:

 

 

An Sich

 

SEY dennoch unverzagt. Gieb dennoch unverlohren.

Weich keinem Glücke nicht. Steh‘ höher als der Neid.

Vergnüge dich an dir / und acht es für kein Leid /

hat sich gleich wieder dich Glück‘ / Ort / und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt / halt alles für erkohren.

Nim dein Verhängnüß an. Laß‘ alles unbereut.

Thu / was gethan muß seyn / und eh man dirs gebeut.

Was du noch hoffen kanst / das wird noch stets gebohren.

Was klagt / was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke

ist ihm ein ieder selbst. Schau alle Sachen an.

Diß alles ist in dir / laß deinen eiteln Wahn /

und eh du förder gehst / so geh‘ in dich zu rücke.

Wer sein selbst Meister ist / und sich beherrschen kann /

dem ist die weite Welt und alles unterthan.

 

Bellarmin an Mephisto

 

 

Sprich auch du,

sprich als letzter,

sag deinen Spruch.

.

Sprich –

Doch scheide das Nein nicht vom Ja.

Gib deinem Spruch auch den Sinn:

gib ihm den Schatten.

.

Gib ihm Schatten genug,

gib ihm so viel,

als du um dich verteilt weißt zwischen

Mittnacht und Mittag und Mittnacht.

.

Blicke umher:

sieh, wie‘ s lebendig wird rings –

Beim Tode! Lebendig!

Wahr spricht, wer Schatten spricht.

.

Nun aber schrumpft der Ort, wo du stehst:

Wohin jetzt, Schattenentblößter, wohin?

Steige. Taste empor.

.

Dünner wirst du, unkenntlicher, feiner!

Feiner: ein Faden,

an dem er herabwill, der Stern:

vom unten zu schwimmen, unten,

wo er sich schimmern sieht: in der Dünung

wandernder Worte.

 

Paul Celan (1920 – 1970)

Mephisto an Serapion

 

Die teuflische Tragödie

 

Im ungleichen Gefecht willst du dich halten?

Dies wird dir ungewohnte Geister wecken!

Die mußt du zügeln und sogar verstecken:

Darfst deine kargen Kräfte nicht zerspalten.

 

Weißt du dich klug und besser als die kalten,

Verlognen Feinde? Darfst sie doch nicht necken!

Wirst sonst an ihrer Übermacht verrecken:

Mußt lassen deine Vor- und Nachsicht walten.

 

Denn bist du wahrlich im Besitz des Wahren,

So wirst du auch naturgesetzlich siegen:

Ihr Tun wird ihren Fehler offenbaren!

 

Dann kannst du triumphieren und erfahren:

Du mußt nicht mal den kleinsten Finger biegen

Für deinen Sieg… in hundertfünfzig Jahren!

Bellarmin an Mephisto

In letzter Zeit erlebte ich zwei- oder vielleicht auch dreimal, daß sich Vertreter unserer Medienlandschaft und sogar Politik ziehen, Fehler gemacht zu haben! So räumte etwa der Intendant des Deutschlandfunks am 10. Januar ein, zwar komme es auch in den Programmen des Deutschlandradios gelegentlich zu inhaltlichen Fehlern, allerdings nicht zu substantiellen. Und die STUTTGARTER NACHRICHTEN legten vier Tage später nach, Journalisten machten Fehler, doch immer finde Selbstbesinnung statt. 1953 hatte Bertolt Brecht ein Gedicht geschrieben mit dem Titel  NICHT  FESTSTELLBARE  FEHLER  DER  KUNSTKOMMISSION:

… Befragt

Welcher Fehler, freilich konnten sie sich

An bestimmte Fehler durchaus nicht erinnern. …

Trotz eifrigsten Nachdenkens

Konnten sie sich nicht bestimmter Fehler erinnern, jedoch

Bestanden sie heftig darauf

Fehler gemacht zu haben – wie es der Brauch ist.

Nur ausgerechnet der auf Biegen und Brechen sich als legerer Privatmensch inszenierende und auffallend unauffällig schlipslos, regenjacke- und pullovercamoufliert zur Pegida-Diskussion schleichende Sigmar Gabriel, dem der NEUE TAG daraufhin nüchternes politisches und wenig ehrlich anmutendes Kalkül unterstellte aus irgend einem Grund, und DIE WELT das Verspielen seiner „ohnehin bescheidenen Glaubwürdigkeit“, äußerte die Idee, wenn das nicht mehr erlaubt sei, müsse man selbst über Political Correctness nachdenken.

Wetten, daß das keine Diskussion gibt? Wetten, daß, wenn überhaupt, keine öffentliche Fehlerdiskussion stattfindet? Wetten, daß das Wesentliche nicht diskutiert wird?

Serapion an Mephisto

 

 

Anfrage mit Antwort:

 

Quand je m’y suis mis quelquefois, à considérer les diverses agitations des hommes, et les périls et les peines où ils s’exposent, dans la cour, dans la guerre, d’où naissent tant de querelles, de passions, d’entreprises hardies et souvent mauvaises, j’ai découvert que tout le malheur des hommes vient d’une seule chose qui est de ne pas savoir en repos dans une chambre. -Pascal. Pensées

 

Warum geht es uns Menschen schlecht?

Was glitzert, halten wir für echt!

Wir sind zu dumm zum Unterscheiden

Und wundern uns, wieso wir leiden.

 

Warum geht es uns Menschen schlecht?

Weil es sich immer wieder rächt,

Wie wir die Wahrheit drehen und drechseln

Und groß und viel mit gut verwechseln.

 

Warum geht es uns Menschen schlecht?

Die Welt erscheint uns ungerecht.

Wir drängeln uns, was zu erwerben,

Zum Tantenschlachten, um zu erben.

 

Warum geht es uns Menschen schlecht?

Wir mausern uns vom Gott zum Knecht.

Statt quietschvergnügt in der Stube zu sitzen,

Bringen wir lieber den Arsch ins Schwitzen.

Mephisto an Serapion

Ehe ich mit Dir hier weiterhetze, klären wir erst einmal

 

 

D i e  F r e i h e i t s f r e u d e

 

Ohne Freiheit kein Gedeihen!

Freiheit ist ein köstlich Ding,

Kann sie Flügel doch verleihen:

Raupe wird zum Schmetterling!

O welch tapfres Freiheitsstreben!

Vorwärts! Und die Mauer bricht!

Was für Wunder wir erleben!

Freut euch der Freiheit und fürchtet sie nicht!

 

Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,

Der täglich sie erobern muß.

 

Früchte tragen wird die Freiheit:

Sät den Samen nur ins Land!

Einigkeit und Recht und Freiheit

Sind des Glückes Unterpfand –

Menschen wollen Glück auf Erden!

Keine Knechtschaft! Keine Verzicht!

Freie Menschen laßt uns werden!

Freut euch der Freiheit und fürchtet sie nicht!

 

Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,

Der täglich sie erobern muß.

 

Freien Sinns das Glück erschauend,

Aussichten wie nie zuvor,

Und der eignen Kraft vertrauend,

Steigt ein frei Geschlecht empor.

Freiheit ist das Brot des Geistes,

Freiheit schenkt der Seele Licht,

Jede Tyrannei beweist es:

Freut euch der Freiheit und fürchtet sie nicht!

 

Serapion an Mephisto

Adolf Hitler hatte sich als Nummer sieben in die Mitgliederliste der künftigen NSDAP eintragen lassen, allerdings war da wohl nicht mehr viel zu verfälschen an der Gesinnung der übrigen sechs und zu entern in dem braunen Häufchen, das dann zu einem derartigen Haufen schwoll. Die Drängelei hineinzutreten wurde derart mächtig, daß man zeitweise Aufnahmestops zu verhängen, befleißigt fühlen zu müssen sich veranlaßt sah. Allerdings erst nach der „Machtergreifung“… Aber nicht nur die Diederich Heßlinge gierten, sich durch möglichst niedrige Nummern in ihren Mitgliederausweisen als „Alte Kämpfer“ zu brüsten auf den Stufen ihrer Leiter zum vermeintlichen Hinauf, sondern auch namhafte Karrieristen versuchten ein goldenes Parteiabzeichen zu ergattern. Herbert von Karajan, Arrangeur der Hymne unserer Europäischen Union und mein Lieblingsdirigent bis heute, trat im April 1933 ein, als Österreicher, und dirigierte bei „Führergeburtstagsfeiern“, KdF-Opernabenden und beispielsweise anläßlich eines Kreisparteitages der NSDAP Werke wie „Die Feier der neuen Front“ und „Flamme empor“ nach Texten von Baldur von Schirach. An Hitlers fünfzigstem Geburtstag verlieh jener seinem Landsmann den Titel „Staatskapellmeister“. Helmut Schmidt, einer meiner beiden Lieblingsbundeskanzler, meinte später zur Parteimitgliedschaft seines Lieblingsdirigenten, Kunst gehe eben nach Brot, und Karajan habe nun mal unbedingt die Berliner Philharmoniker leiten wollen.

Was nun die AfD und die Medien anbelangt, so sehe ich das ähnlich wie Du. Ich habe das Gefühl, man lauere regelrecht auf den grandiosen Skandal, damit man endlich endgültig draufhauen kann: „Siehste woll, wir haben’s schon immer gesagt!“ Und: „Was liefern wir in Deutschland doch für eine aufmerksame Berichterstattung!“

Und man hat die lästigen Sachdiskussionen endgültig vom Tisch.

Da fällt mir gerade ein anderer Karrierist in den Sinn, einer, der sich allerdings erst später in seinem Berufsleben hat kaufen lassen und eher weniger aus künstlerischer Absicht als aus Gründen seiner widerlichen Egomanie im Verbunde mit einer gewissen, nicht zu vernachlässigenden Primitivität durch Geldgier. Über den gab es übrigens einmal einen bis heute ungeklärten Satz in unseren aufmerksamen Tagesnachrichten, man kam nicht umhin, und ich hatte mir seinerzeit ein paar Fragen notiert zu dem nie geklärten Satz:

Warum nur, warum? Warum solches Spektakulum? Verhieß es ihm ein Gaudium? Stand er im Delirium? Plagt ihn sein Klimakterium? Plante er das Szenarium? Ist er vielleicht ein Unikum? War’s ihm ein Exerzitium? Suchte er ein Publikum? Schert er sich den Teufel drum? Was war sein Kriterium? Ist er gar dumm? Kurzum: „Warum der zweiundfünfzigjährige Arbeitslose auf den Kanzler einschlug, weiß man nicht…“

Ich hoffe, Du hast verstanden, daß nicht der Arbeitslose der Käufliche war. Der Koofmich war der andere, der russische Lobbyist. Dem es das Wichtigste war, sich zum Amtsantritt als erstes mit dicker Zigarre im teuren Anzug ablichten zu lassen, der nach seiner Abwahl seiner Nachfolgerin im Amt jegliche Befähigung zur Amtsführung absprach, darauf schnurstracks nach Petersburg eilte, um sich, aufgrund seiner eigenen Befähigung, von seinem gepriesenen Freund Putin zum Aufsichtsratsvorsitzenden von Nord Stream, welches Unternehmen sich im Mehrheitsbesitz des halbstaatlichen Gazprom befindet, befördern zu lassen. Also vom verdeckten russischen Lobbyisten als Kanzler der Bundesrepublik Deutschland und Putin-Verklärer zum offenen russischen Lobbyisten als Gasverkäufer und Putin-Verklärer.

Noch Fragen?

Nein, natürlich nicht! Das ist gewiß nicht mein anderer Lieblingskanzler.

Serapion an Mephisto

 

Glückliche Zeiten

 

Welch Glück, es gibt keine Traurigkeit mehr!

Im betonierten Kreuz und Quer,

Da findest du nirgendwo Traurigkeit mehr,

Ist jede Traurigkeit verschwunden!

Nur selten noch wird Wut empfunden,

Doch kaum gerät ein Fall akuter.

Die andern sind häppi und spielen Kompjuter!

 

Mephisto an Bellarmin

Während die Welt brennt an allen vier Ecken und Enden befleißigen sich die deutschen öffentlich-rechtlichen Medien wieder mit Nachrichten über Derhatdiesgesagtundderhatdasgesagt als erste Meldung. Am 10. August vermerkte die SCHLESWIG HOLSTEIN AM SONNTAG zu den deutschen Debatten hinsichtlich der Bombardements des IS durch die USA:

Keine andere Nation scheint willens, den Völkermord in Nordirak zu stoppen. Schon gar nicht die Pazifisten in Deutschland. Oder was unternehmen Protestanten und Katholiken, um ihren Glaubensbrüdern zu helfen? Wo sind die Pastoren, die selbst den Bundespräsidenten der Kriegstreiberei bezichtigen, weil dieser militärische Mittel als Ultima Ratio in Erwägung zieht? Oder darf man von Margot Käßmann, Claudia Roth und Gregor Gysi schon bald kritische Einlassungen erwarten, dass die islamistischen Mörderbanden doch bitte nicht mit Raketen beschossen werden sollten? Ja, so absurd sind die Debatten, fern der Realität.

Ja, das macht uns keiner nach. Dem brennenden Thema angemessen, habe ich mir einmal erlaubt, anhand einer originalen deutschen Feuerschutzverordnung das deutsche Wesen elegisch zu fassen:

 

 

Das deutsche Wesen

 

Wenn ein Haus brennt, so muß man vor allen Dingen die rechte

Wand des zur Linken stehenden Hauses, jedoch auch die linke

Wand des zur Rechten stehenden Hauses zu decken versuchen;

Wollte man hingegen zum Exempel die linke

Wand des zur Linken stehenden Hauses decken, so liegt die

Rechte Wand des Hauses der linken Wand ja zur Rechten,

Folglich, da das Feuer auch dieser Wand und der rechten

Wand zur Rechten liegt (denn wir haben gesagt, daß das Haus dem

Feuer zur Linken liege), so liegt die rechte der Wände

Näher dem Feuer als die linke, und also die rechte

Wand des Hauses könnte abbrennen, deckte sie niemand,

Ehe das Feuer an die linke, die ja gedeckt wird,

Käme; folglich könnte etwas abbrennen, das man

Ungedeckt ließe, und zwar eher, als etwas andres

Abbrennen würde, auch wenn man’s nicht deckt, demgemäß muß man

Dieses lassen und jenes decken. Um sich die Sache

Imprimieren zu können, darf man nur merken, wenn das

Haus dem Feuer zur Rechten liegt, so ist es die linke

Wand, und liegt das Haus zur Linken, so ist es die rechte…

 

 

Der „Feuerverordnung“ Original findet sich jeweils grinsend zitiert bei Georg Christoph Lichtenberg in einem seiner Sudelbücher und in General Carl von Clausewitzens „Vom Kriege“. Im übrigen aber bin ich der Meinung, daß der immer noch zur Krise verniedlichte Krieg in der Ostukraine nicht mit Mitteln der „neuen Ostpolitik“ à la Willy Brandt und Egon Bahr zu befrieden sein wird, ihrer einstmaligen und heute leider schon wieder unterschätzten Genialität zum Trotze. Der eine Grund liegt in der permanenten Verkennung der Situation. Zum Beispiel haben wir es hier nicht zu tun mit einem kalten Krieg, sondern mit einem heißen. Ein weiterer Grund ist die Verkennung des Interessenwandels der russischen Seite von damals zu heute. Damals hing das Interesse der Sowjet-Union an einer Anerkennung der europäischen Nachkriegsordnung, insbesondere einer Sanktionierung der bestehenden Grenzziehung, also an der diplomatischen Absicherung ihrer Einflußsphäre, übrigens inklusive einer Anerkennung des Hitler/Stalin-Paktes im Hinblick auf die russische Besetzung der baltischen Staaten. Die sie vermittels der neuen Ostpolitik und der KSZE im Gefolge erhielt. Heute handelt das russische Interesse jedoch von Veränderung bestehender Grenzen und von Beschneidung nachbarstaatlicher Souveränität. Weiterhin geht die Fehleinschätzung immer noch aus von der Rückgewinnung einer vermeintlichen Partnerschaft zwischen dem Westen und Rußland. Man verkennt in gefährlicher Weise die Gegnerschaft. Man ignoriert sträflich historische Entwicklungen aus Angst vor der Realität, aus Angst, daß nicht sein könne, was nicht sein dürfe. Beispiel im Detail: Auf deutscher Seite bildet man sich ein, die Ukraine müsse mit den „Separatisten“ verhandeln, als wären das legitime Vertreter ihrer Region. Man betrachtet den sogenannten Konflikt durch die Brille der fünfundvierzig Jahre alten neuen Ostpolitik und wird Opfer putinscher Propaganda. Der Kreml freut sich. Und man gibt sich immer noch Illusionen hin bezüglich putinscher Absichten und glaubt, ihn beschwichtigen zu können. Und man hat immer noch nicht zur Kenntnis genommen, daß mindestens achtzig Prozent der Russen hinter ihm stehen, daß sich vom bescheidenen Rest so gut wie niemand gegen ihn zu mucksen traut und sein Parlament auf Kommando ehrlich begeistert die ungeheuerlichsten Gesetze durchwinkt. Man fragt sich immer noch, was der Auftraggeber von Auftragsmorden eigentlich wohl wollen möge. Als diese Woche der angebliche, hier wäre das derzeitige Lieblingswort deutscher Nachrichtensendungen einmal angebracht, als der angebliche Lebensmittelkonvoi die ukrainische Grenze durchbrach, fragte ein Journalist tatsächlich, ob dies auf Anordnung Putins geschähe. Antwort: Man sage, er sei in Kenntnis gesetzt, er wisse davon… Und im Deutschlandfunk formulierte der Nachrichtenmoderator flapsig, auf Seiten des „Lebensmittelkonvois“ wäre nun eben mal der Geduldsfaden gerissen…

Die Reihe der Fehleinschätzungen und Verkennungen, vor allem auch der Ignoranz russischer Geschichte und der aus ihr resultierenden Mentalität und Geisteshaltung, ließe sich leider noch lange fortsetzen. Doch hier zum Abschluß zwei andere Stimmen. Letzten Mittwoch schrieb die Warschauer GAZETA WYBORCZA:

Nach dem Fiasko des Treffens der Außenminister Russlands, der Ukraine, Frankreichs und Deutschlands ist klar zu erkennen, dass Paris und Berlin nicht in der Lage sind, den Kreml von einem Politikwechsel zu überzeugen. Auch wenn eine Lösung unwahrscheinlich ist, sollten Friedensgespräche künftig unter der Ägide der Europäischen Union stattfinden. Damit wäre auch der Verdacht ausgeräumt, dass Frankreich und Deutschland sich im Stillen mit Moskau einigen – vielleicht sogar auf Kosten der Ukraine oder der östlichen EU-Mitglieder. Die deutsche Regierung sollte endlich zur Kenntnis nehmen, dass es kein Zurück mehr zu jenen Zeiten gibt, als wir Europäer Russland noch als vertrauenswürdigen Partner betrachteten. Vielmehr sollte man sich auf einen langen und kalten Winter einstellen.

Seltsam wieder, von einem Fiasko war auf deutscher Seite überhaupt nicht die Rede. Wie auch nicht von all den anderen – vorhersehbaren – Fiaskos steinmeierscher Ukrainepolitik.

Zutiefst erschüttert hat mich die einsame Stimme der russischen Schriftstellerin Ljudmilla Ulitzkaja im aktuellen SPIEGEL (Nr. 34):

 

Mein Land krankt an aggressiver Unbildung, Nationalismus und imperialer Großmannssucht.

Ich schäme mich für mein ungebildetes und aggressives Parlament, für meine aggressive und inkompetente Regierung, für die Staatsmänner an der Spitze, Möchtegern-Supermänner und Anhänger von Gewalt und Arglist, ich schäme mich für uns alle, für unser Volk, das seine moralische Orientierung verloren hat.

 

Mein Land bringt die Welt mit jedem Tag einem neuen Krieg näher, unser Militarismus hat bereits in Tschetschenien und Georgien die Krallen gewetzt, und nun trainiert er auf der Krim und in der Ukraine.

Leb wohl, Europa, ich fürchte, wir werden nie zur europäischen Völkerfamilie gehören.

 

Serapion an Mephisto

Ich komme zu sprechen auf den Baum mitten im Garten.

 

 

Der Baum der Erkenntnis

 

Unter jenem Baum erwachend

Sprang der Weise plötzlich auf die

Füße, und er drehte tanzend

Sich und hüpfend froh in Kreisen.

 

Das war’s! Das war’s! Das allein! Was

Andres konnt’s nicht sein! Er hatte

Sie gefunden, die alleinig

Gültige! Die reine Wahrheit!

 

Stolz verhielt der Baum das Rascheln

Seiner Blätter. Denn von Eva

Und von Adam bis zu Buddha

Und von Newton bis zu Einstein

 

Und von Moses über Marx bis

Mao – nun war es exakt der

Tausenderste, der emporsprang

Unter ihm beseelt mit Wahrheit.

 

 

„Lebe im Verborgenen!“